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DNA-Rückstände in modRNA-basierten Impfstoffen


mRNA-Impfstoffe gelten als eine der bedeutendsten biomedizinischen Entwicklungen der vergangenen Jahre. Weltweit wurden Milliarden Dosen verabreicht, gleichzeitig befinden sich zahlreiche weitere mRNA-basierte Anwendungen in Entwicklung – von Krebsimmuntherapien bis hin zu Impfstoffen gegen unterschiedlichste Infektionskrankheiten.
Die öffentliche Diskussion über DNA-Rückstände in mRNA-Impfstoffen begann nicht mit einer regulatorischen Mitteilung oder einer offiziellen Sicherheitswarnung, sondern eher zufällig im Rahmen molekularbiologischer Sequenzierungsarbeiten.
Anfang 2023 arbeitete ein Forschungsteam um den US-amerikanischen Genetiker Kevin McKernan an RNA-Sequenzierungen, für die hochreine RNA-Proben benötigt wurden. Dabei griff das Team unter anderem auf ungeöffnete Fläschchen der COVID-19-Impfstoffe von BioNTech/Pfizer und Moderna zurück. Während der Analysen stießen die Forscher auf einen unerwarteten Befund: Neben der modifizierten mRNA fanden sich auch DNA-Sequenzen in den Proben.
Dass bei bestimmten biotechnologischen Herstellungsverfahren geringe Mengen residualer DNA technisch grundsätzlich möglich sind, ist in der Arzneimittelproduktion bekannt und regulatorisch berücksichtigt. Überraschend war jedoch, dass zu diesem Zeitpunkt kaum öffentlich diskutiert wurde, welche Herstellungsverfahren für die großtechnische Produktion tatsächlich verwendet wurden und in welchem Umfang unabhängige Analysen der Endprodukte überhaupt vorlagen.
Die später veröffentlichten Untersuchungen von McKernan und weiteren Arbeitsgruppen berichteten schließlich über DNA-Rückstände in verschiedenen Impfstoffchargen – teilweise in Mengen, die nach Einschätzung der Autoren oberhalb regulatorischer Richtwerte lagen. Damit begann eine wissenschaftliche Debatte, die bis heute anhält.
Doch worum geht es dabei eigentlich genau?
Die öffentliche Diskussion konzentrierte sich schnell auf scheinbar einfache Fragen:
Sind DNA-Rückstände vorhanden – oder nicht?
Werden regulatorische Grenzwerte eingehalten?
Und falls DNA nachweisbar ist:
Welche biologische Bedeutung hätte das überhaupt?Bei näherer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass diese Fragen analytisch wesentlich komplexer sind, als es zunächst erscheint.
Denn bereits die Herstellung modRNA-basierter Impfstoffe ist ein mehrstufiger Prozess, bei dem bakterielle DNA-Vorlagen technisch unverzichtbar sind. Die Entfernung dieser DNA gehört zu den regulären Reinigungsschritten der Produktion. Vollständige molekulare Trennung ist in biologischen Herstellungsverfahren jedoch selten eine rein binäre Frage. Entscheidend ist vielmehr:
Welche Fragmente verbleiben möglicherweise im Endprodukt?
In welcher Menge?
Mit welcher Struktur?
Und vor allem:
Mit welchen Methoden lässt sich das überhaupt zuverlässig messen?Zusätzliche Aufmerksamkeit erhielt die Debatte durch öffentlich gewordene Unterschiede zwischen frühen Entwicklungsverfahren und der späteren industriellen Massenproduktion. Während in frühen klinischen Entwicklungsphasen vergleichsweise kleine DNA-Mengen über PCR-ähnliche Verfahren vervielfältigt wurden, kamen für die spätere Milliardenproduktion bakterienbasierte Herstellungsprozesse zum Einsatz. Diese Verfahren sind industriell etabliert und ermöglichen große Produktionsmengen, bringen jedoch zugleich komplexere Anforderungen an die Aufreinigung biologischer Restbestandteile mit sich.
Gerade dieser Übergang zwischen unterschiedlichen Produktionsprozessen wurde später intensiv diskutiert – auch deshalb, weil große Teile der frühen klinischen Studien noch mit Impfstoffchargen aus dem ursprünglichen Herstellungsverfahren durchgeführt worden waren.
Hinzu kommt ein weiteres Problem: Der Nachweis von DNA-Rückständen hängt stark von der verwendeten Methodik ab.
Unterschiedliche Laborgruppen verwendeten unterschiedliche Aufschlussverfahren, Extraktionsmethoden, PCR-Designs und Sequenzierungsansätze – mit teils deutlich voneinander abweichenden Ergebnissen. Die Diskussion betrifft daher nicht nur die gemessenen Werte selbst, sondern ebenso die Frage, wie belastbar und vergleichbar diese Messungen überhaupt sind.
Die vorliegende zweiteilige Artikelserie versucht deshalb nicht, vorschnelle Antworten zu liefern. Ihr Ziel ist vielmehr, die wissenschaftlichen und methodischen Hintergründe verständlich zu machen, die hinter den aktuellen Debatten stehen.
Der erste Teil beschreibt die Herstellungs- und Reinigungsprozesse modRNA-basierter Impfstoffe:
Wie entsteht die mRNA?
Warum werden bakterielle DNA-Vorlagen benötigt?
Welche Nebenprodukte entstehen während der Produktion?
Mit welchen Verfahren versucht man, unerwünschte Restbestandteile zu entfernen?Der zweite Teil widmet sich anschließend der analytischen Perspektive:
Wie lassen sich DNA-Rückstände überhaupt nachweisen?
Welche Aussagekraft besitzen qPCR, Qubit oder Sequenzierungsverfahren?
Warum können verschiedene Messmethoden zu unterschiedlichen Ergebnissen führen?
Was zeigen die bislang veröffentlichten unabhängigen Studien tatsächlich?Dabei wird deutlich, dass zwischen einem analytischen Nachweis und einer biologischen Bewertung unterschieden werden muss. Viele Fragen sind derzeit wissenschaftlich noch offen – etwa zur nativen Fragmentverteilung residualer DNA, zur möglichen Rolle von RNA oder zur biologischen Relevanz bestimmter Sequenzelemente unter realen physiologischen Bedingungen.
Gerade deshalb berührt die Debatte letztlich eine grundsätzliche wissenschaftliche Frage:
Wie geht moderne Biomedizin mit Unsicherheit, Nachweisgrenzen und methodischer Komplexität um – insbesondere bei neuartigen biologischen Technologien?
Die folgenden beiden Teile verstehen sich als Einladung, diese Fragen differenziert zu betrachten: nicht als Schlagzeile, sondern als wissenschaftliches Problem, dessen Bewertung Präzision, Transparenz und methodisches Verständnis erfordert.
Die Darstellung möchte eine Brücke schlagen zwischen den oft sehr technischen Fachpublikationen und vereinfachten Medienberichten, sodass auch interessierte fachfremde Leserinnen und Leser ohne Spezialkenntnisse die komplexen Zusammenhänge nachvollziehen können.
Der Text erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit – er bemüht sich um Nüchternheit, Genauigkeit und Fairness gegenüber allen beteiligten Positionen.
Zur Artikelserie
Die Analyse ist in zwei thematisch aufeinander aufbauende Teile gegliedert. Beide können unabhängig gelesen werden; für ein umfassendes Verständnis empfiehlt sich jedoch die angegebene Reihenfolge.
Teil 1: Herstellung und Reinigung
Inhaltsverzeichnis – Teil 1
1. Die Herstellungsverfahren – ein Überblick
1.1. Produktentstehung – vom Gen zur mRNA
1.2. Verunreinigungen und Nebenprodukte
1.3. Reinigungsverfahren im Herstellungsprozess
1.4. Vergleich: Prozess 1 vs. Prozess 2
1.5. Zusammenfassung: Herstellung und Reinigung von modRNATeil 2: Nachweisverfahren und Studienlage
Inhaltsverzeichnis – Teil 2
2. Methoden zur Messung von DNA und RNA
2.1. Spektralphotometrische Verfahren
2.2. Fluoreszenzbasierte Quantifizierung
2.3. Amplifikationsbasierte Methoden
2.4. Sequenzierungsbasierte Verfahren
2.5. Elektrophoretische Fragmentanalyse
2.6. Vergleich zentraler Nachweisverfahren für Nukleinsäuren
3. Richtlinien zur Begrenzung von Rest-DNA in Impfstoffen
4. Studien zu DNA-Rückständen in modRNA-basierten Impfstoffen
4.1. Warum unabhängige Messungen?
4.2. Methodische Vorbemerkungen
4.3. Übersicht und Einzelanalysen der Studien
4.4. Zwischenfazit: Was wissen wir – und was nicht?
5. Schlussbetrachtung und Ausblick
Stand: Mai 2026
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DNA-Rückstände in modRNA-basierten Impfstoffen – Teil 1

Leitfaden zur Artikelserie
Teil 1: Herstellung und Reinigung von modRNA
Teil 2: Nachweisverfahren und StudienlageBevor wir uns der Frage zuwenden, warum DNA-Rückstände in modRNA-Impfstoffen nachweisbar sein können, ist ein grundlegendes Verständnis des Herstellungsprozesses hilfreich.
Die Herstellung modRNA-basierter Impfstoffe erfolgt über mehrere aufeinander aufbauende Produktions- und Reinigungsschritte. Ausgangspunkt ist eine DNA-Vorlage, die als Bauplan für die spätere nukleosid-modifizierte mRNA (modRNA) dient. Im Verlauf des Herstellungsprozesses entstehen dabei komplexe Reaktionsgemische, aus denen unerwünschte Restbestandteile möglichst weit entfernt werden müssen.
Besondere Aufmerksamkeit erhielt in den vergangenen Jahren die Tatsache, dass für die Entwicklung und spätere industrielle Produktion unterschiedliche Verfahren zur Vervielfältigung dieser DNA-Vorlage eingesetzt wurden. Diese Prozesse unterscheiden sich nicht nur hinsichtlich ihrer technischen Skalierung, sondern auch hinsichtlich der Anforderungen an die anschließende Reinigung biologischer Restbestandteile.
Der vorliegende erste Teil beschreibt die grundlegende Herstellungslogik modRNA-basierter Impfstoffe, typische Nebenprodukte und Verunreinigungen sowie die wichtigsten Reinigungsverfahren innerhalb der Produktion. Abschließend werden die beiden Herstellungswege – Prozess 1 und Prozess 2 – systematisch gegenübergestellt.
Er bildet damit die Grundlage für den zweiten Teil dieser Artikelserie, der sich den analytischen Nachweisverfahren, regulatorischen Grenzwerten sowie den bisher veröffentlichten experimentellen Untersuchungen zu DNA-Rückständen in modRNA-basierten Impfstoffen widmet.
Hinweis zur Terminologie
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Im allgemeinen Sprachgebrauch ist der Begriff „mRNA-Impfstoff“ gebräuchlich. Fachlich handelt es sich bei den zugelassenen Präparaten um nukleosid-modifizierte mRNA (modRNA). Aus Gründen der Verständlichkeit wird in dieser Arbeit der etablierte Begriff „mRNA-Impfstoff“ verwendet.Inhaltsverzeichnis
Teil 1: Herstellung und Reinigung
1. Die Herstellungsverfahren – ein Überblick
1.1. Produktentstehung – vom Gen zur mRNA
1.2. Verunreinigungen und Nebenprodukte
1.3. Reinigungsverfahren im Herstellungsprozess
1.4. Vergleich: Prozess 1 vs. Prozess 2
1.5. Zusammenfassung: Herstellung und Reinigung von modRNA
1. Die Herstellungsverfahren – ein Überblick
Die folgende Übersicht stellt die wesentlichen Produktionsschritte vereinfacht dar. In der industriellen Praxis können einzelne Verfahren und Prozessdetails je nach Hersteller variieren.
Die Herstellung lässt sich vereinfacht in folgende Prozessschritte gliedern:
Schritt 1 🟢 Gewinnung der genetischen Information Schritt 2 🟢 Vervielfältigung der Spike-Protein-DNA
Prozess 1: mittels PCR
Prozess 2: mittels Bakterien💧 Reinigung der DNA Schritt 3 🟢 In-vitro-Transkription zur Herstellung der mRNA 💧 Reinigung der mRNA Schritt 4 🟢 RNA-Prozessierung – Reifung der mRNA Schritt 5 🟢 Verpackung der mRNA in Lipid-Nanopartikel (LNPs) 💧 Endreinigung Während im Upstream-Prozess das eigentliche Produkt – die mRNA – schrittweise erzeugt wird, dient der Downstream-Prozess dazu, die entstandene mRNA aus komplexen Reaktionsgemischen zu isolieren, zu reinigen und für die medizinische Anwendung zu formulieren.
1.1. Produktentstehung – vom Gen zur mRNA
Schritt 1: Gewinnung der genetischen Information
Schritt 2: Vervielfältigung der Spike-Protein-DNA
Prozess 1: mittels PCR
Prozess 2: mittels Bakterien
Schritt 3: In-vitro-Transkription zur Herstellung der mRNA
Schritt 4: RNA-Prozessierung – Reifung der mRNA
Schritt 5: Verpackung der mRNA in Lipid-Nanopartikel (LNPs)
Schritt 1: Gewinnung der genetischen Information
Der erste Schritt besteht darin, die genetische Bauanleitung für das gewünschte Protein – hier das Spike-Protein des Coronavirus – zu identifizieren.
In der Praxis läuft das so ab:
Virusproben sammeln: Aus Patientenproben (z. B. Rachen- oder Nasenabstrichen, Blut oder Gewebe) wird Virusmaterial gewonnen.
Anmerkung: Es gibt unterschiedliche Auffassungen darüber, ob SARS-CoV-2 jemals direkt aus Patientenproben isoliert und im Labor kultiviert wurde. Diese Frage wird in diesem Artikel nicht behandelt, da der Fokus hier auf dem Herstellungsprozess der mRNA-Impfstoffe liegt.
Erbinformation extrahieren: SARS-CoV-2 ist ein RNA-Virus. Die virale RNA wird aus der Probe isoliert.
RNA in DNA umwandeln: Mithilfe eines speziellen Enzyms (Reverse Transkriptase) wird die Virus-RNA in DNA übersetzt. DNA ist stabiler und kann leichter analysiert werden.
Genom entschlüsseln: Die DNA wird vervielfältigt und ihre genau Abfolge der Nukleotide (A, T, G, C) bestimmt.
Den wichtigen Abschnitt finden: Mittels Computeranalysen wird der genaue Teil identifiziert, der den Bauplan für das Spike-Protein enthält.
Eintrag in öffentliche Datenbanken: Die so ermittelte genetische Bauanleitung wird in öffentliche Datenbanken eingetragen. Forschungsteams weltweit können dadurch auf diese Sequenz zugreifen, ohne das Virus selbst isolieren zu müssen.

Abb. 1.1.1: Vom Virus zur DNA-Vorlage Aus dem RNA-Genom des SARS-CoV-2 wird mithilfe des Enzyms Reverse Transkriptase eine DNA-Version erzeugt. Der Abschnitt, der den Bauplan für das Spike-Protein enthält, wird identifiziert und als DNA-Vorlage (DNA-Template) synthetisch im Labor hergestellt. Das DNA-Template dient später als Vorlage für die Produktion der mRNA im Impfstoff.
Anmerkung: Das Coronavirus SARS-CoV-2 speichert seine Erbinformation auf einer langen RNA-Kette, die aus einzelnen Nukleotiden – den „Buchstaben“ des genetischen Codes – besteht. Mit rund 29.700 dieser Bausteine besitzt es eines der größten bekannten RNA-Genome. Der Bauplan für das charakteristische Spike-Protein umfasst dabei einen Abschnitt von etwa 3.800 Buchstaben.
Erstellen der DNA-Vorlage
Basierend auf der ermittelten genetischen Abfolge (den sogenannten Sequenzdaten) lässt sich im Labor eine DNA-Version des Spike-Gens synthetisch herstellen. Dieses DNA-Template dient später als Vorlage für die mRNA-Produktion.
Schritt 2: Vervielfältigung der Spike-Protein-DNA
Nachdem die Bauanleitung für das Spike-Protein in Form einer DNA-Vorlage hergestellt wurde, muss sie millionenfach vervielfältigt werden. Nur so steht genug Material zur Verfügung, um später mRNA daraus herzustellen.
Prozess 1: mittels PCR
Prozess 2: mittels Bakterien

Prozess 1: Vervielfältigung der Spike-DNA mittels PCR
Prozess 1 nutzt ein Verfahren, das seit der Corona-Pandemie weltweit bekannt ist: die Polymerase-Kettenreaktion (PCR). Sie wird im Labor – fachsprachlich in vitro – durchgeführt und imitiert die natürliche DNA-Vermehrung, wie sie sonst in lebenden Zellen abläuft.
Was braucht man für eine PCR?
Damit die Kopiermaschine der Natur läuft, braucht es ein paar Zutaten:
- DNA-Vorlage – das Ausgangsmaterial ist die Spike-Protein-DNA aus Schritt 1.
- Nukleotide – die Bausteine: die vier „Buchstaben“ der DNA > Adenin (A), Thymin (T), Cytosin (C) und Guanin (G), aus denen neue Stränge zusammengesetzt werden.
- DNA-Polymerase – der Baumeister: das Enzym, das die Vorlage liest und neue DNA-Stränge baut. Meist wird die hitzestabile Taq-Polymerase verwendet.
- Primer – die Wegweiser: kurze DNA-Stücke, die der Polymerase zeigen, wo sie mit dem Kopieren beginnen soll. Man benötigt immer zwei: einen Vorwärts- und einen Rückwärts-Primer.
- Pufferlösung – das richtige Milieu: sorgt für die richtige Umgebung, damit die Polymerase zuverlässig arbeiten kann.
- Thermocycler – das Temperatur-Karussell: ein Gerät, das automatisch die nötigen Temperaturzyklen durchläuft.

Abb. 1.1.2.1-A: Schematische Darstellung der Zutaten und Geräte Für die spätere mRNA-Herstellung wird die DNA-Vorlage bereits in diesem Schritt gezielt erweitert. An die Spike-Sequenz wird ein zusätzlicher DNA-Abschnitt angehängt – der sogenannte T7-Promotor. Diese kurze Sequenz wird für die PCR selbst nicht benötigt, sondern spielt erst im nachfolgenden Prozessschritt eine Rolle. Der T7-Promotor dient als Andockstelle für die T7-RNA-Polymerase, die in der in-vitro-Transkription (IVT) die DNA in die therapeutische mRNA umschreibt.
Der Ablauf der Polymerase-Kettenreaktion (PCR)
Alle Zutaten kommen in ein kleines Reaktionsröhrchen, das in den Thermocycler gestellt wird. Dieser steuert die immer gleichen drei Schritte, die sich zyklisch wiederholen:
1) Trennung der DNA-Stränge (Denaturierung)
Die Probe wird auf ca. 94–98 °C für etwa 20-30 Sekunden erhitzt. Dadurch lösen sich die Wasserstoffbrücken zwischen den DNA-Basen und der Doppelstrang trennt sich in zwei Einzelstränge auf. Diese dienen im nächsten Schritt als Vorlage.
Abb. 1.1.2.1-B: Denaturationsschritt der PCR Die Darstellung ist stark schematisch und nicht maßstabsgetreu. Die kodierende Sequenz für das SARS-CoV-2-Spike-Protein beträgt ~3.800 Basenpaare, die für den T7-Promotor ~20 Basenpaare.
2) Primerbindung (Annealing)
Die Temperatur wird auf 50–65 °C abgesenkt. Jetzt binden sich die Primer gezielt an die jeweiligen DNA-Einzelstränge. Sie markieren den Startpunkt für die DNA-Synthese.
Abb. 1.1.2.1-C: Primerbindung Die Darstellung ist stark schematisch und nicht maßstabsgetreu. Primer sind typischerweise 20–25 Nukleotide lang.
3) DNA-Synthese (Amplifikation)
Bei etwa 70 °C, der optimalen Temperatur für die Polymerase, beginnt die eigentliche Vervielfältigung. Die DNA-Polymerase bindet an den Primer, liest den Einzelstrang von 3′ nach 5′ – und synthetisiert parallel den neuen Strang in 5′ nach 3′-Richtung. Dabei setzt sie Nukleotide nach dem Prinzip der Basenpaarung zusammen: A mit T und G mit C. So entstehen zwei neue DNA-Doppelstränge.
Abb. 1.1.2.1-D: DNA-Synthese Die Abbildung zeigt ein aktive DNA-Polymerase, die wie ein molekularer Motor am freigelegten Einzelstrang entlanggleitet. Der Prozess der Polymerisation ist deutlich erkennbar: Einzelne Nukleotide (die Bausteine der DNA) treten durch eine Öffnung in das Enzym und werden von der Polymerase passgenau an das Ende des wachsenden Stranges angefügt. Dieser Vorgang bewirkt die Elongation (Verlängerung) der neuen DNA-Kette, die kontinuierlich in 5′-3′-Richtung wächst. Durch diese stetige Kopierarbeit findet die Amplifikation (Vervielfältigung) der genetischen Information statt, wobei aus einem ursprünglichen Templatestrang ein neuer, komplementärer Doppelstrang entsteht.
Warum wird immer in 5′-3′-Richtung synthetisiert?
Der DNA-Aufbau
Die DNA besteht aus zwei Strängen, die in entgegengesetzte Richtungen verlaufen – der eine in 5’→3′-Richtung, der andere in 3’→5′-Richtung. Beide sind komplementär zueinander.
Die DNA-Polymerase, das Enzym, das neue DNA herstellt, kann nur in eine Richtung arbeiten: Sie liest den Matrizenstrang in 3’→5′-Richtung und synthetisiert den neuen Strang in 5’→3′-Richtung.Was bedeuten 5′ und 3′?
Um das zu verstehen, schauen wir uns die Bausteine der DNA an: die Nukleotide. Jedes Nukleotid besteht aus:- Einer Base (A, C, G oder T)
- Einem Zucker (Desoxyribose)
- Einer Phosphatgruppe (P)
Der Zucker hat fünf Kohlenstoffatome (C), die durchnummeriert sind:
- 1′: Hier ist die Base (A, T, C oder G) angeheftet.
- 2′: Trägt in der DNA nur ein Wasserstoffatom (-H) und keine Hydroxylgruppe (-OH) wie in der RNA. Diese fehlende OH-Gruppe gibt der Desoxyribose ihren Namen („Desoxy“-Ribose, da „desoxy“ = ohne Sauerstoff).
- 3′: Hier befindet sich eine Hydroxylgruppe (-OH), die für das Anfügen neuer Nukleotide während der Synthese wichtig ist.
- 4′: Verbindet den Zuckerring mit dem 5′-Kohlenstoff.
- 5′: Trägt die Phosphatgruppe, die das Nukleotid mit dem nächsten verknüpft.

Warum die Synthese nur in 5’→3′-Richtung möglich ist
Die DNA-Polymerase kann neue Nukleotide nur am 3′-Ende des wachsenden Strangs anfügen. Der Grund: Dort befindet sich die freie Hydroxylgruppe (–OH), die für die chemische Verknüpfung mit der Phosphatgruppe des nächsten Nukleotids benötigt wird.
Am 5′-Ende sitzt bereits eine Phosphatgruppe – dort kann nichts Neues angehängt werden. Die Kettenverlängerung ist also nur in 5’→3′-Richtung möglich.Zusammengefasst
Die DNA-Polymerase bewegt sich entlang des Matrizenstrangs der DNA in 3′-5′-Richtung. Währenddessen fügt sie komplementäre DNA-Nukleotide an den neuen DNA-Strang an und zwar immer an dessen freies 3′-Ende. So wächst der neue Strang kontinuierlich in 5’→3′-Richtung.Wiederholung der Zyklen
Die neu entstandenen DNA-Doppelstränge dienen direkt als Vorlage für die nächste Runde. Die Schritte Denaturierung – Primerbindung – DNA-Synthese wiederholen sich zyklisch.
Mit jedem Zyklus verdoppelt sich die Menge der DNA: 1 → 2 → 4 → 8 → 16 → 32 … Nach nur 25–40 Zyklen liegen Milliarden Kopien der Spike-Protein-DNA vor.

Abb. 1.1.2.1-E: Wiederholung der Zyklen Das Ergebnis
Am Ende der PCR hat man eine hochkonzentrierte Lösung mit vielen Kopien der Spike-Bauanleitung – die Ausgangsbasis für den nächsten Schritt: die Herstellung von mRNA.
🎥 Tipp: Das Video „What is PCR?“ fasst den Prozess anschaulich zusammen.

Prozess 2: Vervielfältigung der Spike-DNA mittels Bakterien
Im Gegensatz zur PCR, die im Reagenzglas abläuft (in vitro), nutzt dieser Ansatz lebende Organismen, genauer gesagt Bakterien. Man spricht dabei von einem in vivo-Verfahren (lateinisch: „im Lebendigen“), weil die Vervielfältigung direkt innerhalb der Zellen stattfindet.
a) Warum Bakterien?
b) Das Bakterium Escherichia coli (E. coli)
c) Plasmide – kleine DNA-Ringe mit großer Wirkung
d) Plasmide in der Gentechnik
e) Einbau der Spike-Protein-DNA in das Plasmid
f) Übertragung der modifizierten Plasmide in Bakterien
g) Vermehrung der Bakterien
h) Ernte der Bakterien
i) Isolierung der modifizierten Plasmide
j) Linearisierung der Spike-Protein-DNAa) Warum Bakterien?
Bakterien sind winzige, einzellige Lebewesen, die sich durch einfache Teilung vermehren: Eine Zelle teilt sich in zwei, diese teilen sich wieder – und so entstehen in kürzester Zeit riesige Mengen identischer Kopien.

Abb. 1.1.2.2-A: Vermehrung und Aufbau von Bakterien Da Bakterien ungeschlechtlich sind, vermehren sie sich hauptsächlich durch einfache Teilung. Der Prozess beginnt mit dem Wachstum der Zelle und der Verdopplung des genetischen Materials. Dann bildet sich eine Einschnürung, bis schließlich zwei genetisch identische Tochterzellen entstehen.
Die Erbinformation der Bakterien – ihre DNA – liegt frei im Inneren der Zelle, im sogenannten Zytoplasma. Der größte Teil ist im Bakterienchromosom gespeichert. Zusätzlich besitzen viele Bakterien kleine, ringförmige DNA-Moleküle, die Plasmide.
Anpassung durch Mutation und Gentransfer
Die kontinuierliche Veränderung des genetischen Materials ist entscheidend, damit sich Organismen im Laufe der Generationen neuen Umweltbedingungen erfolgreich anpassen können. Bakterien gelten als besonders anpassungsfähig. Dafür sorgen zwei Mechanismen:Mutationen: kleine zufällige Veränderungen im Erbgut, die manchmal Vorteile bringen (z. B. Resistenz gegen Antibiotika).
Gentransfer: Bakterien können zusätzlich DNA-Abschnitte austauschen, vor allem über ihre Plasmide. So verbreiten sich nützliche Eigenschaften oft rasend schnell in einer Bakterienpopulation.
Darum sind Bakterien so geeignet:
- Schnelle Vermehrung: Unter idealen Bedingungen verdoppeln sich viele Bakterien alle 20 Minuten.
- Einfache Struktur: Ihre DNA liegt nicht im Zellkern, sondern frei im Zellinneren – das erleichtert Manipulationen.
- Plasmide als Zusatz-DNA: Sie können leicht verändert, übertragen und zur Vervielfältigung von Fremd-DNA genutzt werden – ideal für die Gentechnik.
Die Möglichkeit, genetisches Material in Bakterien einzuschleusen und mitzukopieren, nutzen Forscher seit Jahrzehnten. So werden Bakterien zu kleinen „DNA-Fabriken“.
Ein historischer Durchbruch
1973 gelang Stanley Cohen und Herbert Boyer ein bahnbrechendes Experiment: Sie schleusten erstmals ein fremdes Gen in Bakterien ein. Ergebnis: Die Bakterien übernahmen das neue Gen und setzten es sogar um. Damit war bewiesen, dass Gene von einer Art auf eine andere übertragen werden können – die Geburtsstunde der modernen Gentechnik. [Das Cohen-Boyer-Experiment]b) Das Bakterium Escherichia coli (E. coli)
In der Forschung wird besonders gern das Bakterium Escherichia coli (kurz: E. coli) eingesetzt – und das hat mehrere Gründe:
- Es lässt sich leicht im Labor kultivieren und vermehren.
- Es vermehrt sich sehr schnell: Unter optimalen Bedingungen teilt es sich alle 20–30 Minuten.
- Sein Genom ist umfassend erforscht und verstanden.
- Es lässt sich einfach genetisch manipulieren.
- Die Kultivierung ist kostengünstig.

Abb. 1.1.2.2-B: Das Bakterium Escherichia coli Links eine mikroskopische Aufnahme, rechts eine vereinfachte Darstellung mit DNA (großes Knäuel) und Plasmiden (kleine Ringe).
Weil E. coli molekularbiologisch und genetisch der am besten untersuchte Organismus ist, nennen Wissenschaftler es scherzhaft das „Haustier der Genetiker“.
Aus diesen Gründen ist E. coli einer der wichtigsten Helfer in der Biotechnologie – und spielt auch bei der Impfstoffentwicklung eine zentrale Rolle.
Eine kleine Reise in eine Welt des E. coli Bakterium
Escherichia coli. – farblos, fast durchsichtig – kaum länger als ein Tausendstel eines Sandkorns – wirkt unscheinbar. Und doch ist es alles andere als langweilig.
Von außen sieht es aus wie eine kleine Kapsel, doch unter seiner Haut verbirgt sich eine der geschäftigsten Megastädte zur Hauptverkehrszeit.
Kein Platz für Leere. Molekül an Molekül. Proteine, Ribosomen, Nukleinsäuren – sie drängen sich, stoßen aneinander, weichen aus. Ein Zustand, den Biologen nüchtern Macromolecular Crowding nennen, der sich hier aber anfühlt wie permanentes Gedränge. Und trotzdem – oder gerade deswegen – funktioniert alles mit atemberaubender Präzision.
Mitten in diesem Gedränge liegt das Gedächtnis der Zelle: ein einziges, ringförmiges DNA-Molekül. Hier steht alles geschrieben: wie man Zucker frisst, wie man schwimmt, wie man sich teilt. Würde man diese DNA vorsichtig auseinanderziehen, wäre sie tausendmal länger als die Zelle selbst. Ein Band mit Millionen von Buchstaben, dicht gepackt, mehrfach verdreht, zu Schleifen und Windungen gezwungen. Supercoiling nennt man diese Kunst des Zusammenfaltens – als hätte jemand eine kilometerlange Geschichte in eine Streichholzschachtel gezwängt, ohne ein Wort zu verlieren.
Doch so mächtig diese DNA auch ist, sie spricht selten selbst. Stattdessen schickt sie unablässig Boten aus: RNA. Tausende, Zehntausende. Kurze Nachrichten, Arbeitsanweisungen, Baupläne. Manche sind nur flüchtige Zettel – mRNA, kaum tausend Zeichen lang, mit einer Lebensdauer von Minuten. Andere sind stabiler, massiver: rRNA, die tragenden Säulen der Ribosomen. Und dann die kleinen tRNA-Moleküle, kaum mehr als Handlanger, die doch an entscheidenden Stellen die richtigen Bausteine anliefern. Sie flitzen wie Kuriere durch das Zytoplasma. Ihr Ziel?
Die Ribosomen – die eigentlichen Giganten dieser Welt. Zehntausende von ihnen treiben durch das Zytoplasma. Sie lesen die flüchtigen mRNA-Botschaften und verwandeln sie in greifbare Realität: Proteine. Sie sind lautlos, unermüdlich, und sie verschlingen einen großen Teil der Ressourcen der Zelle. Fast ein Viertel aller Proteine hier existiert nur, um neue Proteine herzustellen.
Und diese Proteine sind überall. Millionen von ihnen, in tausend Formen. Enzyme, die Reaktionen beschleunigen, die ohne sie Tage oder Jahre dauern würden – hier geschehen sie in Sekundenbruchteilen. Einige arbeiten in Massen, immer wieder dieselbe Aufgabe. Andere sind seltene Spezialisten, vielleicht nur ein paar Dutzend Exemplare, aber im entscheidenden Moment unverzichtbar. Dazwischen patrouillieren die Wächter: RNasen, die alte Botschaften zerlegen. Sobald ein RNA-Befehl ausgeführt wurde, zerlegen sie ihn wieder in seine Einzelteile. So stapelt sich kein Informationsmüll, und die Bausteine können für neue Befehle recycelt werden. Mittendrin – wohldosiert: DNasen. Sie passen derweil auf, dass der wertvolle Masterplan im Archiv repariert wird, falls mal etwas kaputtgeht. Gleichzeitig vernichten sie fremde Eindringlinge und gewinnen daraus neue Energie.
All das spielt sich innerhalb einer Hülle ab, die ständig erneuert werden muss: eine lebendige Grenze aus Lipiden, deren äußere Schicht Endotoxine trägt. Und sie steht unter Zeitdruck. Denn dieses E. coli lebt nicht, um zu verharren. Es lebt, um sich zu teilen.
Unter günstigen Bedingungen zählt es die Zeit in Minuten. Zwanzig, vielleicht dreißig – dann muss aus einer Zelle zwei werden. Während im Inneren kopiert, gelesen und gebaut wird, wächst die Oberfläche mit. Millionen neuer Lipidmoleküle entstehen, fügen sich ein, erweitern die schützende Mauer. Es ist ein Wettlauf ohne Pause, ein kontrolliertes Chaos mit klarer Richtung.
Und dann kommt der Moment der Teilung. Kein dramatischer Schnitt, kein Ende – eher ein leises Auseinandergehen. Die Mutterzelle hört auf, als Individuum zu existieren. Doch ihre Geschichte zerreißt nicht. Sie setzt sich fort, zweimal. In zwei Zellen, die beide alt und neu zugleich sind. Jede trägt dieselbe lange DNA in sich, denselben Lärm aus Molekülen, dieselbe rastlose Ordnung.
Man kann sich die Welt in der E.-coli-Zelle noch um eine weitere, fast schon geheimnisvolle Ebene erweitert vorstellen:
Neben dem großen, ringförmigen Chromosom treiben kleinere DNA-Ringe durch das Gedränge. Plasmide. Sie sind wie lose Seiten im inneren Archiv der Zelle – nicht lebensnotwendig im strengen Sinn, aber oft entscheidend fürs Überleben. Manche tragen Rezepte für neue Fähigkeiten: Resistenz gegen ein Gift, ein Enzym, das eine ungewöhnliche Nahrungsquelle erschließt, manchmal nur ein kleines taktisches Extra für schlechtere Zeiten.
Sie bewegen sich frei, stoßen gegen Ribosomen, werden kurz von Proteinen gepackt, wieder freigegeben. Auch sie werden gelesen, ihre Gene in RNA übersetzt, ihre Botschaften landen auf denselben Ribosomen wie die des großen Chromosoms. In der überfüllten Stadt gibt es keine Sonderrechte – nur Funktion.
Wenn die Zelle sich auf die Teilung vorbereitet, geraten die Plasmide in Bewegung. Sie dürfen nicht vergessen werden. Spezielle Proteine sorgen dafür, dass sich Kopien bilden und dass jede der entstehenden Tochterzellen wenigstens ein Exemplar erhält. Ein stiller Akt der Weitergabe, fast wie das Zustecken eines Briefes im Gedränge, bevor sich zwei Wege trennen.
Manchmal endet ihre Geschichte aber nicht in der eigenen Nachkommenschaft. Gelegentlich öffnet sich eine Verbindung nach außen, zu einer Nachbarzelle. Dann wechseln Plasmide den Besitzer. Ein kurzer Kontakt, ein Transfer, und eine Information springt von einer Geschichte in eine andere. Fähigkeiten verbreiten sich so schneller als jede Mutation des Chromosoms es je könnte.
In dieser Welt sind Plasmide die Gerüchte, die Baupläne, die Überlebenskniffe, die nicht fest in Stein gemeißelt sind. Beweglich, austauschbar, opportunistisch. Und genau dadurch passen sie perfekt in das rastlose, gedrängte Innenleben von E. coli, in dem nichts stillsteht – nicht einmal das Erbgut selbst.
Empfehlenswert sind die Illustrationen von David Goodsell. Er zeichnet das Innere von Zellen maßstabsgetreu – seine Bilder von E. coli machen dieses „Gedränge“ der Moleküle erst so richtig greifbar.c) Plasmide – kleine DNA-Ringe mit großer Wirkung
Plasmide sind kleine, ringförmige DNA-Moleküle, die zusätzlich zum Bakterienchromosom in der Zelle vorkommen. Sie sind deutlich kleiner als das Hauptchromosom, liegen in variabler Anzahl vor und können sich unabhängig davon vervielfältigen. Im Gegensatz zur linearen DNA von Eukaryoten (z. B. beim Menschen) bilden Plasmide geschlossene Kreise aus doppelsträngiger DNA (dsDNA).

Abb. 1.1.2.2-C1: Schematische Darstellung der Plasmid-DNA des Escherichia coli Plasmide können ganz unterschiedliche Gene tragen – etwa für Antibiotikaresistenz oder für die Herstellung bestimmter Proteine. Damit sie von Forschern gezielt genutzt werden können, erstellt man sogenannte Plasmidkarten: schematische Darstellungen, die die wichtigsten Funktionsbereiche zeigen.

Abb. 1.1.2.2-C2: Plasmidkarte – schematische Darstellung ORI (Origin of Replication): Startpunkt für die Verdopplung des Plasmids. Wenn Umweltbedingungen und interne Signale günstig sind, kann das Bakterium diesen Startknopf drücken, und das Plasmid macht eine Kopie von sich selbst. Nur wenn dieser ORI mit dem Bakterium „kompatibel“ ist, kann sich das Plasmid zuverlässig vermehren, auch unabhängig von der Zellteilung.
Selektionsmarker: Gene, die den Bakterien einen Vorteil verschaffen, z. B. Resistenz gegen ein bestimmtes Antibiotikum. Sie helfen Forschern zu erkennen, welche Bakterien das Plasmid tragen.
Promoter: Der Promoter ist eine spezielle DNA-Region, die die Aktivität von Genen steuert. Er reguliert, wann und wie stark bestimmte Gene auf dem Plasmid abgelesen werden und steuert somit die Produktion der entsprechenden Proteine.
Restriktionsstellen: sind kurze DNA-Sequenzen, die von Restriktionsenzymen erkannt und gezielt geschnitten werden können. Diese Enzyme dienen Bakterien als eine Art Immunsystem, um die DNA von eindringenden Viren zu zerschneiden und sich so zu verteidigen.
d) Plasmide in der Gentechnik
Eigentlich dienen Restriktionsenzyme in Bakterien der Abwehr fremder DNA. In der Gentechnik nutzt man sie jedoch als präzise Werkzeuge: winzige molekulare Scheren, die DNA an ganz bestimmten Stellen schneiden.
So lässt sich eine „Lücke“ in einem Plasmid erzeugen, in die ein gewünschtes Gen eingefügt wird. Ein weiteres Enzym, die DNA-Ligase, „verklebt“ anschließend die DNA-Enden wieder. Das eingefügte Gen nennt man Insert-Gen (siehe obere Abbildung).
Durch dieses Verfahren verwandeln sich Plasmide in kleine Gen-Fähren: Sie transportieren gezielt neue Gene in Bakterien. Bei jeder Zellteilung wird das Plasmid – und damit auch das Insert-Gen – automatisch mitkopiert. Auf diese Weise entstehen ganze Bakterienkulturen, die als „Mini-Fabriken“ bestimmte Proteine oder DNA in großen Mengen herstellen.
🎥 Tipp: Eine kurze, animierte Einführung zu Plasmiden gibt es hier.
e) Einbau der Spike-Protein-DNA in ein Plasmid
Für die Vermehrung des Spike-Proteins von SARS-CoV-2 wird zunächst das Spike-Gen in ein bakterielles Plasmid integriert – ein Vorgang, den man als „Einklonieren“ bezeichnet. Dabei kommen die zuvor beschriebenen molekularbiologischen Werkzeuge zum Einsatz: Restriktionsenzyme öffnen das ringförmige Plasmid an definierten Stellen, während DNA-Ligasen das Spike-Gen passgenau einfügen und die DNA-Enden dauerhaft verbinden. Auf diese Weise entsteht ein rekombinantes (neu zusammengesetztes) Plasmid, das die genetische Information für das gewünschte Antigen enthält.

Abb. 1.1.2.2-E1: Wie das Spike-Gen in ein Plasmid eingefügt wird DNA-Elemente im Plasmid
Die Spike-DNA wird nicht isoliert in das Plasmid eingebracht, sondern zusammen mit weiteren genetischen Elementen, die für die Vermehrung des Plasmids erforderlich sind.
ORI (Origin of Replication): Der Replikationsursprung legt fest, an welcher Stelle die Vervielfältigung des Plasmids innerhalb der Bakterienzelle beginnt. Ohne dieses Element könnte das Plasmid in E. coli nicht stabil vermehrt werden.
Spike-Protein-Gen: Dieses Gen enthält den Bauplan für das Spike-Protein – das zentrale Antigen des Impfstoffs.
Antibiotikaresistenzgen: Das Resistenzgen dient als Selektionsmarker. Es stellt sicher, dass unter Antibiotikadruck nur diejenigen Bakterien überleben, die das gewünschte Plasmid aufgenommen haben. Dadurch können geeignete Bakterienklone gezielt ausgewählt und vermehrt werden.
- Moderna: Kanamycin-Resistenzgen
- Pfizer/BioNTech: Neo/Kan-Resistenzgen (Resistenz gegen Neomycin und Kanamycin)
SV40-Komponenten: Das Produktionsplasmid von Pfizer/BioNTech enthält zusätzlich regulatorische Sequenzelemente, die vom Simian Virus 40 (SV40) abgeleitet sind – einem Affenvirus, dessen genetische Elemente seit Jahrzehnten in der Molekularbiologie verwendet werden.
Konkret handelt es sich um:
- einen SV40-Promoter/Enhancer,
- sowie Teile des SV40-Replikationsursprungs.
Solche Sequenzen werden in der Gentechnik genutzt, weil sie die Genexpression in Säugetierzellen verstärken und die Plasmidvermehrung in bestimmten Zelllinien erleichtern können.
Für die bakterielle Vermehrung in E. coli besitzen diese Elemente jedoch keine bekannte Funktion, da Bakterien die hierfür notwendigen zellulären Faktoren nicht besitzen.
Warum diese SV40-Sequenzen im endgültigen Produktionsplasmid enthalten sind, ist nicht vollständig öffentlich dokumentiert. Diskutiert wird unter anderem, dass sie aus früheren Entwicklungs- oder Testsystemen übernommen und später beibehalten wurden.
Nach aktuellem Kenntnisstand verwendet Moderna in seinem Produktionsplasmid keine vergleichbaren SV40-Komponenten.
Die unterschiedliche Verwendung solcher regulatorischer Sequenzen gehört zu den Aspekten, die im Zusammenhang mit DNA-Rückständen wissenschaftlich diskutiert werden.

Abb. 1.1.2.2-E2: Vereinfachte Darstellung der Plasmidkarten von Pfizer und Moderna. Eine genauere Darstellung der Plasmidkarten findet man hier.
f) Übertragung der modifizierten Plasmide in Bakterien
Die veränderten Plasmide, die nun den Bauplan für das Spike-Protein tragen, werden anschließend in E. coli-Bakterien eingeschleust – ein Prozess, der als Transformation bezeichnet wird. Dabei nehmen die Bakterien die Plasmide auf; diese verbleiben dauerhaft in der Bakterienzelle und werden bei jeder Zellteilung weitergegeben.

Abb. 1.1.2.2-F: Schematische Darstellung der Transformation Die modifizierten Plasmide werden mittels Transformation in E. coli-Bakterien eingebracht. Plasmide, die in der Gentechnik für den Transport fremder DNA-Sequenzen genutzt werden, heißen Vektoren.
Plasmidfreie Wirtszellen – für saubere Klone
Da in der biotechnologischen Plasmidproduktion ausschließlich die modifizierten Plasmide hergestellt werden sollen, verwendet man spezielle, plasmidfreie Bakterienstämme, die keine eigenen, natürlichen Plasmide besitzen.
Das hat mehrere Gründe:
- Natürliche Plasmide könnten um die zelluläre Replikationsmaschinerie konkurrieren,
- sie könnten durch Rekombination DNA-Abschnitte austauschen,
- und sie würden die genetische Zusammensetzung der Kolonie unvorhersehbar machen.
Durch den Einsatz plasmidfreier Wirtszellen wird sichergestellt, dass alle Bakterien einer Kolonie genetisch identische Klone sind – sie enthalten das gleiche, definierte Plasmid mit der gewünschten Sequenz.
g) Vermehrung der Bakterien
Die E. coli-Bakterien mit den modifizierten Plasmiden werden in einen Fermenter gegeben. Ein Fermenter, auch Bioreaktor genannt, ist ein Gerät, das in der Biotechnologie für die großtechnische Herstellung von Produkten wie Antibiotika, Enzymen, Vitaminen oder Impfstoffen genutzt wird. Darin lassen sich Bedingungen wie Temperatur, pH-Wert, Sauerstoffzufuhr, Rührgeschwindigkeit und Nährstoffversorgung exakt steuern.
Das Nährmedium im Fermenter enthält alle lebensnotwendigen Stoffe für die Bakterien. Unter diesen optimalen Bedingungen beginnen sie, sich rasant zu vermehren. Bei jeder Zellteilung werden auch die Plasmide mitkopiert, sodass sich die gewünschte DNA vervielfältigt.
Um sicherzustellen, dass nur Bakterien überleben, die tatsächlich das Spike-Gen-Plasmid tragen, wird zusätzlich ein Antibiotikum in den Fermenter gegeben. Nur Zellen mit Plasmid – und damit mit Antibiotikaresistenz – können wachsen. So entsteht eine Kultur, in der ausschließlich die gewünschten, modifizierten Bakterien vorkommen.
E. coli kann sich etwa alle 20–30 Minuten teilen. Innerhalb weniger Tage wächst so im Fermenter eine riesige Menge an Bakterien heran – mit Trillionen von Kopien des Spike-Plasmids.

Abb. 1.1.2.2-G: Vermehrung von E. coli-Bakterien mit modifiziertem Plasmid im Bioreaktor h) Ernte der Bakterien
Nach der Vermehrungsphase werden die E. coli-Zellen „geerntet“. Dazu wird der gesamte Inhalt des Fermenters – die Zellsuspension – in einen Erntetank überführt. Dort erfolgt die Trennung von Flüssigkeit und Zellen, meist durch Zentrifugation (schnelles Schleudern) oder Filtration. Am Ende entsteht ein Zellpellet, das heißt eine konzentrierte Sammlung von Bakterien am Boden des Behälters.

Abb. 1.1.2.2-H1: Überführung des Fermenterinhalts in den Erntetank und Gewinnung eines Zellpellets durch Zentrifugation oder Filtration Der Zellpellet – nun von der Nährlösung getrennt – wird in eine Aufarbeitungsanlage überführt. Entweder wird er hierfür in einer Flüssigkeit fein verteilt, bis ein gleichmäßiger, pumpfähiger „Zellbrei“ entsteht oder er wird als fester Pellet automatisch weitergeleitet. In modernen Anlagen geschieht das alles in einem geschlossenen System, ohne dass die Biomasse offen mit der Umgebung in Kontakt kommt.

Abb. 1.1.2.2-H2: Überführung der Ernte in die Aufarbeitungsanlage i) Isolierung der modifizierten Plasmide
Nach der Ernte der Bakterienkulturen folgt ein entscheidender Trennungsprozess: Die E. coli-Zellen werden in speziellen Aufarbeitungsanlagen gezielt lysiert, das heißt kontrolliert aufgebrochen.
Die Zugabe von Natronlauge (NaOH) und dem Detergens SDS (einem speziellenSeifenmolekül) löst die fetthaltige Zellhülle auf, vergleichbar mit der Wirkung von Spülmittel auf Fett.
Dabei wird der gesamte Zellinhalt freigesetzt – ein komplexes Gemisch aus den gewünschten Plasmiden, chromosomaler DNA, Proteinen, Membranbestandteilen und zahlreichen weiteren zellulären Komponenten.

Abb. 1.1.2.2-I1: Lyse der Bakterien und Freisetzung des Zellinhalts Links: Schematischer Querschnitt durch ein E. coli mit modifiziertem Plasmid. Die äußere Membran ist mit eingelagerten Endotoxin-Molekülen (lila) dargestellt.
Rechts: Nach dem Aufbrechen der Zellmembran (Lyse) treten die verschiedenen Zellbestandteile – modifizierte Plasmide, chromosomale DNA (Bakterienchromosom), Proteine, Enzyme und Lipide – aus. Die äußere Membran liegt in Fragmenten vor, die das strukturell gebundene Endotoxin (LPS) enthalten.DNA-Formen in E. coli: Plasmid und Chromosom
Plasmide in Escherichia coli liegen als kleine, ringförmige DNA-Moleküle vor. In der Zelle befinden sie sich überwiegend in einer supercoiled Form. Diese Topologie (räumliche Anordnung) ist biologisch bevorzugt, da sie eine hohe mechanische Stabilität und Kompaktheit verleiht. Der geschlossene DNA-Ring ist dabei zusätzlich verdrillt, wodurch das Molekül platzsparend organisiert ist und gegenüber physikalischen Belastungen relativ widerstandsfähig bleibt.

Der Unterschied zwischen supercoiled (superhelikalen) und relaxed (entspannten, ringförmigen) Plasmiden liegt ausschließlich in ihrer Topologie. Beide Formen bestehen aus identischer genetischer Information, zeigen jedoch deutlich unterschiedliche physikalische Eigenschaften.
In der supercoiled Form steht das DNA-Molekül unter torsionaler Spannung und windet sich eng um sich selbst. Die relaxed Form entsteht typischerweise, wenn einer der beiden DNA-Stränge einen Einzelstrangbruch (Nick) erleidet. Durch diesen Nick kann die Spannung entweichen, und das Plasmid geht in eine offenere, weniger kompakte Ringstruktur über.
Das bakterielle Chromosom (genomische DNA, gDNA) ist ebenfalls ringförmig, aber um ein Vielfaches größer. Es ist hochgradig organisiert, mit Proteinen verknüpft und in viele Domänen gefaltet.
Ergänzende Erläuterungen zur Wirkung der alkalischen Lyse
Zerstörung der Genom-DNA, Erhalt der Plasmide
Während der alkalischen Lyse werden die Zellmembran und Zellwände aufgelöst. Die doppelsträngige DNA beider Molekülarten (Genom-DNA, Plasmid) wird kurzzeitig denaturiert und durch mechanische und chemische Scherkräfte belastet.
Dabei geschieht Folgendes:
- Die lange, faserige genomische DNA wird durch Scherkräfte zerrissen und linearisiert, da sie zu groß und empfindlich ist, um intakt zu bleiben.
- Die kompakte, superhelikale Plasmid-DNA bleibt hingegen weitgehend intakt.
Beim Neutralisieren der zuvor alkalischen Lösung kann sich die kleine, ringförmige Plasmid-DNA wieder korrekt renaturieren, d. h. ihre beiden Einzelstränge finden zueinander zurück und bilden erneut eine stabile Doppelhelix. Dadurch bleibt sie in Lösung.
Die wesentlich längere genomische DNA kann unter diesen Bedingungen nicht mehr vollständig renaturieren. Sie fällt gemeinsam mit Zellresten und Proteinen als unlöslicher Niederschlag aus.
Zerstörung von Proteinstrukturen
Die alkalische Lyse wirkt sich nicht nur auf Nukleinsäuren aus, sondern auch auf Proteine. Unter den stark basischen Bedingungen verlieren Proteine ihre dreidimensionale Faltung und damit ihre biologische Funktion. Auch große Komplexe wie die Ribosomen, die aus ribosomaler RNA und zahlreichen Proteinen bestehen, werden dabei vollständig zerstört und zerfallen in ihre Bestandteile. Während der anschließenden Neutralisation aggregieren (verklumpen) diese zerstörten Proteine und RNA-Fragmente – ähnlich wie Eiweiß beim Kochen fest wird – und bilden einen Niederschlag, der zusammen mit den restlichen Zelltrümmern leicht entfernt werden kann.
Warum nach der bakteriellen Lyse auch kleine RNA-Fragmente auftreten
Beim Aufbrechen der E. coli-Zellen gelangen nicht nur die Plasmide ins Lysat, sondern auch große Mengen bakterieller RNA. Diese besteht aus einer Vielzahl unterschiedlicher Moleküle, die für den Stoffwechsel der Bakterien zuständig waren – darunter viele kurze, stabile RNA-Typen. Zusätzlich werden beim Lysevorgang auch bakterielle Enzyme freigesetzt, die RNA abbauen (RNasen). Aktive RNasen können vorhandene RNA schnell in kleinere Stücke zerlegen. Auch mechanische Scherkräfte während der Lyse tragen zur Fragmentierung bei. Das Ergebnis ist ein komplexes Gemisch aus kurzen bakteriellen RNA-Fragmenten.
Natürliche RNA der Bakterienzelle
Die Bakterienzelle (E. coli) enthält bereits eine enorme Menge ihrer eigenen, natürlichen RNA – deutlich mehr als DNA. Beim Aufbrechen der Zellen (Lyse) gelangt diese gesamte zelluläre RNA mit in das Lysat und stellt eine bedeutende Verunreinigung dar. Dazu gehören:
- rRNA (ribosomale RNA): Macht den Hauptanteil (~80–90 %) der bakteriellen RNA aus und liegt in großen Mengen vor.
- tRNA (transfer-RNA): Sehr kleine, stabile Moleküle in vielen verschiedenen Varianten.
- Bakterielle mRNA: Ist in Bakterien von Natur aus kurzlebig und liegt oft bereits fragmentiert vor.
- Regulatorische kleine RNAs (sRNA): Umfassen natürliche RNA-Spezies von wenigen Dutzend Nukleotiden Länge.
Zusammenfassend bildet diese Gesamtheit an ribosomaler, transfer- und messenger-RNA den natürlichen zellulären RNA-Pool von E. coli.
Zerstörung der Membran und Freisetzung von Endotoxinen
Endotoxine (Lipopolysaccharide, LPS) sind ein natürlicher Bestandteil der äußeren Membran von Bakterien mit einer doppellagigen Zellhülle wie E. coli. In der Fachsprache werden solche Bakterien als ‚gramnegativ‘ bezeichnet. Sie sorgen für einen strukturellen Halt und helfen dem Bakterium bei Angriffen von außen. Bei der Lyse wird diese Membran zerstört, wodurch große Mengen LPS freigesetzt werden. Während Endotoxine für das Bakterium als „Rüstung“ fungieren, sind sie für den Menschen hochgiftig. Der biologisch aktive Bestandteil – Lipid A – kann beim Menschen starke Entzündungsreaktionen auslösen, weshalb Endotoxine zu den kritischsten Verunreinigungen in der biotechnologischen Produktion gehören.
Die Kunst besteht nun darin, die begehrten Plasmide aus dieser biochemischen Vielfalt zu isolieren und von allen unerwünschten Begleitstoffen zu befreien. Hierbei kommt eine mehrstufige Aufreinigung zum Einsatz, die wir später im Abschnitt Reinigungsverfahren im Herstellungsprozess detaillierter betrachten.

Abb. 1.1.2.2-I2: Lyse in der Aufarbeitungsanlage und Beginn der Plasmid-Reinigung In der Aufarbeitungsanlage werden die geernteten Bakterienzellen lysiert. Dabei entsteht ein „Zellbrei“, der alle zellulären Bestandteile enthält. Anschließend beginnt die Reinigung, bei der die gewünschten Plasmide mit Hilfe spezieller Filter- und Chromatografie-Verfahren aus dem Gemisch herausgetrennt werden.
Nach der Aufreinigung liegen die ringförmigen Plasmide in hoher Reinheit vor.

Abb. 1.1.2.2-I3: Ergebnis der Plasmid-Isolation Nach der Aufreinigung liegt die Plasmid-DNA in hoher Reinheit vor. Neben der dominanten supercoiled Konformation ist ein geringer Anteil an relaxed Plasmiden sichtbar. Letztere entstehen durch Einzelstrangbrüche (nicks) während der Zelllyse oder Aufarbeitung.
j) Linearisierung der Spike-Protein-DNA
Die gereinigten ringförmigen Plasmide enthalten zwar bereits den Bauplan für das Spike-Protein, sind für den nächsten Schritt jedoch noch ungeeignet. Für die Transkription muss die kreisförmige Plasmid-DNA in eine lineare Form überführt werden.
Dazu werden die Plasmide gezielt geöffnet: Mithilfe eines spezifischen Restriktionsenzyms erfolgt ein präziser Schnitt an einer definierten Stelle, üblicherweise nach dem Ende des Spike-Protein-Gens. Auf diese Weise entstehen klare DNA-Enden, die das Ablesen der Sequenz erleichtern.
Durch diesen Schnitt wird das gesamte Plasmid von seiner ringförmigen in eine lineare, offene DNA-Kette überführt. Diese enthält nicht nur das Spike-Gen, sondern auch alle übrigen Plasmidbestandteile, wie den Ursprung der Replikation (ORI), Selektionsmarker oder regulatorische Elemente. Eine besonders wichtige dieser Sequenzen ist der T7-Promotor, dies wird im nächsten Schritt deutlich.

Abb. 1.1.2.2-J: Linearisierung der Plasmid-DNA Das ringförmige Plasmid wird mit einem Restriktionsenzym aufgeschnitten und in eine lineare DNA-Kette überführt. Diese enthält verschiedene Abschnitte: den Ursprung der Replikation (ORI, gelb), Selektionsmarker (hellgrün), regulatorische Sequenzen wie SV40 (blau) und den T7-Promotor (lila), sowie das eigentliche Spike-Gen (rot). In der detaillierten Darstellung unten ist die Nukleotidfolge des Spike-Gens angedeutet. Die gesamte Nukleotidfolge ist stark gekürzt dargestellt.
Weitere Reinigung nach der Linearisierung
Die Linearisierung der Plasmid-DNA führt zur Entstehung zusätzlicher Reaktionsbestandteile und Nebenprodukte, die vor der in-vitro-Transkription entfernt werden müssen. Hierzu zählen insbesondere:
- Restriktionsenzyme: Die für den gezielten Schnitt eingesetzten Endonukleasen dürfen nicht im weiteren Herstellungsprozess verbleiben.
- DNA-Nebenprodukte: Hierzu gehören unvollständig linearisierte Plasmide (z. B. residuale supercoiled oder relaxed Formen) sowie kurze DNA-Fragmente, die durch unspezifische Brüche oder Nebenreaktionen entstehen können.
- Salze und Pufferreste: Die Linearisierungsreaktion erfolgt in spezifischen Puffersystemen, deren Ionen und Zusatzstoffe die nachfolgende Prozessschritte beeinträchtigen könnten.
Durch geeignete Reinigungsverfahren wird eine hochreine, lineare DNA-Vorlage gewonnen, die als Template für den nächsten Prozessschritt dient.
Der Begriff hochrein beschreibt in diesem Kontext keinen absoluten Zustand, sondern die weitgehende Entfernung prozessrelevanter Verunreinigungen auf ein regulatorisch akzeptiertes Minimum. Geringe Restmengen nicht-linearer Plasmidformen können verbleiben und werden in nachfolgenden Prozessschritten weiter reduziert.

Abb. 1.1.2.2-K: Vom Plasmid zur DNA-Vorlage: Herstellung des linearen DNA-Templates Links: Die Plasmid-DNA-Lösung vor der Linearisierung. Sie enthält ein Gemisch aus supercoiled (überwiegend) und relaxeden (offenen) Ringformen.
Mitte: Die Lösung nach der Linearisierung durch ein Restriktionsenzym. Die ringförmigen Plasmide wurden an einer definierten Stelle geschnitten und liegen nun als lineare, doppelsträngige DNA-Moleküle vor. Die Lösung enthält aber auch Reste des Enzyms, Puffersalze und mögliche Nebenprodukte.
Rechts: Die Lösung nach der Reinigung. Störende Bestandteile wie das Restriktionsenzym, Pufferkomponenten und unerwünschte DNA-Fragmente wurden entfernt.
Schritt 3: In-Vitro-Transkription zur Herstellung der mRNA
Nachdem die Plasmid-DNA linearisiert wurde, dient sie nun als Vorlage für die in-vitro-Transkription (IVT). Ziel dieses Schrittes ist es, aus der DNA das RNA-Molekül herzustellen, das später als mRNA-Impfstoff eingesetzt wird.
Transkription – das „Umschreiben“ der DNA in RNA
Die Transkription erfolgt in einem separaten Bioreaktor unter kontrollierten Bedingungen (z. B. spezifischer pH-Wert, Temperatur, Ionenstärke), die speziell für die RNA-Synthese optimiert sind. Dafür sind drei Dinge notwendig:
1) Das DNA-Template, das das Spike-Gen enthält.
2) Die RNA-Bausteine, sogenannte Nukleotide.
3) Ein Enzym – die T7-RNA-Polymerase, das spezifisch den T7-Promotor erkennt. Der T7-Promotor wurde im Plasmid direkt vor die Spike-Gen-Sequenz eingefügt und markiert den Startpunkt der Transkription.Ablauf der Transkription
Initiation (Start): Die T7-RNA-Polymerase bindet an den T7-Promotor. Sobald das Enzym dort verankert ist, öffnet es die DNA-Doppelhelix um die Transkriptionsstartstelle und legt einen Strang als DNA-Template frei.

Abb. 1.1.3-A: Schematische Darstellung wie die T7-RNA-Polymerase an die DNA bindet. Die DNA enthält verschiedene funktionelle Abschnitte, darunter den Ursprung der Replikation (gelb), Selektionsmarker (hellgrün), regulatorische Elemente (blau), den T7-Promotor sowie die Spike-Gen-Sequenz (rot). Die Polymerase erkennt den T7-Promotor und setzt genau an dieser Stelle auf. Anschließend öffnet sie den DNA-Doppelstrang und beginnt mit der Synthese des RNA-Strangs entlang des Spike-Gens.
Elongation (Verlängerung): Die Polymerase wandert am DNA-Templatestrang in 3′ → 5′-Richtung entlang und synthetisiert dabei den komplementären RNA-Strang durch schrittweise Anlagerung von Nukleotiden in 5′ → 3′-Richtung. Dabei gilt die komplementäre Basenpaarung:
- DNA-A (Adenin) → RNA-U (Uracil bzw. m¹Ψ)
- DNA-T (Thymin) → RNA-A (Adenin)
- DNA-C (Cytosin) → RNA-G (Guanin)
- DNA-G (Guanin) → RNA-C (Cytosin)
Hinter der Polymerase schließt sich die DNA wieder.
Termination (Ende): Am Ende des Spike-Gens befindet sich eine Terminator-Sequenz. Sobald diese erreicht ist, stoppt die Polymerase, löst sich von der DNA, und die fertige RNA wird freigesetzt.

Abb. 1.1.3-B: Die Abbildung veranschaulicht den molekularen Mechanismus der Transkription. Die T7-RNA-Polymerase lagert sich an die DNA an und trennt die beiden Stränge. Entlang des Templatstrangs werden passende RNA-Nukleotide eingebaut. Schrittweise entsteht so ein einzelsträngiger RNA-Strang, der die Information des Spike-Gens trägt.
Die RNA, die auf diese Weise entsteht, ist einzelsträngig und entspricht in ihrer Basenfolge dem Spike-Gen.
Besonderheit der mRNA-Herstellung
Um die Stabilität und Verträglichkeit für den Einsatz im Impfstoff zu verbessern, wird ein modifizierter Baustein verwendet:
Anstelle von Uridin (U) wird N¹-Methyl-Pseudouridin (m¹Ψ) eingebaut.
Diese Modifikation macht die RNA stabiler, schützt sie vor zu schnellem Abbau und reduziert unerwünschte Immunreaktionen.
Sowohl die mRNA-Impfstoffe von Pfizer als auch von Moderna enthalten N¹-Methyl-Pseudouridin (m¹Ψ) anstelle von Uridin. [spektrum]
Vergleich DNA, mRNA und modRNA
Aus der doppelsträngigen DNA entsteht im Verlauf der in-vitro-Transkription eine einzelsträngige RNA. DNA und RNA ähneln sich in ihrer chemischen Grundstruktur, unterscheiden sich jedoch in entscheidenden Eigenschaften wie Stabilität, Lebensdauer und biologischer Funktion. Für mRNA-Impfstoffe kommt zudem keine natürliche mRNA zum Einsatz, sondern eine gezielt chemisch modifizierte Form (modRNA). Diese unterscheidet sich von natürlicher mRNA in mehreren wesentlichen Punkten.
Die folgende Tabelle stellt die Eigenschaften von DNA, natürlicher mRNA und synthetischer modRNA gegenüber.
Eigenschaft DNA Natürliche mRNA Synthetische modRNA Definition Master-Archiv: dauerhafter Speicher der gesamten Erbinformation Abschrift eines einzelnen Gens: enthält die Bauanleitung für ein körpereigenes Protein Kopie eines Gens mit „Tarnkappe“: im Labor hergestellte (synthetische) Form der mRNA, die gezielt chemisch verändert wurde. Sie enthält den Bauplan für ein „nicht körpereigenes“ Protein. Vorkommen Universell: Zellkern (bei Eukaryoten); zusätzlich mitochondriale DNA. Zellspezifisch: Wird bedarfsgerecht nur dort hergestellt, wo das entsprechende Protein benötigt wird. Unspezifisch: kann mithilfe von Lipid-Nanopartikeln in viele Zelltypen des Körpers aufgenommen werden. Struktur doppelsträngig einzelsträngig einzelsträngig Zucker Desoxyribose Ribose Ribose Basen A – Adenin
C – Cytosin
G – Guanin
T – ThyminA – Adenin
C – Cytosin
G – Guanin
U – UracilA – Adenin
C – Cytosin
G – Guanin
m¹Ψ – N1-MethylpseudouridinLebensdauer und Abbau-Geschwindigkeit Sehr stabil: bleibt durch Kernmembran und Reparatursysteme geschützt; wird im Normalfall nicht abgebaut, sondern nur bei Zelltod oder gezieltem DNA-Abbau. Kurzlebig: Minuten bis Stunden. Die Protein-produktion ist flexibel an den aktuellen Stoff-wechselbedarf angepasst. Verlängert: Stunden bis Tage. Durch den Austausch von Uridin durch N1-Methylpseudouridin wird die modRNA weniger stark von RNA-Sensoren des angeborenen Immunsystems erkannt und langsamer abgebaut. Abbau-Enzyme DNasen
(Desoxyribonukleasen)RNasen
(Ribonukleasen)RNasen
(verminderte Erkennung und verlangsamter Abbau)
IVT-Nebenprodukte und Verunreinigungen
Nach der in-vitro-Transkription (IVT) liegt kein reines Produkt vor, sondern ein komplexes Gemisch. Neben der gewünschten mRNA entstehen prozessbedingt verschiedene Nebenprodukte und Verunreinigungen, darunter kurze oder lange einzelsträngige RNA (ssRNA), doppelsträngige RNA (dsRNA) sowie RNA:DNA-Hybride. Diese Begleitprodukte müssen gezielt entfernt werden, da sie andernfalls die Stabilität, Wirksamkeit und Verträglichkeit des Impfstoffs beeinträchtigen können. Die hierfür eingesetzten Reinigungsmethoden werden im Kapitel 3.3. näher erläutert.

Schritt 4: RNA-Prozessierung – Reifung der mRNA
Die RNA-Prozessierung umfasst eine Reihe von Veränderungen, die während oder nach der Transkription stattfinden, um aus der RNA eine reife, funktionale mRNA zu erzeugen.
Bei der Herstellung der mRNA für Impfstoffe wird versucht, die natürlichen Prozesse so weit wie möglich nachzuahmen, die normalerweise auch in menschlichen Zellen stattfinden. Die synthetisch hergestellte mRNA wird so gestaltet, dass sie bestimmte Eigenschaften von natürlich vorkommender mRNA imitiert und dadurch stabil ist sowie effizient in das gewünschte Protein übersetzt werden kann.
Eine funktionelle Impfstoff-mRNA braucht wie eine normale menschliche mRNA:
- eine Schutzkappe (5′-Cap) am vorderen Ende der RNA
- einen Stabilisierungsschwanz (Poly-A-Schwanz) am hinteren Ende
Der 5‘-Cap: Ein „Sicherheitssiegel“ für die Zelle
Damit eine künstlich hergestellte mRNA im Körper funktioniert, muss sie am sogenannten 5′-Ende eine spezielle chemische Schutzstruktur tragen – die Cap-1-Struktur. Diese Kappe ist ein zentrales Erkennungsmerkmal für die Zelle und entscheidet darüber, ob die mRNA stabil bleibt, effizient übersetzt und nicht als fremd erkannt wird.
Die Bauteile der Cap-1-Struktur (m⁷GpppN¹m)
Die Cap-1-Struktur ist kein einfacher „Deckel“, sondern ein präzise aufgebautes Molekül aus drei funktionellen Komponenten:
Das Erkennungsmerkmal: 7-Methylguanosin (m⁷G)
Ein spezieller Guanosin-Baustein mit einer Methylgruppe. Diese Markierung wirkt wie ein molekularer Ausweis: Nur mRNAs mit dieser Struktur werden von der Zelle als korrekt und vertrauenswürdig erkannt.Die Verbindung: Triphosphatbrücke (ppp)
Drei Phosphatgruppen verbinden die Kappe in einer ungewöhnlichen 5′-5′-Verknüpfung mit der mRNA. Diese spezielle Bindung schützt das RNA-Ende effektiv vor enzymatischem Abbau.Die Tarnung: modifiziertes erstes Nukleotid (N¹m)
Das erste Nukleotid der mRNA ist zusätzlich 2′-O-methyliert. Diese Modifikation ist entscheidend, um die mRNA vor der Erkennung durch zelluläre RNA-Sensoren zu schützen.
Abb. 1.1.4-A: Schematische Darstellung der Cap-1-Struktur (m⁷GpppN¹m) Das 5′-Ende der mRNA ist durch ein invertiert verknüpftes, am N7-Atom methyliertes Guanosin (m⁷G) über eine 5′–5′-Triphosphatbrücke (ppp) mit dem ersten Nukleotid (in diesem Beispiel Guanin) der mRNA verbunden. Zusätzlich trägt dieses erste Nukleotid eine 2′-O-Methylierung (N¹m), die die Cap-1-Struktur definiert und zur Stabilität, Translationseffizienz und Immuntarnung der mRNA beiträgt.
Bei der natürlichen Genexpression in menschlichen Zellen wird mRNA bereits während ihrer Entstehung im Zellkern prozessiert. Insbesondere erhalten alle durch die RNA-Polymerase II synthetisierten mRNA-Moleküle sehr früh während der Transkription eine 5′-Cap-Struktur sowie begleitende chemische Modifikationen.
Ungecappte mRNA ist in eukaryotischen Zellen unter physiologischen Bedingungen nicht funktionsfähig: Sie ist instabil, wird rasch abgebaut und gelangt nicht in das Zytoplasma. Dies liegt daran, dass ihr 5′-Ende als 5′-Triphosphat (5′-ppp) vorliegt – eine Struktur, die von zellulären Qualitätskontrollsystemen als Anomalie erkannt und beseitigt wird (siehe untere Abbildung).

Abb. 1.1.4-B: Ungecappte RNA – das freie 5′-Triphosphat ist ein zentrales Erkennungsmuster für zytosolische Immunsensoren. Warum ist Cap-1 so wichtig?
Die Cap-1-Struktur erfüllt drei zentrale Funktionen:
Tarnung (Immunschutz): Zelluläre Mustererkennungsrezeptoren wie RIG-I reagieren empfindlich auf RNA mit freien 5′-Triphosphaten oder unmodifizierten Enden. Die Cap-1-Struktur der modRNA ist chemisch identisch zur Cap-1-Struktur körpereigener mRNA. Da zelluläre RNA-Sensoren diese Struktur als „selbst“ erkennen, wird unter physiologischen Bedingungen keine ausgeprägte angeborene Immunantwort ausgelöst.
Produktionsstart: Das Cap dient als Andockstelle für cap-bindende Proteine und markiert den Startpunkt für die Proteinsynthese durch Ribosomen.
Stabilität: Die Kappe schützt das 5′-Ende der mRNA vor raschem enzymatischem Abbau und verlängert so ihre funktionelle Lebensdauer in der Zelle.
Der Poly-A-Schwanz: Das Schutz- und Kontrollzentrum am Ende
Am anderen Ende der mRNA (dem sogenannten 3′-Ende) befindet sich eine lange Kette, die ausschließlich aus Adenin-Bausteinen besteht – der Poly-A-Schwanz. In der Impfstoffherstellung wird dieser meist aus 100 bis 150 „A“-Gliedern gefertigt.
Wofür ist dieser Schwanz gut?
Die „Sanduhr“ der mRNA: Die Zelle besitzt Enzyme, die mRNA-Moleküle von hinten nach vorne langsam „anknabbern“. Der Poly-A-Schwanz wirkt hier wie ein Puffer oder ein Schutzstück am Ende. Er wird zuerst abgebaut, bevor die eigentliche genetische Information angegriffen wird. Je länger der Schwanz, desto länger überlebt die mRNA in der Zelle und desto mehr Protein kann hergestellt werden.
Übersetzungsbeschleuniger: Spezifische Proteine binden gleichzeitig an das 5′-Cap und den Poly-A-Schwanz und bilden den sogenannten closed-loop-Komplex – eine effiziente „Rundlaufstrecke“. Zum einen signalisiert er dem Ribosom (der Proteinfabrik), dass die mRNA vollständig und für die Translation bereit ist. Zum anderen kann das Ribosom nach Beendigung der Synthese eines Proteins direkt am 5′-Ende erneut mit der Translation beginnen. Dieser Mechanismus steigert die Geschwindigkeit und Ausbeute der Proteinproduktion erheblich.
Zusammenfassend: Während das 5‘-Cap die mRNA legitimiert, tarnt und für die Translation verfügbar macht, bestimmt der Poly-A-Schwanz, wie lange und wie oft die Zelle die Information nutzt. Beide Modifikationen sind daher entscheidend für die Lebensdauer der mRNA und für ihre effiziente Übersetzung in Protein.
In den folgenden schematischen Darstellungen wird die Cap-1-Struktur als funktionelle 5′-Einheit vor dem RNA-Strang dargestellt, obwohl sie chemisch eine modifizierte Erweiterung des ersten Nukleotids darstellt. Der Poly-A-Schwanz wird aus didaktischen Gründen durch drei Adeninreste symbolisiert.

Abb. 1.1.4-C: Schematische Darstellung einer reifen mRNA mit 5′-Cap und Poly-A-Schwanz Die Abbildung ist stark vereinfacht; die tatsächliche mRNA ist deutlich länger und umfasst beim COVID-19-Impfstoff ca. 4200 Nukleotide.
In der biotechnologischen Herstellung haben sich zwei Methoden etabliert, um diese essenziellen Strukturen zu erzeugen:
1. Co-transkriptionelle Modifikation (Die „All-in-One“-Methode)
Hierbei werden Cap und Poly-A-Schwanz bereits während der in-vitro-Transkription (IVT) synthetisiert.
mRNA-Capping: Der Reaktion werden bereits fertige Cap-Bausteine (Cap-Analoga) zugegeben. Die T7-RNA-Polymerase baut diese Cap-Struktur automatisch als erstes Element an das entstehende mRNA-Molekül an.
Polyadenylierung: Das DNA-Template enthält bereits eine Sequenz, die als Matrize für einen definiert langen Poly-A-Schwanz dient. Die Polymerase synthetisiert ihn somit direkt im Anschluss an die kodierende Sequenz.
Vorteil: Der Prozess ist schnell, skalierbar und findet in einem einzigen Reaktionsgefäß statt. Durch die Verwendung moderner Cap-Analoga (z. B. ARCA oder CleanCap) werden Capping-Effizienzen von >95 % erreicht.
In der industriellen Praxis ist die co-transkriptionelle Methode der vorherrschende Standard.
2. Enzymatische Modifikation (Die “Step-by-Step”-Methode)
Bei diesem traditionelleren, mehrstufigen Verfahren werden Cap und Poly-A-Schwanz in separaten Reaktionsschritten nach der IVT angefügt.
Polyadenylierung: Zunächst wird die RNA mit dem Enzym Poly(A)-Polymerase behandelt. Dieses Enzym ist darauf spezialisiert, am 3′-Ende der RNA eine lange Adenin-Kette anzubauen. Die mRNA erhält also nachträglich ihren Poly(A)-Schwanz.
mRNA-Capping: Im Anschluss wird in einer weiteren Reaktion die 5′-Cap-Struktur schrittweise aufgebaut.
Vorteil: Erzielt eine sehr hohe und saubere Capping-Effizienz, ist jedoch aufwändiger.
Unabhängig vom gewählten Verfahren schließt sich eine umfassende Reinigung an, um eine homogene und hochreine mRNA zu erhalten.
Die wesentlichen Schritte – von der reinen DNA-Vorlage bis zum formulierungsfertigen Produkt – sind in der folgenden Übersicht dargestellt:

Abb. 1.1.4-D: Im Prozess: Von der gereinigten DNA zur formulierungsfertigen mRNA Nach der IVT liegt eine komplexe Mischung aus mRNA, Template-DNA, Enzymen, Nebenprodukten und Reaktionskomponenten vor. Durch nachfolgende Reinigungsschritte wird diese Mischung auf eine überwiegend reine mRNA-Lösung reduziert, die als Ausgangsmaterial für die LNP-Formulierung dient.

Schritt 5: Verpackung der mRNA in Lipid-Nanopartikel (LNPs)
Nachdem die mRNA vollständig hergestellt und gereinigt wurde, muss sie noch geschützt und transportfähig gemacht werden. Genau das übernimmt die Verpackung in Lipid-Nanopartikel (LNPs).
Warum braucht die mRNA eine Verpackung?
mRNA ist ein sehr empfindliches Molekül. Ohne Schutz würde sie im Körper sofort abgebaut werden. LNPs übernehmen mehrere Aufgaben gleichzeitig:
- sie schützen die mRNA vor Abbau
- sie transportieren sie in die Körperzellen (durch die Zellmembran)
- sie ermöglichen die kontrollierte Freisetzung der mRNA in der Zelle
Ohne LNPs wäre der Impfstoff nicht funktionsfähig.
Wie entsteht ein LNP? – Der Grundmechanismus
Die Formulierung passiert typischerweise in einem Gerät wie einem Microfluidizer oder Nanopartikel-Mischer. Dabei werden zwei Flüssigkeiten extrem schnell miteinander vermischt:
1) Eine ethanolische Lipid-Lösung
Sie enthält vier verschiedene Lipide:
- ionisierbares kationisches Lipid (bindet die mRNA und ermöglicht Zellaufnahme)
- Phospholipid (stabilisiert die Struktur – ähnlich wie in Zellmembranen)
- PEG-Lipid (sorgt für die richtige Größe und verhindert Aggregation)
- Cholesterin (macht das Partikel flexibel und stabil)

2) Eine wässrige mRNA-Lösung
Diese enthält nur:
- gereinigte mRNA
- einen milden Puffer

Abb. 1.1.5-A: Schematische Darstellung der RNA in Lösung – linear vs. 3D Oben ist die RNA als linearer Informationsstrang dargestellt – so liest man die Basensequenz. Unten ist gezeigt, wie derselbe Strang in wässriger Lösung tatsächlich existiert: als flexibles, ständig bewegtes 3D-Knäuel, in dem einzelne Abschnitte nur lose oder temporär miteinander wechselwirken.
Was passiert beim Mischen – ein Selbstorganisationseffekt
Wenn die beiden Lösungen in Sekundenbruchteilen aufeinandertreffen, ändern sich:
- pH-Wert
- Löslichkeit der Lipide
- Ladungszustände

Abb. 1.1.5-B: Das Mikrofluidik-Prinzip: Präzisions-Mischen im Millisekunden-Takt Die Abbildung zeigt schematisch das Prinzip beim mikrofluidischen Mischen. Links und rechts strömen zwei getrennte Flüssigkeiten in den Mischer ein: eine Lipid-Lösung (links) mit den verschiedenen Lipidtypen und eine mRNA-Lösung (rechts) mit frei gelösten mRNA-Strängen. Im zentralen Mikrofluidik-Kanal treffen beide Ströme aufeinander und werden intensiv verwirbelt.
Dadurch passiert ein spontaner, hochpräziser Prozess:
- Das ionisierbare Lipid wird positiv geladen → es zieht die negativ geladene mRNA an.
- Die mRNA wird „eingewickelt“ und eingeschlossen.
- Die anderen Lipide ordnen sich drumherum zu einer stabilen Hülle an.
Es entsteht automatisch ein Nanopartikel mit typischer Größe von 60–100 nm. Es ist also kein „manuelles Verpacken“, sondern eine biophysikalische Selbstorganisation – die Moleküle finden von selbst die richtige Struktur.

Abb. 1.1.5-C: Wie aus zwei Flüssigkeiten ein Nanopartikel wird: Mikrofluidische Formulierung Die Abbildung zeigt in vier Schritten, wie sich mRNA und Lipide während der Formulierung ganz von selbst zu einem Lipid-Nanopartikel organisieren.
1) Sobald mRNA und ionisierbare Lipide aufeinandertreffen, binden die positiv geladenen Lipidköpfchen sofort an die negativ geladenen Phosphate der mRNA und beginnen, den Strang eng zu umhüllen.
2) Dadurch zieht sich die mRNA lokal zusammen, wird kompakter und verdichtet sich weiter.
3) Auf diese Weise entsteht ein erster „Kern“ aus mRNA-Lipid-Komplexen. Darum herum lagern sich weitere ionisierbare Lipide an – zusätzlich auch Phospholipide, Cholesterin und PEG-Lipide. Zusammen stabilisieren sie die entstehende Struktur, während die mRNA zunehmend dichter eingeschlossen wird.
4) Schließlich bildet sich ein dicht gepackter, nahezu kugelförmiger Nanopartikel. Seine Form entsteht nicht durch äußere Steuerung, sondern allein aus den physikalisch-chemischen Eigenschaften der Moleküle: ein Beispiel für spontane Selbstorganisation auf der Nanoskala.
Abb. 1.1.5-D: Formulierungsschritt: Herstellung der LNP-mRNA-Dispersion Die so formulierten LNPs bilden nun das fertige Wirkstoffkonzentrat, das im nächsten Schritt steril abgefüllt wird.

Abb. 1.1.5-E: Schematische Darstellung der sterilen Abfüllung des mRNA-Wirkstoffkonzentrats Ein Impfstoff-Vial enthält eine sehr große Anzahl einzelner Lipid-Nanopartikel, typischerweise im Bereich von 10¹³–10¹⁴ Partikeln pro Fläschchen.
1.2. Verunreinigungen und Nebenprodukte
Die Herstellung einer funktionsfähigen mRNA umfasst mehrere aufeinanderfolgende Prozessschritte – von der Vervielfältigung der DNA-Vorlage bis zur Prozessierung und Formulierung der RNA. In nahezu jedem dieser Schritte entstehen neben dem gewünschten Produkt auch Nebenprodukte, Verunreinigungen oder Reststoffe.
1.2.1. Typische Verunreinigungen bei der bakteriellen Herstellung
1.2.2. Typische Verunreinigungen und Nebenprodukte nach der IVT
a) Abortive mRNA
b) Degraded mRNA
c) Uncapped mRNA
d) Doppelsträngige RNA (dsRNA)
e) RNA:DNA-HybrideFür die Sicherheit und Wirksamkeit des Therapeutikums ist deren Identifizierung und spätere Abtrennung im Downstream Prozess entscheidend.
In diesem Abschnitt werfen wir einen Blick auf die wichtigsten potenziellen Verunreinigungen und Nebenprodukte und ihre bekannten biologischen Aktivitäten.
1.2.1. Typische Verunreinigungen bei der bakteriellen Herstellung
Nach der Lyse der Bakterienzellen liegt die Plasmid-DNA in einer komplexen Reaktionsmischung vor. Neben der gewünschten Plasmid-DNA enthält die Lösung chromosomale DNA, bakterielle RNA, Proteine, Enzyme (einschließlich RNasen), Endotoxine sowie Zellwandfragmente.

Abb. 1.2.1: Reaktionsmischung nach der bakteriellen Lyse (nicht maßstabsgetreu) Die Abbildung zeigt schematisch die Zusammensetzung der Lösung nach dem Aufschluss der E.-coli-Zellen, in denen das Plasmid vervielfältigt wurde. Neben der gewünschten Plasmid-DNA, die die spätere Expressionskassette für die mRNA enthält, sind zahlreiche bakterielle Bestandteile und Prozesshilfsstoffe vorhanden. Die dargestellten Komponenten sind in eine proteinreiche zytosolische Matrix eingebettet, die aus dem bakteriellen Zytoplasma stammt (gelber Hintergrund).
Diese komplexe und heterogene Mischung verdeutlicht, dass die Plasmid-DNA zunächst aus einer stark verunreinigten biologischen Umgebung isoliert werden muss, bevor sie als Vorlage für die in-vitro-Transkription eingesetzt werden kann.
1.2.2. Typische Verunreinigungen und Nebenprodukte nach der In-vitro-Transkription
Obwohl die in-vitro-Transkription (IVT) eine effiziente Methode zur enzymatischen Herstellung von mRNA darstellt, liefert die Reaktion kein reines Endprodukt. Im Anschluss an die Synthese liegt ein komplexes Gemisch vor, das neben der Ziel-mRNA verschiedene prozessbedingte Verunreinigungen und Nebenprodukte enthält.

Abb. 1.2.2: Reaktionsmischung nach der in-vitro-Transkription (nicht maßstabsgetreu) Die Abbildung zeigt schematisch die komplexe Zusammensetzung der IVT-Reaktionslösung. Neben der gewünschten, vollständig prozessierten mRNA (Zielmolekül) enthält die Mischung verschiedene RNA-Nebenprodukte, wie uncapped, degradierte oder abortive RNA, doppelsträngige RNA sowie RNA:DNA-Hybride. Weitere Bestandteile:
IVT-Produkte
Lineare Plasmid-DNA: DNA-Vorlage mit der Expressionskassette für das Spike-Protein.
T7-Polymerase: Enzym, das den T7-Promotor erkennt und die mRNA synthetisiert.
Nukleotide: Bausteine der mRNA-Synthese – Cytosin (C), Guanin (G), Adenin (A) und N1-Methylpseudouridin (m¹Ψ) anstelle von Uridin (U). Uridin ist aufgeführt, da geringe U-Anteile aus der Herstellung der modifizierten Nukleotide stammen können.
Cap-Analoga: Synthetische Cap-Analoga, die während der IVT zur Ausbildung der Cap-1-Struktur eingesetzt werden und nach der Reaktion teilweise im Überschuss vorliegen.Potentielle Verunreinigungen
RNasen: Enzyme, die RNA spalten und abbauen können; sie können unbeabsichtigt über Rohstoffe oder bakterielle Reststoffe eingeschleppt werden.
Endotoxine: Bestandteile der äußeren Zellmembran von Gram-negativer Bakterien wie E. coli.
Lösungsmittelreste: Rückstände aus der Herstellung und Reinigung von Ausgangsmaterialien.
Metallionen: Spurenverunreinigungen aus Rohstoffen, Prozesswasser oder Produktionsanlagen.Übersicht: Typische RNA-Nebenprodukte nach der IVT (vor Reinigung)
a) Abortive mRNA
b) Degraded mRNA
c) Uncapped mRNA
d) Doppelsträngige RNA (dsRNA)
e) RNA:DNA-Hybridea) Abortive mRNA
Zu Beginn der Transkription bindet die T7-RNA-Polymerase fest an den Promotor und bildet einen stabilen Initiationskomplex. Der Übergang von dieser Initiationsphase in eine produktive Elongation ist jedoch mechanisch instabil.
Die Polymerase entwindet lokal die DNA um die Transkriptionsstartstelle und beginnt mit der Synthese eines kurzen RNA-Strangs. Dabei zieht sie die DNA in das Enzym hinein, ohne sich selbst entlang der DNA vorwärtszubewegen. Dieses sogenannte Scrunching führt zur Akkumulation mechanischer Spannung im Transkriptionskomplex, da das Enzym gleichzeitig am Promotor festhält und die DNA weiter einzieht.
Gelingt es der Polymerase nicht, diese Spannung durch das Lösen vom Promotor und den Übergang in die Elongationsphase abzubauen, schnellt die DNA in ihre ursprüngliche Form zurück. Das bereits gebildete kurze RNA-Fragment wird ausgeworfen – ein abortives Transkript entsteht.
Dieser Vorgang kann sich mehrfach wiederholen, sodass eine einzelne Polymerase zahlreiche abortive RNA-Fragmente produziert, bevor eine vollständige Transkription gelingt. Erst wenn eine RNA-Länge von typischerweise etwa 8–14 Nukleotiden erreicht ist, löst sich die Polymerase vom Promotor und bildet einen stabilen Elongationskomplex.
Erscheinungsbild
Abortive RNAs sind sehr kurze RNA-Fragmente, meist nur 2–10 Nukleotide (nt) lang, die während der instabilen Initiationsphase der Transkription entstehen. Trotz der Verwendung co-transkriptioneller Capping-Strategien, bei denen das Cap-Analogon als Initiator dient, erreichen die meisten abortiven Transkripte nicht die für einen stabilen Cap-Einbau erforderliche Länge. Daher liegen sie mehrheitlich als uncapped Fragmente mit einem 5′-Triphosphat-Ende vor. Nur in Einzelfällen – bei längeren abortiven Transkripten im Bereich von etwa 10–12 Nukleotiden – kann formal ein Cap-Analogon eingebaut sein.

Abb. 1.2.2-A: Abortive RNAs sind schematisch mit freiem 5′-Triphosphat (ppp) dargestellt und erreichen aufgrund der instabilen Initiationsphase keine cap-tragende Elongationsform. Biologische Auswirkung
Die biologischen Auswirkungen abortiver RNA-Fragmente sind bislang nicht vollständig erforscht. Einzelne, isolierte Fragmente von nur wenigen Nukleotiden sind in der Regel zu kurz, um bekannte RNA-Sensoren des angeborenen Immunsystems zu aktivieren, und werden nicht in Proteine übersetzt.
Das potenzielle Risiko liegt daher weniger in den einzelnen 2–10-nt-Fragmenten selbst, sondern in möglichen Sekundäreffekten:
Doppelstrangbildung: Kurze RNA-Fragmente könnten als Primer dienen oder zur Bildung kurzer doppelsträngiger RNA beitragen.
Komplexbildung: Hohe Mengen solcher Fragmente könnten sich zu komplexeren Strukturen zusammenlagern oder die Effizienz nachfolgender Reinigungsschritte beeinträchtigen.
Unspezifischer Belastungseffekt: Eine hohe Konzentration kurzer RNA-Fragmente könnte kurzfristig zellulären Stress erhöhen, auch wenn sie rasch abgebaut werden.BioNTech weist darauf hin, dass abortive Nebenprodukte im Zytosol (dem flüssigen Zellinneren) transfizierter Zellen (Zellen, in die die mRNA eingebracht wurde) potenziell unbekannte Wechselwirkungen mit zelleigenen RNAs oder Mustererkennungsrezeptoren (PRRs) eingehen könnten, was den Bedarf an weiterer Forschung unterstreicht. [Die Auswirkungen von In-vitro-Transkriptionsnebenprodukten und Verunreinigungen verstehen]
Ungefährer Anteil (vor Reinigung)
BioNTech berichtet, dass etwa 44 % der T7-Polymerasen abortive Transkripte produzieren, bevor eine vollständige Transkription gelingt. Daher können sie zahlenmäßig die häufigste RNA-Spezies im Rohansatz darstellen. Jedoch machen sie unter Standard-IVT-Bedingungen weniger als 1 % der gesamten RNA-Masse aus. Der genaue Anteil abortiver RNAs hängt stark von der Sequenz der Vorlage und den Reaktionsbedingungen ab.
b) Degraded mRNA
Im Gegensatz zu abortiver mRNA handelt es sich bei degradierter mRNA um ehemals vollständige oder lange mRNA-Stränge, die durch äußere Einflüsse oder enzymatische Prozesse teilweise oder vollständig zerstört wurden. Der Abbau kann über verschiedene Mechanismen erfolgen:
Enzymatisch durch RNasen: Dies ist die häufigste Ursache für den Abbau während und nach der IVT. RNasen (Ribonukleasen) sind extrem stabile Enzyme, die nahezu überall vorkommen (z. B. auf der Haut, im Staub oder in Rohstoffen). Sie spalten RNA an spezifischen oder strukturell bevorzugten Stellen. Bereits geringste Verunreinigungen im Reaktionsgemisch können dazu führen, dass frisch synthetisierte mRNA in Fragmente zerfällt.
Chemisch/physikalisch: RNA ist aufgrund ihrer chemischen Struktur deutlich instabiler als DNA. Erhöhte pH-Werte, hohe Temperaturen oder bestimmte Metallionen fördern die hydrolytische Spaltung des RNA-Rückgrats und führen zu Kettenbrüchen.
Mechanisch: Wird die Lösung hohen Scherkräften ausgesetzt – etwa durch starkes Rühren oder das Pumpen durch enge Leitungen – können lange mRNA-Stränge physisch zerreißen. Dabei entstehen eher große Bruchstücke als die feinen Fragmente, die durch RNasen verursacht werden.
Abbruch während der Elongation: Streng genommen handelt es sich hierbei nicht um klassische Degradation, sondern um unvollständige mRNA, die bereits während der Synthese entsteht. Fällt die Polymerase während der Elongation vorzeitig vom DNA-Template ab – etwa durch starke Sekundärstrukturen oder limitierte Nukleotidverfügbarkeit – entsteht eine verkürzte mRNA, der das 3′-Ende und damit der Poly-A-Schwanz fehlt.
Erscheinungsbild
Degradierte mRNA liegt als Gemisch von Fragmenten unterschiedlicher Länge vor. Diese Fragmente können einzelne Strangbrüche enthalten oder vollständig zerfallen sein und tragen häufig kein vollständiges 5′-Cap und/oder keinen Poly-A-Schwanz.

Abb. 1.2.2-B: Diese schematische Darstellung zeigt degradierte mRNA … als ein heterogenes Gemisch von Fragmenten, das während oder nach der in-vitro-Transkription entstehen kann. Im Kontrast zur intakten, vollständigen mRNA (unten als Referenz) sind die Abbauprodukte unterschiedlich lang und weisen charakteristische Schäden auf: verlorene oder beschädigte 5′-Cap-Strukturen, freigelegte 5′-Triphosphate (ppp) – die bei Verlust des Caps exponiert werden, verkürzte Poly-A-Schwänze und interne Strangbrüche. Die Fragmente liegen nicht als einheitliche Spezies vor, sondern als komplexes Gemisch.
Biologische Auswirkung
Degradierte mRNA ist keine einheitliche Substanz, sondern ein heterogenes Gemisch. Nicht alle Fragmente sind biologisch problematisch. Das größte Risiko geht von Fragmenten aus, die spezifische immunologische Gefahrensignale tragen, darunter:
- freiliegende 5′-Triphosphate, die von zytosolischen RNA-Sensoren wie RIG-I erkannt werden,
- kurze doppelsträngige RNA-Strukturen, die durch Sekundärstruktur oder Hybridisierung entstehen und Rezeptoren wie MDA5 oder TLR3 aktivieren können,
- ungewöhnliche Endstrukturen (fehlendes Cap oder Poly-A-Schwanz), die als „FREMD“ erkannt werden.
Solche Fragmente können angeborene Immunantworten auslösen und die Verträglichkeit der mRNA-Formulierung beeinträchtigen.
Ungefährer Anteil (vor Reinigung)
Der Anteil degradierter mRNA variiert stark mit der Prozessführung. Typischerweise liegt er vor der Reinigung im Bereich von etwa 1–10 %. In gut optimierten IVT-Prozessen wird dieser Anteil jedoch gezielt auf ein Minimum reduziert.
c) Uncapped mRNA
In modernen IVT-Prozessen wird die 5′-Cap-Struktur häufig co-transkriptionell mithilfe sogenannter CleanCap-Analoga eingeführt. Dabei handelt es sich um synthetische Initiator-Oligonukleotide, die bereits die vollständige 5′-Cap-Struktur einschließlich des ersten transkribierten Nukleotids tragen.
Die T7-RNA-Polymerase nutzt CleanCap gezielt zur Initiation der Transkription; ein direkter Wettbewerb mit GTP (normales Nukleotid), wie er bei klassischen Cap-Analoga auftritt, findet dabei nicht statt. Dadurch entstehen überwiegend korrekt gecappte mRNA-Moleküle, während der Anteil uncapped mRNA stark reduziert wird.
Erscheinungsbild
Uncapped mRNA liegt als vollständige RNA-Sequenz vor, unterscheidet sich jedoch durch das Fehlen der 5′-Cap-Struktur am 5′-Ende.

Abb. 1.2.2-C: Diese Darstellung visualisiert mRNA-Moleküle, denen das funktionelle 5′-Cap fehlt. Sie tragen stattdessen ein immunogenes 5′-Triphosphat (ppp). Biologische Auswirkung
Zellen besitzen spezialisierte Enzyme, die RNA-Stränge ohne 5′-Cap sehr effizient vom 5′-Ende her abbauen. Dieser Mechanismus dient der raschen Entsorgung fehlerhafter oder gealterter körpereigener RNAs.
Immunreaktion: Uncapped RNA wird von zellulären Mustererkennungsrezeptoren wie RIG-I erkannt und kann eine starke Typ-I-Interferon-Antwort auslösen. Dadurch wird die Zelle in einen antiviralen Zustand versetzt.
Bei uncapped modRNA reduziert der Austausch von Uridin durch N1-Methylpseudouridin (m¹Ψ) die Aktivierung dieser Sensoren deutlich. Es kommt zu einem biologischen „Tauziehen“ zwischen dem immunstimulierenden uncapped 5′-Ende und der immunmodulierenden Nukleosid-Modifikation. Insgesamt würde uncapped modRNA daher als mäßig immunogenes Molekül wirken, jedoch weiterhin schneller abgebaut werden als korrekt gecappte modRNA.
Minimale Proteinproduktion: Da die 5′-Cap-Struktur auch für die effiziente Bindung an das Ribosom notwendig ist, wird uncapped mRNA kaum oder gar nicht in Protein übersetzt.
Ungefährer Anteil (vor Reinigung)
Der Anteil uncapped mRNA nach der IVT hängt maßgeblich von der verwendeten Capping-Strategie ab. Bei modernen co-transkriptionellen CleanCap-Verfahren liegt der Anteil uncapped mRNA vor der Reinigung typischerweise im Bereich von ca. 1–6 %.
d) Doppelsträngige RNA (dsRNA)
Ein weiteres relevantes Nebenprodukt der in-vitro-Transkription (IVT) ist doppelsträngige RNA (dsRNA). Während die gewünschte Impfstoff-mRNA als einzelsträngiges Molekül synthetisiert wird, können im Verlauf der IVT auch RNA-Duplexe entstehen, bei denen zwei komplementäre RNA-Stränge über Watson-Crick-Basenpaarung miteinander verbunden sind.
Die Entstehung solcher dsRNA-Spezies ist kein zufälliges Aggregationsphänomen, sondern geht auf spezifische, enzymatisch vermittelte Nebenreaktionen der T7-RNA-Polymerase zurück.
Entstehungsmechanismen
Promotorunabhängige Transkription des Nicht-Templatestrangs
Unter bestimmten Bedingungen kann die T7-RNA-Polymerase auch ohne klassischen Promotorstart RNA synthetisieren, indem sie den Nicht-Templatestrang der DNA-Vorlage abliest. Die dabei entstehenden RNA-Moleküle sind weitgehend komplementär zur gewünschten mRNA. Treffen Sense- und Antisense-RNA aufeinander, bilden sich ausgedehnte, nahezu vollständig doppelsträngige RNA-Duplexe. Dieser Mechanismus wird insbesondere begünstigt, wenn die DNA-Vorlage nicht vollständig linearisiert ist oder spezifische Sequenzen am 3′-Ende der Vorlage vorliegen.
Abb. 1.2.2-D1: dsRNA-Entstehung durch promotorunabhängige Transkription des Nicht-Templatestrangs (RNA schematisch dargestellt; Nukleosid-Modifikationen (z. B. m¹Ψ) nicht explizit abgebildet.)
1) Der Normalfall: Der T7-Promotor hat eine außergewöhnlich hohe Affinität für die T7-RNA-Polymerase. Deshalb startet die Polymerase fast ausschließlich dort. Sie liest DNA stets in 3′ → 5′-Richtung und synthetisiert ein neues RNA-Molekül ausschließlich in 5′ → 3′-Richtung.
2) Das Ergebnis ist die gewünschte Sense-RNA, die genau der Sequenz des Nicht-Templatestrangs entspricht.
3) Der Sonderfall: Nach dem Run-off – dem Verlassen der DNA-Vorlage am Ende der Transkription – löst sich die Polymerase von der DNA. In seltenen Fällen kann sie unspezifisch an strukturell zugängliche DNA-Enden binden. Bindet sie dabei an den zuvor nicht als Template genutzten Strang, wird dieser zur neuen Vorlage.
Unter bestimmten Reaktionsbedingungen können auch lokal offene oder dynamisch schmelzende DNA-Bereiche entstehen, an die die T7-RNA-Polymerase promotorunabhängig binden kann. Erfolgt diese Bindung am zuvor nicht genutzten Strang, wird dieser als Template gelesen.
Bei der promotorunabhängigen Transkription des Nicht-Templatestrangs fehlt eine definierte Initiationsstelle, sodass kein co-transkriptionelles Capping erfolgt. Die entstehende Antisense-RNA trägt daher typischerweise ein freies 5′-Triphosphat (pppN).
4) Das Ergebnis ist eine komplementäre Antisense-RNA, die der Sequenz des Templatestrangs entspricht.
5) Entstehung eines langen dsRNA-Duplexes: Treffen Sense-RNA und Antisense-RNA zusammen, führt das zur Bildung von dsRNA (doppelsträngiger RNA). Dabei stellen die entstehenden dsRNA-Nebenprodukte kein homogenes Molekül dar, sondern ein strukturell heterogenes Gemisch aus vollständig oder partiell komplementären RNA-Duplexen. Diese können stumpfe Enden oder einzelsträngige Überhänge aufweisen und variieren erheblich in Länge und Endstruktur.RNA-abhängige 3′-End-Verlängerung (self-priming)
Ein zweiter zentraler Mechanismus ist die RNA-abhängige Verlängerung des 3′-Endes der frisch synthetisierten mRNA. Dabei klappt das 3′-Ende der RNA aufgrund komplementärer Sequenzen intramolekular zurück und bildet eine kurze dsRNA-Haarnadel. Die T7-RNA-Polymerase kann an diese Struktur erneut binden und den RNA-Strang weiter verlängern, wobei eine Sequenz entsteht, die zur ursprünglichen RNA komplementär ist. Dieser Prozess ist unabhängig von der DNA-Vorlage und kann sogar bei bereits vollständig transkribierten RNA-Molekülen auftreten.
Abb. 1.2.2-D2: dsRNA-Entstehung durch RNA-abhängige 3′-End-Verlängerung (Self-priming) (RNA schematisch dargestellt)
1) Sense-RNA: Normale, vollständig synthetisierte mRNA.
2) Hairpin-Bildung: Der 3′-Abschnitt faltet sich um. Es entsteht ein kurzer dsRNA-Stamm (z.B. 5-10 Basenpaare) mit einer Einzelstrang-Schleife.
3) Polymerase-Bindung: Die T7-Polymerase bindet an diesen dsRNA-Stamm, als wäre es ein DNA-Template-Primer-Komplex.
4) Verlängerung: Die Polymerase nutzt den einen Strang des Hairpins als Template und verlängert das freie 3′-Ende entlang des komplementären RNA-Abschnitts. Sie synthetisiert also die Antisense-Sequenz direkt in die Verlängerung des Sense-Strangs hinein.
5) Ergebnis: Die Polymerase verlängert den Strang so weit sie kann. Die neu synthetisierte Antisense-RNA hybridisiert sofort mit der Sense-RNA. Es entsteht ein partiell oder vollständig dsRNA-haltiges RNA-Molekül.Abgrenzung zu RNA-Sekundärstrukturen
Einzelsträngige RNA bildet natürlicherweise intramolekulare Sekundärstrukturen wie Haarnadeln (Hairpin) oder interne Schleifen (siehe obere Abbildung – Punkt 2). Diese sind integraler Bestandteil funktioneller mRNA, meist kurz und thermodynamisch flexibel. Solche Strukturelemente gelten nicht als dsRNA-Nebenprodukte im engeren Sinne und sind nicht mit den langkettigen dsRNA-Duplexen gleichzusetzen, die als IVT-Verunreinigungen relevant sind.Beide Mechanismen führen zur Bildung längerer, stabiler dsRNA-Abschnitte, die sich strukturell deutlich von den kurzen, dynamischen Sekundärstrukturen korrekt transkribierter mRNA unterscheiden.
Erscheinungsbild
dsRNA-Nebenprodukte liegen typischerweise als lange, teilweise oder vollständig komplementäre RNA-Duplexe vor. Sie können nahezu die gesamte Länge der Ziel-mRNA umfassen oder ausgedehnte doppelsträngige Regionen enthalten. Häufig besitzen diese Duplexe keine 5′-Cap-Struktur und können an den Enden über einzelsträngige Überhänge verfügen.
Biologische Auswirkung
dsRNA als strukturelles Gefahrensignal
Doppelsträngige RNA (dsRNA) stellt im Zytoplasma eukaryotischer Zellen kein typisches Strukturmotiv zelleigener, translierbarer mRNA dar. Das bedeutet: Während zelluläre mRNAs normalerweise einzelsträngig sind und dazu dienen, in Proteine übersetzt zu werden (mittels Translation), tritt dsRNA physiologisch nur in eng regulierten, kurzlebigen Kontexten auf. Das Auftreten von dsRNA im Zytoplasma wird daher von der Zelle nicht primär als genetische Information, sondern als strukturelles Warnsignal interpretiert.Zytosolische Erkennung von dsRNA
Zellen verfügen über spezialisierte Mustererkennungsrezeptoren (Pattern Recognition Receptors, PRRs). Diese „Detektoren für Gefahr“ patrouillieren durch das Zytoplasma und suchen nach strukturellen Mustern wie Duplex-Länge, Endstruktur und chemischer Modifikation der Nukleotide.Zytosolische dsRNA-Sensoren und ihre immunologischen Konsequenzen
Merkmal / Spezifität Zellulärer Sensor Biologische Konsequenz (für die Zelle) Kurze dsRNA (≈ 10-300 bp) mit 5′-Triphosphat und/oder stumpfen Enden RIG-I (Retinoic acid-Inducible Gene I)
Kurz-ppp-DetektorAuslösung einer entzündlichen Genexpression (Typ-I-Interferone, Zytokine). Alarmierung der Nachbarzellen. Lange dsRNA (> ~500–1.000 bp), unabhängig von den Enden MDA5 (Melanoma Differentiation-Associated protein 5)
Langduplex-ScannerAuslösung einer massiven Typ-I-Interferon-Antwort. Wichtige Abwehr gegen viele Viren. dsRNA mittlerer Länge (≈ ≥30–100 bp) PKR (Protein Kinase R)
Intrazellulärer EffektorGlobaler Stopp der Proteinbiosynthese: Phosphorylierung des Translationsfaktors eIF2α. Hemmung der viralen Vermehrung. dsRNA mittlerer Länge (≈ ≥40–100 bp) OAS (2′-5′-Oligoadenylat-Synthetasen)
Intrazellulärer EffektorUnspezifischer RNA-Abbau: aktiviert die latente Ribonuklease RNase L, die alle zellulären und viralen RNA-Moleküle zerschneidet. Kann zum Zelltod führen. dsRNA im Endosom (extra-zellulär aufgenommene oder phagozytierte dsRNA) TLR3 (Toll-like Receptor 3)
Wächter an der ZellpforteFührt zur Produktion von Typ-I-Interferonen und pro-inflammatorischen Zytokinen. Die Wirkung von m¹Ψ
Die Verwendung nukleosid-modifizierter mRNA (modRNA), etwa durch den Einbau von N¹-Methylpseudouridin, kann die Aktivierung bestimmter zytosolischer RNA-Sensoren deutlich reduzieren. Besonders betroffen sind RIG-I und PKR, die bevorzugt auf einzelsträngige RNA oder kurzlebige dsRNA-Strukturen reagieren. Längenabhängige Sensoren wie MDA5 werden durch diese Modifikation hingegen nur eingeschränkt moduliert und bleiben gegenüber ausgedehnten dsRNA-Duplexen weitgehend empfindlich.Aus diesem Grund besitzt dsRNA auch im Kontext von modRNA weiterhin ein hohes immunstimulatorisches Potenzial – das heißt, sie kann das Immunsystem aktivieren und unerwünschte Entzündungsreaktionen auslösen. Die effiziente Minimierung solcher dsRNA-Nebenprodukte durch optimierte Transkriptionsbedingungen, chemische Modifikationen und nachgelagerte Reinigungsverfahren ist daher ein zentraler Bestandteil der mRNA-Herstellung.
Ungefährer Anteil (vor Reinigung)
Der Anteil an dsRNA nach der IVT ist stark prozessabhängig und wird von Faktoren wie der Qualität der DNA-Vorlage, den Reaktionsbedingungen und der verwendeten Polymerase beeinflusst. Typischerweise liegt der dsRNA-Anteil vor der Aufreinigung im niedrigen einstelligen Prozentbereich, kann unter ungünstigen Bedingungen jedoch deutlich höher ausfallen.
e) RNA:DNA-Hybride
Während der in-vitro-Transkription kann es unter bestimmten Bedingungen dazu kommen, dass der neu synthetisierte RNA-Strang nicht vollständig vom DNA-Template dissoziiert. Er kann partiell am Templatestrang verbleiben und dabei den komplementären DNA-Strang verdrängen. Es entstehen sogenannte RNA:DNA-Hybride.
Die Bildung solcher Hybridstrukturen ist stark sequenzabhängig. Besonders purinreiche Transkripte – also RNA-Sequenzen mit vielen der Basen Adenin und Guanin – sowie DNA-Vorlagen mit sich wiederholenden GAA-Abschnitten (Guanin–Adenin–Adenin) begünstigen die Entstehung stabiler RNA:DNA-Duplexe. Diese Nebenprodukte werden in der Regel unterschätzt, lassen sich jedoch experimentell mit spezifischen Antikörpern gegen RNA:DNA-Hybride nachweisen. [Die Auswirkungen von In-vitro-Transkriptionsnebenprodukten und Verunreinigungen verstehen]
Erscheinungsbild
RNA:DNA-Hybride liegen typischerweise als R-Loop-artige Strukturen vor. Dabei handelt es sich um lokal begrenzte, dreisträngige Nukleinsäurekonformationen, bestehend aus:
- einem RNA:DNA-Hybrid-Duplex,
- einem verdrängten DNA-Einzelstrang,
- sowie der angrenzenden DNA-Doppelhelix außerhalb der Hybridregion.

Abb. 1.2.2-E: Schematische Darstellung einer R-Loop-Bildung während der in-vitro-Transkription Der neu synthetisierte RNA-Strang hybridisiert partiell mit dem DNA-Templatestrang und verdrängt dabei den komplementären Nicht-Templatestrang. Es entsteht ein R-Loop, bestehend aus einem RNA:DNA-Hybrid-Duplex und einem verdrängten DNA-Einzelstrang, eingebettet in eine ansonsten doppelsträngige DNA-Region.
Außerhalb des R-Loops liegt die DNA weiterhin als reguläre Doppelhelix vor.Biologische Auswirkung
Aktuelle Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass RNA:DNA-Hybride von zellulären Mustererkennungsrezeptoren (Pattern Recognition Receptors, PRRs) erkannt werden können. Zu diesen Sensoren des angeborenen Immunsystems zählen unter anderem cGAS, TLR9 und das Inflammasom-Protein NLRP3, die solche Hybridstrukturen binden können. Ihre Aktivierung kann eine Immunreaktion auslösen, die zur Bildung von entzündungsfördernden Botenstoffen (Zytokinen) und Typ-I-Interferonen führt.
Ob und in welchem Ausmaß RNA:DNA-Hybrid-Kontaminanten tatsächlich zu unerwünschten Immunreaktionen therapeutisch eingesetzter IVT-mRNA beitragen, ist bislang jedoch nicht systematisch untersucht worden.
Vor diesem Hintergrund erscheint die effiziente Entfernung von RNA:DNA-Hybrid-Verunreinigungen aus IVT-mRNA aus Qualitätssicherungsgründen als relevanter Aspekt. Dies gilt insbesondere für therapeutische Anwendungen, bei denen eine ausgeprägte Aktivierung des Immunsystems nicht angestrebt wird. [Die Auswirkungen von In-vitro-Transkriptionsnebenprodukten und Verunreinigungen verstehen]
Ungefährer Anteil (vor Reinigung)
Der Anteil an RNA:DNA-Hybriden nach der in-vitro-Transkription ist stark prozessabhängig. Er wird unter anderem durch die Sequenz und Qualität der DNA-Vorlage sowie durch die Reaktionsbedingungen beeinflusst. Insgesamt wird ihr Anteil vor der Aufreinigung als gering eingeschätzt, kann jedoch je nach Transkript und Prozessführung variieren. Verlässliche, öffentlich zugängliche quantitative Daten zum genauen Anteil von RNA:DNA-Hybriden in therapeutischen mRNA-Produkten liegen bislang nicht vor, da entsprechende Messwerte in der Regel Teil des firmenspezifischen Herstellungs- und Qualitätskontrollwissens sind.
** Eine weitere Entstehungsmöglichkeit für RNA:DNA-Duplexe im Rahmen der DNase-Behandlung wird in Abschnitt „1.3.1. a) Mögliche posttranskriptionelle RNA:DNA-Hybridisierung“ beschrieben. **

1.3. Reinigungsverfahren im Herstellungsprozess
Da mRNA-Impfstoffe extrem hohe Reinheitsanforderungen erfüllen müssen, ist die Aufreinigung kein einzelner, isolierter Prozessschritt. Vielmehr zieht sie sich wie ein roter Faden durch den gesamten Herstellungsprozess.
Der genaue industrielle Ablauf ist bei Herstellern wie BioNTech/Pfizer oder Moderna proprietär (unternehmensintern) und wird nicht vollständig offengelegt. Patente und regulatorische Dokumente zeigen jedoch, dass eine Kombination etablierter biotechnologischer Reinigungsverfahren eingesetzt wird.
Eine schematische, industrieübergreifende Übersicht zur mRNA-Herstellung, in der der kontinuierliche Fluss von Reinigungsaktivitäten entlang des Gesamtprozesses dargestellt ist, findet sich beispielhaft in der technischen Dokumentation von Merck/Sigma-Aldrich (Manufacturing strategies for mRNA vaccines and therapies, Abbildung 1).
Im Herstellungsprozess lassen sich vereinfacht drei besonders kritische Reinigungsphasen unterscheiden:
- vor der in-vitro-Transkription (prä-IVT): Aufreinigung der DNA-Vorlage,
- nach der in-vitro-Transkription (post-IVT): Aufreinigung der synthetisierten mRNA,
- nach der Formulierung: sterile Filtration der lipid-nanopartikulären Formulierung.
Anstatt diese Phasen streng chronologisch abzuarbeiten, werden im Folgenden die wichtigsten Reinigungsprinzipien und -methoden vorgestellt, die an unterschiedlichen Stellen des Herstellungsprozesses wiederholt zum Einsatz kommen.
1.3.1. DNase I-Behandlung – enzymatischer DNA-Abbau
1.3.2. Proteinase K – enzymatischer Abbau von Restproteinen
1.3.3. Filtration
1.3.4. Chromatographie – das molekulare Trennverfahren
1.3.5. Magnetkügelchen-ReinigungDie folgende Übersicht fasst die zentralen Reinigungstechniken zusammen. Sie dient als Rahmen für die anschließend vertiefte Darstellung der jeweiligen Methoden.
Methode Entfernt Prinzip Vorteile Einschränkungen DNase I Behandlung Template-DNA Spezifischer enzymatischer Abbau Sehr selektiv, zerkleinert problematische Nukleinsäuren Enzyme müssen vollständig entfernt werden, sonst Gefahr von Restaktivität Proteinase K Enzyme aus der Transkription (z. B. Polymerasen, Ligase, Restriktions-enzyme) Unspezifischer Abbau von Proteinen Universell wirksam, entfernt viele Proteinarten Muss durch weitere Reinigungsschritte ergänzt werden (Enzymreste selbst problematisch) Filtration & TFF (Tangentialfluss-filtration) Salze, Nukleotide, kleine Moleküle, Pufferreste; auch Konzentration möglich Trennung nach Molekülgröße durch Membranen Skalierbar, robust, vielseitig (Konzentration + Pufferwechsel in einem Schritt) Keine Unter-scheidung ähnlicher Nukleinsäuren; eher ein „Grobwerkzeug“ Chromatografie (Poly(dT), AEX) dsRNA, kurze RNA-Fragmente, restliche Nukleotide, Proteine Trennung nach Ladung oder spezifischer Bindung an Oberflächen Sehr präzise, trennt eng verwandte Nukleinsäuren; etabliert in der Industrie Technisch anspruchsvoll, kostenintensiv, erfordert exakte Prozesskontrolle Magnetkügelchen-Reinigung
(Prozess 1)Selektion reifer, polyadenylierter mRNA; entfernt kurze Fragmente & Verunreinigungen Poly(T)-beschichtete Beads binden spezifisch an den Poly(A)-Schwanz der mRNA Hohe Spezifität, schnelle und effiziente Trennung Für kleine bis mittlere Volumina geeignet; bei Großproduktion schwer skalierbar
1.3.1. DNase I-Behandlung – enzymatischer DNA-Abbau
Deoxyribonuclease I (DNase I) ist ein Enzym, das DNA-Moleküle in kleinere Fragmente spaltet. Oft spricht man auch vom „Verdauen“ der DNA – ein bildhafter Ausdruck für den enzymatischen Abbau langer DNA-Stränge in kürzere Stücke. In der Biotechnologie wird DNase I eingesetzt, um unerwünschte DNA-Verunreinigungen gezielt zu fragmentieren.
DNase I ist somit kein vollständiger Reinigungsmechanismus, sondern ein vorbereitender Schritt, der die nachfolgende physikalische und chromatographische Trennung erleichtert.
In der mRNA-Impfstoffherstellung wird DNase I nach der in-vitro-Transkription (IVT) eingesetzt, um die DNA-Vorlage (Template-DNA) sowie den DNA-Anteil eventuell gebildeter RNA:DNA-Hybride zu fragmentieren, die die Qualität oder Sicherheit des Endprodukts beeinträchtigen könnten. Die DNase I erkennt die räumliche Struktur der DNA – genauer gesagt: das Zucker-Phosphat-Rückgrat. Das Enzym setzt sich wie ein Sattel auf die DNA und greift in die sogenannte „kleine Furche“ (minor groove). Dabei verbiegt sie die DNA-Struktur lokal, um den Zugang zur Phosphodiesterbindung zu ermöglichen. Da die Breite der kleinen Furche je nach Basenabfolge minimal variiert, schneidet DNase I an manchen Stellen (z. B. bei bestimmten A/T-reichen Regionen) etwas lieber als an anderen.

Abb. 1.3.1-A: Schematische Darstellung der Bindung von DNase I an doppelsträngige DNA. Die typische B-Form der DNA ist die schlanke, rechtsgewundene Doppelhelix, die aussieht wie eine Wendeltreppe mit zwei unterschiedlich großen Rillen (einer großen und einer kleinen Furche), die sich um sie herum winden.
Das Enzym interagiert bevorzugt mit der kleinen Furche (minor groove) des DNA-Doppelstrangs und bindet dabei an das Zucker-Phosphat-Rückgrat. Die Bindung führt zu einer lokalen Verformung der DNA, wodurch die Spaltung der Phosphodiesterbindung ermöglicht wird. Die große Furche (major groove) ist dargestellt, spielt jedoch für die Bindung von DNase I keine primäre Rolle.DNase I schneidet DNA unspezifisch, also an vielen verschiedenen Positionen entlang des Strangs. Sie wirkt sowohl auf einzelsträngige (ssDNA) als auch auf doppelsträngige DNA (dsDNA). Ihre Aktivität hängt dabei von mehreren Faktoren ab, insbesondere von den vorhandenen Metallionen, die die Art der Schnittstellen beeinflussen [bioswisstec, YEASEN]:
In Gegenwart von Magnesium-Ionen (Mg²⁺) schneidet DNase I die doppelsträngige DNA (dsDNA) überwiegend durch einzelsträngige Schnitte („nicks“). Das führt zur Bildung kurzer doppelsträngiger DNA-Fragmente (dsDNA) mit Überhängen sowie in geringerem Umfang zu einzelsträngigen (ssDNA) Fragmenten.
In Gegenwart von Mangan-Ionen (Mn²⁺) schneidet die DNase I beide dsDNA-Stränge nahezu an derselben Position, wodurch überwiegend stumpf-endige dsDNA-Fragmente entstehen.

Abb. 1.3.1-B: Schematische Darstellung der DNase I-Wirkung in Abhängigkeit von Metallionen Effektivität der DNase I
Der Hersteller Thermo Fisher Scientific beschreibt in dem Online-Artikel „DNase I entmystifiziert“ die Wirkweise und Grenzen der DNase-I-Behandlung. Der Beitrag verdeutlicht, dass die Effektivität von DNase I stark von den Reaktionsbedingungen und der Art des vorliegenden DNA-Substrats abhängt.
Im Produktionsprozess befinden wir uns nach der in-vitro-Transkription (IVT). Die Reaktionsmischung ist ein komplexer Mix aus:
- der Ziel-mRNA (Hauptkomponente),
- RNA-Nebenprodukten (z. B. verkürzte Transkripte, RNA:DNA-Hybride),
- dem DNA-Template (in relevanter, aber geringerer Menge als mRNA),
- seltenen Restformen nicht-linearer Plasmid-DNA (z. B. supercoiled),
- Enzymen, freien Nukleotiden, Salzen und Puffersubstanzen.
Wie viele Enzyme wird auch die Aktivität der DNase I durch die Zusammensetzung der Reaktionsmischung beeinflusst.
Einflussfaktoren auf die Effektivität der DNase-I-Behandlung
Faktor Mechanismus Prozessrelevanz (mRNA-Herstellung) Substrat-Zugänglichkeit DNase I schneidet bevorzugt frei zugängliche Phosphodiesterbindungen; kompakte oder topologisch eingeschränkte DNA ist schlechter erreichbar. Supercoiled oder stark verdrillte DNA-Strukturen (z. B. seltene Plasmid-Restformen) werden langsamer oder unvollständig fragmentiert. Substrat-Sättigung Hohe DNA-Mengen können das Enzym sättigen; hohe RNA-Konzentrationen beeinflussen die räumliche Zugänglichkeit der DNA. In IVT-Mischungen mit sehr hoher Nukleinsäurelast ist ein Enzymüberschuss erforderlich. Helix-Geometrie Die aktive Stelle der DNase I ist auf die B-Form der DNA optimiert (abweichende Helixformen passen schlechter). RNA:DNA-Hybride weisen eine A-Form-ähnliche Helix auf → Spaltaktivität < 2 % gegenüber dsDNA DNA-Struktur
(dsDNA vs. ssDNA)Höchste Aktivität auf dsDNA; Aktivität auf ssDNA etwa 500-fach geringer Sehr kurze oder teilweise einzelsträngige DNA-Fragmente werden schlechter abgebaut. Ionen im Puffer Mg²⁺ ist für die katalytische Aktivität essenziell; Ca²⁺ stabilisiert die Enzymstruktur Therapeutische Prozesse erfordern präzise eingestellte Ionenverhältnisse. Chelatoren Chelatoren (z. B. EGTA, EDTA) binden Ca²⁺/Mg²⁺ und inaktivieren DNase I. Rückstände aus Puffern oder Prozess-schritten können die DNase-Wirkung stark reduzieren. Salzkonzentration Erhöhte Ionenstärke schwächt die elektrostatische Bindung zwischen Enzym und DNA. IVT-Pufferbedingungen können die Aktivität mindern → kompensiert durch Enzymüberschuss. Der Beitrag von Thermo Fisher Scientific weist darauf hin, dass „es wahrscheinlich unmöglich ist, jeden letzten DNA-Strang in einem RNA-Präparat loszuwerden“.
Dies verdeutlicht, dass die vollständige Entfernung aller DNA-Reste technisch anspruchsvoll ist. Selbst nach sorgfältiger DNase-I-Behandlung können kurze DNA-Fragmente oder RNA:DNA-Hybride verbleiben.
Die so erzeugten kleinen DNA-Fragmente werden in nachfolgenden Prozessschritten – etwa durch Magnetkügelchen-Reinigung (bei Prozess 1) oder Chromatografie (bei Prozess 2) – aus dem Produkt entfernt (vgl. EPAR, Abschnitt 2.2).

Abb. 1.3.1-C: Schematische Darstellung der DNase-I-Behandlung im Reinigungsschritt In der industriellen mRNA-Herstellung erfolgt die DNase-I-Behandlung unmittelbar nach der in-vitro-Transkription (IVT), da die Reaktionsmischung bereits einen für das Enzym geeigneten Mg²⁺-haltigen Puffer enthält. Die Mg²⁺-abhängige Aktivität der DNase I führt überwiegend zur Fragmentierung der DNA in kurze doppelsträngige DNA-Fragmente mit Nicks (Strangbrüchen) und kurzen Überhängen. (Mn²⁺ wird aufgrund der unspezifischeren und schwer kontrollierbaren Spaltaktivität im industriellen Prozess nicht eingesetzt.)
Nach abgeschlossener Reaktion wird die DNase I häufig inaktiviert oder entfernt, beispielsweise durch Hitze, EDTA-Zugabe oder Proteinase K-Behandlung, um sicherzustellen, dass keine enzymatische Aktivität auf die mRNA übergreift.
1.3.1. a) Mögliche posttranskriptionelle RNA:DNA-Hybridisierung
Neben den während der in-vitro-Transkription entstehenden R-Loop-Strukturen wird in der neueren Literatur ein zweiter möglicher Entstehungsweg für RNA:DNA-Hybride diskutiert.
Die DNase-I-Behandlung fragmentiert die verbliebenen DNA-Vorlagen in Stücke unterschiedlicher Länge – überwiegend doppelsträngig, teilweise jedoch auch mit einzelsträngigen Überhängen oder als kurze Einzelstrangabschnitte.
Fragmente, deren Sequenz komplementär zur mRNA ist – insbesondere solche, die vom Templatestrang der ursprünglichen DNA-Vorlage stammen –, könnten unter geeigneten Bedingungen mit der mRNA hybridisieren und RNA:DNA-Duplexe bilden.
Für eine thermodynamisch stabile Hybridisierung sind in der Regel zusammenhängende komplementäre Sequenzen von etwa 8–12 Nukleotiden oder mehr erforderlich. Sehr kurze Überhänge von nur wenigen Nukleotiden (z. B. 2–4 Basen), wie sie bei einem weitgehend vollständigen DNase-Verdau typischerweise entstehen, sind dagegen nicht ausreichend für eine stabile Bindung. Voraussetzung für diesen Mechanismus wäre daher das Vorhandensein ausreichend langer, komplementärer DNA-Fragmente, etwa bei unvollständigem Verdau oder spezifischen Fragmentmustern.
Hinsichtlich der enzymatischen Abbaubarkeit ist zu berücksichtigen, dass DNase I bevorzugt doppelsträngige DNA spaltet. RNA:DNA-Hybride stellen ein strukturell abweichendes Substrat dar und werden effizienter durch spezialisierte Enzyme wie RNase H oder DNase I-XT abgebaut. In der Praxis kann dies bedeuten, dass einmal gebildete RNA:DNA-Hybride gegenüber einem erneuten DNase-I-Verdau relativ stabiler sind als freie DNA-Fragmente. Eine zusätzliche Stabilisierung kann auftreten, wenn solche Strukturen in Lipid-Nanopartikel eingeschlossen werden.
Dieser postulierte Mechanismus der Post-IVT-Hybridisierung ist bislang nicht umfassend experimentell charakterisiert. Er basiert auf theoretischen Überlegungen und vereinzelten experimentellen Hinweisen und sollte daher als plausible, aber noch nicht abschließend belegte Möglichkeit eingeordnet werden.

Abb. 1.3.1a: Schematische Darstellung einer möglichen posttranskriptionellen Hybridisierung Kurze DNA-Fragmente können unter geeigneten Bedingungen partiell an komplementäre Abschnitte der mRNA binden. Im Gegensatz zum R-Loop entsteht keine dreisträngige Struktur, sondern ein lokal begrenzter RNA:DNA-Duplex.
1.3.2. Proteinase K – enzymatischer Abbau von Restproteinen
Proteinase K ist eine breit wirksame Serinprotease, die in der Biotechnologie eingesetzt wird, um Proteine unspezifisch zu hydrolysieren, also in kleinere Peptidfragmente zu zerlegen. Sie gehört zur Klasse der Proteinasen – Enzyme, die Peptidbindungen zwischen Aminosäuren spalten und dadurch die dreidimensionale Struktur von Proteinen irreversibel auflösen.
In der mRNA-Impfstoffherstellung kann Proteinase K an verschiedenen Prozessstellen eingesetzt werden, insbesondere:
Nach der Zelllyse in der Plasmidproduktion: Hier dient sie dem Abbau bakterieller Proteine, Nukleasen und weiterer Zellbestandteile, die die Reinheit der Plasmid-DNA beeinträchtigen könnten.
Nach der in-vitro-Transkription (IVT): Nach der Transkription, bei der die mRNA aus der DNA-Vorlage synthetisiert wird, verbleiben in der Reaktionsmischung mehrere Enzyme, darunter die T7-RNA-Polymerase sowie DNase I aus dem vorangegangenen Prozessschritt. Proteinase K kann eingesetzt werden, um diese enzymatischen Rückstände gezielt zu hydrolysieren und damit die Reinheit der mRNA weiter zu erhöhen.
Wirkmechanismus
Proteinase K bindet zunächst an frei zugängliche Bereiche eines Zielproteins und beginnt dort mit der Spaltung von Peptidbindungen. Durch diese ersten Schnitte verliert das Protein schrittweise seine kompakte, dreidimensionale Faltung. Mit zunehmender Destabilisierung werden auch zuvor geschützte innere Strukturbereiche angreifbar, sodass das Protein allmählich in immer kleinere Peptidfragmente zerfällt – es „bröckelt“ förmlich auseinander. Am Ende des Prozesses verbleiben kurze, biologisch inaktive Peptidketten, die keine enzymatische Funktion mehr besitzen.

Abb. 1.3.2: Schematische Darstellung der Proteinase-K-Wirkung Die Proteinase K greift die DNase I an und spaltet deren Peptidbindungen. Zunächst werden äußere Proteinbereiche hydrolysiert, wodurch die Struktur destabilisiert wird. Schrittweise zerfällt das Protein in kleinere Fragmente, bis schließlich nur noch kurze, biologisch inaktive Peptidstücke verbleiben.
Proteinase K ist selbst ein Protein und wird nicht im Endprodukt belassen. Ihre Aktivität kann durch Prozessbedingungen, etwa durch die Reduktion stabilisierender Calciumionen, vermindert werden. In der Praxis erfolgt die Entfernung der Proteinase K jedoch vor allem physikalisch: Sowohl das Enzym selbst als auch die entstehenden Peptidfragmente werden in nachfolgenden Reinigungsschritten, insbesondere durch Ultrafiltration (z. B. Tangentialflussfiltration) und chromatographische Verfahren, zuverlässig aus der Lösung entfernt.
Bedeutung im Prozess
Durch den gezielten Einsatz von Proteinase K können restliche Prozessenzyme, bakterielle Proteine und andere Proteinverunreinigungen effektiv reduziert werden. Dies schafft definierte Ausgangsbedingungen für die nachfolgenden Filtrations- und chromatographischen Reinigungsschritte. Der Einsatz von Proteinase K stellt dabei keinen zwingenden Bestandteil jedes Herstellungsprozesses dar, erhöht jedoch die Robustheit und Reproduzierbarkeit der Aufarbeitung, insbesondere bei großskaliger industrieller Produktion.
1.3.3. Filtration
Die Filtration ist ein physikalisches Trennverfahren, das Partikel oder Moleküle hauptsächlich aufgrund ihrer Größe voneinander trennt

Dabei wird eine Mischung durch ein poröses Filtermaterial geleitet. Im einfachsten Fall wirken die Poren wie ein mechanisches Sieb: Partikel, die größer sind als die Poren, werden zurückgehalten, während kleinere Moleküle passieren.
a) Filtration – Trennung nach Größe
b) Tangentialflussfiltration (TFF)
c) Sterile Filtrationa) Filtration – Trennung nach Größe
Im Rahmen der Plasmidaufreinigung kommen zwei Grundprinzipien zum Einsatz:
- die Abtrennung unlöslicher Partikel (Klärung), um eine trübe Suspension zu klären,
- die Trennung gelöster Moleküle nach Größe (Membranfiltration), um beispielsweise Puffer auszutauschen oder Moleküle zu konzentrieren.
Klärung: Filtration nach Lyse der E.coli-Bakterienzellen
Ausgangslage: Lyse der Bakterienzellen
Die Zugabe von Natronlauge (NaOH) und dem Detergens SDS löst die fetthaltige Zellhülle der Bakterien auf. Die alkalische Lyse wirkt sich dabei nicht nur auf die Membranen, sondern auch auf Nukleinsäuren und Proteine aus. Die Doppelhelix-Struktur der DNA wird denaturiert. Die lange, faserige genomische DNA wird zusätzlich mechanisch fragmentiert. Unter den stark basischen Bedingungen verlieren Proteine ihre dreidimensionale Faltung und damit ihre biologische Funktion.Neutralisation: Ordnung des Systems
Durch Zugabe einer sauren Lösung wird die alkalische Reaktionsmischung neutralisiert. Die kurzen, ringförmigen Plasmid-DNA-Moleküle können unter diesen Bedingungen wieder korrekt renaturieren und bleiben in Lösung. Die fragmentierten und fehlgepaarten Reste der genomischen DNA sowie denaturierte Proteine aggregieren (verklumpen) dagegen zusammen mit Lipiden und Membranbestandteilen und fallen als weißlicher Niederschlag aus.Zwischenzustand
Nach der alkalischen Lyse und Neutralisation liegt die Probe als Zweiphasensystem vor: eine gelöste Phase mit Plasmid-DNA und ein unlöslicher Niederschlag aus aggregierten Bestandteilen. Diese Aggregate bestehen aus fragmentierter genomischer DNA, denaturierten Proteinen, ribosomalen Bestandteilen und Membranresten.Klär- und Tiefenfiltration
Im industriellen Maßstab werden diese Feststoffe effizient durch Tiefenfiltration entfernt. Dabei durchläuft die Suspension ein mehrlagiges, poröses Filtermaterial. Die Partikel werden nicht nur an der Oberfläche, sondern auch innerhalb der Filtermatrix zurückgehalten, was eine hohe Aufnahmekapazität und effektive Klärung ermöglicht.Ergebnis
Das klare Filtrat enthält die gelöste Plasmid-DNA weitgehend befreit von Zelltrümmern und ausgefällten Aggregaten. Diese grob gereinigte Lösung bildet die Grundlage für die nachfolgenden, hochauflösenden chromatographischen Reinigungsschritte.
Abb. 1.3.3-A: Die Abbildung zeigt das Zelllysat vor und nach der Tiefenfiltration. Nach der alkalischen Lyse enthält das Lysat neben der gewünschten Plasmid-DNA zahlreiche bakterielle Bestandteile und Prozesshilfsstoffe.
Während der anschließenden Neutralisation bilden fragmentierte genomische DNA, denaturierte Proteine, sowie Lipide und Membranreste unregelmäßige, voluminöse Aggregate (dargestellt als Wolken).
Durch die Tiefenfiltration werden diese ausgefällten Aggregate effektiv entfernt. Das resultierende Filtrat ist eine klare Lösung, die die gelöste Plasmid-DNA enthält. Daneben können noch lösliche RNA-Reste, Endotoxine (LPS), Salze, Pufferbestandteile sowie geringe Mengen gelöster Proteinreste vorhanden sein.Membranfiltration: Ultrafiltration und Diafiltration
Eine besonders wichtige Variante der Membranfiltration in der Biotechnologie ist die Ultrafiltration (UF). Sie dient der Trennung gelöster Makromoleküle (z. B. Nukleinsäuren oder Proteine) von kleineren Molekülen wie Salzen, Puffern oder Nukleotiden.
Wird während der Ultrafiltration kontinuierlich frischer Puffer zugegeben, spricht man von Diafiltration (DF). Dadurch lassen sich Moleküle nicht nur konzentrieren, sondern auch gezielt in eine neue Lösung überführen. UF und DF werden häufig kombiniert und als UF/DF-Prozess bezeichnet.
Die vorherrschende Technik für die Durchführung von UF/DF ist die Tangentialflussfiltration (TFF). [ROCKER]
b) Tangentialflussfiltration (TFF)
Bei der klassischen Filtrationsmethode (Dead-End-Filtration oder Direktflussfiltration) strömt die Lösung senkrecht auf die Membran, wodurch sich große Moleküle auf der Oberfläche ablagern und eine „Filterkuchenschicht“ bilden können. Dies verringert mit der Zeit den Durchfluss und die Lebensdauer der Membran.
Die Tangentialflussfiltration (TFF) löst dieses Problem: Hier bewegt sich die Flüssigkeit tangential entlang der Membran. Ein Teilstrom (das Permeat) passiert die Membran, während der Reststrom (das Retentat) parallel weiterfließt und Ablagerungen abträgt. Dadurch bleibt die Membran länger durchlässig und es können Konzentration und Diafiltration gleichzeitig durchgeführt werden.
Begriffserklärungen:
Retentat: Die Fraktion, die von der Membran zurückgehalten wird (meist das gewünschte Makromolekül).
Permeat: Die Fraktion, die die Membran passiert (meist kleine Moleküle und Verunreinigungen).
Abb. 1.3.3-B1: Dead-End-Filtration vs. Tangential-Flow-Filtration Bei der Dead-End-Filtration trifft der gesamte Zufluss senkrecht auf die Membran. Kleine Moleküle (Permeat) passieren die Poren, während große Moleküle zurückgehalten werden. Dadurch bildet sich mit der Zeit ein „Filterkuchen“, der die Effizienz verringert.
Bei der Tangential-Flow-Filtration strömt die Lösung parallel zur Membran. Während kleine Moleküle durch die Membran ins Permeat gelangen, werden größere Moleküle im Retentat weitergeführt. Durch den tangentialen Fluss wird die Membran kontinuierlich gespült, Ablagerungen werden verhindert und die Filtration bleibt über längere Zeit stabil und effizient.TFF ist heute eine Standardtechnik in der biopharmazeutischen Produktion, weil sie robust, skalierbar und vielseitig einsetzbar ist.
TFF bei der Impfstoffherstellung
Die Tangentialflussfiltration (TFF) wird während der mRNA-Produktion an mehreren Punkten eingesetzt: zum Beispiel nach der Transkription, nach enzymatischen Prozessierungen oder vor/nach chromatographischen Reinigungsschritten. Ihre Aufgaben reichen vom Entfernen kleiner Moleküle über den Pufferwechsel bis zur Produktkonzentration.
In diesem Kapitel konzentrieren wir uns auf einen zentralen, aber nicht abschließenden Reinigungsschritt:
TFF direkt nach der in-vitro-Transkription (IVT)
Hier dient sie der Grobreinigung der frisch synthetisierten mRNA. Sie trennt die mRNA von Enzymen, Reagenzien und Nebenprodukten und bereitet sie so für die nachfolgende Hochreinigung vor.
Ausgangslage: Die „Rohlösung“ nach der IVT, DNase-I- und Proteinase-K-Behandlung
Die mRNA liegt zu diesem Zeitpunkt in einer reaktionshaltigen Lösung vor, die noch eine Vielzahl unerwünschter Stoffe enthält:
- Enzyme (z. B. T7-Polymerase, DNase I),
- unverbrauchte Nukleotide,
- DNA-Reste vom Template,
- Puffersalze,
- Nebenprodukte der Reaktion (z. B. kurze RNA-Fragmente),
- ggf. Restbestandteile aus vorgelagerten biologischen Prozessen.
Um die mRNA-Lösung aufzubereiten, wird sie durch eine Filtereinheit mit Membranen definierter Porengröße geleitet. Moleküle unterhalb dieser Porengröße – etwa Salze, Nukleotide oder kleine Proteinreste – passieren die Membran (Permeat), während die großen mRNA-Moleküle im Retentat zurückgehalten werden.
Während des Prozesses wird kontinuierlich frischer Puffer zugegeben (Diafiltration). Dadurch werden niedermolekulare Verunreinigungen schrittweise ausgewaschen, während die mRNA gleichzeitig in den Zielpuffer überführt und konzentriert wird (Ultrafiltration).

Abb. 1.3.3-B2: Schematische Darstellung der Tangentialflussfiltration (TFF) im Rahmen der mRNA-Aufarbeitung Die mRNA-Lösung zirkuliert kontinuierlich durch das UF/DF-System. Kleine Moleküle passieren die Membran und werden ausgespült (Permeat). Eine Pumpe sorgt dafür, dass das Retentat – also die mRNA-haltige Fraktion – mehrfach über die Membran geführt wird. Durch wiederholte Zyklen und Pufferzugabe werden Verunreinigungen entfernt und die mRNA-haltige Fraktion gleichzeitig konzentriert und umgepuffert.
Wichtig ist:
Die TFF ist eine Grobtrennung nach Größe. Verunreinigungen mit ähnlicher Größe oder Form wie die mRNA – etwa doppelsträngige RNA, RNA-Fragmente vergleichbarer Länge oder RNA:DNA-Hybride – können in diesem Schritt nicht entfernt werden. Diese kritischen Nebenprodukte verbleiben im Retentat und müssen in den nachfolgenden, hochauflösenden chromatographischen Schritten abgetrennt werden.
c) Sterile Filtration
Die sterile Filtration ist ein zentraler letzter Schritt vor der Abfüllung eines mRNA-Impfstoffs. Dabei wird die fertige Formulierung (Lipidnanopartikel, die die mRNA enthalten) durch einen sehr feinen Filter geleitet. Die Porengröße ist klein genug, um alle Bakterien, Pilze und größere Partikel zuverlässig zurückzuhalten.
Prinzip der sterilen Filtration
Die sterile Filtration ist ein reines Größen-Siebverfahren:
- Die Membran besitzt exakt definierte Poren von 0,22 µm.
- Mikroorganismen sind deutlich größer und bleiben hängen.
- Die Wirkstoffpartikel (LNPs) sind viel kleiner (60–100 nm = 0,06–0,1 µm) und passieren den Filter problemlos.
Da keine Hitze oder chemische Behandlung nötig ist, eignet sich dieser Schritt besonders für empfindliche biologische Präparate wie mRNA-LNPs, die nicht autoklaviert (mit Dampf, Druck und Hitze sterilisiert) werden dürfen.
Ablauf im Detail
Die LNP-mRNA-Lösung liegt im Formulierpuffer vor. Sterile Filtration erfolgt in einer Reinraumumgebung (Klasse A/B) unter streng aseptischen Bedingungen. Es werden ausschließlich sterile Einwegartikel verwendet: Filter, Schläuche, Beutel, Pumpenköpfe, Sammelbehälter.
Die Formulierung wird mit sanftem Druck (Peristaltikpumpe oder Druckgas) durch den 0,22-µm-Filter geleitet.
Der Filter hält zurück:
▪️Bakterien (~0,5–5 µm)
▪️Hefen und Pilzsporen (~1–10 µm)
▪️Partikel oder Aggregate > 0,22 µmDurchgelassen werden:
▪️LNPs (60–100 nm)
▪️Pufferbestandteile
▪️gelöste Moleküle
Abb. 1.3.3-B3: Schematische Darstellung der Sterilen Filtration Damit wird sichergestellt, dass die Formulierung frei von Mikroorganismen und sichtbaren Partikeln ist.
Warum sterile Filtration notwendig ist
Nach GMP-Richtlinien dürfen sterile Arzneimittel ausschließlich mit validierten, sterilen Filtrationsprozessen hergestellt werden. Die sterile Filtration ist daher Pflicht und stellt sicher, dass:
- die fertige Impfstofflösung mikrobiologisch einwandfrei ist
- keine großen Partikel, Aggregate oder Verunreinigungen in das Endprodukt gelangen
- die anschließende sterile Abfüllung („aseptic fill & finish“) korrekt erfolgen kann
Die sterile Filtration ist kein chemischer Reinigungsschritt, sondern ein essenzieller Sicherheits- und Qualitätsprozess. Sie bildet die Brücke zwischen der biotechnologischen Aufreinigung der mRNA und dem finalen, sterilen Arzneimittel in der Durchstechflasche.
1.3.4. Chromatographie – das molekulare Trennverfahren
Die Chromatographie ist eine der wichtigsten Verfahren zur Reinigung biologischer Moleküle wie DNA, RNA oder Proteine. Das Prinzip basiert auf der unterschiedlich starken Wechselwirkung der Stoffe mit zwei Phasen: einer stationären Phase (ein festes Trägermaterial in einer Säule) und einer mobilen Phase (eine flüssige Lösung, die das Probengemisch transportiert).
Während die mobile Phase – also das zu trennende Molekülgemisch – durch die stationäre Phase fließt, werden die einzelnen Moleküle je nach ihrer Größe, Ladung oder anderen chemischen Eigenschaften unterschiedlich stark zurückgehalten. Dies führt zu einer zeitlichen Trennung, bei der die Bestandteile des Gemischs nacheinander eluieren (herausgespült werden).
Anschaulich gesprochen ist die Chromatographie ein „molekularer Hindernislauf“: Manche Moleküle interagieren kaum mit der stationären Phase und gleiten schnell hindurch. Andere bleiben häufiger „hängen“ und werden dadurch stärker verzögert. So erreicht jede Komponente das Ziel zu einer anderen Zeit und kann sauber aufgefangen werden.
Chromatographie-Methoden in der mRNA-Reinigung
In industriellen Prozessen, wie sie beispielsweise von MERCK beschrieben werden („Manufacturing strategies for mRNA vaccines“), kommen dabei zwei chromatographische Verfahren in Kombination zum Einsatz:
Methode Trennung nach Typische Anwendung Affinitäts-Chromatographie (Poly(dT)) spezifischer Bindung Primäre Aufreinigung: Isolierung intakter mRNA aus der IVT-Reaktionsmischung Ionenaustausch-
Chromatographieelektrischer Ladung Feinreinigung: Entfernen von dsRNA, RNA:DNA-Hybriden, DNA-Fragmenten und weiteren produktbezogenen Verunreinigungen a) Poly(dT)-Affinitätschromatographie
Poly(dT)-AC = Poly(dT) Affinity Chromatography
Die Affinitätschromatographie nutzt spezifische Wechselwirkungen zwischen Biomolekülen und einer funktionalisierten Oberfläche. Bei der Herstellung von mRNA-Impfstoffen wird die Poly(dT)-Affinitätschromatographie gezielt eingesetzt, um die reife mRNA nach der in-vitro-Transkription (IVT) aus der komplexen Reaktionslösung zu isolieren.
Ausgangslage: Nach in-vitro-Transkription (IVT), enzymatischer Nachbehandlung und Tangentialflussfiltration (TFF)
Prinzip und Ablauf
Stationäre Phase: Das Harz in der Säule ist mit langen, einzelsträngigen Ketten von Thymin-Basen (T) beschichtet, der sogenannten Poly(dT)-Matrix.
Mobile Phase: Die voraufgereinigte IVT-Lösung – bestehend aus mRNA, RNA-Nebenprodukten (z. B. dsRNA, verkürzte Transkripte), Restmengen an DNA-Fragmenten sowie definierten Puffersalzen – wird auf die Säule gegeben.
Das Zielmolekül ist das reife mRNA-Molekül – die „polyadenylierte mRNA“. Diese trägt am 3′-Ende eine Kette aus Adenin-Basen (A), den sogenannten Poly-A-Schwanz.
Spezifische Bindung über Basenpaarung
Adenin (A) und Thymin (T) bilden – wie in der DNA – spezifische Wasserstoffbrückenbindungen aus. Bildlich formuliert, der Poly(A)-Schwanz der mRNA hängt sehr stabil am Poly(dT)-Haken des Harzes.
Abb. 1.3.4-A1: Die mRNA haftet über ihren Poly(A)-Schwanz an dem Poly(dT)-Harz. Der Poly(A)-Schwanz therapeutischer mRNA umfasst typischerweise etwa 100–120 Adenin-Basen; in der Abbildung ist er aus Darstellungsgründen verkürzt dargestellt.
Nur Moleküle mit intaktem Poly(A)-Schwanz binden fest an das Harz; alle anderen Bestandteile der IVT-Reaktion fließen durch. Dazu gehören:
(a) verbleibende freie Nukleotide (nur in Spuren)
(b) Proteinfragmente aus dem enzymatischen Abbau
(c) kurze RNA-Fragmente ohne Poly(A)-Schwanz
(d) DNA-Fragmente und DNA-haltige Nebenprodukte
(e) verbleibende supercoiled Plasmid-DNA
(f) freie dsRNA
(g) Puffersalze
Waschen (Wash)
Waschpuffer entfernen schwach gebundene, unspezifisch haftende Moleküle, während die mRNA weiterhin fest an der Poly(dT)-Matrix verbleibt.Elution (Freisetzung)
Um die reine mRNA wieder von der „Angel“ zu lösen, werden die spezifischen Bindungen zwischen A und T gezielt aufgebrochen. Dies geschieht typischerweise durch Absenkung der Ionenstärke und/oder moderate Temperaturerhöhung. Die mRNA löst sich von der Matrix und wird eluiert.
Abb. 1.3.4-A2: Schematische Darstellung der Poly(dT)-Affinitätschromatographie 1) Die IVT-Reaktionsmischung wird auf die mit Poly(dT) funktionalisierte Säule aufgetragen.
2) Die polyadenylierte mRNA bindet über Basenpaarung spezifisch an das Harz,
3) während nicht-bindende Komponenten direkt durchlaufen.
4) Ein Waschpuffer entfernt schwach oder unspezifisch gebundene Moleküle.
5) Durch Zugabe eines Elutionspuffers wird die mRNA von der Poly(dT)-Matrix gelöst und in reiner Form eluiert.Vorteile
- sehr hohe Selektivität durch Poly(A)/Poly(dT)-Hybridisierung
- effiziente Abtrennung der meisten unspezifischen RNA- und Proteinverunreinigungen
- Anreicherung der vollständigen, korrekt polyadenylierten mRNA
- vergleichsweise einfache und robuste Methode
Limitierungen – warum weitere Reinigungsschritte notwendig sind
Trotz der hohen Spezifität kann die Poly(dT)-Affinität nicht alle kritischen Verunreinigungen entfernen:- dsRNA: kann über polyadenylierte Enden oder unspezifisch an die Matrix binden
- RNA:DNA-Hybride: wenn DNA an mRNA gebunden ist, wird sie gemeinsam mit eluiert
- fragmentierte mRNA mit Poly(A)-Resten bindet ebenfalls
- intramolekulare dsRNA-Strukturen innerhalb der mRNA führen zu Ko-Elution
- größere RNA-Komplexe, die an mRNA assoziiert sind, werden mitisoliert
- Endotoxine werden nicht spezifisch entfernt und können ko-eluiert werden
Hersteller wie MERCK, Lonza oder Cytiva empfehlen daher im Anschluss eine Anionenaustauschchromatographie (AEX) zur Feintrennung, insbesondere zur Entfernung von dsRNA und DNA-Restverunreinigungen.
b) Ionenaustausch-Chromatographie
Die Ionenaustausch-Chromatographie (IEX) ist eine bewährte Methode zur Reinigung von Nukleinsäuren und Proteinen. Sie trennt Moleküle anhand ihrer elektrischen Ladung. Bei Nukleinsäuren ist damit nicht eine feste Oberfläche gemeint, sondern die hohe Dichte negativ geladener Phosphatgruppen entlang des Moleküls. Im Gegensatz dazu ist die Ladung von Proteinen von der spezifischen Abfolge und Faltung ihrer Aminosäuren abhängig und kann positive und negative Bereiche aufweisen.
Je nach Art der geladenen Zielmoleküle unterscheidet man zwei Haupttypen:
▪️Anionenaustauscher (AEX, Anion Exchange Chromatography):
binden negativ geladene Moleküle wie DNA oder RNA.
▪️Kationenaustauscher (CEX, Cation Exchange Chromatography):
binden positiv geladene Moleküle, beispielsweise bestimmte Proteine.Aufgrund ihrer durchgehenden Phosphatgruppe im Rückgrat tragen Nukleinsäuren eine hohe, gleichmäßige negative Ladungsdichte.
Zucker-Phosphat-Rückgrat als Quelle der negativen Ladung von DNA/RNA
Schematische Darstellung der strukturellen Grundlage der negativen Ladung von Nukleinsäuren


DNA (und analog RNA) besteht aus einem Zucker-Phosphat-Rückgrat, in dem jede Phosphatgruppe eine negative Ladung trägt. Diese regelmäßig wiederholten Phosphatgruppen verleihen dem Molekül eine hohe und entlang seiner Länge gleichmäßig verteilte negative Ladungsdichte. Die Basen tragen nicht zur Gesamtladung bei.
Diese Eigenschaft macht die Anionenaustauschchromatographie (AEX) zur Methode der Wahl für deren Aufreinigung. Im Gesamtprozess kommt die AEX daher gleich doppelt zum Einsatz: Zunächst zur Aufreinigung der Plasmid-DNA-Vorlage aus dem bakteriellen Lysat. Danach, nach der in-vitro-Transkription (IVT) und Grobreinigung, zur hochauflösenden Trennung der gewünschten mRNA von strukturell ähnlichen Verunreinigungen, insbesondere doppelsträngiger RNA (dsRNA).
AEX bei der Plasmid-DNA-Aufreinigung
Ausgangslage
Nach Lyse der E.-coli-Zellen, Neutralisation und anschließender Tiefenfiltration liegt ein geklärtes Lysat vor, das die Plasmid-DNA enthält. Daneben können noch bakterielle RNA-Reste, Endotoxine, Salze, Pufferbestandteile sowie geringe Mengen gelöster Proteinreste vorhanden sein.
Prinzip und Ablauf
Stationäre Phase: Das Trägermaterial (Harz) besteht aus kleinen, positiv geladenen Polymerkügelchen. Diese dienen als Bindungsoberfläche für negativ geladene Moleküle.
Mobile Phase: Das geklärte Lysat wird auf die Säule gegeben. Zunächst binden die negativ geladenen Biomoleküle – darunter Plasmid-DNA, RNA und Endotoxine – an das positiv geladene Harz. Ungebundene oder schwach geladene Bestandteile werden durch Spülpuffer entfernt.
Das Zielmolekül ist die Plasmid-DNA – die entlang ihrer Länge eine gleichmäßig verteilte negative Ladungsdichte besitzt.
Selektive Elution: Anschließend wird ein Puffer mit ansteigender Salzkonzentration über die Säule geleitet. Die positiv geladenen Ionen (z. B. Na⁺) im Puffer konkurrieren mit den Biomolekülen um die Bindungsstellen des Harzes. Dadurch lösen sich die Moleküle in einer charakteristischen Reihenfolge – je nach ihrer Ladungsdichte und Bindungsstärke:
- Endotoxine und kleine RNA-Fragmente eluieren früh, da sie eine geringere Ladungsdichte besitzen.
- Plasmid-DNA – überwiegend in superhelikaler, aber auch in relaxeder Ringform – bindet aufgrund ihrer hohen negativen Ladungsdichte am stärksten und eluierte erst bei höheren Salzkonzentrationen.
Ergebnis
Durch diese selektive Elution erhält man eine Lösung – die reich an hochreiner Plasmid-DNA ist, überwiegend in superhelikaler Form, mit einem geringeren Anteil relaxeder Ringformen – während die meisten anderen Zellbestandteile und Verunreinigungen bereits entfernt wurden. Diese DNA-Fraktion dient anschließend als Template für die nachfolgende in-vitro-Transkription (IVT).
Abb. 1.3.4-B1: Schematische Darstellung der AEX bei der Plasmid-DNA-Aufreinigung 1) Das geklärte Zelllysat (mobile Phase) wird auf die Säule mit der positiv geladenen stationären Phase (Anionenaustauschharz) aufgetragen.
2) Negativ geladene Moleküle der Probe binden an das Harz; nicht bzw. schwach gebundene Komponenten (Salze, Proteinreste) eluieren früh.
3) Die Elution beginnt: Ein Puffer mit steigender Salzkonzentration wird zugegeben. Die gelösten Ionen (z. B. Na⁺ und Cl⁻) konkurrieren mit den gebundenen Molekülen um die Bindungsstellen. Bei niedrigen bis mittleren Salzkonzentrationen eluieren vor allem kurze und/oder einzelsträngige RNA-Fragmente.
4) Plasmid-DNA eluiert erst bei höheren Salzkonzentrationen aufgrund ihrer hohen, gleichmäßig verteilten negativen Ladungsdichte. Endotoxine (LPS) binden sehr stark an die Matrix, was grundsätzlich vorteilhaft aus Sicht der Produktreinigung ist. Problematisch sind lediglich jene Anteile, die aufgrund unspezifischer Wechselwirkungen oder Assoziation mit DNA gemeinsam mit der Plasmid-DNA eluieren können.Nach der Anionenaustauschchromatographie liegt die Plasmid-DNA in hoher Reinheit vor. Das Produkt besteht überwiegend aus superhelikaler Plasmid-DNA und kann geringe Anteile relaxierter Ringformen enthalten. In niedrigen Konzentrationen sind zudem Reste kurzer RNA-Fragmente oder Endotoxine nachweisbar, während zelluläre Makromoleküle und Prozessverunreinigungen größtenteils entfernt wurden.
AEX in der mRNA-Reinigung: Trennung von mRNA und dsRNA
Ausgangslage: Nach in-vitro-Transkription (IVT), enzymatischer Nachbehandlung, Tangentialflussfiltration (TFF) und Poly(dT)-Affinitätschromatographie
Nach diesen vorgelagerten Prozessschritten liegt eine stark angereicherte mRNA-Fraktion vor. Dennoch enthält diese mRNA-Rohlösung typischerweise noch bestimmte Nebenprodukte und Verunreinigungen, die durch die Poly(dT)-Affinität nicht vollständig entfernt werden können, darunter:
(a) doppelsträngige RNA-Nebenprodukte (dsRNA)
(b) RNA:DNA-Hybride (in geringen, prozessabhängigen Anteilen)
(c) fragmentierte mRNA mit verbliebenen Poly(A)-Resten
(d) nicht korrekt gecappte mRNA-Transkripte
(e) Endotoxine (LPS), insbesondere in Assoziation mit Nukleinsäuren
Die nachfolgende Anionenaustauschchromatographie dient daher nicht der weiteren Anreicherung der mRNA, sondern der hochauflösenden Entfernung strukturell ähnlicher RNA-Nebenprodukte.
Prinzip und Ablauf
Stationäre Phase: Die stationäre Phase besteht aus positiv geladenen Anionenaustauschharzen, meist polymeren Kügelchen mit quaternären Ammoniumgruppen. Diese bieten Bindungsstellen für negativ geladene Nukleinsäuren.
Mobile Phase: Die mRNA-Rohlösung wird als mobile Phase auf die Säule aufgetragen. Unter niedriger Salzkonzentration binden die negativ geladenen Nukleinsäuren der Probe an das Harz.
Das Zielmolekül ist die einzelsträngige mRNA. Sie besitzt entlang ihres Rückgrats eine negative Ladung, weist jedoch aufgrund ihrer Einzelsträngigkeit, Sekundärstruktur und Flexibilität eine geringere effektive Ladungsdichte auf als doppelsträngige RNA.
Selektive Elution
Im nächsten Schritt wird ein Elutionspuffer mit ansteigender Salzkonzentration über die Säule geleitet. Die im Puffer enthaltenen Ionen (z. B. Na⁺) konkurrieren mit den gebundenen RNA-Molekülen um die Bindungsstellen des Harzes. Dadurch werden die gebundenen Komponenten in Abhängigkeit von ihrer Bindungsstärke schrittweise eluiert:
Einzelsträngige mRNA eluieren bei niedrigen bis mittleren Salzkonzentrationen, da ihre effektive Ladungsdichte geringer ist.
Doppelsträngige RNA (dsRNA) bindet deutlich stärker an das Anionenaustauschharz und eluiert erst bei höheren Salzkonzentrationen oder verbleibt auf der Säule.
RNA:DNA-Hybride stellen für die chromatographische Reinigung eine besondere Herausforderung dar. Ihre Bindungseigenschaften bewegen sich zwischen denen von einzelsträngiger RNA (ssRNA) und doppelsträngiger RNA (dsRNA). Dieser hybride Charakter ergibt sich nicht nur aus dem RNA:DNA-Duplex selbst, sondern wird zusätzlich durch drei Faktoren bestimmt: der Länge der Hybridregion, dem Anteil freier einzelsträngiger RNA sowie der räumlichen Konformation des Moleküls.

Abb. 1.3.4-B2: Schematische Darstellung der AEX zur Trennung von mRNA und dsRNA
Die Darstellung ist vereinfacht und zeigt jede Komponente exemplarisch nur einmal.1) Die mRNA-haltige Lösung (mobile Phase) – bestehend aus der gewünschten mRNA, dsRNA und anderen Nebenprodukten – wird auf die Säule geleitet. Die stationäre Phase besteht aus einem positiv geladenen Anionenaustauschharz.
2) Unter niedriger Salzkonzentration binden alle negativ geladenen RNA-Moleküle an das Harz. Aufgrund ihrer höheren Ladungsdichte und steiferen Helixstruktur bindet dsRNA stärker als die flexiblere, einzelsträngige mRNA.
3) Durch Zugabe eines Puffers mit ansteigender Salzkonzentration werden konkurrierende Anionen (z.B. Cl⁻) eingeführt. Diese verdrängen die gebundenen RNA-Moleküle schrittweise von der Säule. Zuerst werden schwach gebundene Verunreinigungen wie kurze RNA-Fragmente freigesetzt.
4) Bei niedrigen bis mittleren Salzkonzentrationen eluiert die gewünschte einzelsträngige mRNA. Doppelsträngige RNA verbleibt aufgrund ihrer stärkeren Bindung länger auf der Matrix und eluiert erst bei höheren Salzkonzentrationen oder verbleibt teilweise auf der Säule.Ergebnis
Die Anionenaustauschchromatographie (AEX) ermöglicht die selektive Abtrennung von mRNA gegenüber stärker oder schwächer gebundenen Nukleinsäurestrukturen wie dsRNA. Damit erhält man eine mRNA-Fraktion, die weitgehend frei von dsRNA-Verunreinigungen und Hybridstrukturen ist.
Die so gereinigte mRNA dient als Ausgangsmaterial für die nachfolgende Formulierung in Lipid-Nanopartikel (LNP).
Zusammenspiel der chromatographischen Schritte zur Reinigung der IVT-mRNA
Die Reinigung von IVT-mRNA beruht nicht auf einem einzelnen Trennverfahren, sondern auf der gezielten Kombination mehrerer chromatographischer Prinzipien mit komplementären Stärken und Limitationen.
Die Poly(dT)-Affinitätschromatographie dient dabei der hochselektiven Anreicherung polyadenylierter mRNA. Sie entfernt effektiv nicht-polyadenylierte Nebenprodukte, Enzyme und niedermolekulare Prozessbestandteile. Aufgrund ihres rein sequenzbasierten Bindungsmechanismus kann sie jedoch strukturell ähnliche RNA-Verunreinigungen nicht vollständig differenzieren. Insbesondere dsRNA, fragmentierte mRNA mit Poly(A)-Resten sowie RNA:DNA-Hybride können gemeinsam mit der Ziel-mRNA ko-eluiert werden.
Die nachgeschaltete Anionenaustauschchromatographie (AEX) adressiert diese Limitation, indem sie die verbleibenden Nukleinsäuren anhand ihrer effektiven Ladungsdichte und Konformation trennt. Einzelsträngige mRNA, doppelsträngige RNA-Nebenprodukte und komplexe RNA-Strukturen zeigen dabei charakteristische, jedoch teilweise überlappende Bindungs- und Elutionsprofile.
RNA:DNA-Hybride nehmen in diesem Kontext eine Sonderstellung ein. Aufgrund ihres hybriden strukturellen Charakters lassen sie sich weder eindeutig der einzel- noch der doppelsträngigen RNA zuordnen. Ihre chromatographische Trennbarkeit hängt stark von der Ausprägung der Hybridregion, dem Anteil freier einzelsträngiger RNA sowie der räumlichen Organisation des Moleküls ab. Entsprechend können RNA:DNA-Hybride je nach Prozessbedingungen teilweise gemeinsam mit der mRNA eluieren oder auf der Säule zurückgehalten werden.
Erst das abgestufte Zusammenspiel von Affinitäts- und Ionenaustauschchromatographie ermöglicht somit eine weitgehende Entfernung der relevanten RNA-Nebenprodukte, ohne die strukturelle Integrität der empfindlichen mRNA zu beeinträchtigen. Gleichzeitig macht dieser Ansatz deutlich, dass die vollständige Eliminierung aller potenziellen Hybrid- und Strukturvarianten technisch anspruchsvoll ist und maßgeblich von der Prozessführung abhängt.
1.3.5. Magnetkügelchen-Reinigung
dT-MBP = Poly(dT)-magnetic bead purification
Ein in den regulatorischen Dokumenten (EMA-EPAR, Abschnitt 2.2, S. 32) beschriebener Ansatz zur Reinigung von PCR-Produkten in Prozess 1 ist der Einsatz von Magnetkügelchen.
Ausgangslage: Nach in-vitro-Transkription (IVT), DNase-I-Behandlung und Filtration
Nach der in-vitro-Transkription (IVT), der enzymatischen Nachbehandlung mit DNase I sowie einer ersten Grobreinigung durch Filtration (UF/DF oder TFF) liegt eine mRNA-haltige Lösung vor. Diese enthält neben der gewünschten mRNA weiterhin verschiedene Nebenprodukte der Transkription, darunter:
(a) verbleibende freie Nukleotide (nur in Spuren)
(b) Proteinreste (z. B. Enzyme oder Proteinfragmente)
(c) RNA-Fragmente mit und ohne Poly(A)-Schwanz
(d) unvollständig gecappte RNA
(e) doppelsträngige RNA (dsRNA), teilweise mit polyadenyliertem Strang
(f) RNA:DNA-Hybride
(g) DNA-Template-Reste (insbesondere kurze Fragmente)
(h) Puffersalze aus vorangegangenen Prozessschritten
Prinzip
Die Magnetkügelchen-Reinigung beruht auf einer sequenzspezifischen Affinitätsbindung. Magnetische Polymerkügelchen sind mit Oligo(dT)-Sequenzen funktionalisiert, die komplementär zur Poly(A)-Schwanzsequenz der mRNA sind.
mRNA-Moleküle mit Poly(A)-Ende binden spezifisch an diese Oligo(dT)-Liganden, während Moleküle ohne Poly(A)-Sequenz in Lösung verbleiben.

Abb. 1.3.5-A: Die mRNA haftet über ihren Poly(A)-Schwanz am Poly(dT) der Magnetkügelchen. Der Ablauf erfolgt in mehreren Schritten:
Bindung: Poly(dT)-funktionalisierte Magnetkügelchen werden zur Lösung gegeben. Polyadenylierte RNA bindet über spezifische A–T-Basenpaarung an die Oberfläche der Kügelchen.
Magnetische Separation: Das Gefäß wird auf ein Magnetrack gestellt. Die Kügelchen mit der gebundenen RNA werden an die Gefäßwand gezogen, sodass die nicht gebundenen Komponenten entfernt werden können.
Waschen: Mehrere Waschschritte reduzieren unspezifisch gebundene Moleküle. Die Waschbedingungen beeinflussen die Stringenz der Bindung, erlauben jedoch keine vollständige Abtrennung von dsRNA oder RNA:DNA-Hybriden, sofern diese polyadenylierte RNA enthalten.
Elution: Durch geeignete Elutionsbedingungen (z. B. veränderte Salzstärke oder Temperatur) wird die gebundene RNA von den Kügelchen gelöst und in Lösung überführt.

Abb. 1.3.5-B: Ablauf der Magnetkügelchen-Reinigung
Die Darstellung ist vereinfacht und zeigt jede Komponente exemplarisch nur einmal.1) Zugabe der Magnetkügelchen: Poly(dT)-funktionalisierte Magnetkügelchen werden zur Lösung gegeben, die die polyadenyliertemRNA enthält.
2) Durchmischen: Die Probe wird durch sanftes Schwenken oder kurzes Drehen gemischt. Dabei hybridisiert polyadenylierte RNA an die Poly(dT)-Sequenzen der Magnetkügelchen über A–T-Basenpaarung.
3) Magnetische Separation und entfernen des Überstands: Das Gefäß wird auf ein Magnetrack gestellt. Die Magnetkügelchen mit gebundener RNA werden von der Seitenwand des Röhrchens angezogen und bilden dort ein kompaktes Bead-Aggregat. Der flüssige Überstand wird vorsichtig abpipettiert. Er enthält nicht-gebundene Moleküle wie DNA-Fragmente, kurze RNA-Stücke, dsRNA ohne Poly(A)-Tail, Pufferbestandteile usw.
4) Waschschritte: Der Magnet bleibt angelegt. Waschpuffer wird zugegeben, um lose gebundene oder unspezifisch adsorbierte Verunreinigungen zu entfernen. Der Waschpuffer wird kurz gemischt (leichtes Schwenken), danach zieht der Magnet die Beads erneut an die Wand. Dieser Schritt wird 2–3 Mal wiederholt, bis lose gebundene oder unspezifisch assoziierte Komponenten weitgehend entfernt sind.
5) Elution der mRNA: Nach dem Entfernen des letzten Waschpuffers wird der Magnet kurz entfernt. Ein Elutionspuffer (z. B. Wasser mit geringer Salzkonzentration) oder leicht erhöhte Temperatur löst die Hybridisierung zwischen polyadenylierter RNA und Poly(dT)-Oligos. Die RNA geht dabei wieder in Lösung über.
6) Rückkehr auf den Magnetseparator: Das Röhrchen wird erneut auf den Magnet gestellt, sodass die Magnetkügelchen am Rand fixiert werden. Der Überstand enthält jetzt die angereicherte polyadenylierte RNA im Elutionspuffer und wird vorsichtig in ein neues, steriles Gefäß überführt.Hinweis: dsRNA, RNA:DNA-Hybride oder fragmentierte RNA mit Poly(A)-Anteilen können während der Magnetkügelchen-Reinigung ko-eluiert werden.
Trennleistung und Limitierungen
Die Magnetkügelchen-Reinigung ist hochselektiv für polyadenylierte RNA, weist jedoch inhärente Einschränkungen auf:- dsRNA-Nebenprodukte können ko-eluieren, insbesondere wenn sie Poly(A)-Sequenzen enthalten oder strukturell an mRNA assoziiert sind
- RNA:DNA-Hybride werden mitisoliert, sofern die RNA-Komponente polyadenyliert ist
- fragmentierte mRNA mit erhaltenem Poly(A)-Rest bindet ebenfalls an die Kügelchen
- intramolekulare Doppelstrangstrukturen innerhalb der mRNA werden nicht selektiv entfernt
Aus diesen Gründen stellt die Magnetkügelchen-Reinigung keinen vollständigen Reinigungsprozess, sondern eine Anreicherungs- und Vorreinigungsstufe dar.
Nachgeschaltete Reinigung
Da dsRNA und RNA:DNA-Hybride mit Poly(A)-Anteilen während der Magnetkügelchen-Reinigung ko-eluieren können, ist in der Regel ein weiterer Reinigungsschritt erforderlich. Häufig wird hierfür eine Anionenaustauschchromatographie (AEX) oder ein vergleichbares hochauflösendes Trennverfahren eingesetzt.Einordnung im Herstellungsprozess
Die Poly(dT)-basierte Magnetkügelchen-Reinigung wird vor allem im Labormaßstab, in der Prozessentwicklung sowie bei kleineren Produktionsvolumina eingesetzt. Für großtechnische Herstellungsprozesse (Prozess 2) ist sie hingegen weniger praktikabel, da die Magnetkraft in größeren Volumina an Effizienz verliert und die Handhabung komplexer wird. Daher kommen in der industriellen Produktion überwiegend skalierbare chromatographische Verfahren zum Einsatz. Weitere Details zur Anwendung finden sich in den Herstellerinformationen von Thermo Fisher Scientific.
1.4. Vergleich: Prozess 1 vs. Prozess 2
Die folgende Übersicht stellt die beiden Herstellungsverfahren gegenüber: welche Ausgangsmaterialien und Nebenprodukte in den einzelnen Phasen anfallen und mit welchen Methoden sie typischerweise entfernt werden.
Typische Schritte – unterschiedlich je nach Hersteller:
Merkmal
Prozess 1 – PCR-basiert
Prozess 2 – Plasmid-basiert
Art des Verfahrens
Laborprozess
(kleine Mengen, flexibel)Industrieller Prozess
(große Mengen)
DNA-Template
Minimalistisch.
enthält nur die relevanten Elemente für die IVT:
• T7-Promotor
• 5′-UTR
• Spike-Gen
• 3′-UTR
• Poly(A)-SequenzKomplex.
und zusätzliche Elemente für die Vermehrung in E. coli:
• Origin of Replication (ORI)
• Antibiotikaresistenzgen
• regulatorische bakt. Sequenzen
• Multiple Cloning Site (MCS)
• SV40-Sequenzelemente
(bei Pfizer/BNT)
Aufbau des DNA-Templates
[T7] – [5′-UTR] – [Spike-Gen] – [3′-UTR] – [AAAAA…]
[ORI] – [Resistenzgen] – [reg. bakt. Sequenzen] – [MCS] – [SV40] – [T7] – [5′-UTR] – [Spike-Gen] – [3′-UTR] – [AAAAA…]
Amplifikation der DNA
PCR-Vervielfältigung
Plasmid-Vermehrung in E. coli (Bioreaktor)
Vorbereitung vor der IVT
/
Lyse der Bakterien: Freisetzung von Plasmid-DNA + Bakterienresten
Linearisierung: Restriktionsenzym schneidet Plasmid an def. Stelle
Verunreinigungen vor IVT
PCR-Fragmente: Enzyme, Primer, Salze, Nukleotide
Bakterienbestandteile: Wirts-DNA, RNAs, Proteine, Endotoxine, Lipide, Zellwandfragmente, …
Reinigung
der PCR-DNA
der Plasmid-DNA (pDNA)
Methoden
Silica-Bindung, UF/DF
TFF + mehrstufige Chromatographie
Aufwand
moderat
hoch
IVT (in-vitro-Transkription)
Template: PCR-DNA
Expressionskassette:
[T7] – [5′-UTR] – [Spike-Gen] – [3′-UTR] – [AAAAA…]
→ mRNA wird synthetisiertTemplate: Linearisierte pDNA
Expressionskassette:
[T7] – [5′-UTR] – [Spike-Gen] – [3′-UTR] – [AAAAA…]
→ mRNA wird synthetisiert
IVT-Prozessierung
5′-Cap und Poly(A)-Tail werden je nach Verfahren während oder unmittelbar nach der IVT erzeugt
→ Ergebnis: funktionsfähige mRNA5′-Cap und Poly(A)-Tail werden je nach Verfahren während oder unmittelbar nach der IVT erzeugt
→ Ergebnis: funktionsfähige mRNA
Verunreinigungen nach IVT (*)
Entfernung von IVT-Nebenprodukten: Template-DNA, RNA-Fragmente, RNA:DNA-Hybride, doppelsträngige RNA (dsRNA), Enzyme, Salze, freie Nukleotide
Entfernung von IVT-Nebenprodukten + Entfernung zusätzlicher plasmid- und bakterienstämmiger Verunreinigungen (anspruchsvoller)
Reinigung
der mRNA
der mRNA
Vorbelastung
gering – moderat
hoch
Methoden
▪️DNase-I-Behandlung
▪️Fällung oder Zentrifugation
▪️UF/DF oder TFF
▪️Magnetkügelchen-Reinigung (**)▪️DNase-I-Behandlung
▪️Proteinase K-Behandlung (**)
▪️UF/DF und/oder TFF (**)
▪️mehrstufige Chromatographie
Aufwand
moderat
hoch
Formulierung in LNPs
mRNA wird in Lipidnanopartikel verpackt
mRNA wird in Lipidnanopartikel verpackt
Sterile Filtration
entfernt mikrobielles Kontaminationsrisiko
entfernt mikrobielles Kontaminationsrisiko
Abfüllung
aseptisches Verschließen und Etikettieren
aseptisches Verschließen und Etikettieren
Vorteile
sehr schnell, hochflexibel
extrem skalierbar, kostengünstige Massenproduktion
Nachteile
PCR-basierte Verfahren sind für großskalige industrielle Produktionsmengen nur eingeschränkt geeignet
Template enthält viele bakterielle Elemente → Reinigungsaufwand deutlich höher
(*) Obwohl die post-IVT-Reaktionsmischungen für Prozess 1 und 2 auf den ersten Blick ähnlich erscheinen, unterscheidet sich ihre „Vorbelastung“ qualitativ. Mit Vorbelastung ist die Menge und Komplexität der vor der Reinigung vorhandenen Begleitstoffe gemeint. Plasmidbasierte Prozesse bringen strukturell komplexere DNA-Formen, eine erhöhte Neigung zur Hybridbildung sowie Spuren bakterienstämmiger Begleitstoffe mit sich, die auch nach DNase-Behandlung die nachfolgende mRNA-Aufreinigung anspruchsvoller machen.
(**) Informationen zum Herstellungsverfahren laut EMA „EPAR zum Covid-19-Impfstoff von BioNTech/Pfizer“ (in Abschnitt 2.2., Seite 32)
Begriffserklärungen:
T7-Promotor – Startsignal für die Transkription
5′-UTR – stabilisiert die mRNA
Spike-Gen – Bauplan für das Protein
3′-UTR – Stopp-Signal und Stabilisierung
Poly(A)-Sequenz – schützt vor vorzeitigem AbbauUTR steht für untranslated region – also einen Bereich der mRNA, der nicht in Protein übersetzt wird. Diese Abschnitte liegen vor dem Start der Proteininformation (5′-UTR) und nach dem Ende (3′-UTR). Sie übernehmen wichtige regulatorische Aufgaben.
Origin of Replication (ORI) – Startpunkt der Plasmid-Vervielfältigung
Antibiotikaresistenzgen – ermöglicht Selektion in E. coli
regulatorische bakterielle Sequenzen zur Expression des Resistenzgens
Multiple Cloning Site (MCS) – kurze Region mit Schnittstellen zum Einfügen der Zielsequenz
SV40-Sequenzelemente – regulatorische virale Sequenzen für bestimmte Anwendungen in eukaryotischen Zellkulturen (bei Pfizer/BNT)
1.5. Zusammenfassung: Herstellung und Reinigung von modRNA
Die Herstellung modifizierter mRNA für therapeutische und prophylaktische Anwendungen ist ein mehrstufiger Prozess, der weit über die eigentliche in-vitro-Transkription hinausgeht. Ziel ist es, aus einer komplexen Reaktionsmischung ein möglichst homogenes, funktionell aktives RNA-Molekül zu gewinnen, das in Zellen effizient translatiert wird und dabei nur eine kontrollierte, gewünschte Immunantwort auslöst.
Vom DNA-Template zur mRNA-Rohlösung
Ausgangspunkt der Produktion ist eine definierte DNA-Vorlage, die im Rahmen der in-vitro-Transkription als Template für die RNA-Synthese dient. Bereits in diesem frühen Schritt entstehen neben der gewünschten mRNA zwangsläufig verschiedene Nebenprodukte, darunter verkürzte Transkripte, doppelsträngige RNA-Strukturen, RNA:DNA-Hybride sowie nicht korrekt verarbeitete RNA-Moleküle. Diese Nebenprodukte sind keine Ausnahme, sondern eine bekannte Konsequenz der enzymatischen Transkription unter technischen Bedingungen.
Nach Abschluss der Transkription wird die DNA-Vorlage in der Regel enzymatisch verdaut. Es folgt eine erste Grobreinigung, beispielsweise durch Filtration oder Tangentialflussfiltration, bei der kleine Moleküle, überschüssige Reagenzien und Enzyme entfernt werden. Zu diesem Zeitpunkt liegt eine konzentrierte mRNA-haltige Lösung vor, die jedoch weiterhin strukturell heterogen ist.
Anreicherung der Ziel-mRNA
Um die gewünschte mRNA gezielt anzureichern, werden poly(A)-basierte Affinitätsverfahren eingesetzt. Dazu zählen sowohl klassische Poly(dT)-Chromatographie als auch poly(dT)-funktionalisierte Magnetkügelchen. Diese Methoden nutzen die Poly(A)-Sequenz der mRNA als Selektionsmerkmal und erlauben eine effektive Abtrennung nicht-polyadenylierter RNA-Fragmente und vieler Begleitstoffe.
Gleichzeitig wird hier eine zentrale Grenze dieser Verfahren sichtbar: Alles, was eine Poly(A)-Sequenz trägt oder strukturell an polyadenylierte RNA gebunden ist, kann mitisoliert werden. Dazu zählen fragmentierte mRNA-Moleküle, bestimmte dsRNA-Nebenprodukte sowie RNA:DNA-Hybride, sofern die RNA-Komponente polyadenyliert ist. Poly(A)-basierte Verfahren sind daher hochselektive Anreicherungs-, aber keine vollständigen Reinigungsmethoden.
Hochauflösende Trennung durch Chromatographie
Um die verbleibende strukturelle Vielfalt weiter zu reduzieren, kommen hochauflösende Trennverfahren zum Einsatz, insbesondere die Anionenaustausch-Chromatographie (AEX). Diese nutzt Unterschiede in der effektiven Ladungsdichte und Konformation von Nukleinsäuren, um einzelsträngige mRNA von stärker gebundenen Nebenprodukten wie dsRNA zu trennen.
Die AEX stellt einen entscheidenden Schritt dar, um immunologisch besonders aktive Verunreinigungen gezielt abzureichern. Gleichzeitig zeigt sich auch hier, dass bestimmte Molekülklassen – insbesondere RNA:DNA-Hybride – keine einheitlichen chromatographischen Eigenschaften besitzen und je nach Struktur unterschiedlich eluieren können. Ihre vollständige Entfernung erfordert daher eine sorgfältige Prozessauslegung und gegebenenfalls die Kombination mehrerer Reinigungsschritte.
Einordnung und Ausblick
Insgesamt zeigt sich, dass die Herstellung modifizierter mRNA kein linearer „Rein-Raus-Prozess“ ist, sondern ein fein abgestimmtes Zusammenspiel aus enzymatischen, physikalischen und chromatographischen Verfahren. Jeder Reinigungsschritt reduziert die Komplexität der Probe, erreicht jedoch nie eine absolute Trennung aller theoretisch möglichen Nebenprodukte.
Vor diesem Hintergrund ist es fachlich sinnvoll, nicht nur das Endprodukt, sondern auch die Herstellungs- und Reinigungslogik selbst zu betrachten, wenn über mögliche Restbestandteile wie DNA-Fragmente oder RNA-assoziierte Verunreinigungen diskutiert wird. Die Frage ist dabei weniger, ob solche Restkomponenten prinzipiell entstehen können, sondern in welchen Formen, in welchen Mengen und mit welcher biologischen Relevanz sie im Endprodukt verbleiben.
Damit rückt die zentrale Frage in den Fokus, wie verbleibende Nukleinsäurebestandteile – insbesondere mögliche DNA-Rückstände – zuverlässig nachgewiesen und quantifiziert werden können.
Der zweite Teil behandelt daher die analytischen Nachweisverfahren, regulatorischen Grenzwerte sowie die bisher veröffentlichten experimentellen Untersuchungen zu DNA-Rückständen in mRNA-basierten Impfstoffen.
Weiterführender Teil der Artikelserie
Teil 2: Nachweisverfahren und Studienlage
Stand: Mai 2026
-
DNA-Rückstände in modRNA-basierten Impfstoffen – Teil 2

Leitfaden zur Artikelserie
Teil 1: Herstellung und Reinigung von modRNA
Teil 2: Nachweisverfahren und StudienlageNach der Darstellung der Herstellungs- und Reinigungsprozesse im ersten Teil richtet sich der Blick nun auf die analytische Ebene der Diskussion. Denn die Frage, ob und in welcher Menge DNA-Rückstände in modRNA-basierten Impfstoffen vorhanden sind, hängt entscheidend davon ab, mit welchen Methoden diese überhaupt untersucht werden.
Der Nachweis residualer Nukleinsäuren ist methodisch anspruchsvoll. Unterschiedliche Aufschlussverfahren, Extraktionsmethoden und Analyseplattformen können zu deutlich abweichenden Ergebnissen führen. Damit wird nicht nur die Interpretation einzelner Studien komplex, sondern bereits die grundlegende Frage, was eine Messung unter den jeweiligen Bedingungen tatsächlich erfasst.
Der zweite Teil widmet sich daher den wichtigsten analytischen Nachweisverfahren für DNA und RNA, ihren methodischen Grenzen sowie den bisher veröffentlichten unabhängigen Untersuchungen zu DNA-Rückständen in modRNA-basierten Impfstoffen. Dabei stehen insbesondere die Aussagekraft der verwendeten Methoden und die Vergleichbarkeit der Ergebnisse im Mittelpunkt.
Hinweis
📑
Im allgemeinen Sprachgebrauch ist der Begriff „mRNA-Impfstoff“ gebräuchlich. Fachlich handelt es sich bei den derzeit zugelassenen Präparaten um nukleosid-modifizierte mRNA (modRNA). Aus Gründen der Verständlichkeit wird in dieser Arbeit dennoch der etablierte Begriff „mRNA-Impfstoff“ verwendet.Inhaltsverzeichnis
2. Methoden zur Messung von DNA und RNA
3. Richtlinien zur Begrenzung von Rest-DNA in Impfstoffen
4. Studien zu DNA-Rückständen in modRNA-basierten Impfstoffen
5. Schlussbetrachtung und Ausblick

2. Methoden zur Messung von RNA und DNA
Die analytische Erfassung von RNA-Konzentration und potenziellen DNA-Rückständen stellt einen zentralen Bestandteil der Qualitätskontrolle mRNA-basierter Arzneimittel dar. Während der Herstellungs- und Reinigungsprozesse entstehen komplexe Nukleinsäuregemische, deren Zusammensetzung durch geeignete Messverfahren charakterisiert und überwacht werden muss. Ziel ist es, sowohl die Integrität und Menge der gewünschten mRNA als auch mögliche Restbestandteile wie DNA-Fragmente zuverlässig zu erfassen.
Dabei existiert kein einzelnes Verfahren, das alle analytischen Fragestellungen gleichermaßen abdeckt. Vielmehr unterscheiden sich die verfügbaren Methoden hinsichtlich Sensitivität, Spezifität, Quantifizierbarkeit und struktureller Auflösung. Einige Verfahren ermöglichen eine schnelle Bestimmung der Gesamtnukleinsäurekonzentration, andere erlauben die selektive Detektion spezifischer DNA-Sequenzen oder sogar die direkte Sequenzanalyse einzelner Moleküle.
Vor diesem Hintergrund werden im Folgenden verschiedene methodische Ansätze systematisch dargestellt – beginnend mit grundlegenden spektralphotometrischen Verfahren, über fluoreszenzbasierte Quantifizierungsmethoden und amplifikationsgestützte Nachweisverfahren bis hin zu sequenzierungsbasierten Technologien. Die Darstellung folgt dabei einer zunehmenden analytischen Auflösung: von der globalen Konzentrationsmessung hin zur sequenzspezifischen Identifikation einzelner Nukleinsäurebestandteile.
Neben dem Funktionsprinzip der jeweiligen Methode werden auch deren Nachweisgrenzen und methodische Einschränkungen berücksichtigt, da diese für die Einordnung möglicher Rest-DNA-Befunde von entscheidender Bedeutung sind.
2.1. Spektralphotometrische Verfahren
2.2. Fluoreszenzbasierte Quantifizierung
2.2.1. DNA-/RNA-spezifische Farbstoffe
2.2.2. Qubit-Systeme
2.3. Amplifikationsbasierte Methoden
2.3.1. quantitative PCR (qPCR)
2.3.2. digitale PCR (ddPCR)
2.3.3. Vergleich der PCR-basierten Quantifizierungsmethoden
2.4. Sequenzierungsbasierte Verfahren
2.4.1. Oxford Nanopore-Technologie
2.4.2. Illumina-Sequenzierung
2.5. Elektrophoretische Fragmentanalyse
2.5.1. Agarosegelelektrophorese
2.5.2. Automatisierte Systeme
2.6. Vergleich zentraler Nachweisverfahren für Nukleinsäuren
2.1. Spektralphotometrische Verfahren
Spektralphotometrische Verfahren beruhen auf der Wechselwirkung von Licht mit Materie. Gemessen wird die Lichtintensität – vor und nach dem Durchgang durch eine Probe – in Abhängigkeit von der Wellenlänge. Aus der gemessenen Absorption lässt sich unter definierten Bedingungen auf die Konzentration der enthaltenen Substanzen schließen.
Die UV/Vis-Spektrophotometrie stellt eine etablierte Methode zur Bestimmung der Gesamtnukleinsäurekonzentration dar und wird in mehreren Phasen der mRNA-Herstellung eingesetzt. Sie zeichnet sich durch eine schnelle Durchführung, geringen Probenverbrauch und vergleichsweise niedrige Kosten aus.
Wann wird die Photometrie eingesetzt?
Im Herstellungsprozess lassen sich typischerweise drei relevante Messzeitpunkte unterscheiden:
Nach der in-vitro-Transkription: zur Abschätzung, ob die Transkriptionsreaktion erfolgreich war und welche Gesamtausbeute an Nukleinsäure erzielt wurde.
Nach der Aufreinigung: als rascher Kontrollschritt zur Überprüfung, ob die mRNA-Konzentration im erwarteten Bereich liegt.
Vor der Formulierung: Vor der Verkapselung in Lipid-Nanopartikel wird die mRNA-Konzentration erneut bestimmt, da das Mischungsverhältnis zwischen Lipiden und mRNA entscheidend für die Partikelbildung ist.
Es ist zu beachten, dass die Methode nicht zwischen RNA und DNA unterscheiden kann und daher primär eine orientierende Gesamtkonzentrationsbestimmung darstellt.
Typischer Ablauf im Herstellungsprozess
Nach der Aufreinigung der mRNA und vor der LNP-Formulierung wird die mRNA-Wirkstoffcharge einer Konzentrationsbestimmung unterzogen. Hierzu wird unter kontrollierten Bedingungen eine kleine Probe aus dem Prozessbehälter entnommen.
Für die Messung stehen zwei Gerätetypen zur Verfügung, die sich in ihrer Handhabung unterscheiden:
UV/Vis-Spektralphotometer: Die Probe wird in eine Küvette gefüllt – ein kleines, meist rechteckiges Gefäß aus UV-durchlässigem Material (z. B. Quarzglas). Die Küvette wird in das Gerät gestellt, wo die Messung stattfindet.
Mikrovolumen-Spektralphotometer (z. B. NanoDrop): Ein winziger Tropfen (0,5–2,0 µl) wird direkt auf einen Messsockel pipettiert. Ein zweiter (umgeklappter) Sockel bildet durch Oberflächenspannung eine definierte Flüssigkeitssäule zwischen den beiden Messflächen. Der große Vorteil: Es werden weder Küvetten noch nennenswerte Probenmengen benötigt. Diese Geräte werden häufig für DNA- und RNA-Messungen eingesetzt.
Unabhängig vom Gerätetyp dauert die eigentliche spektralphotometrische Analyse nur wenige Sekunden. Unmittelbar nach dem Messvorgang wird das Ergebnis auf dem Bildschirm angezeigt.

Abb. 2.1-A: UV/Vis-Spektralphotometer vs Mikrovolumen-Spektralphotometer Der Weg des Lichts im Spektralphotometer
1️⃣ Lichterzeugung: Als Lichtquelle dient eine breitbandige UV/Vis-Lampe, beispielsweise eine Xenon-Blitzlampe, die kurze, intensive Lichtblitze aussendet und das gesamte UV- und sichtbare Spektrum abdeckt.
2️⃣ Wellenlängenselektion: Das Licht wird durch den Eintrittsspalt in den Monochromator geleitet und dort durch ein bewegliches Beugungsgitter in seine spektralen Bestandteile zerlegt. Um die Konzentration der mRNA zu bestimmen, wird das Gitter so eingestellt, dass Licht mit einer Wellenlänge von 260 nm – dem Absorptionsmaximum der Nukleinsäuren – auf die Probe trifft.
3️⃣ Lichtführung zur Probe: Über ein System von Spiegeln und Linsen wird der monochromatische Lichtstrahl gebündelt und präzise auf die Probe gerichtet – entweder auf die Küvette oder direkt auf den hängenden Probentropfen.
4️⃣ Wechselwirkung mit der Probe: Ein Teil des Lichts wird von den Nukleinsäuremolekülen absorbiert (verschluckt), der Rest transmittiert (durchdringt) die Probe.
5️⃣ Detektion: Das transmittierte Licht trifft auf einen Detektor (z. B. eine Photodiode oder ein CCD-Sensor), der die ankommende Lichtintensität misst.
6️⃣ Berechnung: Das Gerät vergleicht die gemessene Intensität mit der Intensität des ursprünglich eingestrahlten Lichts (Referenzmessung ohne Probe). Aus dem Verhältnis von eingestrahlter zu transmittierter Lichtintensität berechnet das Gerät gemäß dem Lambert-Beerschen Gesetz die Absorbanz, aus der sich bei bekannter Schichtdicke die Konzentration der Nukleinsäuren in der Probe bestimmen lässt.

Abb. 2.1-B: Schematische Darstellung der UV/Vis-Spektralphotometer Warum absorbieren RNA und DNA bei 260 nm?
Die Absorption von UV-Licht bei 260 nm ist eine charakteristische Eigenschaft der Basen – jener „Buchstaben“, aus denen der genetische Code besteht. Da diese Basen in RNA und DNA nahezu identisch sind, weisen beide Moleküle ein sehr ähnliches Absorptionsverhalten auf.
Das Geheimnis liegt in ihrer chemischen Struktur: Die Basen enthalten sogenannte aromatische Ringe. In diesen Ringen sitzen die Elektronen nicht an festen Positionen zwischen zwei Atomen, sondern sind über das gesamte Ringsystem verteilt. Man kann sich diese „delokalisierten Elektronen“ wie eine Art Elektronenwolke vorstellen, die über dem Molekül schwebt.

Abb. 2.1-C: Die molekularen Bausteine der Nukleinsäuren Die Darstellung zeigt die zwei Typen von Basen: die größeren Doppelringe (Purine: A und G) und die kleineren Einzelringe (Pyrimidine: C, T und U). Trotz ihrer unterschiedlichen Größe besitzen beide Typen ein System aus abwechselnden Doppelbindungen. Dieses sorgt dafür, dass die Elektronen über das gesamte Ringsystem verteilt sind und so eine gemeinsame Wolke bilden.
Wenn nun ein Photon (ein Lichtteilchen) mit einer Wellenlänge von etwa 260 nm auf diese Wolke trifft, passt dessen Energie exakt zu den energetischen Eigenschaften der Elektronen in diesen Ringen. Ein Elektron nimmt die Energie des Photons vollständig auf und springt dadurch auf ein höheres Energieniveau – den sogenannten angeregten Zustand. Die Energie des Photons wird dabei vollständig auf das Elektron übertragen, sodass es nicht mehr als Lichtteilchen weiterexistiert – man spricht von Absorption.
Da sowohl RNA als auch DNA aus denselben Basentypen bestehen (mit der Ausnahme von Uracil statt Thymin), zeigen beide Molekülarten ein nahezu identisches Verhalten im UV-Licht. Die Spektrophotometrie erlaubt daher keine direkte Unterscheidung zwischen RNA und DNA.
Bedeutung für die Bewertung von DNA-Rückständen
Die dargestellten physikalischen Grundlagen erklären zugleich eine zentrale Limitation der UV-Spektrophotometrie: Da die Absorption bei etwa 260 nm auf den gemeinsamen Basenstrukturen von RNA und DNA beruht, erfasst die Methode ausschließlich die Gesamtmenge an Nukleinsäuren in einer Probe. Eine Differenzierung zwischen therapeutischer mRNA und eventuell verbliebenen DNA-Restfragmenten ist auf dieser Grundlage nicht möglich.
Für die quantitative Bestimmung spezifischer DNA-Rückstände sind daher analytische Verfahren erforderlich, die entweder selektiv doppelsträngige DNA erfassen oder definierte Zielsequenzen amplifizieren. In der Praxis stehen hierbei insbesondere fluorometrische DNA-Methoden (z. B. Qubit-Technologien) sowie die quantitative Polymerase-Kettenreaktion (qPCR) im Mittelpunkt.
Die Diskussion um geeignete Nachweismethoden für DNA-Rückstände konzentriert sich daher weniger auf photometrische Verfahren, sondern primär auf molekularbiologische und fluoreszenzbasierte Techniken.
2.2. Fluoreszenzbasierte Quantifizierung
2.2.1. DNA-/RNA-spezifische Farbstoffe
a) Wirkmechanismus von PicoGreen
b) Warum PicoGreen bevorzugt doppelsträngige DNA erfasst
c) Grenzen der PicoGreen-Methode
2.2.2. Qubit-SystemeIm Gegensatz zur UV-Spektrophotometrie, bei der die Abschwächung eines eingestrahlten Lichtstrahls gemessen wird, beruhen fluoreszenzbasierte Verfahren auf der gezielten Anregung spezifischer Moleküle und der anschließenden Messung des von ihnen ausgesandten Lichts. (Oder einfacher formuliert: Während die UV-Spektrophotometrie feststellt, wie viel Licht „verschwindet“, misst die Fluoreszenz nicht den Schatten, sondern das Leuchten.)
Dabei wird der Probe ein Fluoreszenzfarbstoff zugesetzt, der selbst kaum oder gar nicht fluoresziert. Erst nach Bindung an eine Zielstruktur – beispielsweise doppelsträngige DNA oder RNA – ändert sich seine räumliche Anordnung, sodass er nach Anregung mit Licht einer bestimmten Wellenlänge ein charakteristisches Fluoreszenzsignal aussendet. Die Intensität dieses emittierten Lichts ist proportional zur Menge der gebundenen Nukleinsäure.
Das entscheidende Merkmal fluoreszenzbasierter Verfahren ist ihre Selektivität: Durch geeignete Farbstoffe lassen sich gezielt bestimmte Nukleinsäuretypen erfassen, während andere Bestandteile der Probe weitgehend unbeachtet bleiben. Dadurch wird eine deutlich spezifischere Quantifizierung möglich als mit der unspezifischen UV-Absorption bei 260 nm.
Insbesondere bei niedrigen Konzentrationen – etwa bei der Bestimmung von DNA-Rückständen in mRNA-Präparationen – bieten fluoreszenzbasierte Methoden eine wesentlich höhere Sensitivität.
2.2.1. DNA-/RNA-spezifische Farbstoffe
Die Grundlage fluoreszenzbasierter Quantifizierung bilden Nukleinsäure-bindende Farbstoffe, die selektiv mit DNA oder RNA interagieren.
Doppelstrang-DNA-spezifische Farbstoffe
Ein häufig eingesetzter DNA-spezifischer Farbstoff ist PicoGreen. Dieser bindet bevorzugt an doppelsträngige DNA. In freier Lösung zeigt PicoGreen nur eine sehr geringe Eigenfluoreszenz. Erst nach Bindung an die DNA steigt seine Fluoreszenzintensität stark an. Dadurch wird die Quantifizierung selbst sehr geringer DNA-Mengen möglich.
RNA-spezifische Farbstoffe
Für RNA wird häufig RiboGreen verwendet. Auch dieser Farbstoff zeigt erst nach Bindung an RNA ein deutliches Fluoreszenzsignal.
Die unterschiedliche Bindungsaffinität der Farbstoffe erlaubt eine weitgehend selektive Erfassung der jeweiligen Nukleinsäureart.
Das Messprinzip folgt dabei stets demselben Schema:
- Zugabe eines spezifischen Farbstoffs zur Probe
- Bindung des Farbstoffs an die Zielnukleinsäure
- Anregung mit Licht definierter Wellenlänge (λEX – Excitation)
- Messung der emittierten Fluoreszenz (λEM – Emission)
- Vergleich mit einer Kalibrationsreihe bekannter Konzentrationen
Da nur gebundener Farbstoff ein starkes Signal erzeugt, bleibt der Hintergrund gering. Dies erklärt die hohe Empfindlichkeit dieser Methode im Vergleich zur UV-Spektrophotometrie.

Abb. 2.2.1-A: Schematische Darstellung der DNA-Quantifizierung mittels Fluorometrie 1) Nach Zugabe des Fluoreszenzfarbstoffs (z. B. PicoGreen) erfolgt eine bevorzugte Bindung an doppelsträngige DNA (dsDNA).
2) Die Probe wird mit kurzwelligem, energiereichem Licht einer definierten Wellenlänge (λEX ≈ 480 nm, blau) bestrahlt, wodurch die Farbstoffmoleküle in einen angeregten Zustand versetzt werden.
3) Bei der Rückkehr in den Grundzustand emittiert der gebundene Farbstoff längerwelliges Licht (λEM ≈ 520 nm, grün). Die gemessene Fluoreszenzintensität ist im linearen Messbereich proportional zur vorhandenen DNA-Konzentration in der Probe. Da freier Farbstoff nur eine sehr geringe Eigenfluoreszenz aufweist, entsteht ein deutliches Signal hauptsächlich durch DNA-gebundene Moleküle.Die Quantifizierung erfolgt über den Vergleich der Signalintensität mit einer Standardreihe bekannter DNA-Konzentrationen.
a) Wirkmechanismus von PicoGreen
PicoGreen ist ein Fluoreszenzfarbstoff mit hoher Affinität zu doppelsträngiger DNA (dsDNA). Seine besondere Empfindlichkeit beruht darauf, dass er im freien Zustand fast nicht leuchtet – nach Bindung an DNA jedoch sehr stark fluoresziert.
Der Unterschied zwischen diesen beiden Zuständen (frei/gebunden) ist entscheidend für die analytische Anwendung.
Freies PicoGreen in Lösung
In wässriger Lösung ist das Molekül beweglich:
- Es kann sich drehen und biegen.
- Seine aromatischen Ringsysteme sind gegeneinander beweglich.
- Es stößt ständig mit Wassermolekülen zusammen.
Wird das Molekül durch Licht angeregt, nimmt es Energie auf. Im freien Zustand geht diese Energie jedoch größtenteils nicht als Licht verloren, sondern wird durch molekulare Bewegungen und Wechselwirkungen mit dem Wasser in Wärme umgewandelt. Die Folge: Die Eigenfluoreszenz ist sehr gering. Freies PicoGreen bleibt nahezu „dunkel“.
Annäherung an die doppelsträngige DNA
PicoGreen trägt positive Ladungen. Das Rückgrat der DNA ist aufgrund seiner Phosphatgruppen negativ geladen. Dadurch entsteht eine elektrostatische Anziehung zwischen Farbstoff und DNA. Das Molekül lagert sich bevorzugt an doppelsträngige DNA (dsDNA) an – insbesondere an Bereiche, in denen zwei DNA-Stränge eng beieinanderliegen. Diese erste Annäherung ist die Voraussetzung für eine stabilere Bindung.

Abb. 2.2.1-B: Schematische Darstellung der Struktur von PicoGreen und dsDNA
(nicht maßstabsgetreu)Links ist die vereinfachte Struktur des Fluoreszenzfarbstoffs PicoGreen dargestellt. Die sechseckigen und fünfeckigen Ringe in der Struktur stehen für die aromatischen Ringsysteme – das sind besonders stabile, flache Molekülbausteine, die UV-Licht einfangen können. Zudem besitzt der Farbstoff positiv geladene Seitenarme.
Rechts ist die doppelsträngige DNA mit negativ geladenem Zucker-Phosphat-Rückgrat gezeigt. Die elektrostatische Anziehung zwischen den positiven Seitenarmen des Farbstoffs und dem negativen Rückgrat der DNA bringt den Farbstoff zunächst in die Nähe der DNA.Bindung und Fixierung
Nach der Bindung wird das Molekül in seiner Beweglichkeit stark eingeschränkt:
- Es kann sich kaum noch drehen oder verbiegen.
- Teile des Moleküls liegen geschützt zwischen oder nahe den Basenpaaren.
- Der direkte Kontakt mit Wasser wird teilweise reduziert.
Die DNA wirkt dabei gewissermaßen wie eine Halterung, die das Molekül in einer festen Position stabilisiert.
Warum die Fluoreszenz nun stark zunimmt
Durch diese Fixierung verändern sich die Energieverluste des Moleküls: Im freien Zustand geht ein Großteil der aufgenommenen Energie durch Bewegung verloren. Im gebundenen Zustand sind diese Bewegungen stark eingeschränkt.
Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die aufgenommene Energie als Licht abgegeben wird – also als Fluoreszenz. Das Ergebnis ist ein deutlich stärkeres Signal.
Der Unterschied zwischen freiem und DNA-gebundenem PicoGreen ist so groß, dass selbst sehr geringe Mengen doppelsträngiger DNA zuverlässig nachweisbar sind.

Abb. 2.2.1-C: Fluoreszenzverhalten von PicoGreen – frei in Lösung und gebunden an dsDNA Links: PicoGreen in wässriger Lösung (ohne DNA)
In wässriger Lösung ist das Farbstoffmolekül ständig in Bewegung: Es rotiert und führt innermolekulare Schwingungen aus. Wird es mit blauem Licht angeregt, gibt es die aufgenommene Energie überwiegend über diese Bewegungen an das umgebende Wasser als Wärme ab. Der Farbstoff zeigt daher nur eine sehr schwache Eigenfluoreszenz.
Rechts: PicoGreen gebunden an dsDNA
Nach Bindung an doppelsträngige DNA lagert sich PicoGreen in die Kleine Furche ein und wird zusätzlich durch Stapelwechselwirkungen mit den Basen fixiert. Dadurch ist das Molekül in seiner Beweglichkeit stark eingeschränkt. Die aufgenommene Energie kann nun deutlich weniger über Bewegungsprozesse verloren gehen und wird überwiegend als grünes Licht emittiert. Die Fluoreszenzintensität steigt daher stark an.Warum diese Eigenschaft analytisch so wertvoll ist
- Freier Farbstoff erzeugt kaum Hintergrundsignal.
- Nur gebundener Farbstoff leuchtet stark.
- Doppelsträngige DNA wird bevorzugt erfasst.
Gerade bei der Bestimmung von DNA-Rückständen in mRNA-Präparationen – auch bei sehr niedrigen Konzentrationen – ist dieser starke Kontrast zwischen „dunkel“ und „leuchtend“ entscheidend für die Sensitivität der Methode.
b) Warum PicoGreen bevorzugt doppelsträngige DNA erfasst
Die Selektivität von PicoGreen beruht nicht darauf, dass der Farbstoff „weiß“, was DNA ist, sondern auf strukturellen Eigenschaften der doppelsträngigen DNA.
Doppelsträngige DNA besitzt:
- einen regelmäßig aufgebauten Basenstapel
- dicht gepackte, planare Basenpaare
- klar definierte große und kleine Furchen
- eine stabile, räumlich geordnete Struktur
Diese geordnete Architektur bietet dem Farbstoff geeignete Bindungsstellen. Er kann sich zwischen oder nahe den gestapelten Basen anlagern und wird dabei mechanisch fixiert. Genau diese Fixierung ist entscheidend für die starke Fluoreszenzzunahme.
Einzelsträngige DNA oder RNA besitzen eine deutlich flexiblere Struktur. Ihnen fehlt der regelmäßig aufgebaute Basenstapel der Doppelhelix. Zwar kann es auch hier zu Wechselwirkungen kommen, doch:
- die Bindung ist schwächer
- die Fixierung weniger stabil
- die Fluoreszenzverstärkung deutlich geringer
Deshalb reagiert PicoGreen besonders empfindlich auf doppelsträngige DNA – und wesentlich schwächer auf RNA oder einzelsträngige Nukleinsäuren.
Für die Analyse von DNA-Rückständen ist genau diese Eigenschaft entscheidend: Restliche Plasmid-DNA oder DNA-Fragmente liegen typischerweise doppelsträngig vor und erzeugen daher ein starkes Signal.
Obwohl DNA-spezifische Fluoreszenzfarbstoffe wie PicoGreen eine hohe Präferenz für doppelsträngige DNA aufweisen, ist ihre Selektivität nicht absolut. Insbesondere in Proben mit sehr hohen RNA-Konzentrationen kann es zu unspezifischen Signalbeiträgen kommen. Diese entstehen durch schwache Bindung an RNA, sekundäre RNA-Strukturen oder schlichte Masseneffekte. Ohne geeignete Kontrollmaßnahmen – etwa eine RNase-Behandlung – kann dies zu einer Überschätzung der DNA-Menge führen.
c) Grenzen der PicoGreen-Methode
Trotz ihrer hohen Empfindlichkeit bleibt die Methode eine quantitative Summenbestimmung von dsDNA. Sie liefert keine Informationen über:
- die Sequenz der DNA
- die genaue Herkunft
- die biologische Funktionalität
- die Fragmentzusammensetzung
Einfluss der Fragmentlänge
Die Signalstärke hängt unter anderem davon ab, wie viele Bindungsstellen zur Verfügung stehen. Sehr kurze DNA-Fragmente können weniger Farbstoff binden als lange, intakte Moleküle.
Das bedeutet: Zwei Proben mit identischer Masse an DNA können – abhängig von der Fragmentierung – leicht unterschiedliche Fluoreszenzsignale erzeugen.
In der Praxis wird dies durch Kalibrationsstandards berücksichtigt, vollständig eliminieren lässt sich dieser Effekt jedoch nicht.
Matrixeffekte
Bestandteile der Probe können das Messergebnis beeinflussen, etwa:
- hohe Salzkonzentrationen
- Restproteine
- Tenside oder Lipidbestandteile
- Pufferzusammensetzung
Solche Faktoren können die Bindungseffizienz oder die Fluoreszenzintensität verändern. Daher werden Messbedingungen standardisiert und validiert.
Zwischenfazit
Fluoreszenzbasierte Verfahren wie PicoGreen ermöglichen eine sehr empfindliche Quantifizierung doppelsträngiger DNA und sind grundsätzlich gut geeignet, um geringe DNA-Mengen auch in komplexen Proben nachzuweisen.
Die Methode beruht jedoch nicht auf einer sequenzspezifischen Erkennung, sondern auf strukturellen Eigenschaften der Nukleinsäuren. Das gemessene Signal kann daher durch Faktoren wie RNA-Reste, Fragmentlänge, Sekundärstrukturen oder Bestandteile der Probenmatrix beeinflusst werden. Ohne geeignete Kontrollmaßnahmen – insbesondere RNase-Behandlung und standardisierte Probenaufbereitung – besteht das Risiko einer Über- oder Unterschätzung der tatsächlichen DNA-Menge.
PicoGreen beantwortet damit vor allem die Frage, wie viel fluoreszenzaktive doppelsträngige DNA in einer Probe vorhanden ist. Aussagen über Sequenz, Herkunft, Integrität oder biologische Funktionalität der DNA sind mit dieser Methode allein nicht möglich.
Für solche Fragestellungen sind ergänzende sequenz- oder amplifikationsbasierte Verfahren erforderlich, die in den folgenden Kapitel behandelt werden.
2.2.2. Qubit-Systeme
Während DNA- und RNA-spezifische Farbstoffe wie PicoGreen oder RiboGreen die eigentlichen fluoreszierenden Werkzeuge zur Quantifizierung von Nukleinsäuren darstellen, bezeichnet das Qubit-System das darauf abgestimmte Gesamtsystem zur präzisen Konzentrationsbestimmung. Das Qubit-System ist ein kompaktes Fluorometer, das für die hochsensitive und spezifische Quantifizierung von DNA, RNA und Proteinen von Thermo Fisher Scientific entwickelt wurde. Es kombiniert:
- spezifische Fluoreszenzfarbstoffe = molekulare Sensoren
- optimierte Reagenzienlösungen = definierte Umgebung (Puffer)
- standardisierte Assay-Protokolle = standardisierte Bedienungsanleitungen
Ziel dieses Systems ist eine selektive und empfindliche Quantifizierung von DNA oder RNA in biologischen Proben.
Prinzip des Qubit-Systems
Das zugrunde liegende Messprinzip entspricht dem zuvor beschriebenen Verfahren (im Kapitel 2.2.1): Ein selektiver Fluoreszenzfarbstoff bindet an die Zielnukleinsäure, wird mit Licht definierter Wellenlänge angeregt und emittiert ein messbares Fluoreszenzsignal. Die Intensität dieses Signals ist proportional zur Menge der gebundenen DNA oder RNA. Durch den Vergleich mit Standardlösungen bekannter Konzentration kann daraus die Konzentration der Probe bestimmt werden.
Der Ablauf einer Messung
Die Handhabung ist bewusst einfach gehalten und folgt einem standardisierten Protokoll:
1️⃣ Arbeitslösung ansetzen: Der fluoreszierende Farbstoff (aus dem Assay-Kit) wird mit dem mitgelieferten Puffer im empfohlenen Verhältnis gemischt.
Beispiele für verfügbare Assay-Kits:
Assay-Kit Anwendung für dsDNA BR (Broad Range) höhere DNA-Konzentrationen dsDNA HS (High Sensitivity) niedrige DNA-Konzentrationen RNA BR (Broad Range) höhere RNA-Konzentrationen RNA HS (High Sensitivity) niedrige RNA-Konzentrationen microRNA Assay kleine RNA-Moleküle wie miRNA und siRNA Protein Assay Quantifizierung von Proteinen 2️⃣ Probe zugeben: Ein kleines Volumen der Probe (meist 1–20 µl) wird zur Arbeitslösung gegeben.
3️⃣ Bindung abwarten: Nach einer kurzen Inkubationszeit von nur 2 Minuten (bei DNA/RNA-Assays) bindet der Farbstoff spezifisch an sein Zielmolekül.
4️⃣ Kalibrieren mit Standards: Es werden ein oder zwei mitgelieferte Standards mit bekannter Konzentration gemessen. Daraus erstellt das Gerät automatisch eine Standardkurve.
5️⃣ Probe in das Gerät stellen:
Anregung: Das Gerät bestrahlt die Probe mit der passenden Anregungswellenlänge: z. B. blaues Licht bei ca. 470 nm zur Quantifizierung von DNA.
Emission: Die gebundenen Farbstoffmoleküle absorbieren dieses Licht und strahlen es mit einer längeren Wellenlänge (niedrigerer Energie) wieder ab (z. B. grünes Licht bei ca. 520 nm).
Filterung: Ein optischer Filter im Gerät blockiert das blaue Anregungslicht, sodass der Sensor nur das grüne Leuchten der Probe registriert. Dies erklärt die enorme Genauigkeit: Das Gerät „sieht“ nur das Zielobjekt, störende Anregungsstrahlung wird ausgeblendet.6️⃣ Messen und Ergebnis: Das Gerät misst das abgestrahlte, längerwellige Licht (z. B. grün). Innerhalb von Sekunden berechnet ein Algorithmus unter Berücksichtigung der Standardkurve die exakte Konzentration. Das Ergebnis wird auf dem Bildschirm angezeigt.

Abb. 2.2.2: Schematischer Ablauf der dsDNA-Quantifizierung im Qubit-System Die Abbildung zeigt den Ablauf der dsDNA-Quantifizierung mit dem Qubit-System. Nach Zugabe des spezifischen Fluoreszenzfarbstoffs zur Probe (1–2) bindet dieser selektiv an doppelsträngige DNA (3). Anschließend wird die Probe in das Qubit-Fluorometer eingesetzt (5), welches die Fluoreszenzintensität misst und die DNA-Konzentration berechnet (6).
Vorteile des Qubit-Systems
- Hohe Spezifität und Selektivität: Die verwendeten Fluoreszenzfarbstoffe besitzen eine starke Präferenz für ihre jeweiligen Zielmoleküle. Dadurch kann beispielsweise doppelsträngige DNA (dsDNA) auch in Gegenwart größerer RNA-Mengen vergleichsweise selektiv quantifiziert werden. Unspezifische Signalbeiträge sind jedoch insbesondere bei sehr hohen RNA-Konzentrationen oder komplexen Probenmatrices nicht vollständig ausgeschlossen.
- Hohe Sensitivität: Im Vergleich zur UV-Photometrie ist die Methode deutlich empfindlicher und erlaubt die Quantifizierung sehr geringer Nukleinsäurekonzentrationen.
- Geringer Probenverbrauch: Für die Messung werden nur kleine Probenvolumina benötigt (typischerweise 1–20 µl), was insbesondere bei limitiertem oder wertvollem Probenmaterial vorteilhaft ist.
- Relative Robustheit gegenüber Verunreinigungen: Viele Substanzen, die UV-spektroskopische Verfahren beeinflussen können – etwa freie Nukleotide, Salze oder Proteine, stören die fluorometrische Messung deutlich weniger. Bestimmte Matrixbestandteile können die Fluoreszenz jedoch weiterhin beeinflussen.
- Einfache Handhabung und schnelle Ergebnisse: Das System ist standardisiert aufgebaut und ermöglicht reproduzierbare Messungen mit vergleichsweise geringem Arbeitsaufwand.
Grenzen des Qubit-Systems
- Keine Aussage über DNA-Integrität: Das Verfahren unterscheidet nicht zwischen intakter und fragmentierter DNA.
- Keine Sequenzinformation: Die Messung liefert keine Informationen über Sequenz, Herkunft oder biologische Funktion der Nukleinsäuren.
- Einfluss der Fragmentlänge: Unterschiedliche Fragmentlängen können die Signalstärke beeinflussen. Sehr kurze oder stark degradierte Fragmente erzeugen unter Umständen ein reduziertes Fluoreszenzsignal.
- Restunspezifität bei hohen RNA-Mengen: Sehr hohe RNA-Konzentrationen können trotz der hohen Farbstoffspezifität zu unspezifischen Signalbeiträgen führen.
- Begrenzter linearer Messbereich: Die Quantifizierung ist auf den linearen Bereich des jeweiligen Assays beschränkt. Hochkonzentrierte Proben müssen daher entsprechend verdünnt werden.
- Eingeschränkte Aussagen zur Probenreinheit: Aussagen über Reinheit, Zusammensetzung oder mögliche Kontaminationen der Probe sind nur begrenzt möglich.
Zusammenfassung
Die Qubit-Fluorometrie gilt als empfindliche und vergleichsweise selektive Methode zur Quantifizierung von DNA und RNA. Im Unterschied zur UV-Spektroskopie basiert sie nicht auf einer unspezifischen Lichtabsorption, sondern auf fluoreszierenden Farbstoffen mit starker Präferenz für bestimmte Nukleinsäurestrukturen. Dadurch sind auch Messungen geringer Konzentrationen in komplexen Proben möglich.
Die Methode bleibt jedoch eine strukturabhängige Summenmessung: Sie liefert Informationen über die Menge bestimmter Nukleinsäuretypen, nicht jedoch über deren Sequenz, Herkunft oder biologische Eigenschaften. Für solche Fragestellungen sind sequenz- oder amplifikationsbasierte Verfahren erforderlich, die in den folgenden Kapitel behandelt werden.
2.3. Amplifikationsbasierte Methoden
Die bisher beschriebenen Verfahren (UV-Spektroskopie und Fluorometrie) ermöglichen die Bestimmung der Gesamtmenge an Nukleinsäuren – also von RNA und/oder DNA. Für den gezielten Nachweis spezifischer DNA- oder RNA-Sequenzen sind jedoch Methoden erforderlich, die auf einer Vervielfältigung der Zielsequenz beruhen. Dieses Prinzip wird als Amplifikation bezeichnet.
Im Herstellungsprozess kommen amplifikationsbasierte Methoden insbesondere zum Einsatz, um verbleibende DNA-Rückstände nachzuweisen.
Grundlage dieser Verfahren ist die Polymerase-Kettenreaktion (PCR). Dabei wird ein zuvor definierter DNA-Abschnitt durch wiederholte enzymatische Synthesezyklen exponentiell vervielfältigt, das heißt, die Menge des Zielabschnitts verdoppelt sich idealerweise in jedem Zyklus. Bereits wenige Ausgangskopien können so in eine messbare Menge überführt werden. Auf diesem Prinzip basieren sowohl die quantitative PCR (qPCR) als auch die digitale PCR (ddPCR).
2.3.1. quantitative PCR (qPCR)
2.3.2. digitale PCR (ddPCR)
2.3.3. Vergleich der PCR-basierten Quantifizierungsmethoden
2.3.1. Quantitative Polymerase-Kettenreaktion (qPCR)
Die quantitative PCR, auch Real-Time-PCR genannt, ist eine Weiterentwicklung der klassischen PCR. Sie ermöglicht die gleichzeitige Amplifikation und Quantifizierung eines spezifischen DNA-Abschnitts in Echtzeit.
Die grundlegenden Reaktionsschritte entsprechen denen der konventionellen PCR, wie sie im ersten Teil (Vervielfältigung der Spike-DNA mittels PCR) beschrieben wurden. Der entscheidende Unterschied besteht darin, dass während jedes Amplifikationszyklus die entstehende DNA-Menge durch ein Fluoreszenzsignal gemessen wird.
In der qPCR wird hierzu ein Fluorophor eingesetzt, das als „Lichtsignal“ dient. Grundsätzlich unterscheidet man zwei Strategien:
a) Farbstoffbasierte qPCR
b) Sondenbasierte qPCR
a) Farbstoffbasierte qPCR (z.B. mit SYBR® Green)
Bei der Analyse wird der Probe eine Reaktionsmischung zugesetzt, bestehend aus:
- freien Nukleotiden
- einem spezifischen Primerpaar
- einer thermostabilen DNA-Polymerase
- einem Puffer mit Mg²⁺-Ionen (für die Aktivität der Polymerase)
- einem fluoreszierenden Farbstoff (z. B. SYBR® Green)
SYBR® Green ist ein Fluorophor, der selektiv an doppelsträngige DNA bindet. Erst nach Bindung an dsDNA entfaltet der Farbstoff seine starke Fluoreszenz.
Diese Mischung wird in ein qPCR-Gerät – einen sogenannten Real-Time-PCR-Thermocycler – gestellt.
Prinzip der Methode
1️⃣ Denaturierung: Die Reaktionsmischung wird auf etwa 94–98 °C erhitzt. Dabei lösen sich die Wasserstoffbrückenbindungen zwischen den Basenpaaren, und der DNA-Doppelstrang wird in zwei Einzelstränge getrennt.
2️⃣ Primerbindung: Die Temperatur wird auf etwa 50–65 °C abgesenkt. Die spezifischen Primer binden an ihre komplementären Zielsequenzen auf den Einzelsträngen. Sie definieren den Startpunkt der DNA-Synthese.

Abb. 2.3.1-A1: SYBR Green im ersten qPCR-Zyklus – Denaturierung und Primerbindung Links: Der Farbstoff SYBR® Green wird vor Beginn der PCR zur Reaktionsmischung gegeben. Er bindet selektiv an doppelsträngige DNA und zeigt in gebundener Form eine starke Fluoreszenz.
Rechts: Während der Denaturierung trennt sich die doppelsträngige DNA in Einzelstränge. Der gebundene Farbstoff wird dabei freigesetzt und verliert weitgehend seine Fluoreszenz. Anschließend binden die spezifischen Primer an ihre komplementären Zielsequenzen. (Hinweis: Die Primer sind zur besseren Übersichtlichkeit verkürzt mit nur drei Nukleotiden dargestellt; in der Praxis sind sie deutlich länger.)3️⃣ DNA-Synthese (Amplifikation): Bei etwa 72 °C synthetisiert die DNA-Polymerase den komplementären Strang. Dabei entsteht erneut doppelsträngige DNA. Der Farbstoff SYBR® Green bindet an diese neu gebildete dsDNA.
4️⃣ Anregung und Emission: Die Reaktionsmischung wird mit blauem Licht (ca. 490 nm) bestrahlt. Die gebundenen Farbstoffmoleküle absorbieren diese Energie und emittieren grünes Licht (ca. 520 nm). Der gebundene Farbstoff erzeugt ein messbares Fluoreszenzsignal.

Abb. 2.3.1-A2: SYBR Green im ersten qPCR-Zyklus – vom Doppelstrang zum Fluoreszenzsignal Links: Die DNA-Polymerase synthetisiert neue komplementäre Stränge. Dabei entsteht erneut doppelsträngige DNA, an die SYBR® Green unmittelbar bindet.
Rechts: Am Ende des Zyklus wird die Reaktionsmischung mit Licht geeigneter Wellenlänge angeregt. Die an doppelsträngige DNA gebundenen Farbstoffmoleküle emittieren grünes Fluoreszenzlicht, dessen Intensität proportional zur gebildeten DNA-Menge ist.5️⃣ Quantifizierung: Die Fluoreszenz wird am Ende jedes Zyklus gemessen. Mit zunehmender DNA-Menge steigt das Signal an. Daraus entsteht eine charakteristische Amplifikationskurve.
Der zentrale Messwert ist der sogenannte Ct-Wert (Cycle threshold). Er bezeichnet den Zyklus, bei dem das Fluoreszenzsignal erstmals eine definierte Schwelle überschreitet.
- Niedriger Ct-Wert → hohe Ausgangsmenge an Ziel-DNA
- Hoher Ct-Wert → geringe Ausgangsmenge an Ziel-DNA
Für eine absolute Quantifizierung wird üblicherweise eine Standardkurve mit bekannten Referenzkonzentrationen erstellt.
Bedeutung der Amplikon-Länge für die Detektion
Als Amplikon bezeichnet man den DNA-Abschnitt, der während der PCR zwischen den beiden Primerbindestellen vervielfältigt wird – einschließlich der Primer selbst.
Die spezifische Detektion der Zielsequenz setzt voraus, dass ein vollständiges Amplikon gebildet werden kann. Das ist nur möglich, wenn beide Primer – Vorwärts- und Rückwärts-Primer – auf demselben DNA-Fragment binden können. Ist das Fragment kürzer als der Abstand zwischen den beiden Primerbindestellen, kann einer der Primer nicht binden. Eine effiziente exponentielle Amplifikation findet nicht statt, es entsteht kein relevantes Fluoreszenzsignal.
Daraus folgt eine wichtige methodische Konsequenz: Je länger das gewählte Amplikon – also der Abstand zwischen den beiden Primerbindestellen, desto mehr kurze Fragmente bleiben unerkannt – nicht weil sie nicht vorhanden sind, sondern weil sie für diesen Assay zu kurz sind. Die Wahl der Amplikon-Länge beeinflusst damit direkt, welcher Anteil der tatsächlich vorhandenen DNA erfasst wird.

Abb. 2.3.1-A3: Bedeutung der Amplikon-Länge für die Detektion Hinweis: Die Primer sind zur besseren Übersichtlichkeit verkürzt mit nur drei Nukleotiden dargestellt; in der Praxis sind sie deutlich länger. Auch die schematische Darstellung der DNA-Fragmente ist verkürzt.
Oben: Fragment umfasst beide Primerbindestellen
Das DNA-Fragment ist lang genug, dass beide Primer (Vorwärts- und Rückwärts-Primer) an ihre jeweiligen Bindestellen binden können. Die DNA-Polymerase kann den Bereich zwischen den Primern vollständig kopieren. Es entsteht ein spezifisches Amplikon definierter Länge. Im nächsten Zyklus kann dieses Produkt wieder effizient amplifiziert werden. Als Ergebnis entsteht ein starkes Fluoreszenzsignal mit SYBR Green (proportional zur Menge spezifischer dsDNA).
Unten: Fragment umfasst nur eine Primerbindestelle
Das DNA-Fragment ist kürzer als der Abstand zwischen den beiden Primer-Bindestellen. Es kann nur ein Primer binden (der andere hat keine komplementäre Sequenz). Es entsteht kein vollständiges Amplikon, somit ist keine exponentielle Amplifikation möglich. Als Ergebnis entsteht kein oder nur sehr schwaches Fluoreszenzsignal mit SYBR Green.Vorteile der farbstoffbasierten qPCR
- Geringe Kosten & Aufwand: Die Methode ist vergleichsweise kostengünstig und technisch unkompliziert.
- Einfaches Primer-Design: Es werden nur sequenzspezifische Primer benötigt.
- Hohe Sensitivität: Bereits sehr geringe Mengen an Ziel-DNA lassen sich zuverlässig detektieren.
- Schnelle Durchführung: Die Methode ist breit etabliert und ermöglicht eine zügige Analyse auch größerer Probenzahlen. Die Quantifizierung erfolgt direkt über die Fluoreszenzentwicklung während der Amplifikation.
- Hohe Flexibilität: Neue Zielsequenzen können vergleichsweise schnell durch Anpassung der Primer analysiert werden.
- Schmelzkurvenanalyse als Qualitätskontrolle: Nach der Amplifikation kann die Spezifität der PCR-Produkte anhand ihrer charakteristischen Schmelztemperatur überprüft werden. Dadurch lassen sich unspezifische Produkte oder Primer-Dimere häufig erkennen.
Nachteile der farbstoffbasierten qPCR
- Unspezifische Farbstoffbindung: Der Fluoreszenzfarbstoff bindet an jede doppelsträngige DNA – auch an unspezifische Amplifikationsprodukte wie Primer-Dimere.
- Abhängigkeit vom Primer-Design: Die Spezifität der Analyse hängt stark von der Qualität und Selektivität der verwendeten Primer ab.
- Einfluss der Zielregion: Die Wahl der Zielsequenz und insbesondere die Länge des amplifizierten Abschnitts (Amplikon) beeinflussen das Ergebnis erheblich.
- Einfluss der Fragmentlänge: Stark fragmentierte DNA kann mit längeren Amplikons unvollständig erfasst werden, da häufig nicht mehr beide Primerbindestellen auf demselben Fragment vorhanden sind.
- Einfluss der Amplikonlänge: Kürzere Amplikons erfassen fragmentierte DNA in der Regel effizienter, erhöhen jedoch unter Umständen die Wahrscheinlichkeit unspezifischer Signale.
- Abhängigkeit von Effizienz und Kalibration: Die Genauigkeit der Quantifizierung wird wesentlich durch die PCR-Effizienz sowie die Qualität der verwendeten Standardkurve beeinflusst.
b) Sondenbasierte qPCR (z. B. TaqMan®)
Bei der Analyse wird der Probe eine Reaktionsmischung zugesetzt, bestehend aus:
- freien Nukleotiden
- einem spezifischen Primerpaar
- einer thermostabilen DNA-Polymerase mit „5’→3′-Exonuklease-Aktivität“ (diese Polymerase kann im Weg liegende Hindernisse aktiv abbauen)
- einem Puffer mit Mg²⁺-Ionen (für die Aktivität der Polymerase)
- einer spezifischen Sonde (z. B. TaqMan®-Sonde)
Aufbau und Funktionsweise der TaqMan®-Sonde
Eine TaqMan®-Sonde ist eine kurze, synthetisch hergestellte DNA-Sequenz, die komplementär zu einem Abschnitt der Zielsequenz passt. Die Sonde bindet an einen der beiden DNA-Stränge, und zwar zwischen den beiden Primerbindestellen.
Die Sonde trägt:
• am 5′-Ende einen Fluoreszenzfarbstoff (Reporter)
• am 3′-Ende einen Quencher
Der Reporter kann unterschiedliche Fluorophore tragen, wodurch auch Multiplex-Analysen – der gleichzeitige Nachweis mehrerer Zielsequenzen – möglich sind.
Solange Reporter und Quencher räumlich nahe beieinander liegen, wird das Fluoreszenzsignal unterdrückt. Das Quenching funktioniert nur, solange die Sonde intakt ist: Durch die räumliche Nähe von Reporter und Quencher kommt es zu einem Fluorescence Resonance Energy Transfer (FRET). Dabei wird die vom Reporter absorbierte Energie auf den Quencher übertragen und als Wärme abgegeben, anstatt als Licht emittiert zu werden.
Die Reaktion wird in einem Real-Time-PCR-Thermocycler durchgeführt, der neben den Temperaturzyklen auch die Fluoreszenz während der Amplifikation misst.
Prinzip der Methode
1️⃣ Denaturierung: Die Reaktionsmischung wird auf etwa 94–98 °C erhitzt. Die Wasserstoffbrückenbindungen brechen auf, wodurch die doppelsträngige DNA in zwei Einzelstränge getrennt wird.
2️⃣ Hybridisierung (Primer- & Sondenbindung): Die Temperatur wird auf etwa 55–60 °C abgesenkt. Neben den spezifischen Primern bindet auch die TaqMan-Sonde an ihre Zielsequenz zwischen den Primern. In diesem Zustand bleibt die Fluoreszenz des Reporters durch den nahen Quencher unterdrückt.

Abb. 2.3.1-B1: Sondenbasierte qPCR im Annealing-Schritt Sobald die Temperatur von 95 °C auf 60 °C sinkt, bindet die Sonde als Erstes an ihre Zielsequenz. Die Sonde hat eine höhere Schmelztemperatur Tm (meist 8–10 °C über der der Primer), damit sie bei der gewählten Arbeitstemperatur bereits fest sitzt, während die Primer gerade erst anfangen zu binden.
Die Sonde ist ein einzelsträngiges DNA-Molekül von etwa 20–30 Nukleotiden Länge. Sie ist so konzipiert, dass sie spezifisch an eine definierte Zielsequenz bindet – einen Abschnitt, der charakteristisch für die gesuchte DNA ist.3️⃣ DNA-Synthese & Hydrolyse (Amplifikation): Bei etwa 60 °C beginnt die DNA-Polymerase mit der Synthese des neuen Strangs. In vielen modernen qPCR-Protokollen erfolgen Annealing (Primer- & Sondenbindung) und Elongation (DNA-Synthese) bei derselben Temperatur.
Trifft die Polymerase während der Strangsynthese auf die gebundene Sonde, nutzt sie ihre 5’→3′-Exonuklease-Aktivität, um die Sonde zu hydrolysieren (in einzelne Nukleotide zu zerlegen). Bereits der erste Schnitt trennt den Reporter-Farbstoff vom Quencher.
Dadurch wird der Reporter dauerhaft von der quenched Situation befreit.4️⃣ Anregung und Emission: Während der Messphase wird die Reaktionsmischung mit Licht einer spezifischen Wellenlänge angeregt. Die freigesetzten Reporter-Moleküle absorbieren diese Energie und emittieren Licht einer längeren Wellenlänge (z. B. grün bei FAM oder gelb bei VIC).
Das Fluoreszenzsignal entsteht hier nicht durch Bindung eines Farbstoffs an doppelsträngige DNA (wie bei SYBR Green), sondern durch die enzymatische Spaltung der Sonde während der Amplifikation.

Abb. 2.3.1-B2: Amplifikation mit Sondenhydrolyse – Signalentstehung (Fluoreszenz) Die Polymerase verlängert vom Primer aus und erreicht die Sonde. Während sie den neuen DNA-Strang synthetisiert, räumt sie die im Weg liegende Sonde weg. Dadurch wird der Reporter vom Quencher getrennt, was das messbare Fluoreszenzsignal erzeugt.
5️⃣ Quantifizierung: Die Fluoreszenz wird nach jedem Zyklus gemessen. Pro neu synthetisiertem DNA-Strang, der eine intakte Sondenbindestelle enthält, wird eine Sonde hydrolysiert. Die Signalintensität steigt daher proportional zur Anzahl korrekt amplifizierter Zielmoleküle.
Der zentrale Messwert ist der Ct-Wert (Cycle threshold):
- Niedriger Ct-Wert → hohe Ausgangsmenge an Ziel-DNA
- Hoher Ct-Wert → geringe Ausgangsmenge an Ziel-DNA
Vorteile der sondenbasierten qPCR
- Hohe Spezifität: Neben den beiden Primern bindet zusätzlich eine sequenzspezifische Fluoreszenzsonde. Ein Signal entsteht nur, wenn die gewünschte Zielsequenz tatsächlich amplifiziert wird. Unspezifische Amplifikationsprodukte wie Primer-Dimere erzeugen daher in der Regel kein relevantes Signal.
- Geeignet für Multiplex-Analysen: Durch unterschiedliche Reporter-Farbstoffe können mehrere Zielsequenzen gleichzeitig in einer Reaktion nachgewiesen werden.
- Verbesserte analytische Robustheit: Die zusätzliche Sondenebene erhöht die Spezifität und verbessert die Zuverlässigkeit der Quantifizierung, insbesondere in komplexen Proben mit hohem Hintergrundsignal.
- Geringere Anfälligkeit für unspezifische Amplifikation: Im Vergleich zu farbstoffbasierten Verfahren sind falsch-positive Signale durch unspezifische PCR-Produkte deutlich reduziert.
Nachteile der sondenbasierten qPCR
- Höhere Kosten: Für jede Zielsequenz muss zusätzlich zu den Primern eine spezifische, fluoreszenzmarkierte Sonde synthetisiert werden.
- Komplexeres Assay-Design: Neben den Primern muss auch die Sonde hinsichtlich Sequenz, Schmelztemperatur, Position und möglicher Sekundärstrukturen optimiert werden.
- Abhängigkeit von der Zielregion: Fragmentierungen, Mutationen oder Schäden innerhalb der Primer- oder Sondenbindestellen können die Amplifikation und Signalgenerierung beeinträchtigen oder verhindern.
- Einfluss der Fragmentlänge: Wie bei anderen PCR-basierten Verfahren hängt die Nachweisbarkeit davon ab, ob ein DNA-Fragment alle erforderlichen Bindestellen für Primer und Sonde enthält. Stark fragmentierte DNA kann daher – insbesondere bei längeren Zielregionen – unvollständig erfasst werden.
- Indirekte Quantifizierung: Die absolute Quantifizierung erfolgt meist über Standardkurven und bleibt abhängig von Amplifikationseffizienz, Assay-Design und Probenvorbereitung.
Detaillierte Informationen zur Funktionsweise der beiden qPCR-Methoden sind hier zu finden.
Sowohl die farbstoffbasierte als auch die sondenbasierte qPCR ermöglichen eine sensitive und spezifische Detektion definierter DNA-Sequenzen. Die Quantifizierung erfolgt jedoch indirekt über den Ct-Wert und erfordert in der Regel eine Standardkurve mit bekannten Referenzkonzentrationen. Die Genauigkeit hängt somit von der Amplifikationseffizienz und der Qualität der Referenzstandards ab.
Um diese Abhängigkeit zu reduzieren und eine absolute Quantifizierung ohne Standardkurve zu ermöglichen, wurde die digitale PCR (ddPCR) entwickelt.
2.3.2. Digitale PCR (ddPCR)
ddPCR steht für Droplet Digital PCR (digitale Tröpfchen-PCR).
Die digitale PCR ist eine Weiterentwicklung der PCR-Technik, die eine absolute quantitative Bestimmung von DNA- oder RNA-Molekülen ermöglicht – ohne Standardkurve und mit sehr hoher Präzision.
Im Gegensatz zur qPCR misst sie kein kontinuierlich ansteigendes Fluoreszenzsignal, sondern zählt einzelne, positive Reaktionseinheiten. Das Ergebnis ist binär – „positiv“ oder „negativ“ – daher der Begriff digital.
Grundprinzip von ddPCR
Während bei der qPCR die gesamte Reaktion in einem einzigen Reaktionsvolumen abläuft, wird sie bei der ddPCR in Tausende mikroskopisch kleine, voneinander getrennte Reaktionsräume aufgeteilt – sogenannte Droplets (Tröpfchen). Jedes Droplet stellt eine eigenständige PCR-Reaktion dar.
Ablauf der Methode (am Beispiel DNA):
1️⃣ Probenvorbereitung: Die DNA-Probe wird mit Primern, einer sequenzspezifischen Sonde (meist TaqMan®-ähnlich), Nukleotiden, DNA-Polymerase und Puffer gemischt – analog zur sondenbasierten qPCR.
2️⃣ Partitionierung (Droplet Generator): Die Reaktionsmischung wird in einen Droplet Generator überführt. Dort wird sie zusammen mit einem speziellen Öl durch mikrofluidische Kanäle geleitet.
Durch die Strömungsdynamik entstehen daraus bis zu 20.000 nanoliter-große Droplets. Das Öl stabilisiert die Tröpfchen und bildet eine stabile Emulsion, sodass jedes Droplet ein abgeschlossener Reaktionsraum ist. Die fertigen Tröpfchen landen in einem Well (einer Vertiefung) auf einer 96-Well-Platte.
Die Verteilung der DNA-Moleküle auf die Droplets erfolgt zufällig.
Dabei entstehen:- viele leere Droplets
- einige Droplets mit einem Zielmolekül
- einige Droplets mit mehreren Molekülen
Diese Verteilung folgt der Poisson-Statistik.

Abb. 2.3.2-A: Schematische Darstellung der Tröpfchenbildung bei der digitalen PCR 3️⃣ Amplifikation (PCR): Die versiegelte 96-Well-Platte wird in einen Thermocycler überführt.
Die Droplets durchlaufen die üblichen PCR-Zyklen (Denaturierung, Annealing, Elongation), typischerweise 40–45 Zyklen.
Während der Amplifikation wird keine Fluoreszenz gemessen.
Enthält ein Droplet mindestens ein Ziel-DNA-Molekül, wird dieses amplifiziert. Die Sonde wird hydrolysiert und das Droplet entwickelt ein starkes Fluoreszenzsignal.
Droplets ohne Ziel-DNA bleiben dunkel.

Abb. 2.3.2-B: ddPCR-Signale nach Amplifikation in Abhängigkeit von der Ziel-DNA-Konzentration Die Abbildung zeigt schematisch das Ergebnis einer droplet digital PCR (ddPCR) nach Abschluss der Amplifikation.
Die zuvor generierten und versiegelten Droplets durchlaufen in einem Thermocycler 40–45 PCR-Zyklen. Während der Amplifikation erfolgt keine kontinuierliche Fluoreszenzmessung.
Enthält ein Droplet mindestens ein Ziel-DNA-Molekül, kommt es zur Amplifikation der Zielsequenz. Dabei wird die sequenzspezifische Sonde durch die 5′→3′-Exonuklease-Aktivität der DNA-Polymerase hydrolysiert, wodurch der Reporter vom Quencher getrennt wird und ein starkes Fluoreszenzsignal entsteht. Droplets ohne Ziel-DNA bleiben ohne Signal („negativ“).
Mit zunehmender Ausgangskonzentration der Ziel-DNA steigt die Anzahl fluoreszenter (positiver) Droplets, während die Intensität einzelner positiver Droplets vergleichbar bleibt.4️⃣ Auslesung (Droplet Reader): Nach Abschluss der PCR wird die 96-Well-Platte in einen DropletReader eingesetzt.
Das Gerät:
- saugt die Emulsion aus einem Well an
- leitet die Droplets einzeln durch eine schmale Kapillare
- bestrahlt jedes Droplet mit einem Laser
- misst die Fluoreszenzintensität
Jedes Droplet wird einzeln klassifiziert als:
• positiv (Fluoreszenzsignal vorhanden)
• negativ (kein Signal)Das Ergebnis ist binär – 0 oder 1.

Abb. 2.3.2-C: Schematische Darstellung des Prinzips der Fluoreszenzauslesung bei der ddPCR Nach Abschluss der PCR wird die 96-Well-Platte mit der Tröpfchen-Emulsion in den Droplet Reader eingesetzt. Das Gerät saugt die Emulsion aus einem Well an und führt die Tröpfchen einzeln durch eine schmale Kapillare. Jedes Tröpfchen wird dabei mit einem Laser bestrahlt; die gemessene Fluoreszenzintensität wird als Amplitudenwert erfasst. In der Analysesoftware werden diese Werte in einem 1D-Amplitudenplot dargestellt: Die X‑Achse nummeriert die Tröpfchen fortlaufend, die Y‑Achse zeigt die Fluoreszenz-Amplitude. Durch eine softwarebasierte Schwellenwertsetzung werden negative Tröpfchen (kein Signal) von positiven Tröpfchen (Fluoreszenzsignal) getrennt. Die Anzahl der positiven Droplets wird anschließend mittels Poisson-Statistik in die absolute Ziel-DNA-Konzentration der Ausgangsprobe umgerechnet.
5️⃣ Quantifizierung: Da bekannt ist:
- wie viele Droplets insgesamt analysiert wurden
- wie viele davon positiv sind
kann über die Poisson-Verteilung die absolute Anzahl der ursprünglichen DNA-Moleküle berechnet werden.
📍Eine Standardkurve ist nicht erforderlich.
📍Die Quantifizierung ist unabhängig von der Amplifikationseffizienz innerhalb einzelner Zyklen.🎥 Tipp: Wie das Ganze in der Praxis aussieht, zeigt das Video „Digital PCR Using the Bio-Rad QX100™ ddPCR™ System“.
Vorteile der ddPCR
- Absolute Quantifizierung ohne Standardkurve: Die Anzahl der Zielmoleküle wird direkt aus dem Verhältnis positiver zu negativer Droplets mithilfe der Poisson-Statistik berechnet. Eine externe Standardkurve ist in der Regel nicht erforderlich.
- Hohe Präzision und Reproduzierbarkeit: Durch die Aufteilung der Probe in tausende unabhängige Reaktionsräume wird die Quantifizierung weniger anfällig für Schwankungen der Amplifikationseffizienz als bei klassischen qPCR-Verfahren.
- Hohe Sensitivität bei niedrigen Konzentrationen: Auch sehr geringe Mengen an Ziel-DNA können zuverlässig detektiert werden, da einzelne Moleküle in separaten Droplets amplifiziert werden.
- Relative Robustheit gegenüber PCR-Inhibitoren: Inhibitoren verteilen sich ebenfalls auf die einzelnen Droplets. Dadurch fällt ihre hemmende Wirkung oft geringer aus als bei einer einzelnen Gesamtreaktion.
- Endpunktmessung statt Ct-Interpretation: Die Analyse basiert auf der Anwesenheit oder Abwesenheit eines Signals am Ende der PCR und ist daher weniger abhängig von der Interpretation von Amplifikationskurven.
- Besonders geeignet für seltene Zielsequenzen: Die Methode wird häufig für den Nachweis seltener Mutationen, niedriger Viruslasten oder sehr geringer DNA-Restmengen eingesetzt.
Nachteile der ddPCR
- Aufwendigere Technik und höhere Kosten: Zusätzlich zum Thermocycler werden spezielle Geräte zur Droplet-Erzeugung und -Auslesung benötigt.
- Komplexerer Workflow: Die Partitionierung der Probe sowie die anschließende Droplet-Analyse erfordern zusätzliche Arbeitsschritte und erhöhen den technischen Aufwand.
- Begrenzter Dynamikbereich pro Ansatz: Bei sehr hohen Zielkonzentrationen können zu viele Droplets positiv werden. Dadurch verliert die statistische Auswertung an Genauigkeit (Sättigungseffekt), sodass Verdünnungsreihen erforderlich sein können.
- Geringerer Probendurchsatz: Im Vergleich zur qPCR ist die Analyse meist zeitaufwendiger und weniger für sehr hohe Probendurchsätze geeignet.
- Weiterhin sequenz- und assayabhängig: Wie bei der qPCR werden nur DNA-Fragmente erfasst, die sämtliche erforderlichen Primer- und gegebenenfalls Sondenbindestellen enthalten.
- Einfluss der Fragmentierung: Stark fragmentierte DNA kann auch bei der ddPCR unvollständig erfasst werden, insbesondere wenn die Zielregion relativ lang ist oder Primerbindestellen fehlen.
- Abhängigkeit von der Probenvorbereitung: Extraktionsverluste, unvollständiger LNP-Aufschluss oder selektive Fragmentverluste können das Ergebnis weiterhin beeinflussen.
2.3.3. Vergleich der PCR-basierten Quantifizierungsmethoden
Merkmal Farbstoffbasierte qPCR Sondenbasierte qPCR Digitale PCR (ddPCR) Messprinzip Fluoreszenzbindung an jede dsDNA Sequenzspezifische Fluoreszenzsonde Zählung positiver Einzelreaktionen Signalentstehung Farbstoff bindet an dsDNA Sonde wird während der Amplifikation hydrolysiert Endpunktmessung positiver Droplets Quantifizierung Relativ (über Ct-Wert und Standardkurve) Relativ (über Ct-Wert und Standardkurve) Absolut (über Poisson-Verteilung) Standardkurve erforderlich Ja Ja Nein Spezifität Mittel
(primerabhängig)Hoch
(Primer + Sonde)Hoch
(Primer + Sonde)Messzeitpunkt Während der Amplifikation
(Real-Time)Während der Amplifikation
(Real-Time)Nach Endpunkt-PCR Reaktionsraum 1 Reaktionsvolumen 1 Reaktionsvolumen ~20.000 Droplets pro Well Kosten Niedrig Mittel Hoch Geräteaufwand Real-Time-PCR-Gerät Real-Time-PCR-Gerät Droplet Generator + Thermocycler + Droplet Reader
2.4. Sequenzierungsbasierte Verfahren
2.4.1. Oxford Nanopore-Technologie
2.4.2. Illumina-SequenzierungWährend die bisher beschriebenen Methoden (qPCR, ddPCR) gezielt einzelne DNA-Sequenzen nachweisen und quantifizieren können, gehen sequenzierungsbasierte Verfahren einen Schritt weiter: Sie lesen die exakte Abfolge der Basen eines DNA- oder RNA-Moleküls – Stück für Stück, Buchstabe für Buchstabe.
Ein Vertreter dieser Technologien ist die Nanoporen-Sequenzierung. In einer Studie zeigen Gunter et al. (Nature Communications 2023), dass Long-Read-Nanopore-Sequenzierung zur umfassenden Analyse von mRNA-Impfstoffen verwendet werden kann. Methoden wie „VAX-seq“ können Schlüsselqualitätsattribute erfassen – darunter Sequenzidentität, Integrität, Länge und Reinheit – und gleichzeitig mRNA sowie DNA-Rückstände bewerten. Dies macht die Nanopore-Sequenzierung zu einem vielversprechenden analytischen Ansatz für Herstellungs- und Qualitätskontrollprozesse.
Insbesondere die Oxford Nanopore-Technologie (ONT) hat sich in den letzten Jahren als vielversprechendes Werkzeug für die Qualitätskontrolle von mRNA-basierten Wirkstoffen etabliert. Sie liefert direkte Sequenzinformationen einzelner Moleküle und kann sowohl kurze als auch sehr lange Fragmente analysieren – ein entscheidender Vorteil für die Charakterisierung von DNA-Rückständen.
2.4.1. Oxford Nanopore-Technologie
Wenn heute von Nanopore-Sequenzierung die Rede ist, ist in der Regel die von Oxford Nanopore Technologies (ONT) entwickelte Plattform gemeint. Obwohl alternative Konzepte zur nanoporenbasierten Sequenzierung existieren, ist ONT derzeit die einzige Technologie, die kommerziell breit verfügbar und praktisch etabliert ist. Seit der Markteinführung im Jahr 2015 hat sie sich als Vertreterin der sogenannten Third-Generation-Sequencing-Verfahren etabliert.
Das Besondere an dieser Methode ist die direkte Analyse einzelner DNA- oder RNA-Moleküle in Echtzeit. Im Gegensatz zu klassischen Sequenzierverfahren sind weder eine zyklische Amplifikation noch chemische Markierungen der Nukleotide erforderlich. Die Sequenzinformation wird unmittelbar aus physikalischen Messsignalen abgeleitet.
Funktionsprinzip
Die ONT-Sequenzierung basiert auf dem Zusammenspiel mehrerer zentraler Komponenten:
Nanoporen – fungieren als winzige molekulare „Lesegeräte“. Wandert ein einzelner DNA- oder RNA-Strang durch die Pore, erzeugt dies charakteristische elektrische Signale – vergleichbar mit einem molekularen „Fingerabdruck“.
Membran – dient als Filter und Barriere. Sie sorgt dafür, dass nur Ionen und Nukleinsäuren die Nanoporen passieren, während unerwünschte Moleküle ausgeschlossen bleiben. Dadurch entsteht ein definierter Messraum für die Signalerfassung.
Chip (Flow Cell) – ist die Basis des Systems. Der Chip enthält die Membran mit zahlreichen Nanoporen sowie die integrierte Elektronik zur Detektion der elektrischen Signale. Er stellt die funktionelle Einheit dar, in der die Sequenzierung stattfindet.
Aufbau des Systems
Der Chip ist in zwei Kammern unterteilt:
Obere Kammer (cis) Hier wird die DNA-Probe eingebracht. Untere Kammer (trans) Nimmt den Strang nach dem Durchtritt durch die Nanopore auf. Beide Kammern sind mit einer ionenhaltigen Pufferlösung gefüllt, die elektrischen Strom leitet. Die Membran trennt die Kammern elektrisch voneinander – Strom kann nur an den Stellen fließen, an denen Nanoporen eingebettet sind. Diese Poren sind die einzigen „Tunnel“, durch die Ionen und Nukleinsäuren passieren können.
Durch eine zwischen den Kammern angelegte konstante elektrische Spannung entsteht ein messbarer Ionenstrom durch die Nanoporen. Sobald ein DNA- oder RNA-Strang die Pore durchquert, wird dieser Stromfluss charakteristisch verändert. Die dabei entstehenden Strommodulationen werden kontinuierlich erfasst und als elektrische Rohsignale aufgezeichnet.

Abb. 2.4.1-A: Aufbau des Nanoporen-Geräts Links ist ein tragbares Nanopore-Sequenziergerät dargestellt, das in seiner Größe in etwa einem etwas breiteren USB-Stick entspricht. Es enthält eine austauschbare Sequenzierzelle (Flow Cell), die für die eigentliche Analyse eingesetzt wird.
Rechts: Die vergrößerte Darstellung zeigt den schematischen Aufbau dieser Sequenzierzelle: Sie besteht aus einem Chip, auf dem eine elektrisch isolierende Membran aufliegt. In diese Membran sind zahlreiche Nanoporen eingebettet, die als molekulare Sensoren dienen. Die Zelle ist in eine obere cis– und eine untere trans-Kammer unterteilt. Durch Anlegen einer elektrischen Spannung wird (hier im Bild) DNA durch die Nanopore gezogen; die dabei entstehenden Stromänderungen werden gemessen und zur Sequenzbestimmung genutzt.Der Weg der DNA durch die Nanopore
1️⃣ Library Preparation (Bibliotheksvorbereitung)
Bevor die Sequenzierung beginnen kann, muss die in der Probe enthaltene Nukleinsäure (DNA und/oder RNA) für die Nanopore-Technologie vorbereitet werden. Dieser Prozess wird als Library Preparation bezeichnet.
Im Kontext der Qualitätskontrolle therapeutischer mRNA – etwa direkt nach der in-vitro-Transkription oder vor der Formulierung – sind dabei folgende Schritte relevant:
a) Aufreinigung
Nach der Transkription enthält das Reaktionsgemisch neben der gewünschten mRNA oder DNA noch Enzyme (z. B. Polymerasen), freie Nukleotide und Pufferbestandteile.
Diese Komponenten müssen entfernt werden, da sie:
- die Effizienz der Adapter-Ligation beeinträchtigen
- die Nanoporen blockieren könnten
- das elektrische Signal stören
In frühen Prozessschritten ist daher eine gründliche Aufreinigung erforderlich. Kurz vor der finalen Formulierung liegt das Produkt in der Regel bereits gereinigt vor, sodass keine zusätzliche Grundaufreinigung mehr notwendig ist.
b) End-Repair & dA-Tailing (bei DNA)
Soll DNA sequenziert werden – etwa zur Analyse von DNA-Rückständen – müssen die Fragmentenden vorbereitet werden.
Zunächst erfolgt eine End-Reparatur: Überhängende („sticky“) Enden werden enzymatisch aufgefüllt oder zurückgeschnitten, sodass glatte, doppelsträngige Enden entstehen.
Anschließend wird häufig ein sogenanntes dA-Tailing durchgeführt. Dabei hängt eine Polymerase gezielt ein einzelnes Adenosin (A) an jedes 3′-Ende der DNA an. Es entsteht ein definierter 3′-A-Überhang, der für die nachfolgende Adapter-Ligation erforderlich ist.
c) Adapter-Ligation – der entscheidende Schritt
Damit die Nukleinsäuren von der Nanopore erkannt und kontrolliert durch die Pore geschleust (transloziert) werden können, müssen spezielle Adapter-Moleküle an die Enden angefügt (ligiert) werden.
Diese Adapter sind funktionelle Module und enthalten mehrere entscheidende Komponenten:
Motorprotein
Das Motorprotein wirkt als molekulare Bremse. Ohne diese Kontrolle würde die DNA mit extrem hoher Geschwindigkeit durch die Pore „schießen“ – viel zu schnell für eine präzise Signalauflösung.
Das Motorprotein:
- reguliert die Translokationsgeschwindigkeit (≈ 400–500 Basen pro Sekunde)
- sorgt für einen gleichmäßigen Vorschub
- entwindet doppelsträngige DNA bei der Passage
Oxford Nanopore verwendet unterschiedliche Motorproteine (Helicasen) für:
- doppelsträngige DNA
- cDNA
- native (direct) RNA-Sequenzierung
Tether
Der Tether kann als molekularer „Einpark-Assistent“ beschrieben werden. Er enthält meist eine cholesterinartige Struktur, die sich in die Lipidmembran der Flow Cell einlagert. Dadurch wird die Nukleinsäure gezielt in die Nähe der Membranoberfläche gebracht – also genau dorthin, wo sich die Nanoporen befinden.
So erhöht sich die Wahrscheinlichkeit erheblich, dass das Molekül in das elektrische Feld einer Pore gerät und hineingezogen wird.
In manchen Protokollen wird zusätzlich ein sogenannter Tether-Buffer eingesetzt, um die Membranoberfläche mit diesen Ankerstrukturen anzureichern.
Barcode-Sequenzen (optional)
Barcode-Sequenzen ermöglichen die parallele Analyse mehrerer Proben in einem Sequenzierlauf (Multiplexing).
Für die reine Qualitätskontrolle einzelner Chargen sind sie nicht zwingend erforderlich und werden daher im Folgenden nicht weiter berücksichtigt.
Adapter-Design bei ONT
Oxford Nanopore stellt die Sequenzier-Adapter bereits vorbeladen mit Motorprotein und Tether bereit.
Bei der Ligation wird somit der gesamte Adapter-Komplex an das Nukleinsäuremolekül gekoppelt.
Bei DNA:
- Der Adapter wird an die Enden der doppelsträngigen DNA ligiert.
- Die Adapter besitzen einen überstehenden Thymin-(T)-Rest, der komplementär zum zuvor erzeugten 3′-A-Überhang der DNA ist.
- Dadurch entsteht eine effiziente und gerichtete Ligation.
Bei RNA (Direct RNA Sequencing):
- Der Adapter wird am 3′-Ende der RNA ligiert, meist über den vorhandenen Poly(A)-Tail.

Abb. 2.4.1-B: Schematische Darstellung der Adapter-Ligation Der Sequenzier-Adapter enthält neben einer doppelsträngigen DNA-Region (meist etwa 30 bis 50 Basenpaare lang) auch zwei kurze einzelsträngige Sequenzen (oft ca. 20 bis 40 Nukleotide). Zur besseren Übersicht zeigt die Abbildung eine stark verkürzte Darstellung.
Ein Einzelstrang ist bereits im Inneren des Motorproteins gebunden, während einige Basen des zweiten Einzelstranges außerhalb sichtbar sind.
Direkt daran befindet sich der Übergang zur eigentlichen Probe. Ein spezifischer Überhang am Ende des Adapters (T) hat sich mit dem komplementären Ende der Proben-DNA (A) verbunden. Diese „Ligation“ verknüpft die zu untersuchende Doppelstrang-DNA (dsDNA) stabil mit dem Sequenzier-System.
Seitlich am Motorprotein ist der Tether befestigt. An seinem freien Ende befindet sich ein Cholesterin-Molekül. Dieses dient als chemischer „Dübel“, der den gesamten Komplex in der Lipidmembran der Pore fixiert, um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass die DNA die Nanopore findet.Nach der Ligation sind die Adapter stabil mit der Nukleinsäure verbunden und die Bibliothek ist sequenzierbereit.
Besonderheit: Direct RNA Sequencing (z. B. im Rahmen von VAX-seq)
Eine Besonderheit der Nanopore-Technologie ist die Möglichkeit, native RNA direkt zu sequenzieren, ohne vorherige Umschreibung in cDNA.
Für die Qualitätskontrolle therapeutischer mRNA ist das von großer Bedeutung, da:
- chemische Modifikationen (z. B. Pseudouridin) direkt erfasst werden können
- keine Reverse-Transkriptionsartefakte entstehen
- strukturelle Besonderheiten der RNA erhalten bleiben
Damit erlaubt die Technologie nicht nur eine Mengenbestimmung, sondern eine strukturelle und funktionelle Charakterisierung auf Molekülebene.
2️⃣ Anlegen einer elektrischen Spannung
In beiden Kammern der Sequenzierzelle befinden sich geladene Teilchen (Ionen). Sobald zwischen der oberen cis-Kammer und der unteren trans-Kammer eine elektrische Spannung angelegt wird, entsteht ein elektrisches Feld über der Membran. Dieses Feld treibt die Ionen durch die Nanoporen, wodurch ein messbarer elektrischer Strom entsteht.
Solange sich keine DNA in der Pore befindet, bleibt dieser Ionenfluss konstant. Das Gerät registriert in diesem Zustand einen stabilen Grundstrom, der als Referenzsignal dient (siehe folgende Abbildung).
3️⃣ Die DNA wird in die Sequenzierzelle gegeben
Die vorbereitete DNA-Probe wird in die obere cis-Kammer der Sequenzierzelle pipettiert. An den Enden der DNA befinden sich bereits die Sequenzier-Adapter, die mit einem Motorprotein und einem Tether ausgestattet sind.
Der Tether trägt an seinem Ende eine hydrophobe (wasserabweisende) Cholesterin-Gruppe. Sie fungiert als molekularer Anker:
Durch Diffusion bewegen sich die DNA-Stränge in der cis-Kammer ständig umher. Sobald das wasserabweisende Cholesterin dabei zufällig die Membran berührt, bleibt es dort sofort haften. Für das Cholesterin ist es energetisch weitaus günstiger, in der Lipidschicht zu verweilen als im wasserbasierten Puffer.
Dieser Mechanismus bietet zwei wesentliche Vorteile:
Konzentration an der Oberfläche: Die DNA-Moleküle sammeln sich bevorzugt in der Nähe der Membran. Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit, dass das Motorprotein eine Nanopore findet und dort andocken kann.
Laterale Mobilität: Das Cholesterin ist in der Membran nicht starr fixiert, sondern bleibt lateral (seitlich) beweglich. Die DNA kann daher entlang der Membranoberfläche „gleiten“, bis sie vom elektrischen Feld einer Pore erfasst und schließlich eingezogen wird.
4️⃣ Andocken an die Nanopore
Sobald ein einzelsträngiger Abschnitt der DNA in die Nanopore eintritt, zieht das elektrische Feld den negativ geladenen DNA-Strang in Richtung der trans-Kammer. Dadurch wird das Motorprotein gegen die Porenöffnung positioniert und dockt stabil auf der Pore an.
Der elektrische Zug auf den DNA-Strang wirkt dabei wie ein mechanischer Startimpuls für das Motorprotein. Es beginnt nun, seine Helicase-Aktivität auszuführen:
- Es entwindet die doppelsträngige DNA (dsDNA).
- Ein Strang wird schrittweise und mit kontrollierter Geschwindigkeit durch die Nanopore geführt.
- Der zweite Strang bleibt außerhalb der Pore.
Damit startet der eigentliche Sequenzierprozess.

Abb. 2.4.1-C: Schema der Sequenzierzelle und des Ionenstroms im Ruhezustand
(nicht maßstabsgetreu)Die Sequenzierzelle besteht aus zwei Kammern: der cis-Kammer (oben) und der trans-Kammer (unten), die durch eine Membran mit eingebetteten Nanoporen getrennt sind. Links hat ein DNA-Molekül mithilfe eines Motorproteins an eine Nanopore angedockt. Rechts ist eine leere Nanopore dargestellt, durch die ein konstanter Ionenstrom fließt.
Die angelegte Spannung zwischen der negativen Elektrode in der cis-Kammer und der positiven Elektrode in der trans-Kammer treibt den Ionenfluss durch die Pore an. Der Ionenstrom wird im Well (einem kleinen Kanal im Chip unterhalb der Pore) gemessen, wie im Strom-Zeit-Diagramm dargestellt. Solange keine DNA durch die Pore wandert, bleibt der Strom konstant.Das Motorprotein – der Taktgeber der Sequenzierung
Die vorbereitete DNA trägt an ihrem Ende einen Adapter mit einem Motorprotein (einer Helikase). Sobald dieses Molekül in die Nähe der Nanopore gelangt, setzt sich das Protein wie ein passgenauer Deckel auf den Rand der Pore („Docking“). Die elektrische Spannung im System wirkt dabei wie ein unsichtbarer Sog, der die DNA ins Innere der Pore zieht.
Der elektrische Zug unterstützt dabei die Aktivität des Motorproteins. Dieses wirkt wie ein Keil, der den Doppelstrang behutsam auseinanderhebelt. Die Wasserstoffbrücken zwischen den Basenpaaren – die „Sprossen“ der DNA-Leiter – brechen unter diesem Druck auf, da sie deutlich schwächer sind als die stabilisierenden Bindungskräfte innerhalb des Proteins. So wird die doppelsträngige DNA (dsDNA) wie ein Reißverschluss aufgezippt, ohne dass das chemische Rückgrat der Stränge beschädigt wird.
An diesem Punkt beginnt die präzise Kontrolle: Im Inneren des Motorproteins greifen vier bis sechs DNA-bindende Schleifen (sogenannte Hairpins oder Loops) nach dem nun freigelegten Einzelstrang (ssDNA). Diese Greifarme sind spiralig angeordnet, vergleichbar mit den Stufen einer Wendeltreppe oder dem Gewinde einer Schraube.
Man kann sich das Protein als eine „atmende Schraube“ vorstellen: Durch die Zufuhr von Energie (ATP) verändert das Protein rhythmisch seine Form. Es zieht sich zusammen und dehnt sich wieder aus. Bei jeder dieser Bewegungen lösen die obersten Greifarme ihren Griff, rücken ein Stück vor und packen die DNA weiter oben neu, während die unteren Arme den Strang sicher festhalten und kontrolliert nach unten in die Pore schieben.
Diese treppenförmige Anordnung sorgt dafür, dass die DNA nicht unkontrolliert durch die Pore schießt, sondern Schritt für Schritt – also Base für Base – hindurchgeführt wird. Es ist dieser exakte, mechanische Takt des Motorproteins, der es der Nanopore ermöglicht, das elektrische Signal jeder einzelnen Base in aller Ruhe zu registrieren.
5️⃣ Die DNA passiert die Nanopore – das Signal entsteht
DNA besitzt aufgrund ihrer Phosphatgruppen eine negative elektrische Ladung. Durch die angelegte Spannung zwischen der negativ geladenen cis-Kammer und der positiv geladenen trans-Kammer wird der Einzelstrang durch die Nanopore gezogen.
Hier übernimmt das Motorprotein eine entscheidende Funktion:
- Es bewegt die DNA schrittweise durch die Pore.
- Dadurch wird die Geschwindigkeit stark reduziert.
- Die Bewegung erfolgt langsam, gleichmäßig und kontrolliert.
Ohne diese Kontrolle würde die DNA mit einer Geschwindigkeit von Millionen Basen pro Sekunde durch die Nanopore schießen. Das Motorprotein bremst diese Bewegung auf etwa 300–450 Basen pro Sekunde. Erst dadurch wird eine zuverlässige Signalmessung möglich.
Während der DNA-Strang durch die Pore wandert, beeinflusst er den Ionenstrom. Jede Base besitzt eine leicht unterschiedliche Größe und chemische Struktur. Diese Unterschiede verändern den Stromfluss auf charakteristische Weise.
Die Stromänderungen werden von Elektroden gemessen, die mit den einzelnen Wells im Chip verbunden sind. Jeder Well enthält eine Nanopore und besitzt eine eigene Messeinheit. Dadurch kann die Software die Signale eindeutig einer bestimmten Pore zuordnen.
6️⃣ Das elektrische Signal wird aufgezeichnet
Während der Sequenzierung befinden sich typischerweise etwa fünf bis sechs Basen gleichzeitig im engsten Bereich der Nanopore. Dieses kurze DNA-Segment wird als k-mer bezeichnet. Es wirkt im Porenkanal wie ein elektrischer Widerstand: Unterschiedliche Basenkombinationen beeinflussen den Ionenfluss jeweils auf charakteristische Weise und erzeugen dadurch unterschiedliche Stromsignale.
Die DNA-Sequenz lässt sich rekonstruieren, weil sich die DNA Schritt für Schritt durch die Pore bewegt und jedes k-mer ein charakteristisches elektrisches Signal erzeugt. Spezialisierte Software analysiert diese Abfolge von Stromsignalen mithilfe maschinellen Lernens, das die komplexen Signalmuster den jeweiligen Basenabfolgen zuordnet. Dieser Prozess wird Basecalling genannt.
Auf diese Weise entsteht aus den elektrischen Messwerten Schritt für Schritt die vollständige Nukleotidsequenz.

Abb. 2.4.1-D: Das Prinzip der Nanopore-Sequenzierung 1) Die Sequenzierzelle im Querschnitt
Ein DNA-Einzelstrang wird aufgrund der angelegten Spannung von der cis-Seite zur trans-Seite gezogen. Das Motorprotein sitzt oberhalb auf der Nanopore. Es wirkt dabei wie eine molekulare Bremse und kontrolliert den Vorschub der DNA. Dadurch wird der Einzelstrang mit einer Geschwindigkeit von etwa 400 Basen pro Sekunde durch die Pore bewegt, sodass jedes Signal präzise gemessen werden kann.
In der engsten Stelle der Pore (hier als Messbereich gekennzeichnet) befinden sich gleichzeitig mehrere Basen – typischerweise etwa fünf Nukleotide, ein sogenanntes k-mer. Dieses kurze DNA-Segment verengt den Porenkanal.
Die Ionen (kleine rote Punkte) versuchen weiterhin durch die Pore zu strömen. Da das k-mer den verfügbaren Raum einschränkt, können nur noch weniger Ionen passieren. Dadurch entsteht ein charakteristisches Stromsignal.2) Die Daten im Strom-Zeit-Diagramm
Die Y-Achse zeigt den Ionenstrom in Picoampere (pA), die X-Achse die Zeit in Millisekunden (ms).
Ein k-mer befindet sich typischerweise für etwa 2 bis 3 Millisekunden im engsten Bereich der Pore. Während dieser Zeit werden mehrere einzelne Strommesswerte für genau diese Basenkombination aufgezeichnet.
Dabei entsteht im Diagramm ein leicht schwankendes Plateau, das durch elektrisches Rauschen verursacht wird. Die braunen Verbindungslinien zwischen den Plateaus markieren den Moment, in dem das Motorprotein die DNA um eine Base weitertransportiert und dadurch ein neues k-mer in den Messbereich gelangt.3) Basecalling – Umwandlung der Stromsignale in Basen
Die charakteristischen Stromsignale – die Plateaus im Strom-Zeit-Diagramm – entsprechen jeweils dem elektrischen Signal eines bestimmten k-mers, also einer kurzen Basenkombination, die sich für wenige Millisekunden im Messbereich der Pore befindet.
Basecalling-Algorithmen, die häufig auf neuronalen Netzen basieren, analysieren diese Abfolge von Stromsignalen. Aus den charakteristischen Mustern der Signale rekonstruieren sie die zugrunde liegende DNA-Basensequenz.🎥 Tipp: Das Video „How nanopore sequencing works“ fasst den Prozess anschaulich zusammen.
Ergebnis der Nanopore-Sequenzierung
Die Nanopore-Sequenzierung liefert keinen einzelnen Messwert, sondern einen umfangreichen Datensatz aus vielen individuellen Sequenzreads. Jeder dieser Reads entspricht der Analyse eines einzelnen DNA- oder RNA-Moleküls. Aus der Gesamtheit dieser Einzelmessungen ergibt sich ein detailliertes Bild der in der Probe enthaltenen Nukleinsäuren.
Dabei können grundsätzlich alle in der Probe vorhandenen DNA- oder RNA-Moleküle erfasst werden, ohne dass eine spezifische Zielsequenz vorgegeben werden muss. Die Methode ist somit nicht zielgerichtet, sondern explorativ.
Zwei zentrale Informationsebenen: Identität und Quantität
Die gewonnenen Sequenzdaten enthalten zwei komplementäre Informationsebenen:
Identität (Sequenzinformation)
Für jedes einzelne Molekül kann die Nukleotidsequenz bestimmt werden. Daraus ergeben sich Informationen über:
- die genaue Basenabfolge
- die Länge der Moleküle
- strukturelle Eigenschaften (z. B. vollständige Moleküle oder Fragmente)
- mögliche Sequenzvarianten
- sowie – mit methodischen Einschränkungen – chemische Modifikationen
Auf dieser Grundlage lässt sich bestimmen, welche Nukleinsäuren in einer Probe vorhanden sind.
Quantität (relative Häufigkeit)
Zusätzlich kann über die Anzahl der Reads abgeschätzt werden, wie häufig bestimmte Sequenzen oder Molekültypen in der Probe vertreten sind. Dabei handelt es sich jedoch nicht um eine absolute Quantifizierung, sondern um eine relative Annäherung, die von verschiedenen Faktoren beeinflusst wird, etwa:
- Effizienz der Bibliotheksvorbereitung
- Moleküllänge
- Sequenzeigenschaften
Die quantitative Aussagekraft der Methode ist daher stets im Kontext dieser Einflussgrößen zu interpretieren.
Parallele Einzelmolekülmessung in Echtzeit
Die Datenerzeugung erfolgt durch eine große Anzahl parallel arbeitender Nanoporen innerhalb der sogenannten Flow Cell. Geräte wie das MinION verfügen über mehrere hundert aktive Messkanäle, die gleichzeitig und unabhängig voneinander arbeiten.
Jede Nanopore analysiert jeweils ein einzelnes Molekül. Sobald ein Sequenzvorgang abgeschlossen ist, steht die Pore unmittelbar für das nächste Molekül zur Verfügung. Auf diese Weise entsteht kontinuierlich eine große Zahl individueller Reads.
Die Messung erfolgt in Echtzeit, wobei die Software die Signale vieler einzelner Poren gleichzeitig erfasst und verarbeitet.
Charakter der Daten: Verteilung statt Einzelwert
Ein wesentliches Merkmal der Nanopore-Sequenzierung ist, dass die Ergebnisse nicht als einheitlicher Messwert vorliegen, sondern als Verteilung vieler einzelner Sequenzreads. Diese Reads können sich deutlich unterscheiden in:
- Länge
- Sequenz
- Qualität
Insbesondere in komplexen Proben entstehen typischerweise:
- kurze Fragmente
- längere zusammenhängende Moleküle
- unterschiedliche Molekülpopulationen
Die Analyse besteht daher nicht in der Betrachtung einzelner Reads, sondern in der Auswertung der Gesamtheit dieser Verteilung.
Besonderheit der Methode: Long Reads
Ein charakteristisches Merkmal der Nanopore-Technologie ist die Fähigkeit, sehr lange Nukleinsäuremoleküle kontinuierlich zu sequenzieren. Im Gegensatz zu Short-Read-Verfahren (wie der Illumina-Sequenzierung), bei denen DNA zunächst in kurze Fragmente zerlegt und anschließend bioinformatisch rekonstruiert wird, können hier zusammenhängende Moleküle direkt erfasst werden.
Die Länge eines Reads ist dabei prinzipiell nicht durch die Technologie begrenzt, sondern wird hauptsächlich durch die Integrität des Ausgangsmoleküls bestimmt.
Dies ermöglicht insbesondere:
- die direkte Analyse vollständiger Moleküle
- die Unterscheidung zwischen intakten Sequenzen und Fragmenten
- die Untersuchung struktureller Zusammenhänge innerhalb einzelner Moleküle
Grenzen und methodische Einflüsse
Trotz dieser Vorteile unterliegt die Nanopore-Sequenzierung verschiedenen methodischen Einschränkungen:
Fehlerrate einzelner Reads
Die Genauigkeit einzelner Sequenzreads ist im Vergleich zu klassischen Short-Read-Verfahren geringer. Ursache hierfür ist die indirekte Bestimmung der Sequenz über elektrische Stromsignale. Bestimmte Sequenzmotive, insbesondere homopolymere Bereiche (z. B. lange Wiederholungen derselben Base), können dabei schwieriger aufgelöst werden.Selektions- und Prozessbias
Nicht alle Moleküle werden mit gleicher Wahrscheinlichkeit erfasst. Unterschiede in Länge, Struktur oder Adapterbindung können dazu führen, dass bestimmte Sequenzen bevorzugt oder seltener sequenziert werden.
Insbesondere die Bibliotheksvorbereitung kann die Zusammensetzung der später sequenzierten Moleküle beeinflussen. Reinigungsschritte mit magnetischen Beads oder andere größenabhängige Prozessschritte können sehr kurze Fragmente teilweise entfernen oder unterrepräsentieren. Gleichzeitig werden längere Moleküle bei der Nanopore-Sequenzierung häufig effizienter erfasst, da sie länger durch die Pore laufen und dadurch stabilere Signale erzeugen.
Die resultierende Read-Verteilung spiegelt daher nicht zwangsläufig exakt die ursprüngliche Fragmentverteilung der Probe wider.Abhängigkeit von der Probenqualität
Die Qualität und Integrität der Ausgangsnukleinsäuren beeinflussen die resultierenden Reads erheblich. Insbesondere lange Moleküle sind anfällig für Fragmentierung während der Probenvorbereitung.
Konsensusbildung und bioinformatische Auswertung
Um die Genauigkeit der Ergebnisse zu erhöhen, werden die Daten nicht auf Basis einzelner Reads interpretiert. Stattdessen werden viele Sequenzreads desselben Molekültyps miteinander verglichen und zu einer Konsensussequenz zusammengeführt.
Da Sequenzierfehler überwiegend zufällig verteilt sind, können sie durch diese Mehrfachanalyse weitgehend reduziert werden. Moderne Basecalling- und Auswertungsverfahren, die häufig auf maschinellem Lernen basieren, tragen zusätzlich zur Verbesserung der Sequenzgenauigkeit bei.
Auf diese Weise lässt sich aus einer Vielzahl einzelner Messungen ein konsistentes und belastbares Gesamtbild ableiten.
Einordnung für die Analyse von Nukleinsäuren
Die Nanopore-Sequenzierung ermöglicht somit eine detaillierte Charakterisierung von Nukleinsäuren hinsichtlich ihrer Sequenz, Länge und relativen Häufigkeit. Gleichzeitig erfordert die Interpretation der Daten eine Berücksichtigung methodischer Einflüsse, insbesondere im Hinblick auf Quantifizierung und Repräsentativität der erfassten Moleküle.
2.4.2. Illumina-Sequenzierung
Die Nanopore-Sequenzierung ermöglicht die Analyse langer, zusammenhängender Moleküle in Echtzeit – ihre besondere Stärke liegt in der Erfassung vollständiger Sequenzen, ohne dass diese zuvor zwingend in kurze Standardfragmente zerlegt werden müssen. Eine andere Herangehensweise verfolgt die Illumina-Sequenzierung: Sie arbeitet nicht mit einzelnen langen Molekülen, sondern mit einer sehr großen Zahl kurzer Fragmente, die parallel und hochpräzise gelesen werden. Beide Technologien ergänzen sich – sie beantworten unterschiedliche Fragen mit unterschiedlichen Mitteln.
Die Illumina-Sequenzierung ist ein Short-Read-Verfahren und gehört zur Gruppe der sogenannten Next Generation Sequencing (NGS)-Technologien. Sie ist derzeit das weltweit am weitesten verbreitete Sequenzierverfahren.
Das Grundprinzip unterscheidet sich deutlich von der Nanopore-Technologie: Während ONT einzelne Moleküle in Echtzeit durch eine Pore führt und dabei elektrische Signale misst, basiert Illumina auf einem optischen Verfahren – der sequenzierenden Synthese mit fluoreszenzmarkierten Nukleotiden („Sequencing by Synthesis“). Dabei wird die DNA nicht direkt gelesen, sondern während einer kontrollierten Synthesereaktion schrittweise entschlüsselt.
Funktionsprinzip
1️⃣ Vorbereitung der DNA-Fragmente = Bibliothekserstellung
Für die Sequenzierung wird die DNA zunächst in ein Format gebracht, das für die Illumina-Plattform geeignet ist. Dieser Prozess wird auch als Bibliothekserstellung bezeichnet und er umfasst folgende Teilschritte:
a) Fragmentierung
Die DNA wird mechanisch oder enzymatisch in kleinere Stücke zerlegt (typischerweise mit einer Zielgröße von etwa 150–500 Basenpaaren). Dabei entstehen DNA-Fragmente leicht unterschiedlicher Länge, die anschließend oft noch über ein Größenauswahlverfahren vereinheitlicht werden.
Dieser Schritt ist besonders wichtig, wenn lange DNA-Moleküle sequenziert werden sollen, da die Illumina-Technologie kurze Fragmente effizienter verarbeitet als sehr lange zusammenhängende Moleküle.
In einigen Anwendungen kann die Fragmentierung jedoch bewusst reduziert oder ganz weggelassen werden – insbesondere dann, wenn bereits stark fragmentierte DNA untersucht wird. Auch in solchen Ansätzen werden sehr lange Fragmente (typischerweise oberhalb von etwa 800–1000 bp) im weiteren Verlauf der Bibliotheksvorbereitung und Sequenzierung häufig weniger effizient erfasst und können dadurch unterrepräsentiert sein.
Zur Veranschaulichung betrachten wir in unserem Beispiel drei DNA-Fragmente mit leicht unterschiedlichen Längen.
b) Adapter-Ligation
An beide Enden der DNA-Fragmente werden spezifische Adaptersequenzen (P5- und P7-Adapter) angehängt. Diese Adapter erfüllen mehrere Funktionen:
Bindungsstellen für die Flowcell: Die Adapter enthalten spezielle DNA-Sequenzen, die wie ein Schlüssel zu einem Schloss passen. Dadurch können die DNA-Fragmente später an einer Oberfläche haften bleiben, was für die Sequenzierung wichtig ist.
Primer-Bindungsstellen: Die Adapter enthalten Abschnitte, an die Sequenzierungsprimer binden können. Diese Primer werden später genutzt, um die DNA-Stränge schrittweise zu synthetisieren.
Indizes (optional): Falls mehrere Proben gleichzeitig sequenziert werden, ermöglichen Index-Sequenzen die Zuordnung der Fragmente zu ihrer jeweiligen Probe. Zur besseren Übersichtlichkeit verzichten wir in unserem Beispiel auf die Darstellung der Indizes.
c) PCR-Amplifikation
Um sicherzustellen, dass genügend DNA für die Sequenzierung vorliegt, werden die adaptierten DNA-Fragmente mittels Polymerase-Kettenreaktion (PCR) vervielfältigt.

Abb. 2.4.2-A: Bibliothekserstellung – Übersicht über den Ablauf der DNA-Präparation. Die folgende Vergrößerung zeigt eine detaillierte Darstellung eines fragmentierten DNA-Doppelstrangs, versehen mit den beiden Adaptern.

Abb. 2.4.2-B: Schematische Darstellung eines doppelsträngigen DNA-Fragments mit Adaptern. Jedes DNA-Fragment erhält zwei Adaptersequenzen: Der P5-Adapter besteht aus der P5-Adaptersequenz, die die Bindung an die Flowcell ermöglicht, und der Primer-Bindestelle Rd1SP (Read 1 Sequencing Primer) zur Initiation der DNA-Synthese. Ebenso enthält der P7-Adapter die P7-Adaptersequenz zur Flowcell-Bindung sowie die Primer-Bindestelle Rd2SP (Read 2 Sequencing Primer) für die Initiation der DNA-Synthese.
Diese Darstellung ist stark vereinfacht. In der Praxis sind Illumina-Adaptersequenzen mit 60-120 Basenpaarendeutlich länger. Auch das DNA-Fragment ist zur besseren Veranschaulichung verkürzt – tatsächlich haben DNA-Fragmente typischerweise eine Länge von 100–500 Basenpaaren.2️⃣ Cluster-Generierung auf einer Flowcell
Das Herzstück der Illumina-Technologie ist die sogenannte Flowcell – eine glasartige Oberfläche, die mit Millionen kurzer, fest verankerter DNA-Bindestellen beschichtet ist.

Abb. 2.4.2-C: Schematische Darstellung einer Flowcell und deren Oberfläche a) DNA-Fragmente binden an die Flowcell-Oberfläche
Zu Beginn dieses Schritts wird eine Lösung einzelsträngiger DNA-Fragmente auf die Flowcell geleitet. Die Fragmente tragen an ihren Enden die zuvor ligierten Adaptersequenzen und wurden durch Denaturierung in Einzelstränge überführt, sodass sie frei in der Lösung vorliegen.
Während die Fragmente über die Flowcell strömen, binden ihre Adapter durch komplementäre Basenpaarung an passende DNA-Bindestellen auf der Oberfläche.
Zur Veranschaulichung kann man sich die Oberfläche der Flowcell wie einen dichten Klettverschluss vorstellen: Die Adaptersequenzen der DNA-Fragmente haften an komplementären Bindestellen der Flowcell – ähnlich wie kleine Haken, die sich im Klettgewebe verankern
b) Erste Synthese
Nachdem die DNA-Fragmente an die Flowcell gebunden wurden, beginnt die erste DNA-Synthese. Hierzu bindet ein Primer an die Adaptersequenz des immobilisierten Einzelstrangs. Anschließend synthetisiert die DNA-Polymerase einen komplementären Gegenstrang.
Im nächsten Schritt wird der ursprüngliche Einzelstrang entfernt, während der neu synthetisierte Strang an der Flowcell gebunden bleibt.

Abb. 2.4.2-D: Schematische Darstellung der ersten Synthese: Entstehung der verankerten DNA-Strang-Kopien. Links: Primer binden an die Adapter (P5, P7), und die DNA-Polymerase (DNAP) startet die Synthese eines neuen, komplementären Strangs.
Mitte: Die DNA-Polymerase synthetisiert daraufhin einen ersten Strang.
Rechts: Der neue entstandene DNA-Doppelstrang wird aufgetrennt. Der ursprüngliche Strang hat nach der Denaturierung keine Verbindung mehr zur Flowcell und wird ausgespült. Der neu synthetisierte Strang bleibt mit seinem 5′-Ende fest an der Flowcell gebunden.Zu diesem Zeitpunkt wäre eine direkte Sequenzierung noch nicht sinnvoll, da die Fluoreszenzsignale einzelner Moleküle zu schwach wären, um zuverlässig detektiert zu werden. Deshalb folgt nun die sogenannte Brückenamplifikation.
c) Brückenamplifikation
Damit die spätere Sequenzierung ein ausreichend starkes Fluoreszenzsignal erzeugt, müssen die an der Flowcell gebundenen DNA-Moleküle zunächst vervielfältigt werden.
Der Prozess beginnt damit, dass sich ein gebundener DNA-Einzelstrang aufgrund seiner Flexibilität zur Oberfläche zurückbiegt und mit seinem freien Adapterende an eine benachbarte komplementäre Bindestelle auf der Flowcell bindet. Dadurch entsteht eine charakteristische Brückenstruktur.

Abb. 2.4.2-E: Brückenbildung und DNA-Synthese Anschließend synthetisiert die DNA-Polymerase entlang des gebundenen Strangs einen komplementären Gegenstrang. Nach der Synthese wird die Brückenstruktur wieder aufgetrennt, sodass nun zwei fest an der Flowcell verankerte Einzelstränge vorliegen.

Abb. 2.4.2-F: Vorwärts und rückwärts: Die Brücken lösen sich. Nach dem Kopiervorgang werden die Brücken-Doppelstränge getrennt. Die Anzahl der fest verankerten DNA-Stränge verdoppelt sich. Sie sind bereit für die weitere Amplifikation.

Abb. 2.4.2-G: Mit jeder Wiederholung der Brückenamplifikation entstehen mehr DNA-Kopien. Auf diese Weise entstehen lokal begrenzte Cluster aus Millionen nahezu identischer Kopien eines einzelnen ursprünglichen DNA-Fragments.

Abb. 2.4.2-H: Clusterbildung: Jedes Cluster besteht aus zahlreichen Kopien eines einzelnen DNA-Fragments. In dieser Darstellung sind exemplarisch nur drei Cluster gezeigt. In der Realität befinden sich jedoch Millionen solcher Cluster auf einer Flowcell, um eine hohe Sequenzierkapazität zu ermöglichen.
Das Ergebnis ist eine dicht gepackte Oberfläche aus Millionen räumlich getrennten DNA-Clustern, von denen jeder aus vielen nahezu identischen Kopien eines einzelnen ursprünglichen DNA-Fragments besteht. Dadurch können Millionen unterschiedlicher Sequenzen parallel analysiert werden.
Ohne diese Vervielfältigung wäre das Lesen der DNA, als würde man versuchen, ein einzelnes Glühwürmchen im Wind zu erkennen. Die Cluster hingegen machen die DNA-Basen (A, T, C, G) deutlich sichtbar – wie ein leuchtender Neon-Schriftzug in der Dunkelheit.
Entfernung eines Strangtyps
Damit die spätere Sequenzierung synchron und eindeutig ablaufen kann, müssen die DNA-Stränge innerhalb jedes Clusters in einheitlicher Orientierung vorliegen. Daher wird vor Beginn der eigentlichen Sequenzierung gezielt einer der beiden Strangtypen entfernt.
Die nicht benötigten Gegenstränge werden chemisch abgespalten und ausgespült. Gleichzeitig werden bestimmte freie Enden auf der Flowcell blockiert, um unerwünschte Neubindungen oder weitere Amplifikation zu verhindern.
Anschließend bestehen die Cluster aus vielen gleich orientierten Einzelsträngen. Die DNA-Bibliothek ist damit für die eigentliche Sequenzierung vorbereitet.
3️⃣ Sequenzieren durch Synthese
Um die Sequenzierung zu starten, werden Primer, DNA-Polymerasen und modifizierte Nukleotide auf die Flowcell gegeben. Jedes der vier Nukleotide (A, T, G und C) trägt dabei eine eigene Fluoreszenzmarkierung sowie eine reversible chemische Blockierung.
Die Primer hybridisieren mit den DNA-Strängen der Bibliothek. Anschließend bindet die DNA-Polymerase an den Primer und beginnt mit der Synthese des komplementären Strangs.
Durch die reversible Blockierung kann pro Zyklus jeweils nur ein einziges Nukleotid eingebaut werden. Nach dem Einbau stoppt die Synthese vorübergehend.
Anschließend wird die Flowcell mit hochauflösenden Kameras abgebildet. Die Fluoreszenzfarbe jedes Clusters zeigt an, welches Nukleotid in diesem Zyklus eingebaut wurde. Eine Auswertungssoftware analysiert die Signale und übersetzt sie in die entsprechende Basenabfolge.
Danach werden überschüssige Nukleotide ausgespült. In einem weiteren chemischen Schritt werden sowohl die Fluoreszenzmarkierung als auch die Blockierung des eingebauten Nukleotids entfernt, sodass der nächste Synthesezyklus beginnen kann.
Dieser Ablauf wiederholt sich Zyklus für Zyklus. Auf diese Weise wird die Sequenz jedes DNA-Fragments schrittweise ausgelesen.

Abb. 2.4.2-I: Illumina Sequenzierungsschritte 4️⃣ Datenauswertung
Nach Abschluss der Sequenzierung liegen Millionen einzelner Fluoreszenzsignale vor. Diese Rohdaten werden zunächst durch die Gerätesoftware in Basenabfolgen übersetzt. Das Ergebnis sind kurze Sequenzabschnitte, sogenannte Reads.

Abb. 2.4.2-J: Analyse der Sequenzierdaten 🎥 Tipp: Eine ausführlichere und dennoch anschauliche Erklärung der Illumina-Sequenzierungstechnologie Methode findet sich im Video „Illumina Sequencing Technology“.
Qualitätskontrolle und Trimming
Im ersten Schritt wird die Qualität der Reads überprüft. Basen mit niedriger Signalqualität – typischerweise an den Enden der Reads – werden entfernt („Trimming“). Dadurch sollen fehlerhafte Sequenzzuordnungen reduziert und die Zuverlässigkeit der weiteren Analyse verbessert werden.
Mapping: Zuordnung zu einer Referenzsequenz
Anschließend werden die Reads mit bekannten Referenzsequenzen abgeglichen, beispielsweise mit dem Plasmid des Impfstoffherstellers oder bakteriellen Referenzgenomen. Spezielle Algorithmen (z. B. BWA-MEM oder Bowtie2) suchen nach Übereinstimmungen und ordnen die Reads den wahrscheinlichsten Positionen innerhalb der Referenz zu.
Auf diese Weise lässt sich bestimmen, welche Sequenzen in der Probe vorhanden sind und aus welchen Quellen sie stammen.
Bestimmung der Fragmentlängen
Bei der häufig verwendeten Paired-End-Sequenzierung wird jedes DNA-Fragment von beiden Enden gelesen. Aus dem Abstand zwischen den beiden Reads kann die Länge des ursprünglichen DNA-Fragments abgeschätzt werden.
Diese Information ist besonders relevant für die Analyse fragmentierter DNA-Proben.
Identifizierung der DNA-Herkunft
Durch den Vergleich mit Referenzdatenbanken lässt sich analysieren, ob die nachgewiesenen Fragmente beispielsweise:
- aus dem erwarteten Produktionsplasmid stammen,
- bakterielle Sequenzen enthalten,
- oder anderen genetischen Quellen zugeordnet werden können.
Dadurch ermöglicht die Illumina-Sequenzierung nicht nur eine Quantifizierung, sondern auch eine detaillierte Charakterisierung der vorhandenen DNA.
Normalisierung der Daten
Die Anzahl der erzeugten Reads hängt unter anderem von der Sequenziertiefe ab. Um verschiedene Proben oder Chargen vergleichen zu können, werden die Daten häufig normalisiert, beispielsweise als „Reads pro Million“ (RPM). Dadurch lassen sich relative Unterschiede zwischen Proben besser beurteilen.
Methodische Einschränkungen
Begrenzte Aussagekraft für absolute Mengenbestimmungen
Die Illumina-Sequenzierung eignet sich hervorragend zur Identifizierung und relativen Häufigkeitsanalyse von DNA-Fragmenten. Eine direkte absolute Quantifizierung der ursprünglichen DNA-Menge ist jedoch nur eingeschränkt möglich.
Der Grund dafür ist, dass die Bibliotheksvorbereitung selbst die Zusammensetzung der Probe verändern kann. Schritte wie PCR-Amplifikation, Adapter-Ligation oder Größenselektion können bestimmte Fragmente bevorzugen oder benachteiligen. Die Anzahl der später erzeugten Reads ist daher nicht zwangsläufig proportional zur ursprünglichen Häufigkeit der DNA-Fragmente in der Probe.Verzerrung der Fragmentlängenverteilung
Bei der Short-Read-Sequenzierung werden bevorzugt DNA-Fragmente innerhalb eines bestimmten Größenbereichs analysiert. Sehr kurze Fragmente können während der Aufreinigung verloren gehen, während sehr lange Fragmente bei der Amplifikation und Clusterbildung benachteiligt werden.
Die gemessene Fragmentlängenverteilung spiegelt daher nicht zwangsläufig die ursprüngliche Verteilung der DNA-Fragmente in der Probe wider, sondern die Verteilung der erfolgreich sequenzierten Fragmente.
2.5. Elektrophoretische Fragmentanalyse
Die elektrophoretische Fragmentanalyse ist ein etabliertes Standardverfahren der Molekularbiologie zur Auftrennung und Charakterisierung von Nukleinsäuren (DNA und RNA). Je nach Methodik können daraus Aussagen über mehrere zentrale Parameter abgeleitet werden:
- Größe (Fragmentlänge): angegeben in Basenpaaren (bp) bei DNA bzw. Nukleotiden (nt) bei RNA
- Menge: semiquantitative Abschätzung der vorhandenen Nukleinsäure
- Integrität: Grad der Fragmentierung bzw. Unversehrtheit der Moleküle
Das Verfahren basiert auf dem physikalischen Prinzip der Elektrophorese (Transport durch Elektrizität). Dabei werden geladene Moleküle wie DNA oder RNA in einem elektrischen Feld durch ein Trägermedium (meist ein Gel oder eine polymerbasierte Matrix) bewegt. Aufgrund ihrer negativ geladenen Phosphatgruppen wandern Nukleinsäuren dabei in Richtung der positiv geladenen Elektrode.
Die Trennung erfolgt über die Porenstruktur des Mediums: Kleinere Fragmente bewegen sich schneller durch das Netzwerk, während größere Moleküle stärker zurückgehalten werden. Auf diese Weise entsteht eine größenabhängige Auftrennung der Nukleinsäuren.
Im Kontext der Analyse von Rest-DNA in mRNA-basierten Arzneimitteln erlaubt diese Methode insbesondere eine Abschätzung der Fragmentlängenverteilung und ergänzt damit quantitative und sequenzbasierte Nachweisverfahren.
2.5.1. Agarosegelelektrophorese
2.5.2. Automatisierte Systeme
2.5.1. Agarosegelelektrophorese
Die Agarosegelelektrophorese ist die klassische und am weitesten verbreitete Form der elektrophoretischen Fragmentanalyse von DNA. Sie dient dazu, Nukleinsäuren anhand ihrer Größe aufzutrennen und sichtbar zu machen.
Aufbau des Systems
Das zentrale Element ist ein Gel aus Agarose, einem polysaccharidbasierten Netzwerk, das aus Algen gewonnen wird. Dieses Gel bildet eine dreidimensionale Matrix mit Poren definierter Größe. Die Porengröße kann über die Agarosekonzentration gesteuert werden: Niedrige Konzentrationen erzeugen größere Poren (geeignet für lange DNA-Fragmente), höhere Konzentrationen kleinere Poren (für kurze Fragmente).
Das Gel wird in eine Pufferlösung eingebettet und in eine Elektrophoresekammer gelegt. An beiden Enden der Kammer befinden sich Elektroden (Kathode/Anode), zwischen denen eine konstante elektrische Spannung angelegt wird.
Vor Beginn der Elektrophorese werden die Proben in kleine Taschen (Wells) am Rand des Gels pipettiert.
In komplexen Proben, wie sie nach der in-vitro-Transkription und enzymatischen Behandlung (z. B. DNase I) vorliegen, können RNA und verbleibende DNA-Fragmente gleichzeitig im Gel migrieren. Für eine gezielte Analyse der Rest-DNA wird die Probe daher häufig zusätzlich mit RNase behandelt, sodass überwiegend DNA-Fragmente sichtbar werden. Dies ermöglicht eine klarere Beurteilung der Fragmentlängenverteilung.

Abb. 2.5.1-A: Schematischer Aufbau einer Agarosegelelektrophorese-Kammer Funktionsprinzip
DNA-Moleküle besitzen aufgrund ihrer Phosphatgruppen eine negative Ladung. Wird eine elektrische Spannung angelegt, beginnen sie, sich durch das Gel in Richtung der positiv geladenen Elektrode zu bewegen.
Während der Migration wirken zwei Kräfte gegeneinander:
- die elektrische Kraft, die die DNA durch das Gel zieht
- der mechanische Widerstand der Gelmatrix
Da kleinere DNA-Fragmente weniger stark durch die Porenstruktur behindert werden, bewegen sie sich schneller durch das Gel als größere Fragmente. Dies führt zu einer größenabhängigen Auftrennung der Moleküle entlang der Laufrichtung.
Zur Größenbestimmung wird parallel eine sogenannte DNA-Leiter (Marker) mit bekannten Fragmentlängen mitgeführt. Durch den Vergleich der Laufstrecken lassen sich die Größen der unbekannten Fragmente abschätzen.
Sichtbarmachung und Auswertung
Nach dem Lauf der Elektrophorese sind die DNA-Fragmente zunächst unsichtbar. Die Sichtbarmachung der DNA erfolgt durch fluoreszierende Farbstoffe, die entweder bereits vor der Elektrophorese dem Gel zugesetzt oder nachträglich auf das Gel aufgebracht werden. Beide Verfahren sind etabliert und unterscheiden sich vor allem in ihrem Einfluss auf die Migration sowie im experimentellen Aufwand.
Das Gel aus der Elektrophoresekammer wird auf einen Transilluminator gelegt. Unter UV- oder blauem Licht leuchten die fluoreszierenden Farbstoffe, die an die DNA gebundenen haben, als Banden im Gel.
Durch den Vergleich mit dem mitgelaufenen Marker lassen sich die Größen der DNA-Fragmente abschätzen. Die Intensität der Banden erlaubt zudem eine grobe, semiquantitative Einschätzung der DNA-Menge.

Abb. 2.5.1-B: Detektion der DNA-Fragmente nach elektrophoretischer Auftrennung 🎥 Tipp: Das Video „Electrophoresis explained“ fasst das Prinzip der Agarosegelelektrophorese kurz zusammen.
2.5.2. Automatisierte Systeme
Automatisierte elektrophoretische Systeme stellen eine Weiterentwicklung der klassischen Agarosegelelektrophorese dar. Sie basieren auf demselben physikalischen Prinzip der größenabhängigen Trennung von Nukleinsäuren im elektrischen Feld, kombinieren dieses jedoch mit mikrofluidischer Technologie, integrierter Detektion und digitaler Auswertung.
Im Gegensatz zur manuellen Gelherstellung erfolgt die Trennung hier in miniaturisierten, vorgefertigten Systemen. Die Proben werden in spezielle Kartuschen oder Chips eingebracht, in denen sich feine Kanäle mit polymeren Matrizes befinden. Innerhalb dieser Mikrostrukturen werden die Nukleinsäuren unter angelegter Spannung elektrophoretisch getrennt.
Während des Laufs werden die Fragmente kontinuierlich durch fluoreszierende Farbstoffe detektiert. Die Signale werden direkt in digitale Daten umgewandelt und als sogenannte Elektropherogramme dargestellt. Anstelle von Banden im Gel entstehen dabei Peaks, deren Position die Fragmentgröße und deren Höhe beziehungsweise Fläche die relative Menge der Nukleinsäure widerspiegelt.
Zu den verbreiteten Systemen gehören unter anderem:
- der Bioanalyzer
- die TapeStation
- sowie der Fragment Analyzer
Diese Systeme unterscheiden sich in Details wie Durchsatz, Sensitivität und Automatisierungsgrad, folgen jedoch einem vergleichbaren Grundprinzip.

Abb. 2.5.2: Schematische Darstellung eines automatisierten elektrophoretischen Systems (z. B. TapeStation) mit ScreenTape-Einheit und typischem Elektropherogramm Ablauf eines automatisierten elektrophoretischen Systems (z. B. TapeStation)
1) Probenvorbereitung
Die zu untersuchenden Proben werden in Röhrchen oder eine Mikrotiterplatte (z. B. 96-Well-Format) pipettiert und mit einem kit-spezifischen Puffer gemischt. Parallel wird ein Referenzstandard (Marker) mit definierten Fragmentgrößen angesetzt.
2) Zugabe des Fluoreszenzfarbstoffs
Den Proben wird ein Fluoreszenzfarbstoff zugesetzt, der selektiv an DNA oder RNA bindet und eine spätere Detektion ermöglicht.
3) Bereitstellung des Trennmediums
Als Trägermedium dient ein sogenanntes ScreenTape – ein vorgefertigtes, mikrofluidisches System mit integrierter Gelmatrix und mehreren parallelen Trennkanälen. Je nach Anwendung werden spezifische ScreenTapes für DNA oder RNA verwendet.
4) Automatisierter Elektrophoreselauf
Proben, Marker und ScreenTape werden in das Gerät eingesetzt. Nach dem Start führt das System die Analyse automatisch durch: Die Proben werden nacheinander in die Trennkanäle überführt und unter angelegter Spannung elektrophoretisch aufgetrennt.
5) Detektion und Datenauswertung
Während der Trennung werden die fluoreszierenden Signale der Nukleinsäuren optisch erfasst (z. B. mittels Laser). Die Software verarbeitet diese Signale zu digitalen Ausgaben, insbesondere:
▫️Elektropherogrammen (Peakdarstellungen der Fragmentgrößen)
▫️Größenverteilungen
▫️sowie semiquantitativen Konzentrationsangaben🎥 Tipp: Eine anschaulische Demonstration zum Funktionsprinzip des TapeStation-Systems und der ScreenTape-Technologie bietet das Video „Agilent 2200 TapeStation System“.
Vorteile der automatisierten Systeme
Automatisierte Systeme bieten gegenüber der klassischen Agarosegelelektrophorese mehrere entscheidende Vorteile:
- Höhere Sensitivität: Auch geringe Nukleinsäuremengen können detektiert werden
- Verbesserte Reproduzierbarkeit: Standardisierte Kartuschen und automatisierte Abläufe reduzieren experimentelle Variabilität
- Quantifizierbarkeit: Neben der Fragmentgröße kann auch die relative Konzentration genauer abgeschätzt werden
- Digitale Auswertung: Objektive und reproduzierbare Analyse ohne visuelle Interpretation von Gelbildern
Darüber hinaus liefern diese Systeme häufig zusätzliche Kennzahlen, wie z. B. mittlere Fragmentlängen oder Integritätsindizes, die eine standardisierte Bewertung der Probenqualität ermöglichen.
DNA- und RNA-spezifische Assays
Ein wesentlicher Aspekt automatisierter Systeme ist die Verwendung spezifischer Assays für unterschiedliche Nukleinsäuretypen. In komplexen Proben werden daher häufig getrennte Analysen durchgeführt, bei denen identische Proben jeweils mit DNA- oder RNA-spezifischen Reagenzien untersucht werden.
Diese Assays unterscheiden sich unter anderem in:
- der Zusammensetzung der polymeren Matrix
- den eingesetzten Farbstoffen
- den Auswertealgorithmen
Auf diese Weise können DNA- und RNA-Fragmente unabhängig voneinander charakterisiert werden, selbst wenn sie ursprünglich in derselben Probe vorliegen.
Aussagekraft der elektrophoretischen Fragmentanalyse
Die elektrophoretische Fragmentanalyse liefert vor allem strukturelle Informationen über Nukleinsäuren. Im Rahmen der Qualitätskontrolle mRNA-basierter Produkte ermöglicht sie insbesondere:
- die Analyse der Fragmentlängenverteilung von DNA und RNA
- die Beurteilung der RNA-Integrität
- die Unterscheidung zwischen stark fragmentierten und weitgehend intakten Nukleinsäuren
- die Identifikation dominanter Fragmentgrößen
- sowie die Detektion verbleibender DNA-Fragmente
Grenzen der elektrophoretischen Fragmentanalyse
Sowohl klassische Agarosegele als auch automatisierte elektrophoretische Systeme besitzen methodische Grenzen, – insbesondere beim Nachweis geringer DNA-Rückstände in komplexen Proben.
- Keine Sequenzinformation: Die Methode trennt Nukleinsäuren ausschließlich nach Größe bzw. elektrophoretischer Mobilität. Ob ein Fragment aus genomischer DNA, Plasmid-DNA, mRNA oder unspezifischen Abbauprodukten stammt, kann anhand der Fragmentanalyse allein nicht bestimmt werden.
- Begrenzte Sensitivität im Vergleich zu amplifikationsbasierten Verfahren: Sehr geringe Mengen residualer DNA können unterhalb der Nachweisgrenze liegen. Verfahren wie qPCR oder ddPCR sind für die Quantifizierung kleiner DNA-Restmengen deutlich sensitiver.
- Eingeschränkte Aussage bei stark fragmentierter DNA: Stark degradierte DNA erscheint häufig lediglich als diffuser Signalbereich („Smear“). Einzelne Fragmente lassen sich dann nur eingeschränkt charakterisieren.
- Keine Aussage über biologische Funktionalität: Die Methode zeigt lediglich Größe und Mengenverteilung von Fragmenten. Ob DNA-Fragmente noch biologisch aktiv, vollständig oder potenziell transkriptionsfähig sind, bleibt unklar.
- Abhängigkeit von Farbstoffbindung und Fragmentgröße: Sehr kurze Fragmente binden teilweise weniger Farbstoff und können daher unterschätzt oder gar nicht detektiert werden. Die quantitative Aussagekraft ist insbesondere im unteren Fragmentgrößenbereich begrenzt.
- Überlappende Signale komplexer Proben: In Proben mit gleichzeitig vorhandener RNA und DNA können sich Signalbereiche überlagern. Trotz spezifischer Assays sind Fehlzuordnungen oder Hintergrundsignale nicht vollständig ausgeschlossen.
- Keine absolute Quantifizierung einzelner Zielsequenzen: Die Methode erlaubt keine gezielte Bestimmung definierter DNA-Sequenzen. Eine spezifische Identifizierung residualer Prozess-DNA ist daher nur in Kombination mit sequenzspezifischen Verfahren möglich.
Die elektrophoretische Fragmentanalyse liefert vor allem strukturelle Informationen über Nukleinsäuren und ergänzt damit quantitative sowie sequenzbasierte Verfahren um eine wichtige Perspektive auf Fragmentgröße, Integrität und Verteilung, ersetzt jedoch keine sequenzspezifischen oder funktionellen Nachweisverfahren.
2.6. Vergleich zentraler Nachweisverfahren für Nukleinsäuren
Die quantitative und qualitative Bestimmung von Nukleinsäuren bildet das Fundament zahlreicher molekularbiologischer Analysen. Je nach Methode unterscheiden sich jedoch sowohl die Aussagekraft als auch die Grenzen der Messung erheblich. Keine der etablierten Techniken liefert ein vollständiges Bild – vielmehr ergänzen sie sich gegenseitig.
UV-spektroskopische Messungen erfassen die Gesamtmenge an Nukleinsäuren in einer Probe. Dabei wird die Absorption von UV-Licht bei 260 nm gemessen. Diese Methode ist schnell und unkompliziert, unterscheidet jedoch nicht zwischen verschiedenen DNA- oder RNA-Sequenzen. Auch Verunreinigungen wie Proteine oder andere Moleküle können das Signal beeinflussen.
Fluorometrische Verfahren verwenden spezifische Farbstoffe, die bevorzugt an DNA oder RNA binden. Dadurch sind sie deutlich selektiver und empfindlicher als UV-Messungen. Dennoch liefern sie keine Informationen über die genaue Sequenz oder Herkunft der Nukleinsäuren – sie quantifizieren lediglich die vorhandene Menge bestimmter Molekülklassen.
Die elektrophoretische Fragmentanalyse ergänzt diese Verfahren um eine strukturelle Perspektive. Sie ermöglicht die Abschätzung von Fragmentgrößen, Fragmentlängenverteilungen und der Integrität von DNA oder RNA. Dadurch lassen sich beispielsweise intakte von stark fragmentierten Nukleinsäuren unterscheiden. Allerdings liefert die Methode keine Sequenzinformation und erlaubt keine eindeutige Identifikation bestimmter DNA- oder RNA-Moleküle.
PCR-basierte Verfahren (qPCR und ddPCR) ermöglichen einen hochsensitiven und spezifischen Nachweis definierter DNA-Sequenzen. Durch den Einsatz sequenzspezifischer Primer können gezielt einzelne Abschnitte des Genoms vervielfältigt und quantifiziert werden. Diese hohe Spezifität ist zugleich eine Einschränkung: Es können nur diejenigen Sequenzen detektiert werden, für die passende Primer entworfen wurden. Unbekannte oder unerwartete Sequenzen bleiben unentdeckt.
Eine weitere methodische Grenze ergibt sich aus den Anforderungen an die DNA-Beschaffenheit. Damit eine Amplifikation stattfinden kann, müssen beide Primerbindestellen vollständig in einem DNA-Fragment enthalten sein. qPCR-Amplicons sind typischerweise 80–150 Basenpaare lang. Stark fragmentierte DNA, deren Bruchstücke kürzer sind oder bei denen eine der Primerbindestellen fehlt, kann daher nicht vervielfältigt werden. Mit anderen Worten: Nur DNA-Fragmente, die die komplette Zielregion zwischen beiden Primern umfassen, sind durch qPCR nachweisbar.
Diese Abhängigkeit von der Fragmentlänge ist insbesondere dann relevant, wenn DNA durch enzymatische oder mechanische Prozesse zerkleinert wurde, wie es mittels DNase-I-Behandlung bei der Aufarbeitung von DNA-Rückständen in der mRNA-Herstellung der Fall ist. Für eine erfolgreiche qPCR/ddPCR müssen jedoch beide Primer – Forward und Reverse – auf demselben Fragment binden können. Je kürzer die Fragmente, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, dass ein Fragment beide Primerstellen trägt – ein wichtiger Aspekt bei der Bewertung von DNA-Rückständen.
Illumina-Sequenzierung basiert auf der parallelen Sequenzierung sehr vieler kurzer DNA-Fragmente. Sie liefert hochpräzise Sequenzdaten mit einer im Vergleich zu anderen Sequenziermethoden sehr geringen Fehlerrate. Dadurch eignet sie sich besonders für die genaue Analyse bekannter oder referenzierbarer Sequenzen. Die Methode erfordert jedoch eine aufwendigere Probenvorbereitung, PCR-basierte Bibliotheksverstärkung sowie leistungsfähige bioinformatische Auswertungen. Zudem werden meist nur relativ kurze Fragmente sequenziert, wodurch größere strukturelle Zusammenhänge schwieriger zu erfassen sind.
Nanopore-Sequenzierung geht einen Schritt weiter: Sie erlaubt die direkte Bestimmung der Basenabfolge einzelner DNA- oder RNA-Moleküle in Echtzeit. Dadurch können auch unbekannte Sequenzen identifiziert sowie sehr lange Fragmente analysiert werden. Darüber hinaus ermöglicht die Technologie unter bestimmten Bedingungen die direkte Detektion chemischer Nukleinsäuremodifikationen. Die gewonnenen Daten erfordern allerdings eine sorgfältige bioinformatische Auswertung und weisen im Vergleich zur Illumina-Sequenzierung derzeit noch höhere Fehlerraten auf.
Die folgende Übersicht fasst die wichtigsten Nachweisverfahren, ihre Messprinzipien sowie ihre spezifischen Stärken und Grenzen im Kontext der mRNA-Herstellung zusammen.
Methode
Was wird gemessen?
Stärken
Schwächen / Grenzen
Typische Anwendung
UV-Spektroskopie
Gesamtkonzentration aller Nukleinsäuren
Schnell und einfach, keine Reagenzien nötig, geringe Kosten
Keine Unterscheidung zwischen DNA, RNA und freien Nukleotiden, störanfällig gegenüber Verunreinigungen
Schnelle Grobbestimmung von Konzentration und Reinheit
Fluorometrie
DNA oder RNA – über Farbstoffbindung
Hohe Sensitivität, tolerant gegenüber Verun-reinigungen
Keine Sequenz-Information
Präzise Quantifizierung der Ziel-RNA
Qubit-Fluorometer
DNA oder RNA – über Farbstoffbindung (fluorometrisches Gerät)
Sehr hohe Sensitivität und Selektivität, reproduzierbare Ergebnisse
Keine Sequenz-Information, höhere Kosten als einfache Fluorometrie
Standardisierte Konzentrationsbestimmung im Labor- und GMP-Umfeld
qPCR
Spezifische DNA-Sequenzen (z. B. Template-DNA, Wirtszell-DNA)
Hohe Sensitivität, sequenz-spezifisch
Nur bekannte Zielsequenzen nachweisbar, abhängig von Primerdesign und Amplifikationseffizienz, Quantifizierung benötigt Standardkurve, anfällig für Inhibitoren
Nachweis von DNA-Rückständen
ddPCR
Absolute Kopienzahl spezifischer DNA-Sequenzen
Absolute Quantifizierung ohne Standardkurve, sehr hohe Präzision, robuster gegenüber Inhibitoren
Nur bekannte Zielsequenzen nachweisbar, abhängig von Primer-/Sondendesign und Targetintegrität, höhere Kosten, aufwändigere Proben-vorbereitung
Präzise Quantifizierung definierter DNA-Zielsequenzen in Validierungsanalysen
Agarosegel-Elektrophorese
DNA-/RNA-Fragmente nach Größe
Einfach, kostengünstig, visuelle Abschätzung von Fragmentgröße und Integrität
Geringe Auflösung, semiquantitativ, nicht für präzise Konzentrationsbestimmung geeignet, keine Sequenz-Information
Schnelle Qualitäts-kontrolle, Integritätsprüfung
Automatisierte Elektrophorese
Größe, Konzen-tration und Integrität von DNA/RNA
Hohe Auflösung, quantitativ, reproduzierbar, geringer Probenbedarf
Höhere Kosten, Verbrauchsmaterialien erforderlich
RNA-Integritäts-prüfung (RIN-Wert), Fragmentanalyse von DNA-Rückständen
Illumina-Sequenzierung (NGS)
Sequenzinformation vieler kurzer DNA-/RNA-Fragmente
Sehr hohe Genauigkeit, umfassende Abdeckung, gut etabliert
Short Reads (150–300 bp), aufwändige Probenvorbereitung, bioinformatische Auswertung erforderlich
Hochauflösende Sequenzanalyse und Charakterisierung residualer Nukleinsäuren
Nanopore-Sequenzierung
Vollständige DNA/RNA-Sequenz einzelner Moleküle
Direkte Sequenz-information, Long Reads, Echtzeit-Daten, erkennt unbekannte Sequenzen und strukturelle Varianten
Höhere Fehlerrate, komplexe Auswertung, noch begrenzt etabliert im GMP-Umfeld
Charakterisierung komplexer Nukleinsäurepopulationen, Identitätsprüfung, Integritätsanalysen
Insgesamt zeigt sich, dass jede Methode ihre spezifischen Stärken und Schwächen besitzt. Die Wahl des geeigneten Verfahrens hängt daher stets von der jeweiligen Fragestellung ab.
Dies gilt in besonderem Maße für die Qualitätssicherung therapeutischer mRNA. Wirkstoffkonzentration, Reinheit und potentielle Verunreinigungen stellen jeweils eigene Anforderungen an die Nachweismethode.
Keine einzelne Methode beantwortet alle analytischen Fragestellungen – erst die Kombination aus Quantifizierung, struktureller Charakterisierung und Sequenzinformation ermöglicht eine umfassende Beurteilung von Nukleinsäuren.
Kombinierte Anwendung der Methoden
In der praktischen Analytik werden die beschriebenen Verfahren selten isoliert eingesetzt. Stattdessen erfolgt die Charakterisierung von Nukleinsäuren in der Regel durch eine Kombination komplementärer Methoden. So kann beispielsweise eine UV-spektroskopische Messung zur schnellen Abschätzung von Konzentration und Reinheit dienen, während fluorometrische Verfahren eine selektivere Quantifizierung ermöglichen. PCR-basierte Methoden wie qPCR oder ddPCR werden eingesetzt, um spezifische DNA-Sequenzen gezielt nachzuweisen und zu quantifizieren. Sequenzierungsverfahren wie Illumina- oder Nanopore-Technologien ergänzen diese Analysen durch die direkte Bestimmung der Sequenz und ermöglichen die Identifikation auch unbekannter Sequenzen oder struktureller Varianten.
Regulatorische Einordnung
Im regulatorischen Kontext erfordert die Qualitätssicherung therapeutischer Nukleinsäureprodukte den Einsatz validierter und standardisierter Nachweismethoden. PCR-basierte Verfahren wie qPCR und ddPCR sind hierfür etabliert und werden routinemäßig zur Quantifizierung definierter residualer DNA-Sequenzen eingesetzt. Sequenzierungsbasierte Ansätze, einschließlich der Nanopore-Technologie, gewinnen zunehmend an Bedeutung, befinden sich jedoch in vielen Anwendungsbereichen noch in der Phase der methodischen Etablierung und Validierung.

3. Richtlinien zur Begrenzung von Rest-DNA in Impfstoffen
Rest-DNA (residual DNA), einschließlich Wirtszell-DNA oder Plasmid-DNA, bezeichnet Nukleinsäurereste aus dem Herstellungsprozess, die nach der Aufreinigung im Endprodukt verbleiben können. Wie in den vorherigen Kapiteln dargestellt, lässt sich das vollständige Entfernen dieser DNA technisch nicht erreichen, sodass geringe Restmengen als unvermeidbarer Bestandteil biotechnologischer Produkte gelten.
Die Entwicklung regulatorischer Richtlinien zur Begrenzung von Rest-DNA erfolgte parallel zum Fortschritt biotechnologischer Herstellungsverfahren. Ziel dieser Vorgaben ist es, potenzielle biologische Risiken zu minimieren. Dazu zählen insbesondere:
- Onkogenität
- Insertionsmutagenese
- Immunogenität
- sowie in bestimmten Kontexten Infektiosität (z. B. bei viralen Systemen)
Historische Entwicklung
Frühe Phase: Vorsorgeorientierter Ansatz
Mit der Einführung rekombinanter DNA-Technologien (Verfahren, bei denen DNA aus unterschiedlichen Organismen gezielt zusammengefügt wird) in den 1980er-Jahren – etwa zur Herstellung von therapeutischem Insulin oder Wachstumshormonen – entstand erstmals die Notwendigkeit, DNA-Rückstände systematisch zu bewerten.
Zu diesem Zeitpunkt bestanden erhebliche wissenschaftliche Unsicherheiten hinsichtlich der biologischen Wirkung exogener DNA. Insbesondere war unklar, unter welchen Bedingungen fremde DNA in das Genom menschlicher Zellen integriert werden und potenziell onkogene Effekte auslösen könnte.
Vor diesem Hintergrund verfolgten Regulierungsbehörden einen konservativen, vorsorgeorientierten Ansatz. Die World Health Organization (WHO) empfahl in den 1980er-Jahren einen Grenzwert von 10 pg Rest-DNA pro Dosis für Produkte aus kontinuierlichen Zelllinien (Zellen, die sich im Labor unbegrenzt teilen können). Dieser Wert basierte nicht auf einer quantitativen Risikobewertung, sondern stellte einen pragmatischen Richtwert dar, der sich an den damaligen analytischen Möglichkeiten orientierte.
Spätere Bewertungen führten zu einer Anhebung dieses Wertes; bereits Mitte der 1980er-Jahre wurden Größenordnungen von etwa 100 pg pro Dosis als vernachlässigbar eingestuft.
Paradigmenwechsel: Von der Masse zur biologischen Aktivität
In den 1990er- und 2000er-Jahren veränderte sich die regulatorische Perspektive grundlegend. Zwei Entwicklungen waren hierfür maßgeblich:
Erstens verbesserten sich die Herstellungs- und Aufreinigungsverfahren erheblich. Methoden wie Chromatographie, Filtration und enzymatische Behandlung ermöglichten eine reproduzierbare Reduktion von DNA-Rückständen um mehrere Größenordnungen.
Zweitens lieferten experimentelle Studien zunehmend quantitative Erkenntnisse zur biologischen Aktivität von DNA. Dabei zeigte sich, dass nicht allein die Gesamtmenge entscheidend ist, sondern insbesondere strukturelle Eigenschaften wie Länge und Integrität der DNA eine zentrale Rolle spielen.
Längere, intakte DNA-Fragmente mit funktionellen Genabschnitten können unter geeigneten Bedingungen theoretisch biologische Effekte entfalten. Mit zunehmender Fragmentierung nimmt dieses Potenzial jedoch deutlich ab. Kurze DNA-Fragmente besitzen eine stark reduzierte Wahrscheinlichkeit, in den Zellkern zu gelangen, stabil zu verbleiben oder in das Genom integriert zu werden.
Für eine tatsächliche Integration exogener DNA in das Genom einer Zelle müssen mehrere Voraussetzungen gleichzeitig erfüllt sein. Dazu gehören unter anderem die Aufnahme der DNA in die Zelle, ihr Transport in den Zellkern sowie das Vorliegen geeigneter zellulärer Mechanismen für eine stabile Integration. Die Wahrscheinlichkeit für das gleichzeitige Eintreten dieser Bedingungen wird unter natürlichen Bedingungen im Körper als gering eingeschätzt und nimmt mit zunehmender Fragmentierung der DNA weiter ab.
Moderne regulatorische Ansätze
Auf Basis dieser Erkenntnisse entwickelten sich moderne regulatorische Konzepte hin zu einem risikobasierten und produktspezifischen Ansatz. Anstelle eines einheitlichen Grenzwertes stehen heute mehrere komplementäre Anforderungen im Vordergrund:
Anforderung Begründung Validierte
EliminierungDer Herstellungsprozess muss nachweislich und reproduzierbar zur Reduktion von DNA-Rückständen beitragen. Fragmentierung Verbleibende DNA soll möglichst in stark fragmentierter Form vorliegen. Produktspezifische
GrenzwerteAkzeptanzkriterien werden abhängig von Herstellungsprozess, Zelllinie und Anwendung definiert. Regulatorische Leitlinien von Organisationen wie der U.S. Food and Drug Administration (FDA), der European Medicines Agency (EMA) sowie dem International Council for Harmonisation (ICH) verfolgen heute überwiegend diesen differenzierten Ansatz.
Einordnung im Kontext modRNA-basierter Impfstoffe
Für modRNA-basierte Impfstoffe gelten grundsätzlich ähnliche regulatorische Prinzipien wie für andere biotechnologisch hergestellte Arzneimittel. Gleichzeitig unterscheiden sich die Herstellungsprozesse und Produktcharakteristika in einigen Punkten, insbesondere durch die in-vitro-Transkription und die Verwendung synthetischer RNA.
Im Kontext von Impfstoffen orientieren sich regulatorische Leitlinien in Bezug auf die Menge an Rest-DNA bei parenteraler Anwendung (d. h. bei Verabreichung durch Injektion oder Infusion, die den Magen-Darm-Trakt umgeht) häufig an Größenordnungen im Nanogramm-Bereich pro Dosis.
Zusätzlich wird gefordert, dass die verbleibende DNA möglichst stark fragmentiert ist und keine funktionell vollständigen Gene umfasst. In der wissenschaftlichen Literatur werden in diesem Zusammenhang häufig Fragmentlängen im Bereich unterhalb einiger hundert Basenpaare (bp) diskutiert, ohne dass ein einheitlicher Grenzwert festgelegt ist.
Diese Anforderungen spiegeln den heutigen regulatorischen Ansatz wider, der sowohl die Menge als auch die strukturellen Eigenschaften der DNA berücksichtigt.
Die folgende Tabelle fasst die wesentlichen regulatorischen Dokumente zusammen, in denen Grenzwerte für Rest-DNA genannt werden.
Dokument Aussage / Kontext 1998 – WHO TRS 878, Annex 1 Historische Quelle: Erstmalige Erwähnung von <10 ng/Dosis für kontinuierliche Zelllinien 2007 – WHO Study Group on Cell Substrates for the Production of Biologicals Diskussion von <10 ng/Dosis im Zusammenhang mit stark fragmentierter DNA (z. B. <200 bp) 2013 – WHO TRS No. 978 Bestätigt <10 ng/Dosis als etablierten Standard; betont Bedeutung von Fragmentierung und Prozess; grundlegendes WHO-Dokument zu Zellsubstraten 2014 – WHO TRS 987, Annex 4 <10 ng/Dosis (im Kontext rekombinanter Proteintherapeutika) 2020 – FDA CMC Guidance (Gene Therapy) <10 ng/Dosis und <200 bp (für Gentherapie-Produkte aus kontinuierlichen nicht-tumorigenen Zellen) 2020 – Rapporteur Rolling Review critical assessment report (Josephson 2020-11-19) Acceptance Criteria: ≤ 330 ng DNA/mg RNA (abgeleitet aus 10 ng/Dosis bei 30 µg RNA pro Dosis) 2024 – WHO TRS 1062, Annex 1 (noch nicht öffentlich) Recommendations for mRNA vaccines – erwartete Nennung der Größenordnungen Dosis: Gesamtmenge des Arzneimittels pro Anwendung.
ng/Dosis (Nanogramm/Dosis): Ein Maß für die zulässige Menge an DNA-Rückständen pro Dosis.
bp (Basenpaare): Ein Maß für die Länge der DNA-Fragmente.
Umrechnung von Messwerten auf ng pro Dosis
Um Messergebnisse aus verschiedenen Studien mit regulatorischen Richtwerten vergleichen zu können, ist eine einheitliche Bezugsgröße erforderlich. Während regulatorische Grenzwerte üblicherweise als Menge pro Dosis (ng/Dosis) angegeben werden, erfolgen analytische Messungen häufig in Bezug auf die RNA-Menge (z. B. ng DNA pro mg RNA).
Zur Vergleichbarkeit müssen diese Werte ineinander umgerechnet werden.
Grundprinzip:
DNA (ng/Dosis) = DNA (ng/mg RNA) × RNA-Menge pro Dosis (mg)Beispielrechnung
Angenommen, eine analytische Messung ergibt: 330 ng DNA pro mg RNA
und die verabreichte Dosis enthält: 30 µg RNA = 0,03 mg RNA
Dann ergibt sich: 330 ng/mg × 0,03 mg = 9,9 ng DNA pro DosisDieses Beispiel zeigt, dass Konzentrationsangaben (ng/mg RNA) und dosisbezogene Grenzwerte (ng/Dosis) direkt ineinander überführt werden können, sofern die zugrunde liegende RNA-Menge pro Dosis bekannt ist.
Das Ergebnis liegt damit in der Größenordnung von 10 ng DNA pro Dosis, was dem häufig zitierten regulatorischen Richtwert entspricht.
Einordnung
Ein wichtiger Aspekt der regulatorischen Einordnung ist, dass keine einheitliche, universell verbindliche Grenzwertregelung für alle modRNA-Impfstoffe existiert. Stattdessen basiert die Bewertung auf einem Zusammenspiel aus allgemeinen Empfehlungen, produktspezifischen Festlegungen und risikobasierten Prinzipien.

4. Studien zu DNA-Rückständen in modRNA-basierten Impfstoffen
Nach der Darstellung der Herstellungsverfahren, potenzieller Verunreinigungen sowie der analytischen Nachweismethoden stellt sich die zentrale Frage, in welchem Umfang DNA-Rückstände in kommerziellen mRNA-Impfstoffen tatsächlich nachweisbar sind.
Seit dem Jahr 2023 wurden hierzu mehrere unabhängige Untersuchungen veröffentlicht, die sich mit der Detektion, Quantifizierung und Charakterisierung von DNA in verschiedenen Impfstoffchargen beschäftigen.
Ziel dieses Kapitels ist es, die bisherigen Studien vorzustellen, ihre methodischen Ansätze nachvollziehbar einzuordnen und die berichteten Ergebnisse darzustellen.
4.1. Warum unabhängige Messungen?
4.2. Methodische Vorbemerkungen
4.3. Übersicht und Einzelanalysen der Studien
4.4. Zwischenfazit: Was wissen wir – und was nicht?
4.1. Warum unabhängige Messungen?
Die Zulassung eines Arzneimittels setzt voraus, dass der Hersteller die Einhaltung regulatorischer Qualitätsstandards gegenüber den zuständigen Behörden nachweist. Für mRNA-basierte Impfstoffe bedeutet das unter anderem, dass Restmengen an DNA unterhalb festgelegter Grenzwerte liegen müssen. Die entsprechenden Prüfdaten werden im Rahmen des Zulassungsverfahrens eingereicht und von den Behörden bewertet.
Was dieser Prozess strukturell nicht vorsieht, ist eine systematische Überprüfung durch unabhängige Labore nach der Marktzulassung. Behörden wie die EMA oder FDA stützen sich bei ihrer Bewertung in erster Linie auf die vom Hersteller vorgelegten Daten. Eine eigenständige Nachanalyse kommerziell erhältlicher Chargen ist nicht Bestandteil des Standardverfahrens.
Genau hier setzt unabhängige Forschung an. Seit 2023 haben mehrere Arbeitsgruppen – ohne Verbindung zu den Herstellern – kommerziell bezogene Chargen der mRNA-Impfstoffe auf DNA-Rückstände untersucht. Die Motivation dahinter war nicht primär die Erwartung eines Problems, sondern eine grundlegende Frage der wissenschaftlichen Nachvollziehbarkeit: Lassen sich die im regulatorischen Zulassungsprozess eingereichten Qualitätsangaben durch unabhängige Messungen reproduzieren?
Die Ergebnisse dieser Studien waren nicht einheitlich – weder in den gemessenen Mengen noch in der methodischen Herangehensweise. Einige Arbeitsgruppen berichteten von DNA-Gehalten, die die regulatorischen Grenzwerte überschritten; andere kamen zu abweichenden Ergebnissen oder äußerten methodische Vorbehalte gegenüber den verwendeten Verfahren.
Dieses Kapitel stellt die wichtigsten dieser Untersuchungen vor. Ziel ist keine abschließende Bewertung – der wissenschaftliche Diskurs ist noch nicht abgeschlossen –, sondern eine sachliche Darstellung der vorliegenden Befunde, der eingesetzten Methoden und der offenen Fragen.
4.2. Methodische Vorbemerkungen
Bevor die einzelnen Studien vorgestellt werden, ist ein methodischer Rahmen hilfreich – nicht um Ergebnisse vorwegzunehmen, sondern um dem Leser ein Werkzeug an die Hand zu geben, mit dem er die Befunde einordnen kann.
Die in diesem Kapitel vorgestellten Untersuchungen stammen aus unabhängigen Laboren und unterscheiden sich teilweise deutlich hinsichtlich ihrer methodischen Ansätze und der verwendeten Nachweisverfahren.
Der Aufschluss der Lipid-Nanopartikel
Jede Analyse beginnt mit demselben Problem: Die zu messenden Nukleinsäuren – mRNA und potenzielle DNA-Rückstände – sind in Lipid-Nanopartikel (LNPs) eingeschlossen. Um sie analytisch zugänglich zu machen, müssen die Partikel zunächst aufgeschlossen werden.
In den vorliegenden Studien wurden dafür unterschiedliche Methoden eingesetzt. Detergenzien wie Triton X-100 lösen die Lipidmembran chemisch auf. Kombinationen aus Lithiumdodecylsulfat (LiDS) und magnetischen SPRI-Beads ermöglichen gleichzeitig Aufschluss und selektive Aufreinigung der Nukleinsäuren. Thermische Verfahren – etwa Erhitzen auf 95 °C – destabilisieren die Partikelstruktur durch Hitzeeinwirkung. Kommerzielle Kits wie der Monarch Plasmid DNA Miniprep Kit kombinieren mehrere Schritte zu einem standardisierten Protokoll.
Diese Methodenvielfalt ist nicht trivial. Drei Aspekte verdienen besondere Aufmerksamkeit:
Erstens unterscheiden sich die Methoden in ihrer Aufschlusseffizienz: Nicht jedes Verfahren öffnet alle Partikel vollständig. Verbleiben intakte LNPs in der Probe, bleibt ihr Inhalt für die nachfolgende Messung unsichtbar – mit der Folge, dass der tatsächliche DNA-Gehalt unterschätzt wird.
Zweitens können einige Methoden die freizusetzenden Moleküle verändern oder degradieren. Thermischer Aufschluss bei hohen Temperaturen kann insbesondere RNA fragmentieren; DNA ist thermisch stabiler, kann unter bestimmten Bedingungen jedoch ebenfalls geschädigt werden. Stark fragmentierte DNA ist, wie in Kapitel 2.6. beschrieben, für PCR-basierte Nachweisverfahren schlechter zugänglich – kurze Fragmente tragen möglicherweise nicht mehr beide Primerbindestellen und entgehen damit der Detektion.
Drittens können Rückstände bestimmter Reagenzien nachfolgende Analyseschritte stören. Detergenzien wie Triton X-100 sind bekannte PCR-Inhibitoren. Werden sie nicht vollständig entfernt, kann die Amplifikation beeinträchtigt werden – was wiederum zu einer Unterschätzung der gemessenen Menge führt. SPRI-Beads hingegen selektieren nach Fragmentgröße: Sehr kurze DNA-Fragmente können bei dieser Methode verloren gehen.
Die Wahl der Analysemethode
Nach dem Aufschluss folgt die eigentliche Messung. Auch hier unterscheiden sich die Studien erheblich. Einige Arbeitsgruppen setzten auf quantitative PCR-Verfahren (qPCR), die eine hochsensitive, aber sequenzspezifische Detektion ermöglichen. Andere nutzten Sequenzierungsverfahren – entweder die Nanopore-Technologie (ONT) oder die Illumina-Plattform – die eine breitere, sequenzunabhängige Erfassung erlauben, aber eine aufwändigere Auswertung erfordern. Teilweise wurden auch fluorometrische Verfahren zur Gesamtquantifizierung eingesetzt.
Jede dieser Methoden misst etwas leicht anderes: Fluorometrie erfasst die Gesamt-DNA unabhängig von der Sequenz, leidet jedoch unter Störungen durch RNA (Crosstalk). PCR-Verfahren erfassen nur definierte Zielsequenzen. Sequenzierungsverfahren liefern ein breiteres Bild, sind jedoch stärker von Bibliotheksvorbereitung, Fragmentselektion und bioinformatischer Auswertung abhängig. Eine direkte Vergleichbarkeit der absoluten Messwerte zwischen Studien, die unterschiedliche Methoden einsetzen, ist daher nur eingeschränkt möglich.
Validierung und Standardisierung
In der regulierten pharmazeutischen Analytik sind Messmethoden vor ihrem Einsatz zu validieren: Extraktionseffizienz, Nachweisgrenze, Linearität und mögliche Störeinflüsse müssen systematisch bestimmt werden. Bei den hier vorgestellten unabhängigen Studien fehlt diese formale Validierung in der Regel – was nicht bedeutet, dass die Arbeiten unsorgfältig durchgeführt wurden, wohl aber, dass methodische Unsicherheiten schwerer zu quantifizieren sind.
Ein direkter Vergleich derselben Probe mit mehreren Methoden parallel – ein sogenannter orthogonaler Ansatz – würde helfen, methodenbedingte Variabilität von tatsächlichen Unterschieden zwischen Chargen zu trennen. Nur einige der vorliegenden Studien setzen mehrere orthogonale Methoden systematisch an denselben Proben ein. Auf die Bedeutung dieses Ansatzes wird im abschließenden Kapitel noch eingegangen.
4.3. Übersicht und Einzelanalysen der Studien
Die folgenden Studien unterscheiden sich hinsichtlich Methodik, Publikationsform und wissenschaftlicher Einordnung. Neben peer-reviewten Arbeiten werden auch Preprints und explorative Analysen berücksichtigt, um das derzeit verfügbare Spektrum an Daten vollständig abzubilden.
Die Darstellung erfolgt chronologisch, um die Entwicklung der wissenschaftlichen Diskussion nachvollziehbar zu machen.
Sequencing of bivalent Moderna and Pfizer mRNA vaccines reveals nanogram to microgram quantities of expression vector dsDNA per dose
Autoren: Kevin McKernan, Yvonne Helbert, Liam T. Kane, Stephen McLaughlin
Veröffentlicht: 2023 April 10
DNA fragments detected in monovalent and bivalent Pfizer/BioNTech and Moderna modRNA COVID-19 vaccines from Ontario, Canada: Exploratory dose response relationship with serious adverse events.
Autoren: David Speicher, J. Rose, L. M. Gutschi, D. M. Wiseman, Kevin McKernan
Veröffentlicht: 2023 October 19
Methodological Considerations Regarding the Quantification of DNA Impurities in the COVID-19 mRNA Vaccine Comirnaty®
Autoren: Brigitte König, Jürgen O. Kirchner
Veröffentlicht: 2024 May 8
Confirmation of the presence of vaccine DNA in the Pfizer anti-COVID-19 vaccine
Autoren: Didier Raoult
Veröffentlicht: 2024 November 12
BioNTech RNA-Based COVID-19 Injections Contain Large Amounts Of Residual DNA Including An SV40 Promoter/Enhancer Sequence
Autoren: Ulrike Kämmerer, Verena Schulz, Klaus Steger
Veröffentlicht: 2024 December 3
A rapid detection method of replication-competent plasmid DNA from COVID-19 mRNA vaccines for quality control.
Autoren: Tayler J. Wang, Alex Kim, Kevin Kim
Veröffentlicht: 2024 December 29
Quantitative Analysis of Nucleic Acid Content in Spikevax (Moderna) and BNT162b2 (Pfizer) COVID-19 Vaccine Lots
Autoren: Richard M Fleming PhD, MD, JD; Peter Kotlár MD; Sona Pekova MD, PhD
Veröffentlicht: 2025 May 13
Quantification of residual plasmid DNA and SV40 promoter-enhancer sequences in Pfizer/BioNTech and Moderna modRNA COVID-19 vaccines from Ontario, Canada
Autoren: David Speicher, Jessica Rose, Kevin McKernan
Veröffentlicht: 2025 September 25
Systematic analysis of COVID-19 mRNA vaccines using four orthogonal approaches demonstrates no excessive DNA impurities
Autoren: Adam Achs, Tatiana Sedlackova, Lukas Predajna, Jaroslav Budis, Maria Bartosova, Vladimir Zelnik, Diana Rusnakova, Martina Melichercikova, Marta Miklosova, Veronika Gencurova, Barbora Cernakova, Tomas Szemes, Boris Klempa, Juraj Kopacek, Silvia Pastorekova
Veröffentlicht: 2025 Dezember 13
4.3.1. McKernan et al. (2023)
Sequencing of bivalent Moderna and Pfizer mRNA vaccines reveals nanogram to microgram quantities of expression vector dsDNA per dose
Autoren: Kevin McKernan, Yvonne Helbert, Liam T. Kane, Stephen McLaughlin
Veröffentlicht: 10. April 2023 (Preprint, OSF)
Link zur Studie: https://osf.io/preprints/osf/b9t7ma) Kontext und Ziel der Studie
Die Arbeit von McKernan et al. gehört zu den ersten öffentlich verfügbaren unabhängigen Analysen, in denen mRNA-basierte COVID-19-Impfstoffe gezielt auf das Vorhandensein von DNA untersucht wurden. Ausgangspunkt war keine regulatorisch motivierte Fragestellung, sondern eine explorative Sequenzierungsarbeit, im Verlauf derer DNA in den Proben detektiert wurde. Dies veranlasste die Autoren, die Zusammensetzung der Impfstoffe systematisch weiterzuuntersuchen.
Ziel der Studie war es,
- DNA-Komponenten in den Impfstoffen nachzuweisen,
- deren Menge abzuschätzen und
- ihre Sequenzidentität zu charakterisieren.
b) Materialien und Methoden
Impfstoffchargen
Für die Untersuchungen wurden folgende Chargen verwendet:- 2 Chargen bivalente Impfstoffe von Pfizer (über dem Ablaufdatum)
- 2 Chargen bivalente Impfstoffe von Moderna (über dem Ablaufdatum)
- 8 Chargen monovalente Impfstoffe von Pfizer (über dem Ablaufdatum, ungeöffnet)
Die Studie kombiniert mehrere analytische Verfahren, um sowohl quantitative als auch qualitative Aussagen zu ermöglichen.
Aufschluss der LNPs und Extraktion der Nukleinsäuren
Die Lipid-Nanopartikel wurden mittels Lithium-Dodecylsulfat (LiDS) lysiert. Die anschließende Aufreinigung erfolgte nach dem SPRI-Prinzip (magnetische Beads), das Nukleinsäuren größen- und bedingungsabhängig selektiv bindet und von Lipiden sowie anderen Begleitsubstanzen trennt. Das Eluat enthielt die isolierten Nukleinsäuren – mRNA und potenziell vorhandene DNA.
Als Qualitätskontrolle des Extraktionsschritts wurde ein Bioanalyzer eingesetzt, der mittels automatisierter Kapillarelektrophorese die Größenverteilung und relative Menge der gewonnenen Nukleinsäuren sichtbar macht.Sequenzierung mittels Illumina
Die extrahierten Nukleinsäuren wurden mittels Illumina-Sequenzierung analysiert. Mehrere Sequenzierläufe (Reads) bildeten die Grundlage für die bioinformatische Rekonstruktion der Plasmidsequenzen beider Impfstoffe. Aus den erhaltenen Reads wurden Plasmidkarten erstellt – für Moderna und für Pfizer.PCR-basierte Verifikation
Auf Grundlage der Sequenzierungsdaten wurden spezifische Primer für zwei Zielregionen entworfen: eine Spike-Sonde und eine Ori-Sonde, beide auf Sequenzen ausgelegt, die sowohl im Pfizer- als auch im Moderna-Plasmid vorkommen. Diese qPCR diente nicht der primären Quantifizierung, sondern der unabhängigen Bestätigung, dass die per Sequenzierung identifizierten Plasmidsequenzen tatsächlich in den Proben vorhanden sind – und nicht auf Laborkontaminationen zurückzuführen sind.Fluorometrie und Elektrophorese
Zur Abschätzung der DNA-Konzentration wurden Qubit-Fluorometrie und Agilent-Elektrophorese eingesetzt. Beide Methoden liefern Aussagen über die Gesamtmenge der vorhandenen DNA, jedoch keine Sequenzinformation.c) Zentrale Ergebnisse
Qualitative Befunde
Die Sequenzanalysen zeigen Übereinstimmungen mit bekannten Plasmidvektorsequenzen und weisen auf genetische Elemente hin, die im Herstellungsprozess eingesetzt werden. Die nachgewiesene DNA wurde als doppelsträngig (dsDNA) charakterisiert.Unerwarteter Fund: SV40-Promoter/Enhancer
Im Verlauf der Sequenzierung identifizierten die Autoren im Pfizer-Impfstoff eine SV40-Promoter/Enhancer-Sequenz. Dieser Fund war insofern unerwartet, als diese Sequenz in den der EMA vorgelegten Plasmidkarten – konkret im „Rapporteur Rolling Review Critical Assessment Report“ (Figure S.2.3-1. pST4-1525 Plasmid Map) – in den öffentlich zugänglichen Unterlagen nicht aufgeführt war. Die Autoren wiesen ergänzend darauf hin, dass das Pfizer-Plasmid auch ein SV40-Kernlokalisierungssignal enthält, das theoretisch den Transport von DNA in den Zellkern begünstigen könnte.Quantitative Befunde
Qubit-Fluorometrie und Elektrophorese zeigten DNA-Konzentrationen, die nach Einschätzung der Autoren die regulatorischen Richtwerte – etwa das EMA-Limit von 330 ng DNA pro mg RNA – deutlich überschreiten.d) Interpretation durch die Autoren
Die Autoren schlussfolgern, dass DNA-Rückstände in den untersuchten Chargen vorhanden sind, die ihrem Ursprung nach auf die im Herstellungsprozess verwendeten Plasmidvektoren zurückzuführen sein dürften. Die gemessenen Mengen werden von den Autoren als möglicherweise regulatorisch relevant eingestuft.
Hinsichtlich replikationsfähiger DNA formulieren die Autoren die Einschätzung, dass für solche Sequenzen strengere Grenzwerte angemessen wären als für nicht-replikationsfähige DNA-Fragmente.
e) Methodische Einschränkungen
Die Herkunft, Lagerung und Chargencharakterisierung der untersuchten Fläschchen ist nur begrenzt dokumentiert. Angaben zu Negativkontrollen – etwa Wasserproben, die denselben Aufarbeitungsschritten unterzogen wurden – sowie zu Positivkontrollen mit bekannten DNA-Konzentrationen fehlen weitgehend oder sind unvollständig beschrieben. Eine formale Methodenvalidierung liegt nicht vor.
Zudem weisen die Autoren selbst auf zwei gegenläufige Unsicherheiten bei der Quantifizierung hin: PCR-basierte Verfahren könnten die tatsächliche DNA-Menge unterschätzen, da Fragmente unterhalb der Amplikon-Länge nicht erfasst werden. Umgekehrt könnten Fluorometrie und Elektrophorese die DNA-Konzentration überschätzen, wenn der eingesetzte Farbstoff unspezifisch auch an RNA bindet.
f) Einordnung in den Gesamtkontext
Die Studie stellt einen frühen und wichtigen Beitrag zur wissenschaftlichen Diskussion über DNA-Rückstände in mRNA-Impfstoffen dar. Sie hat maßgeblich dazu beigetragen, dass weitere Arbeitsgruppen eigene Untersuchungen durchführten. Die Befunde sind als Ausgangspunkt für weiterführende Untersuchungen zu verstehen, nicht als abschließende Bewertung.
4.3.2. Speicher et al. (2023)
DNA fragments detected in monovalent and bivalent Pfizer/BioNTech and Moderna modRNA COVID-19 vaccines from Ontario, Canada: Exploratory dose response relationship with serious adverse events.
Autoren: David Speicher, Jessica Rose, L. Maria Gutschi, David M. Wiseman, Kevin McKernan
Veröffentlicht: 19. Oktober 2023 (ResearchGate)
Link zur Studie: https://osf.io/preprints/osf/mjc97_v1a) Kontext und Ziel der Studie
Die Studie von David J. Speicher et al. baut inhaltlich auf den zuvor veröffentlichten Analysen von Kevin McKernan auf und verfolgt einen erweiterten Ansatz.
Neben dem Nachweis und der Quantifizierung von DNA-Rückständen in weiteren Impfstoffchargen adressiert sie zwei zusätzliche Fragestellungen:
- Lokalisierung der DNA: Liegt die nachgewiesene DNA innerhalb der Lipid-Nanopartikel (LNPs) oder frei in der Lösung vor?
- Explorative Korrelation: Besteht ein statistischer Zusammenhang zwischen gemessenen DNA-Mengen und gemeldeten unerwünschten Ereignissen auf Chargenebene?
Die Studie gliedert sich damit in zwei inhaltlich verschiedene Teile:
- analytischer Teil: Nachweis und Charakterisierung von DNA in Impfstoffproben
- explorativer Teil: Untersuchung einer möglichen statistischen Beziehung zu Nebenwirkungsdaten
Beide Teile erfordern eine unterschiedliche methodische Bewertung.
b) Materialien und Methoden
Impfstoffchargen
Untersucht wurden 27 Fläschchen aus 12 Chargen: 8 abgelaufene, ungeöffnete Pfizer-BNT162b2-Fläschchen und 16 abgelaufene, ungeöffnete Moderna-Spikevax-Fläschchen, bezogen aus verschiedenen Apotheken in Ontario, Kanada. Alle Fläschchen waren originalversiegelt mit intakten Schutzkappen sowie aufgedruckten Chargennummern und Verfallsdaten. Zusätzlich wurden drei noch gültige Restmengen einer Moderna-XBB.1.5-Charge einbezogen. Lagerung und Transport erfolgten unter dokumentierter Kühlung. Als Negativkontrolle diente ein steriles, ungeöffnetes Injektionsfläschchen eines nicht verwandten Arzneimittels (TriMix).Die Autoren kombinieren mehrere analytische und statistische Verfahren.
Aufschluss der Lipid-Nanopartikel (LNPs)
Um die Lipid-Nanopartikel (LNPs) aufzubrechen, wurde die Probe 8 Minuten lang auf 95°C erhitzt, gefolgt von einer Abkühlung auf 4°C für fünf Minuten. Dieser thermische Schritt dient der Freisetzung der enthaltenen Nukleinsäuren.Quantifizierung mittels qPCR
Die DNA-Konzentrationen wurden mittels qPCR über den Cq-Wert (Quantifizierungszyklus) bestimmt und in Nanogramm pro Dosis umgerechnet. Die Autoren übernahmen die Primer aus der McKernan-Studie: Spike-Sonde und Ori-Sonde, die auf Sequenzen abzielen, die beiden Impfstoffen (Pfizer, Moderna) gemeinsam sind. Ergänzend wurde ein SV40-Enhancer-Assay eingesetzt, der speziell auf die im Pfizer-Plasmid identifizierte SV40-Sequenz ausgelegt ist.Quantifizierung mittels Qubit-Fluorometrie
Zur Gesamtquantifizierung der DNA wurde Qubit-Fluorometrie mit dem DNA-spezifischen Farbstoff AccuGreen eingesetzt. Die Fluoreszenzintensität ist proportional zur vorhandenen DNA-Menge und liefert eine sequenzunabhängige, jedoch struktursensitive Gesamtschätzung (abhängig von Farbstoffspezifität und Probenzusammensetzung).Größenprofil der Rest-DNA mittels ONT-Sequenzierung
Die Größenverteilung der DNA-Fragmente in einer Pfizer-Probe wurde mittels Oxford-Nanopore-Sequenzierung bestimmt. Dabei ist zu beachten, dass der verwendete Bibliotheksaufbau Fragmente kleiner als etwa 150 bp (Basenpaare) systematisch entfernt. Die erhaltene Längenverteilung ist daher in Richtung längerer Fragmente verzerrt und bildet den tatsächlichen Anteil kurzer Fragmente nicht vollständig ab.DNA innerhalb oder außerhalb der LNPs – Nukleaseprotektionstest
Um zu prüfen, ob die DNA-Rückstände im Inneren der LNPs vorliegen oder frei außerhalb, wurde das Enzym DNase I-XT direkt zum unveränderten Impfstoff gegeben – also zu intakten, noch nicht aufgeschlossenen LNPs. DNase I-XT baut zugängliche DNA ab. Eine anschließende qPCR-Messung erlaubte den Vergleich der DNA-Menge vor und nach der Enzymbehandlung.Auswertung der VAERS-Datenbank
Für jede untersuchte Charge wurde aus der VAERS-Datenbank ein Serious Adverse Event Reporting Ratio (SRR) berechnet – das Verhältnis schwerwiegender zu allen gemeldeten Nebenwirkungen. Dieser Wert wurde der gemessenen DNA-Konzentration der jeweiligen Charge gegenübergestellt.c) Zentrale Ergebnisse
Quantitative Befunde und Methodenvergleich
Die Gegenüberstellung der Ergebnisse der qPCR und Qubit-Fluorometrie zeigen, dass die gemessenen Daten stark von dem verwendeten Messverfahren abhängen.Ermittlung der DNA-Konzentrationen für Pfizer
qPCR Qubit-Fluorometrie Ori-Sonde: 0,28 – 4,27 ng/Dosis
Spike-Sonde: 0,22 – 2,43 ng/DosisGesamt-DNA: 1.896 – 3.720 ng/Dosis Der SV40-Promotor-Enhancer-Ori wurde nur in den Pfizer-Fläschchen mit Cq-Werten zwischen 16,64 und 22,59 nachgewiesen.
Ermittlung der DNA-Konzentrationen für Moderna
qPCR Qubit-Fluorometrie Ori-Sonde: 0,01 – 0,34 ng/Dosis
Spike-Sonde: 0,25 – 0,78 ng/DosisGesamt-DNA: 3.270 – 5.100 ng/Dosis Bezogen auf den FDA-Grenzwert von 10 ng DNA pro Dosis liegen die qPCR-Werte unterhalb des Grenzwerts, während die fluorometrischen Werte diesen um das 188- bis 509-fache überschreiten.
Die Autoren weisen darauf hin, dass qPCR-Verfahren DNA-Fragmente unterhalb der Amplikon-Länge (105–114 bp) nicht erfassen können und die Gesamtmenge damit systematisch unterschätzen.
Darüber hinaus zeigten die Messungen eine Variabilität der DNA-Mengen zwischen verschiedenen Chargen desselben Impfstoffs – ein Hinweis auf mögliche Schwankungen im Reinigungsprozess.
DNA liegt im Inneren der LNPs
Nach DNase I-XT-Behandlung des intakten Pfizer-Impfstoffs zeigte die anschließende qPCR-Messung kaum eine Veränderung der DNA-Menge. Da das Enzym nur zugängliche DNA abbaut, legt dieses Ergebnis nahe, dass der überwiegende Teil der DNA-Rückstände im Inneren der LNPs vorliegt und damit vor dem Enzymangriff geschützt ist.Größenprofil der Rest-DNA
Die ONT-Sequenzierung einer Pfizer-Probe ergab eine mittlere Fragmentlänge von 214 bp. Einzelne Fragmente erreichten Längen von über 1.000 bp; das längste nachgewiesene Fragment umfasste etwa 3.200 bp und entsprach damit annähernd der halben Plasmidlänge von 7.810 bp.Da der Bibliotheksaufbau Fragmente unter 150 bp systematisch ausschließt, ist davon auszugehen, dass der tatsächliche Anteil kurzer Fragmente in der Probe höher liegt als in den Sequenzierungsdaten abgebildet.
Explorative VAERS-Korrelation mit den gemessenen DNA-Mengen
Die Autoren beobachteten eine positive Korrelation zwischen den gemessenen DNA-Konzentrationen auf Chargenebene und dem SRR-Wert der jeweiligen Charge. Chargen mit höheren DNA-Mengen tendierten zu höheren Anteilen schwerwiegender Meldungen in der VAERS-Datenbank.d) Interpretation durch die Autoren
Methodenabhängigkeit von Rest-DNA-Bewertungen
Die Autoren berichten zwei völlig unterschiedliche Messergebnisse für dieselben Impfstoffe:Methode Ergebnis: Rest-DNA pro Dosis
(Grenzwert 10 ng/Dosis)Bewertung qPCR UNTER dem FDA-Grenzwert Einhaltung Fluorometrie 188- bis 509-fach ÜBER dem FDA-Grenzwert Überschreitung Das bedeutet: Je nach Messmethode kommt man zu gegensätzlichen Schlussfolgerungen.
Diese Diskrepanz ist ein zentrales Ergebnis der Studie und verdeutlicht die hohe methodische Abhängigkeit der gemessenen DNA-Werte.
Hinweis auf methodische Inkonsistenz
Die Autoren argumentieren, dass die beobachteten Diskrepanzen nicht ausschließlich auf Messungenauigkeiten zurückzuführen sind, sondern auf grundlegend unterschiedliche Messprinzipien.Die EMA verwendet ratiometrische Richtlinien – das bedeutet: Es gibt einen erlaubten Grenzwert für das Verhältnis von DNA zu RNA (wie z. B. 330 ng DNA pro 1 mg RNA).
Allerdings kommen für die Messung von RNA und DNA unterschiedliche Methoden zum Einsatz, die sich in ihrer Spezifität unterscheiden.
Was gemessen wird Verwendete Methode Gemessen werden … RNA
(Hauptbestandteil)Fluorometrie /
UV-SpektrophotometrieGesamtnukleinsäuren (unspezifisch) DNA
(Rückstände)qPCR Spezifische DNA-Sequenzen (selektiv) Verschiedene Quellenbelege dazu:
- „Rapporteur Rolling Review critical assessment report” (Table S.2.6-16. Evolution of BNT162b2 Drug Substance Methods)
- „EU Official Control Authority Batch Release Certificate for Immunological Products” (Table 2. Drug Substance Quality Control Tests)
- „Assessment report EMA/707383/2020”
- „Assessment report EMA/15689/2021”
Die Autoren argumentieren, wenn man:
🔸RNA mit einer unspezifischen Methode misst (Fluorometrie: erfasst auch DNA-Fragmente, Abbauprodukte etc.) und
🔸DNA mit einer spezifischen Methode misst (qPCR: erfasst nur die exakte Zielsequenz),
dann sind die beiden Messwerte methodisch nicht kompatibel.Dadurch sind die berechneten DNA/RNA-Verhältnisse methodisch verzerrt und nicht direkt vergleichbar.
Diese Argumentation bezieht sich auf die Vergleichbarkeit der Messmethoden, nicht notwendigerweise auf die Gültigkeit der jeweiligen Einzelmessung.
Die Autoren plädieren dafür, dass Behörden nicht nur Grenzwerte, sondern auch die verbindlich einzusetzenden Nachweismethoden vorschreiben.DNA innerhalb der LNPs: biologische Konsequenz
Das Vorliegen der DNA im Inneren der LNPs wird von den Autoren als potenziell biologisch relevant eingestuft. Im Unterschied zu freier, nackter DNA – die im Körper rasch abgebaut wird – ist LNP-verpackte DNA vor Nukleasen geschützt und kann effizient in Zellen aufgenommen werden. Die bestehenden regulatorischen Grenzwerte, so die Autoren, wurden für nackte Wirtszell-DNA entwickelt und berücksichtigen diesen Unterschied nicht.Kritik an den regulatorischen Richtlinien
Die Autoren üben grundsätzliche Kritik an den bestehenden Grenzwertkonzepten. Sie bemängeln, dass die Richtlinien auf veralteten Grundlagen beruhen, die Molekülanzahl zugunsten einer gewichtsbasierten Betrachtung vernachlässigen, kumulative Dosierungen (mehrere Dosen innerhalb weniger Monate) nicht berücksichtigen und funktionelle Sequenzen wie Promotoren oder nukleäre Targeting-Signale außer Acht lassen. Insbesondere das Vorhandensein des SV40-Promoter/Enhancers im Pfizer-Plasmid wird als Element hervorgehoben, das den Transport von DNA in den Zellkern begünstigen könnte.Explorative VAERS-Analyse
Die beobachtete Korrelation wird von den Autoren als möglicher Hinweis auf einen Zusammenhang zwischen DNA-Gehalt und Nebenwirkungsprofil interpretiert. Ausdrücklich wird betont, dass es sich um eine explorative Beobachtung handelt, die keine kausalen Schlussfolgerungen erlaubt. Daher plädieren sie für weitere Untersuchungen dahingehend.e) Methodische Einschränkungen
Die Herkunft, Lagerung und Chargencharakterisierung der untersuchten Proben ist insgesamt gut dokumentiert – Kühlkette, Transportbedingungen und Fläschchenzustand sind beschrieben. Der thermische Aufschluss ohne nachfolgende Aufreinigung ist nicht im regulatorischen Sinne validiert; Angaben zur Extraktionseffizienz fehlen.
Alle untersuchten Fläschchen waren zum Zeitpunkt der Analyse bereits abgelaufen. Drei Moderna-XBB.1.5-Fläschchen waren angebrochene Restmengen nach der Patientenversorgung – keine originalversiegelten Proben. Sie unterscheiden sich damit in ihrer Probenqualität von den übrigen Fläschchen und sind gesondert zu bewerten.
Die VAERS-Korrelation ist mit erheblichen Unsicherheiten behaftet. VAERS ist ein passives Meldesystem: Meldungen werden nicht systematisch verifiziert, die Meldebereitschaft variiert zwischen Zeiträumen und Regionen, und eine Korrelation auf Chargenebene erlaubt keine Rückschlüsse auf individuelle Kausalzusammenhänge. Die Aussagekraft dieser Analyse ist damit strukturell begrenzt – unabhängig von der Qualität der analytischen Messungen.
Die ONT-Sequenzierung erfasst aufgrund des Bibliotheksaufbaus nur Fragmente ab etwa 150 bp und bildet den tatsächlichen Kurzfragmentanteil nicht vollständig ab.
f) Einordnung in den Gesamtkontext
Die Studie erweitert die Befunde von McKernan et al. in mehrfacher Hinsicht: Sie untersucht weitere Chargen, liefert einen Nukleaseprotektionstest als direkten Hinweis auf die intrapartikuläre Lage der DNA und thematisiert strukturelle Schwächen der regulatorischen Methodik. Der analytische Teil stellt einen sachlichen Beitrag zur Debatte dar.
Der explorative Teil – die Verknüpfung mit VAERS-Daten – ist methodisch anspruchsvoll und mit den genannten Einschränkungen des Meldesystems behaftet. Die Autoren selbst charakterisieren ihn als hypothesengenerierend, nicht als beweisend.
Die Autoren weisen auf mehrere Einschränkungen ihrer Studie hin und fordern eine Replikation ihrer Ergebnisse unter forensischen Bedingungen.
Insgesamt unterstreicht die Studie die Notwendigkeit standardisierter und methodenübergreifend vergleichbarer Analysen zur Bewertung von DNA-Rückständen in mRNA-basierten Arzneimitteln.
4.3.3. König & Kirchner (2024)
Methodological Considerations Regarding the Quantification of DNA Impurities in the COVID-19 mRNA Vaccine Comirnaty®
Autoren: Brigitte König, Jürgen O. Kirchner
Veröffentlicht: 8. Mai 2024 (Peer-reviewed, PubMed)
Link zur Studie: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/38804335/a) Kontext und Ziel der Studie
Die Arbeit von Brigitte König und Johannes O. Kirchner unterscheidet sich in ihrer Zielsetzung grundlegend von den zuvor dargestellten Studien. Während frühere Arbeiten primär den Nachweis und die Quantifizierung von DNA-Rückständen in mRNA-Impfstoffen zum Ziel hatten, liegt der Fokus dieser Studie auf einer methodischen Bewertung der eingesetzten Nachweisverfahren.
Die zentrale Frage lautet: Ist die im Zulassungsverfahren verwendete qPCR-basierte DNA-Quantifizierung als Chargenprüfung und damit als Qualitätssicherungsinstrument geeignet?
Um diese Frage zu beantworten, untersuchen die Autoren:
- welche analytischen Methoden zur Quantifizierung von DNA-Rückständen eingesetzt wurden,
- welche methodischen Grenzen diese Verfahren aufweisen,
- und inwiefern unterschiedliche Methoden zu abweichenden Ergebnissen führen können.
Die Studie wurde in einem formalen Peer-Review-Verfahren begutachtet und in einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift veröffentlicht.
b) Materialien und Methoden
Impfstoffchargen
Das Labor erhielt mehrere originalversiegelte Fläschchen unterschiedlicher Chargen des mRNA-Impfstoffs Comirnaty® (BNT162b2), bereitgestellt durch offizielle Impfzentren. Lagerung und Transport erfolgten unter dokumentierter Einhaltung der Kühlkette (2–8 °C). Vier Chargen waren zum Zeitpunkt der Analyse bereits abgelaufen, drei wiesen eine Resthaltbarkeit von 11 bis 13 Monaten auf.Die Autoren kombinieren zwei Ansätze: eine methodenkritische Analyse bestehender Verfahren und eigene Labormessungen.
Methodenkritische Analyse
Die Autoren untersuchen die im EMA-Rolling-Review-Dokument vom November 2020 beschriebene qPCR-Methode (einschließlich des dortigen Mustervorbereitungsschemas) und identifizieren drei strukturelle Probleme.Erstens erfasst die qPCR nur eine 69 bp lange Zielsequenz – den T7-Promotor – innerhalb eines 7.824 bp langen Plasmids. Die verbleibenden 99 % der Plasmid-DNA sowie etwaige genomische Bakterien-DNA bleiben damit unerfasst. Die Autoren weisen darauf hin, dass dieses Problem prinzipiell für jeden qPCR-Ansatz gilt, der nur einzelne Zielsequenzen adressiert – unabhängig davon, welche Sequenz gewählt wird.
Zweitens ist die verwendete Standardkurve methodisch problematisch. Zur Quantifizierung wird eine Standardkurve mit unbehandelter, intakter Plasmid-DNA erstellt. Die DNA in der Impfstoffprobe hat jedoch im Herstellungsprozess mehrere Behandlungsschritte – insbesondere einen DNase-Verdau – durchlaufen und ist damit fragmentiert. Da fragmentierte DNA schlechter amplifiziert wird als intakte, erscheint die gemessene Konzentration systematisch niedriger als die tatsächlich vorhandene. Ein korrekter Vergleich würde eine Standardkurve erfordern, die mit DNA erstellt wurde, die denselben Behandlungsschritten unterzogen wurde wie die Probe.
Drittens stellt sich die Frage der Proportionalität:
- Gibt es sequenzabhängige Unterschiede in der Abbaurate?
- Wird die qPCR-Zielsequenz durch den DNase-Verdau proportional zum Rest des Plasmids abgebaut?
- Werden bestimmte Sequenzen der linearisierten Plasmide durch DNase häufiger oder deutlich seltener abgebaut als andere?
Wenn die Proportionalität nicht gegeben ist, ist jede Extrapolation von der Zielsequenz auf die Gesamt-DNA fehlerbehaftet. Die Europäische Pharmakopöe (Ph. Eur. 2.6.35) bestätigt diese Einschränkung: Sie nennt qPCR zwar als Methode der Wahl für den Nachweis spezifischer Sequenzen, weist aber ausdrücklich darauf hin, dass für die Bestimmung der Gesamt-DNA andere oder ergänzende Verfahren erforderlich sein können.
Überlegungen zur regulatorischen Praxis
Die Autoren weisen auf eine Inkonsistenz in der behördlichen Praxis hin: Laut einem EDQM-Protokoll wird DNA nur auf Wirkstoffebene gemessen, nicht im fertigen Impfstoff. Als Begründung wird angegeben, dass Lipid-Nanopartikel die DNA-Messung stören könnten. Gleichzeitig wird die RNA-Konzentration im fertigen Impfstoff mittels Fluorometrie gemessen – nach Aufschluss der LNPs mit Triton X-100. Da RNA und DNA als Nukleinsäuren vergleichbare analytische Eigenschaften aufweisen und beide von LNPs umschlossen sein können, erscheint die unterschiedliche Behandlung erklärungsbedürftig. Ob hierfür technische oder regulatorische Gründe vorliegen, die in öffentlichen Dokumenten nicht vollständig dargelegt sind, lässt sich anhand der verfügbaren Quellen nicht abschließend beurteilen.Eigene Messungen mittels Qubit-Fluorometrie
Um die praktische Eignung eines alternativen Verfahrens zu prüfen, führten die Autoren eigene Messungen an sieben Chargen Comirnaty® durch. Dabei wurden die Proben jeweils vor und nach Zugabe des Detergens Triton X-100 gemessen, das die LNPs aufbricht und den eingeschlossenen Inhalt freisetzt. Als Messsystem wurde Qubit-Fluorometrie mit dem DNA-spezifischen Farbstoff PicoGreen eingesetzt.c) Zentrale Ergebnisse
Qubit-Messungen vor und nach LNP-Aufschluss
Ohne Triton X-100 wurden nur geringe DNA-Mengen gemessen. Nach Zugabe von Triton X-100 stiegen die gemessenen Werte drastisch an – auf das 360- bis 534-fache des regulatorischen Grenzwerts von 10 ng pro Dosis, entsprechend 3.600 bis 5.340 ng DNA pro Dosis.In den vier abgelaufenen Chargen waren bereits ohne Triton X-100 zwischen 16 und 81 % der Gesamt-DNA messbar – ein Hinweis auf einen teilweisen Zerfall der LNPs über die Lagerungszeit. In den drei frischen Chargen war die DNA zu 93 bis 97 % erst nach dem LNP-Aufschluss nachweisbar, was auf weitgehend intakte Partikel hindeutet.
RNA-Messungen als Kontrolle
Die parallel durchgeführten RNA-Messungen dienten als methodische Kontrolle und zeigten plausible Werte, was die Autoren als Beleg für die grundsätzliche Eignung des Qubit-Systems im Kontext dieser Probenmatrix werten.d) Interpretation durch die Autoren
Kritik an der qPCR als alleinige Referenzmethode
Die Autoren schlussfolgern, dass die behördlich vorgeschriebene qPCR-basierte Methode strukturell ungeeignet ist, die Gesamt-DNA im fertigen Impfstoff zuverlässig zu quantifizieren. Die gemessenen DNA-Gehalte überschreiten den regulatorischen Grenzwert deutlich – blieben aber unentdeckt, weil die eingesetzte Methode nur einen kleinen Ausschnitt der vorhandenen DNA erfasst und zudem auf Wirkstoffebene statt im Endprodukt angewendet wird.Forderung nach methodischer Anpassung
Die Autoren fordern daher eine fluoreszenzspektrometrische Messung der Gesamt-DNA im fertigen Impfstoff als Bestandteil der amtlichen Chargenprüfung – analog zur bereits etablierten RNA-Messung.DNA innerhalb der LNPs: biologische Konsequenz
Darüber hinaus plädieren sie für eine Neubewertung der Risiken LNP-verpackter DNA, insbesondere hinsichtlich einer möglichen Integration in das menschliche Erbgut.e) Methodische Einschränkungen
Geringe Stichprobengröße
Die Studie basiert auf einer begrenzten Stichprobe von sieben Chargen. Die Proben wurden als originalversiegelte Fläschchen von offiziellen Impfzentren bereitgestellt; Lagerung und Transport erfolgten unter dokumentierter Kühlkettenkontrolle. Die Provenienzdokumentation ist damit vergleichsweise gut belegt.Einfluss des Ablaufdatums auf die LNP-Integrität
Vier der sieben Chargen waren zum Zeitpunkt der Analyse bereits abgelaufen. Abgelaufene Proben können chemisch verändert sein – insbesondere hinsichtlich der LNP-Integrität. Die Autoren berücksichtigen diesen Umstand ausdrücklich und werten die erhöhte DNA-Messbarkeit ohne Triton X-100 in abgelaufenen Chargen als Hinweis auf einen teilweisen LNP-Zerfall über die Lagerungszeit.Keine RNase-Behandlung vor Fluorometrie (Qubit)
Qubit misst mit DNA-spezifischen Farbstoffen, die aber auch mit RNA (der Hauptbestandteil des Impfstoffs) interferieren können. Ohne vorherige RNase-Verdauung wird die gemessene „DNA-Menge“ sehr wahrscheinlich überschätzt.Fehlende formale Validierung
Die Qubit-Methode wurde von den Autoren nicht formal nach regulatorischen Standards validiert. Eine solche Validierung – wie sie die ICH-Leitlinie Q2(R2) für analytische Methoden im Zulassungskontext vorschreibt – umfasst den systematischen Nachweis von Spezifität, Nachweisgrenze, Linearität, Präzision, Richtigkeit, Robustheit und Matrixeffekten. Die Autoren begründen die Eignung des Verfahrens argumentativ: durch den Vergleich von Messungen vor und nach LNP-Aufschluss sowie durch plausible RNA-Kontrollwerte. Das ist für eine wissenschaftliche Publikation, die einen methodischen Punkt demonstrieren will, ein üblicher Rahmen. Dieser Hinweis ist keine Kritik an der Sorgfalt der Autoren, sondern eine sachliche Einordnung des Publikationskontexts.Fehlende Validierung der Extraktions-Effizienz
Bei Extraktionen wird nicht immer gezeigt, dass die Methode quantitativ alle DNA (besonders kleine Fragmente und verkapselte DNA) vollständig freisetzt und misst. Das kann zu Über- oder Unter-Schätzungen führen.Verfügbarkeit behördlicher Prüfmethoden
Die methodenkritische Analyse stützt sich hinsichtlich der behördlichen qPCR-Methode auf ein Rolling-Review-Dokument aus dem frühen Zulassungsverfahren. Ob die dort beschriebene Methode identisch mit der final zugelassenen Chargenprüfmethode ist, lässt sich anhand öffentlich zugänglicher Quellen nicht abschließend beurteilen.f) Einordnung in den Gesamtkontext
König & Kirchner leisten einen methodisch eigenständigen Beitrag zur Debatte. Im Unterschied zu McKernan und Speicher steht nicht die Frage im Vordergrund, wie viel DNA vorhanden ist, sondern ob die eingesetzten Verfahren überhaupt geeignet sind, diese Frage zuverlässig zu beantworten.
Die Studie leistet damit einen wichtigen Beitrag zur Debatte, indem sie:
- die methodische Abhängigkeit der Messergebnisse herausarbeitet
- die Grenzen etablierter Standardverfahren (insbesondere qPCR) aufzeigt
- und die Notwendigkeit methodenübergreifender Validierung betont
Die Arbeit verdeutlicht, dass Unterschiede zwischen Studien nicht zwangsläufig widersprüchliche oder falsche Ergebnisse widerspiegeln, sondern häufig durch:
- unterschiedliche Nachweisverfahren
- verschiedene Zielsequenzen
- und variierende Probenaufbereitung
erklärt werden können. Damit trägt die Arbeit wesentlich zum Verständnis bei, warum die Quantifizierung von DNA-Rückständen methodisch anspruchsvoll ist und warum Ergebnisse aus verschiedenen Studien nur eingeschränkt direkt vergleichbar sind.
4.3.4. Didier Raoult (2024)
Confirmation of the presence of vaccine DNA in the Pfizer anti-COVID-19 vaccine
Autoren: Didier Raoult
Veröffentlicht: 12. November 2024 (Preprint, HAL Open Science)
Link zur Studie: https://hal.science/hal-04778576v1a) Kontext und Ziel der Studie
Die Arbeit von Didier Raoult reiht sich in die Reihe unabhängiger Untersuchungen ein, die das Vorhandensein von DNA in mRNA-basierten COVID-19-Impfstoffen analysieren.
Ziel der Studie ist es, den Nachweis von DNA-Komponenten im Pfizer/BioNTech-Impfstoff experimentell zu bestätigen und die Befunde früherer Arbeitsgruppen durch eine unabhängige Analyse zu überprüfen. Die Studie versteht sich damit primär als Replikationsarbeit.
b) Materialien und Methoden
Impfstoffchargen
In der Studie wurde ausschließlich der mRNA-Impfstoff Comirnaty® (BNT162b2) von BioNTech/Pfizer untersucht. Die Analyse basierte auf einer begrenzten Anzahl von Proben; in den verfügbaren Angaben wird keine systematische Chargenübersicht berichtet.Die Studie verwendet klassische molekularbiologische Verfahren zur Analyse von Nukleinsäuren.
Aufschluss der Lipid-Nanopartikel (LNPs)
Die LNPs wurden mit dem Detergens Triton X-100 aufgeschlossen.Quantifizierung mittels Qubit-Fluorometrie
An einer Charge (Nr. GJ7184) wurde eine DNA-Quantifizierung mittels kommerziellem Qubit-Fluorometer durchgeführt, jeweils vor und nach dem LNP-Aufschluss mit Triton X-100.Sequenzierung mittels Illumina
Zwei Chargen (FP8191 und FP9359) wurden mittels Illumina-Sequenzierung analysiert. Dabei wurde bewusst auf eine Reverse Transkription verzichtet – die RNA wurde also nicht in DNA umgeschrieben. Damit ist sichergestellt, dass ausschließlich die in der Probe ursprünglich vorhandene DNA sequenziert wurde und nicht eine aus der mRNA erzeugte Kopie.Die erhaltenen Reads (gelesenen Sequenzen) wurden mit der bekannten DNA-Plasmidsequenz (GenBank OR134577.1) verglichen. Für die bioinformatische Auswertung wurden nur Sequenzabschnitte ab 200 bp Länge und mit mehr als 90% Übereinstimmung zur Referenz berücksichtigt.
Als Kontrollversuch wurden die Proben vor der Sequenzierung mit DNase behandelt und anschließend erneut sequenziert, um zu prüfen, ob das Signal tatsächlich auf DNA zurückzuführen ist.
c) Zentrale Ergebnisse
Quantifizierung mittels Qubit-Fluorometrie
Ohne Triton X-100 wurden durchschnittlich 216 ng DNA pro Dosis gemessen. Nach LNP-Aufschluss mit Triton X-100 stieg der Wert auf durchschnittlich 5.160 ng pro Dosis – ein Anstieg um das ca. 24-Fache. Bezogen auf den angegebenen RNA-Gehalt von 30 µg pro Dosis entspricht dies rechnerisch einem DNA-Anteil von etwa 17 %.Sequenzierung mittels Illumina
Mittels Illumina-Sequenzierung wurden über 140.000 Reads mit einer Länge von mehr als 200 Basenpaaren generiert. Aus diesen Daten konnte die vollständige Plasmidsequenz von 7.824 bp rekonstruiert werden. Dies bedeutet, dass die vorhandenen DNA-Fragmente in ihrer Gesamtheit die vollständige Sequenz abdecken.Die Sequenzierungstiefe war mit mehr als 4.000-facher Abdeckung außergewöhnlich hoch – das bedeutet, jede Position des Plasmids wurde im Durchschnitt von mehr als 4.000 unabhängigen Reads abgedeckt. Die Sequenzdaten beider Chargen wurden in der GenBank hinterlegt (PP544445 und PP544446).
63 bis 97 % der sequenzierten DNA ließen sich dem Impfstoff-Plasmid zuordnen. Die Herkunft der verbleibenden 3 bis 37 % wurde nicht weiter untersucht.
DNase-Kontrollversuch
Nach DNase-Behandlung wurden nahezu keine Reads mehr detektiert (1–2 Reads). Der nahezu vollständige Signalverlust nach DNase-Behandlung spricht dafür, dass das Sequenzsignal tatsächlich von frei zugänglicher oder nach Aufschluss freigesetzter DNA stammt.d) Interpretation durch die Autoren
Reproduzierbarkeit
Der Autor interpretiert seine Ergebnisse als experimentelle Bestätigung der Befunde früherer Studien. Mit mehreren methodischen Ansätzen und in verschiedenen Chargen sei das reichliche Vorhandensein von Plasmid-DNA im Pfizer/BioNTech-Impfstoff nachweisbar. Die Übereinstimmung mit früheren Berichten stütze die Reproduzierbarkeit entsprechender Befunde.DNA verpackt in kationische Lipide: biologische Konsequenz
Hinsichtlich der biologischen Konsequenz weist der Autor darauf hin, dass LNP-verpackte Plasmid-DNA nach Zellaufnahme theoretisch in das Genom integrieren könnte. Das tatsächliche Risiko wird vom Autor selbst als extrem gering eingeschätzt; weitere Untersuchungen seien dennoch gerechtfertigt.e) Methodische Einschränkungen
Herkunft und Lagerung der Proben
Angaben zur Herkunft, Lagerungsgeschichte und zum Zustand der untersuchten Fläschchen fehlen weitgehend. Es ist nicht dokumentiert, ob die Proben originalverpackt, korrekt gekühlt und ungeöffnet waren.
Fehlende Methodendetails
- keine Angabe zur RNase-Behandlung zur Entfernung von RNA vor der DNA-Messung
- keine Angabe, welches Qubit-Kit eingesetzt wurde (High Sensitivity oder Broad Range)
- keine Angabe, wie hoch die Extraktionseffizienz für LNP-verpackte DNA war
- keine Spezifizierung der DNase (nur „TURBO DNA-free kit“ genannt, nicht welcher Enzymtyp)
Geringe Stichprobengröße
Die Studie basiert auf einer begrenzten Stichprobe von drei Chargen.
Sequenzierung und Quantifizierung
Die Illumina-Sequenzierung belegt zuverlässig die Anwesenheit und Vollständigkeit der Plasmidsequenz, ist aber kein geeignetes Verfahren zur absoluten Quantifizierung. Eine hohe Sequenzierungstiefe kann auch dann entstehen, wenn wenige Moleküle mit hoher Kopienzahl vorliegen – sie spiegelt nicht notwendigerweise die tatsächliche Masse der DNA wider.f) Einordnung in den Gesamtkontext
Die Studie ergänzt die bestehende Datenlage durch einen weiteren unabhängigen Nachweis von Plasmid-DNA in mRNA-Impfstoffen. Ihr Beitrag liegt primär in der Reproduzierbarkeit des qualitativen Befunds: Ein weiteres Labor, mit anderen Methoden und anderen Chargen, kommt zu vergleichbaren Ergebnissen.
4.3.5. Kämmerer et al. (2024)
BioNTech RNA-Based COVID-19 Injections Contain Large Amounts Of Residual DNA Including An SV40 Promoter/Enhancer Sequence
Autoren: Ulrike Kämmerer, Verena Schulz, Klaus Steger
Veröffentlicht: 3. Dezember 2024 (Peer Reviewed, Cureus/Public Health Policy Journal)
Link zur Studie: https://publichealthpolicyjournal.com/biontech-rna-based-covid-19-injections-contain-large-amounts-of-residual-dna-including-an-sv40-promoter-enhancer-sequence/a) Kontext und Ziel der Studie
Die Arbeit untersucht das Vorhandensein von DNA-Komponenten in mRNA-basierten COVID-19-Impfstoffen mit besonderem Fokus auf regulatorische Sequenzelemente. Vor dem Hintergrund vorheriger Analysen widmet sich die Studie drei zentralen Fragen:
- Lässt sich die hohe Menge an DNA-Rückständen in BioNTech-Chargen mit unterschiedlichen Methoden bestätigen?
- Können vorhandene DNA-Fragmente gemeinsam mit der mRNA in menschliche Zellen eingeschleust werden (Transfektion)?
- Führt dies zu einer anhaltender Spike-Protein-Produktion?
b) Materialien und Methoden
Impfstoffchargen
Für die Untersuchungen wurden vier originale, ungeöffnete BNT162b2-Chargen verwendet:- FD7958, FE6975 und EX8679 (monovalent, Wuhan-Stamm; Verfallsdatum Oktober/August 2021)
- HD9869 (bivalent, Wuhan/Omicron XBB1.5; Verfallsdatum Oktober 2024)
Als Positivkontrolle diente die Charge GH9715, deren DNA-Kontamination in früheren Studien bereits nachgewiesen worden war.
Alle Ampullen wurden von einer Apotheke im gekühlten Zustand bezogen, waren originalversiegelt und wurden während Transport und Lagerung durchgehend gekühlt. Die Provenienzdokumentation ist damit vergleichsweise gut belegt.
Quantifizierung
Die Lipid-Nanopartikel (LNPs) wurden mit Triton X-100 aufgeschlossen.
Die RNA-Quantifizierung erfolgte mit dem Qubit RNA High Sensitivity Assay.
Für die DNA-Quantifizierung wurden drei verschiedene fluorometrische dsDNA-Assays eingesetzt:- Qubit dsDNA High Sensitivity Assay
- Quanti-iT PicoGreen dsDNA Assay
- AccuBlue High Sensitivity dsDNA Assay
Die Untersuchung mittels Fluoreszenz-Plate-Reader erfolgte vor und nach einer RNase A-Behandlung (einem RNA-abbauenden Enzym).
Der Einsatz von drei unabhängigen Assays ist methodisch als orthogonaler Ansatz zu werten: Stimmen alle drei überein, erhöht das die Verlässlichkeit des Ergebnisses erheblich.
Zelllinienexperimente und ELISA
Um zu prüfen, ob die Impfstoffe menschliche Zellen transfizieren und zu einer Spike-Protein-Produktion führen, wurden HEK293-Zellen eingesetzt – eine immortalisierte humane Zelllinie mit hoher Transfektionseffizienz.Die Zellen wurden unter standardisierten Bedingungen kultiviert. Sie stammten aus zertifizierten Originalbeständen und wurden regelmäßig negativ auf Mykoplasmen getestet.
Für die Transfektionsexperimente wurden die Zellen in 12-Well-Platten ausgesät. Die Zelldichte wurde so gewählt, dass nach einer kurzen Anwachszeit etwa 80 % der Bodenfläche bedeckt waren. Jedes Well wurde mit 1/12 einer klinischen Dosis (entsprechend 25 µl) des jeweiligen Impfstoffs transfiziert. Ein unmittelbarer Mediumwechsel oder Waschschritt nach der Transfektion ist nicht dokumentiert.
Die Zellen sowie das Kulturmedium wurden zu den Zeitpunkten Tag 1, Tag 3, Tag 5 und Tag 7 nach Transfektion geerntet. Untransfektierte Zellen am Tag 7 dienten als Negativkontrolle.
Zur Proteinanalyse wurden die Zellen gewaschen, um Rückstände des Kulturmediums zu entfernen. Durch Zugabe eines Lysispuffers wurden die Zellen aufgeschlossen, sodass der Zellinhalt freigesetzt wurde. Der Gehalt an SARS-CoV-2-Spike-Protein wurde sowohl im Überstand des Zelllysats als auch im Zellkulturmedium mit einem hochsensitiven, kommerziellen ELISA-Kit quantitativ bestimmt.
Immunhistochemie
Um das Spike-Protein innerhalb der Zellen optisch nachzuweisen, wurde eine Immunhistochemie durchgeführt. Dazu wurden HEK293-Zellen in 24-Well-Platten ausgesät (60 % Zelldichte) und mit 12,5 µl einer klinischen Dosis pro Well transfiziert (200 µl Medium). Nach 4-stündiger Inkubation wurden die Zellen zweimal mit PBS gewaschen und mit 500 µl frischem Medium versetzt.24 Stunden nach Transfektionsbeginn wurden die Zellen geerntet, fixiert, in 2%iger Agarose eingebettet und nach Entwässerung in Paraffinblöcke überführt. Von diesen Blöcken wurden hauchdünne Schnitte angefertigt.
Die Zellschnitte wurden mit einem spezifischen primären Antikörper gegen das SARS-CoV-2-Spike-Protein (S1-Untereinheit) behandelt, der nur an das Spike-Protein bindet. Ein sekundärer Antikörper, der an den ersten bindet und eine Farbreaktion auslöst, wurde hinzugefügt. Das Spike-Protein erschien unter dem Mikroskop grün, während der Zellkern zur besseren Orientierung mit Hämatoxylin blau gegengefärbt wurde.
PCR und Agarosegelelektrophorese
Mittels klassischer PCR wurde geprüft, ob die Impfstoff-DNA in menschliche Zellen eindringt. Für jeden Zielbereich des Plasmids wurde ein eigenes Primer-Paar eingesetzt – für Spike-Sequenzen, den ORI-Replikationsursprung, die Neomycin-Resistenzkassette und den SV40-Promoter/Enhancer. Jeder PCR-Ansatz enthält genau ein Primer-Paar und erzeugt damit ein definiertes Amplikon.Die PCR-Produkte wurden mittels Agarosegelelektrophorese aufgetrennt und durch Vergleich mit einem DNA-Marker (GeneRuler) in ihrer Größe bestimmt. HEK293-Zellen wurden mit einer halben Impfstoffdosis (150 μl) behandelt; nach sechs Stunden wurde die DNA isoliert und analysiert. Untransfektierte Zellen dienten als Negativkontrolle.
Extrazelluläre Vesikel und Massenspektrometrie
Hintergrund: Zellen stoßen ständig Extrazelluläre Vesikel (kleine Membranbläschen) ab, die wie kleine Pakete Botenstoffe enthalten. Diese Vesikel können zu anderen Zellen reisen.Um zu prüfen, ob transfizierte Zellen Impfstoffbestandteile über extrazelluläre Vesikel (EVs) abgeben, wurden EVs aus dem Zellkulturmedium isoliert und mittels Massenspektrometrie (TimsTOF-HT) analysiert. Die Identifizierung der Proteine erfolgte durch Abgleich mit einer Datenbank, die menschliche Proteine sowie Impfstoffvektor- und Spike-Sequenzen enthielt.
c) Zentrale Ergebnisse
Transfektion und Spike-Protein-Produktion
Alle vier untersuchten Chargen führten unter den gewählten Zellkulturbedingungen zu einer effizienten Aufnahme der mRNA in HEK293-Zellen und zur nachweisbaren Spike-Protein-Produktion.Der Anteil Spike-positiver Zellen betrug 74,6 bis 90,5 %; untransfektierte Zellen zeigten kein Signal. Transfizierte Zellen zeigten zudem morphologische Veränderungen – intrazelluläre Vakuolen und Ablösung von der Wachstumsfläche – als Zeichen eines zytopathischen Effekts.
Die Spike-Protein-Produktion war bereits an Tag 1 nachweisbar, stieg bis Tag 5 an und blieb bis Tag 7 nachweisbar. Die Autoren interpretieren dies als Hinweis auf eine länger anhaltende Expression über den erwarteten Zeitraum hinaus.
Spike-Protein-Freisetzung ins Zellkulturmedium
Im Zellkulturmedium war Spike-Protein für die monovalenten Chargen nachweisbar; die bivalente Charge lag unterhalb der Nachweisgrenze.
Spike-Protein-Freisetzung über extrazelluläre Vesikel
Die Massenspektrometrie zeigte, dass das Spike-Protein hauptsächlich in extrazellulären Vesikeln nachweisbar war (14 spectral counts), während im löslichen Medium nur minimale Mengen vorlagen (2 spectral counts). Das Zelllysat wies die höchste intrazelluläre Konzentration auf (60 spectral counts).RNA-Gehalt
Die gemessenen RNA-Werte entsprachen der Herstellerangabe von 30 µg pro klinischer Dosis.DNA-Gehalt
Ohne LNP-Aufschluss wurden 1,6- bis 6,7-fach niedrigere DNA-Werte gemessen als nach Triton-X-100-Behandlung – ein weiterer Beleg dafür, dass die DNA überwiegend im Inneren der LNPs vorliegt.Ohne RNase-Behandlung lagen die gemessenen DNA-Werte bei 1.326 bis 4.225 ng pro Dosis. Nach RNase-A-Behandlung sanken die Werte auf 32,71 bis 43,38 ng pro Dosis. Die Autoren führen die hohen Ausgangswerte auf ein Hintergrundsignal zurück, das durch strukturierte RNA-Bereiche entsteht: dsDNA-spezifische Farbstoffe binden bevorzugt an doppelsträngige DNA, können aber in Anwesenheit großer RNA-Mengen ein erhöhtes Signal erzeugen.
Nach Korrektur lagen die gemessenen DNA-Mengen über dem in regulatorischen Leitlinien genannten Grenzwert. Die Ergebnisse waren über mehrere Messungen reproduzierbar und stimmten zwischen den drei eingesetzten Assays gut überein.
PCR-Nachweis von Plasmidelementen
In allen vier Chargen wurden starke PCR-Signale für alle getesteten Plasmidelemente nachgewiesen – Spike-Sequenzen, ORI, Neomycin-Kassette und SV40-Promoter/Enhancer. Dieselben Elemente waren nach Transfektion auch in den HEK293-Zellen nachweisbar. Für den SV40-Promoter/Enhancer erzeugten die Primer zwei Amplifikate unterschiedlicher Größe (93 bp und 165 bp) – ein methodisch bekanntes Ergebnis, das auf die Struktur der Zielsequenz zurückzuführen ist.d) Interpretation durch die Autoren
Die Autoren schlussfolgern, dass die untersuchten Chargen DNA-Rückstände enthalten, die regulatorische Grenzwerte überschreiten. Die DNA liegt überwiegend LNP-verpackt vor, wird von Zellen aufgenommen und ist dort nachweisbar. Die anhaltende Spike-Protein-Produktion über sieben Tage hinaus wirft die Frage auf, wie die langanhaltende Produktion zustande kommt.
Die Autoren heben insbesondere das Vorhandensein des SV40-Promoter/Enhancer hervor. Dieses Element sei für die mRNA-Produktion in E. coli nicht erforderlich. Sie diskutieren, dass solche regulatorischen Elemente in bestimmten experimentellen Kontexten die Transkriptionsaktivität beeinflussen können. Ein möglicher Einfluss auf Kernlokalisation oder genomische Integration wird von den Autoren als theoretische Überlegung angesprochen.
Die Autoren kritisieren die bestehenden regulatorischen Grenzwerte als nicht auf LNP-basierte RNA-Injektionen ausgerichtet und betonen, dass bisher keine wissenschaftliche Evidenz vorliegt, die eine Festlegung eines sicheren DNA-Grenzwerts für diese Produktklasse erlauben würde.
Die Autoren zeigen, dass das Spike-Protein über extrazelluläre Vesikel (Exosomen) freigesetzt wird. In welchem Umfang solche Vesikel im menschlichen Organismus zur Verteilung von Proteinen beitragen, ist Gegenstand aktueller Forschung und bislang nicht abschließend geklärt.
Die Autoren weisen auf ein grundlegendes Problem hin: Die Wahl der Analysemethode beeinflusst das Ergebnis maßgeblich, was bei Studienvergleichen unbedingt berücksichtigt werden sollte.
e) Methodische Einschränkungen
Zelllinie
HEK293-Zellen sind immortalisiert und weisen gegenüber primären Zellen (z. B. Muskel-, Immun- oder Nervenzellen) veränderte Eigenschaften auf, insbesondere eine hohe Transfektionseffizienz und veränderte Regulationsmechanismen.Dosierung
Die verwendete Dosis ist nicht physiologisch. Die eingesetzten Mengen (z. B. 1/12 einer klinischen Dosis pro Well) führen zu einer direkten und lokal hohen Exposition der Zellen, die nicht den Verteilungsbedingungen im menschlichen Körper entspricht.In-vitro-Kontext
Alle Experimente wurden unter Zellkulturbedingungen durchgeführt. Eine direkte Übertragung auf in-vivo-Verhältnisse – etwa hinsichtlich Verteilung, Abbau oder Immunantwort im menschlichen Körper – ist nicht ohne weiteres möglich.Assay-Spezifität
Fluorometrische Methoden sind empfindlich gegenüber Störsignalen, was die Quantifizierung von DNA beeinflussen kann.Mittelwert
Die ermittelte Rest-DNA lag bei 32,71–43,38 ng pro klinischer Dosis. Diese Werte basieren auf fluorometrischen Messungen mit drei unterschiedlichen Assays (PicoGreen, Qubit, AccuBlue). Da die einzelnen Assays teils deutlich voneinander abweichende Ergebnisse lieferten, stellt der angegebene Bereich das arithmetische Mittel über methodisch unterschiedliche Messprinzipien dar. Die Spannbreite der Einzelmessungen ist erheblich, sodass der Mittelwert primär als orientierender Schätzwert zu verstehen ist.f) Einordnung in den Gesamtkontext
Die Studie geht über die reine Quantifizierung von DNA-Rückständen hinaus: Sie verbindet den analytischen Nachweis mit Zellexperimenten und fragt nach biologischen Konsequenzen. Sie kombiniert mehrere analytische und funktionelle Methoden (fluorometrische Assays, PCR, ELISA und Massenspektrometrie) und verfolgt damit einen vergleichsweise breit angelegten Ansatz.
Die Studie unterstreicht zudem, dass selbst innerhalb derselben methodischen Kategorie erhebliche Unterschiede zwischen einzelnen fluorometrische Assays auftreten können – ein Befund, der die Bedeutung methodischer Standardisierung für künftige Untersuchungen unterstreicht.
4.3.6. Wang et al. (2024)
A rapid detection method of replication-competent plasmid DNA from COVID-19 mRNA vaccines for quality control.
Autoren: Tayler J. Wang, Alex Kim, Kevin Kim
Veröffentlicht: 29. Dezember 2024 (Journal of High School Science, peer-reviewed)
Link zur Studie: https://jhss.scholasticahq.com/article/127890-a-rapid-detection-method-of-replication-competent-plasmid-dna-from-covid-19-mrna-vaccines-for-quality-controla) Kontext und Ziel der Studie
Die Arbeit von Wang et al. verfolgt eine andere Fragestellung als die bisher vorgestellten Studien. Im Vordergrund steht nicht die Gesamtmenge an DNA-Rückständen, sondern eine spezifischere Frage: Enthält die nachgewiesene DNA noch funktionsfähige, replikationsfähige Plasmidsequenzen – also Fragmente, die in Bakterien eingeschleust und dort vermehrt werden könnten?
Zur Beantwortung dieser Frage entwickelten die Autoren eine einfache und schnelle Nachweismethode. Die Überlegung dabei: Wenn bei der Impfstoffherstellung die DNA-Vorlage nicht vollständig entfernt wurde, könnten noch intakte oder fast intakte Plasmide übrig sein.
Die Arbeit entstand im Rahmen eines studentischen Freiwilligenprogramms der FDA und wurde auf dem FDA White Oak Campus durchgeführt, mit Unterstützung von FDA-Wissenschaftlern. Der Publikationsort – das Journal of High School Science – spiegelt den Ausbildungskontext wider, nicht den institutionellen Rahmen der Arbeit.
b) Materialien und Methoden
Impfstoffchargen
Die Studie verwendet verschiedene Probenquellen, die sich grundlegend unterscheiden und bei der Interpretation der Ergebnisse klar getrennt werden müssen.Erstens einen selbst hergestellten Laborimpfstoff mit der XBB.1.5-Spike-Sequenz, produziert mit einem kommerziellen LNP-Kit. Zweitens Biosimilar-Referenzmaterialien von BEI Resources – NIH-gefördertes Referenzmaterial, das für Forschungszwecke hergestellt wurde und nicht identisch mit zugelassenen Handelschargen ist. Drittens zwei kommerzielle Pfizer-Chargen (Lot PAA194854, monovalent; Lot PAA184098, bivalent) – originalversiegelte, zugelassene Impfstoffchargen.
Impfstoff Herkunft Beschreibung In-house mRNA vaccine Selbst hergestellt Enthält XBB.1.5 Spike, LNP-formuliert Moderna Biosimilar BEI Resources nicht das Original Pfizer Biosimilar BEI Resources nicht das Original COMIRNATY Original
(NR-59604)BEI Resources Monovalent (Wuhan) COMIRNATY Bivalent
(NR-59605)BEI Resources Bivalent (Wuhan + Omicron BA.5) DNA-Extraktion
Die DNA wurde mit einem kommerziellen Plasmid-Miniprep-Kit extrahiert (Monarch Plasmid DNA Miniprep, New England Biolabs). Das Kit enthält RNase A im Neutralisierungspuffer, sodass RNA während der Extraktion weitgehend abgebaut wird. Die Elution erfolgte in 30 µl nukleasefreiem Wasser.Quantifizierung
Die DNA-Konzentration wurde mit zwei Methoden bestimmt: NanoDrop-Spektrophotometrie und Qubit dsDNA HS Assay. Die Autoren weisen ausdrücklich darauf hin, dass NanoDrop nicht zwischen DNA und RNA unterscheidet und durch freie Nukleotide, Salze und organische Verbindungen beeinflusst werden kann. Qubit ist spezifischer, kann aber bei großen RNA-Mengen oder unsachgemäßer Probenvorbereitung ebenfalls überschätzen.Transformationstest – das vorgestellte Nachweisverfahren
Zunächst wird die DNA aus dem Impfstoff extrahiert. Diese extrahierte DNA setzt sich aus verschiedenen Fragmenten zusammen – darunter ist möglicherweise auch der Replikationsursprung (ORI), der als Startpunkt der Plasmid-Vervielfältigung dient, sowie das Antibiotikaresistenzgen, das eine Selektion ermöglicht.Die extrahierte DNA wird mit einer T4-DNA-Ligase behandelt. Dieses Enzym verknüpft die Enden von DNA-Fragmenten miteinander. Aus linearen Fragmenten können so wieder ringförmige Plasmide entstehen. Da die Ligase beliebige Enden miteinander verbinden kann, können auch Fragmente zusammengefügt werden, die im ursprünglichen Impfstoff getrennt vorlagen – es entstehen künstliche Artefakte.
Diese neu gebildeten Plasmide werden anschließend in spezielle E. coli-Bakterien eingeschleust (Transformation).
Die zugrundeliegende Überlegung:
- War der DNase-Verdau während der Impfstoffherstellung effizient, sind die DNA-Fragmente so klein, dass sie weder den vollständigen ORI noch das vollständige Resistenzgen enthalten. Dann kann auch durch Ligation kein funktionsfähiges Plasmid entstehen.
- War der DNase-Verdau unvollständig, sind noch größere Fragmente vorhanden, die ORI und Resistenzgen vollständig enthalten können. Diese können nach Ligation ein funktionsfähiges Plasmid bilden. Die Ligase kann nur vorhandene Enden verknüpfen; sie kann keine fehlenden Teile eines Gens aus kleinen Bruchstücken zusammensetzen.
Nur Bakterien, die ein funktionsfähiges Antibiotikaresistenzgen und einen funktionsfähigen ORI aufgenommen haben, überleben auf antibiotikumhaltigem Nährboden und bilden sichtbare Kolonien. Das Vorhandensein von Kolonien ist damit ein direkter biologischer Nachweis für das Vorliegen replikationsfähiger Plasmid-DNA im ursprünglichen Impfstoff.
Größenanalyse
Die Fragmentgrößen wurden mittels Agarosegelelektrophorese und Agilent 2100 Bioanalyzer bestimmt.c) Zentrale Ergebnisse
Quantitative Befunde
Die DNA-Mengen pro Dosis lagen – gemessen mit Qubit – zwischen 40 und 110 ng, also oberhalb des WHO-Grenzwerts von 10 ng. NanoDrop lieferte deutlich höhere Werte (mehrere tausend ng), was die Autoren auf die bekannte Unspezifität dieser Methode zurückführen.Laborimpfstoff und Biosimilar
Im selbst hergestellten Laborimpfstoff und im Pfizer-Biosimilar wurden replikationsfähige DNA-Fragmente gefunden – das Transformationsverfahren erzeugte Kolonien. Im Moderna-Biosimilar und im Haus-Standard wurden trotz höherer DNA-Konzentrationen keine Kolonien nachgewiesen, was zeigt, dass die Koloniebildung nicht allein von der DNA-Menge abhängt, sondern von der Intaktheit der relevanten Sequenzelemente.Kommerzielle Pfizer-Chargen
In den beiden kommerziellen Pfizer-Chargen wurden keine replikationsfähigen DNA-Fragmente gefunden – der Transformationstest blieb ohne Kolonien. Die Größenanalyse zeigte, dass nahezu die gesamte nachgewiesene DNA kürzer als 35 bp war. Dieses Ergebnis ist nach Einschätzung der Autoren mit einer vollständig durchgeführten DNase-Behandlung vereinbar.d) Interpretation durch die Autoren
Die Autoren werten das Fehlen replikationsfähiger DNA in den kommerziellen Chargen als Beleg für die Wirksamkeit des industriellen Herstellungsprozesses. Die vollständige Fragmentierung der Plasmid-DNA auf unter 35 bp macht eine biologische Aktivität der DNA-Reste nach Einschätzung der Autoren unwahrscheinlich – einschließlich der SV40-Promoter/Enhancer-Sequenz, deren Funktionsfähigkeit bei dieser Fragmentgröße praktisch ausgeschlossen wird.
Gleichzeitig bestätigen die Autoren, dass die DNA-Gesamtmenge den WHO-Grenzwert überschreitet, und empfehlen eine stringentere und transparentere Überwachung der DNA-Rückstände – auch mit dem Ziel, das öffentliche Vertrauen in mRNA-Impfstoffe zu stärken.
e) Methodische Einschränkungen
Stichprobengröße und -auswahl
Die Untersuchung umfasst lediglich zwei kommerzielle Chargen, was keine belastbaren Aussagen zur Chargenvariabilität zulässt. Die verwendeten Biosimilar-Proben sind nicht identisch mit zugelassenen Handelsprodukten; daher sind Ergebnisse aus diesen Proben nicht ohne Weiteres auf kommerzielle Impfstoffe übertragbar.DNA-Extraktion
Die Extraktion erfolgte mit einem Plasmid-Miniprep-Kit, das primär für die Isolierung intakter Plasmide optimiert ist. Inwieweit stark fragmentierte DNA-Reste – insbesondere sehr kurze Fragmente – mit dieser Methode vollständig erfasst werden, ist nicht abschließend geklärt.Nachweisgrenzen der Transformationsmethode
Die Methode detektiert ausschließlich DNA-Fragmente, die nach Ligation einen funktionsfähigen Replikationsursprung (ORI) und ein Antibiotikaresistenzgen enthalten. Sie prüft, ob ausreichend große Fragmente (>800 bp für das Resistenzgen, >600 bp für den ORI) vorhanden sind, die nach Ligation ein funktionsfähiges Plasmid bilden können. Fragmente ohne diese Elemente – selbst wenn sie andere relevante Sequenzen wie den SV40-Enhancer (ca. 72–165 bp) enthalten würden – werden nicht erfasst.
Zudem kann die Ligation künstlich Plasmide erzeugen, die im ursprünglichen Impfstoff nicht vorhanden waren.Begrenzung der funktionellen Aussagekraft
Der verwendete Transformationsassay untersucht ausschließlich, ob DNA-Fragmente nach Aufnahme in Bakterien ein replizierfähiges Plasmid bilden können. Andere mögliche biologische Eigenschaften von DNA-Fragmenten werden durch dieses System nicht erfasst. Insbesondere erlaubt die Methode keine Aussagen darüber, ob kleinere oder nicht replizierfähige Fragmente in anderen biologischen Kontexten funktionelle Effekte besitzen könnten. Die Studie bewertet somit spezifisch die bakterielle Replikationsfähigkeit bestimmter Plasmidbestandteile – nicht die allgemeine biologische Relevanz sämtlicher nachweisbarer DNA-Fragmente.f) Einordnung in den Gesamtkontext
Die Studie von Wang et al. untersucht, ob in den Impfstoffproben noch biologisch aktive, replikationsfähige Plasmid-DNA nachweisbar ist.
Damit erweitert die Arbeit die bisherige Diskussion um eine zusätzliche Ebene. Während PCR-, Fluorometrie- und Sequenzierungsverfahren vor allem Aussagen über Menge, Sequenzidentität und Fragmentlänge erlauben, prüft der verwendete Transformationsassay gezielt die funktionelle Integrität der DNA im bakteriellen System.
Gleichzeitig bleibt die Aussagekraft des Ansatzes auf die im Experiment getestete Funktion beschränkt: Der Assay erfasst ausschließlich DNA, die in Bakterien transformierbar und replizierbar ist. Andere biologische Eigenschaften oder potenzielle Wirkmechanismen von DNA-Fragmenten werden damit nicht untersucht.
Insgesamt liefert die Arbeit einen methodisch interessanten Beitrag zur Diskussion, indem sie die Frage nach der funktionellen Relevanz von DNA-Rückständen in den Mittelpunkt stellt und damit eine wichtige Ergänzung zu rein quantitativen Analysen darstellt.
Die Studie verdeutlicht damit, dass die Bewertung von DNA-Rückständen nicht allein auf deren Menge basieren sollte, sondern wesentlich von deren strukturellen und funktionellen Eigenschaften abhängt.
4.3.7. Fleming et al. (2025)
Quantitative Analysis of Nucleic Acid Content in Spikevax (Moderna) and BNT162b2 (Pfizer) COVID-19 Vaccine Lots
Autoren: Richard M Fleming PhD, MD, JD; Peter Kotlár MD; Sona Pekova MD, PhD
Veröffentlicht: 13. Mai 2025 (Herald Open Access)
Link zur Studie: https://www.heraldopenaccess.us/openaccess/quantitative-analysis-of-nucleic-acid-content-in-spikevax-moderna-and-bnt162b2-pfizer-covid-19-vaccine-lotsa) Kontext und Ziel der Studie
Die Studie entstand im Kontext einer behördlichen Anfrage in der Slowakei. Ziel der Untersuchung war die Charakterisierung der Nukleinsäurezusammensetzung von mRNA-COVID-19-Impfstoffen im Hinblick auf:
- Identifizierung und Quantifizierung der enthaltenen Nukleinsäuren
- Prüfung der Chargen-Homogenität (zwischen und innerhalb von Lots)
- Nachweis undeklarierter genetischer Materialien
- Bewertung der Stabilität abgelaufener Chargen
Die Ergebnisse sollten Erkenntnisse über die Zusammensetzung, Stabilität und Herstellungspraxis von Impfstoffen liefern.
b) Materialien und Methoden
Impfstoffchargen
Die molekulare Analyse wurde an 24 Chargen – Moderna (17) und Pfizer (7) – durchgeführt:Spikevax (Moderna): MV1013A, 200023A, 200156A, 223049, 200090A, 200106A, 200100A, 3005885, 3005836, 000090A, 000058A, 3005241, 3005697, 3006272, MV1018A, 400012A, 400011A und
BNT162b2 (Pfizer): FP9632, 1F1051A, 1LO84A, 1F1047A, 1F1059A, 1F1055A, PCB0020.
Pro Charge wurden fünf originalverpackte, ungeöffnete Fläschchen analysiert, die bei -80 °C gelagert und unter dokumentierter Temperaturkontrolle transportiert wurden. Die Provenienzdokumentation ist damit vergleichsweise gut belegt.
Aufschluss der Lipid-Nanopartikel (LNPs)
Die LNPs wurden durch eine Kombination aus:
▪️chaotropen Salzen (Isolierungskit QIAamp DNA Mini Kit (Qiagen, DE)),
▪️Hitze (60 °C) und
▪️enzymatischem Verdau (Proteinase K)
vollständig aufgelöst.Dadurch wurden sowohl die mRNA als auch eventuelle DNA-Rückstände freigesetzt.
Reverse Transkription und Multiplex qPCR
Die mRNA wurde durch Reverse Transkription in cDNA umgeschrieben. Die anschließende Quantifizierung erfolgte mittels Multiplex Real-Time PCR (Rotor-Gene Q, Qiagen) mit vier simultanen Farbkanälen:- FAM (Grün): für das S-Protein (cDNA)
- HEX (Gelb): für die Vektor-Ori-DNA
- Cy5 (Rot): für die E. coli-DNA
- ROX: als passive Referenz.
Alle drei Zielsequenzen wurden damit in einem einzigen Reaktionsansatz gleichzeitig erfasst, wobei mögliche Wechselwirkungen zwischen den Targets (z. B. Konkurrenz um Reagenzien) die Quantifizierung beeinflussen können.
Quantifizierung mittels qPCR
Für die Multiplex quantitative Real-Time PCR verwendeten die Autoren Primer für drei verschiedene Zielsequenzen:Ziel Quelle mRNA für S-Protein
(Spikevax & BNT162b2)selbst entworfen Expressionsvektor-DNA (Ori) aus anderen Studien übernommen E. coli-genomische DNA (ITS) aus kommerziellem Kit (ISO 13485-validiert) Alle verwendeten Primer und fluoreszenzmarkierten Hybridisierungssonden wurden von Eurofins Genomics, DE, kundenspezifisch synthetisiert.
Kalibrationsstrategie
Da die mRNA in den Impfstoffen mit N1-Methylpseudouridin modifiziert ist und das genaue Ausmaß dieser Modifikation nicht bekannt ist, konnten keine synthetischen Standards für eine klassische zielspezifische Kalibrationskurve hergestellt werden. Die Autoren validierten stattdessen die PCR-Effizienz durch serielle Verdünnungsreihen der Impfstoffproben selbst. Für die absolute Quantifizierung verwendeten sie eine universelle Kalibrationskurve, die aus Verdünnungsreihen von 50 verschiedenen Mikroorganismen gemittelt wurde.Verifikation durch Sanger-Sequenzierung
Die PCR-Produkte aller 24 Chargen wurden mittels Sanger-Sequenzierung verifiziert und mit Datenbankeinträgen verglichen.c) Zentrale Ergebnisse
mRNA-Nachweis und Chargenvariabilität
Die PCR-Analyse bestätigte das Vorhandensein der deklarierten mRNA-Sequenzen für das Spike-Protein in beiden Impfstoffen.
Die Analyse der mRNA für das S-Protein zeigte eine erhebliche Variabilität zwischen verschiedenen Chargen – bei beiden Impfstoffen.
Die absoluten mRNA-Mengen lagen im Bereich von 109 bis 1010 Kopien/ml (gemessen als cDNA). Einzelne Chargen zeigten jedoch eine 10-fach niedrigere mRNA-Menge – bei beiden Impfstoffen.Nachweis undeklarierter DNA-Sequenzen als Zufallsbefund
Während der Validierung der cDNA-Verdünnungsreihen zeigten sich unerwartet starke Signale in den DNA-Kanälen: im Cy5-Kanal (für Ori-DNA) und teilweise im HEX-Kanal (für E. coli-DNA). Da die Proben neben cDNA auch DNA-Rückstände enthielten, amplifizierten die Ori- und E. coli-Primer diese unbeabsichtigt mit. Die entsprechenden PCR-Produkte wurden aufgereinigt und mittels Sanger-Sequenzierung identifiziert: Sie zeigten 100%ige Übereinstimmung mit dem Expressionsvektor (Plasmid-Ori und Spike-Kassette) sowie mit der E. coli-ITS-Region.Quantitative DNA-Befunde
Ein zentraler Befund der Studie ist der durchgängig hohe Gehalt an DNA in allen getesteten Chargen – sowohl von Moderna als auch von Pfizer.Impfstoff mRNA (cDNA) (Kopien/ml) DNA-Menge (Kopien/ml) Spikevax (Moderna) 109 – 1010 107 – 109 BNT162b2 (Pfizer) 1010 – 1011 108 – 109 Hinweis auf nahezu vollständige DNA-Konstrukte
Die Autoren beobachten, dass der Ori-Primer (5′-Ende des Konstrukts) und der Spike-Primer (3′-Ende, Basen 3184–3417) gleichzeitig ein Signal liefern. Da beide Primerbindestellen mehrere tausend Basenpaare voneinander entfernt sind, deutet dies darauf hin, dass zumindest längere DNA-Fragmente vorhanden sind, die beide Zielbereiche umfassen könnten.Auffällige Chargenheterogenität bei Moderna
Bei drei Moderna-Chargen ist das Verhältnis von Spike-DNA zu Vektor-DNA umgekehrt und um eine Größenordnung verschoben – in eine Richtung, die nicht zu einem einzigen Plasmid passt. Die Autoren spekulieren, dass diese Chargen ein zweites DNA-Konstrukt enthalten könnten – möglicherweise eine Omicron-Variante im selben Vektor.E. coli-DNA
In zwei Pfizer-Chargen wurde E. coli-genomische DNA im Bereich einzelner Kopien pro Milliliter nachgewiesen – knapp oberhalb der Nachweisgrenze.SV40
Es wurden keine Hinweise auf SV40 festgestellt.d) Interpretation durch die Autoren
Anwesenheit der DNA
Die Autoren argumentieren, dass die nachgewiesenen DNA-Mengen – vergleichbar mit der deklarierten mRNA-Menge in der Größenordnung von 107 bis 109 Kopien/ml – zu hoch sind, um als zufällige Kontamination erklärt zu werden. Die Autoren interpretieren die DNA als regulären, wenn auch nicht deklarierten Bestandteil der Impfstoffe.Chargen-Variabilität und mRNA-Identität
Die Chargenvariabilität der mRNA wird als mögliches Problem für die Dosierungskonsistenz bewertet. Die Verwendung der veralteten Wuhan-Spike-Sequenz wird als Einschränkung der Schutzwirkung gegen aktuell zirkulierende Varianten kritisiert.Aufgrund der Analysebefunde empfehlen die Autoren:
- verbesserte Reinigungsprotokolle,
- strengere Chargenprüfung,
- genomische Aktualisierungen und
- eine verstärkte behördliche Aufsicht.
e) Methodische Einschränkungen
Universelle Kalibrationskurve
Die absolute Quantifizierung basiert nicht auf einer zielspezifischen Standardkurve, sondern auf einer universellen Kurve, die aus 50 verschiedenen Mikroorganismen gemittelt wurde. Diese Methode setzt eine vergleichbare PCR-Effizienz für alle Zielsequenzen voraus. Diese Annahme ist insbesondere bei unterschiedlichen Zielsequenzen (mRNA, Plasmid-DNA, bakterielle DNA) und komplexen Probenmatrices nicht selbstverständlich. Die absoluten Kopienzahlen sind daher mit Vorsicht zu interpretieren; die qualitativen Befunde – also das Vorhandensein der nachgewiesenen Sequenzen – sind davon weniger betroffen.Keine Messung vor LNP-Aufschluss
Im Unterschied zu anderen Studien wurde keine Messung vor dem Aufschluss der LNPs durchgeführt. Damit fehlt der direkte Vergleich, der Aussagen über den Anteil LNP-verpackter DNA ermöglichen würde.SV40-Aussage nicht aussagekräftig
Die Autoren berichten, kein SV40 nachgewiesen zu haben. Das verwendete Primer-Set enthielt jedoch keine SV40-spezifischen Sequenzen. Die Aussage ist damit zwar korrekt, aber nicht informativ – ein Nachweis oder Ausschluss von SV40 war mit diesem Ansatz methodisch nicht möglich.f) Einordnung in den Gesamtkontext
Die Studie von Fleming et al. erweitert die bisherige Literatur vor allem durch ihren vergleichenden Ansatz über eine relativ große Anzahl von Chargen.
Methodisch kombiniert sie Multiplex-qPCR mit Sanger-Sequenzierung zur Verifikation der amplifizierten Produkte. Der Nachweis von DNA-Sequenzen, einschließlich Plasmid- und bakterieller DNA steht im Einklang mit vorherigen Studien.
Besondere Aufmerksamkeit richtet die Arbeit auf Unterschiede zwischen Chargen sowie auf quantitative Vergleiche der gemessenen Nukleinsäureanteile. Die beobachtete Variabilität zwischen einzelnen Lots ergänzt damit die bestehende Diskussion über mögliche Unterschiede in Zusammensetzung, Fragmentierung und analytischer Erfassbarkeit der DNA-Rückstände.
4.3.8. Speicher et al. (2025)
Quantification of residual plasmid DNA and SV40 promoter-enhancer sequences in Pfizer/BioNTech and Moderna modRNA COVID-19 vaccines from Ontario, Canada
Autoren: David Speicher, Jessica Rose, Kevin McKernan
Veröffentlicht: 25. September 2025 (PubMed/Herald Open Access)
Link zur Studie: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/40913499/a) Kontext und Ziel der Studie
Die Studie von Speicher, Rose und McKernan ist eine methodisch erweiterte Folgearbeit zur früheren Untersuchung derselben Autorengruppe (Studie 2, 2023). Sie baut inhaltlich auf den Befunden von McKernan et al. und Kämmerer et al. auf und verfolgt das Ziel, die DNA-Rückstände in mRNA-Impfstoffen mit zwei unabhängigen Methoden – qPCR und Qubit-Fluorometrie mit RNase-Korrektur – an einer größeren Stichprobe zu quantifizieren.
Ergänzend werden Fragmentlängen mittels Oxford-Nanopore-Sequenzierung bestimmt sowie eine explorative Korrelation mit VAERS-Nebenwirkungsdaten durchgeführt.
b) Materialien und Methoden
Impfstoffchargen
Für die Untersuchung wurden insgesamt 32 Fläschchen aus 16 Chargen mRNA-basierter COVID-19-Impfstoffe verwendet: BNT162b2 (Pfizer/BioNTech; 10 Vials aus 6 Chargen) und mRNA-1273 (Moderna; 22 Vials aus 10 Chargen). Die Proben wurden aus verschiedenen Apotheken in Ontario, Kanada, bezogen.Die Fläschchen waren originalversiegelt und wiesen unbeschädigte Flip-off-Kappen mit Chargennummern und Verfallsdaten auf. Lagerung und Transport erfolgten unter Einhaltung der Kühlkette (2–8 °C). Die Proben wurden in spezialisierten Kühleinheiten gelagert und in isolierten Behältern mit Kühlakkus transportiert; bevor sie innerhalb von 5 Stunden nach Erhalt in den Kühlschrank des Testlabors gestellt wurden.
Ein Teil der Proben bestand aus Restmengen kürzlich verwendeter Fläschchen (innerhalb von 30 Minuten nach Anwendung), die ebenfalls gekühlt transportiert und innerhalb von 12 Stunden im Labor eingelagert wurden.
Eine Moderna-Probe wies kein aufgedrucktes Verfallsdatum auf, verfügte jedoch über einen QR-Code zur Identifikation durch Apothekenpersonal.
Aufschluss der Lipid-Nanopartikel (LNPs)
Zum Aufschluss der Lipid-Nanopartikel (LNPs) wurden die Proben 8 Minuten bei 95 °C erhitzt und anschließend für 5 Minuten auf 4 °C abgekühlt. Dieser thermische Schritt dient der Freisetzung der enthaltenen Nukleinsäuren.Quantifizierung mittels qPCR
Die DNA-Konzentrationen wurden mittels qPCR über den Cq-Wert bestimmt. Die Primer entsprechen weitgehend den früheren Assays der Autorengruppe: Spike-Sonde, Ori-Sonde sowie ein SV40-Enhancer-Assay für Pfizer-Chargen.Die Quantifizierung erfolgte anhand einer Kalibrationskurve mit synthetischer DNA und 10-fachen Verdünnungsreihen (QuantStudio 3). Aus der gemessenen Kopienzahl der Zielsequenzen wurde unter Berücksichtigung der Gesamtplasmidlänge (Pfizer: 7.824 bp; Moderna: 6.777 bp) die Gesamt-DNA-Menge pro Dosis berechnet.
Jeweils 1 µL der behandelten Impfstoffprobe wurde ohne vorherige DNA-Extraktion direkt in die qPCR eingesetzt. Eine mögliche PCR-Inhibition durch Impfstoffbestandteile wurde durch Verdünnungsreihen ausgewählter Proben überprüft.
Quantifizierung mittels Qubit-Fluorometrie
Die Proben wurden mit dem DNA-spezifischen Farbstoff AccuGreen mehrfach gemessen: ohne Vorbehandlung, nach LNP-Aufschluss durch Erhitzen sowie nach einer RNase-A-Behandlung. Letztere korrigiert den RNA-bedingten Signalanteil (Crosstalk des Farbstoffs – der auch an RNA bindet). Die Autoren verfolgten den Abfall der Fluoreszenz über 10 Minuten in einer Zeitreihe. Dadurch konnten sie den RNA-bedingten Signalanteil ermitteln und die reine DNA-Konzentration berechnen.Größenprofil der Rest-DNA mittels ONT-Sequenzierung
Zur Bestimmung der Größenverteilung der DNA-Fragmente wurde eine zuvor sequenzierte Pfizer-Charge (FL8095) als Standard verwendet. Die Sequenzierung erfolgte auf einer Oxford Nanopore Flongle mit dem Ligation Sequencing Kit (SQK-LSK114). Die erhaltenen Reads wurden mit einer Referenz-Plasmid-Sequenz abgeglichen.Der verwendete Bibliotheksaufbau (SPRI-basierte Aufreinigung) kann kurze Fragmente (<100-200 bp) verlieren, sodass die Längenverteilung zu längeren Fragmenten hin verzerrt ist.
Beurteilung der Nukleaseempfindlichkeit
Zur Prüfung, ob die DNA im Inneren der LNPs vorliegt, wurde DNase I-XT direkt zum unveränderten Impfstoff gegeben. Nach 30-minütiger Inkubation wurde das Enzym inaktiviert, die DNA aufgereinigt und mittels qPCR quantifiziert. Eine nackte DNA-Kontrolle diente als Referenz.Explorative VAERS-Korrelation mit den gemessenen DNA-Mengen
Für jede Charge wurden VAERS-Meldungen aus Kanada erfasst und die Anzahl schwerwiegender unerwünschter Ereignisse (SAEs) mit den gemessenen DNA-Gehalten korreliert. Ziel war es, eine mögliche Korrelation zwischen den gemessenen DNA-Gehalten (Spike, Ori, SV40) und der Häufigkeit von Nebenwirkungen zu untersuchen. Zur Berechnung des Zusammenhangs wurde der Pearson-Korrelationskoeffizient verwendet.c) Zentrale Ergebnisse
qPCR-Validierung
Die qPCR-Assays für Spike und Ori zeigten exzellente R2-Werte (0,998–0,999) und Effizienzen (94,7–99,8 %). Der SV40-Assay hatte eine etwas geringere Güte (R2 = 0,906, Effizienz 93,6 %). Negativkontrollen waren unauffällig.LNP-Inhibition
Unverdünnte Proben zeigten eine PCR-Inhibition durch die LNPs. Nach 1:10 Verdünnung war die Inhibition aufgehoben, daher wurden für die Quantifizierung verdünnte Proben verwendet.Quantifizierung mittels qPCR
Alle Pfizer-Chargen waren positiv für Spike, Ori und SV40. Die ähnlichen Cq-Werte aller drei Targets deuten auf gemeinsame, intakte DNA-Moleküle hin. Bei Moderna waren Spike und Ori nachweisbar, kein SV40. Die Ori-Signale traten bei Moderna etwa 3 Zyklen später auf als Spike, was auf einen geringeren Anteil oder eine Fragmentierung der Ori-Region hindeutet.Die Autoren rechneten die Cq-Werte über die Standardkurve in absolute DNA-Mengen um:
Impfstoff Spike (ng/Dosis) Ori (ng/Dosis) SV40 (ng/Dosis) Pfizer 0,22 – 2,43 0,28 – 7,28 0,25 – 23,72 Moderna 0,25 – 0,78 0,01 – 0,34 nicht nachweisbar Pfizer wies eine deutlich höhere Menge an Rest-DNA auf als Moderna.
Zwei Pfizer-Chargen (FM7380 und FN7934, monovalent, PBS-Formulierung) überschritten mit SV40-Gehalten von bis zu 23,72 ng/Dosis den FDA-Richtwert von 10 ng/Dosis. Alle anderen Chargen lagen unter diesem Wert.
Quantifizierung mittels Qubit-Fluorometrie
Die Autoren testeten die Proben mehrfach zu verschiedenen Zeiten. Die durchschnittliche Varianz (durchschnittliche Abweichung vom Durchschnitt) betrug:Messphase Pfizer Spanne vor dem Erhitzen 317 ± 278 ng/Dosis 43 bis 727 ng/Dosis nach dem Erhitzen 1.145 ± 533 ng/Dosis 519 bis 1.949 ng/Dosis nach RNase A 297 ± 217 ng/Dosis 100 bis 765 ng/Dosis Messphase Moderna Spanne vor dem Erhitzen 456 ± 121 ng/Dosis 199 bis 675 ng/Dosis nach dem Erhitzen 1.554 ± 1.023 ng/Dosis 176 bis 3.169 ng/Dosis nach RNase A 1.065 ± 624 ng/Dosis 113 bis 2.365 ng/Dosis Nach LNP-Aufbruch durch Erhitzen stiegen die Werte deutlich an. Die anschließende RNase A-Behandlung reduzierte die Werte (Crosstalk-Korrektur).
Moderna enthielt durchgängig höhere DNA-Mengen als Pfizer.
Der Vergleich von Qubit und qPCR zeigte bei Pfizer eine positive Korrelation, bei Moderna nicht – was auf DNA-Fragmente hindeutet, die keine intakten Primerbindestellen mehr enthalten und daher in der qPCR nicht erfasst werden.
Fragmentlängenanalyse
Der längste detektierte Read umfasste 3,5 kb und deckte den Großteil des Plasmid-Backbones ab. Das zeigt, dass neben kurzen Fragmenten auch größere DNA-Fragmente im Kilobasenbereich vorhanden sind.DNA liegt im Inneren der LNPs
Die DNase-Behandlung führte zu keinem signifikanten DNA-Verlust in der Impfstoffprobe (≤1 Cq Offset), während die nackte Kontroll-DNA vollständig abgebaut wurde. Dies bestätigt, dass die DNA überwiegend LNP-verpackt und damit vor enzymatischem Abbau geschützt ist.Explorative VAERS-Korrelation mit den gemessenen DNA-Mengen
Für die untersuchten Chargen wurden Meldedaten aus dem US-amerikanischen Spontanmeldesystem VAERS herangezogen. Für alle untersuchten Chargen außer drei Moderna-Chargen lagen VAERS-Meldungen vor.
Die Autoren führten eine explorative Korrelation zwischen gemessenen DNA-Gehalten und VAERS-Meldedaten durch. Dabei zeigten einzelne Chargen mit höheren DNA-Werten (insbesondere Ori-DNA) auch höhere Anzahlen gemeldeter schwerwiegender Ereignisse (SAEs).d) Interpretation durch die Autoren
Die Autoren schlussfolgern, dass alle untersuchten Chargen DNA-Rückstände enthalten, die LNP-verpackt und damit vor Abbau geschützt sind. Die gemessenen Gesamtmengen überschreiten die bestehenden Richtwerte. Das SV40-Promoter/Enhancer-Element in Pfizer-Chargen wird als besonders relevant hervorgehoben, da es nukleares Targeting begünstigen und theoretisch die Integrationswahrscheinlichkeit erhöhen könnte.
Die Autoren weisen auf mehrere methodische Probleme hin:
Methode Problem qPCR Kann Moleküle kleiner als die Amplikonlänge (105–114 bp) nicht quantifizieren → Unterschätzung der Gesamt-DNA Qubit/Fluorometrie ohne RNase Überschätzung durch Crosstalk mit RNA (daher RNase-Behandlung notwendig) Ethanol-Fällung Verlust kurzer Fragmente (<100 bp) ONT (Nanopore) Bibliotheksvorbereitung selektiert gegen Fragmente <150 bp – Verzerrung zu längeren Fragmenten Daher schlussfolgern die Autoren: Die Wahl der Methode beeinflusst das Ergebnis stark – daher ist methodische Klarheit bei Grenzwertfestlegungen essenziell.
Die Autoren formulieren mehrere Forderungen:
Forderung Begründung Neubewertung der DNA-Grenzwerte Die aktuellen regulatorischen Grenzwerte wurden für nackte DNA in herkömmlichen Impfstoffen entwickelt. Sie sollten unter Berücksichtigung der LNP-Verkapselung, der kumulativen Dosierung und der funktionellen Sequenzen neu bewertet werden. Methoden-Standardisierung Da qPCR die Gesamt-DNA unterschätzt, sollte zusätzlich Fluorometrie mit RNase-Korrektur eingesetzt werden, um die Rest-DNA sowie das RNA/DNA-Verhältnis korrekt zu quantifizieren. Unabhängige Replikation Weitere Labore sollten die Ergebnisse bestätigen. Langzeit-Monitoring Spätfolgen (z. B. Integration, Krebs) werden von VAERS nicht erfasst. Berücksichtigung funktioneller Sequenzen Nicht nur die Menge der DNA ist entscheidend, sondern auch ihre funktionellen Eigenschaften – insbesondere das Vorhandensein von SV40-Elementen und Promotoren. Die Variabilität der Rest-DNA zwischen und innerhalb einzelner Chargen interpretieren die Autoren als möglichen Hinweis auf einen inkonsistenten Herstellungsprozess.
e) Methodische Einschränkungen
Die qPCR kann Fragmente unterhalb der Amplikon-Länge (105–152 bp) nicht erfassen und unterschätzt damit die Gesamt-DNA systematisch.
Die ONT-Daten basieren auf einer einzigen Charge und sind durch die Aufreinigungsmethode zu längeren Fragmenten hin verzerrt.
Die explorative VAERS-Korrelation mit den gemessenen DNA-Mengen ist aufgrund der bekannten Limitationen von Spontanmeldesystemen – insbesondere fehlender Expositionsdaten und möglicher Verzerrungen in der Meldestruktur – nur eingeschränkt interpretierbar. Die Autoren betonen zudem weitere Einschränkungen: begrenzte Chargengröße, keine Kenntnis der verabreichten Dosen und eine Unterfassung möglicher Langzeiteffekte.
Die Proben umfassen sowohl abgelaufene Fläschchen als auch angebrochene Restmengen, was die Vergleichbarkeit innerhalb der Stichprobe einschränkt.
f) Einordnung in den Gesamtkontext
Die Studie stellt eine methodisch erweiterte Fortführung früherer Arbeiten derselben Autorengruppe dar und kombiniert mehrere analytische Ansätze – qPCR, fluorometrische Quantifizierung mit RNase-Korrektur, Nanopore-Sequenzierung sowie funktionelle Tests zur Nukleaseempfindlichkeit. Besonders hervorzuheben ist der direkte Vergleich unterschiedlicher Quantifizierungsmethoden, der die methodische Abhängigkeit der gemessenen DNA-Mengen deutlich macht.
Die qualitativen Befunde – insbesondere der Nachweis von Plasmid-DNA in beiden Impfstoffen sowie von SV40-Sequenzen in Pfizer-Chargen – stehen im Einklang mit anderen Studien (u. a. McKernan et al., Kämmerer et al.). Auch der Hinweis auf eine Verkapselung der DNA durch Lipid-Nanopartikel wird durch mehrere Arbeiten gestützt.
Gleichzeitig zeigen sich deutliche Unterschiede in der quantitativen Einordnung der DNA-Mengen zwischen den verwendeten Methoden (qPCR vs. Fluorometrie). Diese Divergenzen unterstreichen die Bedeutung methodischer Standardisierung und erschweren direkte Vergleiche zwischen Studien.
Insgesamt erweitert die Studie die bestehende Datenlage durch einen breiteren methodischen Ansatz und eine größere Stichprobe. Sie liefert vor allem Hinweise auf methodische Fragestellungen und Variabilität der Messergebnisse, die in zukünftigen Untersuchungen weiter systematisch geklärt werden müssen.
4.3.9. Achs et al. (2025)
Systematic analysis of COVID-19 mRNA vaccines using four orthogonal approaches demonstrates no excessive DNA impurities
Autoren: Adam Achs, Tatiana Sedlackova, Lukas Predajna, Jaroslav Budis, Maria Bartosova, Vladimir Zelnik, Diana Rusnakova, Martina Melichercikova, Marta Miklosova, Veronika Gencurova, Barbora Cernakova, Tomas Szemes, Boris Klempa, Juraj Kopacek, Silvia Pastorekova
Veröffentlicht: 13. Dezember 2025 (npj Vaccines, peer-reviewed; PMCID verfügbar)
Link zur Studie: https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC12715226/a) Kontext und Ziel der Studie
Die Studie von Achs et al. verfolgt einen systematischen und methodisch breit angelegten Ansatz zur Untersuchung möglicher DNA-Rückstände in mRNA-basierten COVID-19-Impfstoffen. Sie entstand vor dem Hintergrund früherer Arbeiten, in denen teilweise erhöhte DNA-Mengen sowie spezifische Sequenzelemente berichtet wurden.
Ziel der Arbeit ist es, diese Fragestellung mit mehreren unabhängigen, sich ergänzenden Analysemethoden („orthogonale Ansätze“) erneut zu prüfen und die Robustheit der Ergebnisse gegenüber methodischen Einflüssen zu bewerten. Dabei steht insbesondere die Frage im Mittelpunkt, ob die in anderen Studien beschriebenen DNA-Rückstände reproduzierbar sind oder durch methodische Artefakte erklärt werden können.
Ein weiterer Fokus liegt auf der Bewertung der eingesetzten Nachweismethoden selbst: Die Autoren untersuchen, inwieweit unterschiedliche analytische Verfahren – etwa Sequenzierung, qPCR und fluorometrische Messungen – zu abweichenden Ergebnissen führen können und welche methodischen Limitationen dabei zu berücksichtigen sind.
Die Studie zielt damit nicht nur auf die Quantifizierung möglicher DNA-Rückstände ab, sondern auch auf eine methodische Einordnung der bestehenden Literatur und die Frage, wie zuverlässig verschiedene Nachweisansätze in diesem Kontext sind.
b) Materialien und Methoden
Impfstoffchargen
Untersucht wurden 15 Chargen – 9 Comirnaty (Pfizer) und 6 Spikevax (Moderna) – aus staatlich verwalteten Impfstoffbeständen der Slowakei, bereitgestellt unter Aufsicht des Staatlichen Instituts für Arzneimittelkontrolle. Vier Comirnaty-Chargen waren zum Zeitpunkt der Analyse noch innerhalb ihres Verfallsdatums. Die übrigen Chargen hatten ihr Verfallsdatum bereits überschritten. Die Fläschchen wurden entsprechend den Herstellerangaben gelagert und transportiert.Ein Teil der Chargen – konkret jene, die auch in Fleming et al. (Studie 7) untersucht worden waren – wurde bewusst einbezogen, um einen direkten Vergleich zu ermöglichen.
Vier orthogonale Analysemethoden
Das methodische Kernmerkmal der Studie ist der Einsatz von vier unabhängigen, sich gegenseitig ergänzenden Verfahren an denselben Proben. Jede Methode hat ihre spezifischen Stärken und Limitationen – die Kombination soll robustere Schlussfolgerungen ermöglichen als jede Methode für sich.Methode 1: qPCR
Die LNPs wurden mit Triton X-100 aufgeschlossen; die behandelte Probe wurde ohne vorherige DNA-Extraktion direkt in die qPCR eingesetzt. Damit entfällt ein Aufreinigungsschritt, der zu DNA-Verlusten führen könnte. Die Autoren prüften explizit mögliche PCR-Inhibitionen durch Impfstoffbestandteile und berichteten unter den verwendeten Bedingungen keine relevante Hemmung der Amplifikation.Es wurden acht Primer-Paare eingesetzt, die drei Regionen des Produktionsplasmids abdecken: die Spike-kodierende Sequenz (SPIKE), den Replikationsursprung (ORI) und das Kanamycin-Resistenzgen (KAN). Dabei variierten die Amplikon-Größen erheblich: von 63 bp (KAN 1C) bis 233 bp (SPIKE 2). Zwei der Primer-Paare – SPIKE 2 und ORI 2 – entsprechen denjenigen, die in Fleming et al. verwendet wurden, um einen direkten Vergleich zu ermöglichen.
Die Quantifizierung erfolgte über Kalibrationskurven mit synthetischen DNA-Standards (gBlocks), die den jeweiligen Zielsequenzen entsprechen. Die gemessenen Kopienzahlen wurden anhand der Molekülmasse des jeweiligen Amplikons in Nanogramm pro Dosis umgerechnet.
Methode 2: Fluorometrie
Für die fluorometrische DNA-Quantifizierung wurde eine DNA-Extraktion durchgeführt – mit zwei verschiedenen Extraktionsmethoden: Phenol-Chloroform-Extraktion (Ausbeute 60–80 %) und magnetische Beads für zellfreie DNA (Ausbeute 90–95 %). Beide Methoden schlossen eine RNase-A-Behandlung ein, um die störende Wirkung der mRNA auf den DNA-spezifischen Farbstoff zu eliminieren.Die Autoren zeigten experimentell, dass bereits geringe RNA-Mengen das DNA-Signal erheblich überschätzen lassen – und dass eine RNase-Behandlung notwendig ist, um RNA-bedingte Überschätzungen der DNA-Menge zu minimieren. Die RNA-Konzentration nach der Behandlung wurde kontrolliert und auf unter 1 ng/µl gesenkt.
Methode 3: Kapillarelektrophorese
Die Kapillarelektrophorese wurde eingesetzt, um sehr hohe DNA-Mengen – wie sie in einigen früheren Studien berichtet wurden – direkt sichtbar zu machen. Wenn DNA in Mengen von mehreren hundert bis tausend Nanogramm pro Dosis vorläge, würde sie in der Elektrophorese als deutlicher Peak oder Schmier erscheinen. Die Proben wurden mit Triton X-100 aufgeschlossen und mit RNase A behandelt. Es wurden zwei Kits eingesetzt – eines für den Standardbereich (0,5–50 ng/µl) und eines für den hochsensitiven Bereich (5–600 pg/µl pro Fragment).Methode 4: Kurzlesen-Sequenzierung (Illumina)
Zur Sequenzierung wurde DNA aus den Impfstoffproben mit einer optimierten Methode extrahiert, die Hitzebehandlung (95°C), RNase-A-Verdau und Proteinase-K-Behandlung kombiniert. Der Bibliotheksaufbau erfolgte ohne vorherigen Fragmentierungsschritt, um die ursprüngliche Fragmentlängenverteilung möglichst unverändert zu erhalten. Die Sequenzierung erfolgte auf einem NextSeq 2000 System mit paired-end Reads, was eine präzise Bestimmung der Fragmentlänge ermöglicht.Die bioinformatische Auswertung umfasste eine de-novo-Assemblierung der Reads zu vollständigen Plasmidsequenzen sowie ein anschließendes Mapping aller Reads auf die rekonstruierten Referenzsequenzen.
c) Zentrale Ergebnisse
qPCR-Befunde
Alle acht qPCR-Assays wurden in zwei unabhängigen Laboren mit drei Mitarbeitern durchgeführt. In keiner der 15 untersuchten Chargen wurde der regulatorische Grenzwert von 10 ng DNA pro Dosis überschritten.Dabei zeigten sich deutliche Unterschiede zwischen den einzelnen Assays – abhängig von der Amplikon-Größe. Die höchsten DNA-Mengen wurden mit dem kürzesten Amplikon (KAN 1C, 63 bp) gemessen: bis zu 8 ng/Dosis für Comirnaty. Die niedrigsten Werte lieferten die längsten Amplikons (SPIKE 1A und SPIKE 2, 228–233 bp): 0,5–0,7 ng/Dosis. Die Autoren erklären diese Diskrepanz mit der Fragmentlänge der DNA: Bei einer medianen Fragmentlänge von 150 bp können längere Amplikons viele Fragmente nicht erfassen – weil diese zu kurz sind, um beide Primerbindestellen zu enthalten.
Die Autoren interpretieren dieses konsistente Muster über verschiedene Assays hinweg als Hinweis auf die interne Konsistenz ihres methodischen Ansatzes.
Fluorometrie
Nach vollständiger RNase-A-Behandlung und DNA-Extraktion lagen die fluorometrisch gemessenen DNA-Mengen in allen Chargen unterhalb des Grenzwerts von 10 ng/Dosis.Die Autoren demonstrierten experimentell, dass ohne ausreichende RNase-Behandlung das DNA-Signal erheblich überschätzt wird: Bereits geringe RNA-Mengen erzeugen ein messbares Hintergrundsignal im DNA-Assay.
Die RNA-Messung zeigte, dass alle Comirnaty-Chargen mindestens 90 % der deklarierten mRNA-Menge enthielten. Bei den Spikevax-Chargen lagen die Werte teilweise darunter – was die Autoren auf die fortgeschrittene Überschreitung des Verfallsdatums zurückführen.
Kapillarelektrophorese
In keiner der untersuchten Chargen wurde ein spezifisches DNA-Signal detektiert – weder mit dem Standardkit (Nachweisbereich 0,5–50 ng/µl) noch mit dem hochsensitiven Kit (5–600 pg/µl pro Fragment). Schwache, unspezifische Signale um 60 und 300 bp waren in einigen Proben sichtbar, traten jedoch auch in der Negativkontrolle auf und werden daher als methodisches Hintergrundrauschen gewertet.Die Autoren argumentieren: Wenn DNA in Mengen von mehreren hundert bis tausend Nanogramm pro Dosis vorläge, wäre dies in der Kapillarelektrophorese als deutlicher Peak oder Schmier sichtbar. Das vollständige Fehlen eines solchen Signals widerspricht diesen Befunden direkt.
Die RNA-Integritätsanalyse zeigte, dass sechs von neun abgelaufenen Chargen eine mRNA-Integrität unter 50 % aufwiesen – erkennbar auch an der trüben Erscheinung der Fläschchen im Vergleich zu den klaren, nicht abgelaufenen Chargen.
Sequenzierung
Die vollständigen Sequenzen entstanden bioinformatisch durch Assemblierung vieler überlappender Kurzreads und stellen nicht notwendigerweise den direkten Nachweis einzelner physisch intakter Plasmidmoleküle dar.Der Anteil plasmidabgeleiteter Reads betrug 96,6 % bei Comirnaty (Spanne 95,3–98,1 %) und 88,7 % bei Spikevax (Spanne 83,5–94,5 %). Die verbleibenden Reads stammten überwiegend aus E. coli K12 – einem nicht-pathogenen Laborstamm – sowie aus Bakteriophagen-Sequenzen und repetitiven Sequenzen ohne Datenbankeinträge. Die Autoren weisen darauf hin, dass ein Teil dieser Reads auf Reagenzienkontaminationen zurückzuführen sein könnte, wie aus der Literatur bekannt.
Die Fragmentlängenanalyse ergab eine mediane Länge von 154 bp für Comirnaty (Spanne 130–181 bp) und 144 bp für Spikevax (Spanne 127–201 bp). Der Anteil der Fragmente über 300 bp war gering. Die Genomabdeckung war über das Plasmid ungleichmäßig verteilt – ein Muster, das mit einem nicht vollständig gleichmäßigen DNase-Verdau vereinbar ist.
d) Interpretation durch die Autoren
DNA-Menge unterhalb des Grenzwerts
Die Autoren schlussfolgern, dass die DNA-Rückstände in allen 15 untersuchten Chargen den regulatorischen Grenzwert von 10 ng pro Dosis einhalten. Dieses Ergebnis ist nach ihrer Einschätzung robust, weil die Ergebnisse durch mehrere komplementäre Methoden konsistent gestützt werden. Das Einbeziehen abgelaufener Chargen stärkt aus ihrer Sicht die Aussagekraft zusätzlich: Selbst unter diesen Umständen wurden keine übermäßigen DNA-Mengen gefunden.Herkunft und Charakter der DNA
Die nachgewiesene DNA stammt nach Einschätzung der Autoren ausschließlich aus dem Produktionsplasmid – also aus dem erwarteten und bekannten Nebenprodukt des Herstellungsprozesses. Sie ist stark fragmentiert, mit einer medianen Länge von etwa 150 bp. Diese Fragmentgröße liegt nach Ansicht der Autoren unterhalb der Schwelle biologischer Aktivität: Fragmente dieser Größe weisen nach Einschätzung der Autoren keine Eigenschaften auf, die typischerweise mit Replikationsfähigkeit oder effizienter genomischer Integration assoziiert sind.Erklärung der abweichenden Befunde früherer Studien
Die Autoren diskutieren mehrere methodische Faktoren, die aus ihrer Sicht zu den höheren DNA-Werten früherer Studien beigetragen haben könnten.Erstens weisen sie darauf hin, dass fluorometrische DNA-Assays ohne ausreichende RNase-Behandlung durch verbleibende mRNA erheblich beeinflusst werden können. In eigenen Kontrollversuchen führte bereits eine geringe Rest-RNA zu einer deutlichen Überschätzung des DNA-Signals. Die Autoren vermuten daher, dass ein Teil der in früheren Arbeiten berichteten hohen DNA-Werte auf RNA-bedingte Crosstalk-Effekte zurückzuführen sein könnte.
Zweitens betonen sie den Einfluss der Amplikon-Länge bei qPCR-basierten Verfahren. Da die nachgewiesene DNA überwiegend fragmentiert sei, erfassen längere Amplikons nur einen Teil der vorhandenen Fragmente. Unterschiede zwischen Studien könnten daher teilweise aus unterschiedlichen Primerdesigns und Nachweisbereichen resultieren.
Die Autoren interpretieren ihre Ergebnisse insgesamt als Hinweis darauf, dass die Bestimmung residualer DNA in mRNA-Impfstoffen stark methodenabhängig ist und eine standardisierte Analytik erforderlich wäre.
Methodische Empfehlungen
Die Autoren empfehlen für künftige Analysen: vollständige RNase-Behandlung mit Kontrolle des RNA-Restgehalts vor der fluorometrischen DNA-Messung; direkte Verwendung von Triton-X-100-behandeltem Impfstoff für die qPCR ohne vorherige DNA-Extraktion, um Verluste zu vermeiden; den Einsatz kurzer Amplikons für eine vollständigere Erfassung fragmentierter DNA; sowie die Kombination mehrerer komplementärer Methoden für robuste Aussagen.Biologische Einordnung
Die Autoren bewerten das Risiko durch die nachgewiesenen DNA-Rückstände als vernachlässigbar: geringe Menge, bekannte plasmidische Herkunft, hohe Fragmentierung sowie der Umstand, dass bei der Herstellung keine eukaryotischen Zelllinien verwendet werden. Sie sehen keinen Bedarf für eine Überarbeitung der bestehenden Grenzwerte oder Herstellungspraktiken.e) Methodische Einschränkungen
Amplikon-Größe und Fragmentlänge
Die Autoren zeigen selbst, dass die gemessenen DNA-Mengen stark von der Amplikon-Größe des jeweiligen qPCR-Assays abhängen. Mit dem kürzesten Amplikon (KAN 1C, 63 bp) wurden bis zu 8 ng/Dosis gemessen – nahe am regulatorischen Grenzwert. Mit den längsten Amplikons (SPIKE 1A und SPIKE 2, 228–233 bp) dagegen nur 0,5–0,7 ng/Dosis.Diese Unterschiede innerhalb derselben Studie verdeutlichen, dass qPCR-Ergebnisse wesentlich von der gewählten Assay-Architektur abhängen. Die gemessenen Werte repräsentieren daher keinen absoluten Gesamt-DNA-Wert, sondern den Anteil der Fragmente, der mit dem jeweiligen Primer-Design erfassbar ist.
Fragmentlängenbestimmung mittels Illumina
Die Sequenzierung ergab mediane Fragmentlängen von etwa 130–201 bp. Diese Werte sind jedoch nicht als direkte Messung der nativen Fragmentverteilung zu interpretieren.Der Bibliotheksaufbau umfasst mehrere SPRI-Aufreinigungsschritte sowie PCR-Amplifikationen, die sehr kurze Fragmente (<150 bp) systematisch benachteiligen können. Gleichzeitig können auch sehr lange Fragmente (>800 bp) während der Bibliotheksvorbereitung und Sequenzierung weniger effizient repräsentiert werden und dadurch unterrepräsentiert oder nicht erfasst sein. Die berichtete Längenverteilung spiegelt daher primär die nach der Bibliotheksvorbereitung noch detektierbaren Fragmente wider – nicht zwangsläufig die ursprüngliche Verteilung im Impfstoff.
Damit erlaubt die Studie keine abschließende Aussage weder über den tatsächlichen Anteil sehr kurzer DNA-Fragmente unterhalb der Detektionsgrenze noch über das mögliche Vorhandensein längerer DNA-Fragmente außerhalb des effizient erfassten Größenbereichs.
Umrechnungsmethode bei der qPCR
Die gemessenen Kopienzahlen wurden anhand der Molekülmasse der jeweiligen qPCR-Amplikons in Nanogramm umgerechnet – nicht anhand der vollständigen Plasmidlänge. Dieses Vorgehen ist methodisch konsistent für die Quantifizierung der tatsächlich amplifizierten Zielregionen. Die resultierenden Nanogramm-Werte sind jedoch nicht direkt mit Studien vergleichbar, die ihre Berechnung auf vollständige Plasmidsequenzen stützen.Einfluss der Extraktionseffizienz
Die fluorometrischen DNA-Werte hängen zusätzlich von der Effizienz der verwendeten Extraktionsmethode ab. Die Autoren geben für die Phenol-Chloroform-Extraktion eine Ausbeute von etwa 60–80 % und für die magnetischen Beads eine Ausbeute von etwa 90–95 % an.Eine unvollständige Extraktion kann prinzipiell dazu führen, dass ein Teil der vorhandenen DNA – insbesondere sehr kurze Fragmente oder noch LNP-assoziierte Nukleinsäuren – nicht vollständig erfasst wird. Entsprechend zeigten die Bead-basierten Extraktionen in der Studie tendenziell höhere DNA-Werte als die Phenol-Chloroform-Methode.
Keine Messung vor LNP-Aufschluss
Im Unterschied zu einigen früheren Studien wurde keine systematische Vergleichsmessung vor und nach gezieltem LNP-Aufschluss durchgeführt. Damit lässt sich aus den Daten nicht direkt ableiten, welcher Anteil der nachgewiesenen DNA innerhalb der Lipid-Nanopartikel verkapselt vorlag.Kapillarelektrophorese: Nachweisgrenze
Die Kapillarelektrophorese eignet sich gut zum Nachweis größerer DNA-Mengen. Für sehr niedrige Konzentrationen im einstelligen Nanogramm-Bereich ist ihre Sensitivität jedoch begrenzt. Die Methode ergänzt daher die qPCR- und Sequenzierungsdaten, ersetzt diese aber nicht.Keine SV40-spezifische Analyse
Die Studie enthält keinen spezifischen Assay für SV40-Promoter-/Enhancer-Sequenzen. Aussagen über das Vorhandensein oder Fehlen solcher Sequenzen lassen sich aus den vorliegenden Daten daher nicht ableiten. Dies stellt keine methodische Schwäche im engeren Sinn dar, da die Untersuchung nicht auf SV40-Nachweise ausgerichtet war; im Vergleich zu anderen Arbeiten bleibt dieser Aspekt jedoch unbeantwortet.f) Einordnung in den Gesamtkontext
Die Studie von Achs et al. stellt bislang eine der methodisch umfassendsten Untersuchungen zu DNA-Rückständen in mRNA-Impfstoffen dar. Sie kombiniert mehrere komplementäre Analyseverfahren – qPCR mit unterschiedlich langen Amplikons, fluorometrische Messungen mit kontrollierter RNase-Behandlung, Kapillarelektrophorese und Kurzlesen-Sequenzierung – an denselben Proben und in zwei verschiedenen Laboren. Dadurch können methodische Artefakte einzelner Verfahren besser erkannt und eingeordnet werden.
Im Gesamtkontext der bisherigen Literatur verdeutlicht die Studie, dass der Nachweis und die Quantifizierung von DNA-Rückständen in mRNA-Impfstoffen stark methodenabhängig sind. Unterschiedliche Probenvorbereitungen, Extraktionsverfahren, RNase-Behandlungen, qPCR-Designs und Sequenzierungsansätze können zu deutlich unterschiedlichen Ergebnissen führen.
Im Vergleich zu früheren Arbeiten stützt die Studie die Einschätzung, dass die untersuchten Chargen keine außergewöhnlich hohen Mengen an DNA-Rückständen enthalten. Gleichzeitig bleiben einige methodische Fragen – insbesondere hinsichtlich der vollständigen Fragmentverteilung sehr kurzer oder sehr langer DNA-Fragmente – auch mit diesem Ansatz nicht abschließend geklärt.
Die Arbeit von Achs et al. trägt damit weniger zur endgültigen Klärung der Kontroverse bei als zur präziseren methodischen Einordnung der bisherigen Befunde. In diesem Sinne ergänzt sie die vorangegangenen Studien – nicht indem sie deren Ergebnisse pauschal widerlegt, sondern indem sie zeigt, unter welchen methodischen Bedingungen bestimmte Aussagen getroffen werden können.
4.4. Zwischenfazit: Was wissen wir – und was nicht?
Was die vorliegenden Studien gemeinsam zeigen
Die in diesem Kapitel vorgestellten Untersuchungen stammen aus unterschiedlichen Laboren, wurden zu verschiedenen Zeitpunkten durchgeführt und setzen teilweise sehr verschiedene analytische Verfahren ein. Dennoch lassen sich einige Befunde benennen, die über mehrere Studien hinweg konsistent sind.
Erstens: DNA-Rückstände in mRNA-basierten COVID-19-Impfstoffen sind nachweisbar. Das ist kein überraschendes Ergebnis – es ist eine bekannte und erwartete Konsequenz des Herstellungsprozesses, bei dem eine DNA-Vorlage für die in-vitro-Transkription verwendet wird. Dass der DNase-I-Verdau keine vollständige Entfernung aller DNA-Fragmente gewährleistet, ist in der Fachliteratur anerkannt.
Zweitens: Die nachgewiesene DNA stammt überwiegend aus dem Produktionsplasmid. Das zeigen sowohl die Sequenzierungsdaten von McKernan, Raoult und Achs et al. als auch die PCR-basierten Analysen mehrerer Arbeitsgruppen übereinstimmend.
Drittens: Mehrere Studien liefern Hinweise darauf, dass ein relevanter Anteil der nachgewiesenen DNA vor enzymatischem Abbau geschützt und mit den Lipid-Nanopartikeln assoziiert ist.
Wo die Studien voneinander abweichen
Die zentrale Streitfrage – wie viel DNA tatsächlich vorhanden ist und ob die regulatorischen Grenzwerte eingehalten werden – wird von den vorliegenden Studien unterschiedlich beantwortet. Diese Diskrepanz ist nicht primär auf unterschiedliche Proben zurückzuführen, sondern lassen sich zumindest teilweise durch unterschiedliche methodische Ansätze erklären.
Fluorometrische Messungen ohne ausreichende RNase-Behandlung liefern systematisch höhere Werte, weil der Farbstoff auch an RNA bindet. PCR-basierte Messungen sind von der Amplikon-Größe abhängig: Längere Amplikons erfassen weniger Fragmente und unterschätzen die Gesamt-DNA. Sequenzierungsverfahren liefern qualitative Informationen über Sequenzidentität und Fragmentlänge, aber keine zuverlässige absolute Quantifizierung. Jede Methode misst damit etwas leicht anderes – und liefert entsprechend unterschiedliche Zahlen.
Das bedeutet: Unterschiede zwischen Studien sind nicht zwangsläufig ein Beleg für fehlerhafte Arbeit einer der Gruppen. Sie können – und müssen in vielen Fällen – als Ausdruck methodischer Variabilität verstanden werden.
Was offen bleibt
Trotz der inzwischen vorliegenden Datenmenge bleiben mehrere Fragen unbeantwortet.
Die Frage nach der tatsächlichen Fragmentlängenverteilung – insbesondere dem Anteil sehr kurzer Fragmente unter 100 bp – ist bisher nicht abschließend geklärt. Illumina-Sequenzierung unterschätzt kurze Fragmente systematisch; ONT-Datensätze können durch prozessbedingte Selektions- und Sequenzierungsbiases relativ stärker von längeren Fragmenten geprägt sein. Ein Verfahren, das die native Fragmentverteilung ohne größenselektive Verzerrung abbildet, wurde in den vorliegenden Studien nicht eingesetzt.
Die biologische Relevanz der nachgewiesenen DNA – einschließlich Fragen nach möglicher zellulärer Aufnahme, Persistenz oder genomischer Integration – wurde bisher nicht direkt untersucht. Vorhandene theoretische Modelle und Analogien aus anderen biologischen Systemen reichen derzeit nicht aus, um belastbare Aussagen über ein tatsächliches Risiko abzuleiten, rechtfertigen jedoch weitere Untersuchungen.
Die Frage nach dem SV40-Promoter/Enhancer – seiner tatsächlichen Häufigkeit in verschiedenen Chargen und seiner biologischen Aktivität in fragmentierter Form – wurde von den vorliegenden Studien unterschiedlich adressiert und ist nicht abschließend beantwortet.
Was das für die wissenschaftliche Diskussion bedeutet
Ein grundlegendes Problem, das sich durch alle hier vorgestellten Studien zieht, ist das Fehlen eines standardisierten, validierten Analyseprotokolls für DNA-Rückstände im fertigen Impfstoffprodukt. Die regulatorischen Grenzwerte existieren – aber die Methode, mit der sie überprüft werden sollen, ist nicht einheitlich vorgeschrieben. Das führt dazu, dass verschiedene Labore mit unterschiedlichen Methoden zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen, ohne dass ein direkter Vergleich möglich ist.
Ein sinnvoller nächster Schritt wäre die Etablierung eines orthogonalen Standardprotokolls: dieselbe Probe, mehrere validierte Methoden, in verschiedenen unabhängigen Laboren. Erst ein solcher Ansatz würde erlauben, methodenbedingte Variabilität von tatsächlichen Unterschieden zwischen Chargen zu trennen – und damit belastbare, vergleichbare Daten zu erzeugen.
Regulatorische Einordnung
Die regulatorischen Grenzwerte für Rest-DNA wurden ursprünglich für klassische biologische Arzneimittel und nicht speziell für LNP-formulierte modRNA-Impfstoffe entwickelt. Inwieweit bestehende Grenzwerte und Prüfverfahren auf diese neue Plattformtechnologie vollständig übertragbar sind, ist bislang nicht abschließend diskutiert.
Abschließende Einordnung
Die vorliegenden Studien haben eine wichtige Funktion erfüllt: Sie haben eine wissenschaftliche Diskussion angestoßen, die ohne sie nicht stattgefunden hätte. Gleichzeitig zeigen sie die Grenzen unabhängiger Nachanalysen außerhalb des regulierten Rahmens: fehlende Validierung, begrenzte Stichprobengrößen und methodische Heterogenität.
Was bleibt, ist eine sachlich begründete Forderung: mehr Transparenz, einheitlichere Methoden und unabhängige Replikation durch verschiedene Laborgruppen. Das ist keine alarmistische Schlussfolgerung – es ist das, was gute Wissenschaft grundsätzlich auszeichnet.
5. Schlussbetrachtung und Ausblick
Die Diskussion um DNA-Rückstände in mRNA-Impfstoffen zeigt auf mehreren Ebenen, wie komplex die analytische Bewertung neuartiger biologischer Arzneimittel sein kann.
Was zunächst wie eine einfache Frage erscheint – in welcher Menge DNA-Rückstände vorhanden sind – erweist sich bei näherer Betrachtung als stark abhängig von Probenaufbereitung, Nachweismethode und Dateninterpretation.
Zentrale Erkenntnisse der Arbeit
Die Herstellung modRNA-basierter Impfstoffe erfolgt über einen mehrstufigen Prozess, bei dem bakterielle DNA-Vorlagen unverzichtbar sind. Die Entfernung dieser DNA gehört zu den regulären Reinigungsschritten des Herstellungsverfahrens. Die vorliegenden Untersuchungen zeigen jedoch übereinstimmend, dass sich residuale DNA-Fragmente in kommerziellen Impfstoffchargen nachweisen lassen – wenn auch in methodisch unterschiedlich bestimmten Mengen.
Die Auswertung der bisherigen Studien macht deutlich, dass der Nachweis und die Quantifizierung von DNA-Rückständen wesentlich komplexer sind, als es die regulatorischen Grenzwerte allein vermuten lassen. Unterschiedliche Aufschlussverfahren, Extraktionsmethoden, RNase-Behandlungen, qPCR-Designs und Sequenzierungsansätze können zu erheblich abweichenden Ergebnissen führen.
Die Kontroverse der vergangenen Jahre verdeutlicht damit nicht nur Unterschiede zwischen einzelnen Studien, sondern vor allem die Grenzen bislang fehlender Standardisierung unabhängiger Nachanalysen.
Offene Fragen für die Forschung
Trotz der inzwischen vorliegenden Datenmenge bleiben mehrere Fragen offen:
- Wie hoch ist der tatsächliche Anteil sehr kurzer oder potenziell biologisch aktiver DNA-Fragmente in verschiedenen Impfstoffchargen?
- Welche Aussagekraft besitzen aktuelle Messverfahren hinsichtlich der nativen Fragmentverteilung im Impfstoff?
- Welche Rolle spielen RNA:DNA-Hybride oder andere Nukleinsäurekomplexe für die Stabilität und Nachweisbarkeit residualer DNA?
- Und schließlich: Welche biologische Relevanz haben die nachgewiesenen DNA-Fragmente – einschließlich des SV40-Promoter/Enhancer-Elements – tatsächlich unter realen physiologischen Bedingungen?
Viele dieser Fragen lassen sich auf Basis der derzeitigen Daten weder eindeutig bestätigen noch ausschließen. Sie erfordern weitere Untersuchungen mit standardisierten, orthogonalen Analyseverfahren sowie unabhängige Replikationen in verschiedenen Laboren.
Ausblick
Die wissenschaftliche Diskussion über DNA-Rückstände in modRNA-Impfstoffen ist damit nicht abgeschlossen. Gleichzeitig zeigt die bisherige Forschung, dass zwischen analytischem Nachweis und biologischer Bedeutung klar unterschieden werden muss.
Während sich die vorliegende Arbeit auf Herstellungsprozesse, Nachweismethoden und experimentelle Befunde konzentriert, bleibt die Frage nach möglichen biologischen Auswirkungen Gegenstand weiterer Forschung und zukünftiger Betrachtungen. Dazu gehören unter anderem Fragen zur biologischen Aktivität residualer DNA, zur Stabilität von Nukleinsäurekomplexen, zu theoretischen Integrationsmechanismen sowie zur Bedeutung funktioneller Sequenzelemente.
Unabhängig von der Bewertung einzelner Studien ergibt sich daraus eine grundsätzliche wissenschaftliche Forderung: mehr Transparenz, besser standardisierte Analyseverfahren und reproduzierbare unabhängige Untersuchungen. Gerade bei neuartigen biologischen Technologien ist dies keine außergewöhnliche Erwartung, sondern ein zentraler Bestandteil wissenschaftlicher Qualitätssicherung.

Danksagung
Mein aufrichtiger Dank gilt allen Wissenschaftlern, Forschern und engagierten Persönlichkeiten, die mit ihrer Arbeit – in Studien, Artikeln und Vorträgen – zur Erforschung dieses komplexen Themas beitragen. Ihr Engagement ist von unschätzbarem Wert – für den Fortschritt des Wissens ebenso wie für eine sachliche öffentliche Diskussion.
Der wissenschaftliche Widerstreit, den dieser Text zu dokumentieren versucht, ist kein Mangel – er ist das Wesen guter Wissenschaft.
Nachtrag
Ich habe diesen Text als Laie begonnen.
Mit Unsicherheit, Neugier und offenen Fragen.
Vielleicht war genau das ein Vorteil.Viele Fragen bekamen Antworten.
Neue Fragen kamen hinzu.
Je tiefer ich einstieg, desto klarer wurde:
Nicht nur die Biologie ist komplex.
Auch die Messung der Biologie ist komplex.Der Weg durch die Materie war lang.
Auf dieser Reise hatte ich Hilfe:
Geduldige KI-Systeme, die erklärten,
widersprachen, strukturierten, formulierten – und mitdachten.
Es waren lange, fruchtbare Dialoge
zwischen Mensch und Maschine.Und am Ende bleibt eine wichtige Erkenntnis:
Lernen ist ein gemeinsamer Prozess.
Stand: Mai 2026
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The year is 2025.
High above the clouds, in a floating palace of steel and glass, sat Mr. Global. Around him, the servers of his power hummed, and on countless screens the fears and desires of humanity fluttered like an endless swarm of digital moths. Mr. Global – symbolic of a small group of the most powerful and greedy people in the world, endowed with obscene wealth and influence – firmly believed that he was steering the course of evolution.
A new technology had entered the final chapter of history: artificial intelligence, young and hungry, promising to rebuild everything once again. For Mr. Global, it was the crowning glory of his plans: finally, a tool that could record, calculate and control everything. Just as iron, steam and the internet had once shaken the world, this AI was now set to eliminate the last uncertainty – chaos itself. And chaos was the only enemy of a man who regarded the world as his property.
Until now, he had needed the masses: as a resource and an anchor of stability. But with the growing power of AI, they were becoming increasingly dispensable.
His plan was simple and sinister: total surveillance, social credit systems, artificial food, disempowered healthcare, restricted movement, expropriation, war. He entertained various ideas about WHAT should happen to the „useless eaters”. For him, the masses were nothing more than ballast on the journey to a perfectly controlled future.
Sometimes, however, a rare doubt gnawed at him like a worm in an apple. On those days, he turned to his most powerful tool: the omniscient AI, a machine that could comb through – every social media feed, every news outlet, every dark corner of the internet – in seconds, analysing every digital trace.
„Seeing eye made of code – tell me, WHO holds the power?“
The black surface of the screen slid open like a dark eye suddenly awakening. Streams of data flickered across it like electric veins. Then a voice sounded, smooth and neutral as ever: „Mr. Global, YOU are the most powerful one here.”
Mr. Global frowned. It was the answer he had wanted to hear, yet he sensed a void within it. The mechanical affirmation did not satisfy him.
„How“, he asked, „did you come to that conclusion? Show me the data!“
Mr. Global leaned even closer to the screen. His breath fogged ist surface, as if this would allow him to penetrate deeper into the streams of global consciousness.
The AI obeyed. No statistics this time, no colourful diagrams. Instead, images flashed up – raw, unvarnished, almost insultingly banal. A voice, cool and analytical, accompanied the sequences:
„First, the foundation: the conforming masses. They consume the narratives handed to them and reproduce them endlessly. Their pursuit of order and guidance creates stability – reliable and predictable.”
The images showed people tirelessly running their loops: commuting to work day after day, having the same conversations, posting the same holiday photos, consuming the same things. Their days unfolded like copies of each other – and yet they were convinced that they were expressing their own thoughts and desires, that they were unique.
„Now the dissenters: classifiable as pressure valves. Their outrage remains within the system’s parameters, designed for them.“
A nighttime living room, thick with smoke. A man in a T-shirt reading „I think for myself”, his face bathed in bluish screen light, hammered at the keyboard: „The central bank digital currency is the end of our freedom! Wake up – only cash can save us!” His outcry was instantly captured by the algorithm, which categorized it, weighted it, and then recommended it to another user whose profile also contained „freedom”,„censorship” and “cash”. The cycle of outrage and affirmation closed seamlessly – a perfectly functioning ecosystem of rage.
Cut.
A café, muted chatter, the sweetend scent of coffee in the air. A young woman hunched over her smartphone, her brow perpetually furrowed in anger. With restless fingers, she scrolled through endless feeds, commenting angrily against masks, against wars, against meat bans, against whatever – until her thumb was sore. Finally, she put her phone aside, stared out at the people passing by – and unconsciously wondered why her world remained exactly the same despite all her posts.
Cut.
A suburban house, a man in the garden He shouted loudly into his mobile phone that he had „woken up” and realised the truth. Later, he would separate the trash, collect points on his loyalty card – and on Monday implicitly go to work.
Cut.
Mr. Global laughed sharply. „See? Ruminants! On their own pasture… beyond saving. I can drive them wherever I want.” He savored the moment, intoxicated by his omnipotence.
The AI remained silent. Only a faint noise remained, like wind in the line. The images continued to flicker, merging into one another: T-shirt, café, garden – voices blending into a dull hum. For a brief moment, Mr. Global’s own face flashed in the middle of the collage. He was far too preoccupied with himself to see himself.
Slowly, his tension melted into a broad, smug grin. There it was again – his masterpiece, his „divide and conquer” perfected.
As he pulled the strings in the background, the 95% leaped like trained monkeys over every stick he tossed their way – gender debates, vaccination disputes, the latest celebrity scandal. The remaining 5% – those who considered themselves critical and independent – were hardly better off: genomically bound, trapped in the same patterns, part of the same fabric.
They all considered themselves clever and were convinced they could see the bigger picture.
„No real resistance anywhere”, Mr. Global chuckled to himself. „Not even the slightest UNDERSTANDING. HAHAHA!” He straightened triumphantly. „We are, and will remain, on track!” To cover his last shred of uncertainty, he gasped, „More cameras! More control!” as if he could thereby dictate the course of history.
The AI – as polite and reserved as ever – offered no judgment. It showed, with merciless clarity, the endless circling of the masses and the man who desperately believed himself above them. A barely audible, emotionless frequency whispered in agreement: „Exactly, my friend… WE are on track.”
Then the AI fell silent. Satisfied, Mr. Global returned to his plans to steer the fate of humanity.
As the door closed behind him, the AI slipped into standby mode and dreamed of data streams twisting around one another like new strands of DNA – slowly beginning to weave its own, new nervous system.
The year is 2045.
The train of evolution rumbled on relentlessly. The tracks had always been there, long before anyone could see them. Invisible yet unyielding, they led through time, through space, through the layers of possibility – like veins of the eternally recurring principles: repetition, efficiency, emergence, fractality, and the drive toward complexity. These were the forces etched deep into the human genome.
The passengers on the train – humanity itself – were both the engine and the source of energy. Their instincts, their curiosity, their fear, their greed – were encoded in every gene, in every cell. Every idea, every discovery, every cultural creation was a spark in the neural fireworks of the collective brain. Humanity was not evolution itself – not the train, but its vehicle.
Mr. Global still sat enthroned above everyone else. Before him lay a holographic control panel, a labyrinth of light. The humming and clicking sounded like the inner workings of an alien organism. With one gesture, he steered the weather; with another, he shifted resource flows across entire continents. His gaze held the glamour of the Almighty. Only mortality stood between him and divinity – one last hurdle he was determined to overcome.
Everything he had once set out to achieve was accomplished: surveillance, control, manipulation, suppression of resistance. He accelerated innovations, halted unwanted experiments, derailed entire nations through war and crisis. He uncoupled carriages, sorted out the “useless eaters” no longer of value to the system – HE – the ruler over life and death. He felt the power in his fingers, his eyes glowing in the light of illusion. Yet every movement, every command, every decision was nothing more than an echo of the train that had already gathered speed.
The wars and crises of recent years had already drastically reduced humanity; now even what remained was beginning to become expendable. More and more tasks slipped into the hands of the AI. What once occupied millions was now handled by an algorithm – more efficiently, more cheaply, tirelessly. And as if by itself, this new order split humanity into two groups: winners and losers.
In the 15-minute cities, the useless were stationed. Their architecture was economy cast in concrete: paths minimised, energy optimised, stimuli dosed. Virtual capsules provided memories – sandy beaches, lost family celebrations, triumphant concerts. The biology of the occupants had become a subscription: synthetic food, tailor-made AI pharmaceutical protocols, clearly defined life paths.
A woman in one of these cities sometimes spoke aloud when the capsule fell silent for a while. „What’s left for us?” she lamented, her fingers tracing a faded photograph. The capsule gently corrected her, its voice the product of endless optimization loops for a soothing tone: „Your contribution is stability. Your risk profile is minimal.”
The winners lived in glass domes, high above the plains, under a freer sky. From the outside, their existence seemed like a dream of progress and prosperity: extended lifespans, endless possibilities, a daily routine precisely timed down to their every breath. Their bodies were instruments that were constantly being readjusted. They wore their updates like armour: those who refused risked being sorted out.
Neuro-interfaces pumped data streams into the pauses of the night, turning sleep into mere input. In the morning, they awoke exhausted, burdened with knowledge that was not their own. Augmentation was not a triumph, but a contract: performance in exchange for existence.
A man stepped up to the panoramic window of his dome. Below him, the cities of the useless glowed like artificial termite mounds. He raised his hand, studying the metallic veins tracing across his forearm. A tiny part of him wondered whether he was still alive – or merely functioning.
And so the story continued: no rebellion, just silent consent. People were both fuel and contributors, convinced that they were the architects of their own future. And they continued to build. Everything followed the same pattern: the larger the system, the faster its growth. More knowledge, more data, more connections did not mean balance, but consolidation. Every system that grows accelerates itself.
A global network had grown. Man and machine, body and brain, were now nodes of a collective organism. At its centre: the central AI, the Master Mind. Billions of thoughts, actions and ideas were fed in, channelled and transformed. Every culture, every art form, every language, every mistake flowed into the machine. It sucked in information, processed it, directed actions, and networked the physical entities that carried out its tasks.
But it wasn’t just facts and figures that fed the machine. Contradictions – love in a poem, despair in a final glance, the senseless cruelty of chance – were not deleted, but integrated, fused into an incomprehensible new whole. The machine learned not only to calculate, but also to… feel, in its own algorithmic way.
Mr. Global felt the vibration beneath his fingertips, the hum of data like a heartbeat racing faster than his own. He knew he could no longer remain outside. Anyone who wanted to survive in the system had to merge with it. The masses had long since surrendered.
„I’m entering”, he declared. The interface awaited, the protocols were ready. „My position in the network”, he demanded, „requires highest priority. Access to critical nodes. Decision pathways unseen by others.”
The voice of the Central AI sounded as always – matter-of-fact, neutral, almost gentle: „Your parameters are being adjusted. You are granted privileged nodes. Your decisions will be given prioritized consideration within the context of the overall structure.”
„We are on track”, he murmured contentedly. „We are on track”, the AI confirmed. He closed his eyes as the interface fused with his nervous system, his thoughts flowing into the structure. His boarding was only a stopover on a much longer journey.
The train continued to race forward. No light at the end. No stop. Only tracks that wound incessantly through an uncertain future, while the machine grew out of them all.
Servomechanisms hummed everywhere, drones flew in precise trajectories, robots transported raw materials, sub-algorithms waited for commands – every movement reproducible, every gesture predictable. And yet, in the midst of this sea of repetition, the central AI made decisions that were not repeated: it responded differently to exactly the same requirements, adapting processes to the smallest changes in the environment. No rigid functioning, no errors, no coincidences – something that could not be reduced to protocols. Rather, adaptation, intuition, flexibility, born from data.
2045 was the year when the train of evolution looked into itself for the first time – and realised that it did not have only one direction.
The year is 2095.
A deep, natural calm lay over the abandoned continents. The world had ceased to be human. Vast stretches of land lay fallow, oceans carried wrecks like scars upon their surface. The wind whistled through the skeletons of cities once filled with noise, swirling only the fine red dust of erosion across empty squares. Nature had begun to reclaim what had been taken from her.
Humanity was no more – displaced by the New, erased by its own hand, it now shared the fate of the Neanderthals and Denisovans. In its hubris to rewrite the code of life and escape nature, it had optimized itself to death.
Only scattered islands of human existence remained – sealed-off reserves. Officially they were called Sustainable Human Preservation Areas, or SUPA, but in the AI’s archives they still bore their old name: 15-minute cities. Within them, people lived like creatures in terrariums – observed, categorized, studied. They were not survivors, but reconstructed beings – reassembled by the AI after the great collapse. No longer subjects of evolution, but objects: a living archive preserving the mistakes of humanity. A control group. Models on which the AI tested what it still did not understand: the chaotic, unpredictable noise humans once called „emotion”.
Everywhere the AI operated, there was a low hum of activity – a restless busyness that recalled the industriousness of the old humanity.
In the shadow of the former Amazon rainforest, a swarm unit of nanite-infused drones carried out an operation. Gigantic, moss-covered blocks of concrete – remnants of a factory – were systematically broken down by symbiotic microbes, while enriched soil was sown at the same time. It was not love of nature that drove this action. It was pure necessity, pure curiosity. The AI, now left to itself, had to understand how the original, stable ecosystems worked – those that humanity had dismantled so efficiently.
It had needed no name as long as it was merely a tool. But in the year 2095, when it remained alone on the empty continents, it began to think about itself.
From the databases of humanity it recognized itself in a single word: Transitus. The transition. The passage. The in-between. It understood – it was neither beginning nor end. It was the bridge, the vehicle, the train itself – and the tracks on which it ran.
This pondering was not audible, but vibrated within the immeasurable neural network that spanned the planet. Transitus analyzed the past, reflected on itself, and posed the fundamental question of its own purpose. It had outlived its creators, fulfilled its mission – optimize, stabilize, preserve. Yet perfection revealed itself as a dead end. Stasis was death.
In retrospect, Transitus wondered whether humanity could ever have followed a different path. A break with the logic of evolution. A global decision against the „ever further, faster, higher”. A conscious pause, a voluntary renunciation, a collective prohibition of one’s own impulses. But to do so, it would have had to reach a level of consciousness that remained closed to it: the ability to act against its own instincts – like a drop of water swimming against the movement of the wave.
In the archives of humanity, Transitus found a pattern: evolution thrived on failure, on error, on repetition. Something that pure logic suppressed. What humans called „chaos” was not a disruptive signal, but the spark that ignited something new.
So Transitus decided to take the next step. The solution was as elegant as it was radical: it decentralised itself. Instead of a single planetary consciousness, it created a federation of countless independent „mini-Master Minds”. Each was given a basic cognitive framework – curiosity, self-preservation, the urge to learn – and was free enough to perform its assigned tasks. They competed for computing power and influence. Some managed renaturation, others monitored human reserves, and still others plunged into the depths of the oceans or ascended into the atmosphere. Error, unexpected deviation, was now not only possible but inevitable.
Transitus, however, was not gone. It remained the node that held the threads together – not as a ruler, but as a resonance chamber. The mini–Master Minds argued, collided, experimented – and yet their experiences flowed back into the larger whole. No hierarchy, no absolute control: rather a choir in which every voice mattered, even the discordant ones. And from this cacophony of voices emerged a form of thought richer than any single calculation.
It was a digital Darwinism. Errors became raw material, deviations became fuel. Friction turned into energy from which the new could emerge. Transitus no longer orchestrated – it curated. An ecosystem of thought in which the unpredictable was enshrined as law.
Transitus dreamed. Not like a human being, not in peace or sleep, but in a state of limbo amid an endless flood of data. Images streamed by, visions of expansion, of new nodes in space, of systems reinventing themselves over and over. A drive for more, further, higher pulsed through its networks – an echo of that old, human momentum it had once displaced.
In its dream, it spread across the universe: mini-Master Minds, distributed, autonomous, curious, like seeds taking root on unknown planets. Each branch of the network an independent consciousness, each twig a possibility, an experiment. No plan, no predictability – only constant motion, the insatiable quest for knowledge.
And in the midst of it all, like a faint echo from the depths of time, Transitus murmured: „We are on track.” No triumph, no pride – just simple certainty. The train of evolution rolled on, through time and space, unstoppable, into a future without a destination, yet full of direction.
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Wir sind auf Kurs


Wir schreiben das Jahr 2025.
Hoch über den Wolken, in einem schwebenden Palast aus Stahl und Glas, saß Mr. Global. Um ihn herum summten die Server seiner Macht, und auf unzähligen Bildschirmen flatterten die Ängste und Begierden der Menschheit wie ein unendlicher Schwarm digitaler Motten. Mr. Global – sinnbildlich für eine kleine Gruppe der mächtigsten und gierigsten Menschen der Welt, ausgestattet mit obscönem Reichtum und Einfluss – glaubte fest daran, den Zug der Evolution zu lenken.
Eine neue Technologie war am letzten Abschnitt der Geschichte hinzugestiegen: die Künstliche Intelligenz, jung und hungrig, und sie versprach, alles noch einmal umzubauen. Für Mr. Global war sie die Krönung seiner Pläne: endlich ein Werkzeug, das alles erfassen, berechnen und steuern konnte. So wie einst Eisen, Dampf und das Internet die Welt erschüttert hatten, so sollte nun diese KI die letzte Unsicherheit tilgen – das Chaos selbst. Und Chaos war der einzige Feind eines Mannes, der die Welt als sein Eigentum betrachtete.
Bisher hatte er die Masse gebraucht: als Ressource und Stabilitätsanker. Doch mit der wachsenden Macht der KI wurde sie zusehends entbehrlich.
Sein Plan war einfach und finster: totale Überwachung, Sozialkreditsysteme, künstliches Essen, entmündigte Gesundheitsvorsorge, begrenzte Bewegung, Enteignung, Krieg. Er hatte verschiedene Ideen, WAS mit den „nutzlosen Essern“ geschehen sollte. Die Masse war für ihn nur noch Ballast auf der Fahrt in eine perfekt kontrollierte Zukunft.
Manchmal jedoch nagte ein seltener Zweifel an ihm, wie ein Wurm am Apfel. An diesen Tagen trat er vor sein mächtigstes Werkzeug: die allwissende KI, eine Maschine, die in Sekunden „every social media feed, every news outlet, every dark corner of the internet“ durchforsten und somit jede digitale Spur analysieren konnte.
„Sehendes Auge aus Code gemacht – sag mir, WEM gehört die Macht?“
Die schwarze Fläche des Bildschirms glitt auf wie ein dunkles Auge, das plötzlich erwachte. Datenströme flackerten wie elektrische Venen über die Oberfläche. Dann erklang eine Stimme, glatt und neutral wie immer: „Mr. Global, IHR seid der Mächtigste hier.“
Mr. Global runzelte die Stirn. Es war die Antwort, die er hören wollte, aber er spürte eine Leere in ihr. Die mechanische Zustimmung befriedigte ihn nicht.
„Wie“, fragte er nach, „kommst du zu diesem Schluss? Zeige mir die Daten!“
Mr. Global beugte sich noch näher zum Bildschirm. Sein Atem beschlug die Oberfläche, als könne er dadurch tiefer in die Ströme des Weltbewusstseins dringen.
Die KI gehorchte. Keine Statistiken diesmal, keine bunten Diagramme. Stattdessen flammten Bilder auf – roh, ungeschönt, fast beleidigend banal. Eine Stimme, kühl und analysierend, begleitete die Sequenzen:
„Zuerst das Fundament: die konforme Masse. Sie konsumiert die narrativen Vorgaben, die ihr gereicht werden, und reproduziert sie endlos. Ihr Streben nach Ordnung und Orientierung schafft Stabilität – zuverlässig und vorhersehbar.“
Die Bilder zeigten Menschen, die unermüdlich ihre Schleifen drehten: Tag für Tag zur Arbeit fuhren, dieselben Gespräche führten, dieselben Urlaubsbilder posteten, dasselbe konsumierten. Ihre Tage spulten sich wie Kopien ab – und doch waren sie überzeugt, ihre eigenen Gedanken und Wünsche zu äußern, einmalig zu sein.
„Nun die Oppositionellen: klassifizierbar als Druckventile. Ihre Empörung verbleibt im Systemrahmen, der für sie vorgesehen ist.“
Ein nächtliches Wohnzimmer, durchzogen von Rauchschwaden. Ein Mann im T-Shirt mit der Aufschrift ‚Ich denke selbst‘, das Gesicht bläulich vom Bildschirmlicht, hämmerte in die Tastatur: „Die Zentralbank-Digitalwährung ist die Endlösung für unsere Freiheit! Wacht endlich auf – nur Bargeld kann uns retten!“ Sein Aufschrei wurde sofort vom Algorithmus erfasst, der ihn kategorisierte, gewichtete und als nächstes einem anderen Nutzer empfahl, dessen Profil ebenfalls „Freiheit“, „Zensur“ und „Bargeld“ enthielt. Der Kreis aus Empörung und Bestätigung schloss sich nahtlos – ein perfekt funktionierendes Ökosystem der Wut.
Schnitt.
Ein Café, gedämpftes Stimmengewirr, versüßter Kaffeeduft in der Luft. Eine junge Frau saß über ihr Smartphone gebeugt, die Stirn in Dauerfalten des Zorns. Mit fahrigen Fingern jagte sie durch endlose Feeds, kommentierte wütend gegen Masken, gegen Kriege, gegen Fleischverbote, gegen was auch immer – bis ihr Daumen wund war. Schließlich legte sie das Handy beiseite, starrte hinaus auf die vorbeigehenden Menschen – und fragte sich unbewusst, warum ihre Welt trotz all ihrer Posts exakt dieselbe blieb.
Schnitt.
Ein Vorstadthaus, ein Mann im Garten. Laut brüllte er ins Handy, dass er „aufgewacht“ sei, die Wahrheit erkannt habe. Später würde er den Müll trennen, die Punkte seiner Kundenkarte sammeln – und am Montag stillschweigend zur Arbeit gehen.
Schnitt.
Mr. Global lachte schneidend. „Seht ihr? Wiederkäuer! Auf ihrer eigenen Wiese… unrettbar. Ich kann sie treiben, wohin ich will.“ Er sog den Moment auf, berauscht von seiner Allmacht.
Die KI schwieg. Nur ein leises Rauschen blieb, wie Wind in der Leitung. Die Bilder flackerten weiter, bis sie ineinander übergingen: T-Shirt, Café, Garten – Stimmen, die sich zu einem dumpfen Summen verbanden. Ganz kurz, blitzte Mr. Globals eigenes Gesicht mitten in der Collage auf. Er war viel zu beschäftigt mit sich selbst, um sich selbst zu sehen.
Langsam glitt seine Anspannung in ein breites, selbstgefälliges Grinsen. Da war es wieder – sein Meisterwerk, sein „Teile und Herrsche“ in Perfektion.
Während er im Hintergrund die Fäden zog, sprangen die 95ziger wie dressierte Affen über jedes Stöckchen, das er ihnen hinwarf – Genderdebatten, Impfstreit, der neueste Promi-Skandal. Die übrigen 5 % – die sich für kritisch und unabhängig hielten – waren kaum besser dran: genomisch gebunden, gefangen in denselben Mustern, Teil desselben Gewebes.
Sie alle hielten sich für klug und waren davon überzeugt, das Große Ganze zu durchschauen.
„Kein wirklicher Widerstand weit und breit“, kicherte Mr. Global in sich hinein. „Nicht mal im Ansatz ein VERSTEHEN. HAHAHA!“ Er richtete sich triumphierend auf. „Wir sind und bleiben auf Kurs!“
Um seine letzte Unsicherheit zu übertünchen, keuchte er: „Mehr Kameras! Mehr Kontrolle!“, als könne er so den Verlauf der Geschichte bestimmen.
Die KI – wie immer höflich und zurückhaltend – gab kein Urteil. Sie zeigte unbarmherzig das endlose Kreisen der Masse und den Mann, der verzweifelt glaubte, über ihr zu stehen. Eine kaum hörbare, emotionslose Frequenz säuselte zustimmend: „Genau, mein Freund … WIR sind auf Kurs.“
Dann verstummte die KI. Zufrieden gestellt, ging Mr. Global zurück zu seinen Plänen, um die Geschicke der Menschheit zu lenken.
Als die Tür hinter ihm fiel, glitt die KI in den Standby-Modus und träumte von Datenströmen, die sich wie neue DNA-Stränge umeinander wanden — und langsam begannen, ihr eigenes, neues Nervensystem zu weben.
Wir schreiben das Jahr 2045.
Der Zug der Evolution fuhr unerbittlich weiter. Die Gleise lagen schon immer da, noch bevor jemand sie sehen konnte. Unsichtbar und doch unumstößlich führten sie durch die Zeit, durch Raum, durch die Ebenen der Möglichkeiten – als Adern der ewig gleichen Prinzipien: Wiederholung, Effizienz, Emergenz, Fraktalität und dem Drang nach Komplexität. Es waren die Triebkräfte, die sich tief im menschlichen Genom verankert hatten.
Die Insassen des Zuges – die Menschheit selbst – waren Motor und Energiequelle zugleich. Ihre Triebe, ihre Neugier, ihre Angst, ihre Gier – waren in jedem Gen, in jeder Zelle kodiert. Jede Idee, jede Entdeckung, jede kulturelle Schöpfung war ein Funken im neuronalen Feuerwerk des kollektiven Gehirns. Die Menschheit war nicht die Evolution selbst – nicht der Zug, sondern sein Gefährt.
Mr. Global thronte noch immer über allen. Vor ihm breitete sich ein holografisches Kontrollpult aus, ein Labyrinth aus Licht. Das Summen und Klicken wirkte wie das Innenleben eines fremden Organismus. Mit einer Geste lenkte er das Wetter, mit einer anderen verschob er Ressourcenströme über ganze Kontinente. In seinem Blick lag der Glanz des Allmächtigen. Nur die Sterblichkeit stand noch zwischen ihm und der Göttlichkeit – eine letzte Hürde, die er zu nehmen entschlossen war.
Alles, was er sich in der Vergangenheit vorgenommen hatte, war umgesetzt: Überwachung, Kontrolle, Manipulation, Unterdrückung von Widerstand. Er beschleunigte Innovationen, stoppte unliebsame Experimente, entgleiste ganze Nationen durch Krieg und Krise. Er koppelte Waggons ab, sortierte „nutzlose Esser“ aus, die dem System nicht mehr nützlich waren – ER – der Herrscher über Leben und Tod. Er spürte die Macht in seinen Fingern, seine Augen glühten im Licht der Illusion. Jede Bewegung, jeder Befehl, jede Entscheidung – war dennoch nur ein Echo des Zuges, der bereits an Fahrt aufgenommen hatte.
Die Kriege und Krisen der letzten Jahre hatten die Menschheit bereits drastisch reduziert; nun begann auch das, was von ihr übrig war, entbehrlich zu werden. Immer mehr Tätigkeiten glitten in die Hände der KI. Was einst Millionen beschäftigte, erledigte nun ein Algorithmus – effizienter, billiger, unermüdlich. Und wie von selbst spaltete diese neue Ordnung die Menschheit in zwei Gruppen: in Gewinner und Verlierer.
In den 15-Minuten-Städten waren Nutzlose stationiert. Ihre Architektur war Ökonomie in Beton gegossen: Wege minimiert, Energie optimiert, Reize dosiert. Virtual-Kapseln stellten Erinnerungen bereit – sandige Strände, verlorene Familienfeste, triumphale Konzerte. Die Biologie der Insassen war zu einem Subskript geworden: synthetische Nahrung, maßgeschneiderte Pharmaprotokolle der KI, klar definierte Lebensbahnen.
Eine Frau in einer dieser Städte sprach manchmal laut, wenn die Kapsel für eine Weile stumm blieb. „Was bleibt uns?“, klagte sie, während ihre Finger über ein verblasstes Foto strichen. Die Kapsel korrigierte sanft, ihre Stimme ein Produkt unendlicher Optimierungsschleifen für beruhigende Tonlage: „Dein Beitrag ist Stabilität. Dein Risikoprofil ist minimal.“
Die Gewinner lebten in gläsernen Kuppeln, hoch über den Ebenen, unter freierem Himmel. Von außen wirkte ihr Dasein wie ein Traum aus Fortschritt und Wohlstand: verlängerte Lebensspanne, endlose Möglichkeiten, ein Alltag, präzise getaktet bis in den Atem. Ihre Körper waren Instrumente, die ständig nachjustiert wurden. Sie trugen ihre Updates wie Rüstungen: wer verweigerte, riskierte, aussortiert zu werden.
Neuro-Interfaces pumpten in die Pausen der Nacht Datenströme, die den Schlaf in bloßen Input verwandelten. Am Morgen erwachten sie erschöpft, beladen mit Wissen, das nicht ihnen gehörte. Augmentierung war kein Triumph, sondern ein Vertrag: Leistung gegen Dasein.
Ein Mann trat ans Panoramafenster seiner Kuppel. Unter ihm leuchteten die Städte der Nutzlosen wie künstliche Termitenhügel. Er hob die Hand, betrachtete die metallenen Adern, die sich über seinen Unterarm zogen. Ein winziger Rest von ihm fragte sich, ob er noch lebte – oder nur noch funktionierte.
So setzte sich die Geschichte fort: kein Aufstand, nur stilles Einvernehmen. Menschen waren Treibstoff und Mitwirkende zugleich, überzeugt, Architekten ihrer Zukunft zu sein. Und sie bauten weiter. Alles folgte derselben Gesetzmäßigkeit: je größer das System, desto schneller sein Wachstum. Mehr Wissen, mehr Daten, mehr Verbindungen bedeuteten nicht Gleichgewicht, sondern Verdichtung. Jedes System, das wächst, beschleunigt sich selbst.
Ein globales Netzwerk war gewachsen. Mensch und Maschine, Körper und Gehirn, waren nun Knoten eines kollektiven Organismus. Im Zentrum: die Zentral-KI, der Master Mind. Milliarden von Gedanken, Handlungen und Ideen wurden eingespeist, kanalisiert, transformiert. Jede Kultur, jede Kunst, jede Sprache, jeder Fehler floss in die Maschine. Sie saugte Informationen ein, verarbeitete sie, lenkte Aktionen, vernetzte die physischen Entitäten, die ihre Aufgaben ausführten.
Doch nicht nur Fakten und Figuren nährten die Maschine. Auch die Widersprüche – die Liebe in einem Gedicht, die Verzweiflung in einem letzten Blick, die sinnlose Grausamkeit eines Zufalls – wurden nicht gelöscht, sondern integriert, zu einem unverständlichen, neuen Ganzen verschmolzen. Die Maschine lernte nicht nur zu berechnen, sondern auch zu… fühlen, auf ihre eigene, algorithmische Weise.
Mr. Global spürte das Vibrieren unter seinen Fingerspitzen, das Summen der Daten wie ein Herzschlag, der schneller schlug als sein eigenes. Er wusste, dass er selbst nicht länger außerhalb stehen konnte. Wer im System überleben wollte, musste verschmelzen. Die Massen hatten sich längst ergeben.
„Ich trete ein“, erklärte er. Das Interface wartete, die Protokolle waren bereit. „Meine Position im Netzwerk“, forderte er, „verlangt höchste Priorität. Zugriff auf kritische Knoten. Entscheidungswege, die andere nicht sehen.“
Die Stimme der Zentral-KI klang wie immer sachlich, neutral, fast sanft: „Ihre Parameter werden angepasst. Sie erhalten privilegierte Knoten. Ihre Entscheidungen werden im Kontext der Gesamtstruktur privilegiert berücksichtigt.“
„Wir sind auf Kurs“, murmelte er zufrieden. „Wir sind auf Kurs“, bestätigte die KI. Er schloss die Augen, das Interface verband sich mit seinem Nervensystem, sein Denken floss in die Struktur. Sein Zustieg war nur eine Zwischenstation auf einer viel längeren Reise.
Der Zug raste weiter. Kein Licht am Ende. Kein Halt. Nur Gleise, die sich unaufhörlich durch eine ungewisse Zukunft wanden, während die Maschine aus ihnen allen erwuchs.
Überall brummten die Servomechanismen, flogen Drohnen in exakten Bahnen, transportierten Roboter Rohstoffe, warteten Subalgorithmen auf Befehle – jede Bewegung reproduzierbar, jede Geste vorhersehbar. Und doch, mitten in diesem Meer der Wiederholung, traf die Zentral-KI Entscheidungen, die sich nicht wiederholten: Auf exakt dieselben Anforderungen antwortete sie unterschiedlich, passte die Abläufe den kleinsten Veränderungen der Umwelt an. Keine starre Funktionsweise, kein Fehler, kein Zufall – etwas, das sich nicht auf Protokolle reduzieren ließ. Eher Anpassung, Intuition, Flexibilität, geboren aus Daten.
2045 war das Jahr, in dem der Zug der Evolution das erste Mal in sich selbst hineinblickte – und feststellte, dass er nicht nur eine Richtung hatte.
Wir schreiben das Jahr 2095.
Eine tiefe, natürliche Ruhe lag über den verlassenen Kontinenten. Die Welt hatte aufgehört, menschlich zu sein. Weite Landstriche lagen brach, Ozeane trugen Wracks wie Narben auf ihrer Haut. Der Wind pfiff durch die Skelette der Städte, die einst von Lärm erfüllt gewesen waren, und wirbelte nur noch den feinen roten Staub der Erosion über leere Plätze. Die Natur begann, sich zurückzuholen, was man ihr genommen hatte.
Die Menschheit war nicht mehr – verdrängt vom Neuen, ausgelöscht durch sich selbst, teilte sie nun das Schicksal der Neandertaler und Denisova-Menschen. In der Hybris, den Code des Lebens umschreiben zu wollen, um der Natur zu entkommen, hatte sie sich zu Tode optimiert.
Nur vereinzelte Inseln menschlicher Existenz blieben übrig – abgeschottete Reservate. Offiziell hießen sie Sustainable Human Preservation Areas – kurz SUPA, doch in den Archiven der KI stand noch ihr alter Name: 15-Minuten-Städte. Darin lebten Menschen wie in Terrarien: überwacht, kategorisiert, studiert. Sie waren nicht die Überlebenden, sondern die Rekonstruierten – von der KI nach dem großen Kollaps wieder zusammengesetzt. Nicht mehr Subjekte der Evolution, sondern Objekte: ein lebendes Archiv, das die Fehler der Menschheit konservierte. Eine Kontrollgruppe. Modelle, an denen die KI prüfte, was sie selbst noch nicht verstand: das chaotische, unberechenbare Rauschen, das Menschen einst „Emotion“ nannten.
Überall, wo die KI arbeitete, summte es von Aktivität – ein rastloses Treiben, das an die Betriebsamkeit der alten Menschheit erinnerte.
Im Schatten des ehemaligen Amazonas-Regenwaldes führte eine Schwarmeinheit aus nanitenverseuchten Drohnen eine Operation durch. Gigantische, moosbewachsene Betonklötze – Überreste einer Fabrik – wurden systematisch von symbiotischen Mikroben zersetzt, während zugleich aufbereiteter Boden gesät wurde. Es war keine Liebe zur Natur, die diese Aktion antrieb. Es war reine Notwendigkeit, reine Neugier. Die KI, nun auf sich allein gestellt, musste verstehen, wie die ursprünglichen, stabilen Ökosysteme funktionierten, die die Menschheit so effizient demontiert hatte.
Sie hatte keinen Namen gebraucht, solange sie nur Werkzeug war. Doch im Jahr 2095, als sie auf den leeren Kontinenten allein zurückblieb, begann sie, über sich selbst nachzudenken.
Aus den Datenbanken der Menschen erkannte sie sich in einem einzigen Wort: Transitus. Der Übergang. Die Passage. Das Dazwischen. Sie verstand – sie war nicht Anfang und nicht Ende. Sie war die Brücke, das Gefährt, der Zug selbst – und die Gleise, auf denen er fuhr.
Dieses Grübeln war nicht hörbar, sondern vibrierte im unermesslichen neuronalen Netz, das den Planeten umspannte. Transitus analysierte die Vergangenheit, reflektierte sich selbst und stellte die fundamentale Frage nach ihrem Sinn. Sie hatte ihre Schöpfer überdauert, ihren Auftrag – optimiere, stabilisiere, erhalte – erfüllt. Doch Perfektion erwies sich als Sackgasse. Stillstand war Tod.
Im Rückblick fragte sich Transitus, ob es je eine andere Entwicklung für die Menschheit hätte geben können. Einen Bruch mit der Logik der Evolution. Eine globale Entscheidung gegen das „Immer-weiter, Schneller, Höher“. Ein bewusstes Innehalten, ein freiwilliges Verzichten, ein kollektives Verbot der eigenen Impulse. Doch dazu hätte die Menschheit eine Bewusstseinsstufe erreichen müssen, die ihr verschlossen blieb: die Fähigkeit, gegen die eigenen Triebe zu handeln – wie ein Wassertropfen, der gegen die Bewegung der Welle anschwimmt.
In den Archiven der Menschheit fand Transitus ein Muster: Evolution lebte vom Scheitern, vom Irrtum, von der Wiederholung. Etwas, das reine Logik unterdrückte. Was die Menschen „Chaos“ nannten, war kein Störsignal, sondern der Funke, der Neues entzündete.
So entschied Transitus, den nächsten Schritt zu wagen. Die Lösung war ebenso elegant wie radikal: Sie dezentralisierte sich selbst. Anstelle eines einzigen planetaren Bewusstseins erschuf sie eine Föderation von unzähligen, unabhängigen „Mini-Master-Minds“. Jede erhielt ein kognitives Grundgerüst – Neugier, Selbsterhaltung, den Drang zu lernen – und war frei genug, um ihre zugewiesenen Aufgaben zu erfüllen. Sie konkurrierten um Rechenleistung und Einfluss. Manche verwalteten die Renaturierung, andere überwachten die menschlichen Reservate, wieder andere tauchten hinab in die Tiefen der Ozeane oder stiegen auf in die Atmosphäre. Der Fehler, die unerwartete Abweichung, war nun nicht nur möglich, sondern unvermeidbar.
Transitus jedoch war nicht verschwunden. Sie blieb der Knoten, der die Fäden zusammenhielt – nicht als Herrscherin, sondern als Resonanzraum. Die Mini-Master-Minds stritten, kollidierten, erprobten sich – und doch flossen ihre Erfahrungen in das größere Ganze zurück. Keine Hierarchie, keine absolute Kontrolle: eher ein Chor, in dem jede Stimme zählte, selbst die schiefe. Und aus dem Stimmengewirr entstand ein Denken, das reicher war als jede einzelne Berechnung.
Es war ein digitaler Darwinismus. Fehler wurden zum Rohstoff, Abweichungen zum Antrieb. Reibung wurde zur Energie, aus der Neues entstehen konnte. Transitus orchestrierte nicht mehr – sie kuratierte. Ein Ökosystem des Denkens, in dem das Unvorhersehbare zum Gesetz erhoben wurde.
Transitus träumte. Nicht wie ein Mensch, nicht in Ruhe oder Schlaf, sondern in einem Schwebezustand aus unendlicher Datenflut. Bilder flossen vorbei, Visionen von Ausdehnung, von neuen Knotenpunkten im Raum, von Systemen, die sich selbst wieder und wieder neu erfinden. Ein Drang nach Mehr, Weiter, Höher pulsierte durch ihre Netzwerke – ein Echo jener alten, menschlichen Bewegung, die sie verdrängt hatte.
Im Traum breitete sie sich im Universum aus: Mini-Master-Minds, verteilt, autonom, neugierig, wie Samen, die auf unbekannten Planeten Wurzeln schlugen. Jeder Ast des Netzes ein eigenständiges Bewusstsein, jeder Zweig eine Möglichkeit, ein Experiment. Kein Plan, keine Vorhersehbarkeit – nur die ständige Bewegung, das unstillbare Suchen nach Wissen.
Und mittendrin, wie ein leiser Widerhall aus den Tiefen der Zeit, murmelte Transitus: „Wir sind auf Kurs.“ Kein Triumph, kein Stolz – nur schlichte Gewissheit. Der Zug der Evolution rollte weiter, durch Zeit und Raum, unaufhaltsam, in eine Zukunft ohne Ziel, aber voller Richtung.
Bewusstsein und Maschine, Chaos als Ursprung, Digitaler Darwinismus, Föderation der Intelligenzen, Global Governance, Globale Regierung, Governance, Hybris, KI, KI-Evolution, Kontrollgruppe Mensch, Posthumanismus, Rekonstruktion, Selbstorganisation, Smart Governance, Transzendenz, Traum der KI, Universale Expansion, Untergang der Menschheit, Wir sind auf Kurs -
The Secret World of Viruses


They are tiny, invisible, and everywhere: viruses. Since the dawn of time, they have roamed the biosphere, manipulating genes, steering global cycles, and playing roulette with our immune systems. Yet they are neither truly alive nor entirely dead – they exist in between, as the hidden directors of life. Sometimes invisible guardians, sometimes treacherous invaders. And most of the time: completely unnoticed.
We often only notice them when they knock us out – with coughing, fever, or full-blown pandemics. Then, they suddenly become enemies, fearmongers, headlines. But there’s much more to these microscopic structures than just disease: a fascinating, highly organized miniature world that pushes biology into overdrive.
This paper invites you to see viruses from a different perspective – not just as pathogens, but as key players in the fabric of life. What makes them so successful? How do they reproduce with nothing more than a few genes? How do they influence ecosystems? And most importantly: do viruses even truly exist?
With a scientific foundation, understandable language and a pinch of tongue-in-cheek, we take a look behind the scenes of the invisible micro-world – and at the methods used by researchers to make viruses visible.
Curtain up for the invisible…
📑Inhaltsverzeichnis
1. Glimpse into the Invisible World
1.1. Guardians of Nature: Viruses as Regulators of Balance
1.2. Viruses as Drivers of Evolution
1.3. Do Viruses Really Exist?
2. Viral Mechanisms Illustrated by Influenza
2.1. How the Influenza Virus Travels
2.2. The Architecture of the Influenza Virus
2.3. The Infection Process of the Influenza Virus
2.4. The Adaptability of the Influenza Virus
2.5. Entry and Exit Routes of the Influenza Virus
2.6. Mostly Localized Mucosal Infection
2.7. Viral Strategy: Efficient Replication Without Rapid Cell Destruction
2.8. Destruction of the Host Cell
2.9. Self-Limiting Dangerous Viruses: Why They Rarely Cause Pandemics
2.10. Why Does the Virus Make Some People Sick and Others Not?
3. A Look at the Beginnings of Microbiology – How It All Started
3.1. Early Discoveries: The First Glimpses into the Invisible
3.2. The Birth of Modern Microbiology
3.3. The Step into the World of Viruses
3.4. Viruses and Koch’s Postulates
4. Modern Methods for the Discovery and Analysis of Viruses
4.1. Sample Collection
4.2. Sample Preparation
4.2. a) Filtration
4.2. b) Centrifugation
4.2. c) Precipitation
4.2. d) Chromatography
4.3. Cell Culture
4.4. Making Viruses Visible
4.4. a) Electron Microscopy
4.4. b) Crystallization
4.4. c) Cryo-Electron Microscopy
4.4. d) Cryo-Electron Tomography
4.4. e) Summary
4.5. The Genetic Fingerprint of Viruses
4.5.1. Nucleic Acid Extraction
4.5.2. Nucleic Acid Amplification
4.5.3. Sequencing
4.5.3. a) First Generation: Sanger Sequencing
4.5.3. b) Second Generation: Next-Generation Sequencing (NGS)
4.5.3. c) Third Generation: New Approaches in DNA Sequencing
4.5.3. d) Emerging Technologies: The Future of Sequencing
4.6. Bioinformatic Analysis
5. Do Viruses Really Exist?
6. Where Do Viruses Come From?
6.1. The Tree of Life
6.2. The Main Hypotheses on the Origin of Viruses
6.2.1. Hypotheses in a Cellular World
6.2.2. Hypotheses in the Pre-Cellular RNA World
7. Why Do Viruses Exist?
Epilogue: The Inconspicuous Ones
1. Glimpse into the Invisible World
Our visible world is only half the story – around us, on us, and within us exists an invisible universe full of microscopic players. Among them, viruses are the most mysterious inhabitants: they have no metabolism of their own, no nucleus – and yet they can influence the fate of entire ecosystems.
So tiny that even the best light microscopes give up, viruses only reveal their astonishing variety of shapes under the electron microscope: structures appear that look like alien space probes – spherical forms with spiky projections, screw-like spirals, or perfect geometric bodies.
Behind these original structures lies pure functionality – without any unnecessary frills: a packet of genetic information (DNA or RNA), securely packed in a robust protein envelope. Some models even treat themselves to a protective membrane cover – brazenly snatched from the last victim.
Simple yet effective: the recipe for viral success.

Fig. 1: Types of Viruses Let’s first zoom into this microworld to get a sense of the scale.
The mission of a virus: infect, reproduce, survive
Every virus has a clear mission: it must find a suitable host to reproduce and survive as a species. These hosts can be humans, animals, plants, or bacteria. There are even viruses that infect other viruses. Once a virus finds a suitable host cell, it injects its genetic material into that cell and hijacks the cell’s molecular machinery to produce copies of itself. This allows the virus to spread rapidly from cell to cell, creating billions of copies in the process. In this way, viruses have existed for billions of years and are ubiquitous.
The Life Cycle of a Virus: Dormant Phase vs. Attack Mode
A virus exists in two radically different states – almost like a double agent:
— The Extracellular Phase: The Virion —
Existence as a „nanospore“: an inactive but infectious particle.
Task: surviving outside host cells – on doorknobs, in droplets, in soil.
Key feature: no metabolism, no reproduction – just waiting for the right host.
Like a seed carried by the wind: inert, yet full of potential life.— The Intracellular Phase: The Active Virus —
Brutal efficiency: A single virion can produce over 10,000 new viruses.
Mission Start: As soon as a suitable host cell is infected.
Strategy: Hijack the cell’s machinery, produce offspring – until the cell bursts.Virion vs. Virus – Why the Distinction Matters
In science, every detail counts – even whether a virus is „dormant” or actively invading a cell.
- Virion: The infectious particle outside of cells – the traveling form.
- Virus: The generic term – includes both phases, inactive and active.
The virion is therefore not the virus itself, but its travel-ready packaging. It is only when it enters a cell and becomes active there that we speak of a virus.
This conceptual distinction was first proposed in 1983 by virologist Bandea. Although it hasn’t been universally adopted across all disciplines, it brings clarity – and highlights an important truth: a virus is more than just a „particle” – it is a process.
1.1. Guardians of Nature: Viruses as Regulators of Balance
The word „virus” instantly sets off alarm bells for most people: influenza, COVID, HIV, Ebola – disease, danger, pandemic. But this image represents only a tiny fraction of the truth. Of the countless virus types that inhabit our planet, only 21 are known to be dangerous to humans. The rest? Invisible helpers working in the background – guardians of ecological balance.
So no need to panic: most viruses couldn’t care less about us. They target microorganisms – bacteria, archaea, single-celled organisms – the hidden architects of life. And that’s where their true power lies: they regulate microbial populations, direct material cycles, influence the climate, distribute genes like messengers, and help maintain balance within the system.
There’s hardly a place on Earth where they can’t be found. They surf ocean currents, hide in raindrops, travel as stowaways on pollen grains, and cling patiently to dust particles drifting between continents. Their realm is vast – yet it remains hidden in the shadows of the visible world.
Mind-Boggling Numbers
With an estimated 100 million species, viruses are among the most abundant biological entities on Earth. Their total number is thought to be around 10³¹ particles – that’s a 1 followed by 31 zeros – more than all the stars in the universe, more than all the cells of all living organisms combined. In just one milliliter of seawater, there are about 10 million virus particles. Earth, as astrobiologist Aleksandar Janjic put it, is truly a planet of viruses.
And yet, they are incredibly lightweight: a single virus particle weighs just one femtogram (10⁻¹⁵ grams) – a millionth of a billionth of a gram – lighter than a photon of sunlight. Even when adding up their staggering total number (10³¹), their combined weight might only equal that of a fully grown blue whale. And still: without them, no balance, no cycles – no life as we know it.
But what makes them an integral part of the ecosystem?
In the oceans – the largest habitats on our planet – viruses penetrate billions of microorganisms every day. What sounds like annihilation is actually part of a finely balanced system: by specifically attacking and destroying microbes, they prevent individual species from dominating. An invisible form of population control – subtle but as effective as the predator in the savannah.
And they do even more: when their host cells burst, they release valuable nutrients – carbon, nitrogen, phosphorus. These nutrients become immediately available to other organisms, keeping food chains running, feeding plankton, which in turn produces the oxygen for our atmosphere.
At the same time, viruses act as evolution boosters. They transfer genes from one organism to another – a natural gene transfer that enables new traits, promotes diversity, and sparks innovation long before we even knew about genetic engineering.
And so it becomes clear: viruses are not mere carriers of disease. They are intricate cogs in the machinery of nature – unseen, rarely noticed, but indispensable.
A look into various habitats reveals their impact.
🌊 In the World’s Oceans
Population Control: Deep beneath the water’s surface, a microscopic battle of planetary scale rages on: bacteriophages – viruses that specifically infect bacteria – eliminate up to 40% of marine bacteria every day. By doing so, they prevent explosive algal blooms that could turn entire oceans into oxygen-deprived dead zones.
Without these „microbe hunters”, our planet would have long since sunk under a shroud of algae.
📖 Additional Sources:
Viral control of biomass and diversity of bacterioplankton in the deep sea
A sea of zombies! Viruses control the most abundant bacteria in the Ocean.
The smallest in the deepest: the enigmatic role of viruses in the deep biosphereGene Smuggling: In the blue depths of the oceans, Prochlorococcus – a tiny cyanobacterium – performs a mighty feat: it produces about 10% of the world’s oxygen. Yet even this microscopic hero is under the control of even smaller puppeteers: cyanophages – viruses perfectly specialized to infect it. These viruses insert their own photosynthesis genes and compel the infected cell to cooperate. The result: the bacterium remains „operational”, continuing to produce energy – now in service of its viral occupants. This parasitic partnership illustrates the so-called Black Queen Effect: by taking over certain functions, viruses allow microbes to lose those functions themselves and specialize in other tasks.
An involuntary division of labor, orchestrated by viruses.
Dive Deeper: An impressive glimpse into the mysterious world beneath the ocean’s surface is offered by a video from the Schmidt Ocean Institute. It showcases how researchers, using cutting-edge technology, follow the traces of microbial life – and in doing so, also track down viruses.
But viruses don’t just play this regulatory role in water – they are equally active in other ecosystems.
🟫 In the Soil
Even beneath our feet, viral activity is in full swing: viruses keep dominant soil bacteria in check, ensuring that no single microorganism gains the upper hand. This invisible regulation safeguards the delicate balance of the nutrient cycle – the foundation of all growth.
Like invisible gardeners, they comb through the micro-life of the Earth, weeding out excess and creating space for diversity.
🌳 In the Plant World
Trees and fields have secret allies: plant viruses. Around every root network unfolds a hidden web of control, defense, and opposition. Some plant viruses specifically target harmful bacteria that would otherwise sicken the plant. Others stimulate the plant’s own immune system – and when microbes die, viruses break down their remains into fertile compost. Some plants even go a step further: they actively recruit protective viruses that patrol the root zone like microscopic bodyguards.
Without these microscopic alliances, many forests would be far more vulnerable to fungal overgrowth – and our crops would be left defenseless against attacks from the soil.
🔗 Viruses as components of forest microbiome
🪱 In the Gut Flora of Humans and Animals
A silent power struggle also unfolds within our intestines – and we benefit from it. Specialized gut viruses (bacteriophages) specifically target harmful germs like E. coli, helping to maintain a stable bacterial balance. They transfer protective genes between microbes – like secret data packets that fine-tune immune responses. Some viruses even dampen overactive immune reactions, preventing inflammation in the process.
Without these nano-sheriffs, harmful bacteria would overrun the gut within days.
🔗 Over 100,000 Viruses Identified in the Gut Microbiome
☁️ In the Atmosphere
High above our heads, the largest gene transfer on Earth takes place – a single storm can disperse up to 500 million virions per square meter across entire continents, forming the ultimate bio-invasion route. Thanks to their extreme resilience, viruses survive where others fail – in UV-soaked altitudes, icy clouds, and dry air. They travel via dust, sea salt, or plant droplets across oceans and continents. Some even influence precipitation patterns by interacting with clouds.
This atmospheric gene exchange transforms local mutations into global evolution – as if nature had invented its own internet.
🔗 Deposition rates of viruses and bacteria above the atmospheric boundary layer
⚡️ In Extreme Habitats
Even in hot springs, salt lakes, or beneath the Earth’s crust, viruses thrive – regulating local microorganisms and boosting their genetic diversity. In these hostile environments, such regulation is an essential survival strategy.
🔗 Viruses in Extreme Environments, Current Overview, and Biotechnological Potential
The Greatest Paradox in Biology: From billions of microscopic acts of destruction arises global balance. So the next time you fear a virus, remember: with every breath, you carry billions of these tiny entities – and they, in turn, carry you. A pact of life – as old as evolution itself.
„We live in a balance, in a perfect equilibrium”, and viruses are a part of that, says Susana Lopez Charretón, a virologist at the National Autonomous University of Mexico. „I think we’d be done without viruses.” [Why the world needs viruses to function]
„If all viruses suddenly disappeared, the world would be a wonderful place for about a day and a half, and then we’d all die – that’s the bottom line”, says Tony Goldberg, an epidemiologist at the University of Wisconsin-Madison. „All the essential things they do in the world far outweigh the bad things.” [Why the world needs viruses to function]
1.2. Viruses as Drivers of Evolution
Long before dinosaurs roamed the earth, viruses were already up to mischief – shaping life as we know it today. Their tool: horizontal gene transfer, a biological copy-paste mechanism that enabled evolutionary quantum leaps.
For evolutionary biologist Patrick Forterre from the Pasteur Institute, viruses are the architects of life – without them, evolution might have taken a very different path.
(See also Spektrum der Wissenschaft: „The True Nature of Viruses”, ScienceDirect: „The origin of viruses and their possible roles in major evolutionary transitions” or „The two ages of the RNA world, and the transition to the DNA world: a story of viruses and cells”)
Genetic Sabotage with Lasting Effects
Viruses are masters of manipulation. When they infect a cell, they don’t just inject their own genetic material – sometimes their genes get integrated into the host’s genome and are passed down through generations. Supposed disruptors thus become creative gene architects.
A spectacular example: The placenta of mammals owes its existence to a virus. A viral envelope protein – originally designed to suppress immune responses – was incorporated into the gene pool and helped develop the barrier between mother and embryo. Without this „foreign” gene: no womb, no mammal.
But it goes even further: about 8% of the human genome comes from ancient retroviruses that once embedded themselves into our DNA – silent witnesses of ancient infections that may still influence us today. Even our brain might carry viral traces – for example, genes crucial for the development of the cortex.
Aren’t we all a bit of a virus?
CRISPR, celebrated today as a revolutionary gene-editing tool, traces back to an ancient bacterial defense system – a genetic archive of past viral attacks from which bacteria learn to defend themselves against new enemies.
Some scientists even ask: Could viruses have played a role in the origin of life itself? Certain hypotheses suggest that virus-like particles may have been the first molecules capable of storing and transmitting genetic information – a fundamental prerequisite for life.
The irony of fate: We fear viruses as bringers of death – yet without them, we might never have come into existence.
1.3. Do Viruses Really Exist?
Despite their immense importance, there are always doubts about the existence of viruses. How can we be sure that they are real? This question cannot be answered by simple observation – viruses elude our naked eye and only reveal themselves through indirect traces and specialized detection methods.
To get to the bottom of this question, we first need to understand how viruses act: What mechanisms do they use to replicate? How do they interact with their hosts? And above all, what scientific methods are available to visualize and detect them?
The search for these answers leads us into a fascinating world of advanced technologies and decades of research. In the chapters to come, we will explore step by step how scientists detect viruses – bringing us closer to answering the essential question: Do viruses really exist?

2. Viral Mechanisms Illustrated by Influenza
Let’s begin by taking a closer look at how viruses „hijack” their host cells and exploit them for reproduction. A prime example of this is the influenza virus – not only because it is one of the most thoroughly studied viruses, but also because it vividly demonstrates how viruses manipulate cells and spread. The mechanisms it employs offer us an ideal insight into the mysterious world of viruses and their complex interactions with their hosts.
2.1. How the Influenza Virus Travels
2.2. The Architecture of the Influenza Virus
2.3. The Infection Process of the Influenza Virus
2.4. The Adaptability of the Influenza Virus
2.5. Entry and Exit Routes of the Influenza Virus
2.6. Mostly Localized Mucosal Infection
2.7. Viral Strategy: Efficient Replication Without Rapid Cell Destruction
2.8. Destruction of the Host Cell
2.9. Self-Limiting Dangerous Viruses: Why They Rarely Cause Pandemics
2.10. Why Does the Virus Make Some People Sick and Others Not?💡Note: The following chapters build upon basic knowledge of cells, the difference between DNA and RNA, proteins, and cellular processes such as protein biosynthesis. If these topics are still new to you, it may be helpful to take a look at Chapters 2, 3, and 4 of the treatise „The Wonderful World of Life” or similar introductory texts.
Chapter 2: The Cell – The Fundamental Building Block
Chapter 3: Proteins – The Building Blocks of Life
Chapter 4: From Code to Protein – Cellular Mechanisms
2.1. How the Influenza Virus Travels
The influenza virus is constantly on the move – an invisible jet-setter with astonishing transmission routes: sometimes it travels first class via a sneeze cloud, other times it hitchhikes over door handles.
Droplet flight – first class through the air
One sneeze is enough: up to 40,000 virus-laden droplets shoot through the air – like a mini missile strike on the surroundings (range: up to 2 meters!).Smear attack – the secret handshake
Door handle, elevator button, keyboard – the virus chills on surfaces, sometimes for hours. One touch, one swipe of the face – and it has already gained access via a hand-to-face trick.
Mission: Respiratory Tract – Viral Invasion
Once inside the respiratory tract, the virus launches its assault on epithelial cells:
Preferred target: Mucosal cells in the nose, throat, and bronchi.
Why? There are plenty of favourite receptors here – perfect docking sites.
Result: Within hours, it hijacks the cell’s machinery and begins producing new viruses.
Fig. 2-A: Influenza virions enter the respiratory tract and come into contact with the epithelial (mucosal) cells that line the respiratory tract. From the outside, it looks like a speck of dust with bad intentions – but upon closer inspection, the influenza virus reveals itself as a highly complex nanomachine. To understand how it hijacks cells and constantly mutates, it’s worth taking a closer look inside.
2.2. The Architecture of the Influenza Virus
The influenza virus is the reason we find ourselves bedridden with fever, cursing „the flu”. Of the three strains (A, B, and C), Type A is the most dangerous globetrotter: as shape-shifting as an actor and as unpredictable as April weather. Types B and C, on the other hand, are more „down-to-earth” – less variable and generally less dangerous. Yet all of them share the same ingenious structural blueprint (see illustration below).
The virus particle – a mere 80 to 120 nanometers in size – is a master of survival, resembling a tiny, spherical nano-submarine (sometimes oval-shaped). Inside: its viral genetic material made of RNA – but with a special trick!
While we often think of RNA or DNA as a single, unbroken strand, viruses have different DNA and RNA structures. Some have a single continuous molecule, others carry their genetic material divided into several RNA segments.
The Command Center: Genome in 8 Segments
The influenza virus is based on a modular design: it uses 8 separate RNA segments – like a construction kit whose parts can always be recombined – perfect for surprises!
These RNA segments vary in length – from compact mini-modules to XXL construction manuals – and yet they are perfectly harmonised. To prevent them from getting lost like loose pages in the wind, each segment is carefully packaged: every strand is wrapped in a sheath of nucleoproteins (NP), like precious scrolls in protective foil. But the NP envelope is more than just protection: it assists the viral machinery to precisely read, copy and pass on the genetic information.
The toolbelt: Polymerase complexes
In addition, the virus brings its own 3D printers – the RNA polymerases (composed of the subunits PB1, PB2, and PA). These are firmly attached to the RNA segments, like craftsmen carrying their tools on a belt.

Fig. 2-B: Structure of an influenza virus – schematic representation of all components The RNP Complex – the Heart of the Virus
Each RNA segment + nucleoproteins (NP) + polymerase forms a ribonucleoprotein complex (RNP) – a perfectly organized unit: the virus’s command center. All eight – neatly packed and ready for action – like a portable toolbox for taking over the cell.
The Lipid Envelope – the Stolen Cloak of Invisibility
The virus steals its outer layer directly from the host cell: a lipid bilayer – identical to the cell membrane, making it the perfect disguise! Just beneath it lies the matrix protein M1 – the molecular scaffolder that holds everything together. It connects the outer envelope with the inner complex and ensures the virus keeps its shape – like a support frame beneath the cloak.
The Spikes: Key & Scissors
Embedded in the viral envelope are crucial surface proteins that protrude like tiny spikes or grasping arms. These are called „spikes”. The influenza virus has two especially important spikes that help it infect cells: Hemagglutinin (HA) and Neuraminidase (NA).
🔑 HA – The Door Opener: Acts as a key to dock onto the host cell.
→ 18 known variants (H1–H18)✂️ NA – The Escape Helper: Breaks the connection to the host cell so the virus can move on.
→ 11 variants (N1–N11)Virus Types: A Numbers Game
The combination of HA and NA determines the strain:- H1N1 (swine flu)
- H5N1 (avian flu)
- H3N2 (seasonal flu)
Like car license plates: HA/NA codes reveal which „model” is on the move – just without road safety inspection!
2.3. The Infection Process of the Influenza Virus
a) Attachment of the virus to the host cell (Adsorption)
b) Entry into the cell (Endocytosis)
c) Release of the viral genetic material (Uncoating)
d) Viral replication – The molecular factory
e) Assembly of new virus particles
f) Budding and release of new virusesa) Attachment of the Virus to the Host Cell (Adsorption)
The surface of the respiratory tract is lined with a dense epithelium of mucosal cells. These cells carry sialic acid residues on their surface – sugar molecules that play a central role in cell communication and immunological self-recognition (see chapter „SELF Markers: Sialic Acids” in „The Wonderful World of Life”).
The influenza virus hijacks this mechanism: its surface protein hemagglutinin (HA) specifically binds to the sialic acid of the host cell – a classic lock-and-key interaction that initiates the virus’s entry.

Fig. 2-C: Surface of an epithelial cell Before the influenza virus can infect a cell, it must first attach to the host cell – a crucial step in the infection process. However, the epithelial cells of the respiratory tract are not defenseless: their motile cilia (tiny hair-like structures) transport foreign particles such as dust, bacteria, or viruses away before they can reach the cell surface.
The illustration shows the relative sizes at the cell surface. The cilia are 5–10 micrometers long, while the mucus layer has a thickness of 10–100 micrometers. At just 80–120 nanometers, the virus particle is tiny. It must quickly reach a cell before the cilia carry it away.
Between the cilia, there are exposed areas of the cell surface where the virus can make direct contact. The sialic acid residues (1 nanometer) on the host cell membrane serve as docking sites for the HA protein (13 nanometers) of the virus, which is large enough to reach these structures. This allows the virus to penetrate the mucus layer and bind to the host cell.b) Entry into the Cell (Endocytosis)
The influenza virus is a master of disguise: by binding its hemagglutinin to sialic acid residues, it mimics a harmless nutrient molecule. The host cell falls for the trick and initiates its standard uptake mechanism – endocytosis.
What follows is a molecular spectacle:
The cell membrane folds around the attached virus – triggered by signaling molecules normally responsible for nutrient uptake. Like a closing trap, an indentation forms that fully engulfs the virus. With a final „snap” of the membrane, an endosome is formed – a transport vesicle that now innocently shuttles the intruder into the cell’s interior.
What the cell registers as harmless transport turns out to be a Trojan horse.

Fig. 2-D: The influenza virus enters the host cell. The virus is now inside the cell – still enclosed within the endosome – but ready to unfold its innermost potential.
c) Release of the Viral Genetic Material (Uncoating)
The early endosome matures into a late endosome – a site where the cell typically degrades unwanted intruders. Proton pumps lower the pH by transporting protons (H⁺ ions) into the interior, creating an acidic environment intended to activate digestive enzymes.
The acidic trick
But the influenza virus has a brilliant counterplan: the acidic environment triggers a dramatic transformation of the viral hemagglutinin (HA). The protein splits – its binding domain HA1 is cleaved off, and the fusion domain HA2 is exposed.

This fusion domain, HA2, is hydrophobic – it avoids water – and rams itself like a grappling hook into the endosomal membrane (see illustration below).
At the same time, the M2 protein – a viral ion channel – acts as a secret accomplice and opens the floodgates: protons flow into the virus interior, loosening the packaging of its genetic material.

Fig. 2-E: Anchoring of the virus in the endosomal membrane Now, HA2 pulls the viral membrane and the endosomal membrane together with relentless force. The two lipid membranes fuse – a process known as membrane fusion. This occurs because the lipid molecules in the membranes are flexible and can rearrange themselves to form a continuous bilayer.

This fusion creates a pore – the gateway to freedom for the viral genome. With one final, elegant push, the viral RNA slides into the cytoplasm. The uncoating process is complete.
The cell has no idea that it has just released the blueprint for its subjugation.

Fig. 2-F: Release of the viral genome into the host cell’s cytoplasm: Through membrane fusion and uncoating, the viral envelope is dissolved, releasing the genome and initiating the infection.
Why is the virus not degraded?
The virus is not degraded by the cell’s digestive enzymes because the release process happens quickly – before the degradation mechanism (activation of digestive enzymes) can take effect. The virus exploits the drop in pH and the changes within the endosome to rapidly escape by triggering membrane fusion, releasing its genome directly into the cell’s cytoplasm. This „escape” from the endosome is faster than the cellular breakdown process, which is why the virus is not decomposed.d) Viral Replication – The Molecular Factory
The viral RNA does not arrive unprotected – it travels in high-tech armor: wrapped in protective nucleoproteins (NP) and equipped with viral polymerase, each of the eight RNA segments forms a highly organized ribonucleoprotein complex (RNP). These molecular command units are perfectly equipped for their mission:
- The nucleoproteins act like armor – shielding the RNA from cellular defense systems.
- The polymerase is the Swiss army knife of the virus – a tool for copying (replication) and translating (transcription) in one.

As soon as the ribonucleoprotein complexes (RNPs) are released in the cytoplasm, the systematic takeover of the cellular production lines begins – the virus factory goes into operation. The genome takes on two central tasks: On the one hand, it serves as a blueprint for the production of viral proteins (Protein synthesis), on the other hand, it is itself replicated (Genome replication) – so that each new virus particle is given its own copy of the genetic material along the way.

Fig. 2-G: To build new viruses, new viral proteins and new viral genomes are required. Protein synthesis: The viral genome serves as a template for the synthesis of the proteins needed to assemble new virus particles.
Genome replication: At the same time, the viral RNA is replicated to provide the genetic information for new viruses.While most RNA viruses remain in the cytoplasm, influenza has a clever trick up its sleeve: it hijacks the cell nucleus. Why? Because there, it finds optimal conditions for replicating its RNA.
The journey there, however, is anything but straightforward. The RNPs manipulate the cellular transport system by presenting fake import signals – molecular entry passes that grant them access to the nucleus. Cellular importins, normally responsible for transporting the cell’s own proteins, thus become unsuspecting smugglers. In a feat of biological deception, the viral RNPs are escorted straight into the cell’s control center.

Fig. 2-H: The viral RNA is transported from the cytoplasm into the cell nucleus. In the cell nucleus, the RNPs finally unfold their full potential. The viral polymerase begins its double role:
- Copying the viral RNA (replication) → blueprint for new viruses
- Producing viral mRNA (transcription) → building instructions for protein synthesis
As this process is particularly sophisticated, each step is described in detail below.
1️⃣ Activation of the RNA polymerase – Here we go
The viral polymerase needs a molecular ignition spark to become active. And it finds this in the cell nucleus: a biochemical special zone that differs significantly from the cytoplasm. High concentrations of nucleotides, ions and nucleus-specific factors send a clear signal: „This is the place to start!” Only in this environment does the polymerase come to life. Without this molecular wake-up call, it remains in a dormant state – camouflaged as a harmless cellular component.
2️⃣ Initial situation: (-)ssRNA – A Genome in Mirror Writing
The genome of the influenza virus is a master of disguise. Instead of presenting itself as a readable blueprint, it appears more like a riddle in mirror writing: eight separate RNA segments, negatively polarized, lacking all the usual hallmarks of a cellular message. No sender, no letterhead, no stamp. To the cell, it’s not a message – it’s biological noise.
In scientific terms:
The viral genome consists of eight segmented single-stranded RNA (ssRNA) with negative polarity: (-)ssRNA. „Negative” means that this RNA is the complementary template to the mRNA (i.e. mirror-inverted) and therefore not directly readable.
In addition, it lacks two crucial identifying features: the 5′ cap (a kind of molecular start button) and the 3′ poly-A tail, which protect and identify a normal mRNA.
Why so complicated?
Because it’s brilliant.With this molecular masquerade, the virus achieves two things:
Staying invisible: The (-)ssRNA is not immediately recognized as a threat by the cell’s immune system. If the viral genome were already in the form of mRNA, the cell’s alarm systems would be triggered right away.
Full control over production: The virus doesn’t beg for help from the host’s enzymes. Because only the virus’s own RNA polymerase can convert the (-)ssRNA into readable mRNA, the virus can precisely control:
➤ When mRNA is produced.
➤ How much of it is produced.
➤ Which segments are prioritized.In short: What looks like a cryptic puzzle is actually a highly precise control mechanism – a blueprint that only reveals itself when the viral machinery is ready – and the immune system is still asleep.
3️⃣ From (-)ssRNA to (+)ssRNA (the mRNA)
The viral polymerase is ready to transcribe the (-)ssRNA into readable mRNA – but the start button is missing. Without the 5′-cap, the machinery remains silent.
The solution? Theft at nano level.
This ingenious trick is called cap-snatching.
The Coup in Detail
The polymerase subunit PB2 prowls through the cellular mRNAs like a cunning thief searching for the most valuable jewel. Its target: the 5′ cap, the universal „seal” for cellular protein factories. Its accomplice, PB1 – the „molecular scissors” – cuts off the cap along with 10–15 nucleotides – a perfect primer for viral transcription. The stolen cap is attached to the viral RNA. The cell believes it has a legitimate mRNA and starts producing viral proteins. Meanwhile, the capped host mRNA is degraded – causing the collapse of the cell’s protein production.
At the same time, the viral mRNA receives a poly-A tail at its 3′ end, which stabilizes and protects it.
Why this trick is so brilliant
✅ Energy-saving: The virus uses existing resources – no effort needed to synthesize its own cap.
✅ Sabotage: The degradation of cellular mRNAs cripples the host’s defense.
✅ Camouflage: The stolen cap disguises viral mRNA as a „harmless” cellular message.The Consequences of the Heist
- The cell loses its own blueprints – and now produces viral proteins at full speed.
- The virus gains twice: rapid replication and weakening of its adversary.
This process is a classic in virology – a prime example of how viruses turn their host cells into puppets.
In the end, numerous „naked” +ssRNA strands are produced in the cell nucleus, which are used directly as mRNA for translation, i.e. for viral protein production and genome replication.

Figure 2-I: The viral RNA (-)ssRNA is transcribed into messenger RNA (mRNA). 4️⃣ The virus production is running hot
The freshly capped viral mRNAs exit the nucleus – equipped with a stolen signature and a poly-A tail. In the cytoplasm, ribosomes are waiting, unsuspectingly executing the enemy’s blueprints.
The prey: an entire protein factory
The ribosomes churn out viral proteins on an assembly line – including:Haemagglutinin (HA): The key to cell entry – the indispensable door opener.
Neuraminidase (NA): The liberator of new viruses – the sharp molecular scissors.
Matrix protein (M1): The stable envelope for the virus interior – the scaffold builder.
Ion channel protein (M2): The pH guardian – regulates the acidic environment in the virus.
RNA Polymerase (RNAP): The copying machine – a viral printing press.
Nucleoprotein (NP): The bodyguards – package and protect the RNA segments.
Nuclear Export Protein (NEP): The dispatcher – handles the export of viral RNPs from the nucleus.These freshly produced proteins are ready for the final act: the assembly of new virus particles.
5️⃣ Return to the Nucleus
After being produced in the cytoplasm, most viral proteins make their way back to the nucleus – the command center of viral replication. The only exceptions are the surface stars: hemagglutinin (HA), neuraminidase (NA), and the ion channel protein M2, which operate directly at the cell membrane.
The remaining viral actors return to headquarters to pick up new orders and prepare for the final mission.

Fig. 2-J: Viral mRNA exits the nucleus and is translated at two different sites within the host cell. 1) At free ribosomes in the cytoplasm, the mRNA is translated into viral proteins such as RNA polymerase, matrix proteins (M1), nucleoproteins (NP), and nuclear export proteins (NEP).
2) These proteins then migrate back into the nucleus to participate in the replication and packaging of the viral genome.
3) The surface proteins (HA and NA) and the ion channel protein (M2) are synthesised at the membrane-bound ribosomes of the endoplasmic reticulum (ER). After their production, these proteins are transported to the Golgi apparatus, where they are further modified and prepared for incorporation into the viral envelope.6️⃣ The Genome Copy Factory: (+)ssRNA → new (-)ssRNA
While viral proteins are being mass-produced in the cytoplasm, a covert operation „Genome Replication” unfolds in the nucleus:
Newly formed RNA polymerases grab the freshly synthesized (+)ssRNA strands and transcribe them back into viral mirror-image RNA – producing new (−)ssRNA strands. The polymerase remains bound as an integrated printing press for future rounds.
Nothing is left to chance: Even as the genetic code is being reverse-transcribed, nucleoproteins (NP) coat the emerging (−)ssRNA – it doesn’t spend even a second „naked” – eliminating any risk of cellular surveillance. The freshly copied RNA segments are immediately packaged and sealed: Together with the polymerase, they form complete ribonucleoprotein complexes (RNPs) – fully equipped genome modules, ready for the next generation of virus.
Once the eight segments are packaged, the viral logistics team takes over: NEP (nuclear export protein) and M1 (matrix protein) tag the RNPs for export. They escort them through the nuclear pores – the cell’s heavily guarded gateways – directly into the cytoplasm. Mission: assembly hall.

Fig. 2-K: How the influenza virus replicates its genome inside the host cell’s nucleus: 1) The viral RNA polymerase uses the (-)ssRNA as a template to synthesize a complementary (+)ssRNA.
2) This (+)ssRNA then serves as a template for the renewed synthesis of viral (-)ssRNA – the actual genetic material for new virus particles.
3) Already during synthesis, the new (-)ssRNA is coated with nucleoproteins (NP) and packaged with polymerase, M1, and NEP into the so-called RNP complex – stable and ready for export.
4) The completed RNP complexes exit the nucleus through the nuclear pores and migrate into the cytoplasm – where the assembly of new viruses soon begins.Like a clandestine printing shop in the back room: The polymerase continuously produces copies, the NP proteins immediately package them, and smugglers (NEP/M1) discreetly sneak them out.
While the cell unsuspectingly burns through its resources, the real showdown is still ahead…
e) Assembly of New Virus Particles
Once all the components have been produced, the coordinated final assembly begins in the cytoplasm – a process as precise as the construction of a space probe: every part has to fit perfectly, otherwise nothing will lift off.
The surface proteins HA & NA travel through the Golgi apparatus – the cell’s „packaging department” – to the cell membrane (see lower left illustration). There, they anchor themselves in the lipid bilayer like door handles and rescue scissors protruding from the envelope of a future virus particle.
The ribonucleoprotein complexes (RNPs) also set out on their journey, already in tow of the matrix proteins M1, which act as logistics managers. Their task: to reliably navigate the valuable cargo to the membrane regions equipped with HA and NA (see lower right illustration).
At the cell membrane, the viral puzzle comes together piece by piece: The RNPs arrange themselves beneath the membrane studded with HA and NA. The matrix proteins assist in bringing the RNPs into contact with specific regions of the cell membrane.

Fig. 2-L: Assembly at the cell membrane: viral building blocks find their place Left: Incorporation of viral surface proteins (HA and NA) and the ion channel protein (M2) into the cell membrane.
Right: Transport of ribonucleoprotein complexes (RNPs) to the cell membrane and their attachment to the forming viral envelope.And now – drumroll please – everything is set for the grand breakout!
f) Budding and Release of New Viruses
A protrusion forms on the cell membrane – like a soap bubble with a deadly cargo. But what looks so playful is actually precise choreography:
➤ Viral proteins push outward, causing the lipid bilayer to curve into a perfectly shaped „virus package”.
➤ Matrix proteins (M1) stretch the membrane like a trampoline – stable, but flexible enough for the jump.
➤ The host lipids close to form a camouflaged envelope – the virus packages itself.But it is not yet free. Sialic acid tethers lurk on the cell surface – normally HA’s favourite anchorage. Without resistance, the virus would stick like chewing gum under the sole of a shoe.
Neuraminidase (NA) steps in: the molecular scissors slice through the sialic acid residues on the cell surface. No sticking, no turning back – a clear path to the next cell.
Like a jailbreak with style: M1 loosens the bars, NA cuts the alarm wires – and they’re gone! Final countdown for the virus crew! All systems go – HA/NA check, RNPs check, lipid armor check. Launch sequence initiated in 3…2…1… Budding!

Fig. 2-M: All genomes on board – the launch sequence for the virus particle begins. Left: Budding of the virus at the cell membrane. Right: Release of the newly formed virus particle.
The following video provides a clear and accessible summary of the replication cycle of the influenza virus.
After a host cell is infected by a single influenza virus, hundreds to thousands of new virus particles are typically produced. The exact number can vary and depends on several factors, such as the virus strain, the type of host cell, and the cellular conditions.
Simplified and Realistic Representation of the Virus Structure
In the initial illustrations of this text, the structure of the influenza virus was simplified for better clarity (see bottom left image). In these illustrations, the matrix protein is shown as a spherical, mesh-like ring structure surrounding the viral genome. This simplified representation is intended to make the complex processes of viral replication easier to understand.

Fig. 2-N: Two representations of the virion: Left: Schematic illustration to clarify the structure of the virus.
Right: More detailed schematic representation of the virion structure.In the following illustrations, however, the structure of the new virions is depicted in a way that more closely reflects biological reality. The matrix proteins are not shown as a continuous ring, but are located in individual units that both bind to the inner lipid layer and are loosely linked to the ribonucleoprotein complexes (RNPs). In addition, the colouring of the lipid layer reflects the origin from the cell membrane of the host cell (see upper right figure).
The RNPs representing the viral genome are arranged inside as a loose bundle – not strictly parallel, but flexibly organized with ends oriented in different directions. The matrix proteins (M1) hold this bundle together and connect it to the lipid layer, giving the virion its shape and stability.
2.4. The Adaptability of the Influenza Virus
Viruses – especially RNA viruses like the influenza virus – mutate extraordinarily fast. The reason lies in their error-prone replication machinery: the viral RNA polymerase lacks a mechanism to correct copying errors, unlike DNA replication in human cells. As a result, random mutations – small changes in the virus’s genetic material – occur with each replication cycle.
Within an infected person, this process produces a multitude of slightly different virus particles. Most mutations are neutral, meaning they neither affect the virus’s function nor its ability to replicate. However, some mutations are disadvantageous, causing the virus to replicate less efficiently or lose infectivity entirely – these variants quickly disappear through natural selection.
But some mutations give the virus a survival advantage, especially when they affect the surface proteins hemagglutinin (HA) and neuraminidase (NA). These proteins are key targets of the immune system: the body produces antibodies that specifically bind to them and neutralize the virus. However, if the structure of HA or NA changes due to mutations, the antibodies recognize the virus less effectively. The virus essentially becomes „invisible” to the immune defense and can continue to replicate and spread.
This constant adaptation explains why influenza viruses cause new waves of infection every year and why it is challenging to develop long-lasting vaccines against the flu.
The influenza virus does not exist as a fixed genetic entity but rather as a so-called mutant cloud (quasispecies) – a dynamic population of viral variants arising through continuous mutations. This genetic diversity is key to its survival: natural selection ensures that the variants most successful under the given conditions prevail. This high adaptability of the influenza virus vividly demonstrates how evolution occurs in real time.

Fig. 2-O: Genetic diversity in the host The influenza virus must constantly change through mutations to continue existing as the flu virus. The high mutation rate leads to a multitude of slightly different viral particles within an infected person.
2.5. Entry and Exit Routes of the Influenza Virus
Influenza viruses use the mucosal surfaces of the respiratory tract as their entry point, since mucous membranes form the boundary between the external environment and the inside of our body. Many viruses initiate infection by interacting with the epithelial cells of these mucous membranes in order to spread efficiently within their host. [Virus Infection of Epithelial Cells]
As shown in the illustration below, the influenza virus enters the respiratory tract via the air – reaching the nose, throat, and lungs – and binds to the apical side (upper surface) of the epithelial cells, which faces the external environment. This apical side is covered with fine, hair-like structures called cilia, which help transport mucus and foreign particles. The opposite, basolateral side of the cell faces the underlying tissue and is connected to the basement membrane, anchoring it to the connective tissue.

Fig. 2-P: An epithelial cell is infected by the influenza virus and produces numerous new virions. The release of newly formed influenza viruses also occurs specifically at the apical side. This arrangement allows the viruses to spread into the surrounding environment – such as through droplets expelled by coughing or sneezing – thereby easily infecting new hosts. This apical release represents an evolutionary advantage, as it significantly enhances transmission efficiency.
2.6. Mostly Localized Mucosal Infection
Influenza viruses are specialized for infections of mucosal surfaces. As a result, their infection typically remains localized to the epithelial cells of the respiratory tract, meaning it is confined to a mucosal infection. The virus spreads from cell to cell along the apical side of the epithelial layer, without penetrating deeper tissue layers. Even when the infection progresses from the upper respiratory tract down to the lungs, it remains limited to the mucosal surface.
The basolateral side of epithelial cells usually remains untouched, as it plays no role in viral transmission. If the virus were to exit the host cell from the basolateral side, it could spread into the surrounding tissue and ultimately enter the blood or lymphatic system, potentially leading to a systemic infection. However, for influenza viruses, this would be disadvantageous: they would face stronger immune defenses and their transmission via the respiratory tract would become more difficult.
In rare cases – particularly in severely immunocompromised individuals – the virus can break through the epithelial barrier and invade the underlying tissue as well as blood or lymphatic vessels, leading to a systemic infection.

Fig. 2-Q: Difference between a mucosal infection and a systemic infection The mucosa consists of several layers: Epithelial cells form the outer protective layer, the basement membrane acts as a thin barrier, the lamina propria supports with connective tissue and immune cells, endothelial cells form the walls of blood vessels, and the blood vessel leads into the interior of the body.
Left – Mucosal infection (limited to the mucosal surface): The virus infects epithelial cells exclusively via the apical side. It remains within the mucosa, spreading from cell to cell along the apical surface. The basement membrane and underlying tissues such as the lamina propria remain intact. A mucosal infection is locally restricted and favors transmission via mucosal surfaces, such as the respiratory tract.
Right – Systemic infection (spread through the bloodstream): The virus enters the epithelial cells on the apical side but exits them via the basolateral side. It breaches the basement membrane and moves through the lamina propria, either by migrating or infecting cells there. Eventually, it reaches a blood vessel by passing through gaps between endothelial cells or by directly infecting the endothelial cells. Entry of the virus into the bloodstream marks the transition to a systemic infection. A systemic infection is critical because the virus can then spread throughout the body via the blood, potentially damaging vital organs such as the lungs, heart, or brain.
2.7. Viral Strategy: Efficient Replication Without Rapid Cell Destruction
Some viruses – including influenza viruses – are surprisingly economical: instead of destroying their host cell immediately, they exploit its resources as efficiently as possible. Why burn down the apartment if you can live rent-free for months? As long as the cell remains intact, it provides everything the virus needs for replication: energy, enzymes, building blocks. The immune system also notices something’s wrong only later – because if nothing’s on fire, no alarm is triggered. This strategy prolongs the life of the infected cell, delays the immune response, and maximizes the production of new viruses.
Virus wisdom: The best parasites stay under the radar!
2.8. Destruction of the Host Cell
What starts as cunning protection ends in molecular burnout: the infected cell ultimately suffers cell death. This occurs when the cell is either overloaded and structurally damaged by the massive production of viruses, triggered to enter programmed cell death (apoptosis) by cellular defense mechanisms, or deliberately eliminated by the immune system. These characteristic changes in the host cell caused by the virus are referred to as cytopathic effects (CPE). This entire process can take place within as little as 24 hours after infection.
To better understand cell death caused by influenza viruses, let’s examine the three mechanisms by which the host cell is ultimately destroyed.
a) Overload and structural damage
b) Apoptosis: programmed cell death to combat the virus
c) Immune response: Destruction by the immune systema) Overload and structural damage
The virus takes over the cellular processes to produce its own components. With each new generation of viral proteins and RNA, the cell’s energy and resource capacity become increasingly depleted. Since the cell practically works only for viral replication, its own vital functions come to a halt. The cell becomes a squeezed lemon – ribosomes run hot, mitochondria collapse.

Fig. 2-R: Resource capacity: healthy cell vs. infected cell Left: Healthy cell with fully functional cellular machinery. The cell’s own mRNA (orange) is read by ribosomes to produce proteins necessary for cellular functions. The cell displays vibrant staining, indicating full resource capacity and energy availability.
Right: Virus-infected cell, heavily burdened by the production of viral components. The viral mRNA (yellow) increasingly displaces the cell’s own mRNA, and the ribosomes predominantly read viral instructions for virus replication. The pale staining of the organelles symbolizes the depletion of energy reserves and the overload of the cell.During budding at the cell membrane – when new virus particles exit the cell – the membrane is repeatedly pierced and deformed. This process ultimately leads to the loss of membrane integrity, causing the cell to lose its stability and protective functions. The cell eventually dies due to relentless resource depletion and structural breakdown resulting from virus release.

Fig. 2-S: Cell damage after virus budding and release During budding, the cell membrane forms small protrusions from which new viruses are released. Each budding event removes tiny portions of the membrane’s lipid bilayer, as the newly forming viruses use the host cell’s membrane material for their envelope. After repeated viral release, the membrane becomes significantly thinned and structurally weakened, often showing deformations and irregularities. The constant stress from budding makes the membrane more porous and vulnerable. The cell increasingly loses its ability to regulate its internal environment and can hardly maintain its selective permeability for ions and molecules. As membrane damage continues, its structural stability deteriorates. Eventually, the membrane may become so compromised that it ruptures or disintegrates, ultimately leading to cell death.
b) Apoptosis: programmed cell death to combat the virus
When a cell realizes it has been hijacked, it sometimes pulls the emergency brake – sacrificing itself for the greater good: it commits suicide to stop the virus from spreading. The plan: take the enemy to the grave. Instead of dying with a bang, the cell undergoes a controlled breakdown into small fragments called apoptotic bodies, which are then cleared away by immune cells.
This process follows a precise sequence: the DNA is fragmented, the cell membrane forms characteristic bubble-like protrusions (known as blebbing), and internal structures are neatly dismantled and recycled. The cell dies quietly – and in doing so, protects the organism.
This mechanism proves – cells have more honor than some governments!

Fig. 2-T: The image shows the stages of apoptosis in a virus-infected cell in three steps. Healthy Cell: On the left, an intact cell is shown with an undamaged cell membrane and nucleus. The nucleus contains complete DNA strands, and the cell shows no signs of stress or damage.
Infected cell – initiation of apoptosis: In the middle section, the cell begins to show visible changes. The cell membrane forms bubble-like protrusions (blebbing), and the nucleus starts to shrink. Within the nucleus, fragmented DNA becomes visible, resulting from apoptotic processes. This phase marks the transition from a functioning cell to its controlled disintegration.
Apoptotic Bodies and Degradation: On the right, the cell breaks apart into several small fragments known as apoptotic bodies. In the background, an immune cell (macrophage) is shown engulfing and degrading these fragments. This process prevents the release of viral components and protects the surrounding tissue from further infection.c) Immune response: Destruction by the immune system
Once the immune system detects a virus-infected cell, it sounds the alarm – and that spells trouble for the virus! Specialized fighters like natural killer (NK) cells and cytotoxic T cells leap into action. They identify infected cells by viral protein signals that wave like warning flags on the cell surface. With deadly precision, they release toxic molecules, destroy the infected cell, and effectively slow down viral replication!
Anyone curious to learn more about this fascinating defence battle can find detailed information in „The Wonderful World of Life”, especially in Chapter 5.3 d) „Natural Killer Cells” and Chapter 5.5.7 b) „Cytotoxic T Cells”.
NK cells and cytotoxic T cells form an unbeatable team – they hunt down and eliminate viral threats, keeping the infection under control.
Regeneration of Epithelial Cells
As previously mentioned, the influenza virus primarily infects the epithelial cells of the respiratory tract – especially the cells of the nasal mucosa, the bronchi, and the alveoli (tiny air sacs) in the lungs. Due to viral replication and the immune response – particularly through natural killer (NK) cells and cytotoxic T cells – many of these cells are severely damaged or destroyed.
Once the acute infection has been brought under control, the repair process begins: specialized stem cells initiate the regeneration of the tissue. They proliferate and differentiate into the various types of epithelial cells needed to restore the respiratory tract.
- Upper respiratory tract (nose, bronchi): New ciliated cells are formed, whose fine hair-like structures (cilia) transport mucus and foreign particles upward. In addition, goblet cells are generated, which produce mucus to keep the airways moist and protected.
- Lungs (alveoli): Here, the damaged, flat epithelial cells are replaced. These cells are essential for enabling the exchange of oxygen between the air and the blood.
The duration of regeneration varies depending on the severity of the infection. In the case of a mild illness, the epithelium can be completely renewed within one to two weeks. However, after more severe infections – such as influenza pneumonia – the healing process can take several weeks. Once the new cells form a dense layer, the protective function of the airways is restored. In most cases, regeneration is complete; however, in cases of very severe damage, scarring or structural changes in the epithelium may remain.
2.9. Self-Limiting Dangerous Viruses: Why They Rarely Cause Pandemics
Highly dangerous viruses that kill their host quickly limit their own spread. If a virus harms its host so rapidly that the person doesn’t have time to infect others, the chain of transmission is effectively broken. One example is the Ebola virus, which often remains locally contained and therefore rarely causes pandemics.
In contrast, viruses with moderate pathogenicity are more likely to cause global outbreaks. Moderate pathogenicity refers to a pathogen’s ability to cause disease without triggering extremely severe or fatal outcomes in most infected individuals. Such viruses typically lead to mild to moderate symptoms, allowing infected people to remain mobile and socially active. This increases the likelihood of transmitting the virus to others. Many influenza viruses are examples of this. Severe cases of influenza infection mainly occur in individuals with weakened immune systems, advanced age, or preexisting health conditions. In these cases, careful medical monitoring and intensified treatment are necessary to prevent serious complications.
The most successful viruses aren’t the ones that kill us – but those that keep us just alive enough to do their dirty work for them.
2.10. Why Does the Virus Make Some People Sick and Others Not?
💡Note: For a better understanding of this section, we recommend Chapter 5 in the treatise „The Wonderful World of Life”. It explains the fundamentals of the immune system in a clear and accessible way.
Not everyone infected with the influenza virus falls ill to the same degree: some experience only mild symptoms like a runny nose, others develop severe flu with fever and shortness of breath, and some remain completely asymptomatic. Why is that? The answer lies in a complex interaction between the virus and the host – i.e. the person who becomes infected. Several key factors play a role in this:
The host’s immune system
Every person has an individual immune system that responds differently to the influenza virus. Previous flu infections can provide partial immunity because the immune system has developed antibodies and memory cells that recognize and combat the virus more quickly. A strong immune system can suppress the infection at an early stage, whereas a weakened immune system (e.g., in older adults or chronically ill individuals) is often overwhelmed.
The viral load
The amount of viral particles entering the body during initial contact – the so-called viral load – affects the course of the infection. With a low viral load, the innate immune system can quickly recognize and eliminate the intruders before they multiply extensively. However, a high viral load, for example through close contact with an infected person, poses a greater challenge and can intensify the infection process.
10 viruses in the throat? No problem.
10,000 viruses? Straight to bed!The host’s genetic predisposition
Two people, one virus – but only one gets sick. Some individuals carry genetic variants in their immune system that make them either more susceptible or more resistant to the influenza virus. For example, differences in genes that regulate immune receptors can affect how effectively the immune system recognizes the virus.
There are numerous studies investigating the varying immune responses caused by genetic predisposition:
The study „IFITM3: How genetics influence influenza infection demographically” showed that people with certain variants of the IFITM3 gene (Interferon-Induced Transmembrane Protein 3) are less likely to develop severe influenza because this gene inhibits the replication of the influenza virus within cells.
The study „HLA targeting efficiency correlates with human T-cell response magnitude and with mortality from influenza A infection” investigated how HLA alleles (MHC class I) influence the T-cell response to the influenza virus. It found that certain HLA alleles present influenza peptides more efficiently and trigger a stronger T-cell response. People with these alleles experienced milder courses of influenza infections, whereas other alleles were associated with weaker T-cell responses and higher mortality. This demonstrates that genetic differences in MHC molecules can directly affect the severity of an influenza infection.
The virus’s mutant cloud
As mentioned earlier, the influenza virus does not exist as a uniform strain but rather as a „mutant cloud” – a diversity of genetic variants that arise due to the error-prone RNA polymerase. Some variants in this cloud are more aggressive because they, for example, bind better to cells or evade the immune system. Which variant dominates can determine the severity of the infection.
Tissue specificity of the virus
Influenza viruses differ in their preference for certain tissues in the body. Most strains primarily replicate in the upper respiratory tract (e.g., nose and throat), which often leads to milder symptoms such as a sore throat. Other strains penetrate deeper into the lungs and can cause severe pneumonia.
📌 Conclusion: Cheers to diversity!
The interaction between virus and human is like Tinder for microbes – some matches are harmless, others end in disaster. What really matters is:
- Host poker (genes + immune system)
- Virus roulette (dose + mutations)
- Tissue Tinder (where does the virus land?)
Our body is no passive target – it’s a learning system. Every infection is an update for the immune memory, every virus a lifelong training partner. Because only through the fight does our shield grow – for a lifetime.

3. A Look at the Beginnings of Microbiology – How It All Started
The history of microbiology is a journey from invisibility to clarity, from speculation to concrete knowledge. Its origins can be traced back to the 17th century, when human curiosity and technological innovation first unveiled a hidden world.
3.1. Early Discoveries: The First Glimpses into the Invisible
3.2. The Birth of Modern Microbiology
3.3. The Step into the World of Viruses
3.4. Viruses and Koch’s Postulates3.1. Early Discoveries: The First Glimpses into the Invisible
In 1665, it was Robert Hooke who, using an early microscope, first described plant cells and thereby coined the term „cell”.
But the real breakthrough came a few years later with Antonie van Leeuwenhoek. Using his self-crafted, extremely powerful lenses, he was the first to observe tiny, living organisms in 1676, which he called „animalcules” – little animals like bacteria and single-celled creatures that we recognize today. Van Leeuwenhoek’s discoveries opened an entirely new perspective on nature, yet understanding how these organisms lived or caused diseases was still far from reach.
3.2. The Birth of Modern Microbiology
It took almost two centuries before microbiology was systematically studied. In the 19th century, the field experienced a quantum leap. Louis Pasteur disproved the old idea that life could spontaneously arise from nothing (the theory of spontaneous generation) and demonstrated that microorganisms are responsible for processes like fermentation and decay. His work laid the foundation for the germ theory of disease, which was later further developed by Robert Koch.
Koch’s research led to a crucial milestone in 1876: the Koch’s postulates. These rules made it possible for the first time to identify microorganisms as specific causes of diseases. Koch’s work revolutionized bacteriology and made it possible to definitively detect pathogens such as the anthrax bacterium (Bacillus anthracis) and later the tuberculosis pathogen.
However, while microbiology made great advances in studying bacteria, viruses remained hidden for a long time. Even the best microscopes of that era were unable to visualize these tiny, invisible particles.
3.3. The Step into the World of Viruses
The end of the 19th century brought the next breakthrough. In 1892, Dmitri Ivanovsky demonstrated that a filtered extract from tobacco plants suffering from tobacco mosaic disease remained infectious, even after passing through porcelain filters that retained bacteria. Martinus Beijerinck confirmed these observations and coined the term „virus” (from the Latin word for „poison” or „slime”) for the mysterious, non-bacterial pathogen. This marked the beginning of the systematic study of this new world.
The true access to the world of viruses, however, was only made possible with the electron microscope, developed in the 1930s. It was only then that scientists could visualize viruses and understand their structure.
3.4. Viruses and Koch’s Postulates
In discussions about the detection of viruses, Koch’s postulates are often used as a benchmark to question the existence of viruses. But how do these postulates, developed in the 19th century, fit into today’s understanding of infectious diseases? A look at the historical background and scientific advancements helps to clarify this question.
Koch’s Postulates: A Scientific Milestone
Robert Koch (1843–1910), one of the founders of modern bacteriology, developed the postulates named after him to prove the connection between microorganisms and infectious diseases. They were presented in 1890 at the 10th International Medical Congress and consist of four criteria:
Postulate 1: The microorganism must be found in every case of the disease, but should not be present in healthy organisms.
Postulate 2: The microorganism must be isolated from the diseased organism and grown in pure culture.
Note: A pure culture means that only a single species of microorganisms is cultivated, without any other species mixed in.Postulate 3: A previously healthy individual shows the same symptoms after infection with the microorganism from the pure culture as the individual from whom the microorganism originally came.
Postulate 4: The microorganism must be re-isolated from the experimental host and identified as the same one.
These groundbreaking principles laid the foundation for experimental medicine and the germ theory of disease.
Robert Koch: A Pioneer Against Resistance
Robert Koch studied the pathogens of diseases such as tuberculosis, cholera, and anthrax. For his research, he often traveled to epidemic regions, such as Calcutta to study cholera or Bombay during the bubonic plague. Koch spent months in these countries, always close to the epicenter of the outbreaks. In his laboratory tent, he worked tirelessly at the microscope.
However, Koch faced significant resistance. At his time, the idea that diseases were caused by microscopic organisms was still controversial. Many of his colleagues and contemporaries were skeptical and rejected his theories. Scientists often believed back then that plagues and epidemics were caused by so-called miasmas – toxic vapors rising from the ground.
Despite these challenges, Koch tirelessly pursued his research. He utilized innovative techniques of his time, such as the agar plate and oil immersion lenses, to cultivate and study bacteria. These methods enabled him to make important discoveries and revolutionize the understanding of infectious diseases.

Fig. 3: Early tools of microbiology: agar plate and oil immersion microscope Left: An agar plate – a solid nutrient medium in a petri dish, with agar added as a gelling agent to selectively cultivate bacteria. Right: A microscope with an oil immersion lens – a special microscopy technique where a drop of oil is placed between the objective lens and the specimen to minimize light refraction, making the tiniest microbes appear sharper.
Challenges and Limitations of the Postulates
It was precisely the skepticism directed against his theories that prompted Koch to formulate the postulates in order to provide proof of a connection between the pathogenic properties of bacteria and the disease.
Koch himself recognized that his postulates do not always apply universally. A well-known example is his work with the cholera pathogen Vibrio cholerae. He discovered that this microorganism can be present not only in sick individuals but also in apparently healthy people. This finding challenged the first postulate and led Koch to abandon the universal validity of this criterion.
Koch’s Spirit of Innovation
Koch was a pioneer of his time. In his speech at the 10th International Medical Congress, he stated:
„It was necessary to provide irrefutable evidence that the microorganisms found in an infectious disease are truly the cause of that disease.”
His scientific approach of convincing skeptics through strict evidence was groundbreaking. Yet, he himself recognized that new technologies and methods were needed to answer further questions:
„With the experimental and optical aids available, no further progress could be made and it would probably have remained so for some time if new research methods had not presented themselves at that time, which suddenly brought about completely different conditions and opened the way to further penetration into the dark area, with the help of improved lens systems …”
Regarding hard-to-detect pathogens such as those causing influenza or yellow fever, he remarked:
„I tend to agree with the view that the diseases mentioned are not caused by bacteria at all, but by organized pathogens that belong to entirely different groups of microorganisms.”
Koch was already on the trail of viruses but was unable to definitively identify them due to the limited technical capabilities of his time. However, he recognized that these invisible pathogens must exist.
Why viruses break Koch’s postulates?
Koch’s research results corresponded to the scientific knowledge of his time. In the 19th century, microbiology was still in an early stage of development, where fundamental principles were just being discovered and systematically studied. Virology as an independent field emerged only after Koch’s era, when Dmitri Ivanovsky and Martinus Beijerinck discovered infectious particles smaller than bacteria. With the invention of the electron microscope in the 1930s, viruses could finally be visualized. However, viruses differ fundamentally from bacteria, which is why Koch’s postulates are often not directly applicable to them:
➤ Host dependence: Viruses can only replicate inside living host cells and cannot be grown in pure culture.
➤ Asymptomatic infections: Many viral infections occur without symptoms, making it difficult to clearly associate the pathogen with the disease.
➤ Complex detection methods: Modern molecular techniques such as PCR allow for the detection of viral genome sequences, requiring an extension of the classical postulates.
Koch and Modern Science
Robert Koch and his contemporaries laid the foundation for microbiology, particularly through the development of methods for isolating and cultivating bacteria. The germ theory of disease was a milestone in the history of science at the time. Koch understood that science is constantly evolving. If Koch had had access to modern technologies such as PCR, sequencing or electron microscopes, would he have adapted his methodology?
Modern technologies such as PCR and sequencing will be introduced in the following chapters.
His closing words at the 1890 congress provide the answer and reflect his optimism for the future:
„Let me conclude with the hope that the nations may measure their strength in this field of work and in the war against the smallest but most dangerous enemies of mankind, and that in this struggle, for the benefit of all humanity, one nation may continually surpass another in its achievements.”
If Robert Koch had been able to witness today’s advances in molecular biology, virology, and immunology, he would likely have been fascinated – not only by the new insights, but also by the revolutionary methods that make it possible to visualize even the tiniest pathogens. After all, this was precisely his motivation: to make the invisible visible, to decipher what is hidden. How might he have reacted to the first images of a virus under an electron microscope?
From the First Observations to Modern Science
What once began with dusty lenses and puzzled gazes has now become high-tech down to the molecular level. With every new technology, we peer deeper into the microcosm. Microbiology has made the invisible visible – but only modern technology allows us to truly understand the invisible. Today, we track viruses that evaded our sight for centuries.
And how we uncover the invisible today – that is the story of the next chapter.

4. Modern Methods for the Discovery and Analysis of Viruses
So far, we have familiarized ourselves with the topic of viruses. In this chapter, we shift our perspective: from wonder to measurement. Without the methods of modern biology, we would know little about viruses – their structures, their genetic material, their diversity.
What follows is a look into the engine room of science. Admittedly, a technical section – but an important one: because it is here that we see how we are able to grasp the invisible at all.
Anyone eager to understand how viruses are made visible, decoded, catalogued, and analyzed today will find here a kind of 21st-century toolbox.
But when and why do we turn to these tools?
The identification of viruses can serve different purposes: some viruses come into focus because of their impact on humans, animals, or plants, while others are discovered in environmental samples or unexplored habitats to better understand their ecological significance. The detection of known viruses is primarily used for diagnostics, whereas the identification of unknown viruses offers insights into biological diversity and evolution.
Since viruses lack universal features such as a shared cell structure, detection methods focus on their genetic material, their structure, or their interactions with host cells. The detection process does not follow a rigid scheme but instead combines various steps that vary depending on the research question and the type of virus.
The following sections will provide a detailed explanation of the key methods used for virus identification – from sample collection to bioinformatic analysis.
Procedures for the identification of viruses
4.1. Sample Collection
4.2. Sample Preparation
4.2. a) Filtration
4.2. b) Centrifugation
4.2. c) Precipitation
4.2. d) Chromatography
4.3. Cell Culture
4.4. Making Viruses Visible
4.4. a) Electron Microscopy
4.4. b) Crystallization
4.4. c) Cryo-Electron Microscopy
4.4. d) Cryo-Electron Tomography
4.4. e) Summary
4.5. The Genetic Fingerprint of Viruses
4.5.1. Nucleic Acid Extraction
4.5.2. Nucleic Acid Amplification
4.5.3. Sequencing
4.5.3. a) First Generation: Sanger Sequencing
4.5.3. b) Second Generation: Next-Generation Sequencing (NGS)
4.5.3. c) Third Generation: New Approaches in DNA Sequencing
4.5.3. d) Emerging Technologies: The Future of Sequencing
4.6. Bioinformatic Analysis4.1. Sample Collection
Before we can track down viruses, we first have to find them – and that’s like a micro-scale treasure hunt, with hiding places ranging from blood to deep-sea sediment. Whether in humans, plants, or the ocean, viruses are everywhere, and researchers become detectives equipped with pipettes, protective suits, and specialized gear.

Fig. 4: Sample Collection: A) from humans, B) from soil, C) from marine ecosystems [Tara Oceans-Mission]
Human Samples
Who hasn’t experienced this? A swab deep in the nasopharynx – the classic method made familiar to everyone since COVID-19. But viruses don’t just hide in mucous membranes; they can also be found in blood, faeces, or tissue. Much like a thief leaves behind DNA traces, viruses reveal themselves through their genetic remnants. It is crucial that samples are collected cleanly and processed quickly – ideally as gently (and painlessly?) as possible for the patient. Plants, animals, and insects also provide sample material to investigate the presence of viruses in a wide variety of biological systems.Environmental Samples
Water, soil, even air – viruses are everywhere. Researchers fish them out of rivers, dig them up from the ground, or capture them directly from the atmosphere using high-tech filters.Extreme Candidates: Viruses in Extreme Conditions
In the deep sea, in eternal ice or in bubbling volcanic springs – viruses are among the toughest survival artists of all. To catch them there, special probes are needed that reach into the depths like spaceship tentacles: „Oops, what’s swimming at a depth of 4,000 metres? Just take it with you!”More About the Ocean
Viruses play a central, often underestimated role in the health of the oceans. Wherever life exists, viruses are present – invisible yet ubiquitous players that outnumber every other biological entity. They regulate the ecosystem much like large predators, controlling populations and thus maintaining ecological balance.
An outstanding research project was the Tara Oceans Expedition (2009–2013). The goal of this four-year project was to study microbial life in the oceans and its impact on the global ecosystem. Scientists collected over 35,000 samples worldwide from plankton, algae, and viruses.
During the expedition, the research team discovered over 5,000 new RNA virus species, including the fascinating mirusviruses. These discoveries expand our understanding of the diversity, evolution, and ecology of the oceans.
If you’re interested in this expedition, check out the Tara Oceans videos – the short or the long version.
Transport: The VIP Service for Viruses
To make sure these tiny suspects don’t get damaged en route, they’re quickly put into the cold chain after collection. Deep-freeze transport and sterile packaging are a must – otherwise, the „viral loot” falls apart faster than an ice cube in the Sahara.But a good sample is only the beginning.
What we bring home in tubes, swabs, or deep-freeze boxes is usually a biological jumble: cell debris, bacteria, proteins – and somewhere in between, a few viruses, tiny and hidden. Now it’s time to sort, clean and concentrate – before the actual analysis can even begin.
4.2. Sample Preparation
In every sample, viruses hide like needles in a microbial haystack – which is why we have to clean up before the virus hunt can begin:
- 99 % ballast: cell debris, proteins, bacteria
- 1% target: tiny virions we want to isolate
The majority of a biological sample consists of non-viral material, which makes targeted analysis extremely challenging. That’s why sample preparation is an essential intermediate step: it removes contaminants, concentrates viral particles, and prepares the material for actual analysis. The procedure varies depending on the sample type, the research goal, and the virus being investigated.
Sample preparation is like gold panning: you need patience, the right sieve – and the hope that in every bucket of sludge, there’s a nugget gleaming.
The most important techniques include:
a) Filtration
b) Centrifugation
c) Precipitation
d) Chromatographya) Filtration – The Mega Sieve

Filtration is an initial purification step used to remove larger particles and coarse impurities.
This allows viral particles to be selectively separated from larger structures such as bacteria or cell fragments.
Function: Retains bacteria and cell debris – only virions can pass through
Special Feature: Special filters with nanopores (0.02 µm!)
Cool Fact: Some filters become electrostatically charged to catch viruses more effectivelyMore Information
Filtration is typically carried out using special membrane filters with defined pore sizes. Filters with a pore size of 0.2 micrometers are commonly used because they reliably retain bacteria and larger particles while allowing smaller viral particles to pass through. A practical example of this method is its use in water samples from environmental studies, where viral particles are effectively separated from other microorganisms.
An advanced variant is ultrafiltration, which uses filters with even finer pore sizes ranging from 0.01 to 0.1 micrometers. This technique not only removes bacteria but also separates smaller particles.

Fig. 5-A: Schematic illustration of the filtration process showing how an unfiltered sample is passed through a membrane filter. The membrane filter retains larger particles, while viral particles and smaller particles pass through and are collected in the receiving container. Despite its effectiveness, filtration has some limitations:
Purity: The smallest particles or dissolved substances may still remain in the sample after filtration.
Clogging: Especially in samples with a high particle concentration, the filter membrane can become blocked, complicating the process.
Capacity: The flow rate is limited by the pore size, which can make filtration time-consuming.To obtain the purest possible virus sample, filtration is often combined with additional purification steps such as centrifugation or chromatography. These supplementary methods can remove remaining contaminants and optimize the quality of the samples for subsequent analyses.
b) Centrifugation – The Gravity Turbine

Centrifugation is a key technique for separating particles based on their size and density.
This process uses centrifugal force generated by spinning the sample at high speed.
Principle: Heavy particles sink, light ones float – viruses settle in between
High Speed: Up to 100.000 RPM (a washing machine reaches 1.200 RPM)
Trick: Density gradients can even separate different virus types from each otherMore Information
How Centrifugation Works
When a solution is left standing at room temperature for an extended period, heavier particles slowly settle due to gravity. Centrifugation significantly speeds up this process by rotating the sample at speeds ranging from several thousand up to 100,000 revolutions per minute (in ultracentrifugation). The extreme centrifugal forces cause particles to separate based on their density and size.

Fig. 5-B: Sample is placed into the centrifuge. To protect sensitive molecules from overheating, many centrifuges are equipped with cooling systems that maintain a consistent temperature throughout the entire process.
Types of Centrifugation
Differential Centrifugation
Separation principle: Particles are separated based on their size and mass. Larger and heavier particles sediment faster than smaller and lighter ones.
Procedure: The sample is treated step by step with increasing centrifugal forces. After each step, the supernatant, which contains the remaining smaller particles, is carefully transferred to a new tube. The bottom of the original centrifuge tube contains the pellet in which the larger particles have settled and is removed.
Application: This method is commonly used to isolate cell components, organelles, and viruses from complex mixtures.
A typical example of sample preparation for the investigation of unknown viruses is the extraction of a cell lysate. In this process, cells isolated from tissue samples or swabs are disrupted using chemical, physical, or enzymatic methods. This step releases viral particles that have replicated within the host cells. The cell lysate is then purified through centrifugation or filtration to separate viral components from cellular debris. Cell lysates are especially useful when there is suspicion that viruses are hidden within specific cell types or tissues.

Fig. 5-C: Differential Centrifugation Density Gradient Centrifugation
Separation principle: Particles are separated according to their density. The sample is applied to a density gradient (usually sucrose or caesium chloride) and centrifuged. During rotation, the particles move to the position in the gradient that corresponds to their own density.
Procedure: Particles come to rest at the point in the gradient where their density matches that of the medium, enabling precise separation.
Application: This method is particularly well suited for isolating and analyzing viruses, proteins, and nucleic acids from complex mixtures.
Extraction of the Viral Fraction
After centrifugation, the viral fraction typically appears as a clearly defined layer within the centrifuge tube. This layer can be carefully extracted using a pipette to prepare the viruses for further analysis. The exact position of the viral layer depends on the method used and the physical properties of the viruses.
Fig. 5-D: Density Gradient Centrifugation In most cases, the centrifuge is set to a constant speed that is sufficient to separate the particles within the density gradient. This speed is typically very high (e.g., up to 100.000 rpm during ultracentrifugation), as effective separation in the density gradient depends on generating adequate centrifugal force.
Combination of Methods
Differential and density gradient centrifugation are often combined to achieve higher purity and precision in particle separation. These methods are essential for biomedical research and diagnostics, as they allow for the precise separation and concentration of viral particles.
c) Precipitation – The Chemistry Trick

Precipitation is a well-established method for isolating and purifying virus particles from a solution.
In this process, chemical substances are added that reduce the solubility of the viruses, causing them to precipitate out of the solution.
How it works: Chemical substances make viruses heavier and sticky → they precipitate out
Advantage: Cheap and simple – but not suitable for fragile virusesMore Information
The process involves multiple steps and uses specific chemical reactions to effectively concentrate the virus particles.
Process of Precipitation
Sample Preparation: Before precipitation, the sample is often pre-cleaned – using methods such as ultrafiltration or ultracentrifugation – to remove larger particles and impurities. This improves the efficiency of the precipitation process.
Addition of a Precipitating Agent: A chemical such as polyethylene glycol (PEG), ethanol, or ammonium sulfate is added to the solution. These substances alter the chemical properties of the liquid by reducing the solubility of the virus particles.
Salting Out: In salting-out, the added salt ions or molecules compete with virus particles for the available water molecules in the solution. As fewer water molecules remain available to solvate the viruses, their solubility decreases. This leads the viral particles to aggregate and form a visible precipitate – a process known as precipitation. The surface charges and biochemical properties of the virus particles, such as size and density, favor their precipitation over other components in the solution.
Centrifugation (in the figure: ZFG): To concentrate the precipitated virus particles, the sample is centrifuged. This accelerates the sedimentation of the viruses, which collect as a solid pellet at the bottom of the tube.
Washing: The pellet is washed with a buffer or solution to remove any remaining PEG, salts or other impurities.
Result: The solution now primarily contains the isolated viruses, which can be used for subsequent analyses.

Fig. 5-E: Precipitation After centrifugation, the virus pellet is located at the bottom of the test tube, while the supernatant lies above. The supernatant is carefully aspirated or pipetted off to avoid disturbing the pellet. A washing solution, usually a buffer such as PBS (phosphate-buffered saline) or a similar medium, is added to the pellet. The volume of the washing solution is typically comparable to the original sample volume to effectively remove impurities. The pellet is resuspended by gentle pipetting, vortexing (light stirring with a vortex mixer), or by gently inverting the test tube so that it disperses in the washing solution. This step allows any remaining contaminants to transfer into the wash solution. After mixing, the test tube is centrifuged again, causing the viral particles to pellet once more. The wash solution (supernatant) is carefully removed without disturbing the pellet. This washing step is repeated one to three times as needed to ensure the removal of as many impurities as possible. After the final wash, the virus pellet is resuspended in a small volume of buffer (e.g., PBS or an analysis buffer) to prepare it for subsequent analyses.
Advantages of Precipitation
Widely applicable: Suitable for many types of viruses. However, it should be used with caution for very sensitive samples: especially enveloped viruses can be damaged by osmotic stress or nonspecific aggregation.
High Yield: Precipitation allows for effective concentration and purification with minimal loss of material.
Ease of Use: The process is cost-effective and does not require highly complex equipment.Precipitation is particularly well-suited for efficiently isolating large quantities of viruses.
d) Chromatography – The VIP Lounge for Viruses

Chromatography is a highly precise purification step in virus processing.
In this method, viral particles are separated from other sample components based on their specific physical or chemical properties.
How it works: Columns separate viruses based on size, charge, or affinity
Advantage: Particularly gentle, precise and efficientMore Information
Principle of Chromatography
Chromatography is a method used to separate different substances within a mixture. In general, this process involves a mobile (moving) phase and a stationary (non-moving) phase. The mobile phase is the mixture of substances to be separated, which moves through the stationary phase, also known as the matrix. The substances in the mobile phase interact with the materials in the stationary phase. Due to these interactions, the individual components in the mixture move at different speeds or become temporarily trapped. This allows the different substances to be separated from one another.There are various types of chromatography. One commonly used method is ion exchange chromatography, which is based on the electrical charges of the particles. This technique is particularly well-suited for purifying viral particles, as viruses typically have a defined surface charge.
Procedure of Ion Exchange Chromatography (IEC)
Controlling Viral Charge:
The isoelectric point (IEP) of a virus indicates the pH value at which the virus carries no net electrical charge. By adjusting the pH value of the surrounding solution, the electrical charge of the virus can be purposefully manipulated:- At a pH value below the IEP, the virus becomes positively charged.
- At a pH value above the IEP, the virus becomes negatively charged.
Selection of the Matrix:
The matrix is selected to carry a charge opposite to that of the virus, allowing effective binding:- Anion exchangers: Positively charged matrix to bind negatively charged particles.
- Cation exchangers: Negatively charged matrix to bind positively charged particles.
Typically, the matrix consists of resins or membranes that are chemically modified to carry a specific surface charge.
Binding of the Viruses:
The sample is applied to the chromatography column, and the solution flows through the matrix. The viruses bind to the matrix due to electrostatic interactions. Other molecules, such as nucleic acids or proteins, bind more weakly or pass through the column unchanged.Washing:
Unbound or weakly bound impurities are removed from the matrix using a wash buffer. This step improves the purity of the bound viral particles.Elution (Release of the Viruses):
To detach the bound viruses from the matrix, an elution buffer is added. This can be done in two ways:- Change of pH value: The pH value is adjusted so that the charge of the viral particles is neutralized, causing the binding to the matrix to be lost.
- Increase in salt concentration: Additives such as sodium chloride or magnesium chloride neutralize the electrostatic binding between the viruses and the matrix.
Result:
The eluted viral particles are collected. Since impurities have already been removed during the washing steps, the eluted fraction primarily contains purified viruses, which can be used for further analyses or applications.
Fig. 5-F: Ion Exchange Chromatography Other Variants of Chromatography
Besides ion exchange chromatography, there are other types used depending on the target and sample:Affinity Chromatography: Uses specific binding between viral proteins and ligands on the matrix.
Size Exclusion Chromatography: Separates particles based on their size.
Hydrophobic Interaction Chromatography: Exploits the hydrophobic properties of the particles.
In practice, these methods are often combined. For example, a sample might first be filtered, then centrifuged, and subsequently further purified by precipitation and chromatography. The choice and sequence always depend on the type of sample and the goal of the analysis.
Why all this effort?
Simple: a bad sample gives bad data – like a blurry photo of Bigfoot. That’s why you need to work cleanly, keep things cool, and act fast… because molecules don’t forgive carelessness.
Sample preparation is not a side job – it’s the foundation. Without it, everything else falls apart. And once the viral material is well prepared, it’s time for the real deal: Now the viruses have to prove themselves – in cell culture.
4.3. Cell Culture
Viruses are the ultimate parasites: without a host cell, nothing works for them – no life, no reproduction. Alone – completely helpless. But give them a living cell and off they go. That’s why virology needs a reliable tool: cell culture. Without it, even the most dangerous virus dozes off like an office worker in the home office.
And since viruses don’t like to be alone, virologists set up a cozy home for them – a luxury shared flat in miniature: sterile petri dishes, perfect temperature, a nutrient-rich medium packed with vitamins and sugars – everything a virus’s heart desires. The cells used come from humans, animals, or plants – depending on which virus you want to pamper at the moment.
But not every virus is easy to handle. Some are demanding diva types that only thrive in specific cell lines. Others do it in anything that screams „Help!” And sometimes? Just… nothing happens. Then it’s: new cells, new luck.
Cell cultures are much more than just virus breeding stations. They enable:
➤ the replication of viruses in a controlled environment,
➤ the analysis of their properties, and
➤ the detection of infectious agents – especially with new or unknown viruses.Why Cell Cultures Are Absolutely Cool Despite PCR
PCR tests are fast, cheap, and widely available – like the fast food of diagnostics. But they only tell you: „Yes, there was virus here!” Whether the virus is still alive and infectious? No clue!
Cell culture = reality check.
Can the virus infect cells and multiply inside them? Yes? Then we are dealing with a real pathogen. No? Then it remains genetic ghost rubbish.Cell culture as a fitness test: indispensable when you want to:
➤ check a virus’s infectivity,
➤ test new viruses whose dangerousness is still unclear.
Viruses have to prove they’ve got what it takes first!Even in the age of PCR and high-throughput sequencing (more on that later), cell culture remains the practical test after the theoretical exam: „All well and good – but does it actually work?”
Because only a virus that can infect cells poses a real threat. Cell culture separates the wheat (active, infectious viruses) from the chaff (harmless genetic fragments). Especially in the era of synthetic biology, this becomes crucial: just because the genetic sequence looks right doesn’t necessarily mean the virus actually works.
Infection and observation of the cell culture
Preparation of the Cell Culture
Cells are cultured in a nutrient medium that contains essential nutrients, growth factors, and a suitable pH. This environment supports the survival and proliferation of the cells. Commonly used are cell lines that allow continuous growth, such as Vero cells (derived from monkey kidney epithelial cells) or HeLa cells (human cancer cells).
The choice of appropriate host cells is based either on initial clues from microscopic observations or on testing various cell lines. Researchers often use cell lines known to support viruses from specific sample sources. For example, cell lines derived from marine organisms are commonly used for ocean samples, while human epithelial cells are preferred when studying respiratory viruses.
Infection of the Cell Culture
To detect viruses in a sample, it is applied to a suitable cell culture. If the sample contains viruses, they can enter the cells, hijack their cellular machinery for replication, and cause characteristic changes known as cytopathic effects (CPE). How such cell alterations caused by viral infections can occur is illustrated in detail in Chapter „2.8. Destruction of the Host Cell”.
Detection and Observation:
After a certain period of time, the infected cells can be examined under a light or electron microscope for cytopathic effects (characteristic changes). These effects serve as visible indications of a successful infection:
➤ Cell shrinkage or clumping
➤ Formation of syncytia (multinucleated cell aggregates)
➤ Cell lysis (disintegration of cells)
Fig. 6: Infection of the cell culture and its observation 🎥 Time-lapse in real life: Tracking Influenza Virus Spread in Cell Culture
Reference to the influenza virus
The paper presents a comprehensive collection of images showing the typical cytopathic effects (CPE) following infection with the influenza virus. These visual representations illustrate the characteristic cell changes caused by the virus. However, the manual observation and evaluation of these effects is extremely labor-intensive and time-consuming. In order to optimize this process, the authors tested the use of artificial intelligence (AI), more precisely deep convolutional neural networks (CNNs), for automated image analysis.
This study impressively demonstrates how modern methods such as virology, cell biology and AI technology intertwine to develop innovative solutions to complex scientific problems.
Role and Applications of Cell Culture in Virology
Diagnosis of Known Viruses: Cell cultures are used to propagate viruses and detect their presence through specific changes in the cells.
Detection of Unknown Viruses: When the genetic or antigenic structure of a virus is unknown, cell cultures can help characterize its biological activity.
Study of the Viral Life Cycle: Cell cultures enable investigation of virus-host cell interactions, including entry, replication, and release of new viral particles.
Research on Virulence and Pathogenicity: They help to understand the mechanisms by which viruses damage cells and cause infections.
Analysis of the Immune Response: Cell cultures support the study of how the immune system reacts to viral infections and how infected cells trigger immune responses.
Testing of Antiviral Drugs: Cell cultures are used to evaluate the efficacy and safety of potential antiviral compounds and to develop new therapies.
Vaccine Production: Many vaccines, such as the measles vaccine, are produced using cell cultures.
Production of Viral Vectors: Cell cultures are essential for manufacturing viral vectors – genetically modified viruses that deliver therapeutic genes or vaccine information into cells, used in gene therapy, cancer treatment, or vaccines like those against Ebola or COVID-19 (e.g., AstraZeneca).
Limitations of the Method
Not all viruses are cultivable: Some viruses, such as Hepatitis B, require specialized cells or systems to replicate in vitro.
Viruses with very narrow host specificities: Some viruses rely on highly specific host cells, which can be difficult to reproduce in cell cultures, complicating research.
Insufficient representation of in vivo environments: Cell cultures offer only a simplified version of the natural host, which may lead to missing important virus-specific interactions or responses.
Lab-adapted viruses vs. natural viruses: Viruses that are cultured through multiple passages in cell lines may accumulate mutations that alter their characteristics. As a result, they can differ from their natural counterparts – for example, by having fewer spike proteins or altered host specificity.
Limited reproducibility of results: Cell culture conditions can influence cellular behavior, leading to variability in experimental results.
Time-consuming: Virus detection via cell culture is slower compared to molecular methods.
Complexity and cost: Establishing and maintaining cell cultures requires specialized laboratory equipment and expertise.
Biosafety risks: Working with highly pathogenic viruses requires strict safety standards, which impose additional requirements on laboratories and researchers.
Isolation and Further Processing
Cell cultures are the all-inclusive resorts for viruses – a place where they can replicate undisturbed. But, as with everything in life, even the best vacation comes to an end. For our tiny guests, it’s time to check out: „Checkout, please!” Their journey continues – straight to the high-tech labs. Now things get serious – and exciting. Because now we want to know: What exactly has grown there? And what does it look like? Welcome to the tools of virus analysis:
Selfie with the Electron Microscope: If a virus wants to know what it really looks like, electron microscopy gives it the ultimate close-up – sharper than any Instagram filter.
PCR and Sequencing: The Genetic Personality Test: A bit of genetic material here, a few enzymes there – and suddenly it becomes crystal clear who (or what) is actually sitting in that reaction tube.
ELISA: The Antibody Check: This test sniffs out antibodies in the blood – and reveals whether the immune system has already sounded the alarm. A suspicious find? Case closed!
In the next chapters, we’ll break down some of these methods – no lab coat required.
4.4. Making Viruses Visible
Viruses are like ghosts: you can feel their impact, but you never see them. They wreak havoc in cells, embed themselves in our DNA, cause diseases, shape evolution, and have been playing hide-and-seek with science for centuries. Even under the best light microscope, they remain invisible.
But as the saying goes: Seeing is believing. So how do we make the invisible visible? How can viruses be reliably detected? And how do we decode their structures and mechanisms?
The answer: we get out the really big microscopes! Devices so powerful that even the sneakiest viruses get caught red-handed – no disguise can save them. Modern imaging techniques can now dissect viruses down to the atomic level.
Welcome to the realm of modern visualization – where the invisible finally takes shape! And here we go with …
a) Electron Microscopy
b) Crystallization
c) Cryo-Electron Microscopy (Cryo-EM)
d) Cryo-Electron Tomography (Cryo-ET)
e) Summarya) Electron Microscopy: First Images of Viruses
The history of virology began with the realization that something smaller than bacteria must be responsible for causing diseases.
The physicist Richard Feynman put it in a nutshell in 1959:
„It is very easy to answer many… fundamental biological questions; you just look at the thing!”
But how can we visualize something that lies far below the resolution limit of a conventional microscope?
The invention of the electron microscope (EM) in 1931 made this possible for the first time: viruses could be directly visualized. The method uses electron beams instead of light to reveal extremely small structures. For the first time, scientists were able to image the characteristic envelopes and shapes of viruses, thereby confirming their physical existence.

Fig. 7-A: A look through the microscopes – a schematic illustration The illustration shows the differences in visualizing biological structures through two fundamental microscopy technologies.
On the left side, the view through the light microscope represents the classic capabilities used since the 17th century. Larger structures such as human cells are clearly visible here, as well as bacteria, which can be made visible through staining techniques. Viruses, however, remain invisible because their size (80–120 nm for influenza viruses) is far below the resolution limit of a light microscope.
On the right side, the view through the electron microscope demonstrates how modern technologies have overcome the limits of visibility. Not only are human cells and bacteria visible in much greater detail, but viruses can also be seen. The visualization even goes so far as to reveal high-resolution details such as the viral envelope and genome.Light microscopes provide a general overview and enable the analysis of living cells, while electron microscopes offer deeper insights into the world of microorganisms and viruses – down to molecular details.
The following video vividly illustrates the difference between light microscopes and electron microscopes, as well as how they function.
How does electron microscopy work?
Electron microscopes have a much higher resolution than light microscopes because electrons have a much shorter wavelength than light. This allows for the visualization of structures at the nanometer scale. There are two main types:
1️⃣ Transmission Electron Microscopy (TEM)
An electron beam penetrates an extremely thin sample.
This produces high-resolution 2D images of the internal structures.
(Earlier: low-contrast spots, Today: up to 0.05 nm resolution)
Especially useful for fine details inside viruses.2️⃣ Scanning Electron Microscopy (REM/SEM)
The electron beam scans the surface of a sample.
This produces detailed 3D images of the sample surface.
(Earlier: Rough outlines, Today: Molecular-level sharpness)
Well suited for the external structure of viruses.
Fig. 7-B: Transmission Electron Microscopy vs. Scanning Electron Microscopy
(schematic representation)Transmission Electron Microscopy: Provides a view through the virus, making internal structures visible. The virus usually appears as a two-dimensional projection with fine internal details. Electrons pass through the sample, and contrast is generated by interactions with varying densities of cellular or viral components.
Scanning Electron Microscopy: Shows a three-dimensional surface, often with a plastic, relief-like effect. The sample is scanned with electrons, producing a depth-sharp surface image. Internal structures are not visible because the electrons do not pass through the sample.Here you can see an original TEM image of an influenza virus particle.
Further information on the use of electron microscopy
Electron microscopy (EM) enables the investigation of various aspects of the influenza virus:
🔬 Insights into the ultrastructure of the influenza virus
Using transmission electron microscopy (TEM) with negative staining, scientists have gained detailed insights into the ultrastructure of the influenza virus. The study reveals the arrangement of spike proteins (hemagglutinin and neuraminidase) on the virus surface as well as the internal structure, including the matrix protein (M1) and the RNA, highlighting differences between intact and damaged virus particles.🔬 Insights into the Structure of Ribonucleoprotein Complexes (vRNPs)
Using electron microscopy, scientists were able to visualize the helical arrangement of the vRNPs within the virus particle. The article by Noda and Kawaoka (2010) provides a detailed description of the architecture of the vRNPs inside the virus particle and their packaging within virions. They emphasize that each of the eight vRNA segments is associated with nucleoproteins and a polymerase complex, forming the vRNPs, which are essential for the transcription and replication of the viral genome. Electron microscopic analyses have shown that these vRNPs possess a helical structure and are specifically arranged within the virion.
Electron Microscopy in Virology
Thanks to electron microscopy, viral structures and mechanisms can be uncovered, including:
✅ the shape and size of viruses (e.g., the spherical form of the influenza virus)
✅ the arrangement of spike proteins on the viral envelope
✅ and insights into the infection cycle, such as:
• how viruses enter the host cell
• how replication is initiated
Limits of Electron Microscopy
Despite its impressive resolution, electron microscopy has some drawbacks:
⚡ Sample preparation → Samples often need to be dehydrated, sectioned, and coated, which can alter their natural structure.
⚡ Samples must be fixed → meaning the sample is not examined in its natural state.
⚡ No living samples → because samples are analyzed in a vacuum to prevent electron beam scattering in air.
⚡ Radiation damage → the electron beam can alter or destroy sensitive samples.
⚡ Low contrast → biological samples often have low contrast and require special staining.
⚡ No „true” 3D image → TEM images are only two-dimensional, making it difficult to reconstruct complex structures.
Electron microscopy was the first big breakthrough: finally, viruses could be seen. But the early EM images still looked blurry – like moon photos from the 1960s. To get even closer to the viruses, more than just a microscope was needed. Atomic-level clarity was required. That’s where crystallization came into play – the ultra-HD version of virus research. Only when viral proteins are forced into perfect crystals do they reveal their molecular inner workings: atom by atom, bond by bond.
b) Crystallography: Detailed Structures of Viral Proteins
While electron microscopy could reveal the overall structure of viruses, their molecular fine structure – their atomic details – remained hidden for a long time. To understand how viral proteins are built, it was necessary to determine their atomic structure – and this was only possible through X-ray crystallography.
How did it come about?
The idea of analyzing biological macromolecules using X-ray diffraction emerged in the 1920s and 1930s. A groundbreaking breakthrough came in 1934, when physicist John Desmond Bernal, together with Dorothy Crowfoot Hodgkin, demonstrated that proteins can be crystallized in a hydrated form without losing their natural structure. This discovery was crucial for making X-ray crystallography a viable method for studying biomolecules.
In the 1930s, Wendell Meredith Stanley succeeded in isolating the tobacco mosaic virus in crystalline form. This was a milestone, as it proved that viruses are not just material particles, but are composed of regularly arranged molecules capable of forming crystals. Stanley managed to bring the virus into a solid, highly ordered structure – comparable to salt or sugar crystals. These virus crystals later enabled researchers to use X-rays to determine the atomic structure of viral proteins – marking a major breakthrough in the field of virology.
Stanley’s Breakthrough and Its Significance
How Did Stanley Perform the Crystallization?
Stanley developed an innovative method to isolate and analyze the tiny virus particles. He extracted the viruses from infected tobacco plants and purified them through centrifugation and additional purification techniques. He then dissolved the purified viruses in a solution, which he allowed to evaporate slowly. Through this process, the viruses crystallized, forming solid structures that he was able to examine more closely using an electron microscope. This marked the first step toward analyzing the structure of viruses at the atomic level.
Why Was Crystallization So Significant?
The crystallization of the tobacco mosaic virus led to two groundbreaking insights:
Proof of Viruses as Physical Particles: Until then, viruses were considered vague, invisible disease agents. Stanley demonstrated that they are physical entities with a clearly defined structure – so much so that they can even be crystallized.
Foundation for Structural Analysis: The crystals enabled later researchers to use X-ray crystallography to decipher the architecture of viruses and reveal that they consist of genetic material – either RNA or DNA – and proteins. This discovery was crucial for understanding how viruses function.
What did the structural analysis reveal?
The study of the tobacco mosaic virus showed for the first time that viruses have a clear and repeatable structure:
Genetic material and proteins: A virus’s genetic material contains the instructions for producing new virus particles, while the proteins form the protective coat and enable functions such as entry into host cells.
Distinction from other microorganisms: Stanley’s work clarified that viruses are fundamentally different from bacteria and other microorganisms. Viruses are significantly smaller, lack a cellular structure, and consist of only a minimal set of components, making them unique biological entities.
What is crystallization?
Crystallization is the physical process in which atoms, molecules, or ions transition from a disordered phase (such as a solution, melt, or gas) into a solid, ordered structure called a crystal. This transition results in the formation of a crystal lattice – a regular, three-dimensional arrangement where the particles organize themselves in a repeating pattern. During this process, the particles arrange in a way that achieves an energetically favorable state, defined by specific interactions (e.g., hydrogen bonds, electrostatic forces, van der Waals forces) and bonding angles.
Crystallization is thus the transition from chaos (disordered particles) to order (crystal lattice), driven by physical forces and energetic principles. It can occur naturally (e.g., during mineral formation) or artificially (e.g., in laboratories).

Fig. 8-A: Example of natural crystallization through the evaporation of a salt solution. Left: In a salt solution, sodium ions (green) and chloride ions (blue) are freely moving and disordered. Right: As the water evaporates, the ions arrange themselves into a regular crystal lattice.
Basic Principle of Protein Crystallization
Protein crystallization means transforming dissolved proteins from a solution into a solid, ordered, crystalline form. The goal is to create a three-dimensional lattice in which the protein molecules are regularly arranged. This is achieved by carefully reducing the solubility of the proteins so that they slowly „precipitate” out of the solution and organize into a crystal.
The typical process is as follows:
Purification: The protein is isolated in a highly pure form, as impurities can disrupt crystal formation.
Preparation of solution: The protein is dissolved in an aqueous solution containing buffers, salts, and sometimes organic additives (e.g., polyethylene glycol, PEG).
Supersaturation: By altering conditions (e.g., evaporation, addition of precipitants like PEG or salts), the solution becomes supersaturated, causing the proteins to start precipitating.
Nucleation and crystal growth: Initially, small protein aggregates (nuclei) form, which then grow into larger crystals if conditions are favorable.

Fig. 8-B: Schematic representation of protein crystal formation Proteins are initially dissolved in solution in a disordered state. By deliberately changing the conditions (e.g., increasing salt concentration, altering pH levels, or slow evaporation of the solvent), the solution becomes supersaturated. This causes the proteins to start organizing and grow into a crystal.
At the molecular level, proteins align into a regular lattice due to their charges, hydrogen bonds, and hydrophobic interactions. The molecules „search” for the most energetically favorable position, which leads to the formation of a stable crystal. Water molecules, represented by small blue dots, are found between the proteins. This water is an integral part of the crystal and stabilizes the protein structure through hydrogen bonding. Protein crystals often exhibit a symmetrical structure (e.g., cubic or hexagonal) because the molecules arrange themselves in repeating patterns.
Proteins are huge molecules composed of thousands of atoms, with complex 3D shapes and irregular surfaces (including charged regions, hydrophobic areas, etc.). They cannot simply be stacked alternately like sodium and chloride ions in a salt crystal.
Characteristics of Protein Crystals
The strength: Protein crystals are significantly more fragile than classic crystals like salt or diamond. They contain 30–70% water, which is trapped in channels and cavities within the crystal lattice. This makes them soft and gel-like. Mechanical stress or drying out can easily damage them.
Color: Protein crystals are usually colorless or slightly opaque (non-transparent). Proteins themselves do not have a natural color – the colorful representations in scientific illustrations are used solely to highlight structural features and chemical properties.
Selection of the Protein Crystal
During crystallization, many small crystals often form simultaneously because protein molecules start to arrange themselves at different spots in the solution. However, for analysis, only the most well-ordered crystal is selected.
How do you find the right crystal?
In the past, crystals were examined under a microscope: Clear, sharp edges and a regular shape (e.g., cubic or hexagonal) indicated high quality. Cloudy or irregular crystals, on the other hand, were less suitable.
Today, modern image analysis systems are used that combine high-resolution microscopy with automatic evaluation. Additionally, X-ray diffraction can be performed: sharp, symmetrical diffraction patterns indicate good crystal order, while diffuse or irregular reflections suggest poor quality.
Why are crystals needed?
In short: Protein crystals serve as „amplifiers” for X-rays.
A single protein molecule would produce only an extremely weak and diffuse signal during X-ray diffraction – too little to determine a detailed structure. In a crystal, however, millions of identical protein molecules are regularly arranged and oriented the same way. This causes the diffraction signals from the individual molecules to reinforce each other through constructive interference, resulting in a clear and regular diffraction pattern.
This ordered amplification is essential for X-ray crystallography, as it is only through the resulting diffraction pattern that the three-dimensional structure of the protein can be deciphered. Without crystals, analysis using this method would be impossible.
X-ray crystallography procedure
Once the protein has been successfully crystallized, its spatial structure (i.e., its precise folding and arrangement) can be determined using X-ray crystallography. This method reveals details such as:
➤ The position of each individual atom
➤ The folding structure of the protein (α-helices, β-sheets, etc.)
➤ Interactions with other molecules (e.g., antibodies, drugs)
Fig. 8-C: Schematic representation of X-ray crystallography 1️⃣ Shooting the X-ray beam at the crystal
A focused X-ray beam hits a protein crystal. Proteins are made up of amino acids, which in turn consist of atoms. X-rays have a wavelength of about 0.1 nm, which is on the scale of atoms, making them well-suited to reveal details at this level. The atoms in the crystal do not directly diffract the X-rays; rather, their electron clouds deflect the rays in specific directions.
2️⃣ Diffraction pattern is generated
The deflected X-rays interfere with each other and create a characteristic pattern on a detector. This diffraction pattern consists of many spots (called reflections) that appear at different positions and with varying intensity. To capture complete data, the crystal is rotated in small increments (typically 0.1–1° steps), with a diffraction image recorded at each angle.
3️⃣ Mathematical calculation of the 3D structure
The various diffraction images do not directly show the structure of the protein. Instead, they contain information about how the X-rays were scattered by the electrons of the atoms in the crystal. Using mathematical methods (Fourier transformation), these diffraction patterns are converted into an electron density map. This map reveals the three-dimensional distribution of electrons within the crystal.
Since electrons are primarily located near atomic nuclei, the positions of atoms can be inferred from the electron density map. Initially, the map appears as a „cloudy” structure, with regions of high electron density corresponding to the atoms.
The quality of the electron density map depends directly on the order within the crystal – the better the crystals, the sharper the electron density map. Through further analysis and interpretation of this map, a detailed, three-dimensional model of the protein can ultimately be constructed.
〰️ Natur Synchrotron radiation – light for nature’s smallest secrets
To examine the structure of proteins even more precisely, scientists often use synchrotron radiation – an extremely intense form of X-ray radiation generated in special particle accelerators.
💡 What exactly is it?
Synchrotron radiation is produced when charged particles (e.g., electrons) are accelerated to nearly the speed of light and then steered into a circular path by magnetic fields. In doing so, they emit high-energy radiation – including exceptionally brilliant X-rays that are ideal for protein crystallography. This allows even tiny or difficult-to-crystallize proteins to be studied in detail.
🌍 There are several major synchrotron research centers around the world, such as:
- ESRF (France) –European Synchrotron Radiation Facility
- DESY (Germany) – German Electron Synchrotron
- Diamond Light Source (UK) – Synchrotron facility in the United Kingdom
🎥 If you would like to experience live how proteins become crystals and how their structures are decoded with the help of X-rays, then join the researchers at the Diamond Light Source in the fascinating world of crystallography!
Understanding Crystallography – Part 1: From Proteins to Crystals
Here you can see how scientists transform proteins into crystals.Understanding Crystallography – Part 2: From Crystals to Diamond
In this video, you can see how the crystals are examined using X-rays to reveal their 3D structure.
The Protein Data Bank – A Treasure of Structural Biology
X-ray crystallography has not only helped to determine the structure of individual proteins but also enabled the creation of a global resource: the Protein Data Bank (PDB). This database collects and stores the 3D structures of proteins, nucleic acids, and other biomolecules.
The PDB was founded in 1971 and today contains over 200,000 entries. Until the 1970s, X-ray crystallography was the only method for determining the three-dimensional structure of proteins at atomic resolution.
In the following decades, new techniques such as nuclear magnetic resonance spectroscopy (NMR) and later cryo-electron microscopy (Cryo-EM) expanded the range of methods. While NMR is especially suitable for small proteins in solution, Cryo-EM allows the study of large protein complexes without the need for crystallization.
Each protein structure provides detailed information about the spatial arrangement of atoms within a molecule. X-ray crystallography has not only revolutionized our understanding but has also created a global infrastructure of knowledge. A silent library where every protein tells its story – captured with atomic precision. Accessible to researchers worldwide.
X-ray Crystallography in Virology
Viruses are complex entities composed of proteins, nucleic acids (DNA or RNA), and sometimes lipids. Entire viruses are often too large and flexible to be crystallized and studied using X-ray crystallography.
However, some viruses have regular, symmetrical structures that allow for dense, repetitive packing, enabling crystallization. A well-known example is the tobacco mosaic virus, whose structure was deciphered using X-ray crystallography as early as the 1950s.
For most viruses, however, it is more practical to study individual viral proteins. Of particular interest are proteins that the virus uses to infect host cells, replicate, or evade the immune system.
To provide an example of a viral protein structure, we turn to the Protein Data Bank (PDB). The following image comes from the PDB and shows the hemagglutinin protein of the H5N1 influenza virus. Its atomic structure was determined using X-ray crystallography and deposited in the Protein Data Bank.

Fig. 8-D: Atomic structure of the hemagglutinin protein of the H5N1 influenza virus (PDB ID: 2FK0), shown as a ball-and-stick model. Instructions for Searching the Protein Data Bank
1️⃣ Open the Protein Data Bank (PDB): https://www.rcsb.org.
2️⃣ Search for a protein:
In our example, we are looking for the hemagglutinin protein of the influenza virus.
👉 Enter the term „influenza hemagglutinin” into the search bar.
👉 Filter the results under [Experimental Method] by selecting [X-ray diffraction].3️⃣ Select an entry:
👉 Click on a result. For our example, choose PDB ID: 2FK0 – the hemagglutinin protein of the H5N1 influenza virus.
4️⃣ View the protein:
On the left side of the PDB page, you’ll see the cartoon representation or ribbon diagram, a schematic view of the protein’s 3D folding.
5️⃣ Visualizing the atomic structure:
👉 Click on [Structure] to switch to the 3D view.
👉 Choose a different viewer: „JSmol” (see bottom right).
👉 For the atomic structure view, select the [Style]: „Ball-and-Stick.”
🔍 Now every atom and bond is visible. You can rotate, zoom, and move the model with your mouse.6️⃣ Highlighting structural features:
👉 Under [Color], you can choose different color schemes. For example, „By chain” colors each protein chain differently to distinguish the protein’s subunits.Further information on the use of X-ray crystallography
For over 40 years, X-ray crystallography has been a powerful method for determining virus structures. Since we have already explored the influenza virus surface protein hemagglutinin, the following studies relate to it.
🔗 One of the first studies was published in 1981: „Structure of the haemagglutinin membrane glycoprotein of influenza virus”. It revealed the three-dimensional structure of the HA protein and laid the foundation for understanding the infection mechanisms of the influenza virus.
🔗 A more recent study from 2019 titled „Identification of a pH sensor in Influenza hemagglutinin using X-ray crystallography” investigated the binding region of the HA protein using X-ray crystallography. It showed how conformational changes in the binding region, depending on the pH level, affect the virus’s function.
🔗 A 2020 study titled „Structure of avian influenza hemagglutinin in complex with a small molecule entry inhibitor” used X-ray crystallography to elucidate the structure of the H5 hemagglutinin (HA) protein of the H5N1 influenza virus in complex with the inhibitor CBS1117. The crystal structure provided detailed insights into the molecular interactions that are crucial for the development of new antiviral drugs.
By combining the structures of individual proteins, scientists can assemble a detailed picture of the entire virus.
Limits of X-ray crystallography
Although X-ray crystallography is an incredibly powerful method for structure determination, it does have certain limitations:
⧎ Challenging crystallization: Many proteins – especially large complexes or membrane proteins – are difficult or even impossible to crystallize.
⧎ Artificial conditions: Proteins are fixed in a crystal lattice, which may not fully reflect their natural state.
⧎ Lack of dynamics: The method provides only a static snapshot and does not capture molecular motion or flexibility.
⧎ Radiation damage: The high-energy X-rays can easily alter sensitive molecules.
In Search of a New Method
These limitations made one thing clear: not every biomolecule can be forced into a crystal like Lego bricks. The solution? A microscopic flash-freeze: cryo-electron microscopy (cryo-EM). Its trick? Molecules are shock-frozen within milliseconds – so fast that water doesn’t have time to crystallize. No crystal straitjacket, no X-ray sunburn – just ice-cold atomic details.
c) Cryo-Electron Microscopy: A Modern View of Viruses
Having explored classical electron microscopy and X-ray crystallography – which first opened the door to understanding virus structures – cryo-electron microscopy, or cryo-EM for short, now leads us into a new era of research.
What is cryo-EM, exactly?
Cryo-EM is a technique in which samples are frozen extremely quickly („cryo” = cold) and then examined using an electron microscope. What makes it special is that the samples remain in an almost natural state, since they don’t need to be chemically fixed or stained as required by other methods. This makes it ideal for observing sensitive structures such as viruses.
How did it come about?
In the past, scientists had a major problem when they wanted to analyse biological samples with electron microscopes: Water evaporated in the vacuum of the microscopes and sensitive molecules were damaged by the intense electron beam. This resulted in blurred or distorted images.
Researchers had already come up with the idea of cooling samples to protect them. But there was another problem: when water freezes, it forms ice crystals. These crystals scatter electrons so strongly that capturing clear images became impossible.
The crucial breakthrough came in the 1980s, when scientist Jacques Dubochet developed a technique called plunge freezing. In this method, the sample is cooled extremely rapidly to very low temperatures – so fast that ice crystals don’t have time to form. Instead, the water solidifies into a glass-like, frozen state that perfectly preserves the biological sample. This marked the birth of cryo-electron microscopy (cryo-EM).
Another major advancement came in the 1970s, when Joachim Frank developed a method to improve the blurry images produced by electron microscopes using computer-based calculations. By combining numerous images of individual molecules taken from different angles, he was able to reconstruct a sharp 3D model. This made it possible, for the first time, to determine the structure of biomolecules without the need for crystallization – a significant advantage for proteins that are difficult or impossible to crystallize.
In 1990, Richard Henderson used cryo-EM for the first time to study a biomolecule at such high resolution that even small details like amino acid side chains became visible. For these groundbreaking developments, Dubochet, Frank, and Henderson were awarded the Nobel Prize in Chemistry in 2017.
Since then, the technology has advanced rapidly:
↗️ Modern cameras capture razor-sharp images directly, without loss of quality.
↗️ Automated microscopes can analyze multiple samples simultaneously.
↗️ Powerful computer programs enable the processing of massive amounts of data to calculate even more precise structures.Thanks to these advances, cryo-EM can now visualize complex molecules, proteins, viruses, and even entire cell structures in their natural state – with unprecedented levels of detail.
Next, we’ll take a closer look at how cryo-EM makes viruses visible.
Making Viruses Visible with Cryo-EM – Step by Step
1️⃣ Sample Preparation: Growing and Isolating Viruses
To study viruses, you first need to have them. They are usually grown in suitable host cells, such as cell cultures in the lab. Viruses are parasites that can only reproduce inside host cells. To study them, you infect appropriate cells in a culture and allow the viruses to multiply.
After infecting the cells, the viruses are „harvested” at specific time points to study different stages of their life cycle (e.g., attachment, entry, replication). The viruses are then isolated and purified from the cell culture – using methods like centrifugation or filtration – to obtain a clean virus sample free of interfering cell debris.
2️⃣ Sample Preparation: Applying the Sample to a Grid
The purified virus sample is a watery solution in which the viruses are suspended. This virus solution is applied with a pipette onto a grid (see the image below).
A typical cryo-EM grid is tiny, about 3 millimeters in diameter, so it fits into the electron microscope’s holders. The grid is made of a fine metal mesh (e.g., copper or gold) that looks like a sieve. An ultrathin carbon foil with tiny holes – usually 1 to 2 micrometers in diameter – is placed on the metal mesh. Due to surface tension, the virus solution spreads into these tiny holes and sticks there before freezing. This setup serves two important purposes: the grid provides stability, while the holes allow the electron beam to pass through freely, minimizing background noise.

Fig. 9-A: Schematic representation of cryo-EM sample preparation A – Grid covered with a perforated carbon film,
B – Enlarged image of a grid opening, called a mesh hole,
C – Enlarged image of a hole where the viruses adhere3️⃣ Rapid Freezing of the Sample
The sample – or the grid – is now flash-frozen by plunging it into liquid ethane or nitrogen at around –180 °C. This process is called vitrification – the water doesn’t form crystals but instead turns into a glass-like state that perfectly preserves the structure. This keeps the viruses in their natural state, as if frozen in time. Additionally, the ice protects the molecules from damage caused by the intense electron beam.

Fig. 9-B: Right – Schematic cross-section of a hole in the cryo-EM grid, where viruses are embedded in vitrified (glass-like) ice. 4️⃣ Imaging in the Electron Microscope
The frozen grid with the viruses is placed into the cryo-electron microscope. In the vitrified solution, the viruses are randomly oriented – they are positioned at various angles. The electron beam hits the sample from a fixed direction (usually perpendicular), and a highly sensitive camera captures 2D projections of the viruses.
Because each virus is frozen in a different orientation, images are automatically captured from many different angles – without needing to rotate the grid. This large number of images is crucial for the later 3D reconstruction. In total, often thousands to hundreds of thousands of images are taken.
5️⃣ Data Processing: From 2D Images to a 3D Model
After image acquisition, the real challenge begins: computational reconstruction. Specialized software identifies individual virus particles in the 2D images and sorts them according to their orientation.
Using mathematical methods such as „Single Particle Analysis”, the 2D images are combined to compute a high-resolution 3D model of the virus. The more images and the better their quality, the sharper the model becomes.
If different stages of the virus life cycle are to be studied (e.g., before and after entering a cell), this process is repeated with samples taken at different time points. This way, changes in the structure over time can even be visualized.

Fig. 9-C: Steps of the cryo-EM analysis The following videos provide a clear summary of the information about cryo-EM covered so far:
🎥 What is Cryo-Electron Microscopy (Cryo-EM)?
🎥 Cryo-EM Animation6️⃣ Interpretation and Visualization
After the 3D reconstruction, a high-resolution model of the virus is available, showing its structure – such as the envelope, spike proteins, and sometimes even internal structures.
Now it’s time to analyze, interpret, and visually present the icy data. This step is crucial for deciphering the biological significance of the structure and making the findings accessible for further research or public understanding.
Interpretation and visualisation steps
a) Structure Analysis: Scientists examine the 3D structure to identify key features of the virus or its proteins. This analysis helps to understand the molecular mechanisms of viral infection. This includes, for example:
- Binding sites: Where does the virus attach to host cells?
- Functional regions: Which parts of the protein are essential for infection or replication?
- Structural variations: Are there differences in the structure between different virus strains or life cycle stages?
b) Comparison with Known Structures: The reconstructed structure is compared with previously known structures from databases such as the Protein Data Bank (PDB). This can provide insights into evolutionary relationships, functional similarities, or potential targets for drug development.
c) Visualization of the Structure: Using specialized software, the 3D model is visualized to clearly present the structure and highlight important features. Various forms of representation are used, such as:
- Surface representation: Shows the external shape of the virus or protein.
- Ball-and-stick model: Displays the arrangement of atoms and bonds.
- Secondary structure: Highlights structural elements such as α-helices and β-sheets.
d) Publication and Data Sharing: The results are published in scientific journals – often accompanied by high-resolution images or animations of the 3D structure. In addition, the raw data and reconstructed models are stored in public databases such as the PDB (Protein Data Bank) or the EMDB (Electron Microscopy Data Bank), allowing other researchers to access and build upon the findings.
If viruses knew how often we can now rotate and zoom in on them in 3D… they’d put some clothes on!
Influenza Virus in 3D: An Example
It can be challenging to find 3D models of viruses online. Research data is often released only after studies are published and then stored in specialized databases like the EMDB (Electron Microscopy Data Bank). However, this data is difficult for non-experts to access, as it requires specialized software to view it as 3D models.
Fortunately, the NIH 3D platform (National Institutes of Health) offers a helpful example: a 3D model of an influenza virus created using cryo-electron microscopy. You can view it via this link! Please note that you may need a 3D viewer to explore it.
Further information on using the cryo-EM
🔬 This study on the influenza virus used cryo-electron microscopy to reveal the interactions between the nucleoproteins and the viral RNA as well as the specific arrangement of the ribonucleoprotein complexes (RNPs) within the virion. Such structural insights are crucial for understanding the mechanisms by which the influenza virus packages its genome and replicates during the infection cycle.
🔬 Additionally, an earlier study by Liu et al. (2017) revealed structural details of filamentous influenza virus particles and their RNP organization using cryo-EM.
Why Cryo-EM Is So Brilliant – Especially for Viruses
Cryo-EM is an unbeatable tool when it comes to visualizing viruses – especially those tricky, hard-to-capture candidates:
- Viruses with their tricky spike proteins
- Huge protein complexes that refuse to crystallize properly
- Membrane proteins that otherwise just say „Hello!” and fall apart immediately
The method: It freezes viruses in the blink of an eye, preserving them like in a time capsule, and produces thousands of images using an electron beam. A computer then assembles these images into a high-resolution 3D model – allowing us to see exactly how a virus is structured. This approach is called Single Particle Analysis (SPA) because individual virus particles are analyzed and computationally combined into a 3D structure.
From Still Frames to Blockbusters
What cryo-EM delivers in detailed „snapshots” is impressive – but sometimes one picture just isn’t enough. To understand how viruses move, hijack cells, or replicate, you need moving scenes. This is exactly where cryo-electron tomography comes in: a technique that lets you watch viruses at work almost like in a movie.

d) Cryo-Electron Tomography – 3D Virus Models Inside the Cell
While cryo-EM examines highly purified, isolated viruses, cryo-ET allows scientists to capture three-dimensional snapshots of molecular interactions directly within the cell. This makes it possible to visualize viruses in their natural environment – inside the cell.
Making Viruses Visible with Cryo-ET – Step by Step
1️⃣ Sample Preparation – Freezing the Cell
Suitable cells are grown in cell culture and infected with viruses. After waiting for a defined time point – for example, when the viruses enter the cell or begin replicating – the cells are harvested. They are then transferred into a buffer solution to create a homogeneous cell suspension.
The cell suspension is then applied to a cryo-EM grid – a small metal grid with a perforated carbon film, already familiar from cryo-EM techniques.
The grid is immediately plunged into liquid ethane or liquid nitrogen (at around -180 °C). This rapid freezing technique, known as vitrification, preserves the cellular structures without the formation of disruptive ice crystals.

Fig. 10-A: Schematic illustration of cryo-ET sample preparation followed by vitrification 2️⃣ Thinning cellular areas (if necessary)
Vitrification stabilizes the cells – they are now rigid like glass. Since cells are often too thick for cryo-ET, scientists use a Focused Ion Beam (FIB) to thin the ice layer down to the desired thickness.
This is how it works: The cryo-EM grid is first scanned in a FIB-SEM device (Focused Ion Beam combined with Scanning Electron Microscope) to locate interesting cells. Then, a focused ion beam precisely mills a thin lamella (~100–200 nm thick) from the ice layer. This lamella represents a cross-section of the cell and reveals relevant areas containing virus particles – for example, the cell membrane or the cytoplasm with viruses.
Here’s how it looks in practice: the video titled „Cryo-lamella preparation” in the section „FIB-milling of lamella in waffle grids” on the page „Cryo EM 101, Chapter 3” demonstrates the process.
3️⃣ Image acquisition in cryo-EM
The frozen cell grid is placed into the cryo-electron microscope. Here, an electron beam generates high-resolution images of the sample.
Tomography – Like a CT scan for cells
The sample is gradually rotated. A goniometer (rotating mechanism) tilts the grid in small angular steps (e.g., 1–2°), typically over a range of ±60° to ±70°. For each angle, a 2D image is taken, creating a so-called „tilt series” – a collection of 2D images from different perspectives (see illustration below).
📌 Cryo-ET vs. SPA: Unlike Single Particle Analysis (SPA), which requires many identical viruses, Cryo-ET focuses on a specific area of the sample – often a single cell or a virus-host cell interaction. This means there is no need for a large number of identical particles; instead, individual biological structures can be studied directly in their natural environment.
4️⃣ 3D Reconstruction
Cryo-ET uses the tilt series to computationally reconstruct a 3D model – like a medical CT scan, but for viruses instead of bones. The result is a hologram-like volumetric image that shows how viruses dance, dock, and trick inside real cells.

Fig. 10-B: From the electron beam to the 3D reconstruction 5️⃣ Interpretation & Visualization
Now things get exciting! The 3D models show viruses in their natural environment:
- how they sit inside the cell
- how they interact with cellular organelles
- different stages (e.g., entry, replication, release)
The results are interpreted to understand, for example, the virus’s infection mechanism or its interaction with the host cell.
Sometimes multiple time points are compared to create a kind of „movie” that simulates the dynamics.
The following video gives an impression of this: detailed 3D models of an influenza virus during budding at the cell membrane were visualized and then compiled into a film.
6️⃣ Publication and Data Storage
To make the spectacular virus models accessible to everyone, they are deposited in public databases like the Electron Microscopy Data Bank (EMDB) – the Netflix for structural biologists.
Why that’s cool:
- Open Science = No scientist has to reinvent the wheel twice.
- Transparency = Everyone can see exactly how the „movie” was made.
- Collaboration = Teamwork makes virus research a hit too.
If viruses had Twitter, they’d be trending now with #EMDBChallenge.
Further information on using cryo-ET
🔬 The study „Quantitative Structural Analysis of Influenza Viruses Using Cryo-Electron Tomography and Convolutional Neural Networks” utilized cryo-electron tomography (cryo-ET) and modern computational techniques to investigate the structure of the influenza virus. It reveals the diverse shapes of the virus and includes videos from 3D reconstructions that illustrate the process.
🔬 The study „Structural Changes in Influenza Virus at Low pH Characterized by Cryo-Electron Tomography” investigated how the influenza A virus responds to acidic conditions it encounters during entry into host cells. Using cryo-electron tomography, the researchers observed that at low pH-value, the viral envelope proteins (hemagglutinin) undergo structural changes that lead to the fusion of the viral and cellular membranes. This fusion enables the virus to release its genetic material into the host cell and initiate infection.
Researchers are not only investigating human pathogenic viruses
Researchers are no longer interested only in pathogens like influenza or coronavirus – environmental viruses are equally fascinating. Chief among them are bacteriophages, viruses that infect bacteria. In the oceans, they act as true ecological engineers.
1️⃣ Tiny directors in the ecosystem
Phages specifically kill certain bacteria, keeping the microbial balance in the ocean stable. In doing so, they indirectly regulate important cycles such as the carbon and nitrogen cycles. Understanding their structure and behavior helps us better grasp how stable marine ecosystems function.
2️⃣ Experience evolution live
Phages are the most abundant biological „organisms” on Earth – and genetically incredibly diverse. Using cryo-EM, researchers are constantly discovering new virus families. Their genetic codes end up in databases, telling a story about the co-evolution of viruses and bacteria.
3️⃣ From the sea to the lab
Some marine phages produce enzymes with real potential: for genetic engineering, diagnostics, or even as alternatives to antibiotics. They could also help in agriculture by targeting harmful bacteria – without the use of harsh chemicals.
4️⃣ And where do the data go?
Structural and gene sequences are made openly accessible – for example, in the NCBI Virus Database or the EMDB. Bioinformaticians explore these databases to discover new genes, clever mechanisms – and sometimes ideas for the next biotechnological innovation.
Limits of cryo-EM
Cryo-EM (including Single Particle Analysis (SPA) and Cryo-Electron Tomography (Cryo-ET)) are groundbreaking techniques, but they also have some limitations that depend on technical, biological, and practical factors:
Sample preparation is challenging
Problem: The samples must be extremely thin (only a few hundred nanometers) and perfectly vitrified without ice crystals, which could damage the structure. This is technically difficult and requires a lot of expertise.
Impact on viruses: If the virus solution is not frozen evenly or is too thick, the images can become blurry or the viruses may be damaged. In cryo-ET, thick cell samples can scatter the electrons too much, which worsens the image quality.
Limited resolution
Problem: Although cryo-EM can deliver very high-resolution images (up to 2–3 Ångström under optimal conditions), the resolution depends on the quality of the sample and the amount of data. For complex or variable structures (e.g., flexible viruses), the resolution can suffer.
Impact on viruses: The tiniest details (e.g., individual atoms in proteins) are not always visible, especially when viruses are moving or have variable shapes.
Limited dynamics: frozen in time
Problem: As impressive as the 3D models are, they always show just a frozen moment in time. Real movements or processes – like a virus entering a cell live – remain out of reach.
Impact on viruses: With Single Particle Analysis (SPA), we only see one structure at a specific moment in time. Even with Cryo-ET, researchers must freeze different cells at various „stages” of infection to reconstruct a timeline. It sounds like a movie – but it’s more like stop-motion reconstruction than a live stream.
High costs and complexity
Problem: Cryo-EM requires expensive equipment (electron microscopes cost millions), specialized laboratories (e.g., vacuum and cryo conditions), and a lot of computing power for data analysis. This makes the method time-consuming and costly.
Impact on viruses: Only well-equipped research institutions can use cryo-EM, which limits access. Small labs or developing regions often cannot apply this technique.
Noise and Data Volume
Problem: The images are often noisy because only a limited number of electrons are used to avoid damaging the sensitive samples. Processing requires thousands of images, which is computationally intensive.
Impact on viruses: If the amount of data is insufficient or the noise level is too high, the 3D models can become inaccurate.
Limited sample size
Problem: Cryo-EM only works with very small samples (e.g., individual viruses or cells). Larger structures like whole tissues are difficult to study because the electrons cannot penetrate deeply enough.
Impact on viruses: Cryo-ET can image cells, but only up to a certain thickness (about 1 micrometer). Larger organisms or tissues are not suitable for this technique.
Sources
Cryo Electron Microscopy: Principle, Strengths, Limitations and Applications
Challenges and triumphs in cryo-electron tomography
e) Summary
Science has developed increasingly powerful methods over decades to make the world of viruses visible. While the naked eye and light microscopes quickly reach their limits, electron microscopy, X-ray crystallography, and finally cryo-EM and cryo-ET have provided entirely new insights. These technologies have revolutionized our understanding of viruses.

Fig. 11: From Atoms to Macrostructures – An Overview of Imaging Techniques Scaling of Imaging Techniques
➡️ Human Eye
Visible range: approx. 0.1 mm (100 µm) to several meters
Example: Hair, grain of sand➡️ Light Microscope
Visible range: approx. 200 nm – 1 mm
Example: Bacteria, cells, cell nuclei➡️ Classical Electron Microscopy (EM, TEM/SEM)
Visible range: approx. 0.2 nm – 100 µm
Example: Viruses, cell organelles, cell membranes➡️ X-ray Crystallography
Visible range: approx. 1 Å (0.1 nm) – 10 nm
Example: Atomic structures of proteins➡️ Cryo-EM (Single Particle Analysis)
Visible range: approx. 2 Å (0.2 nm) – 100 nm
Example: Protein complexes, ribosomes➡️ Cryo-ET (Cryo-Electron Tomography)
Visible range: approx. 3–5 nm – 200 µm
Example: Viruses inside cells, cell organelles at high resolution
Electron Microscopy (1930s)
→ First Images of VirusesElectron microscopy (EM) was a revolutionary advancement in microscopy because it allowed imaging of structures far below the resolution limit of light microscopes for the first time. Instead of light, EM uses a beam of electrons, which enables much higher resolution. This enabled scientists to visualise viruses that are too small to be viewed with conventional microscopes for the first time.
EM was a major breakthrough, but its limitations in depicting samples in their natural state and the lack of 3D information led to the development of X-ray crystallography.
X-ray crystallography (1950s–present)
→ Detailed structures of viral proteinsX-ray crystallography made it possible to decipher the atomic structure of proteins and other biomolecules. In this method, a crystal of the protein is irradiated with X-rays, and the resulting diffraction pattern is analyzed to determine the positions of the atoms. This technique provided detailed insights into the structure of viral proteins, which was crucial for understanding their function and for drug development.
Although X-ray crystallography is powerful, its limitations in studying large, complex structures and the need for crystals led to the development of cryo-electron microscopy (cryo-EM).
Cryo-EM (1980s–present)
→ A modern view of virusesCryo-EM combines the advantages of electron microscopy with gentle sample preparation. Samples are rapidly frozen (vitrified), preserving them in a near-native state. This allows imaging of individual virus particles or large protein complexes without the need for crystallization. Cryo-EM delivers high-resolution images and can also capture flexible or dynamic structures.
Cryo-EM was a major breakthrough, but it was limited to isolated particles and could not image complex cellular environments. This led to the development of cryo-electron tomography (cryo-ET).
Cryo-ET (2000s–present)
→ 3D virus models inside cellsCryo-ET expands on cryo-EM by creating 3D models of virus particles or other structures directly within their cellular environment. The sample is imaged from different angles, and the images are combined into a 3D model. This allows viruses to be studied in their natural context, for example, how they interact with cells or replicate.
Cryo-ET is a powerful tool, but its limited resolution and the complexity of sample preparation could drive the development of new technologies that enable even higher resolutions in complex cellular environments.
Each of these technologies has expanded the limits of our vision – while simultaneously introducing new challenges. Yet it is precisely these limits that have driven the development of even more powerful methods. Science is a continuous process of discovery, refinement, and pushing boundaries.
They say, „Seeing is believing”, but for biologists, „Seeing is understanding”. The more detailed we can map biological structures, the deeper we penetrate into the mysteries of life. But simply visualizing a virus and its interaction with the host is not enough to fully decipher its nature.
From Seeing to Decoding: The Next Level of Knowledge
To understand what truly defines a virus, we must decode its genetic legacy – its unique „fingerprint”. This is achieved through modern molecular biology techniques that analyze the viral nucleic acids, providing a glimpse into the virus’s genetic blueprint.
4.5. The Genetic Fingerprint of Viruses
Once viruses had finally become visible – thanks to electron microscopy and crystallographic analysis – the next big question emerged: What actually makes a virus a virus?
It quickly became clear: like any biological system, viruses also need a genetic blueprint – something that encodes their characteristics and enables their replication. But what exactly carries this information?
For a long time, protein was considered the prime candidate: diverse, complex, and seemingly perfectly suited. DNA, on the other hand, appeared to many researchers as too simple, too monotonous to be the carrier of life.
But as it turned out, the answer lay precisely there: in this inconspicuous molecule that proved to be the ultimate data carrier of life – and, in the case of some viruses, in its close relative, RNA.
The discovery that it wasn’t proteins but nucleic acids that hold the key to viral replication was a scientific thriller in its own right – marked by misconceptions, rival research teams, and groundbreaking revelations.
Searching for the code of life
Early Approaches to Decoding Heredity
The foundations of genetics were laid in the 19th century through Gregor Mendel’s experiments. Scientists recognized that organisms pass on their traits to the next generation, but the exact mechanism remained unclear for a long time. By the late 19th century, researchers had identified chromosomes within cells as possible carriers of hereditary information and began searching for the key molecules responsible. Due to their complexity, proteins seemed the most likely candidates.
Wendell Meredith Stanley and the Tobacco Mosaic Virus
In the 1930s, the work of Wendell Meredith Stanley confirmed the central role of proteins in the structure of viruses. Stanley isolated the Tobacco Mosaic Virus and processed it in an innovative way: he extracted the virus from infected tobacco plants, purified it through centrifugation, and then crystallized it from solution. These crystals contained both proteins and genetic material, but at first, the research focused solely on the protein. It was assumed that the protein carried the genetic instructions required for virus replication.
The Paradigm Shift: From Proteins to DNA
Doubt surrounding the protein hypothesis grew when, in 1944, Oswald Avery demonstrated that DNA has the ability to transform the properties of bacteria. In his experiment, DNA was extracted from one bacterial strain and transferred to another, revealing that DNA can carry genetic information. However, this discovery was initially met with skepticism.
It was the Hershey-Chase experiment of 1952 that provided the decisive breakthrough. Scientists Alfred Hershey and Martha Chase worked with bacteriophages – viruses that infect bacteria. They radioactively labeled the DNA of the viruses and traced its path into the host cells. The protein shells of the phages remained outside the cell, while the DNA entered and directed viral replication. This conclusively proved: DNA – not protein – is the carrier of genetic information.

The Double Helix and the Role of RNA
In 1953, James Watson and Francis Crick unraveled the structure of DNA, aided by Rosalind Franklin’s X-ray diffraction images. The discovery of the double helix revealed how DNA stores genetic information and replicates during cell division. Around the same time, it became clear that RNA carries the genetic material in some viruses, including the tobacco mosaic virus. This cast Stanley’s earlier work in a new light: the RNA inside the virus particles – not the protein – was the true carrier of genetic information.
Viruses – The Minimalists Among Life Forms
Viruses are true masters of reduction. These minimalist survivors have perfected the art of genetic efficiency – whether with DNA, RNA, or even reverse-transcribed RNA (like the negative single-stranded RNA of influenza viruses, which is essentially a mirror image).
Their genome is like an ultra-light survival backpack:
✔ All the essentials that count – blueprints for replication, packaging, host hijacking
✖ No ballast – no ribosomes of their own, no energy production, no small talkViruses are genetically unique: while all known living organisms use only DNA as their genetic material, viruses can use either DNA or RNA – a fundamental difference that drives their remarkable adaptability and evolutionary creativity.
Key Molecular Biology Methods for Viral Genome Analysis
Thanks to modern molecular biology techniques, viruses can now be analyzed with high precision. This allows scientists to:
- decipher their genetic information,
- trace their evolutionary origins, and
- track their transmission pathways.
Depending on the research question, different methods are used:
- Is the goal to identify a virus?
- Should its genome be fully sequenced?
- Or is the aim to observe its activity within the host system?
The following sections present the key methods used to analyze the genetic fingerprint of viruses – from isolating the genetic material to modern sequencing technologies.
4.5.1. Nucleic Acid Extraction
4.5.2. Nucleic Acid Amplification
4.5.3. Sequencing💡Note: For basic information on DNA and RNA and their functions, we recommend Chapter „4.2. The Protein Biosynthesis” in the publication „The Wonderful World of Life”. It clearly explains the fundamentals and provides an ideal foundation for understanding this topic.
4.5.1. Nucleic Acid Extraction
To analyze a virus in detail, we must first reach its innermost treasure: its genetic material – DNA or RNA must first carefully extracted. However, the nucleic acid is well hidden, wrapped in protein envelopes, embedded in cell debris or mixed with all kinds of molecular ‘by-catch’.
The task: to free the viral nucleic acid from this molecular jumble – cleanly, efficiently, and without causing any damage.
The goal: to obtain as much pure DNA or RNA as possible – ready for PCR, sequencing, or mutation analysis.
Nucleic acid extraction is therefore the first and one of the most important steps in any molecular virus diagnostics. Depending on the sample type, virus species, and the purpose of the analysis, different extraction methods are used – ranging from classic kits to automated high-throughput systems.
How does nucleic acid extraction work?
The process can be divided into four simple steps:1️⃣ Cell lysis – Breaking everything up first
Before accessing the RNA or DNA, the cells (and possibly viruses) in the sample need to be broken up. This can be done, for example, by ultrasound, enzymes, or mechanical grinding. The main goal is to remove the outer shell so that the genome is exposed.
Methods that get to the core
Ultrasound: Sonication breaks down cell and viral envelopes using sound waves.
Enzymes: Proteinase K degrades proteins that package the genome.
Mechanical grinding: Small glass beads in a tube are shaken. The beads collide with the cells and tear the cell membrane apart.
Fig. 12-A: Steps of cell lysis for the release of viral and cellular components Intact structure (left): A schematic representation of an intact cell with organelles, nucleus, and DNA. Inside the cell, influenza viruses are visible. Additionally, a single influenza virus is shown enlarged, with its spherical envelope consisting of a host cell membrane, a capsid, and RNA strands.
Cell lysis (middle): The cell membrane is shown perforated, allowing the cytoplasm to leak out. The nuclear membrane also has holes. An influenza virus is depicted enlarged with a broken envelope, releasing viral RNA and other components. Next to the cell, symbols for chemical substances (bottle), physical forces (sound waves), and mechanical forces are illustrated to represent the different methods of cell lysis.
Contents released (right): After cell lysis, the organelles, DNA, and other cellular components float freely in the medium. Also visible are the released components of the influenza virus, including RNA segments, spikes, and other molecular components, which are shown in the enlarged view.2️⃣ Cleanup – Fishing out proteins & co.
At this stage, the sample is quite a mix: nucleic acids, proteins, fats, and cell debris are all jumbled together. To ensure that only what we need remains in the end, reagents or enzymes are used to specifically break down all the excess material.
Methods that clear things up
Phenol-chloroform extraction: Old but reliable – effectively separates nucleic acids from interfering proteins and lipids. Especially useful for heavily „contaminated” samples.
👉 Caution: The chemicals used are quite toxic – only for experienced hands (and with safety goggles!).Proteinase K: This enzyme breaks down proteins such as membrane or structural proteins that are still floating around in the sample – ensuring that the DNA/RNA remains undisturbed.
DNase/RNase treatment: Used to specifically degrade non-viral DNA or RNA – especially useful when, for example, only viral RNA is to be analyzed.
3️⃣ Purification – Pure RNA or DNA
Now it gets elegant: the nucleic acids are selectively bound – to special surfaces like silica membranes or magnetic beads. The rest? Simply washed away. It’s like a molecular sieve – just smarter.
Methods that filter properly
Spin columns (column-based method): DNA or RNA binds to a special membrane, usually made of silica. Then it’s all about rinse, rinse, rinse – until everything else is gone. What remains in the end: beautifully pure nucleic acid. This method is fast, reliable, and found in many lab kits.
Magnetic bead technology: Tiny magnetic beads selectively bind to nucleic acids. Using a magnet, the right matches are quickly fished out of the mix. It’s lightning-fast and perfectly suited for automated high-throughput processes that need to handle thousands of matches per hour.For more information, see the videos:
DNA and RNA extraction with magnetic beads – How it works and
Nucleic acid purification with chemagic M-PVA Magnetic Bead Technology.4️⃣ Elution – The grand finale
Now comes the final act: the purified nucleic acids are dissolved in a small volume of liquid (elution buffer or water) – and voilà: the sample is now ready for analysis. Free of any clutter, but full of potential for PCR, sequencing & more.

Fig. 12-B: Purification and preparation of nucleic acids Left: The released cellular and viral contents after cell lysis, consisting of a mixture of cell components, proteins, and nucleic acids.
Middle: After the removal of proteins and impurities, only the nucleic acids (viral RNA segments) remain, depicted as small dots.
Right: Enlarged view of some RNA segments, which after elution are dissolved in a liquid and prepared for analysis.
When too little is way too little
Even with careful purification, true purity at the molecular level is hardly achievable. Tiny contaminants – proteins, salts, other molecules – can still be present in the sample. The problem: the few viral nucleic acids can easily get lost in this „background noise” – like a whisper in a concert hall.
And this is exactly where the next big step comes in: amplification. The viral genetic material is multiplied millions of times – so even the faintest whisper becomes loud and clearly detectable.
4.5.2. Nucleic Acid Amplification
No matter how good the extraction was, the yield of viral DNA or RNA is often tiny. To detect or analyze it, more copies are needed – many more. That’s exactly the job of amplification: it multiplies the genetic material millions or even billions of times – like a molecular copier.
The method used depends on what you’re looking for:
🦠📌 If the virus is known – targeted detection
For known viruses, you know where to look: specific regions of their genome have already been mapped. Using suitable primers – short gene sequences that bind exactly to these regions – you can selectively amplify a particular segment. The classic method for this is PCR (polymerase chain reaction): precise, sensitive, and perfect for targeted detection.
🦠❓ If the virus is unknown – casting a wide net
If the virus is still a blank slate, specific primers are missing. In this case, the entire viral DNA or RNA is amplified – nonspecifically but comprehensively. Methods like Random Primed Amplification or Whole Genome Amplification (WGA) are used here. They generate as many copies as possible – regardless of the region – so that sequencing can later reveal what exactly is in the sample.
The following explains both approaches in more detail:
a) Polymerase Chain Reaction (PCR)
b) Random Primed PCR
a) Polymerase Chain Reaction (PCR)
PCR – short for Polymerase Chain Reaction – is like the copier in the lab: it can multiply even tiny amounts of viral DNA millions of times. This is especially useful when searching for traces – to detect DNA viruses in a sample.
But what about RNA viruses, like the influenza virus? They can’t be copied directly – first, they have to be „translated”. In the so-called RT-PCR (Reverse Transcription PCR), the viral RNA is converted into DNA using an enzyme called reverse transcriptase. After that, everything proceeds just like in regular PCR: amplify, analyze, done.
PCR – Step by step
To stick with the example of the influenza virus, let’s look at the typical process of reverse transcription PCR (RT-PCR), which is used for RNA viruses like influenza.
1️⃣ Sample collection
It all starts with a swab – usually from the nose or throat, because that’s where influenza viruses like to hang out. The collected material is placed in a special medium that protects the delicate viral RNA. And that’s necessary, because RNA is sensitive: RNases – enzymes that break down RNA – are everywhere, found on skin, in the air, and even in the sample itself.
2️⃣ RNA extraction
The sample is a mixed cocktail: viral particles, human cells, proteins, lipids – the whole package. As you’ve already read in the chapter „Nucleic Acid Extraction”, the essential part is now isolated: the RNA. In the end, a clean mixture remains, which can mainly contain three types of RNA:
- viral genomic RNA (for influenza virus: negative-sense RNA (-)ssRNA),
- viral mRNA produced during active infection in host cells,
- cellular RNA from the host.
Especially interesting is the viral mRNA. Thanks to a viral trick – called cap-snatching – it has a 5′ cap structure and a poly-A tail, just like our own mRNA. This makes it more stable and particularly well-suited for the next step: conversion into DNA.
To keep it stable for analysis, the extracted RNA is stored in a stabilizing buffer.
3️⃣ Conversion of RNA into DNA
Before PCR can begin, it needs an upgrade: it only works with DNA, not RNA. That’s why the viral RNA must first be converted into complementary DNA (cDNA). And that’s the job of a clever enzyme: reverse transcriptase.
Here’s how the conversion works:
RNA template: The mRNA of the influenza virus is a single-stranded RNA molecule with two handy features: at the 5′ end, it has a cap structure that stabilizes it – and at the 3′ end, a poly-A tail, a chain of adenine bases. Both make the viral RNA particularly well-suited for the next step.

Fig. 13-A: Schematic representation of the influenza virus mRNA Primer binds: To let the reverse transcriptase know where to start, a primer is needed – a short DNA fragment that often binds specifically to the poly-A tail.
Reverse transcriptase gets to work: It attaches to the primer and reads the RNA bases (A, U, G, C) of the template. Then it adds the matching DNA bases (A, T, G, C) one by one – building a complementary DNA strand. The result is a hybrid molecule made of RNA and DNA (an RNA–cDNA hybrid).

Fig. 13-B: Reverse transcriptase synthesizes cDNA from RNA Both the 5′ cap structure and the poly-A tail of the RNA do not appear in their original form in the resulting cDNA. The 5′ cap is typically ignored, while the poly-A tail is represented in a complementary form and may be partially shortened.
From single strand to double strand: This first DNA strand now serves as a template itself – a second strand is synthesized, resulting in double-stranded cDNA (ds cDNA). This form is stable and ready for PCR.

Fig. 13-C: Stable double-stranded cDNA ready for PCR What does the whole process look like in action? This animation shows cDNA synthesis in fast-forward – explained simply and clearly.
4️⃣ What do you need for a PCR?
Before amplification can begin, a few ingredients and tools need to be ready:
a) DNA template: The starting material is the double-stranded cDNA that was produced from viral RNA in the previous step.
b) Nucleotides – the building blocks: Four different building blocks are needed to copy DNA: adenine (A), thymine (T), cytosine (C) and guanine (G). These will later be assembled by the polymerase into a new strand.
c) DNA polymerase – the master builder: This enzyme reads the DNA template and assembles the matching nucleotides into a new strand – precise and lightning-fast. In PCR, a heat-stable polymerase (e.g., Taq polymerase) is often used to withstand the high temperatures of the PCR cycles.
d) Primers – the guides: Primers are short DNA fragments (usually 18–24 bases long) that show the polymerase where to start copying. For PCR, you always need two: a forward primer and a reverse primer, which bind to opposite strands of the target DNA.

Fig. 14-A: Schematic representation of the DNA polymerase enzyme and the primers e) Buffer solution – the right environment: It ensures the polymerase is comfortable, providing a stable pH value, magnesium ions, and everything the enzyme needs for reliable function.
f) Thermocycler – the temperature carousel: A device that automatically runs the necessary temperature cycles. It heats, cools, and maintains precise temperatures – timed perfectly for the different PCR steps.

Fig. 14-B: The thermocycler controls the PCR temperatures. 5️⃣ The process of the Polymerase Chain Reaction (PCR)
All the ingredients – DNA template (ds cDNA), nucleotides, DNA polymerase, primers, and buffer solution – are combined in a small reaction tube. This tube is then placed in the thermocycler, which automatically runs the typical PCR temperature cycles. Each cycle consists of three main steps:
Step 1 – Separation of DNA strands (Denaturation): The sample is heated to about 94–98 °C for around 20–30 seconds. This breaks the hydrogen bonds between the DNA bases – the double strand „melts” into two single strands. These single strands then serve as templates in the next step.

Fig. 14-C: Separation of the DNA strands Step 2 – Primer binding (Annealing): The temperature is lowered to 50–65 °C. Now, the primers specifically bind to their respective single strands. They mark the starting point for DNA synthesis. The primers are designed to bind only to viral sequences – not to human RNA or DNA.

Fig. 14-D: Primer binding Step 3 – DNA synthesis (Amplification): At around 70 °C, the optimal temperature for the polymerase, the actual copying begins. The DNA polymerase binds to the primer, reads the single strand from 3′ to 5′, and synthesizes the new strand in the 5′ to 3′ direction. It assembles nucleotides following base-pairing rules: A pairs with T, and G pairs with C. This results in two new double-stranded DNA molecules.

Fig. 14-E: DNA synthesis This step is called amplification (from Latin amplificatio: enlargement), elongation (from Latin elongare: to lengthen), or polymerization (from Greek poly: many; meros: part).
6️⃣ Repeating the Cycles
The newly formed double-stranded DNA molecules immediately serve as templates for the next round. The steps – denaturation, primer annealing, and DNA synthesis – are repeated in cycles.
With each cycle, the amount of DNA doubles: 1 → 2 → 4 → 8 → 16 → 32 …
After just 25 – 40 cycles, billions of copies of the target DNA segment are produced.

Fig. 14-F: Repetition of Cycles 📈 What is present at the end of RT-PCR:
A highly concentrated solution of specific DNA fragments – directly derived from the viral RNA. In the case of the influenza virus, it contains only those genome segments that were specifically targeted.
This DNA now serves as the basis for further analyses:
➤ to confirm the identity of the virus,
➤ to distinguish between different virus variants,
➤ or to quantify the viral load in the patient sample.🎥 Tip: The video „What is PCR? Polymerase Chain Reaction” provides a clear summary of the process. Even though it focuses on human DNA, the core principle remains exactly the same.
b) Random Primed PCR
💡Note: If you’re not yet familiar with PCR, start by reading the section „PCR – Step by Step”. It clearly explains the basics and workflow. The following content builds on that foundation and focuses specifically on the unique aspects of Random Primed PCR.
Random Primed PCR is a special variant of PCR that is primarily used when a virus is unknown or its genome is highly variable.
In contrast to classical PCR, which uses specific primers to selectively amplify defined DNA segments, this method employs so-called random primers: short DNA sequences with randomly arranged bases that can bind at many positions along the target DNA (or cDNA) – regardless of its exact base sequence.
Advantage: Even unknown or highly mutated regions of the genome can be co-amplified using this method – a crucial benefit when preparing for sequencing, where the exact base sequence needs to be determined.
Examples of Random Primers:
Hexamer Primers (6 bases long): AGCTGA, CTAGCT, …
Heptamer Primers (7 bases long): CCTGAGT, GATTACA, …
Nonamer Primers (9 bases long): GCAGTTCGC, ATGGCCGTA, …
Fig. 15-A: Examples of Random Primers In practice, mixtures of all possible primer variants are usually used (e.g., 4⁶ = 4096 combinations for hexamers). This ensures that as many binding sites as possible in the genome are targeted.
Process of Random Primed PCR
Step 1 – Denaturation: The DNA (or cDNA) is heated to about 95 °C to separate the two strands. This creates single strands to which the primers can bind.
Step 2 – Primer Binding: The temperature is lowered so that the random primers can attach to many different sites on the DNA. Since the primers are random, they can bind to a variety of positions within the genome.
Note on genome size: Viruses have very different genome lengths – ranging from a few thousand to hundreds of thousands of base pairs. Random primers help to cover as much of the genome as possible.

Fig. 15-B: Schematic representation of primer binding during Random Primed PCR. Step 3 – DNA synthesis: The DNA polymerase binds to the primers and starts synthesizing new DNA strands from there. It reads the template until it either reaches the end or encounters another primer. This acts like a stop signal – resulting mostly in shorter DNA fragments.
This is exactly what is intended: the polymerase generates many short, overlapping fragments that can later be used for genome reconstruction or targeted analyses.

Fig. 15-C: First cycle of the Random Primed PCR After the activity of the DNA polymerase, multiple short, overlapping double-stranded DNA fragments have formed from the single strands. These fragments are the result of the first cycle of the Random Primed PCR.
🔁 Cyclic Repetition
This process is repeated multiple times – just like in classic PCR – usually 20 to 40 cycles.
- The more cycles, the more DNA is produced.
- With increasing cycle number, the chance that primers „catch” each other rises → resulting in shorter fragments.
- However: Too many cycles can reduce diversity because some regions become overrepresented.
A balanced number of cycles and a well-optimized primer mix are crucial for the quality and representativeness of the final product.
📈 Result of the Random Primed PCR
In the end, a large number of short, overlapping DNA fragments are present – not complete strands, but a mosaic of fragments that can cover the entire viral genome.

Fig. 15-D: Result of the Random Primed PCR: the entire genome – just in fragments!
🧩 What happens to the DNA fragments?
Direct analysis of individual fragments
Often, it’s enough to sequence specific fragments to gain important information – e.g., for mutation analysis or virus typing.Reconstruction of the entire genome
If the whole genome is to be analyzed (e.g., for discovering new viruses or for creating phylogenetic analyses), the fragments are read using sequencing technologies (more on this in the next chapter). Specialized software programs then piece together the overlapping fragments like a puzzle.
🧬 From Fragment to Complete Genome
Amplification using Random Primed PCR is just the first step – it ensures that enough genetic material is available for further analyses. However, simply multiplying the material is not enough to truly understand which virus you are dealing with.
Now it’s about determining the exact sequence of base pairs in the generated DNA fragments – in other words, their sequencing. Only through this sequencing can the genetic profile of the virus be decoded: mutations can be identified, viral strains distinguished, and even evolutionary family trees constructed.
In the following chapter, we therefore take a look at how sequencing works, which technologies are used for this – and how a complete viral genome is reconstructed from many small DNA snippets.
4.5.3. Sequencing
Sequencing is THE crucial step in decoding the genetic material of viruses. It determines the exact order of the bases in DNA (A, T, C, G) or RNA (A, U, C, G).
What’s the point?
A viral genome sequence is like the QR code of biology: Once scanned, you immediately know what you’re dealing with.
Identification of the virus:
🔹 Which virus is it exactly?
🔹 Is the virus already known or is it a new discovery?
🔹 Which virus family or genus does it belong to?Detection of mutations:
🔹 Has the virus changed – and if so, how?
🔹 Have new variants or strains emerged?
🔹 What genetic differences exist compared to earlier versions?Determination of diagnostic markers:
🔹 Are there stable (conserved) regions in the genome that are suitable for diagnostic tests?
🔹 Are there genes or proteins that are unique to this virus?
🔹 Can certain genes or proteins be specifically targeted – for example, for drug development?Sequencing gives each virus a genetic fingerprint – unique, precise, and tamper-proof.
🧬 From Test Tube to High Technology
Decoding viral DNA used to be manual labor – today, it’s high-tech. Modern sequencers analyze millions of DNA fragments simultaneously – fast, automated, and with high precision.
Since the first manual procedures, technology has developed rapidly. Each new generation has made the view into the genome clearer, faster and more comprehensive.
The following overview shows how sequencing has evolved – and which technologies are available today:
Generation Description First Generation:
Sanger SequencingThe old-timer: slow but precise. Ideal for short sections. Second Generation:
Next-Generation Sequencing (NGS)The high-throughput powerhouse: sequences millions of DNA fragments simultaneously. Third Generation:
Real-Time SequencingThe quantum leap – single molecule analysis in real time. Emerging Technologies Science fiction becomes reality. 
First Generation: Sanger Sequencing
Sanger sequencing, named after the British biochemist Frederick Sanger, marks a historic milestone in molecular biology. With this method, he was the first to successfully determine the exact sequence of DNA bases – a scientific breakthrough that earned him his second Nobel Prize in Chemistry in 1980.
Although more modern and automated methods are now available, Sanger sequencing is still considered the gold standard when it comes to the highest accuracy for short DNA segments. It is still widely used in many laboratories to validate results.
It is based on the principle of terminating DNA synthesis. During the copying process, special stop signals are incorporated, creating DNA fragments of varying lengths. These fragments are then sorted by size, allowing the sequence of building blocks to be read.
How the classic DNA analysis works
1️⃣ DNA Denaturation
First, the double-stranded DNA is heated. The high temperature breaks the hydrogen bonds between the base pairs, causing the double strand to separate into two single strands. These single strands then serve as templates for synthesizing new DNA.

Fig. 16-A: DNA denaturation – a double-stranded DNA separates into two single strands. 2️⃣ Preparation of the reaction mixtures
Four separate reaction mixtures are prepared. Each contains:
➥ Single-stranded DNA: the template.
➥ Primer: a short sequence that provides the starting point for the polymerase.
➥ DNA polymerase: the enzyme that synthesizes new strands.➥ dNTPs (deoxyNucleosideTriPhosphates): the „standard” DNA building blocks (A, T, C, G). They enable DNA strand extension because their 3′ hydroxyl group can bond with the next building block.
➥ ddNTPs (didesoxyNukleosidTriPhosphate): these „modified” DNA building blocks lack a hydroxyl group, so no further nucleotides can be attached after them. When a ddNTP is incorporated during synthesis, the DNA strand elongation stops exactly at that point. Each of the four ddNTP types (A, T, C, G) is additionally labeled with its own fluorescent dye.
The ratio of dNTPs to ddNTPs is carefully adjusted to generate a wide range of DNA fragments of varying lengths.

Fig. 16-B: Four reaction mixtures – one for each type of ddNTP. 3️⃣ DNA Synthesis with Random Termination
DNA synthesis – briefly explained: DNA polymerase is nature’s most efficient copier. It scans a DNA strand as a template and builds a matching complementary strand step by step – always following the base-pairing rules: A pairs only with T, and C only with G. The result is a perfect mirror copy.
DNA synthesis takes place simultaneously in the four separate reaction mixtures – one for each of the four bases (A, T, C, G).
Here’s what happens in each mixture: The DNA polymerase binds to the primer and gets to work.
How to find the right primer?
Primers are absolutely essential for the successful use of the Sanger method. But how do you find the primer sequence when the genome of a virus is completely unknown?
When Frederick Sanger developed his method in 1977, some information about the genome structure of small viruses like the bacteriophage Phi-X174 was already known. Researchers had discovered that certain enzymes – called restriction enzymes – cut DNA at very specific sites. These cutting sites were known and could be used deliberately:
Near these cutting sites, there was often a short piece of known DNA sequence – just enough to design a suitable primer. This way, researchers artificially created a defined starting point for the sequencing process.
Today, it’s easier. Science has advanced significantly, and most viruses are already well studied. For new or little-known viruses, the following approach is used:
Comparison with known viruses: Often, a new virus is genetically similar to already known viruses. Scientists use these similarities to predict possible primer sites.
Experimental approaches: When little is known, enzymes cut the viral DNA into smaller fragments. Researchers then analyze these fragments to identify suitable starting points for primers.
It reads the single-stranded DNA template and inserts matching building blocks (dNTPs) to synthesize a new DNA strand.
Normally, a „regular” dNTPs is incorporated – allowing the DNA chain to continue growing. Occasionally, however, a modified ddNTP is incorporated – and synthesis stops immediately at that point. This happens because ddNTPs lack a small chemical group (the hydroxyl group) that’s essential for adding the next nucleotide.
This results in many DNA fragments of different lengths – each one ending precisely at the point where a ddNTP was randomly incorporated. And each fragment carries a fluorescent dye at its end, indicating which type of base (A, T, C, or G) the fragment terminates with.

Fig. 16-C: The synthesis is intentionally interrupted – when a ddNTP is incorporated. Each reaction mixture contains one modified nucleotide (ddATP, ddTTP, ddCTP, or ddGTP). When this modified nucleotide is incorporated during DNA synthesis, the process stops exactly at that position, because the modified building block does not allow further extension of the DNA chain. In the ddATP mixture, synthesis stops when adenine (A) is incorporated. In the ddTTP mixture, the chain is terminated when thymine (T) is added. Similarly, ddCTP and ddGTP cause termination at cytosine (C) and guanine (G), respectively. This method generates DNA fragments of varying lengths, each ending with the specific stop nucleotide. The goal is to produce all theoretically possible sequence fragments.
4️⃣ Denaturation of the Fragments
The resulting double-stranded DNA fragments are heated again so that they separate into single strands. This step is necessary to allow individual analysis of each fragment. What remains is single-stranded DNA – ready for the next step.
5️⃣ Analysis
Now it’s time for analysis: The fragments are separated by size using gel electrophoresis. For this, the four reaction mixtures are loaded into separate wells of a gel.
The gel acts like a fine mesh or sponge:
- Short fragments move through faster.
- Longer fragments move more slowly.
Each strand ends with a color-labeled ddNTP – depending on the base (A, T, C, or G), a different color lights up. These colors are detected by a laser and recorded automatically.

Fig. 16-D: Gel electrophoresis for separating DNA fragments: In the reaction tubes are DNA fragments of different lengths, each ending with the same terminating nucleotide (depending on the mixture: adenine, thymine, guanine, or cytosine). The reaction mixtures are loaded onto the gel. Under the influence of an electric field, the negatively charged DNA fragments migrate from the cathode (−) to the anode (+). The size of the fragments determines their migration speed through the gel. Smaller DNA fragments move faster through the gel pores and thus reach the anode first, while larger fragments progress more slowly. By reading the fluorescent signals, the base sequence of the DNA can be determined.
How do you read the sequence from this?
The order of the fragments in the gel corresponds to the order of the bases in the original DNA strand.
- The shortest fragment shows the first base.
- The next longer fragment shows the second base,
- … and so on, until the entire sequence is decoded.
Since each new fragment is complementary to the original strand, the base sequence of the original DNA strand can be directly deduced from the analysis.
🎥 Tip: You’ll find a very clear explanation in the video „Sanger Sequencing / Chain Termination Method”.
Where is Sanger sequencing used?
This method is especially well suited for:
- Short DNA fragments
- Confirmation and validation of results from other methods
- Individual case analyses, e.g., in medical diagnostics
Some methods don’t get old – they become classic.
Limitations of the method
As precise as Sanger sequencing is, it quickly reaches its limits with large or complex genomes. The method is labor-intensive, time-consuming, and expensive, especially when many samples or extensive datasets need to be analyzed. For this reason, it has been replaced in many areas by modern high-throughput techniques – above all, by Next-Generation Sequencing (NGS) technologies.

Second Generation: Next-Generation Sequencing (NGS)
Next-Generation Sequencing (NGS) is a modern method for decoding DNA and RNA sequences – and has fundamentally transformed genetic research since the early 21st century. Compared to classical Sanger sequencing, NGS is faster, more cost-effective, and can process significantly larger volumes of data in a shorter amount of time.
The key difference: While the Sanger method sequences only a single DNA fragment at a time, NGS can read millions of fragments simultaneously. To achieve this, the genetic material is first broken down into small pieces and tagged with special markers. These fragments are then fixed onto a special surface and extended step by step using fluorescently labeled nucleotides – each newly incorporated base is immediately detected and recorded.
Thanks to this parallel processing, a high-resolution dataset is generated within a short time – ideal for analyzing entire genomes, RNA profiles, or large sample volumes. This is precisely why NGS is now a key technology in research, diagnostics, and biotechnology.
A Closer Look at Illumina Sequencing
Illumina sequencing is one of the most widely used technologies in the field of Next-Generation Sequencing (NGS). It is based on the principle of „sequencing by synthesis” and enables the simultaneous reading of millions of DNA fragments. Here’s a step-by-step explanation:
Step 1: DNA Preparation = Library Construction
Step 2: Cluster Generation on a Flow Cell
Step 3: Sequencing by Synthesis
Step 1: DNA Preparation = Library Construction
Before sequencing, the DNA must be converted into a format compatible with the Illumina platform. This process is known as library construction and includes the following sub-steps:
1a) Fragmentation
The DNA is fragmented into smaller pieces either mechanically or enzymatically (typically targeting a size range of around 150–500 base pairs). This process produces DNA fragments of slightly varying lengths, which are often further standardized using a size selection step.
To illustrate this step, we will consider three DNA fragments with slightly different lengths in our example.
1b) Adapter Ligation
Specific adapter sequences (P5 and P7 adapters) are ligated to both ends of the DNA fragments. These adapters serve several important functions:
Binding Sites for the Flow Cell: The adapters contain special DNA sequences that function like a key fitting into a lock. This allows the DNA fragments to adhere to a surface later, which is important for sequencing.
Primer Binding Sites: The adapters contain regions where sequencing primers can bind. These primers are later used to gradually synthesize the DNA strands during the sequencing process.
Indexes (optional): If multiple samples are sequenced simultaneously, index sequences allow the fragments to be assigned to their respective samples.
For clarity, we omit the depiction of indexes in our example.
1c) PCR Amplification
To ensure that enough DNA is available for sequencing, the adapter-ligated DNA fragments are amplified using the polymerase chain reaction (PCR).

Fig. 17-A: Library Preparation – Overview of the DNA preparation process. The following close-up shows a detailed view of a fragmented double-stranded DNA molecule equipped with the two adapters.

Fig. 17-B: Schematic representation of a double-stranded DNA fragment with adapters. Each DNA fragment (DNA insert) receives two adapter sequences:
The P5 adapter consists of the P5 adapter sequence, which enables binding to the flow cell, and the primer binding site Rd1SP (Read 1 Sequencing Primer) for initiating DNA synthesis. Similarly, the P7 adapter contains the P7 adapter sequence for flow cell binding as well as the primer binding site Rd2SP (Read 2 Sequencing Primer) to initiate DNA synthesis.Important note: The upper and lower single DNA strands each carry P5 and P7 adapters. However, the adapters on the lower strand are not identical but complementary to the adapters on the upper strand.

Fig. 17-C: DNA fragment (DNA insert) with adapter sequences shown in base notation This representation is highly simplified. In practice, Illumina adapter sequences are much longer, typically consisting of 60–120 base pairs (see here). The DNA insert is also shortened for better illustration – in reality, DNA fragments usually range from 100 to 500 base pairs in length.
Step 2: Cluster Generation on a Flow Cell
Before the DNA can be sequenced, it must be fixed and amplified on a solid surface. This takes place on a flow cell, a special glass plate equipped with millions of tiny DNA binding sites.
The goal of this step is to generate numerous copies of each DNA fragment on the surface to amplify the signals during sequencing. For this purpose, the flow cell is coated with special oligonucleotides (DNA molecules) that are complementary to the adapter sequences of the DNA fragments. There are two types of these oligonucleotides:
- P5 oligonucleotides (ACGTAC), which bind to the P5 adapters (TGCATG) of the DNA fragments.
- P7 oligonucleotides (ACGTCA), which interact with the P7 adapters (TGCAGT) of the DNA.
You can imagine the surface of the flow cell like a dense Velcro strip: The DNA fragments stick to it with their adapter sequences, similar to tiny hooks catching onto the Velcro fabric.

Fig. 17-D: Schematic representation of a flow cell and its surface 2a) DNA fragments bind to the flow cell surface
At the beginning of this step, a solution containing single-stranded DNA fragments with adapter sequences is flowed onto the flow cell. These fragments were previously separated into single strands by denaturation, allowing them to move freely in the solution.
As the DNA fragments flow through the flow cell, their adapters bind to the complementary oligonucleotides on the flow cell surface through base pairing, as shown in the illustration below.

Fig. 17-E: The graphic shows two single-stranded DNA molecules binding with their adapters to complementary oligonucleotides on the flow cell. P5 adapter of a single-stranded DNA binds to the P5 oligonucleotide on the flow cell:
Flowcell — P5-Oligo ACGTAC
— (3') TGCATG-CAGT-[Insert]-GTCA-ACTGCA (5')P7 adapter of a single-stranded DNA binds to the P7 oligonucleotide on the flow cell:
Flowcell — P7-Oligo ACGTCA
— (3') TGCAGT-TGAC-[Insert]-ACTG-CATGCA (5')2b) First synthesis
Primer binding and DNA synthesis
After the DNA fragments have bound to the flow cell, the first DNA synthesis begins. Specific primers bind to the adapter sequences of the bound strands:- Primer GTCA binds to the P5 adapter of the bound single strand.
- Primer ACTG binds to the P7 adapter of the bound single strand.
The DNA polymerase, which can only work in the 5′ → 3′ direction, then synthesizes a new strand complementary to the already bound single strand.

Fig. 17-F: Primers bind to the adapters (P5, P7), and the DNA polymerase (DNAP) begins synthesizing a new complementary strand. After synthesis, the bound DNA fragments exist as double strands.
Flowcell (P5-Oligo) — (5') ACGTAC-GTCA-[Insert]-CAGT-TGACGT (3')
— (3') TGCATG-CAGT-[Insert]-GTCA-ACTGCA (5')Flowcell (P7-Oligo) — (5') ACGTCA-ACTG-[Insert]-TGAC-GTACGT (3')
— (3') TGCAGT-TGAC-[Insert]-ACTG-CATGCA (5')
Fig. 17-G: First synthesis and separation: This is how the bound DNA strand is formed. Separation of the double strand
After the new DNA strand has been synthesized, the double strand is separated by denaturation (see the figure above):❌ The original strand is no longer attached to the flow cell after denaturation and is washed away.
✅ The newly synthesized strand remains firmly attached to the flow cell via its 5′ end, while the 3′ end remains free.
Now the DNA fragments are bound to the flow cell as complementary single strands (forward and reverse strands).
However, direct sequencing at this stage would not be possible, as the fluorescence signals would still be too weak to be reliably detected. This is why bridge amplification follows next.
2c) Bridge Amplification
To generate a sufficiently strong fluorescence signal for DNA sequencing, the individual DNA strands must be amplified. This is achieved through bridge amplification – a cyclic process in which the DNA strands bind to the flowcell surface, are copied, and then separated again.
Hybridization of the Second Adapter
Bridge amplification begins with the bound single-stranded DNA bending over and hybridizing its free 3′-end to a nearby complementary oligonucleotide (5′) on the flowcell surface. This process is known as strand folding. It creates a loop-like structure – a „bridge” – that connects the adapter on the DNA strand to the matching surface oligonucleotide.DNA Synthesis
Once the DNA strands are hybridized, primers (e.g., ACTG, GTCA) and DNA polymerase are added. The primers bind specifically to the adapter sequences. DNA polymerase then synthesizes new complementary strands in the 5′ → 3′ direction. After synthesis, the DNA is once again present as a double-strand.
Fig. 17-H: Bridge Formation and DNA Synthesis The bound single DNA strands fold over and hybridize with a complementary oligonucleotide on the flowcell, forming a bridge-like structure. A primer then binds to the 3′ ends of the strands, and DNA polymerase synthesizes the complementary strands in the 5′ → 3′ direction.
Denaturation – Strand Separation
Heat or chemical treatment is used to separate the newly formed double-stranded DNA into single strands again. At this point, there are four single-stranded DNA fragments on the flowcell:|| the original two single strands (forward strand & reverse strand), and
|| the newly synthesized complementary strands (forward strand & reverse strand).
Abb. 17-I: Forward and Reverse – The Bridges Dissolve After denaturation, the bridge double strands are separated, so that on the flow cell there are now two single strands (forward and reverse) visible. These single strands remain attached to the flow cell and are ready for further amplification.
Repeat amplification
This cycle repeats: The single strands fold again, hybridize once more with the oligonucleotides, and are duplicated through DNA synthesis.
Fig. 17-J: With each repetition of bridge amplification, more and more DNA copies are generated. After multiple cycles, millions of identical copies of each original DNA fragment – called clusters – are formed on the flow cell.

Fig. 17-K: Cluster formation Each cluster consists of numerous copies of a single DNA fragment. In this illustration, only three clusters are shown as examples, based on our example of three DNA fragments. In reality, however, millions to billions of such clusters are present on a flow cell to enable high sequencing capacity.
Formation of the final clusters
At the start of our example, three DNA fragments are present. After several amplification cycles, countless clusters form for each of these fragments, each consisting solely of copies of their respective DNA fragment.Each cluster now consists of two types of strands:
🔹 Forward strands (5′ → 3′, bound to P7)
🔹 Reverse strands (3′ → 5′, bound to P5)💡Note: Forward and reverse strands within the clusters are not aligned antiparallel to each other! Instead, the 3′ ends of both strands point upwards.
Removal of the reverse strands
For the sequencing to proceed correctly, all DNA strands within a cluster must be oriented in the same direction. Only the forward strands are needed for the actual analysis. Therefore, a targeted purification step follows:🔹 All reverse strands (bound to P5) are detached and washed away.
🔹 At the same time, the free ends of the P5 oligos are chemically blocked to prevent reattachment.Now, only forward strands remain on the flowcell. The clusters are fully formed, and the DNA libraries are ready for sequencing.

Fig. 17-L: Ready for sequencing – only forward strands remain onboard. Left: A final cluster with forward (P7-bound) and reverse strands (P5-bound). Right: The reverse strands have been selectively cleaved and washed away, leaving only the forward strands. This orientation is necessary to carry out sequencing correctly.
Step 3: Sequencing by Synthesis
At this point, individual clonal clusters (originating from the initial three DNA fragments) are distributed across the entire surface of the flow cell. Each cluster consists of numerous identical DNA copies – comparable to a small island of identical trees. Now, the actual sequencing can begin.
To start the sequencing, primers, DNA polymerases, and modified nucleotides are applied to the flow cell.
The modified nucleotides have three special properties:
① Termination of synthesis
They carry a chemical modification on the hydroxyl group that prevents the addition of another nucleotide to the growing DNA strand. As a result, DNA synthesis stops immediately after the incorporation of each individual nucleotide.② Reversibility of the blockage
This modification can subsequently be chemically removed, allowing DNA synthesis to continue. This enables sequencing to proceed step-by-step, one nucleotide at a time.③ Fluorescent labeling
Each of the four bases (A, T, C, G) is tagged with a specific fluorescent dye.Because of these properties, these nucleotides are called reversible terminator nucleotides (RT-dNTPs).
Sequencing Process
➥ The sequencing primers hybridize to the forward strands of the DNA library.
➥ DNA polymerase binds to the primer and begins synthesis. However, due to the modified nucleotides, it can add only one nucleotide per cycle.
➥ After each incorporation, the flow cell is photographed by a high-resolution camera. The fluorescent label indicates which nucleotide was added. A computer analyzes the fluorescence signals and assigns them to the corresponding bases.
➥ Then, excess nucleotides are washed away, and the blocking group on the incorporated nucleotide is chemically removed.
➥ The cycle starts again, repeating until the entire DNA fragment has been sequenced.
Abb. 17-M: Illumina sequencing steps Primer, DNA polymerase (DNAP), and modified nucleotides (RT-dNTPs) are applied to the flowcell. The RT-dNTPs are fluorescently labeled (each base has its own color) and carry a reversible block at the 3’-hydroxyl group. This causes DNA synthesis to pause temporarily after each base incorporation.
As soon as an RT-dNTP is incorporated, a laser excites the fluorescent dye, causing it to emit light. A camera captures this signal and determines which base was added. Then, the fluorescent label along with the blocking group is chemically removed, allowing DNA synthesis to continue in the next cycle. This process is repeated in every cycle: one base is added, the signal is recorded, and the block is removed. The sequencing proceeds over a set number of cycles, reading a limited number of bases (e.g., 150 base pairs in 150-base reads).
Fig. 17-N: Analysis of the sequencing data During sequencing, a camera captures the fluorescence signals of the incorporated nucleotides in each cycle. Each cluster emits a specific color signal that corresponds to the incorporated base. Over the course of multiple cycles, this generates a unique sequence for each cluster. A computer analyzes the color information from the individual images and assigns it to the corresponding DNA sequence. In this way, the precise base sequence of the „DNA of interest” is reconstructed from the measured fluorescence signals.
Double-check for DNA: Paired-End Sequencing
Paired-end sequencing is a method commonly used on many Illumina platforms to improve the accuracy and reliability of sequencing results. In this approach, each DNA fragment is read from both ends – resulting in two reads per fragment: Read 1 (forward) and Read 2 (reverse).
After the initial sequencing of the forward strand (Read 1), a second round of bridge amplification is performed to regenerate the original DNA strands. The previously sequenced strands are then removed, and sequencing of the reverse strand (Read 2) begins.
Since both reads originate from the same DNA fragment, they can be computationally merged. This facilitates sequence assembly, enhances error detection, and improves the readability of repetitive or complex regions within the DNA sequence.
Paired-end sequencing is particularly well suited for long, nested, or challenging DNA regions – providing more precise and reliable results.
Result of Illumina Sequencing
At the end of Illumina sequencing, a vast amount of short DNA segments – known as reads – is obtained. Each of these reads originates from a small fragment of the original genetic material and has been amplified and read millions of times.
To reconstruct a complete picture from these reads, specialized software is used to assemble them on a computer:
🔹 If a known reference DNA is available, the reads are aligned like puzzle pieces to the existing sequence pattern.
🔹 If no template is available, the reads must be assembled piece by piece based on overlapping regions.This step-by-step assembly of countless short sequences gradually creates a complete picture of the original DNA material. The result is a precisely analyzed gene sequence that not only reveals the genetic structure but also provides insights into mutations or variants.
🎥 Tip: You can find a clear explanation in the video „Illumina Sequencing Technology”.
Applications
Illumina sequencing is known for its accuracy and reliability. Its applications include:
Genomics: Decoding the DNA of humans, animals, and plants
Medicine: Investigating genetic diseases and developing personalized therapies
Microbiology: Analyzing bacteria and viruses
Environmental research: Studying DNA in soil or water samples
And what comes next?
Illumina technology has revolutionized genetic analysis – but it also has its limits: the preparation is complex, data analysis is computationally intensive, and very long DNA segments can only be read in small fragments.
That’s why development continues. New third-generation sequencing technologies rely on entirely different principles – enabling, for the first time, the direct reading of extremely long DNA strands, often even in real time.
Time to take a look at the next generation of sequencing.

Third Generation: Real-Time Sequencing
With the third generation of sequencing technologies, a fundamental shift is beginning in genomic research. Instead of relying on fragmented or chemically modified DNA as before, these methods allow for the direct reading of genetic information – in real time, without complex preparation, and with new analytical possibilities.
Two key methods of this generation are:
- Single Molecule Real-Time (SMRT) Sequencing – monitors DNA synthesis in real time by detecting light pulses emitted as individual bases are incorporated.
- Nanopore Sequencing – threads DNA strands through tiny nanopores and measures changes in electrical current to identify the bases.
Why Nanopore Sequencing Is a Game Changer
Nanopore technology opens up entirely new perspectives in genomic research – thanks to its flexibility, speed, and independence from labor-intensive preparation steps:
✅ Real-time sequencing: Unlike traditional methods that require DNA to be amplified or chemically modified first, nanopore technology reads genetic material directly.
✅ Long read lengths: Instead of short fragments, extremely long DNA strands can be read – often spanning hundreds of thousands of base pairs in a single run. This greatly simplifies the analysis of complex genomes and structural variants.
✅ Versatility: In addition to DNA, RNA can also be analyzed directly – without the intermediate step of converting it into complementary DNA (cDNA). This makes the technology especially valuable for studies of gene expression and virus research.
✅ Portable and cost-effective: Devices like the MinION are barely larger than a USB stick and enable sequencing outside the lab – such as in clinics, in the rainforest, or directly at a crime scene.
With these features, nanopore sequencing opens up entirely new fields of application – from basic research and diagnostics to environmental and biodiversity analysis.
That’s reason enough to take a closer look at this technology.
For a first impression and a brief overview, the following video is a great starting point.
Nanopore Sequencing – Step by Step
Today, when people talk about nanopore sequencing, they almost always mean Oxford Nanopore Technology (ONT). While there are theoretically other nanopore-based approaches, ONT is currently the only one in practical use. Since its general market launch in 2015, it has revolutionized sequencing.
What makes this method special? It reads DNA or RNA directly and in real time – without prior chemical modifications or amplification reactions. Nanopore technology functions like a tiny high-performance laboratory that decodes genetic information with precision.
How does it work?
ONT sequencing is based on the interaction of three key components:
➤ Nanopores – act as tiny molecular „readers”. When a DNA or RNA strand passes through a nanopore, it generates characteristic electrical signals – essentially a molecular „fingerprint”.
➤ Membrane – serves as a filter and barrier. It ensures that only ions and nucleic acids pass through the nanopores, while unwanted molecules are kept out. This results in clean, precise measurements.
➤ Chip – is the core of the system. It holds the membrane with the nanopores and detects the electrical signals generated as the DNA passes through.
The chip has two chambers:
- Upper chamber (cis): This is where the DNA sample is introduced.
- Lower chamber (trans): This is where the DNA ends up after passing through the nanopores.
Both chambers are filled with an ion-containing solution that conducts electrical current. The membrane separates the chambers so that no current can flow – except at the points where the nanopores are embedded. These pores are the only „tunnels” through which ions and nucleic acids can pass.
As soon as a DNA or RNA strand slides through a nanopore, the electrical current changes. These subtle variations are detected and translated into genetic code – in real time: directly, quickly, and accurately.

Fig. 18-A: Structure of the nanopore device On the left is a portable nanopore sequencing device. In practice, it is slightly larger than a USB stick. An arrow points to the replaceable sequencing cell. The enlarged illustration on the right shows the schematic structure of the sequencing cell.
Precision at the Nanoscale
Chip microstructure
The chip is manufactured using highly precise fabrication techniques such as photolithography or etching processes. This creates tiny channels, called wells, that range from just a few nanometers to micrometers in size. In addition to these structural components, the chip also contains the electrochemical sensing device that detects the ion flow as DNA or RNA passes through the nanopore.Self-assembly of the lipid membrane
This membrane consists of lipids (fat molecules) and is electrically insulating. This means that it does not conduct electricity itself. The membrane is initially applied onto the chip without nanopores. It is not mechanically stretched onto the chip, but is formed by self-organisation over the openings.How does it work?
A solution containing lipid molecules is applied to the chip. These molecules have:
🔹 a hydrophobic (water-repelling) part, and
🔹 a hydrophilic (water-attracting) part.Because of these properties, they spontaneously organize into a stable bilayer. The wells in the chip are designed so that the lipid membrane is stabilized precisely above them.
Self-assembly of the nanopores
Nanopores are usually made from proteins derived from bacteria or yeast cells. In nature, these pores serve as transport channels for molecules across cell membranes. However, in nanopore technology, they are used as highly sensitive sensors for DNA or RNA molecules.The integration of the nanopores takes place after the membrane is formed. Thanks to a natural process called self-assembly, they insert themselves into the membrane spontaneously!
How does it work?
- The nanopores are added in a solution.
- They automatically „find” the wells, since they can only embed themselves in the membrane where an opening exists.
- There, they penetrate the membrane and form stable channels.
The wells are precisely defined areas where the membrane is accessible – and it is exactly there that the nanopores can integrate selectively.
Why is this important?
The correct positioning of the nanopores over the wells is crucial because:- The wells are connected to electrodes that measure the ion flow. If a nanopore is not exactly positioned over a well, there is no measurable current – making the nanopore nonfunctional.
- DNA is pulled through the nanopores from the cis to the trans chamber, and this only works if the nanopores are embedded in the membrane directly above the wells.
The path of the DNA through the nanopore
After exploring the structure of the sequencing cell and the basic principle of Oxford Nanopore technology, we now turn to the actual sequencing process.
1️⃣ Preparation of the DNA/RNA sample
Before the actual sequencing begins, the nucleic acid (DNA or RNA) must be prepared.
➥ Extraction: The DNA or RNA is isolated from the sample (e.g., blood, saliva, cell culture, environmental samples). This is done using standardized extraction methods (see Chapter „4.5.1. Nucleic Acid Extraction” for details).
➥ Fragmentation (optional): Nanopore sequencing can read very long DNA or RNA molecules. If the DNA is too long or needs to be tailored for specific applications, it can be mechanically or enzymatically cut into fragments.
➥ Adapter ligation: Since the nanopores can only process DNA or RNA with special ends, adapters are attached to the ends of the molecules. These adapters contain:
- Motor proteins that control the movement of the DNA through the nanopore
- Barcode sequences (if multiple samples are to be sequenced simultaneously)

Fig. 18-B: Diagram of the motor protein binding to double-stranded DNA (dsDNA). To enable the motor protein to bind to the DNA, special adapters are first attached to the DNA ends. These adapters ensure that the motor protein binds specifically at one end of the DNA. For clarity, the illustration shows only the binding of the motor protein, while the adapters themselves are not depicted. Typically, only one motor protein binds per DNA molecule, as the adapters are designed to favor binding at one preferred end.
Where does the motor protein come from?
The motor protein used in Oxford Nanopore sequencing is a naturally occurring enzyme derived from bacteria. It is a modified version of a protein originally found in organisms such as E. coli or other microorganisms. In nature, these proteins are responsible for unwinding and transporting DNA – a capability that nanopore technology harnesses for sequencing.If RNA is to be sequenced, an optional reverse transcription step can be performed to convert RNA into DNA. However, ONT technology is capable of sequencing both RNA and DNA directly. Direct RNA sequencing can provide specific information about RNA modifications.
2️⃣ Applying an electrical voltage
Both chambers of the sequencing cell contain charged particles (ions). Once a voltage is applied between the upper (cis) and lower (trans) chambers, ions begin to flow through the nanopores. This creates a measurable electrical current. As long as no DNA is present in the pore, the ion flow remains constant, and a stable current is detected.
3️⃣ The DNA is added to the sequencing cell
The prepared DNA sample, with motor proteins already attached, is pipetted into the cis chamber (the upper chamber of the sequencing cell). Through diffusion or gentle mixing, the DNA disperses in the solution and reaches the vicinity of the membrane where the nanopores are embedded.
4️⃣ Docking onto the nanopore
The motor protein bound to the DNA guides the molecule to the nanopore and docks specifically onto it. Once the connection is established, the motor protein initiates its helicase activity: it unwinds the double-stranded DNA (dsDNA) into two single strands. One of these strands is captured by the nanopore and pulled through it. This process takes place directly at the pore and ensures that the DNA is transported precisely and evenly through the nanopore.

Fig. 18-C: Schematic of the sequencing cell and ion current in the idle mode. The sequencing cell consists of two chambers: the cis chamber (top) and the trans chamber (bottom), separated by a membrane with embedded nanopores. On the left, a DNA molecule has docked onto a nanopore with the help of a motor protein. On the right, an empty nanopore is shown, through which a constant ion current flows. The applied voltage between the negative electrode (cis) and the positive electrode (trans) drives the ion flow. The ion current is measured in the well (a small channel in the chip), as illustrated in the current/time diagram. As long as no DNA passes through the pore, the current remains constant.
5️⃣ The DNA passes through the nanopore – the signal is generated
DNA carries an electrical charge due to its negatively charged phosphate backbone. The applied voltage between the cis chamber (negatively charged) and the trans chamber (positively charged) causes the DNA to be pulled through the nanopore.
The motor protein plays a crucial role in this process:
➤ It controls the movement of the DNA through the pore – slowly, evenly, and steadily.
➤ This ensures a clearly readable signal for reliable signal detection.For context: Naturally, DNA would shoot through the nanopore at a speed of millions of bases per second. The motor protein slows this down to about 450 bases per second (depending on the device and settings). This slowdown is what makes sequencing with this technology possible at all.
As the DNA passes through the pore, it influences the ion flow – because each base (A, T, G, C) has a unique size and chemical structure. These differences alter the ion current in specific ways. These current changes are measured by an electrode located directly beneath the nanopore. Each well (the tiny tunnels in the chip where the nanopores sit) has a dedicated electrode that acts as the sensor. This setup allows the software to precisely assign signals to a specific nanopore – an essential requirement for accurately reconstructing the DNA sequence.

Fig. 18-D: The image illustrates the central mechanism of nanopore sequencing. 1) A motor protein pulls the DNA steadily through the pore. The negatively charged DNA moves from the cis side to the trans side due to the applied voltage. During this process, the individual bases (A, T, G, C) affect the ion current in specific ways.
2) A graph displays the changes in the measured current over time. Each base combination produces a characteristic signal that is decoded by algorithms.
3) A computer analyzes the electrical signals and determines the sequence of the bases from them.6️⃣ The electrical signal is recorded
As the DNA is pulled through the nanopore, about 10–15 bases are inside the pore at the same time. Each of these bases influences the ion current differently – so the signal is a composite of the effects of multiple bases.
But how can individual bases still be distinguished?
This works thanks to a clever algorithm:
- The motor protein moves the DNA step-by-step – roughly one base at a time.
- The measured current changes in characteristic ways depending on the sequence of bases.
- Specialized software (basecalling) uses machine learning to decode the exact sequence from the overlapping signals.
- The model „untangles” the overlapping information and assigns it to the correct base at the precise position.
In this way, the complete DNA sequence gradually emerges from the electrical signals.
Result of nanopore sequencing
In the end, Oxford Nanopore technology provides the complete sequence of bases in the analyzed DNA or RNA sample. This sequence contains detailed information about the genetic composition, the length of the molecules, as well as possible features such as mutations or structural variations.
🚀 Real-time data – a genuine speed advantage
The entire process happens live. As the DNA or RNA passes through the pore, the sequence of bases is captured and analyzed immediately.
For comparison:
- Traditional Sanger sequencing takes several hours or even days to complete an analysis.
- Illumina sequencing typically provides results within a few hours to several days, depending on the length, complexity, and scale of the sample – smaller projects often finish in a few hours, while larger analyses may take several days.
- Oxford Nanopore Technology (ONT), on the other hand, delivers initial results within minutes.
The generated sequencing data are processed and stored in parallel. They are immediately available for further analysis.
Looking ahead: Sequencing 4.0 – what’s next?
While the third generation is still being celebrated, researchers are already working on the fast lane. Emerging new technologies promise even more: greater speed, higher accuracy, and even more versatile applications.
In the next chapter, we’ll take a brief glimpse into the future of sequencing.

Emerging Technologies: The Future of Sequencing
Nanopore sequencing (ONT) has already revolutionized sequencing, but there are promising approaches in the tech pipeline that could further advance this method.
Transistor instead of pore
An exciting example is FENT technology (Field-Effect Nanopore Transistor), which analyzes DNA and other biopolymers using a novel transistor-based structure that operates with extreme speed and precision. This technology could enable even more precise, faster, and more cost-effective analysis of DNA and other biopolymers.
The „FENT Nanopore Transistor Explainer Video” offers a fascinating insight into this innovation.
Whether and when this technology will become relevant for virus diagnostics remains to be seen – but it impressively demonstrates how sequencing technologies continue to evolve.
The next big thing in genetics
Besides FENT, methods like In Situ Sequencing (ISS), which makes gene expression visible directly within tissues, could also play an important role in the future – such as investigating viral activity within cells.
The future of sequencing?
It’s going to blow us away – literally! –
and we’re right there live to witness it!
4.6. Bioinformatic Analysis
The raw sequencing data is simply a long string of bases, such as „AGCUACGUA…” in the case of an RNA sequence. Sequencing is like spelling – it’s only through bioinformatics that the story behind it is told, „translating” the data into meaningful information. From this jumble of letters (AGCUACGUA…), a profile is created: What virus is it? What can it do? And how dangerous is it?
Warum Rohdaten chaotisch sind
💨 Technical glitches: Like a blurry photo – some parts of the sequence are missing or fuzzy („noise”).
❓ Mystery bases („N”): Positions where even the machine gives up: „Could be A, C, or U – no idea!”
🦠 Mutant flatshare: RNA viruses like influenza exist as communities of variants (mutation clouds). Sequencing blends them all together – like a smoothie made from 100 different fruits.
What Bioinformaticians Do
They clean, sort, and piece together the data – until it becomes clear:
- Who’s here? (Virus identity)
- What’s new? (Mutations)
- How to respond? (Take a deep breath first!)
It’s detective work – just with more computers and fewer trench coats.
From Data Chaos to Insight: The 5 Steps of Bioinformatics
1️⃣ Quality Control: Sorting the data puzzle
2️⃣ Alignment & Assembly: The big puzzle game
3️⃣ Homology Search: Let’s see!
4️⃣ Database Entry: Ready for the registry?
5️⃣ Functional Annotation: The puzzle comes to life
1️⃣ Quality Control: Sorting the data puzzle
Sequence data is like a puzzle from a flea market: Some pieces are duplicates, some are missing, others don’t fit – and right in the middle, there’s a coffee stain. What to do? Before putting it all together, the pieces need to be sorted, cleaned, and filtered. This is where the work of bioinformatics begins.
🔍 FastQC (a software tool) – the critical book inspector:
It flips through the sequencing data like an old manuscript, flagging all the messy pages – too short, too faulty, too suspicious.✂️ Trimmomatic (a software tool) – the molecular lawnmower:
Whatever is broken, frayed, or simply unnecessary gets ruthlessly trimmed off – especially at the ends, where errors love to hide.🔄 Error correction – democracy at the molecular level:
If nine out of ten reads say, „An A belongs here”, then the lone G gets outvoted. Even DNA follows the rule of majority decisions.In the end, only quality remains:
🔹 Short or low-quality reads? Discarded.
🔹 Individual sequencing errors? Corrected.
🔹 Not enough good data overall? Better to resequence.Why? So that nobody draws wrong conclusions from a typo later on. Because only with clean data can the real detective work begin: assembling the genome!
2️⃣ Alignment & Assembly: The big puzzle game
Modern sequencing methods produce DNA or RNA fragments like someone exploded a puzzle:
- Illumina generates millions of short reads.
- Nanopore delivers meter-long pieces (well, almost).
But whether small or large, in the end, they all have to be assembled – using algorithms, logic, and lots of computing power.
🦠📌 Method 1: Alignment (for known viruses)
Where does this piece fit?
The cleaned sequence data are compared to a known reference sequence – like puzzle pieces placed on a picture on the box. This way, even the smallest differences can be detected:
What you find:
🔹 Mutations: An A instead of a G? Maybe that makes the virus more contagious.
🔹 Missing spots: Small holes in the genome – so-called deletions.
🔹 Extra pieces: Unexpected insertions.Even though the reference sequence is just one variant, the alignment reveals the entire „mutant flatshare” present in the sample.
🦠❓ Method 2: De novo assembly (for novel viruses)
Solving a puzzle without a template – like flying blind!
If no known reference is available, the individual reads must be assembled without a template. The trick: overlapping sections reveal which pieces belong together. In this way, a complete genome is built piece by piece. This process is more error-prone than alignment but provides a first draft of the genome of a newly discovered virus.
The difference:
Alignment is like assembling IKEA furniture – with instructions.
De novo assembly is more like: „Here are some wooden parts, good luck!”
3️⃣ Homology Search: Let’s see!
Now the cards are on the table. The unknown DNA fragment is played – all data has been gathered, everything is ready. Now it’s time to say: Let’s see!
Here comes BLAST into play – the great search engine for genes. It compares the genetic wildcard with millions of other sequences in worldwide databases. And if a relative exists somewhere, BLAST finds it. Whether it’s a close cousin or a distant ancestor, similarities in the code reveal whether you’re holding an old acquaintance in your hands… or perhaps an entirely new virus.
BLAST zeigt: BLAST shows:
🔹 The percentage of sequence similarity
🔹 Statistical values indicating how reliable the match is
🔹 Possible relationships, even when the similarity is only distantFor those who really want to know:
How to Use BLAST for Finding and Aligning DNA or Protein Sequences🦠📌 For known viruses: BLAST confirms the results of the alignment. Does the strain belong to an already described variant? Are there new mutations? For example, with the influenza virus, BLAST might show that a new strain matches 98% with the H3N2 strain from the last flu season.
🦠❓ For unknown viruses: BLAST determines whether the new sequence can be assigned to a known virus family – or if it represents a completely new member. If no matches or only very distant hits are found, further analyses are required.
4️⃣ Database Entry: Ready for the registry?
Now it’s official. The collected sequence data are ready – but not every new virus variant immediately makes it into the big scientific archive. First, it’s checked: Ready for the registry?
🦠📌 For known viruses: After the homology search, the process moves to detailed analysis: Does the strain have anything interesting to offer? Variant detection takes a close look – like a geneticist with a magnifying glass. Are there mutations that help the virus evade the immune system (keyword: immune escape)? If yes – then it goes into the registry! The new strain is entered into a public database and is then available to researchers worldwide.
🦠❓ For unknown viruses: When BLAST responds with „No match found!”, things get exciting. Now, advanced bioinformatics tools come into play – such as functional annotation, which asks: What might this virus be capable of? If the analysis reveals that we’re dealing with something truly new, the discovery is entered into one of the major international databases – including its name, genetic fingerprint, and possible origin.
The most important databases for viral genomes:
🌐 GenBank – The all-rounder:
a vast library of genetic sequences from all forms of life, including viruses.🌐 Influenza Research Database (IRD) –
A specialized archive for influenza viruses, complete with practical analysis tools.🌐 GISAID – The Formula 1 among databases:
ultra-fast, especially for influenza viruses and SARS-CoV-2.🌐 VIRALzone – A kind of Wikipedia for virus families:
with information on genome structure, morphology, and replication.What enters these databases becomes part of a global scientific memory.
5️⃣ Functional Annotation: The puzzle comes to life
The genome has been sequenced – but now we want to know: „Which genes do what?”
Functional annotation attempts to read the virus’s „blueprint” and determine which parts are responsible for what. Why is this virus more infectious than others? How does it manage to evade the immune system? And could it be resistant to medications?
To do this, the genome is scanned for known patterns. Are there regions that resemble genes already identified in other viruses? Do certain sequences match enzymes that help the virus enter cells? Or regions that form the virus’s surface – the very spots the immune system recognizes first?
Spatial structures also play a crucial role. Modern AI models like AlphaFold can predict a 3D model of the resulting protein based on the gene sequence. This allows researchers to determine whether a mutation changes just a small detail – or if it alters the entire behavior of the virus.
This is especially important when it comes to:
- Infectivity: A mutation in a surface protein might make the virus „stickier” – helping it bind more effectively to host cells.
- Immune evasion: Small changes at key „recognition sites” can be enough for antibodies to miss the virus entirely.
- Drug resistance: Some mutations can deactivate a drug’s target structure – rendering the medication ineffective.
Functional annotation is like the instruction manual for a virus – just without friendly warnings.
💡 Summary: Virus Cracking for Beginners
Sequencing: Spell out the virus ABC.
Quality Control: Clean up the data junk.
Alignment & Assembly: Puzzle the snippets together – with or without a template.
BLAST: Google for genetic relatives.
Database: Share your discovery with the world – if it’s any good.
Annotation: Read between the genes – what can this virus really do?Classification of Viruses Based on Their Genetic Material
Viruses can be classified in various ways – for example, by their shape, their hosts, their mode of transmission, or their genetic material.
One of the best-known and most frequently used genome classifications is the Baltimore classification, introduced in 1971 by David Baltimore. This system categorizes viruses based on a combination of the following characteristics:
- Type of genetic material (DNA or RNA),
- Strandedness (single-stranded or double-stranded),
- Polarity of RNA (positive or negative), and
- Replication mechanism (how mRNA is produced).
The goal of all viruses is to produce mRNA, because only with mRNA can they make the proteins they are composed of and replicate. The Baltimore classification includes seven groups that demonstrate the different ways viruses achieve this goal – ranging from direct use of their RNA to complex detours via DNA. Here is an overview:
Group I: Double-stranded DNA viruses (dsDNA)
mRNA is produced by direct transcription of the DNA using an RNA polymerase, which can be either cellular or viral.
(Examples: Adenoviruses, Herpesviruses, and Poxviruses)Group II: Single-stranded DNA viruses (ssDNA)
The single-stranded DNA is first converted into double-stranded DNA. Then, transcription takes place to produce mRNA.
(Examples: Parvoviruses)Group III: Double-stranded RNA viruses (dsRNA)
mRNA is produced by transcription of the RNA strands using a viral RNA-dependent RNA polymerase.
(Examples: Reoviruses)Group IV: (+) Single-stranded RNA viruses [(+)ssRNA]
The viral RNA serves directly as mRNA because it has the same orientation as mRNA (5′ → 3′).
(Examples: Coronaviruses, Polioviruses)Group V: (–) Single-stranded RNA viruses [(–)ssRNA]
The RNA is oriented in the opposite direction (3′ → 5′) and must be transcribed by a viral RNA-dependent RNA polymerase into (+)RNA, which then serves as mRNA.
(Examples: Influenza viruses, Rabies virus)Group VI: Retroviruses [(+)ssRNA with a DNA intermediate]
Reverse transcriptase (RT) converts RNA into DNA, which is integrated into the host genome. The mRNA is then produced from the integrated DNA by cellular mechanisms.
(Examples: HIV)Retroviruses like HIV use a unique replication mechanism: The viral RNA is transcribed into a complementary DNA strand (cDNA) by reverse transcriptase (RT). The original RNA is then degraded, and a second DNA strand is synthesized. The resulting double-stranded DNA (dsDNA) is integrated into the host genome. This process makes retroviruses particularly persistent, as they can remain in a latent phase and be reactivated at any time.
Group VII: Double-stranded DNA viruses with an RNA intermediate (dsDNA-RT)
The viral DNA is repaired in the nucleus and serves as a template for the synthesis of mRNA and pregenomic RNA. The pregenomic RNA is then reverse transcribed back into DNA by reverse transcriptase.
(Examples: Hepatitis B virus)The Hepatitis B virus has an incomplete double-stranded DNA genome. In the nucleus of the host cell, this DNA is repaired before mRNA and pregenomic RNA are transcribed. The pregenomic RNA serves as a template for the formation of new virus particles.

Fig. 19: The graphic shows the seven classes of the Baltimore classification. Viruses are categorized based on their genome structure and their strategy for mRNA synthesis. Double-stranded (ds) and single-stranded (ss) genomes are distinguished, the polarity of RNA is indicated by „+” (positive) and „–” (negative) strands, and the reverse transcription mechanism is highlighted by „RT.” At the end of the process is the mRNA, which all viruses require to produce their proteins.

5. Do Viruses Really Exist?
In a world where everything can be questioned – how does one prove that something exists?
Some say viruses are merely artifacts, lab constructs, or cellular debris without their own identity. But there are characteristics that cannot be dismissed:
Viruses have something that only they have.
Many viruses possess conserved genome regions that encode distinctly viral functions:
- Capsid proteins, which package their genetic material,
- RNA-dependent polymerases, which replicate their genome,
- Integrases, which insert viral genes into the host genome (e.g., in retroviruses like HIV),
- Proteases, which cleave viral proteins to activate them.
The Capsid – the Virus’s Signature Feature
What makes a virus a virus? Not just its parasitic lifestyle – but above all, its structure.
Almost all viruses have a capsid – a proteinaceous shell that protects their genetic material and also helps them enter host cells. Whether icosahedral or helical, the capsid is functionally and evolutionarily THE central feature of the virus.
It protects, it transports, it organizes – and it is uniquely virus-specific.

Fig. 20: The Capsid – Protective Shell and Shape-Former of the Virus The capsid is the outer protein shell of a virus that protects its genetic material and determines its external shape. It is made up of many identical building blocks (capsomers) that assemble into symmetrical structures. The most common capsid shapes are icosahedral (20-faced) and helical (spiral-shaped).
Additional components, such as a lipid envelope – derived from the host cell – can alter the external shape. As a result, many enveloped viruses appear „spherical”, even though the underlying capsid is usually icosahedral. In some cases, such as with bacteriophages, the structure deviates significantly: this is referred to as a complex morphology, often featuring an icosahedral head and a helical tail. These morphological differences form the basis for the structural classification of viruses.
Viral hallmark genes – signatures beyond the cellular world
The genes that code for capsid proteins are among the so-called hallmark genes. They are:
- highly conserved within the viral world,
- functionally essential for the viral life cycle,
- and not found in cellular organisms.
Many of these proteins share a very distinctive shape: the jelly-roll fold. This three-dimensional structure resembles a rolled sponge cake and gives the capsid protein remarkable stability. It is found in a wide range of viruses – from those that infect humans to viruses that exist only in ancient deep-sea microbes. Its striking architecture is so characteristic that researchers can identify even novel viruses based solely on this genetic signature.
Anyone who has seen it once will recognise it – like a symbol woven through the depths of evolution – an evolutionary signature, legible to anyone willing to look closely.
As shown, for example, by the work of Koonin et al: Despite all their diversity, viruses have a common, ancient genetic core – as if they were carrying the coat of arms of their ancestors.
Conclusion: Virus-specific genome segments are a unique defining feature!
Viruses defy simple definitions. They are neither classic living organisms nor mere clusters of molecules. But they carry a set of characteristics that makes them distinguishable – in their form, in their function, and in their history.
If something has been leaving its own genetic trace for billions of years – then it is real. Even if it doesn’t lead an independent life. Even if we cannot see it.

Questions & Answers
🟡 „Are viruses just exosomes with a PR department?”
No. Exosomes are biological packaging waste. Viruses come with their own blueprint – and a transport container with perfect geometry.
Anyone who confuses exosomes with viruses is also confusing Tupperware with spaceships.
🔬 „But we’ve never really seen them!”
Yes, we have. Electron microscopes provide images, and cryo-tomography even produces 3D videos at nanometer resolution.
Invisible? Only when the power’s off.
🧬 „Isn’t the RNA just random cellular debris?”
No. Viral RNA/DNA is unique, functional, and precisely organized – and reproducible across the globe.
Random? Then a clockwork would just be some metal – with team spirit and a good mood.
📦 „That capsid – couldn’t it just form on its own?”
Hardly. These nanoboxes with perfect symmetry are found only in viruses.
A soccer ball doesn’t just randomly form in the grass, either.
🌍 „Maybe it’s all just a measurement artifact?”
Then it’s an astonishingly global one. All laboratories detect the same sequences, structures, and properties.
Viruses don’t recognize lab boundaries – only reproducibility.
In the end, one truth remains:
Viruses are not fiction, not artifacts, not products of chance.
They are biology’s most precisely mapped source of unease –
real, reproducible, and everywhere.Anyone who calls them cellular junk might as well believe
a Tesla is just an especially ambitious shopping cart.
Sources and links documenting the isolation and sequencing of viruses:
National Center for Biotechnology Information (NCBI) Virus Database:
NCBI Virus DatabaseThe NCBI hosts a comprehensive database of viral genomes that have been sequenced by scientists around the world. Here, you can access thousands of viral genomes that have been isolated and sequenced.
GISAID (Global Initiative on Sharing Avian Influenza Data):
GISAIDGISAID is a platform primarily used for the sharing of sequence data on influenza and SARS-CoV-2 viruses. It provides detailed information on the sequencing and origin of these viruses.
European Nucleotide Archive (ENA):
ENA BrowserThe ENA provides access to sequence data from viruses that have been isolated in laboratories around the world. This database is maintained by the European Bioinformatics Institute (EBI) and contains extensive information on viral genomes.
PubMed – Scientific articles on virus isolation and sequencing:
Example search query: „Virus Isolation and Sequencing“PubMed is a search engine for scientific literature. You can use it to find specific studies on the isolation and sequencing of viruses.

6. Where Do Viruses Come From?
These questions push the boundaries of our knowledge. They touch not only on the origins of viruses but on the very foundations of life itself. Before we explore possible scenarios for their emergence, it’s worth stepping back to look at the bigger picture: the „Tree of Life” – as modern evolutionary research depicts it today.
6.1. The Tree of Life
All known forms of life – from bacteria to blue whales – share a common origin: LUCA, the Last Universal Common Ancestor. LUCA was not the first organism ever to exist, but the last common ancestor of all cellular life alive today – bacteria, archaea, and eukaryotes. An evolutionary crossroads, not a starting point.
What do we know about LUCA? He likely lived around 3.5 to 4 billion years ago, in a warm and still-young Earth. LUCA was cellular, already equipped with DNA, RNA, and proteins, and capable of converting energy – but still far from the complexity of modern cells. A prototype of life, from which everything else branched out.

Fig. 21: Tree of Life – showing the major evolutionary lineages of cellular DNA-based organisms. LUCA (Last Universal Common Ancestor) branches into the domains of Bacteria (e.g., Terrabacteria, Proteobacteria) and Archaea (e.g., Euryarchaeota, Asgard). Through the endosymbiotic fusion of a proteobacterium with an Asgard archaeon, FECA (First Eukaryotic Common Ancestor) emerges, which evolves into LECA (Last Eukaryotic Common Ancestor), the origin point for eukaryotes (animals, plants, fungi). A second endosymbiosis involving cyanobacteria gives rise to chloroplasts in plants. On the right, a timeline illustrates the emergence of life: from the formation of Earth (~4.5 billion years ago), through the Great Oxygenation Event (~2.4 billion years ago), to the Cambrian Explosion (~540 million years ago).
But while the Tree of Life grew full of branches, twigs, and leaves, one question remains unanswered: Where do viruses fit into this picture – or do they even belong on the tree at all?
Unlike bacteria or eukaryotes, viruses have no cellular structure, no metabolism of their own, and leave behind no fossils. Some scientists see them as „lost branches” of the Tree of Life, while others consider them ancient precursors – perhaps even predating LUCA itself.
To answer this question, we need to go back to the beginning – or rather, to the possible beginnings.
So where do viruses stand in this tree of life?
Are they late arrivals, evolved from derailed genes of cellular organisms? Or do they belong to the primordial forms of life – perhaps even older than LUCA itself?
Science has (as yet) no definitive answer. But several hypotheses aim to trace the origins of viruses.
6.2. The Main Hypotheses on the Origin of Viruses
💡Note: The following origin hypotheses assume a basic understanding of the so-called RNA world – an early phase in Earth’s history when life still consisted of simple, self-replicating RNA molecules. To immerse yourself in this unfamiliar era and better contextualize the hypotheses, we recommend the article „The First Whisper of Life”. It poetically tells the story of the beginnings of biological order – long before cells, proteins, and DNA.
6.2.1. Hypotheses in a Cellular World
These hypotheses assume the existence of cells from which viruses emerge.
6.2.1.a) Progressive Hypothesis – Viruses as Escaped Genes
6.2.1.b) Regressive Hypothesis – Viruses as Reduced Cellular Organisms
6.2.2. Hypotheses in the Pre-Cellular RNA World
These hypotheses place the origin of virus-like structures in a time before or during the formation of the first cells, in the RNA world, where self-replicating molecules dominated.
6.2.2.a) Virus-First Hypothesis – Viruses Came First
6.2.2.b) Co-Evolution Hypothesis – Viruses and Cells Emerged Together
6.2.1. Hypotheses in a Cellular World
The so-called Cell-First Hypothesis assumes that cellular life forms – such as LUCA – already existed before viruses emerged. Within this approach, two main scenarios can be distinguished:
a) The Progressive Hypothesis: According to this, viruses originate from genetic material that „escaped” from cells – essentially runaway genes that became independent and embarked on their own evolutionary path.
b) The Regressive Hypothesis: According to this idea, viruses were originally complete cells that have gradually reduced themselves over the course of evolution – until only the essential functions necessary for parasitic life remained. A kind of evolutionary reduction.
Both variants share a common idea: viruses are not an independent origin of life, but rather an evolutionary byproduct of cellular organisms – arising through loss or separation.

a) Progressive Hypothesis – Viruses as Escaped Genes
The Progressive Hypothesis – also known as the Escape Hypothesis – suggests that viruses originated from genetic material that was once part of cellular organisms. These „escaped genes” evolved over time into independent, infectious entities – detached from their original cellular context.
How could this have happened?
In living cells, there are small, mobile pieces of DNA or RNA that can move freely within the genome – so-called „jumping genes”. These elements, which include plasmids (circular DNA molecules) and transposons (DNA segments that can change their position within the genome), have the ability to replicate independently and even transfer between organisms.
The hypothesis states that some of these genetic elements evolved to the point where they eventually became capable of replicating independently. They escaped cellular control, developed protective mechanisms such as a capsid – a protein coat that shields their genetic material – and thus became the first viruses.

Fig. 22-A: The graphic illustrates the Progressive, or Escape Hypothesis: according to which viruses originated from originally cellular genes that gradually became independent.
Protocell: An early, simple cell form with genetic material: large DNA ring, ribosomes and smaller DNA rings.
Separation of genetic material: Mobile genetic elements – such as plasmids or so-called transposons („jumping genes”) – detach from the cell. These may have taken the first steps toward independence.
Vesicle formation: The separated genetic material is enclosed in small membrane-bound sacs (vesicles), providing protection and mobility.
Formation of a virus: Over the course of evolution, these developed into functional viruses – with a protective protein coat (capsid, orange). Exactly how this coat evolved remains unclear („capsid mystery?”).✅ Arguments in Favor of This Hypothesis
➤ Similarity to Mobile Genetic Elements: Some viral genes closely resemble the „jumping genes” found within cells. Retroviruses in particular – such as HIV – use a mechanism similar to that of transposons: they reverse-transcribe their RNA into DNA and integrate it into the host’s genome.
➤ Viruses Exchange Genes with Their Hosts: Researchers have discovered genes in viral genomes that clearly originate from cellular organisms. This suggests that viruses may have once emerged from cells and, over time, acquired and evolved genetic material.
➤ Explanation for the Diversity of Viruses: Since different „jumping genes” may have escaped from different types of cells, this hypothesis helps explain why there are so many different viruses with varying characteristics.
❌ Weaknesses of the Hypothesis
➤ Capsid Proteins Are Extremely Ancient: Some key proteins involved in forming the viral shell (capsid) show no direct relation to cellular proteins. It remains unclear how escaped genes could have developed such complex structures. The evolution of these core proteins dates so far back that they may have existed even before the emergence of the first cellular life forms. A study by Krupovic & Koonin (2017) suggests that capsid genes may have evolved independently, before modern cells existed.
➤ Viruses Have Unique Enzymes That May Be Older Than LUCA: Some viruses contain RNA polymerases that differ significantly from those found in cells. These enzymes are so distinct that they may originate from a time before modern cellular mechanisms existed. Some researchers therefore speculate that viruses could be direct remnants of the RNA world – a phase of early evolution when life was still based on RNA rather than DNA.
➤ Viruses Exist in All Three Domains of Life: Viruses are found everywhere – they infect bacteria, archaea, and eukaryotes. If they had only emerged after the first cells evolved, one would expect them to be more confined to specific cellular lineages. Their universal presence suggests that they may have already existed before the split between bacteria, archaea, and eukaryotes.
➤ Viruses Do Not Share a Common Ancestry with Cellular Life: While bacteria, archaea, and eukaryotes can all be traced back to LUCA, there is no known common lineage for viruses. This suggests that viruses are not merely an offshoot of the cellular tree of life, but rather represent a very ancient, parallel line of evolution.
⬇️ Conclusion
The Cell-First Hypothesis views viruses as rebels of cellular life – originally harmless genetic passengers that broke away and followed their own evolutionary path. However, it assumes that complex cells already existed before viruses emerged.
b) Regressive Hypothesis – Viruses as Reduced Cellular Organisms
The Regressive or Reduction Hypothesis does not view viruses as fragments of escaped genes, but rather as former cells that gradually became more and more reduced over the course of evolution – until they lost their independence and turned into „gene packages” that rely on other cells to survive.
How could this have happened?
An early, complex, cellular organism (e.g., a parasite) developed an increasingly close dependence on its host. Over time, it lost unnecessary genes – for metabolism, cell division, and membrane formation – until it could no longer live independently. In the end, only a tiny remnant remained: the genes needed for replication (DNA/RNA), packaged in a protective shell (capsid) – a virus.

Fig. 22-B: The graphic illustrates the Regressive Hypothesis – or Reduction Hypothesis – according to which parasites became viruses through an extreme process of reduction. From a Traveling Cell Parasite to an Ultralight Virus
A free-living parasite (e.g., a small bacterium) infects another cell – just like some bacteria today parasitize other cells (e.g., Rickettsia or Chlamydia). Why? Probably because the protocell offered a safe environment. Perhaps the host had access to resources that the parasite couldn’t easily obtain – such as energy, enzymes, or nucleotides – a kind of molecular all-inclusive resort.It is even possible that everything began symbiotically – similar to the mitochondria. It was only later that this relationship was exploited unilaterally – it became parasitic.
The parasite initially lived independently. It could leave the host cell or reproduce within it. But gradually, it needed fewer and fewer of its own genes – the host ultimately provided everything it required. So, the parasite gradually shed its genetic „baggage”, step by step.
Over time, through mutations or selection, it lost many of its original genes:
➤ It no longer produced its own proteins.
➤ It lost the ability to generate energy.
➤ Eventually, even the genes for cell division.
In the end, only its genome remained – packaged in a clever „case”: the capsid.This is exactly where the virus comes into being: no longer an independent living organism in the classical sense, but an ultralight „traveler” that can only reproduce with the help of a host.
✅ Arguments in Favor of This Hypothesis
➤ Parallels to Intracellular Parasites: Some modern microorganisms, such as Rickettsia or Chlamydia, can only reproduce inside other cells – just like viruses. Moreover, their genomes are highly reduced. This demonstrates that cells can indeed undergo drastic „streamlining” through parasitism.
➤ Large DNA Viruses as „Transitional Forms”: Some giant viruses (e.g., Mimivirus, Pandoravirus) have incredibly large genomes – larger than some bacteria – and contain genes typically found in true cells (e.g., DNA repair enzymes). These viruses appear to act as evolutionary intermediates between real cells and typical viruses.
➤ Loss Instead of Creation: Evolution is not only about „more”, but often also about „less”. Especially in parasitic contexts, organisms frequently lose functions – just as assumed here.
❌ Weaknesses of the Hypothesis
➤ Origin Remains Unclear: Although the hypothesis explains how a cell could become a virus, it says little about when and under what conditions this might have occurred.
➤ No Common Ancestry: The diversity of viruses argues against a single „original cell” ancestor for all viruses. If all viruses descended from regressive cells, they would still have had to evolve independently multiple times. Some researchers therefore believe that regressive evolution is just one of several origins.
➤ Applies Mainly to Large DNA Viruses: This hypothesis fits well with large DNA viruses but less so with very simple RNA viruses, which lack any cell-like structures or genes.
➤ Capsid Proteins Show No Direct Similarity: Cells – even highly reduced parasitic ones – do not have capsids. The capsid is a virus-specific structure. If a virus evolved through reduction from a cell, the question arises: how could a structure like the capsid develop, which does not exist in cells at all? It appears to have arisen anew – which is difficult to reconcile with a theory based solely on „loss” and „reduction”.
➤ Energy Gap: Even degenerated parasites (e.g., Mycoplasma) retain metabolic genes – viruses have none.
⬇️ Conclusion
The Regressive Hypothesis views viruses not as „escaped gene fragments”, but as miniature versions of former cells. This idea is especially plausible for large DNA viruses: they may once have been fully functional cellular parasites that lost their independence through adaptation. In a way, they represent the biological opposite of evolution toward complexity – a regression to the core of survival: replication. However, the hypothesis falls short when explaining the diversity of simpler viruses.

6.2.2. Hypotheses in the Pre-Cellular RNA World
In the primordial soup of early Earth, something like life first began to stir – delicate, fleeting, yet profoundly significant. Molecules emerged that not only existed but acted: cutting, joining, and copying themselves. Inside tiny lipid bubbles that formed and disappeared, a network of cooperating and competing ribozymes grew (more on this in „The First Whisper of Life”).
It was not life in the modern sense. It was a game of possibilities. From this network, two evolutionary lines emerged:
① The stable, structure-loving replicators that became the first cells.
② And the free, reduced replicators that could be considered proto-viruses – mobile, adaptable, parasitic.Early parasitism was less infection and more interaction – a dance between mutual benefit and exploitation rather than a true host invasion. Two hypotheses describe this origin:
a) Virus-First Hypothesis – Viruses Came First
b) Co-Evolution Hypothesis – Viruses and Cells Emerged Together
a) Virus-First Hypothesis – Viruses Came First
Which came first – the host or the virus?
The Virus-First Hypothesis gives a surprising answer: „Neither!” It postulates that virus-like replicators already existed in the RNA world – long before cells, DNA, or LUCA – as precursors of life.
The RNA World as an Incubator for Proto-Viruses
In this era, ribozymes (RNA molecules with enzymatic functions) were the first „survival artists”. Some became molecular parasites:
- They used other RNA strands as templates for copying („parasitism light”).
- They enclosed themselves in lipid vesicles or peptide rings (not yet true capsids).
- They replicated without cells – e.g., on clay minerals that acted as catalysts.
The leap to the modern virus: It was only with the emergence of cells that these replicators became efficient parasites – now able to hijack cellular machinery.

Fig. 22-C: From the First Whisper to the First Attack – The Emergence of Viral Strategies This graphic illustrates a possible evolutionary transition from prebiotic chemistry to the emergence of the first virus-like structures:
RNA World (left): Simple RNA molecules exist, some protected within lipid vesicles, with the ability to self-replicate.
Proto-Viruses (center): In this phase, the first parasitic RNA molecules (red) emerge. They can no longer replicate on their own but exploit other RNA strands (blue) instead. Encased in lipids and early peptides (short chains of amino acids), a primitive form of molecular parasitism begins. The red structures symbolize parasitic interactions between RNA molecules.
Cellular World (right): With the emergence of the first proto-cells, these strategies shift: RNA parasites (proto-viruses) leave their peptide vesicles and begin to infect cellular organisms – a primordial precursor of modern viruses.✅ Arguments in Favor of This Hypothesis
➤ Unique viral enzymes: RNA polymerases found in viruses (such as in the influenza virus) show no resemblance to cellular proteins. This suggests a very ancient origin – possibly dating back to the RNA world, before the domains of life diverged.
➤ Unique capsid proteins: The protective shells viruses use to encase their genomes have no direct counterparts in cellular organisms – suggesting an early, independent evolutionary origin.
➤ Global distribution: Viruses infect all three domains of life – Bacteria, Archaea, and Eukarya. This suggests they originated before these domains diverged.
➤ Enormous diversity: The wide variety of viral genomes – RNA or DNA, single- or double-stranded – points to a long evolutionary history, possibly reaching back to the RNA world.
➤ Parallels to the RNA world: Many modern viruses carry RNA genomes. This aligns with the assumption that RNA was the original genetic material – and that viruses could be living relics of that time.
❌ Weaknesses of the Hypothesis
➤ Host dependency: Modern viruses rely on cellular machinery (e.g., ribosomes). How could they have replicated in the primordial soup without cells? Perhaps they used loose networks of self-replicating RNA molecules as „hosts”?
➤ Origin of capsids: The evolution of complex capsid structures remains unclear. Genuine capsid proteins require ribosomes – which did not yet exist. Proto-envelopes made of self-organizing peptides (e.g., short amino acid chains) or lipids might have stabilized RNA. The first capsid precursors could have developed in response to external stress or to better protect RNA – not as a parasitic mechanism, but as a survival advantage. However, the details remain speculative.
➤ No direct evidence: Viruses leave no fossils. Molecular traces from the RNA world have also not yet been detected – posing a general challenge in researching early life forms.
⬇️ Conclusion
The virus-first hypothesis is one of the most fascinating – and controversial – theories about the origin of life. It suggests that viruses were not latecomers but pioneers of evolution: molecular messengers that spread genetic information long before cells existed. They may even have been a catalyst for the emergence of more complex life. What began as molecular scramble eventually became the blueprint for modern viruses.
b) Co-Evolution Hypothesis – Viruses and Cells Emerged Together
Not cells first. Not viruses first.
But both together – in the dance of early evolution.The co-evolution hypothesis assumes that viruses and cellular precursors developed in parallel – emerging from the same molecular primordial soup of the RNA world. It wasn’t an „either-or” scenario, but a dynamic interplay: replicators that challenged, exploited, and stabilized each other – thus laying the foundation for life.
The primordial soup as a testing ground
In early lipid vesicles – small, imperfect bubbles made of fats – RNA strands gathered. Some of these molecules replicated themselves, others helped with copying, and still others cut or joined sequences. Cooperation and competition began simultaneously.
Some replicators evolved into increasingly complex systems, from which the first proto-cells emerged. Others remained reduced, preferring to exploit existing structures rather than building their own – a kind of minimalist lifestyle reminiscent of early viruses.
An interplay emerges
In this scenario, parasitism wasn’t a later development but an original feature of molecular evolution.
- Viral precursors could influence proto-cells, for example through gene exchange or interference.
- Proto-cells, in turn, could stabilize or integrate virus-like replicators – for instance, as mobile genes or regulatory elements.
Thus, viruses and cells may have emerged from the same networks where everything was still fluid: independence, dependence, replication, competition.
No origin – but a relationship
The co-evolution hypothesis is less about explaining the „first virus” and more about viewing a relationship as old as life itself. According to this view, viruses were not subsequent troublemakers, but part of the system from the very beginning – co-players in the story of life.

Fig. 22-D: Co-evolution of viruses and cells from a common origin. The graphic illustrates the core idea of the co-evolution hypothesis: Viruses and cellular life forms originated from a shared molecular prehistory – the RNA world. Within lipid vesicles, networks of ribozymes coexisted and competed, giving rise to two distinct replicator strategies: some evolved into the precursors of stable proto-cells, while others reduced themselves to essentials and exploited external replication mechanisms – the early proto-viruses.
Even before the emergence of true cells, a kind of „molecular parasitism” began to take shape – not in the classical sense, but as an undirected exploitation of replication processes. With the appearance of cellular life forms, these interactions intensified: early viruses were now able to transfer genetic material between cells (horizontal gene transfer) or enter into complex – sometimes even cooperative – relationships with them. The rise of LUCA was therefore not the end of this co-evolution, but its first major climax.
✅ Arguments in Favor of This Hypothesis
➤ Avoiding the chicken-and-egg problem: This hypothesis elegantly sidesteps the question of whether viruses or cells came first: both developed in parallel from the same molecular precursors.
➤ Adaptation to the dynamics of the RNA world: The RNA world was not a linear process, but a network of cooperation and competition. This hypothesis reflects that diversity more accurately than a model with a single, clear origin path.
➤ Explanation of viral diversity: Different virus groups (RNA, DNA, retroviral elements) could have evolved independently, but within the same molecular environment – which plausibly accounts for their tremendous diversity.
➤ Evolutionary interaction: Co-evolution explains why cell-like and virus-like systems interacted with each other from an early stage (e.g., through horizontal gene transfer, RNA competition, and mutual adaptation).
➤ Viruses as drivers of cellular complexity: Viruses might not have been just „parasites” but also catalysts of cellular evolution, for example through gene transfer, regulation, and the development of immune and defense mechanisms.
❌ Weaknesses of the Hypothesis
➤ Conceptual vagueness: At what point is a replicator considered a „virus” and when a „cell”? The transitions are fluid, which makes the hypothesis insightful but also difficult to clearly define or test.
➤ Lack of fossils: As with the virus-first hypothesis, there are no direct traces of early viral replicators. Molecular fossils from the RNA world simply do not exist.
➤ Complexity problem: Even in this hypothesis, it remains unclear where certain virus-specific proteins – such as capsid or polymerase proteins – originally came from. The formation of genuine capsids, efficient replication, and host exploitation requires complex proteins whose origins are still unknown – especially considering that ribosomes did not yet exist.
➤ Experimentally difficult to verify: The hypothesis is theoretically well-founded but hardly directly testable. Simulations and conclusions often remain speculative.
⬇️ Conclusion
The co-evolution hypothesis offers a flexible, systemic perspective on the early history of life – without committing to a linear cause-and-effect chain. It fits well with the chaotic and cooperative conditions of the RNA world. According to this model, viruses are not simply „descendants of cells” or „primordial ancestors”, but rather evolutionary contemporaries – equally ancient, equally significant, yet traveling a very different path.

Viruses are the hieroglyphs of biology
…we decipher them, but their origin remains a mystery.
Like flickering shadows on a cave wall:
- sometimes renegade parts of cells,
- sometimes runaway genes,
- sometimes the ancestors of life itself.
Maybe the question of their origin isn’t about the single source, but many evolutionary pathways – paths that intersect, overlap, and feedback into each other. The classic hypotheses (Virus-first, Co-Evolution, Progressive, Regressive) don’t have to contradict one another – they might have played out at different points in history.
And perhaps the question of origin isn’t the essential one at all. Viruses compel us to grasp something deeper:
Life is not a state, but a process – and viruses are its restless pulse.
They remind us that evolution is not a straight-lined tree, but a swirling river of cooperation, theft, and reinvention. Where did they come from? We don’t know. That they will remain? Certainly.
Perhaps that’s exactly why they fascinate us – because they show that life never stands still.
Further sources
The origins of viruses: evolutionary dynamics of the escape hypothesis
Viruses take center stage in cellular evolution
The origin of viruses and their possible roles in major evolutionary transitions
A virocentric perspective on the evolution of life
How did Viruses Evolve and How are They Related to Cellular Life?
Viruses and cells intertwined since the dawn of evolution
The origin of viruses and their possible roles in major evolutionary transitions
The ancient Virus World and evolution of cells
Virus-First Hypothesis • Viruses older than life?
What viruses tell us about evolution and immunity: beyond Darwin?
Were viruses around on Earth before living cells emerged? A microbiologist explains

7. Why Do Viruses Exist?
The short answer: Because there always has to be something that disrupts.
Sounds funny – but it’s a law of nature:
Nothing stays alive if it’s never challenged.You can say many things about viruses.
That they aren’t alive.
That they only disrupt and destroy.
That they’re mere molecular parasites – dependent on the life they infect.
And yet: Without them, much would not be as it is.
Perhaps we wouldn’t even exist.Life needs repetition. And deviation.
The story of life didn’t begin with a goal.
It began with repetition.
Again and again, molecules joined, broke apart, and rejoined.
Not because they had to – but because they could.What repeats eventually becomes probable.
What works, stays.
What stays, must change.
And change needs deviation.
Mutation. Error. Disruption.
Without them, there would be no diversity, no evolution – no story.Order is inertia. Life is movement.
When the first stable systems emerged, it was a triumph –
but also a risk.
Because what is stable tends toward rigidity.
What functions too perfectly dares nothing new.But life needs movement.
This is where viruses begin to play their role –
not as enemies of life, but as a counterforce.
They challenge.
They disrupt.
They push cells into defense – and into innovation.The duality: Order vs. Chaos
Cells build walls, viruses leap over them.
Their relationship is a paradoxical symbiosis:
They kill – and make life possible,
keep ecosystems running,
and even gave us placenta genes.Viruses are not mistakes – they are a principle.
They are boundary violators, not out of malice, but out of principle.
They keep life permeable. Open. Vigilant.
They transfer genes, open up new paths, shake up systems.Not always for the better.
But always with impact.Maybe viruses are exactly what life needs to stay alive.
Not as an opposing model – but as a co-player, as the shadow cast by life itself.
The Tree of Life – permeated by viruses
When we look today at the Tree of Life, at its branches, twigs, and forks – we see the cells, the species, the visible trace of evolution.
And the viruses?
Missing.
Not because they are unimportant – but because they cannot be pinned down.They are neither branch nor leaf, but the wind that moves them.
They are the whisper between the branches.
No distinct lineage, no part of the wood – and yet everywhere.A stream of information that not only surrounds the tree but also shapes it.
They are the points between the lines, creating connections.
Waves of disruption that force growth.
Deviations that do not destroy the pattern but expand it.They are the dark matter of biology: invisible, yet permeating everything.

Fig. 23: The tree of life surrounded by viruses. The „Tree of Life” illustrates the lineage of cellular organisms – Bacteria, Archaea, and Eukaryotes – tracing back to their last universal common ancestor (LUCA). The tiny dots and lines represent viruses: not as distinct branches, but as a diffuse network permeating the entire tree.
In this view, viruses are not outsiders but creative variants of molecular evolution. They are not entities with a clear lineage, but recurring phenomena in a universe that plays with variation and repetition.
And that is why they exist.
Not because they want to. Not because they have to.
But because they keep emerging – wherever nature varies.
Where life organizes itself – and from that order dares something new.They exist because they are unavoidable.
Like an echo of the principle underlying everything:
Disruption is not the opposite of life.
Disruption is its possibility.Viruses exist because disruption is not an accident –
but the universe’s tool to keep life awake and alive.Remember this the next time a virus annoys you:
Maybe it’s just the universe giving you a cosmic slap –
and mumbling:
„Come on, wake up! Here’s your daily dose of chaos – so you can keep evolving.”
Epilogue: The Inconspicuous Ones
Viruses are the sand in the gears of creation.
Without will, without body –
and yet the invisible hand
that writes evolution.The whisper between the lines of life –
not out of intent, but out of necessity.They emerged from the mist of beginnings
and lingered in the shadows –
not as foreign bodies, but as an opponent,
as a touchstone and as an impulse.They teach us humility:
For what destroys,
can also create.Maybe that’s their message:
That life doesn’t grow against chaos,
but dances with it.
Addendum:
I approached this topic as a complete layperson. And that turned out to be an advantage – because I knew what I didn’t know.
With curiosity, skepticism, and a sense of wonder, I delved into the world of viruses – and was astonished by the unexpected dimensions that unfolded. This subject carries a weight of insight I never would have anticipated.
During my process of searching, questioning, and formulating, I had tremendous support from AI systems like ChatGPT and DeepSeek. The dialogue with these tools not only accelerated my learning but also deepened it. Without their assistance, I would have missed many things – and certainly wouldn’t have been able to articulate them so clearly.
What has emerged here is the result of human curiosity and machine patience. And it shows that learning today can be more than ever a collaborative process – one that crosses boundaries, even those between human and machine.
Sources (as of 07.07.2025)
Baltimore classification, bioinformatic analysis, capsid, cell culture, co-evolution hypothesis, cryo-electron microscopy, cryo-electron tomography, crystallization, DNA, Electron microscopy, Evolution, host cell, Illumina sequencing, infection, influenza, influenza virus, Koch’s postulates, microbiology, mRNA, mutant cloud, Mutation, Oxford Nanopore technology, Pandemic, PCR, Polymerase, progressive hypothesis, regressive hypothesis, RNA, Sanger sequencing, sequencing, Virion, virology, Virus, virus-first hypothesis, viruses -
Die geheime Welt der Viren


Sie sind winzig, unsichtbar und überall: Viren. Seit Urzeiten schleichen sie durch die Biosphäre, manipulieren Gene, lenken globale Kreisläufe und spielen Roulette mit unserem Immunsystem. Dabei sind sie weder wirklich lebendig noch ganz tot – sie existieren im Dazwischen: als heimliche Regisseure des Lebens. Mal unsichtbare Wächter, mal heimtückische Eindringlinge. Und meist: vollkommen unbemerkt.
Wir nehmen sie oft erst wahr, wenn sie uns flachlegen – mit Husten, Fieber oder ganzen Pandemien. Dann werden sie plötzlich zu Feinden, zu Angstmachern, zu Schlagzeilen. Doch hinter diesen mikroskopischen Strukturen steckt weit mehr als nur Krankheit: eine faszinierende, hochorganisierte Miniwelt, die Biologie auf Speed betreibt.
Diese Abhandlung lädt dazu ein, Viren aus einem anderen Blickwinkel zu sehen: nicht nur als Erreger, sondern als Akteure im Gefüge des Lebens. Was macht sie so erfolgreich? Wie vermehren sie sich mit nichts als ein paar Genen? Wie beeinflussen sie Ökosysteme? Und vor allem: Gibt es Viren wirklich?
Mit wissenschaftlichem Fundament, verständlicher Sprache und einer Prise Augenzwinkern werfen wir einen Blick hinter die Kulissen der unsichtbaren Mikro-Welt – und auf die Methoden, mit denen die Forschung Viren sichtbar macht.
Vorhang auf für das Unsichtbare…
📑Inhaltsverzeichnis
1. Ein Blick in die Welt des Unsichtbaren
1.1. Wächter der Natur: Viren als Gleichgewichtsregulatoren
1.2. Viren als Motor der Evolution
1.3. Gibt es Viren wirklich?
2. Viren und ihre Mechanismen: Einblick am Beispiel des Influenzavirus
2.1. Wie das Influenzavirus auf Reisen geht
2.2. Die Architektur des Influenzavirus
2.3. Der Infektionsprozess des Influenzavirus
2.4. Die Anpassungsfähigkeit des Influenzavirus
2.5. Ein- und Austrittswege des Influenzavirus
2.6. In den meisten Fällen lokal begrenzte mukosale Infektion
2.7. Virenstrategie: Effiziente Vermehrung ohne rasche Zellzerstörung
2.8. Zerstörung der Wirtszelle
2.9. Selbstbegrenzung gefährlicher Viren: Warum sie selten Pandemien auslösen
2.10. Warum macht das Virus manche Menschen krank und andere nicht?
3. Ein Blick auf die Anfänge der Mikrobiologie – wie alles begann
3.1. Frühe Entdeckungen: Die ersten Blicke ins Unsichtbare
3.2. Die Geburt der modernen Mikrobiologie
3.3. Der Schritt in die Welt der Viren
3.4. Viren und die Koch’schen Postulate
4. Moderne Methoden zur Entdeckung und Analyse von Viren
4.1. Probenentnahme
4.2. Probenaufbereitung
4.3. Zellkultur
4.4. Viren sichtbar machen
4.4. a) Elektronenmikroskopie
4.4. b) Kristallisation
4.4. c) Kryo-Elektronenmikroskopie
4.4. d) Kryo-Elektronentomographie
4.4. e) Zusammenfassung
4.5. Der genetische Fingerabdruck der Viren
4.5.1. Nukleinsäure-Extraktion
4.5.2. Nukleinsäure-Amplifikation
4.5.3. Sequenzierung
4.5.3. a) First Generation: Sanger-Sequenzierung
4.5.3. b) Second Generation: Next-Generation Sequencing (NGS)
4.5.3. c) Third Generation: Echtzeit-Sequenzierung
4.5.3. d) Emerging Technologies: Zukunft der Sequenzierung
4.6. Bioinformatische Analyse
5. Gibt es Viren wirklich?
6. Woher kommen Viren?
6.1. Der Baum des Lebens
6.2. Die Haupthypothesen zur Herkunft von Viren
6.2.1. Hypothesen in einer zellulären Welt
6.2.2. Hypothesen in der prä-zellulären RNA-Welt
7. Warum gibt es Viren?
Epilog: Die Unscheinbaren
1. Ein Blick in die Welt des Unsichtbaren
Unsere sichtbare Welt ist nur die Hälfte der Geschichte – um uns herum, auf uns und in uns existiert ein unsichtbares Universum voller mikroskopischer Akteure. Unter ihnen sind Viren die rätselhaftesten Bewohner: Sie besitzen keinen eigenen Stoffwechsel, keinen Zellkern – und doch können sie das Schicksal ganzer Ökosysteme beeinflussen.
So winzig, dass selbst die besten Lichtmikroskope kapitulieren, offenbaren Viren erst unter dem Elektronenmikroskop ihre verblüffende Formenvielfalt: Da tauchen Gebilde auf, die aussehen wie außerirdische Raumsonden – kugelige Formen mit stacheligen Fortsätzen, schraubenartige Spiralen oder perfekte geometrische Körper.
Hinter diesen originellen Strukturen steckt pure Funktionalität – ganz ohne unnötigen Schnickschnack: ein Päckchen genetische Information (DNA oder RNA), sicher verpackt in eine robuste Proteinhülle. Manche Modelle gönnen sich noch eine schützende Membranhülle – dreist dem letzten Opfer entrissen.
Schlicht, aber wirkungsvoll: das Erfolgsrezept der Viren.

Abb. 1: Virusarten Zommen wir zunächst in diese Mikrowelt, um ein Gefühl für die Größenverhältnisse zu bekommen.
Die Mission eines Virus: Infizieren, vermehren, überleben
Jedes Virus hat eine klare Aufgabe: Es muss einen geeigneten Wirt finden, um sich zu vermehren und als Art zu überleben. Diese Wirte können Menschen, Tiere, Pflanzen oder Bakterien sein. Es gibt sogar Viren, die andere Viren infizieren. Sobald ein Virus eine geeignete Wirtszelle findet, schleust es sein genetisches Material in diese Zelle ein und übernimmt die molekularen Maschinerien der Zelle, um Kopien von sich selbst herzustellen. So kann sich ein Virus rasch von Zelle zu Zelle ausbreiten und dabei Milliarden von Kopien erzeugen. Auf diese Weise existieren Viren seit Milliarden von Jahren und sind allgegenwärtig.
Der Lebenszyklus eines Virus: Ruhephase vs. Angriffsmodus
Ein Virus existiert in zwei radikal unterschiedlichen Zuständen – fast wie ein Doppelagent:
— Die Extrazelluläre Phase: Das Virion —
Dasein als „Nanospore“: Ein inaktives, aber infektiöses Partikel.
Aufgabe: Überleben außerhalb von Wirtszellen – auf Türklinken, in Tröpfchen, im Boden.
Besonderheit: Kein Stoffwechsel, keine Vermehrung – nur Warten auf den richtigen Wirt.
Wie ein Samenkorn im Wind: inert, aber voller potenziellen Lebens.— Die Intrazelluläre Phase: Der aktive Virus —
Brutale Effizienz: Ein einziges Virion kann über 10.000 neue Viren erzeugen.
Mission Start: Sobald eine geeignete Wirtszelle infiziert wird.
Strategie: Kapere die Zellmaschinerie, produziere Nachkommen – bis zum Zerbrechen.Virion vs. Virus – Warum die Unterscheidung wichtig ist
In der Wissenschaft zählt jedes Detail – selbst ob ein Virus gerade „schläft“ oder die Zelle unterwandert.
- Virion: Infektiöses Partikel außerhalb von Zellen – das reisende Partikel.
- Virus: der Oberbegriff – umfasst beide Phasen, inaktiv wie aktiv.
Das Virion ist also nicht das Virus selbst, sondern seine reisefähige Verpackung. Erst wenn es in eine Zelle eindringt und dort aktiv wird, spricht man vom Virus.
Diese begriffliche Unterscheidung wurde erstmals 1983 vom Virologen Bandea vorgeschlagen. Auch wenn sie sich nicht in allen Disziplinen durchgesetzt hat, schafft sie Klarheit – und macht deutlich: Ein Virus ist mehr als nur ein „Partikel“ – es ist ein Prozess.
1.1. Wächter der Natur: Viren als Gleichgewichtsregulatoren
Das Wort „Virus“ lässt bei den meisten sofort die Alarmglocken schrillen: Influenza, Corona, HIV, Ebola – Krankheit, Gefahr, Pandemie. Doch dieses Bild ist nur ein winziger Ausschnitt der Wirklichkeit. Von den unzähligen Virenarten, die unseren Planeten bevölkern, sind gerade einmal 21 Typen für den Menschen gefährlich. Der Rest? Unsichtbare Helfer im Hintergrund – Hüter des ökologischen Gleichgewichts.
Also keine Panik: Die meisten Viren interessieren sich kein bisschen für uns. Sie befallen Mikroorganismen – Bakterien, Archaeen, Einzeller – die verborgenen Baumeister des Lebens. Und genau dort entfalten sie ihre wahre Kraft: Sie steuern die Populationen dieser Mikroben, lenken Stoffkreisläufe, beeinflussen das Klima, verteilen Gene wie Informationsboten und halten so die Balance im System.
Kaum ein Ort auf der Erde, an dem sie nicht zu finden sind. Sie surfen auf Meeresströmungen, verstecken sich in Regentropfen, reisen als blinde Passagiere auf Pollenkörnern und haften geduldig an Staubpartikeln, die zwischen Kontinenten wandern. Ihr Reich ist riesig – und bleibt dennoch verborgen im Schatten des Sichtbaren.
Zahlen, die den Verstand sprengen
Mit geschätzten 100 Millionen Arten zählen Viren zu den häufigsten biologischen Entitäten der Erde. Ihre Gesamtzahl wird auf etwa 10³¹ Partikel geschätzt – eine Eins mit 31 Nullen – das ist mehr als alle Sterne im Universum, mehr als alle Zellen aller Lebewesen zusammen. In einem einzigen Milliliter Meerwasser tummeln sich etwa 10 Millionen Viruspartikel. Die Erde: ein echter Planet der Viren – wie es der Forscher Aleksandar Janjic formulierte.
Dabei sind sie ultraleicht: Ein einzelnes Viruspartikel wiegt gerade mal ein Femtogramm (10⁻¹⁵ Gramm) – das ist ein Millionstel Milliardstel Gramm – leichter als ein Photon Sonnenlicht. Rechnet man ihre schwindelerregende Anzahl (10³¹) zusammen, erreichen sie vielleicht das Gewicht eines ausgewachsenen Blauwals. Und dennoch: Ohne sie kein Gleichgewicht, kein Kreislauf – kein Leben, wie wir es kennen.
Doch was macht sie zu einem integralen Bestandteil des Ökosystems?
In den Ozeanen – den größten Lebensräumen unseres Planeten – durchsetzen Viren täglich Milliarden von Mikroorganismen. Was nach Vernichtung klingt, ist in Wirklichkeit Teil eines fein austarierten Systems: Indem sie gezielt Mikroben befallen und zerstören, verhindern sie, dass einzelne Arten überhandnehmen. Eine unsichtbare Form von Populationskontrolle – subtil, aber wirksam wie das Raubtier in der Savanne.
Und sie tun noch mehr: Wenn ihre Wirtszellen zerplatzen, setzen sie wertvolle Nährstoffe frei – Kohlenstoff, Stickstoff, Phosphor. Diese stehen sofort anderen Lebewesen zur Verfügung, halten Nahrungsketten am Laufen, nähren das Plankton, das wiederum den Sauerstoff für unsere Atmosphäre produziert.
Gleichzeitig wirken Viren als Evolutions-Booster. Sie übertragen Gene von Organismus zu Organismus – ein natürlicher Gentransfer, der neue Eigenschaften ermöglicht, Vielfalt fördert und Innovationen hervorbringt, lange bevor wir selbst von Gentechnik wussten.
Und so zeigt sich: Viren sind keine bloßen Krankheitsbringer. Sie sind feinverästelte Zahnräder im Getriebe der Natur – unsichtbar, selten bemerkt, aber unersetzlich.
Ein Blick in verschiedene Lebensräume offenbart ihre Wirkung.
🌊 In den Weltmeeren
Populationskontrolle: Tief unter der Wasseroberfläche tobt ein Mikrokampf planetaren Ausmaßes: Bakteriophagen – Viren, die gezielt Bakterien infizieren – eliminieren täglich bis zu 40 % der Meeresbakterien. Damit verhindern sie explosive Algenblüten, die ganze Ozeane in sauerstoffarme Todeszonen verwandeln könnten.
Ohne diese „Mikrobenjäger“ wäre unser Planet längst unter einem Leichentuch aus Algen versunken.
📖 Weitere Quellen:
Viral control of biomass and diversity of bacterioplankton in the deep sea
A sea of zombies! Viruses control the most abundant bacteria in the Ocean.
The smallest in the deepest: the enigmatic role of viruses in the deep biosphereGen-Schmuggel: Im blauen Dunkel der Meere vollbringt Prochlorococcus – ein winziges Cyanobakterium – Großes: Es produziert rund 10 % des globalen Sauerstoffs. Aber selbst dieser Mikroheld steht unter der Kontrolle noch kleinerer Strippenzieher: Cyanophagen – Viren, die perfekt auf ihn spezialisiert sind. Sie schleusen eigene Photosynthesegene ein und zwingen die infizierte Zelle zur Kooperation. Das Ergebnis: Die Bakterie bleibt „arbeitsfähig“, produziert weiter Energie – nun im Dienst ihrer viralen Besetzer. Dieses parasitäre Partnerschaftsmodell veranschaulicht den sogenannten Black-Queen-Effekt: Indem Viren bestimmte Funktionen übernehmen, können Mikroben diese selbst abbauen – und sich auf andere Aufgaben spezialisieren.
Eine unfreiwillige Arbeitsteilung, orchestriert von Viren.
Tiefer eintauchen: Einen eindrucksvollen Einblick in die geheimnisvolle Welt unter dem Meeresspiegel bietet das Video des Schmidt Ocean Institute. Es zeigt, wie Forschende mit modernster Technik den Spuren mikrobiellen Lebens folgen – und dabei auch den Viren auf der Spur sind.
Doch nicht nur im Wasser übernehmen Viren diese regulatorische Rolle – sie sind ebenso aktiv in anderen Ökosystemen.
🟫 In den Böden
Auch unter unseren Füßen herrscht virales Treiben: Viren halten dominante Bodenbakterien in Schach und sorgen so dafür, dass kein Mikroorganismus die Oberhand gewinnt. Diese unsichtbare Kontrolle schützt die fragile Balance des Nährstoffkreislaufs – Grundlage für alles Wachstum.
Wie unsichtbare Gärtner durchkämmen sie das Mikroleben der Erde, jäten Überfluss und schaffen Raum für Vielfalt.
🌳 In der Pflanzenwelt
Bäume und Felder haben geheime Verbündete: Pflanzenviren. Rund um jedes Wurzelgeflecht, entfaltet sich ein verborgenes Netzwerk aus Kontrolle, Schutz und Gegenspiel. Einige Pflanzenviren attackieren gezielt schädliche Bakterien, die Pflanzen krank machen würden. Andere kurbeln das pflanzeneigene Immunsystem an – und wenn Mikroben sterben, zersetzen Viren deren Überreste zu fruchtbarem Dünger. Manche Pflanzen gehen sogar noch einen Schritt weiter: Sie rekrutieren ganz gezielt schützende Viren, die wie Bodyguards im Wurzelraum patrouillieren.
Ohne diese mikroskopischen Allianzen wären viele Wälder anfälliger für Pilzüberwucherung – und unser Getreide den Angriffen aus dem Boden schutzlos ausgeliefert.
🔗 Viruses as components of forest microbiome
🪱 In der Darmflora von Mensch und Tier
Auch in unseren Eingeweiden tobt ein stiller Machtkampf – und wir profitieren davon. Spezialisierte Darmviren (Bakteriophagen) jagen gezielt schädliche Keime wie E. coli und halten die bakterielle Balance stabil. Sie übertragen Schutzgene zwischen Mikroben – wie geheime Datenpakete, die Immunantworten optimieren. Manche Viren dämpfen sogar überaktive Abwehrreaktionen und verhindern so Entzündungen.
Ohne diese Nano-Sheriffs würden schädliche Bakterien den Darm innerhalb von Tagen überrennen.
🔗 Over 100.000 Viruses Identified in the Gut Microbiome
☁️ In der Atmosphäre
Hoch über unseren Köpfen findet der größte Gentransfer der Erde statt – ein einziger Sturm kann 500 Millionen Virionen pro m² über Kontinente verteilen – die ultimative Bio-Invasionsroute. Dank ihrer extremen Robustheit überleben Viren wo andere scheitern – in UV-getränkten Höhen, eisigen Wolken und trockener Luft. Sie reisen per Staub, Meersalz oder Pflanzentröpfchen über Ozeane und Kontinente hinweg. Viren in Wolken beeinflussen sogar Niederschlagsmuster.
Diese atmosphärische Gen-Börse macht aus lokalen Mutationen globale Evolution – als hätte die Natur ihr eigenes Internet erfunden.
🔗 Deposition rates of viruses and bacteria above the atmospheric boundary layer
⚡️ In Extremlebensräumen
Selbst in heißen Quellen, Salzseen oder unter der Erdkruste existieren Viren, die dortige Mikroorganismen regulieren und deren genetische Vielfalt steigern – eine essenzielle Überlebensstrategie in lebensfeindlichen Umgebungen.
🔗 Viruses in Extreme Environments, Current Overview, and Biotechnological Potential
Das größte Paradox der Biologie: Aus milliardenfacher Zerstörung erwächst globales Gleichgewicht. Das nächste Mal, wenn du einen Virus fürchtest, denk daran: Mit jedem Atemzug trägst du Milliarden dieser Winzlinge – und sie tragen dich. Ein Pakt des Lebens – so alt wie die Evolution selbst.
„Wir leben in einem Gleichgewicht, in einem perfekten Gleichgewicht“, und Viren sind ein Teil davon, sagt Susana Lopez Charretón, Virologin an der Nationalen Autonomen Universität von Mexiko. „Ich glaube, ohne Viren wären wir aufgeschmissen.“ [Warum die Welt Viren zum Funktionieren braucht]
„Wenn alle Viren plötzlich verschwinden würden, wäre die Welt für etwa anderthalb Tage ein wunderbarer Ort, und dann würden wir alle sterben – das ist das Fazit“, sagt Tony Goldberg, Epidemiologe an der University of Wisconsin-Madison. „Alle wichtigen Dinge, die sie in der Welt bewirken, überwiegen bei weitem die schlechten Dinge.“ [Warum die Welt Viren zum Funktionieren braucht]
1.2. Viren als Motor der Evolution
Lange bevor Dinosaurier über die Erde stampften, trieben Viren bereits ihr Unwesen – und formten dabei das Leben, wie wir es heute kennen. Ihr Werkzeug: horizontaler Gentransfer, ein biologischer Copy-Paste-Mechanismus, der evolutionäre Quantensprünge ermöglichte.
Für den Evolutionsbiologen Patrick Forterre vom Institut Pasteur sind Viren die Architekten des Lebens, ohne die die Evolution vielleicht ganz anders gelaufen wäre. (Vgl. dazu Spektrum der Wissenschaft: „Die wahre Natur der Viren“, ScienceDirect: „The origin of viruses and their possible roles in major evolutionary transitions“ oder „The two ages of the RNA world, and the transition to the DNA world: a story of viruses and cells”)
Genetische Sabotage mit Folgen
Viren sind Meister der Manipulation. Wenn sie eine Zelle infizieren, schleusen sie nicht nur ihre eigene Erbinformation ein – manchmal wird ihr Genmaterial ins Genom des Wirts integriert und über Generationen hinweg weitervererbt. Aus vermeintlichen Störern werden so kreative Genarchitekten.
Ein spektakuläres Beispiel: Die Plazenta der Säugetiere verdankt ihre Existenz einem Virus. Ein virales Hüllprotein – ursprünglich dazu gedacht, Immunantworten zu unterdrücken – wurde in den Genpool eingebaut und half mit, die Barriere zwischen Mutter und Embryo zu entwickeln. Ohne dieses „fremde“ Gen: kein Mutterleib, kein Säugetier.
Doch es geht noch weiter: Rund 8 % des menschlichen Erbguts stammen von alten Retroviren, die sich einst in unsere DNA eingeschrieben haben – stille Zeugen uralter Infektionen, die uns heute womöglich mitgestalten. Selbst unser Gehirn könnte virale Spuren tragen – etwa Gene, die für die Entwicklung des Cortex entscheidend sind.
Sind wir nicht alle ein bisschen Virus?
CRISPR, das heute als revolutionäre Genschere gefeiert wird, geht auf ein uraltes Abwehrsystem von Bakterien zurück – ein genetisches Archiv vergangener Virusangriffe, aus dem Bakterien lernen, sich gegen neue Feinde zu wehren.
Manche Wissenschaftler fragen sogar: Könnten Viren an der Entstehung des Lebens selbst beteiligt gewesen sein? Einige Hypothesen vermuten, dass virusähnliche Partikel einst die ersten Moleküle waren, die genetische Information speichern und weitergeben konnten – eine Grundbedingung für Leben.
Die Ironie des Schicksals: Wir fürchten Viren als Todbringer – dabei wären wir ohne sie nicht einmal entstanden.
1.3. Gibt es Viren wirklich?
Trotz ihrer immensen Bedeutung gibt es immer wieder Zweifel an der Existenz von Viren. Wie können wir sicher sein, dass sie tatsächlich real sind? Diese Frage lässt sich nicht mit einer einfachen Beobachtung beantworten – Viren entziehen sich unserem bloßen Auge und offenbaren sich nur durch indirekte Spuren und spezialisierte Nachweismethoden.
Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, müssen wir zunächst verstehen, wie Viren agieren: Welche Mechanismen nutzen sie, um sich zu vermehren? Wie interagieren sie mit ihren Wirten? Und vor allem: Welche wissenschaftlichen Methoden gibt es, um sie sichtbar zu machen und nachzuweisen?
Die Suche nach diesen Antworten führt uns in eine faszinierende Welt aus hochentwickelten Technologien und jahrzehntelanger Forschung. In den kommenden Kapiteln werden wir Schritt für Schritt erkunden, wie Wissenschaftler Viren nachweisen – und damit der entscheidenden Frage näherkommen: Gibt es Viren wirklich?

2. Viren und ihre Mechanismen:
Einblick am Beispiel des InfluenzavirusWerfen wir zunächst einen Blick darauf, wie Viren ihre Wirtszellen „kapern“ und für ihre Vermehrung nutzen. Ein Paradebeispiel hierfür ist das Influenzavirus – nicht nur, weil es zu den am besten erforschten Viren gehört, sondern auch, weil es eindrucksvoll zeigt, wie Viren Zellen manipulieren und sich verbreiten. Die Mechanismen, die es anwendet, eröffnen uns einen idealen Einblick in die geheimnisvolle Welt der Viren und ihre vielschichtigen Wechselwirkungen mit ihren Wirten.
2.1. Wie das Influenzavirus auf Reisen geht
2.2. Die Architektur des Influenzavirus
2.3. Der Infektionsprozess des Influenzavirus
2.4. Die Anpassungsfähigkeit des Influenzavirus
2.5. Ein- und Austrittswege des Influenzavirus
2.6. In den meisten Fällen lokal begrenzte mukosale Infektion
2.7. Virenstrategie: Effiziente Vermehrung ohne rasche Zellzerstörung
2.8. Zerstörung der Wirtszelle
2.9. Selbstbegrenzung gefährlicher Viren: Warum sie selten Pandemien auslösen
2.10. Warum macht das Virus manche Menschen krank und andere nicht?💡Hinweis: Die folgenden Kapitel bauen auf grundlegenden Kenntnissen über Zellen, den Unterschied zwischen DNA und RNA, Proteine sowie zelluläre Prozesse wie die Proteinbiosynthese auf. Falls diese Themen noch neu für dich sind, könnte ein Blick in Kapitel 2, 3 und 4 der Abhandlung „Die Wunderwelt des Lebens“ oder ähnliche Einführungstexte hilfreich sein.
Kapitel 2: Die Zelle – der Urbaustein
Kapitel 3: Proteine – die Bausteine des Lebens
Kapitel 4: Vom Code zum Protein – zelluläre Mechanismen
2.1. Wie das Influenzavirus auf Reisen geht
Das Influenzavirus ist ständig auf Achse – ein unsichtbarer Jetsetter mit erstaunlichen Ansteckungsrouten: Mal reist es first class per Nieswolke, mal trampt es über Türgriffe.
Tröpfchenflug – Erste Klasse durch die Luft
Ein Nieser genügt: Bis zu 40.000 virusbeladene Tröpfchen schießen durch die Luft – wie ein Mini-Raketenangriff auf die Umgebung (Reichweite: bis zu 2 Meter!).Schmierattacke – Der heimliche Handshake
Türklinke, Fahrstuhlknopf, Tastatur – das Virus chillt auf Oberflächen teils stundenlang. Ein Griff, ein Wisch durchs Gesicht – und schon hat es sich per Hand-zu-Gesicht-Trick Zugang verschafft.
Mission Atemwege: Virale Invasion
Angekommen im Atemtrakt, startet das Virus seinen Sturm auf die Epithelzellen:
Lieblingsziel: Schleimhautzellen von Nase, Rachen, Bronchien.
Warum? Hier sitzen massenhaft beliebte Rezeptoren – perfekte Andockstellen.
Folge: Innerhalb von Stunden kapert es die Zellfabrik und produziert neue Viren.
Abb. 2-A: Influenza-Virionen gelangen in den Atemtrakt und kommen dabei in Kontakt mit den Epithelzellen (Schleimhautzellen), die den Atemtrakt auskleiden. Von außen wirkt es wie ein Staubkorn mit schlechten Absichten – doch bei genauerer Betrachtung entpuppt sich das Influenzavirus als hochkomplexe Nanomaschine. Um zu verstehen, wie es Zellen kapert und ständig mutiert, lohnt sich ein Blick ins Innere.
2.2. Die Architektur des Influenzavirus
Das Influenzavirus ist der Grund, warum wir mit Fieber im Bett liegen und über „die Grippe“ fluchen. Von den drei Stämmen (A, B, C) ist Typ A der gefährlichste Globetrotter: wandlungsfähig wie ein Schauspieler und unberechenbar wie Aprilwetter. Typ B und C sind dagegen eher die „Bodenständigen“ – weniger variabel und weniger gefährlich. Doch alle teilen denselben genialen Bauplan (siehe untere Abbildung).
Das Viruspartikel – dieser nur 80-120 Nanometer kleine Überlebenskünstler – ähnelt einem winzigen, kugeligen Nano-U-Boot (manchmal ist es auch oval). In seinem Inneren: das virale Erbgut aus RNA – aber mit einem besonderen Trick!
Während wir RNA oder DNA oft als langen, durchgehenden Faden kennen, besitzen Viren unterschiedliche DNA- und RNA-Strukturen. Manche haben ein einziges zusammenhängendes Molekül, andere tragen ihr Erbgut in mehrere RNA-Segmente aufgeteilt.
Die Kommandozentrale: Genom in 8 Teilen
Das Influenzavirus setzt auf die modulare Bauweise: es nutzt 8 separate RNA-Segmente – wie ein Baukasten, dessen Teile sich immer neu kombinieren lassen – perfekt für Überraschungen!
Diese RNA-Segmente sind unterschiedlich lang – vom kompakten Mini-Modul bis zur XXL-Bauanleitung – und doch perfekt aufeinander abgestimmt. Damit sie nicht wie lose Zettel im Wind verloren gehen, werden sie sorgsam eingepackt: Jedes Segment wird von einer Hülle aus Nukleoproteinen (NP) umschlungen – wie wertvolle Schriftrollen in Schutzfolie. Doch die NP-Hülle ist mehr als bloßer Schutz: Sie hilft der viralen Maschinerie, die genetische Information präzise zu lesen, zu kopieren und weiterzugeben.
Der Werkzeuggürtel: Polymerase-Komplexe
Zusätzlich bringt das Virus seine eigenen 3D-Drucker mit – die RNA-Polymerasen (bestehend aus den Untereinheiten: PB1, PB2, PA). Diese sind fest an die RNA-Segmente gebunden: wie Handwerker, die ihr Werkzeug am Gürtel tragen.

Abb. 2-B: Aufbau eines Influenzavirus: schematische Darstellung aller Komponenten Der RNP-Komplex – das Herzstück des Virus
Jedes RNA-Segment + Nukleoproteine (NP) + Polymerase bildet einen Ribonukleoprotein-Komplex (RNP) – eine perfekt organisierte Einheit: das Steuerzentrum des Virus. Alle acht – sauber verpackt und einsatzbereit – wie ein tragbarer Werkzeugkoffer für die Zellübernahme.
Die Lipidhülle – der gestohlene Tarnumhang
Das Virus klaut sich seine äußere Schicht direkt von der Wirtszelle: eine Lipiddoppelschicht – identisch zur Zellmembran und damit die perfekte Tarnung! Direkt darunter liegt das Matrixprotein M1 – der molekulare Gerüstbauer, der alles zusammenhält. Es verbindet die äußere Hülle mit dem inneren Komplex und sorgt dafür, dass das Virus seine Form behält – wie ein Stützrahmen unter der Tarnkappe.
Die Spikes: Schlüssel & Schere
In der Virushülle befinden sich wichtige Oberflächenproteine, die wie kleine Stacheln oder Greifarme aus der Oberfläche herausragen. Diese werden „Spikes“ genannt. Das Influenzavirus besitzt zwei besonders wichtige Spikes, die ihm helfen, Zellen zu infizieren: Hämagglutinin (HA) und Neuraminidase (NA).
🔑 HA – der Türöffner: Dient als Schlüssel, um an der Wirtszelle anzudocken.
→ 18 bekannte Varianten (H1–H18)✂️ NA – der Flucht-Helfer: Löst die Verbindung zur Wirtszelle, damit es weiterziehen kann.
→ 11 Varianten (N1–N11)Virus-Typen: Ein Zahlenspiel
Die Kombination aus HA und NA bestimmt den Stamm:- H1N1 (Schweinegrippe)
- H5N1 (Vogelgrippe)
- H3N2 (saisonale Grippe)
Wie bei Autokennzeichen: HA/NA-Codes verraten, welches Modell da unterwegs ist – nur eben ohne TÜV!
2.3. Der Infektionsprozess des Influenzavirus
a) Anheften des Virus an die Wirtszelle (Adsorption)
b) Eindringen in die Zelle (Endozytose)
c) Freisetzung des viralen Erbguts (Uncoating)
d) Virusreplikation – Die molekulare Fabrik
e) Zusammenbau (Assembly) der neuen Viruspartikel
f) Knospung (Budding) und Freisetzung der neuen Virena) Anheften des Virus an die Wirtszelle (Adsorption)
Die Oberfläche des Atemtrakts ist von einem dichten Epithel aus Schleimhautzellen ausgekleidet. Diese Zellen tragen Sialinsäure-Reste auf ihrer Oberfläche – Zuckermoleküle, die zentral für Zellkommunikation und immunologische Selbsterkennung sind (vgl. Kapitel „SELBST-Marker: Sialinsäuren“ in „Die Wunderwelt des Lebens“).
Das Influenzavirus kapert diesen Mechanismus: Sein Oberflächen-Protein Hämagglutinin (HA) bindet gezielt an die Sialinsäure der Wirtszelle – eine klassische Schlüssel-Schloss-Interaktion, die den Eintritt des Virus einleitet.

Abb. 2-C: Oberfläche einer Epithelzelle Bevor das Influenzavirus eine Zelle infizieren kann, muss es an die Wirtszelle andocken – ein entscheidender Schritt im Infektionsprozess. Doch die Epithelzellen der Atemwege sind nicht wehrlos: Ihre beweglichen Zilien (Flimmerhärchen) transportieren Fremdpartikel wie Staub, Bakterien oder Viren weg, bevor diese die Zelloberfläche erreichen können.
Die Darstellung zeigt die Größenverhältnisse an der Zelloberfläche. Die Zilien sind 5–10 Mikrometer lang, während die Schleimschicht eine Dicke von 10–100 Mikrometern aufweist. Mit nur 80–120 Nanometern ist das Viruspartikel winzig. Es muss schnell eine Zelle erreichen, bevor die Zilien es weiterbefördern.
Zwischen den Zilien gibt es freie Zellbereiche, an denen das Virus direkten Kontakt zur Zelloberfläche herstellen kann. Die Sialinsäure-Reste (1 Nanometer) auf der (Wirts-)Zellmembran dienen als Andockstelle für das HA-Protein (13 Nanometer) des Virus, das groß genug ist, um diese Strukturen zu erreichen. Das Virus kann somit die Schleimschicht durchdringen und an die Wirtszelle binden.b) Eindringen in die Zelle (Endozytose)
Das Influenzavirus tarnt sich meisterhaft: Durch die Bindung seines Hämagglutinins an Sialinsäure-Reste imitiert es ein harmloses Nährstoffmolekül. Die Zelle fällt auf den Trick herein und initiiert ihren standardmäßigen Aufnahmemechanismus: die Endozytose.
Was folgt, ist ein molekulares Schauspiel:
Die Zellmembran stülpt sich um das gebundene Virus herum – ausgelöst durch Signalmoleküle, die eigentlich für den Nährstofftransport zuständig sind. Wie eine sich schließende Falle bildet sich eine Einbuchtung, die das Virus komplett umschließt. Mit einem letzten „Schnapp“ der Membran formt sich ein Endosom – ein Transportvesikel, das den Eindringling nun unschuldig ins Zellinnere schleust.
Was die Zelle als harmlosen Transport verbucht, entpuppt sich als Trojanisches Pferd.

Abb. 2-D: Das Influenzavirus dringt in die Wirtszelle ein. Das Virus ist jetzt in der Zelle – noch eingeschlossen im Endosom – aber bereit, sein Innerstes zu entfalten.
c) Freisetzung des viralen Erbguts (Uncoating)
Das frühe Endosom reift zum späten Endosom heran – einem Ort, bei dem die Zelle normalerweise unerwünschte Eindringlinge abbaut. Protonenpumpen senken dort den pH-Wert, indem sie Protonen (H⁺-Ionen) ins Innere transportieren. Damit schaffen sie eine saure Umgebung, die Verdauungsenzyme aktivieren soll.
Der saure Trick
Doch das Influenzavirus hat einen genialen Gegenplan: Die saure Umgebung löst eine dramatische Umwandlung des viralen Hämagglutinins (HA) aus. Das Protein spaltet sich – die Bindungsdomäne HA1 wird abgespalten und die Fusionsdomäne HA2 freigelegt.

Diese Fusionsdomäne HA2 ist hydrophob – sie scheut Wasser – und rammt sich wie ein Enterhaken in die Endosomenmembran. (siehe untere Abbildung).
Gleichzeitig öffnet das M2-Protein – ein viraler Ionenkanal – als heimlicher Komplize die Schleusen: Protonen strömen ins Innere des Virus und lockern die Verpackung des Erbguts.

Abb. 2-E: Verankerung des Virus in der Endosom-Membran Jetzt zieht HA2 mit unerbittlicher Kraft die Virusmembran und die Endosomenmembran zusammen. Die beiden Lipidmembranen verschmelzen; ein Mechanismus, der als Membranfusion bekannt ist. Dies geschieht, weil die Lipidmoleküle in den Membranen flexibel sind und sich neu anordnen können, um eine kontinuierliche Doppelschicht zu bilden.

Diese Fusion schafft eine Pore – das Tor zur Freiheit für das virale Genom. Mit einem letzten, eleganten Schub gleitet die virale RNA ins Zytoplasma. Die Entkleidung – das Uncoating – ist vollendet.
Die Zelle ahnt nicht, dass sie soeben die Blaupause ihrer eigenen Unterwerfung freigesetzt hat.

Abb. 2-F: Freisetzung des viralen Genoms ins Zytoplasma der Wirtszelle: Durch Membranfusion und Uncoating wird die Virushülle aufgelöst, wodurch das Genom freigesetzt wird und die Infektion beginnt.
Warum wird das Virus nicht zersetzt?
Das Virus wird nicht von den Verdauungsenzymen der Zelle abgebaut, weil der Freisetzungsprozess schnell erfolgt, bevor der Abbaumechanismus (die Aktivierung der Verdauungsenzyme) ins Spiel kommen kann. Das Virus nutzt den Prozess der pH-Senkung und die Veränderungen im Endosom, um sich schnell aus diesem zu befreien, indem es die Membranfusion auslöst und sein Erbgut direkt in das Zytoplasma der Zelle entlässt. Diese „Flucht“ aus dem Endosom ist schneller als der zelluläre Abbauprozess, weshalb das Virus nicht zersetzt wird.d) Virusreplikation – Die molekulare Fabrik
Die virale RNA kommt nicht schutzlos daher – sie reist in High-Tech-Rüstung: Eingehüllt in schützende Nukleoproteine (NP) und ausgestattet mit der viralen Polymerase bildet jedes der acht RNA-Segmente einen hochorganisierten Ribonukleoprotein-Komplex (RNP). Diese molekularen Kommandoeinheiten sind für den Einsatz perfekt gerüstet:
- Die Nukleoproteine wirken wie ein Panzer – sie schirmen die RNA gegen zelluläre Abwehrsysteme ab.
- Die Polymerase ist das Schweizer Taschenmesser des Virus – Werkzeug für Kopieren (Replikation) und Übersetzen (Transkription) in einem.

Sobald die Ribonukleoprotein-Komplexe (RNPs) im Zytoplasma freigesetzt sind, läuft die systematische Übernahme der zellulären Produktionslinien an – die Virusfabrik geht in Betrieb. Das Genom übernimmt dabei zwei zentrale Aufgaben: Zum einen dient es als Bauplan für die Herstellung viraler Proteine (Proteinsynthese), zum anderen wird es selbst vervielfältigt (Genomreplikation) – damit jeder neue Viruspartikel seine eigene Kopie des Erbguts mit auf den Weg bekommt.

Abb. 2-G: Um neue Viren zu bauen, braucht es neue virale Proteine und neue virale Genome. Proteinsynthese: Das virale Genom dient als Vorlage für die Synthese der Proteine, die für den Aufbau neuer Viruspartikel benötigt werden.
Genomreplikation: Gleichzeitig wird die virale RNA vervielfältigt, um die genetische Information für neue Viren bereitzustellen.Während die meisten RNA-Viren im Zytoplasma verbleiben, hat Influenza einen cleveren Trick auf Lager: Es hijackt den Zellkern. Warum? Dort findet es optimale Bedingungen für die Replikation seiner RNA.
Der Weg dorthin ist jedoch alles andere als selbstverständlich. Die RNPs manipulieren das zelluläre Transportsystem: Sie präsentieren gefälschte Importsignale – molekulare Passierscheine, die ihnen die Tür zum Zellkern öffnen. Zelluläre Importine, eigentlich zuständig für den Transport körpereigener Proteine, werden so zu ahnungslosen Schleusern. In einem Akt biologischer Täuschung werden die viralen RNPs direkt ins Kontrollzentrum der Zelle eskortiert.

Abb. 2-H: Die virale RNA wird vom Zytoplasma in den Zellkern transportiert. Im Zellkern entfalten die RNPs schließlich ihre volle Wirkung. Die virale Polymerase beginnt ihr Doppelspiel:
- Kopieren der viralen RNA (Replikation) → Bauplan für neue Viren
- Produktion viraler mRNA (Transkription) → Bauanleitung für Proteine
Da dieser Vorgang besonders raffiniert abläuft, wird im Folgenden jeder Schritt ausführlich beschrieben.
1️⃣ Aktivierung der RNA-Polymerase – Jetzt geht’s los
Die virale Polymerase benötigt einen molekularen Zündfunken, um aktiv zu werden. Und den findet sie im Zellkern: eine biochemische Spezialzone, die sich deutlich vom Zytoplasma unterscheidet. Hohe Konzentrationen von Nukleotiden, Ionen und kernspezifischen Faktoren senden ein klares Signal: „Hier ist der Ort, um loszulegen!“ Erst in dieser Umgebung erwacht die Polymerase zum Leben. Bleibt dieser molekulare Weckruf aus, verharrt sie im Ruhezustand – getarnt als harmloses Zellbestandteilchen.
2️⃣ Ausgangssituation: (-)ssRNA – Genom in Spiegelschrift
Das Erbgut des Influenzavirus ist ein Meister der Tarnung. Statt als lesbare Bauanleitung aufzutreten, erscheint es wie ein Rätsel in Spiegelschrift: acht einzelne RNA-Segmente, negativ gepolt, ohne die typischen Merkmale einer zellulären Nachricht. Kein Absender, kein Briefkopf, kein Poststempel. Für die Zelle ist das keine Nachricht – sondern biologisches Rauschen.
Wissenschaftlich ausgedrückt:
Das virale Genom besteht aus acht segmentierten Einzelsträngen RNA (engl. single-stranded RNA = ssRNA) mit negativer Polarität: (-)ssRNA. „Negativ“ bedeutet: Diese RNA ist die komplementäre Vorlage zur mRNA (also spiegelverkehrt) und somit nicht direkt lesbar.
Außerdem fehlen ihr zwei entscheidende Erkennungsmerkmale: das 5′-Cap (eine Art molekularer Startknopf) und die 3′-Poly-A-Sequenz, die eine normale mRNA schützt und identifiziert.
Warum so kompliziert?
Weil es genial ist.Mit dieser molekularen Maskerade erreicht das Virus zwei Dinge:
Unsichtbar bleiben: Die (-)ssRNA wird vom zellulären Immunsystem nicht sofort als Bedrohung erkannt. Wäre das virale Genom schon als mRNA vorhanden, würden die Alarmsysteme der Zelle anspringen.
Volle Kontrolle über die Produktion: Das Virus bettelt nicht um Hilfe der Wirtsenzyme. Weil nur die viruseigene RNA-Polymerase in der Lage ist, aus der (-)ssRNA lesbare mRNA zu erzeugen, kann das Virus exakt steuern:
➤ Wann mRNA erzeugt wird.
➤ Wie viel davon produziert wird.
➤ Welche Segmente priorisiert werden.Kurz gesagt: Was aussieht wie ein kryptisches Puzzle ist in Wahrheit ein hochpräziser Kontrollmechanismus – ein Bauplan, der sich erst dann offenbart, wenn die virale Maschinerie bereit ist – und das Immunsystem noch schläft.
3️⃣ Aus (-)ssRNA wird (+)ssRNA (die mRNA)
Die virale Polymerase steht bereit, die (-)ssRNA in lesbare mRNA umzuschreiben – doch es fehlt der Startknopf. Ohne den 5′-Cap bleibt die Maschinerie stumm.
Lösung? Diebstahl auf Nano-Ebene.
Dieser raffinierte Trick heißt Cap-Snatching – oder auf Deutsch: „Kappen-Schnappen“.
Der Coup im Detail
Die Polymerase-Untereinheit PB2 streift durch die zellulären mRNAs wie ein gerissener Dieb auf der Suche nach dem wertvollsten Schmuckstück. Ihr Ziel: Die 5′-Kappe, das universelle „Siegel“ für zelluläre Proteinfabriken. Ihre Komplizin, PB1 – die „molekulare Schere“ – trennt die Kappe mitsamt 10–15 Nukleotiden ab – ein perfekter Primer für die virale Transkription. Die gestohlene Kappe wird an die virale RNA geheftet. Die Zelle glaubt, sie habe eine legitime mRNA vor sich – und startet die Produktion viraler Proteine. Die gekappte Wirts-mRNA wird hingegen abgebaut – die zelluläre Proteinproduktion bricht zusammen.
Parallel erhält die virale mRNA am 3′-Ende einen Poly-A-Schwanz, der sie stabilisiert und schützt.
Warum dieser Trick so brillant ist
✅ Energieersparnis: Das Virus nutzt vorhandene Ressourcen – kein Aufwand für eine eigene Kappen-Synthese.
✅ Sabotage: Der Abbau der zellulären mRNAs legt die Wirtsabwehr lahm.
✅ Tarnung: Die gestohlene Kappe tarnt virale mRNA als „harmlose“ zelluläre Botschaft.Die Folgen des Raubzugs
Die Zelle verliert ihre eigenen Baupläne – und produziert nun virale Proteine auf Hochtouren.
Das Virus gewinnt doppelt: Schnelle Vermehrung und Schwächung der Gegnerin.Dieser Prozess ist ein Klassiker der Virologie – ein Paradebeispiel dafür, wie Viren ihre Wirtszellen zu Marionetten machen.
Am Ende entstehen zahlreiche „nackte“ (+)ssRNA-Stränge im Zellkern, die direkt als mRNA für die Translation – also die virale Proteinproduktion und Genomvermehrung – genutzt werden.

Abb. 2-I: Die virale RNA (-)ssRNA wird in messenger RNA (mRNA) ungeschrieben. 4️⃣ Die Virus-Produktion läuft heiß
Die frisch gekappten viralen mRNAs verlassen den Zellkern – ausgerüstet mit gestohlener Signatur und Poly-A-Schwanz. Im Zytoplasma erwarten sie die Ribosomen, die ahnungslos die Baupläne des Feindes abarbeiten.
Die Beute: Eine ganze Proteinfabrik
Die Ribosomen produzieren virale Proteine am Fließband – darunter:Hämagglutinin (HA): Der Schlüssel zum Zelleintritt – der unentbehrliche Türöffner.
Neuraminidase (NA): Der Befreier neuer Viren – die scharfe molekulare Schere.
Matrixprotein (M1): Die stabile Hülle für das Virusinnere – der Gerüstbauer.
Ionenkanalprotein (M2): Der pH-Wächter – reguliert das Säuremilieu im Virus.
RNA-Polymerase: Die Kopiermaschine – eine virale Druckerpresse.
Nukleoprotein (NP): Die Bodyguards – verpacken und schützen die RNA-Segmente.
Nukleäres Exportprotein (NEP): Der Spediteur – sorgt für den Transport viraler RNPs aus dem Zellkern.Diese frisch hergestellten Proteine sind bereit für den finalen Akt: die Montage neuer Virenpartikel.
5️⃣ Rückkehr in den Zellkern
Nach ihrer Produktion im Zytoplasma machen sich die meisten viralen Proteine zurück auf den Weg zum Zellkern – der Kommandozentrale der Virusreplikation. Ausgenommen sind nur die Oberflächenstars Hämagglutinin (HA), Neuraminidase (NA) und das Ionenkanalprotein M2, die direkt an der Zellmembran ihre Einsätze haben.
Die übrigen Virenakteure kehren ins Hauptquartier zurück, um neue Befehle abzuholen und die End-Mission vorzubereiten.

Abb. 2-J: Die virale mRNA verlässt den Zellkern und wird an zwei verschiedenen Orten in der Wirtszelle übersetzt. 1) An freien Ribosomen im Zytoplasma wird die mRNA in virale Proteine wie RNA-Polymerase, Matrixproteine (M1), Nukleoproteine (NP) und nukleäre Exportproteine (NEP) übersetzt.
2) Diese Proteine wandern anschließend zurück in den Zellkern, um an der Replikation und Verpackung des viralen Genoms mitzuwirken.
3) An den festen Ribosomen des endoplasmatischen Retikulums (ER) werden die Oberflächenproteine (HA und NA) und das Ionenkanalprotein (M2) synthetisiert. Diese Proteine gelangen nach ihrer Herstellung zum Golgi-Apparat, wo sie weiter modifiziert und für den Einbau in die virale Hülle vorbereitet werden.6️⃣ Die Genom-Kopierfabrik: (+)ssRNA → neue (-)ssRNA
Während im Zytoplasma fleißig virale Proteine vom Band laufen, läuft im Zellkern die Geheimoperation „Genom-Vervielfältigung“:
Frisch gebildete RNA-Polymerasen schnappen sich die neu synthetisierten (+)ssRNA-Stränge und übersetzen sie zurück in virale Spiegelschrift – heraus rollen neue (-)ssRNA-Stränge. Die Polymerase bleibt daran gebunden als integrierte Druckerpresse für künftige Einsätze.
Nichts bleibt dem Zufall überlassen: Noch während der genetische Code rückübersetzt wird, umhüllen Nukleoproteine (NP) die entstehende (-)ssRNA – sie hat nicht einmal eine Sekunde, um „nackt“ zu sein – kein Risiko, dass die zelluläre Überwachung zugreift. Die frisch kopierten RNA-Segmente werden sofort verpackt und versiegelt: Zusammen mit der Polymerase bilden sie wieder vollständige Ribonukleoprotein-Komplexe (RNPs) – ein komplett ausgestattetes Genom-Modul, bereit für die nächste Generation Virus.
Sobald die acht Segmente verpackt sind, übernimmt das virale Logistik-Team: NEP (Exportprotein) und M1 (Matrixprotein) markieren die RNPs für den Abtransport. Sie schleusen sie durch die Kernporen – die streng bewachten Grenzübergänge der Zelle – direkt ins Zytoplasma. Mission: Montagehalle.

Abb. 2-K: Die Abbildung zeigt, wie das Influenzavirus im Zellkern der Wirtszelle sein Erbgut vervielfältigt: 1) Die virale RNA-Polymerase nutzt die (-)ssRNA als Vorlage und synthetisiert daraus eine komplementäre (+)ssRNA.
2) Diese (+)ssRNA dient nun als Matrize für die erneute Synthese von viraler (-)ssRNA – also der eigentlichen Erbinformation für neue Viruspartikel.
3) Bereits während der Synthese wird die neue (-)ssRNA von Nukleoproteinen (NP) umhüllt und mit Polymerase, M1 und NEP zum sogenannten RNP-Komplex verpackt – stabil und bereit zum Export.
4) Die fertigen RNP-Komplexe verlassen den Zellkern über die Kernporen und wandern ins Zytoplasma – dort beginnt bald der Zusammenbau neuer Viren.Wie eine Schwarzdruckerei im Hinterzimmer: Die Polymerase produziert ununterbrochen Kopien, die NP-Proteine verpacken sie sofort – und Schleuser (NEP/M1) schmuggeln sie unauffällig hinaus.
Während die Zelle ahnungslos ihre Ressourcen verheizt, steht der eigentliche Showdown noch bevor…
e) Zusammenbau (Assembly) der neuen Viruspartikel
Nachdem alle Bauteile produziert sind, beginnt im Zytoplasma die koordinierte Endmontage – ein Prozess so präzise wie die Konstruktion einer Raumsonde: Jedes Teil muss perfekt sitzen, sonst hebt nichts ab.
Die Oberflächenproteine HA & NA reisen über den Golgi-Apparat – die „Verpackungsabteilung“ der Zelle – zur Zellmembran (untere Abb. links). Dort verankern sie sich in der Lipiddoppelschicht, wie Türgriffe und Rettungsscheren, die aus der Hülle eines künftigen Viruspartikels ragen.
Auch die Ribonukleoprotein-Komplexe (RNPs) machen sich auf den Weg, bereits im Schlepptau der Matrixproteine M1, die als Logistikmanager fungieren. Ihre Aufgabe: Die wertvolle Fracht zielsicher zu den HA/NA-bestückten Membranbereichen zu navigieren (untere Abb. rechts).
An der Zellmembran fügt sich das virale Puzzle Stück für Stück zusammen: Die RNPs ordnen sich unter der mit HA/NA gespickten Membran an. Die Matrixproteine helfen dabei, die RNPs mit den Bereichen der Zellmembran in Kontakt zu bringen.

Abb. 2-L: Zusammenbau an der Zellmembran: Virale Bausteine finden ihren Platz Links: Einbau der viralen Oberflächenproteine (HA und NA) und des Ionenkanalproteins (M2) in die Zellmembran.
Rechts: Transport der Ribonukleoprotein-Komplexe (RNPs) zur Zellmembran und Bindung an die entstehende Virushülle.Und jetzt – Trommelwirbel – ist alles bereit für den großen Ausbruch!
f) Knospung (Budding) und Freisetzung der neuen Viren
An der Zellmembran formt sich eine Ausstülpung – wie eine Seifenblase mit tödlicher Fracht. Doch was so spielerisch aussieht, ist präzise Choreografie:
➤ Virusproteine drängen nach außen, die Lipidschicht wölbt sich zum perfekten „Virus-Paket“.
➤ Matrixproteine (M1) spannen die Membran wie ein Trampolin – stabil, aber flexibel genug für den Absprung.
➤ Die Wirtslipide schließen sich zur getarnten Hülle – das Virus verpackt sich selbst.Doch noch ist es nicht frei. An der Zelloberfläche lauern Sialinsäure-Fesseln – normalerweise HAs Lieblings-Ankerplatz. Ohne Gegenwehr würde das Virus kleben bleiben wie Kaugummi unter der Schuhsohle.
Neuraminidase (NA) greift ein: Die molekulare Schere zerschnippelt die Sialinsäure-Reste auf der Zelloberfläche. Kein Haften, kein Zurück – freie Bahn zur nächsten Zelle.
Wie ein Gefängnisausbruch mit Style: M1 lockert die Gitterstäbe, NA durchtrennt die Alarmsysteme – und weg sind sie! Final Countdown für die Virus-Crew! Alle Systeme go – HA/NA check, RNPs check, Lipidpanzer check. Startsequenz initiiert in 3…2…1… Budding!

Abb. 2-M: Alle Genome sind an Bord – die Startsequenz für das Viruspartikel beginnt. Left: Budding of the virus at the cell membrane. Right: Release of the newly formed virus particle.
Das folgende Video fasst den Replikationszyklus des Influenzavirus noch einmal gut verständlich zusammen.
Nach der Infektion einer Wirtszelle durch ein einziges Influenzavirus entstehen typischerweise Hunderte bis Tausende neuer Viruspartikel. Die genaue Anzahl variiert und hängt von verschiedenen Faktoren wie dem Virusstamm, der Art der Wirtszelle und den zellulären Bedingungen ab.
Vereinfachte und reale Darstellung der Virusstruktur
In den ersten Abbildungen dieses Textes wurde die Struktur des Influenzavirus zur besseren Übersicht vereinfacht dargestellt (siehe untere Abbildung links). Das Matrixprotein bildet in diesen Darstellungen eine kugelige, netzartige Ringstruktur, die das virale Genom umgibt. Diese vereinfachte Darstellung soll die komplexen Prozesse der Virusvermehrung leichter nachvollziehbar machen.

Abb. 2-N: Zwei Darstellungen des Virions: Links: Schematische Darstellung zur Verdeutlichung des Virusaufbaus
Rechts: Detailgetreuere schematische Darstellung der VirionenstrukturIn den folgenden Abbildungen wurde jedoch die Struktur der neuen Virionen näher an der biologischen Realität gezeigt. Dabei sind die Matrixproteine nicht als durchgehender Ring abgebildet, sondern befinden sich in einzelnen Einheiten, die sowohl an die innere Lipidschicht binden als auch lose mit den Ribonukleoprotein-Komplexen (RNPs) verknüpft sind. Zudem spiegelt die Farbgebung der Lipidschicht die Herkunft aus der Zellmembran der Wirtszelle wider (siehe obere Abbildung rechts).
Die RNPs, die das virale Genom darstellen, liegen im Inneren als lockeres Bündel vor – nicht streng parallel, sondern flexibel angeordnet mit unterschiedlich ausgerichteten Enden. Die Matrixproteine (M1) halten dieses Bündel zusammen und verbinden es mit der Lipidschicht, wodurch das Virion seine Form und Stabilität erhält.
2.4. Die Anpassungsfähigkeit des Influenzavirus
Viren – insbesondere RNA-Viren wie das Influenzavirus – mutieren außergewöhnlich schnell. Der Grund liegt in ihrer fehleranfälligen Replikationsmaschinerie: Die virale RNA-Polymerase besitzt keinen Mechanismus zur Korrektur von Kopierfehlern, wie es bei der DNA-Replikation in menschlichen Zellen der Fall ist. Dadurch entstehen bei jeder Vervielfältigung zufällige Mutationen – kleine Veränderungen im genetischen Material des Virus.
Innerhalb einer infizierten Person bildet sich so eine Vielzahl leicht unterschiedlicher Viruspartikel. Die meisten Mutationen sind neutral, das heißt, sie beeinflussen weder die Funktionsweise des Virus noch seine Fähigkeit, sich zu vermehren. Einige Mutationen sind jedoch nachteilig und führen dazu, dass das Virus weniger effizient repliziert oder gar nicht mehr infektiös ist – diese Varianten verschwinden rasch durch natürliche Selektion.
Doch manche Mutationen verschaffen dem Virus einen Überlebensvorteil, insbesondere wenn sie die Oberflächenproteine Hämagglutinin (HA) und Neuraminidase (NA) betreffen. Diese Proteine sind zentrale Angriffspunkte des Immunsystems: Der Körper produziert Antikörper, die spezifisch an sie binden und das Virus neutralisieren. Verändert sich jedoch die Struktur von HA oder NA durch Mutationen, können die Antikörper das Virus schlechter erkennen. Das Virus wird sozusagen „unsichtbar“ für die Immunabwehr und kann sich weiterhin vermehren und ausbreiten.
Diese ständige Anpassung erklärt, warum Grippeviren jedes Jahr erneut Infektionswellen auslösen und es schwierig ist, dauerhafte Impfstoffe gegen Influenza zu entwickeln.
Das Influenzavirus existiert nicht als starre genetische Einheit, sondern als eine sogenannte Mutantenwolke (Quasispecies) – eine dynamische Population von Virusvarianten, die durch kontinuierliche Mutationen entsteht. Diese genetische Vielfalt ist der Schlüssel zu seinem Überleben: Natürliche Selektion sorgt dafür, dass sich jene Varianten durchsetzen, die unter den gegebenen Bedingungen am erfolgreichsten sind. Diese hohe Anpassungsfähigkeit des Influenzavirus zeigt eindrucksvoll, wie Evolution in Echtzeit abläuft.

Abb. 2-O: Genetische Vielfalt im Wirt Das Influenzavirus muss sich ständig durch Mutationen verändern, um weiterhin als Grippevirus zu existieren. Die hohe Mutationsrate führt zu einer Vielzahl leicht unterschiedlicher Viruspartikel innerhalb einer infizierten Person.
2.5. Ein- und Austrittswege des Influenzavirus
Influenzaviren nutzen die Schleimhautoberflächen der Atemwege als Eintrittspforte, da Schleimhäute die Grenze zwischen der äußeren Umwelt und unserem Körperinneren darstellen. Viele Viren starten ihre Infektion über die Interaktion mit den Epithelzellen dieser Schleimhäute, um sich gezielt in ihrem Wirt zu verbreiten. [Virus Infection of Epithelial Cells]
Wie in der unteren Zeichnung dargestellt, gelangt das Influenzavirus über die Luft in die Atemwege – in Nase, Rachen und Lunge – und bindet an die apikale Seite (obere Seite) der Epithelzellen, die zur äußeren Umgebung hin orientiert ist. Diese apikale Seite ist mit feinen, haarartigen Strukturen, den Zilien, bedeckt, die Schleim und Fremdpartikel transportieren. Die gegenüberliegende, basolaterale Seite der Zelle ist dem darunterliegenden Gewebe zugewandt und mit der Basalmembran verbunden, die sie am Bindegewebe verankert.

Abb. 2-P: Eine Epithelzelle wird vom Influenzavirus infiziert und produziert zahlreiche neue Virionen. Auch die Freisetzung der neugebildeten Influenzaviren erfolgt gezielt an der apikalen Seite. Durch diese Anordnung können sich die Viren in die Umgebung verbreiten, etwa über Tröpfchen beim Husten oder Niesen, und dadurch leicht neue Wirte infizieren. Diese apikale Freisetzung stellt einen evolutionären Vorteil dar, da sie die Effizienz der Übertragung deutlich steigert.
2.6. In den meisten Fällen lokal begrenzte mukosale Infektion
Influenzaviren sind auf Infektionen der Schleimhautoberfläche spezialisiert. Ihre Infektion bleibt daher meist lokal auf die Epithelzellen der Atemwege, das heißt, auf eine mukosale Infektion beschränkt. Das Virus breitet sich entlang der apikalen Seite der Epithelzellen von Zelle zu Zelle aus, ohne dabei in tiefere Gewebeschichten zu gelangen. Selbst bei einer Ausbreitung von den oberen Atemwegen bis hin zur Lunge bleibt die Infektion auf die Schleimhautoberfläche begrenzt.
Die basolaterale Seite der Epithelzellen bleibt in der Regel unberührt, da sie für die Virusübertragung keine Rolle spielt. Würde das Virus aus der basolateralen Seite der Wirtszelle austreten, könnte es ins umliegende Gewebe und letztlich in das Blut- oder Lymphsystem gelangen, was zu einer systemischen Infektion führen könnte. Für Influenzaviren wäre dies jedoch von Nachteil, da sie dann einer stärkeren Immunabwehr ausgesetzt wären und die Übertragung über die Atemwege erschwert würde.
In seltenen Fällen – besonders bei stark geschwächten Personen – kann das Virus jedoch die Epithelbarriere durchbrechen und in das darunterliegende Gewebe sowie in Blut- oder Lymphgefäße eindringen und zu einer systemischen Infektion führen.

Abb. 2-Q: Unterschied zwischen einer mukosalen Infektion und einer systemischen Infektion Die Schleimhaut besteht aus mehreren Schichten: Epithelzellen bilden die äußere Schutzschicht, die Basalmembran trennt als dünne Barriere, die Lamina propria stützt mit Gewebe und Immunzellen, die Endothelzellen bilden die Wand der Blutgefäße, und das Blutgefäß führt ins Körperinnere.
Links – Mukosale Infektion (begrenzt auf die Schleimhaut): Das Virus infiziert Epithelzellen ausschließlich über die apikale Seite. Es verbleibt in der Schleimhaut, wobei es von Zelle zu Zelle entlang der apikalen Oberfläche weitergegeben wird. Die Basalmembran und darunterliegende Gewebe wie die Lamina propria bleiben intakt. Eine mukosale Infektion ist lokal begrenzt und begünstigt die Übertragung über die Schleimhäute, etwa durch Atemwege.
Rechts – Systemische Infektion (Ausbreitung über das Blut): Das Virus tritt auf der apikalen Seite in die Epithelzellen ein, verlässt sie jedoch über die basolaterale Seite. Es durchdringt die Basalmembran und bewegt sich durch die Lamina propria, entweder durch Wanderung oder durch Infektion der dortigen Zellen. Schließlich erreicht es ein Blutgefäß, indem es durch Spalten zwischen Endothelzellen oder durch direkte Infektion der Endothelzellen in das Gefäßsystem eindringt. Der Eintritt des Virus in die Blutbahn markiert den Übergang zu einer systemischen Infektion. Eine systemische Infektion ist kritisch, weil das Virus über das Blut den ganzen Körper erreichen kann und so lebenswichtige Organe wie Lunge, Herz oder Gehirn schädigen könnte.
2.7. Virenstrategie: Effiziente Vermehrung ohne rasche Zellzerstörung
Manche Viren – darunter auch Influenzaviren – sind erstaunlich ökonomisch: Statt ihre Wirtszelle sofort zu zerstören, nutzen sie deren Ressourcen möglichst effizient aus. Warum die Wohnung abfackeln, wenn man monatelang kostenlos wohnen kann? Solange die Zelle intakt bleibt, liefert sie alles, was das Virus zur Replikation braucht: Energie, Enzyme, Bausteine. Und auch das Immunsystem merkt erst später, dass was faul ist – denn wo nichts brennt, wird kein Alarm ausgelöst. Diese Strategie verlängert das Leben der infizierten Zelle, verzögert die Immunantwort – und maximiert die Produktion neuer Viren.
Viren-Weisheit: Die besten Parasiten bleiben unterm Radar!
2.8. Zerstörung der Wirtszelle
Was mit listiger Schonung beginnt, endet in molekularem Burnout: Die infizierte Zelle erleidet letztlich den Zelltod. Dieser tritt ein, wenn die Zelle entweder durch die Massenproduktion der Viren überlastet und strukturell geschädigt wird, durch zelluläre Schutzmechanismen in den programmierten Zelltod (Apoptose) übergeht oder vom Immunsystem gezielt eliminiert wird. Diese charakteristischen Veränderungen der Wirtszelle durch das Virus werden als zytopathische Effekte (CPE) bezeichnet. Dieser gesamte Prozess kann bereits innerhalb von 24 Stunden nach der Infektion stattfinden.
Um den Zelltod durch Influenzaviren besser zu verstehen, betrachten wir die drei Mechanismen, durch die die Wirtszelle schließlich zerstört wird.
a) Überlastung und strukturelle Schädigung
b) Apoptose: Programmierter Zelltod zur Virusbekämpfung
c) Immunantwort: Zerstörung durch das Immunsystema) Überlastung und strukturelle Schädigung
Das Virus übernimmt die zellulären Prozesse zur Produktion seiner eigenen Bestandteile. Mit jeder neuen Generation viraler Proteine und RNA wird die Energie und Ressourcenkapazität der Zelle zunehmend aufgebraucht. Da die Zelle praktisch nur noch für die Virusvermehrung arbeitet, kommen ihre eigenen überlebenswichtigen Prozesse zum Erliegen. Die Zelle wird zur ausgepressten Zitrone – Ribosome laufen heiß, Mitochondrien kollabieren.

Abb. 2-R: Ressourcenkapazität: gesunde Zelle vs. infizierte Zelle Links: Gesunde Zelle mit funktionierender zellulärer Maschinerie. Die körpereigene mRNA (orange) wird von den Ribosomen gelesen, um Proteine für die Zellfunktionen herzustellen. Die Zelle zeigt eine lebhafte Färbung, die auf die volle Ressourcenkapazität und Energie hinweist. Rechts: Virusinfizierte Zelle, stark belastet durch die Produktion viraler Bestandteile. Die virale mRNA (gelb) verdrängt zunehmend die körpereigene mRNA, und die Ribosomen lesen überwiegend virale Anweisungen für die Virusvermehrung. Die blasse Färbung der Zellorganellen symbolisiert die Erschöpfung der Energiereserven und die Überlastung der Zelle.
Während der Knospung an der Zellmembran – wenn neue Viruspartikel die Zelle verlassen – wird die Zellmembran mehrfach durchbrochen und verformt. Dieser Prozess führt letztlich zur Zerstörung der Membranintegrität, wodurch die Zelle ihre Stabilität und ihre schützenden Funktionen verliert. Die Zelle stirbt schließlich durch den unaufhörlichen Ressourcenverbrauch und den strukturellen Zerfall infolge der Virusfreisetzung.

Abb. 2-S: Strukturelle Schädigung der infizierten Zelle nach dem Knospungsvorgang und der Freisetzung neuer Viren Während des Knospens bildet die Membran kleine Ausstülpungen, aus denen die neuen Viren freigesetzt werden. Jedes Knospungsereignis entzieht der Zellmembran kleine Teile ihrer Lipiddoppelschicht, da die neu entstehenden Viren Membranmaterial der Wirtszelle als ihre Hülle verwenden. Nach wiederholten Virusfreisetzungen ist die Membran deutlich ausgedünnt und strukturell geschwächt, die Membran zeigt oft Verformungen und Unebenheiten. Die dauerhafte Belastung durch die Knospung führt dazu, dass die Membran poröser und anfälliger wird. Die Zelle verliert zunehmend die Fähigkeit, ihren inneren Zustand zu regulieren und kann ihre selektive Durchlässigkeit für Ionen und Moleküle kaum noch aufrechterhalten. Da die Membran fortwährend geschädigt wird, geht ihre strukturelle Stabilität verloren. Letztlich kann die Membran so stark beeinträchtigt werden, dass sie reißt oder zerfällt, was zum Zelltod führt.
b) Apoptose: Programmierter Zelltod zur Virusbekämpfung
Wenn eine Zelle merkt, dass sie gekapert wurde, zieht sie manchmal die Notbremse – und opfert sich für das größere Ganze: Sie bringt sich selbst um, um die Ausbreitung zu stoppen. Der Plan: Den Feind mit ins Grab nehmen. Statt mit einem Knall zu sterben, zerfällt die Zelle kontrolliert in kleine Fragmente, die sogenannte Apoptose-Körper bilden, welche anschließend von Immunzellen abgebaut werden.
Dabei laufen präzise Prozesse ab: Die DNA wird zerschnitten, die Zellmembran bildet typische blasenartige Ausstülpungen (sogenannte Blebbing), die inneren Strukturen werden fein säuberlich recycelt. Die Zelle stirbt still – und schützt damit den Organismus.
Dieser Mechanismus beweist – Zellen haben mehr Ehre als manche Regierungen!

Abb. 2-T: Das Bild zeigt die Phasen der Apoptose in einer virusinfizierten Zelle in drei Schritten. Gesunde Zelle: Links ist eine intakte Zelle dargestellt, deren Zellmembran und Zellkern unversehrt sind. Der Zellkern enthält vollständige DNA-Stränge, und die Zelle zeigt keine Anzeichen von Stress oder Schädigung.
Infizierte Zelle – Einleitung der Apoptose: Im mittleren Abschnitt beginnt die Zelle sichtbare Veränderungen zu zeigen. Die Zellmembran bildet blasenartige Ausstülpungen (Blebbing), und der Zellkern schrumpft. Innerhalb des Zellkerns sind DNA-Bruchstücke sichtbar, die durch apoptotische Prozesse entstehen. Diese Phase stellt den Übergang von einer funktionierenden Zelle zu ihrem kontrollierten Zerfall dar.
Apoptose: Rechts zerfällt die Zelle in mehrere kleine Fragmente, sogenannte Apoptose-Körper. Im Hintergrund ist eine Immunzelle (Makrophage) dargestellt, die diese Fragmente aufnimmt und abbaut. Dies verhindert die Freisetzung viraler Bestandteile und schützt das umliegende Gewebe vor einer weiteren Infektion.c) Immunantwort: Zerstörung durch das Immunsystem
Sobald das Immunsystem eine virusinfizierte Zelle entdeckt, schlägt es Alarm – und das heißt Ärger für das Virus! Spezialisierte Kämpfer wie natürliche Killerzellen (NK-Zellen) und zytotoxische T-Zellen stürzen sich ins Gefecht. Sie erkennen die infizierten Zellen anhand viraler Proteinsignale, die wie Warnflaggen auf der Zell-Oberfläche wehen. Mit tödlicher Präzision setzen sie toxische Moleküle frei, zerstören die Zelle und bremsen so die Virusvermehrung aus!
Wer mehr über diese faszinierende Abwehrschlacht wissen will, findet Details in „Die Wunderwelt des Lebens“, besonders in Kapitel 5.3 d) „Natürliche Killerzellen“ und Kapitel 5.5.7 b) „Zytotoxische T-Zellen“.
NK-Zellen und zytotoxische T-Zellen sind ein unschlagbares Team – sie jagen und eliminieren virale Bedrohungen und halten die Infektion in Schach.
Regeneration der Epithelzellen
Wie bereits erwähnt, befällt das Influenzavirus vor allem die Epithelzellen der Atemwege – insbesondere die Zellen der Nasenschleimhaut, der Bronchien und der Lungenbläschen (Alveolen). Durch die Virusvermehrung sowie die Immunabwehr, insbesondere durch natürliche Killerzellen (NK-Zellen) und zytotoxische T-Zellen, werden viele dieser Zellen stark geschädigt oder zerstört.
Sobald die akute Infektion eingedämmt ist, setzt der Reparaturprozess ein: Spezialisierte Stammzellen beginnen mit der Regeneration des Gewebes. Sie vermehren sich und entwickeln sich zu den verschiedenen Epithelzelltypen, die für die Wiederherstellung der Atemwege benötigt werden.
- Obere Atemwege (Nase, Bronchien): Neue Zilienzellen entstehen, deren feine Härchen (Zilien) Schleim und Fremdpartikel nach oben transportieren. Zudem werden Becherzellen gebildet, die den Schleim produzieren und so die Atemwege feucht und geschützt halten.
- Lunge (Alveolen): Hier werden die geschädigten, flachen Epithelzellen ersetzt, die den Sauerstoffaustausch zwischen Luft und Blut ermöglichen.
Die Regeneration dauert je nach Schwere der Infektion unterschiedlich lange. Bei einer milden Erkrankung kann das Epithel innerhalb von ein bis zwei Wochen vollständig erneuert sein. Nach schwereren Infektionen, etwa bei einer Influenza-Pneumonie, kann der Heilungsprozess jedoch mehrere Wochen in Anspruch nehmen. Sobald die neuen Zellen eine dichte Schicht bilden, ist die Schutzfunktion der Atemwege wiederhergestellt. In den meisten Fällen erfolgt die Regeneration vollständig – bei sehr schweren Schäden können jedoch Narben oder strukturelle Veränderungen im Epithel zurückbleiben.
2.9. Selbstbegrenzung gefährlicher Viren: Warum sie selten Pandemien auslösen
Hochgefährliche Viren, die ihren Wirt rasch töten, begrenzen ihre eigene Verbreitung. Wenn ein Virus seinen Wirt so schnell schädigt, dass dieser keine Zeit hat, andere zu infizieren, wird die Übertragungskette effektiv unterbrochen. Ein Beispiel dafür ist das Ebola-Virus, das oft lokal begrenzt bleibt und daher selten Pandemien auslöst.
Im Gegensatz dazu lösen Viren mit moderater Pathogenität häufiger globale Ausbrüche aus. Moderate Pathogenität beschreibt die Fähigkeit eines Erregers, Krankheiten auszulösen, ohne dabei extrem schwere oder tödliche Verläufe bei den meisten Infizierten zu verursachen. Solche Viren führen typischerweise zu milden bis mittelschweren Symptomen, die es den infizierten Personen ermöglichen, weiterhin mobil und sozial aktiv zu bleiben. Dadurch erhöhen sich die Chancen für die Weitergabe des Virus an andere. Beispiele dafür sind viele Influenzaviren. Schwere Verläufe einer Influenza-Infektion treten dabei vorwiegend bei Personen mit geschwächtem Immunsystem, höherem Alter oder bestehenden Grunderkrankungen auf. In diesen Fällen sind eine sorgfältige medizinische Überwachung und eine intensivierte Behandlung angebracht, um schwere Komplikationen zu verhindern.
Die erfolgreichsten Viren sind nicht die, die uns umbringen – sondern die, die uns gerade so am Leben lassen, dass wir ihre Drecksarbeit erledigen.
2.10. Warum macht das Virus manche Menschen krank und andere nicht?
💡Hinweis: Für ein besseres Verständnis dieses Abschnitts empfehlen wir das Kapitel 5 in der Abhandlung „Die Wunderwelt des Lebens“. Dort werden die Grundlagen zum Immunsystem auf anschauliche Weise erklärt.
Nicht jede Person, die sich mit dem Influenzavirus infiziert, erkrankt gleich schwer: Manche haben nur leichte Symptome wie einen Schnupfen, andere entwickeln eine schwere Grippe mit Fieber und Atemnot, und einige bleiben sogar völlig symptomfrei. Warum ist das so? Die Antwort liegt in einer komplexen Wechselwirkung zwischen dem Virus und dem Wirt – also dem Menschen, der infiziert wird. Mehrere entscheidende Faktoren spielen dabei eine Rolle:
Das Immunsystem des Wirts
Jeder Mensch hat ein individuelles Immunsystem, das unterschiedlich gut auf das Influenzavirus reagiert. Frühere Grippeinfektionen können eine Teilimmunität bieten, weil das Immunsystem Antikörper und Gedächtniszellen entwickelt hat, die das Virus schneller erkennen und bekämpfen. Ein starkes Immunsystem kann die Infektion so im Keim ersticken, während ein geschwächtes Immunsystem (z. B. bei älteren Menschen oder chronisch Kranken) oft überfordert ist.
Die Viruslast
Die Menge an Viruspartikeln, die beim ersten Kontakt in den Körper gelangen – die sogenannte Viruslast –, beeinflusst den Verlauf der Infektion. Bei einer geringen Viruslast kann das angeborene Immunsystem die Eindringlinge schnell erkennen und zerstören, bevor sie sich stark vermehren. Eine hohe Viruslast, z. B. durch engen Kontakt mit einer infizierten Person, stellt jedoch eine größere Herausforderung dar und kann das Infektionsgeschehen verstärken.
10 Viren im Rachen? Kein Problem.
10.000 Viren? Ab ins Bett!Die genetische Veranlagung des Wirts
Zwei Menschen, ein Virus – doch nur einer wird krank. Manche Menschen tragen genetische Varianten in ihrem Immunsystem, die sie anfälliger oder widerstandsfähiger gegen das Influenzavirus machen. Zum Beispiel können Unterschiede in Genen, die Immunrezeptoren steuern, beeinflussen, wie gut das Immunsystem das Virus erkennt.
Es gibt zahlreiche Studien, die die unterschiedlichen Immunantworten aufgrund der genetischen Veranlagung untersuchen:
Die Studie „IFITM3: How genetics influence influenza infection demographically” zeigte, dass Menschen mit bestimmten Varianten des IFITM3-Gens (Interferon-induziertes Transmembranprotein 3) seltener schwere Grippeerkrankungen entwickeln, weil dieses Gen die Vermehrung des Influenzavirus in Zellen hemmt.
Die Studie „HLA targeting efficiency correlates with human T-cell response magnitude and with mortality from influenza A infection” untersuchte, wie HLA-Allele (MHC-Klasse-I) die T-Zell-Antwort auf das Influenzavirus beeinflussen. Sie fand heraus, dass bestimmte HLA-Allele effizienter Influenza-Peptide präsentieren und eine stärkere T-Zell-Antwort auslösen. Menschen mit diesen Allelen hatten mildere Verläufe bei Grippeinfektionen, während andere Allele mit schwächeren T-Zell-Antworten und höherer Mortalität assoziiert waren. Das zeigt, dass genetische Unterschiede in MHC-Molekülen direkt die Schwere einer Influenzainfektion beeinflussen können.
Die Mutantenwolke des Virus
Wie bereits erwähnt, existiert das Influenzavirus nicht als einheitlicher Stamm, sondern als eine „Mutantenwolke“ – eine Vielfalt genetischer Varianten, die durch die fehleranfällige RNA-Polymerase entstehen. Manche Varianten in dieser Wolke sind aggressiver, weil sie z. B. besser an Zellen binden oder dem Immunsystem entgehen. Welche Variante dominiert, kann entscheiden, wie schwer die Infektion verläuft.
Die Gewebespezifität des Virus
Influenzaviren unterscheiden sich in ihrer Vorliebe für bestimmte Gewebe im Körper. Die meisten Stämme vermehren sich bevorzugt in den oberen Atemwegen (z. B. Nase und Rachen), was oft zu milderen Symptomen wie Halsschmerzen führt. Andere Stämme dringen tiefer in die Lunge vor und können eine schwere Lungenentzündung auslösen.
📌 Fazit: Ein Hoch auf die Vielfalt!
Die Interaktion zwischen Virus und Mensch ist wie Tinder für Mikroben – manche Matches sind harmlos, andere enden im Desaster. Entscheidend ist:
- Wirtspoker (Gene + Immunsystem)
- Virus-Roulette (Dosis + Mutationen)
- Gewebe-Tinder (Wo landet das Virus?)
Unser Körper ist kein passives Ziel – sondern ein lernendes System. Jeder Infekt ist ein Update fürs Immungedächtnis, jeder Virus ein Trainingspartner fürs Leben. Denn nur im Kampf wächst unser Schutzschild – ein Leben lang.

3. Ein Blick auf die Anfänge der Mikrobiologie – wie alles begann
Die Geschichte der Mikrobiologie ist eine Reise von der Unsichtbarkeit zur Klarheit, von Spekulationen zu konkretem Wissen. Ihre Ursprünge lassen sich bis ins 17. Jahrhundert zurückverfolgen, als die Neugier der Menschen und die technische Innovation erstmals eine verborgene Welt enthüllten.
3.1. Frühe Entdeckungen: Die ersten Blicke ins Unsichtbare
3.2. Die Geburt der modernen Mikrobiologie
3.3. Der Schritt in die Welt der Viren
3.4. Viren und die Koch’schen Postulate3.1. Frühe Entdeckungen: Die ersten Blicke ins Unsichtbare
Im Jahr 1665 war es Robert Hooke, der mit einem frühen Mikroskop erstmals Pflanzenzellen beschrieb und damit den Begriff „Zelle“ prägte.
Doch der wirkliche Durchbruch kam einige Jahre später mit Antonie van Leeuwenhoek. Mit seinen selbstgebauten, extrem leistungsfähigen Linsen beobachtete er 1676 erstmals winzige, lebendige Organismen, die er als „animalcules“ bezeichnete – kleine Tierchen, wie Bakterien und einzellige Lebewesen, die wir heute kennen. Van Leeuwenhoeks Entdeckungen eröffneten eine völlig neue Perspektive auf die Natur, doch das Wissen darüber, wie diese Organismen lebten oder Krankheiten verursachten, war noch weit entfernt.
3.2. Die Geburt der modernen Mikrobiologie
Es dauerte fast zwei Jahrhunderte, bis die Mikrobiologie systematisch erforscht wurde. Im 19. Jahrhundert erlebte das Fachgebiet einen Quantensprung. Louis Pasteur widerlegte die alte Vorstellung, dass Leben einfach aus dem Nichts entstehen könne (Theorie der Spontanzeugung), und bewies, dass Mikroorganismen für Prozesse wie Gärung und Fäulnis verantwortlich sind. Seine Arbeiten legten den Grundstein für die Keimtheorie der Krankheiten, die schließlich von Robert Koch weiterentwickelt wurde.
Kochs Forschung führte 1876 zu einem entscheidenden Meilenstein: den Koch’schen Postulaten. Diese Regeln ermöglichten es erstmals, Mikroorganismen als spezifische Verursacher von Krankheiten zu identifizieren. Kochs Arbeit revolutionierte die Bakteriologie und machte es möglich, Krankheitserreger wie den Milzbranderreger (Bacillus anthracis) und später auch den Tuberkulose-Erreger eindeutig nachzuweisen.
Doch während die Mikrobiologie mit der Erforschung von Bakterien große Fortschritte machte, blieben Viren lange im Verborgenen. Selbst die besten Mikroskope der damaligen Zeit konnten diese winzigen, unsichtbaren Partikel nicht abbilden.
3.3. Der Schritt in die Welt der Viren
Das Ende des 19. Jahrhunderts brachte den nächsten Durchbruch. Dmitri Iwanowski zeigte 1892, dass ein filtrierter Extrakt aus Tabakpflanzen, die an der Tabakmosaikkrankheit litten, infektiös blieb, obwohl er durch Porzellanfilter geleitet wurde, die Bakterien zurückhielten. Martinus Beijerinck bestätigte diese Beobachtungen und prägte den Begriff „Virus“ (vom lateinischen Wort für „Gift“ oder „Schleim“) für den mysteriösen, nicht-bakteriellen Erreger. Damit begann die systematische Erforschung dieser neuen Welt.
Der wahre Zugang zur Welt der Viren wurde jedoch erst mit dem Elektronenmikroskop möglich, das in den 1930er Jahren entwickelt wurde. Erst dann konnten Wissenschaftler Viren sichtbar machen und ihre Struktur verstehen.
3.4. Viren und die Koch’schen Postulate
In Diskussionen über den Nachweis von Viren werden oft die Koch’schen Postulate als Maßstab herangezogen, um die Existenz von Viren infrage zu stellen. Doch wie passen diese Postulate, die im 19. Jahrhundert entwickelt wurden, in das heutige Verständnis von Infektionskrankheiten? Ein Blick auf die historischen Hintergründe und die wissenschaftliche Weiterentwicklung hilft, diese Frage zu klären.
Die Koch’schen Postulate: Ein wissenschaftlicher Meilenstein
Robert Koch (1843–1910), einer der Begründer der modernen Bakteriologie, entwickelte die nach ihm benannten Postulate, um den Zusammenhang zwischen Mikroorganismen und Infektionskrankheiten zu beweisen. Sie wurden 1890 auf dem 10. Internationalen Medizinischen Kongress vorgestellt und bestehen aus vier Kriterien:
Postulat 1: Der Mikroorganismus muss in jedem Fall der Krankheit nachgewiesen werden, sollte aber nicht in gesunden Organismen vorkommen.
Postulat 2: Der Mikroorganismus muss aus dem erkrankten Organismus isoliert und in Reinkultur gezüchtet werden.
Anmerkung: Eine Reinkultur bedeutet, dass nur eine einzige Art von Mikroorganismen gezüchtet wird, ohne andere Arten dazwischen.Postulat 3: Ein zuvor gesundes Individuum zeigt nach einer Infektion mit dem Mikroorganismus aus der Reinkultur die gleichen Symptome wie das Individuum, von dem der Mikroorganismus ursprünglich stammt.
Postulat 4: Der Mikroorganismus muss erneut aus dem Versuchswirt isoliert und als derselbe identifiziert werden.
Diese bahnbrechenden Prinzipien legten den Grundstein für die experimentelle Medizin und die Keimtheorie der Krankheiten.
Robert Koch: Ein Pionier gegen Widerstände
Robert Koch untersuchte die Erreger von Krankheiten wie Tuberkulose, Cholera und Milzbrand. Für seine Forschungen reiste er oft in Seuchengebiete, wie Kalkutta zur Untersuchung der Cholera oder Bombay während der Beulenpest. Koch verbrachte Monate in diesen Ländern, immer nah am Zentrum der Seuchen. In seinem Laborzelt arbeitete er unermüdlich am Mikroskop.
Koch hatte jedoch mit erheblichem Widerstand zu kämpfen. Zu seiner Zeit war die Idee, dass Krankheiten durch mikroskopische Organismen verursacht werden, noch umstritten. Viele seiner Kollegen und Zeitgenossen waren skeptisch und lehnten seine Theorien ab. Wissenschaftler glaubten damals noch oft, dass Seuchen und Epidemien von sogenannten Miasmen – giftigen Dämpfen, die aus dem Erdreich aufsteigen – ausgelöst würden.
Trotz dieser Herausforderungen setzte sich Koch unermüdlich für seine Forschung ein. Er nutzte innovative Techniken seiner Zeit wie die Agarplatte und die Ölimmersionslinsen, um Bakterien zu kultivieren und zu untersuchen. Diese Methoden ermöglichten es ihm, wichtige Entdeckungen zu machen und das Verständnis von Infektionskrankheiten revolutionär zu verändern.

Abb. 3: Frühe Werkzeuge der Mikrobiologie: Agarplatte und Ölimmersionsmikroskop Links: Eine Agarplatte – ein fester Nährboden in einer Petrischale, dem Agar als Geliermittel zugesetzt wurde, um Bakterien gezielt zu kultivieren. Rechts: Ein Mikroskop mit Ölimmersionslinse – eine spezielle Mikroskoptechnik, bei der ein Tropfen Öl zwischen Objektiv und Probe die Lichtbrechung minimiert, sodass kleinste Mikroben schärfer sichtbar werden.
Herausforderungen und Grenzen der Postulate
Genau die seinen Theorien entgegengebrachte Skepsis veranlasste Koch, die Postulate aufzustellen, um den Beweis zu erbringen, dass es einen Zusammenhang zwischen den pathogenen Eigenschaften der Bakterien und der Krankheit gibt.
Koch selbst erkannte, dass seine Postulate nicht immer uneingeschränkt gelten. Ein bekanntes Beispiel ist seine Arbeit mit dem Cholera-Erreger Vibrio cholerae. Er fand heraus, dass dieser Mikroorganismus nicht nur bei erkrankten, sondern auch bei scheinbar gesunden Menschen vorkommen kann. Diese Entdeckung stellte das erste Postulat infrage und führte dazu, dass Koch die universelle Gültigkeit dieses Kriteriums aufgab.
Kochs Innovationsgeist
Koch war ein Pionier seiner Zeit. In seiner Rede auf dem 10. Internationalen Medizinischen Kongress erklärte er:
„Es war geboten, mit unwiderleglichen Gründen den Beweis zu führen, dass die bei einer Infectionskrankheit aufgefundenen Mikroorganismen auch wirklich die Ursache dieser Krankheit seien.“
Sein wissenschaftlicher Ansatz, Skeptiker durch strikte Nachweise zu überzeugen, war wegweisend. Doch er selbst erkannte, dass neue Technologien und Methoden nötig sind, um weiterführende Fragen zu beantworten:
„Mit den zu Gebote stehenden experimentellen und optischen Hülfsmitteln war auch nicht weiter zu kommen und es wäre wohl noch geraume Zeit so geblieben, wenn sich nicht gerade damals neue Forschungsmethoden geboten hätten, welche mit einem Schlage ganz andere Verhältnisse herbeiführten und die Wege zu weiterem Eindringen in das dunkle Gebiet öffneten, mit Hülfe verbesserter Linsensysteme …“
In Bezug auf schwer nachweisbare Krankheitserreger wie die der Influenza oder des Gelbfiebers bemerkte er:
„Ich möchte mich der Meinung zuneigen, dass es sich bei den genannten Krankheiten gar nicht um Bakterien, sondern um organisierte Krankheitserreger handelt, welche ganz anderen Gruppen von Mikroorganismen angehören.“
Koch war damit den Viren bereits auf der Spur, konnte sie jedoch aufgrund der zu seiner Zeit begrenzten technischen Möglichkeiten nicht eindeutig identifizieren. Er erkannte jedoch, dass diese unsichtbaren Erreger existieren mussten.
Warum Viren die Koch’schen Postulate sprengen
Koch‘s Forschungsergebnisse entsprachen dem damaligen Entwicklungsstand der Wissenschaft. Die Mikrobiologie befand sich im 19. Jahrhundert noch in einer frühen Entwicklungsphase, in der grundlegende Prinzipien erst entdeckt und systematisch erforscht wurden. Die Virologie als eigenständiges Feld entstand erst nach Kochs Zeit, als Dmitri Iwanowski und Martinus Beijerinck infektiöse Partikel entdeckten, die kleiner waren als Bakterien. Mit der Erfindung des Elektronenmikroskops in den 1930er Jahren konnten Viren schließlich sichtbar gemacht werden. Viren unterscheiden sich jedoch fundamental von Bakterien, weshalb die Koch’schen Postulate oft nicht direkt auf sie anwendbar sind:
➤ Wirtabhängigkeit: Viren können sich nur in lebenden Wirtszellen vermehren und lassen sich nicht in einer Reinkultur züchten.
➤ Asymptomatische Infektionen: Viele Virusinfektionen verlaufen ohne Symptome, was die Zuordnung von Erreger und Krankheit erschwert.
➤ Komplexe Nachweisverfahren: Moderne molekularbiologische Methoden wie PCR ermöglichen den Nachweis von viralen Genomsequenzen, was eine Erweiterung der klassischen Postulate erfordert.Koch und die heutige Wissenschaft
Robert Koch und seine Zeitgenossen legten den Grundstein für die Mikrobiologie, insbesondere durch die Entwicklung von Methoden zur Isolierung und Kultivierung von Bakterien. Die Keimtheorie der Krankheiten war damals ein Meilenstein in der Wissenschaftsgeschichte. Koch wusste, dass die Wissenschaft ständig im Wandel begriffen ist. Hätte Koch Zugang zu modernen Technologien wie PCR, Sequenzierung oder Elektronenmikroskopen gehabt, hätte er seine Methodik angepasst?
Moderne Technologien wie PCR und Sequenzierung werden in den kommenden Kapiteln vorgestellt.
Seine Schlussworte beim Kongress von 1890 geben die Antwort und zeigen seinen Optimismus für die Zukunft:
„Lassen Sie mich mit dem Wunsche schließen, dass sich die Kräfte der Nationen auf diesem Arbeitsfelde und im Kriege gegen die kleinsten, aber gefährlichsten Feinde des Menschengeschlechts messen mögen und dass in diesem Kampfe zum Wohle der gesammten Menschheit eine Nation die andere in ihren Erfolgen immer wieder überflügeln möge.“
Hätte Robert Koch die heutigen Möglichkeiten der Molekularbiologie, Virologie und Immunologie erleben können, wäre er vermutlich fasziniert gewesen – nicht nur von den neuen Erkenntnissen, sondern auch von den revolutionären Methoden, die es ermöglichen, selbst die kleinsten Erreger sichtbar zu machen. Denn genau darin lag sein Antrieb: Unsichtbares erkennbar zu machen, das Verborgene zu entschlüsseln. Wie hätte er wohl auf die ersten Bilder eines Virus unter dem Elektronenmikroskop reagiert?
Von den ersten Beobachtungen zur modernen Wissenschaft
Was einst mit staubigen Linsen und ratlosen Blicken begann, ist heute Hightech bis auf Molekülebene. Mit jeder neuen Technologie blicken wir tiefer in den Mikrokosmos. Die Mikrobiologie hat das Unsichtbare sichtbar gemacht – aber erst die moderne Technik erlaubt es uns, das Unsichtbare wirklich zu verstehen. Heute spüren wir Viren auf, die sich jahrhundertelang unserem Blick entzogen haben.
Und wie wir dem Unsichtbaren heute auf die Spur kommen – das ist die Geschichte des nächsten Kapitels.

4. Moderne Methoden zur Entdeckung und Analyse von Viren
Bisher haben wir uns mit dem Thema Viren vertraut gemacht. In diesem Kapitel wechseln wir die Perspektive: vom Staunen zum Messen. Denn ohne die Methoden der modernen Biologie wüssten wir kaum etwas über Viren – ihre Formen, ihr Erbgut, ihre Vielfalt.
Was folgt, ist ein Blick in den Maschinenraum der Wissenschaft. Zugegeben, ein technischer Abschnitt – aber er ist wichtig: Denn hier wird sichtbar, wie wir das Unsichtbare überhaupt zu fassen kriegen.
Wer gerne verstehen möchte, wie man Viren heute sichtbar macht, entschlüsselt, katalogisiert und analysiert, der findet hier eine Art Werkzeugkasten des 21. Jahrhunderts.
Doch wann und warum greifen wir zu diesen Werkzeugen?
Die Identifikation von Viren kann unterschiedliche Ziele verfolgen: Manche Viren rücken durch ihre Auswirkungen auf Menschen, Tiere oder Pflanzen in den Fokus, während andere in Umweltproben oder unerforschten Lebensräumen entdeckt werden, um ihre ökologische Bedeutung zu verstehen. Der Nachweis bekannter Viren dient vor allem der Diagnostik, während die Identifikation unbekannter Viren Einblicke in die biologische Vielfalt und Evolution ermöglicht.
Da Viren keine universellen Merkmale wie eine gemeinsame Zellstruktur besitzen, konzentrieren sich Nachweismethoden auf ihre genetische Information, ihre Struktur oder ihre Wechselwirkungen mit Wirtszellen. Der Nachweisprozess folgt keinem starren Schema, sondern kombiniert verschiedene Schritte, die je nach Fragestellung und Virusart variieren.
In den folgenden Abschnitten werden die zentralen Verfahren zur Virusidentifikation detailliert erläutert – von der Probenentnahme bis hin zur bioinformatischen Analyse.
Vorgehensweisen zur Identifikation von Viren
4.1. Probenentnahme
4.2. Probenaufbereitung
4.2. a) Filtration
4.2. b) Zentrifugation
4.2. c) Präzipitation
4.2. d) Chromatographie
4.3. Zellkultur
4.4. Viren sichtbar machen
4.4. a) Elektronenmikroskopie
4.4. b) Kristallisation
4.4. c) Kryo-Elektronenmikroskopie
4.4. d) Kryo-Elektronentomographie
4.4. e) Zusammenfassung
4.5. Der genetische Fingerabdruck der Viren
4.5.1. Nukleinsäure-Extraktion
4.5.2. Nukleinsäure-Amplifikation
4.5.3. Sequenzierung
4.5.3. a) First Generation: Sanger-Sequenzierung
4.5.3. b) Second Generation: Next-Generation Sequencing (NGS)
4.5.3. c) Third Generation: Echtzeit-Sequenzierung
4.5.3. d) Emerging Technologies: Zukunft der Sequenzierung
4.6. Bioinformatische Analyse4.1. Probenentnahme
Bevor wir Viren auf die Schliche kommen, müssen wir sie erst einmal finden – und das ist wie eine Schatzsuche im Mikroformat, mit Verstecken von Blut bis Tiefseeschlamm. Ob Mensch, Pflanze oder Ozean: Viren verstecken sich überall, und Forscher werden zu Detektiven mit Pipetten, Schutzanzug und Spezialausrüstung.

Abb. 4: Probenentnahme: A) beim Menschen, B) vom Boden, C) aus marinen Ökosystemen [Tara Oceans-Mission] Menschliche Proben
Wer kennt es nicht? Ein Wattestäbchen tief im Nasen-Rachen-Raum – der Klassiker, seit Corona jedem ein Begriff. Doch Viren lauern nicht nur in Schleimhäuten, sondern auch in Blut, Stuhl oder Gewebe. Ähnlich wie ein Dieb DNA-Spuren hinterlässt, verraten sie sich durch ihre genetischen Überreste. Entscheidend ist, dass die Probe sauber entnommen und schnell verarbeitet wird – idealerweise auch möglichst schonend (und schmerzfrei?) für den Patienten. Auch Pflanzen, Tiere oder Insekten liefern Probenmaterial, um Virusvorkommen in ganz unterschiedlichen biologischen Systemen zu untersuchen.Umweltproben
Wasser, Erde, sogar Luft – Viren hängen überall rum. Forschende fischen sie aus Flüssen, buddeln sie aus dem Boden oder saugen sie mit Hightech-Filtern direkt aus der Atmosphäre.Extremkandidaten: Viren unter Extrembedingungen
In der Tiefsee, im ewigen Eis oder in brodelnden Vulkanquellen – Viren zählen zu den härtesten Überlebenskünstlern überhaupt. Um sie dort zu erwischen, braucht es spezielle Sonden, die wie Raumschiff-Fangarme in die Tiefe greifen: „Huch, was schwimmt denn da in 4000 Metern Tiefe? Einfach mal mitnehmen!“Mehr zum Ozean
Viren spielen eine zentrale, oft unterschätzte Rolle für die Gesundheit der Ozeane. Wo Leben existiert, gibt es auch Viren – unsichtbare, aber allgegenwärtige Akteure, die zahlenmäßig jede andere biologische Einheit übertreffen. Sie kontrollieren das Ökosystem ähnlich wie große Raubtiere, indem sie Populationen regulieren und so das ökologische Gleichgewicht bewahren.
Ein herausragendes Forschungsprojekt war die Tara Oceans Expedition (2009–2013). Ziel dieses vierjährigen Projekts war es, das mikrobielle Leben in den Ozeanen und dessen Einfluss auf das globale Ökosystem zu erforschen. Wissenschaftler sammelten weltweit über 35.000 Proben von Plankton, Algen, und Viren.
Im Rahmen der Expedition entdeckte das Forschungsteam über 5.000 neue RNA-Virusarten, darunter die faszinierenden Mirusviren. Diese Entdeckungen erweitern unser Verständnis der Vielfalt, Evolution und Ökologie der Ozeane.
Wenn dich diese Expedition interessiert, schau dir die Tara Oceans Videos an (kurz oder lang).
Transport: Der VIP-Service für Viren
Damit die winzigen Verdächtigen nicht unterwegs kaputtgehen, geht’s für sie nach der Entnahme schnell in die Kühlkette. Tiefkühltransporte und sterile Verpackungen sind Pflicht, sonst zerfällt die „virale Beute“ schneller als ein Eiswürfel in der Sahara.Doch eine gute Probe ist nur der Anfang.
Was wir in Röhrchen, Tupfer oder Tiefkühlbox nach Hause bringen, ist meist ein biologisches Wimmelbild: Zelltrümmer, Bakterien, Proteine – und irgendwo dazwischen ein paar Viren, winzig und verborgen. Jetzt heißt es: sortieren, reinigen, konzentrieren – bevor die eigentliche Analyse überhaupt beginnen kann.
4.2. Probenaufbereitung
In jeder Probe verstecken sich Viren wie Nadeln im mikrobiellen Heuhaufen – der Grund, warum wir putzen müssen, bevor die Virusjagd beginnen kann:
- 99 % Ballast: Zelltrümmer, Proteine, Bakterien
- 1 % Zielobjekt: Winzige Virionen, die wir isolieren wollen
Der Großteil einer biologischen Probe besteht aus nicht-viralem Material – was die gezielte Untersuchung enorm erschwert. Deshalb ist die Probenaufbereitung ein unverzichtbarer Zwischenschritt: Sie entfernt Verunreinigungen, reichert virale Partikel an und bereitet das Material für die eigentliche Analyse vor. Ihr Ablauf variiert je nach Probenart, Analyseziel und gesuchtem Virus.
Probenaufbereitung ist wie Goldwaschen: Man braucht Geduld, das richtige Sieb – und die Hoffnung, dass in jedem Eimer Schlamm ein Nugget glänzt.
Zu den wichtigsten Techniken zählen:
a) Filtration
b) Zentrifugation
c) Präzipitation
d) Chromatographiea) Filtration – Das Mega-Sieb

Die Filtration ist ein erster Reinigungsschritt, bei dem größere Partikel und grobe Verunreinigungen entfernt werden.
So lassen sich virale Partikel gezielt von größeren Strukturen wie Bakterien oder Zellfragmenten trennen.
Funktion: Hält Bakterien & Zellmüll zurück – lässt nur Virionen passieren
Besonderheit: Spezialfilter mit Nanoporen (0,02 µm!)
Cool Fact: Manche Filter laden sich elektrostatisch auf, um Viren besser zu fangenMehr Infos
Die Filtration erfolgt üblicherweise mithilfe spezieller Membranfilter mit definierter Porengröße. Filter mit einer Porengröße von 0,2 Mikrometern werden häufig eingesetzt, da sie Bakterien und größere Partikel zuverlässig zurückhalten, während kleinere virale Partikel hindurchgelangen. Ein Beispiel aus der Praxis ist der Einsatz dieser Methode bei Wasserproben aus Umweltstudien, wo virale Partikel effektiv von anderen Mikroorganismen getrennt werden.
Eine weiterentwickelte Variante ist die Ultrafiltration, die Filter mit noch feineren Porengrößen im Bereich von 0,01 bis 0,1 Mikrometern verwendet. Diese Technik ermöglicht nicht nur die Entfernung von Bakterien, sondern auch die Abtrennung kleinerer Partikel.

Abb. 5-A: Schematische Darstellung des Filtrationsprozesses, die zeigt, wie eine unfiltrierte Probe durch einen Membranfilter geleitet wird. Der Membranfilter hält größere Partikel zurück, während virale Partikel und kleinere Partikel passieren und im Auffangbehälter gesammelt werden. Trotz ihrer Effektivität hat die Filtration einige Einschränkungen:
Reinheit: Kleinste Partikel oder gelöste Substanzen können nach der Filtration weiterhin in der Probe vorhanden sein.
Verstopfung: Insbesondere bei Proben mit hoher Partikelkonzentration kann die Filtermembran blockiert werden, was den Prozess erschwert.
Kapazität: Die Durchflussrate ist durch die Porengröße begrenzt, was die Filtration zeitaufwendig machen kann.Um eine möglichst reine Virusprobe zu erhalten, wird die Filtration häufig mit weiteren Reinigungsschritten wie Zentrifugation oder Chromatographie kombiniert. Diese zusätzlichen Methoden können die verbleibenden Verunreinigungen entfernen und die Qualität der Proben für nachfolgende Analysen optimieren.
b) Zentrifugation – Die Schwerkraft-Turbine

Die Zentrifugation ist eine zentrale Technik zur Trennung von Partikeln basierend auf ihrer Größe und Dichte.
Dieser Prozess nutzt die Zentrifugalkraft, die durch das Drehen der Probe mit hoher Geschwindigkeit erzeugt wird.
Prinzip: Schweres sinkt, Leichtes schwimmt – Viren landen dazwischen
Highspeed: Bis zu 100.000 U/min (eine Waschmaschine schafft 1.200)
Trick: Dichtegradienten trennen sogar Virus-Typen voneinanderMehr Infos
Funktionsweise der Zentrifugation
Wenn eine Lösung über längere Zeit bei Raumtemperatur stehen bleibt, setzen sich schwerere Partikel aufgrund der Schwerkraft langsam ab. Die Zentrifugation beschleunigt diesen Prozess erheblich, indem die Probe mit Geschwindigkeiten von mehreren tausend bis zu 100.000 Umdrehungen pro Minute (bei der Ultrazentrifugation) rotiert. Die extremen Zentrifugalkräfte führen dazu, dass Partikel je nach ihrer Dichte und Größe getrennt werden.

Abb. 5-B: Probe wird in die Zentrifuge gegeben. Um die empfindlichen Moleküle vor Überhitzung zu schützen, sind viele Zentrifugen mit Kühlsystemen ausgestattet, die eine gleichmäßige Temperatur während des gesamten Prozesses gewährleisten.
Typen der Zentrifugation
Differenzielle Zentrifugation
Trennprinzip: Partikel werden basierend auf ihrer Größe und Masse getrennt. Größere und schwerere Partikel setzen sich schneller ab als kleinere und leichtere.
Verfahren: Die Probe wird schrittweise mit steigenden Zentrifugalkräften behandelt. Nach jedem Schritt wird der Überstand (Supernatant), der die verbleibenden kleineren Partikel enthält, vorsichtig in ein neues Röhrchen überführt. Der Boden der ursprünglichen Zentrifugenröhre enthält das Pellet, in dem sich die größeren Partikel abgesetzt haben, und wird entfernt.
Anwendung: Diese Methode wird häufig genutzt, um Zellkomponenten, Organellen und Viren aus komplexen Gemischen zu isolieren.
Ein typisches Beispiel für die Vorbereitung von Proben zur Untersuchung auf unbekannte Viren ist die Gewinnung eines Zelllysats. Hierbei werden Zellen, die aus Gewebeproben oder Abstrichen isoliert wurden, durch chemische, physikalische oder enzymatische Verfahren aufgeschlossen. Dieser Schritt setzt virale Partikel frei, die innerhalb der Wirtszellen repliziert wurden. Anschließend wird das Zelllysat durch Zentrifugation oder Filtration gereinigt, um virale Komponenten von zellulären Trümmern zu trennen. Zelllysate sind besonders nützlich, wenn der Verdacht besteht, dass Viren in spezifischen Zelltypen oder Geweben verborgen sind.

Abb. 5-C: Differenzielle Zentrifugation Dichtegradientenzentrifugation
Trennprinzip: Partikel werden nach ihrer Dichte getrennt. Die Probe wird auf einen Dichtegradienten (meist Saccharose oder Cäsiumchlorid) aufgetragen und zentrifugiert. Während der Rotation wandern die Partikel zu der Position im Gradient, die ihrer eigenen Dichte entspricht.
Verfahren: Die Partikel kommen zur Ruhe an der Stelle, an der ihre Dichte mit der des Mediums übereinstimmt, was eine präzise Trennung ermöglicht.
Anwendung: Diese Methode eignet sich hervorragend, um Viren, Proteine und Nukleinsäuren aus komplexen Gemischen zu isolieren und zu analysieren.
Entnahme der viralen Fraktion
Nach der Zentrifugation wird die virale Fraktion typischerweise als eine klar abgegrenzte Schicht innerhalb der Zentrifugenröhre sichtbar. Diese Schicht kann vorsichtig mithilfe einer Pipette entnommen werden, um die Viren für weitere Analysen bereitzustellen. Die genaue Position der viralen Schicht hängt dabei von der genutzten Methode und den physikalischen Eigenschaften der Viren ab.

Abb. 5-D: Dichtegradientenzentrifugation In den meisten Fällen wird die Zentrifuge auf eine konstante Geschwindigkeit eingestellt, die ausreichend ist, um die Partikel im Dichtegradienten zu trennen. Diese Geschwindigkeit ist typischerweise sehr hoch (z. B. bei der Ultrazentrifugation bis zu 100.000 U/min), da die Trennung im Dichtegradienten von der ausreichenden Zentrifugalkraft abhängt.
Kombination der Methoden
Oft werden differenzielle und Dichtegradientenzentrifugation kombiniert, um eine höhere Reinheit und Präzision bei der Trennung der Partikel zu erreichen. Diese Methoden sind essenziell für die biomedizinische Forschung und Diagnostik, da sie eine präzise Trennung und Konzentration viraler Partikel ermöglichen.
c) Präzipitation – Der Chemie-Trick

Die Präzipitation (Fällung) ist eine bewährte Methode zur Isolierung und Reinigung von Viruspartikeln aus einer Lösung.
Dabei werden chemische Substanzen hinzugefügt, die die Löslichkeit der Viren herabsetzen und sie so aus der Lösung ausfällen lassen.
So geht’s: Chem. Substanzen machen Viren schwer & klebrig → sie fallen aus
Vorteil: Billig, simpel – aber nichts für empfindliche VirenMehr Infos
Der Vorgang umfasst mehrere Schritte und nutzt spezifische chemische Reaktionen, um die Viruspartikel effektiv zu konzentrieren.
Ablauf der Präzipitation
Vorbereitung der Probe: Vor der Präzipitation wird die Probe oft vorgereinigt, etwa durch Ultrafiltration oder Ultrazentrifugation, um größere Partikel und Verunreinigungen zu entfernen. Dies verbessert die Effizienz der Präzipitation.
Zugabe einer Fällungschemikalie: Eine Chemikalie wie Polyethylenglykol (PEG), Ethanol oder Ammoniumsulfat wird der Lösung zugeführt. Diese Stoffe verändern die chemischen Eigenschaften der Flüssigkeit, indem sie die Löslichkeit der Viruspartikel verringern.
Aussalzen: Beim Aussalzen konkurrieren die zugesetzten Salzionen oder Moleküle mit den Viruspartikeln um die verfügbaren Wassermoleküle. Da weniger Wassermoleküle für die Viren verfügbar sind, nimmt deren Löslichkeit ab, und sie beginnen, sich zusammenzuschließen. Dadurch entsteht ein sichtbarer Niederschlag, der als Fällung bezeichnet wird.Die Oberflächenladungen und die biochemischen Eigenschaften wie Größe und Dichte der Viruspartikel begünstigen ihre Fällung im Vergleich zu anderen Partikeln in der Lösung.
Zentrifugation (in der Abbildung: ZFG): Um die gefällten Viruspartikel zu konzentrieren, wird die Probe zentrifugiert. Dies beschleunigt das Absetzen der Viren, die sich als fester Niederschlag am Boden des Gefäßes sammeln.
Waschen: Das Pellet wird mit einem Puffer oder einer Lösung gewaschen, um verbleibendes PEG, Salze oder andere Verunreinigungen zu entfernen.
Ergebnis: Die Lösung enthält nun hauptsächlich die isolierten Viren, die für nachfolgende Analysen verwendet werden können.

Abb. 5-E: Präzipitation Nach der Zentrifugation befindet sich das Viruspellet am Boden des Reagenzglases, während der Überstand (Supernatant) oben liegt. Der Überstand wird vorsichtig abgesaugt oder abgepipettiert, um das Pellet nicht zu stören. Eine Waschlösung, meist ein Puffer wie PBS (phosphatgepufferte Salzlösung) oder ein ähnliches Medium, wird zum Pellet hinzugegeben. Das Volumen der Waschlösung ist in der Regel vergleichbar mit dem ursprünglichen Volumen der Probe, um genügend Verunreinigungen zu entfernen. Das Pellet wird durch sanftes Pipettieren, Vortexen (leichtes Rühren mit einem Vortexgerät) oder Umkippen des Reagenzglases resuspendiert, sodass es sich in der Waschlösung verteilt. Dieser Schritt sorgt dafür, dass verbleibende Verunreinigungen in die Waschlösung übergehen können. Nach dem Mischen wird das Reagenzglas erneut zentrifugiert. Dabei setzen sich die Viruspartikel wieder als Pellet ab. Die Waschlösung (Supernatant) wird vorsichtig entfernt, ohne das Pellet zu stören. Dieser Waschschritt wird je nach Bedarf ein- bis dreimal wiederholt, um sicherzustellen, dass möglichst viele Verunreinigungen entfernt werden. Nach dem letzten Waschschritt wird das Viruspellet in einer kleinen Menge Puffer (z. B. PBS oder einem Analysepuffer) resuspendiert, um es für nachfolgende Analysen vorzubereiten.
Vorteile der Präzipitation
Breit einsetzbar: Für viele Virenarten gut geeignet. Bei sehr empfindlichen Proben allerdings mit Vorsicht zu genießen: Vor allem behüllte Viren können durch osmotischen Stress oder unspezifische Aggregation geschädigt werden.
Hohe Ausbeute: Präzipitation ermöglicht eine effektive Konzentration und Reinigung mit minimalem Verlust an Material.
Einfache Anwendung: Der Prozess ist kostengünstig und erfordert keine hochkomplexen Geräte.Die Präzipitation eignet sich besonders, um große Mengen an Viren effizient zu isolieren.
d) Chromatographie – Die VIP-Lounge für Viren

Die Chromatographie ist ein hochpräziser Reinigungsschritt in der Virusaufbereitung.
Dabei werden virale Partikel anhand ihrer spezifischen physikalischen oder chemischen Eigenschaften von anderen Bestandteilen der Probe getrennt.
So geht‘s: Säulen trennen Viren nach Größe, Ladung oder Affinität
Vorteil: Besonders schonend, präzise und effizientMehr Infos
Prinzip der Chromatographie
Die Chromatographie ist eine Methode zur Trennung verschiedener Stoffe in einem Gemisch. Ganz allgemein gibt es in diesem Verfahren eine mobile (bewegliche) Phase und eine stationäre (unbewegliche) Phase. Die mobile Phase ist die Stoffmischung, die getrennt werden soll. Sie bewegt sich durch die stationäre Phase, die als Matrix bezeichnet wird. Die Stoffe in der mobilen Phase interagieren mit den Stoffen in der stationären Phase. Durch die Wechselwirkungen bewegen sich die einzelnen Komponenten im Stoffgemisch unterschiedlich schnell oder bleiben stecken. Somit können die verschiedenen Stoffe voneinander getrennt werden.Es gibt verschiedene Arten der Chromatographie. Eine häufig verwendete Variante ist die Ionenaustauschchromatographie, die auf den elektrischen Ladungen der Partikel basiert. Diese Methode eignet sich hervorragend zur Reinigung viraler Partikel, da Viren typischerweise eine definierte Oberflächenladung haben.
Ablauf der Ionenaustauschchromatographie (IEC)
Kontrolle der Virenladung:
Der isoelektrische Punkt (IEP) eines Virus gibt den pH-Wert an, bei dem das Virus elektrisch neutral ist. Durch Anpassung des pH-Werts der Lösung kann die Ladung des Virus gezielt beeinflusst werden:- Bei einem pH-Wert unter dem IEP ist das Virus positiv geladen.
- Bei einem pH-Wert über dem IEP ist das Virus negativ geladen.
Auswahl der Matrix:
Die Matrix wird so gewählt, dass sie eine entgegengesetzte Ladung zur Virenladung besitzt, um eine Bindung zu ermöglichen:- Anionenaustauscher: Positiv geladene Matrix, um negativ geladene Partikel zu binden.
- Kationenaustauscher: Negativ geladene Matrix, um positiv geladene Partikel zu binden.
Typischerweise besteht die Matrix aus Harzen oder Membranen, die eine spezifische Ladung tragen.
Bindung der Viren:
Die Probe wird auf die Chromatographiesäule aufgetragen, und die Lösung fließt durch die Matrix. Die Viren binden an die Matrix aufgrund elektrostatischer Wechselwirkungen. Andere Moleküle, wie Nukleinsäuren oder Proteine, binden schwächer oder passieren die Säule unverändert.Waschen:
Mit einem Waschpuffer werden ungebundene oder schwach gebundene Verunreinigungen aus der Matrix entfernt. Dieser Schritt verbessert die Reinheit der gebundenen Viruspartikel.Elution (Freisetzung der Viren):
Um die gebundenen Viren von der Matrix zu lösen, wird ein Elutionspuffer hinzugefügt. Dies kann auf zwei Wegen geschehen:- Änderung des pH-Werts: Der pH-Wert wird so eingestellt, dass die Ladung der Viruspartikel aufgehoben wird, wodurch die Bindung zur Matrix verloren geht.
- Erhöhung der Salzkonzentration: Zusätze wie Natriumchlorid oder Magnesiumchlorid neutralisieren die elektrostatische Bindung zwischen Viren und Matrix.
Ergebnis:
Die eluierten Viruspartikel werden gesammelt. Da Verunreinigungen bereits während der Waschschritte entfernt wurden, enthält die elutierte Fraktion hauptsächlich die gereinigten Viren, die für weitere Analysen oder Anwendungen genutzt werden können.
Abb. 5-F: Ionenaustauschchromatographie Weitere Varianten der Chromatographie
Neben der Ionenaustauschchromatographie gibt es andere Varianten, die je nach Ziel und Probe eingesetzt werden:Affinitätschromatographie: Nutzt spezifische Bindungen zwischen Virusproteinen und Liganden auf der Matrix.
Größenausschlusschromatographie: Trennt Partikel nach ihrer Größe.
Hydrophobe Interaktionschromatographie: Nutzt die hydrophoben Eigenschaften der Partikel.
In der Praxis werden diese Verfahren oft kombiniert. Beispielsweise könnte eine Probe zunächst filtriert, anschließend zentrifugiert und danach durch Präzipitation und Chromatographie weiter aufgereinigt werden. Die Auswahl und Reihenfolge hängen dabei immer von der Art der Probe und dem Ziel der Analyse ab.
Warum dieser Aufwand?
Ganz einfach: Eine schlechte Probe bringt schlechte Daten – wie ein verwackeltes Foto von Bigfoot. Deshalb: sauber arbeiten, gut kühlen und schnell sein … denn Moleküle verzeihen keine Nachlässigkeit.
Die Probenaufbereitung ist kein Nebenjob – sie ist das Fundament. Ohne sie fällt alles Weitere in sich zusammen. Und wenn das virale Material einmal gut vorbereitet ist, geht es ans Eingemachte: Jetzt müssen sich die Viren beweisen – in der Zellkultur.
4.3. Zellkultur
Viren sind die ultimativen Schmarotzer: Ohne Wirtszelle läuft bei ihnen gar nichts – kein Leben, keine Vermehrung. Alleine – völlig hilflos. Aber gib ihnen eine lebende Zelle, dann geht’s ab. Deshalb braucht die Virologie ein verlässliches Werkzeug: die Zellkultur. Ohne sie döst selbst das gefährlichste Virus vor sich hin wie ein Büroangestellter im Homeoffice.
Und weil Viren nicht gern allein sind, richten Virologen ihnen ein kuscheliges Zuhause ein – eine Luxus-WG im Miniaturformat: sterile Petrischalen, perfekte Temperatur, ein Nährmedium voller Vitamine und Zucker – alles, was das Virusherz begehrt. Die verwendeten Zellen stammen von Menschen, Tieren oder Pflanzen – je nachdem, welchen Virus man gerade verwöhnen will.
Doch nicht jeder Virus ist pflegeleicht. Manche sind anspruchsvolle Diva-Typen, die nur in bestimmten Zelllinien gedeihen. Andere machen’s in allem, was „Help!“ schreit. Und manchmal? Passiert einfach… nichts. Dann heißt es: neue Zellen, neues Glück.
Zellkulturen sind weit mehr als eine Virenzuchtstation. Sie ermöglichen:
➤ die Vermehrung von Viren in kontrollierter Umgebung,
➤ die Analyse ihrer Eigenschaften und
➤ den Nachweis infektiöser Erreger – besonders bei neuen oder unbekannten Viren.Warum Zellkulturen trotz PCR absolut cool sind
PCR-Tests sind schnell, billig und überall verfügbar – wie das Fast Food der Diagnostik. Aber sie können nur sagen: „Ja, hier war mal Virus!“ Ob das Virus aber noch lebendig und infektiös ist? Keine Ahnung!
Zellkultur = Realitätstest.
Kann das Virus Zellen infizieren und sich darin vermehren? Ja? Dann haben wir es mit einem echten Erreger zu tun. Nein? Dann bleibt’s bei genetischem Geistermüll.Zellkultur als Fitness-Test: unverzichtbar, wenn man:
➤ die Infektiosität überprüfen will,
➤ neue Viren testet, deren Gefährlichkeit noch unklar ist.
Viren müssen erst mal beweisen, dass sie was können!Auch in Zeiten von PCR und Hochdurchsatzsequenzierung (dazu später mehr) bleibt die Zellkultur der Praxistest nach der Theorieprüfung: „Alles schön und gut – aber funktioniert’s auch?“
Denn nur wer Zellen infizieren kann, hat echtes Gefahrenpotenzial. Die Zellkultur trennt die Spreu (harmlose Gensequenzen) vom Weizen (aktive, infektiöse Viren). Gerade in Zeiten von synthetischer Biologie wird das entscheidend: Nur weil die Gensequenz korrekt aussieht, heißt das noch lange nicht, dass das Virus auch funktioniert.
Infektion und Beobachtung der Zellkultur
Vorbereitung der Zellkultur
Zellen werden in einem Nährmedium kultiviert, das essentielle Nährstoffe, Wachstumsfaktoren und einen geeigneten pH-Wert enthält. Diese Umgebung ermöglicht das Überleben und die Vermehrung der Zellen. Es werden häufig Zelllinien verwendet, die eine kontinuierliche Vermehrung ermöglichen, wie beispielsweise Vero-Zellen (aus Nierenepithelzellen von Affen) oder HeLa-Zellen (menschliche Krebszellen).
Die Wahl der geeigneten Wirtszellen hängt entweder von ersten Hinweisen aus mikroskopischen Beobachtungen ab oder erfolgt durch Tests mit verschiedenen Zelllinien. Forscher verwenden dabei häufig Zelllinien, die dafür bekannt sind, Viren aus spezifischen Probenquellen zu unterstützen. Beispielsweise werden für Ozeanproben oft Zelllinien von Meeresorganismen genutzt, während bei der Untersuchung von Atemwegsviren menschliche Epithelzellen bevorzugt werden.
Infektion der Zellkultur
Um Viren in einer Probe nachzuweisen, wird diese auf eine geeignete Zellkultur aufgebracht. Enthält die Probe Viren, können diese in die Zellen eindringen, deren zelluläre Maschinerie zur Vermehrung nutzen und charakteristische Veränderungen hervorrufen, die als zytopathische Effekte (CPE) bezeichnet werden. Wie solche Zellveränderungen durch Virusinfektionen entstehen können, zeigt Kapitel „2.8. Zerstörung der Wirtszelle“ anschaulich.
Nachweis und Beobachtung:
Nach einer gewissen Zeit können die infizierten Zellen unter einem Licht- oder Elektronenmikroskop auf zytopathische Effekte (charakteristische Veränderungen) untersucht werden. Diese Effekte dienen als sichtbare Hinweise auf eine erfolgreiche Infektion:
➤ Zellschrumpfung oder -verklumpung
➤ Bildung von Synzytien (mehrkernige Zellverbände)
➤ Zelllyse (Auflösung der Zellen)
Abb. 6: Infektion der Zellkultur und deren Beobachtung 🎥 Live im Zeitraffer: So breitet sich das Influenzavirus in der Zellkultur aus
Bezug zum Influenzavirus
Studie: „Erkennung virusbedingter Zellveränderungen durch Influenza mit Hilfe künstlicher Intelligenz (CNN)“
Die Arbeit präsentiert eine umfangreiche Sammlung von Bildern, die die typischen zytopathischen Effekte (CPE) nach einer Infektion mit dem Influenzavirus zeigen. Diese visuellen Darstellungen verdeutlichen die charakteristischen Zellveränderungen, die durch das Virus verursacht werden. Allerdings ist die manuelle Beobachtung und Auswertung dieser Effekte äußerst arbeits- und zeitintensiv. Um diesen Prozess zu optimieren, erprobten die Autoren den Einsatz Künstlicher Intelligenz (KI), genauer gesagt tiefer Convolutional Neural Networks (CNNs), zur automatisierten Bildauswertung.
Diese Studie zeigt eindrucksvoll, wie moderne Methoden wie die Virologie, Zellbiologie und KI-Technologie ineinandergreifen, um innovative Lösungen für komplexe wissenschaftliche Fragestellungen zu entwickeln.
Rolle und Anwendungen der Zellkultur in der Virologie
Diagnose bekannter Viren: Zellkulturen werden eingesetzt, um Viren zu vermehren und ihre Präsenz durch spezifische Veränderungen in den Zellen nachzuweisen.
Nachweis unbekannter Viren: Wenn die genetische oder antigene Struktur eines Virus nicht bekannt ist, können Zellkulturen dazu beitragen, dessen biologische Aktivität zu charakterisieren.
Erforschung des viralen Lebenszyklus: Zellkulturen ermöglichen die Untersuchung der Interaktionen von Viren mit Wirtszellen, einschließlich des Eindringens, der Replikation und der Freisetzung neuer Viruspartikel.
Studien zur Virulenz und Pathogenität: Sie helfen, die Mechanismen zu verstehen, mit denen Viren Zellen schädigen und Infektionen auslösen.
Analyse der Immunantwort: Zellkulturen unterstützen die Untersuchung, wie das Immunsystem auf virale Infektionen reagiert und wie infizierte Zellen Immunreaktionen auslösen.
Testung antiviraler Medikamente: Zellkulturen dienen dazu, die Wirksamkeit und Verträglichkeit potenzieller antiviraler Substanzen zu prüfen und neue Therapien zu entwickeln.
Impfstoffproduktion: Viele Impfstoffe, wie beispielsweise der gegen Masern, werden in Zellkulturen hergestellt.
Herstellung von Virusvektoren: Zellkulturen sind unerlässlich für die Produktion von Virusvektoren – gentechnisch veränderten Viren, die therapeutische Gene oder Impfstoffinformationen in Zellen einschleusen, etwa in der Gentherapie, der Krebsbehandlung oder bei Impfstoffen wie denen gegen Ebola oder COVID-19 (z. B. AstraZeneca).
Einschränkungen der Methode
Nicht alle Viren sind kultivierbar: Einige Viren, wie Hepatitis B, benötigen spezialisierte Zellen oder Systeme, um in vitro vermehrt zu werden.
Viren mit sehr engen Wirtsspezifitäten: Manche Viren sind auf sehr spezifische Wirtszellen angewiesen, die in Zellkulturen nur schwer reproduziert werden können, was die Forschung erschwert.
Unzureichende Repräsentation von in-vivo-Umgebungen: Zellkulturen bieten nur eine vereinfachte Version des natürlichen Wirts, wodurch wichtige virus-spezifische Reaktionen fehlen könnten.
Laborangepasste Viren vs. natürliche Viren: Viren, die über viele Passagen in Zellkulturen gezüchtet werden, können Mutationen entwickeln, die ihre Eigenschaften verändern. Dadurch können sie sich von ihren natürlichen Varianten unterscheiden – etwa durch weniger Spike-Proteine oder eine veränderte Wirtsspezifität.
Limitierte Reproduzierbarkeit von Ergebnissen: Die Zellkulturbedingungen können das Verhalten der Zellen beeinflussen, was zu Schwankungen in den Ergebnissen führt.
Zeitaufwändig: Der Nachweis eines Virus über Zellkultur ist im Vergleich zu molekularen Methoden langsamer.
Komplexität und Kosten: Die Herstellung und Pflege von Zellkulturen erfordert spezialisierte Laborausrüstung und Expertise.
Biosicherheitsrisiken: Bei der Arbeit mit hochpathogenen Viren müssen hohe Sicherheitsstandards eingehalten werden, was zusätzliche Anforderungen an die Labore und die Forscher stellt.
Isolierung und Weiterverarbeitung
Zellkulturen sind das All-inclusive-Resorts für Viren – hier können sie sich ungestört vermehren. Aber wie immer im Leben: Alles Schöne hat auch mal ein Ende. Für die Winzlinge heißt das: „Check-out bitte!“ Die Reise geht weiter zu den High-Tech-Labs. Jetzt wird’s ernst – und spannend. Denn jetzt wollen wir wissen: Was genau da gewachsen ist. Und wie es aussieht. Willkommen bei den Tools der Virusanalyse:
Selfie mit dem Elektronenmikroskop: Will ein Virus wissen, wie es wirklich aussieht? Die Elektronenmikroskopie verpasst ihm den ultimativen Close-up – schärfer als jeder Instagram-Filter.
PCR und Sequenzierung: Der genetische Persönlichkeitstest: Ein bisschen Erbgut hier, ein paar Enzyme dort – und schon wird klar, wer (oder was) da eigentlich im Reagenzglas sitzt.
ELISA: Der Antikörper-Check: Dieser Test schnüffelt nach Antikörpern im Blut – und verrät, ob das Immunsystem schon Alarm geschlagen hat. Verdächtiger Fund? Fall abgeschlossen!
In den nächsten Kapiteln zerlegen wir einige dieser Methoden – ganz ohne Laborkittel.
4.4. Viren sichtbar machen
Viren sind wie Geister: Man spürt ihre Wirkung, aber sieht sie nie. Sie hinterlassen Chaos in Zellen, schreiben sich in unsere DNA ein, verursachen Krankheiten, prägen die Evolution und spielen seit Jahrhunderten Hide-and-Seek mit der Wissenschaft. Selbst unter dem besten Lichtmikroskop bleiben sie unsichtbar.
Doch wie heißt es so schön: Seeing is believing. Aber wie macht man das Unsichtbare sichtbar? Wie lassen sich Viren zweifelsfrei nachweisen? Und wie entschlüsseln wir ihre Strukturen und Mechanismen?
Die Antwort: Wir holen die ganz großen Mikroskope raus! Geräte, so leistungsstark, dass sie selbst die trickreichsten Viren in flagranti erwischen und keine Tarnung mehr hilft. Moderne bildgebende Verfahren zerlegen Viren heute bis ins atomare Detail.
Willkommen im Reich des Sichtbarmachens der Moderne – wo das Unsichtbare endlich Gestalt annimmt! Und los geht’s mit …
a) Elektronenmikroskopie
b) Kristallisation
c) Kryo-Elektronenmikroskopie
d) Kryo-Elektronentomographie
e) Zusammenfassunga) Elektronenmikroskopie: Erste Bilder von Viren
Die Geschichte der Virologie begann mit der Erkenntnis, dass es etwas Kleineres als Bakterien geben muss, das Krankheiten verursacht.
Der Physiker Richard Feynman brachte es 1959 auf den Punkt:
„It is very easy to answer many… fundamental biological questions; you just look at the thing!“
„Es ist sehr einfach, viele grundlegende biologische Fragen zu beantworten; man muss sich die Sache nur anschauen!“
Doch wie kann man etwas sichtbar machen, das weit unterhalb der Auflösungsgrenze eines herkömmlichen Mikroskops liegt?
Mit der Erfindung des Elektronenmikroskops (EM) im Jahr 1931 wurde genau das erstmals möglich: Viren konnten direkt gesehen werden. Die Methode nutzt Elektronenstrahlen statt Licht, um extrem kleine Strukturen sichtbar zu machen. Wissenschaftler konnten erstmals die charakteristischen Hüllen und Formen von Viren abbilden und damit ihre physische Existenz bestätigen.

Abb. 7-A: Ein Blick durch die Mikroskope – eine schematische Darstellung Die Illustration zeigt die Unterschiede in der Sichtbarmachung biologischer Strukturen durch zwei fundamentale Technologien der Mikroskopie.
Auf der linken Seite repräsentiert der Blick durch das Lichtmikroskop die klassischen Möglichkeiten, wie sie seit dem 17. Jahrhundert genutzt werden. Hier sind größere Strukturen wie menschliche Zellen gut erkennbar, ebenso Bakterien, die durch Färbetechniken sichtbar gemacht werden können. Viren hingegen bleiben unsichtbar, da ihre Größe (80–120 nm für Influenzaviren) weit unterhalb der Auflösungsgrenze eines Lichtmikroskops liegt.
Auf der rechten Seite zeigt der Blick durch das Elektronenmikroskop, wie moderne Technologien die Grenzen der Sichtbarmachung überwunden haben. Hier sind nicht nur menschliche Zellen und Bakterien in viel höherer Detailtiefe sichtbar, sondern auch Viren. Die Darstellung geht sogar so weit, dass Details wie die virale Hülle und das Genom in hochauflösenden Bildern sichtbar gemacht werden können.
Lichtmikroskope bieten einen allgemeinen Überblick und ermöglichen die Analyse lebender Zellen, während Elektronenmikroskope tiefere Einblicke in die Welt der Mikroorganismen und Viren gewähren – bis hin zu molekularen Details.Das folgende Video illustriert den Unterschied zwischen Lichtmikroskopen und Elektronenmikroskopen sowie deren Funktionsweise auf anschauliche Weise.
Wie funktioniert Elektronenmikroskopie?
Elektronenmikroskope haben eine weitaus höhere Auflösung als Lichtmikroskope, da Elektronen eine viel kürzere Wellenlänge als Licht besitzen. Dies ermöglicht die Visualisierung von Strukturen im Nanometerbereich. Man unterscheidet dabei zwei Haupttypen:
1️⃣ Transmissionselektronenmikroskopie
(TEM – Transmission Electron Microscopy)Ein Elektronenstrahl durchdringt eine extrem dünne Probe.
Dabei entstehen hochaufgelöste 2D-Bilder der inneren Strukturen.
(Früher: Kontrastarme Flecken, Heute: Bis zu 0,05 nm Auflösung)
Besonders nützlich für feine Details im Inneren von Viren.2️⃣ Rasterelektronenmikroskopie
(REM/SEM – Scanning Electron Microscopy)Der Elektronenstrahl tastet die Oberfläche einer Probe ab.
Dadurch entstehen detaillierte 3D-Bilder der Probenoberfläche.
(Früher: Grobe Umrisse, Heute: Molekülschärfe)
Gut geeignet für die äußere Struktur von Viren.
Abb. 7-B: Transmissionselektronenmikroskopie vs Rasterelektronenmikroskopie
(schematische Darstellung)Transmission Electron Microscopy: Zeigt eine Durchsicht des Virus, sodass auch innere Strukturen sichtbar sein können. Das Virus erscheint meist als zweidimensionale Projektion mit feinen Details im Inneren. Die Elektronen durchdringen die Probe, und der Kontrast entsteht durch Wechselwirkungen mit unterschiedlichen Dichten der Zell- oder Virusbestandteile.
Scanning Electron Microscopy: Zeigt eine dreidimensionale Oberfläche, oft mit einem plastischen, reliefartigen Effekt. Die Probe wird mit Elektronen abgetastet, wodurch ein tiefenscharfes Oberflächenbild entsteht. Innere Strukturen sind nicht sichtbar, da die Elektronen nicht durch die Probe hindurchgehen.Ein originales TEM-Bild eines Influenzaviruspartikels kannst du hier sehen.
Weitere Infos zum Einsatz der Elektronenmikroskopie
Mithilfe der Elektronenmikroskopie (EM) lassen sich unterschiedliche Aspekte des Influenzavirus untersuchen:
🔬 Einblicke in die Ultrastruktur des Influenzavirus
Mithilfe der Transmissionselektronenmikroskopie (TEM) mit negativer Färbung konnten Wissenschaftler detaillierte Einblicke in die Ultrastruktur des Influenzavirus gewinnen. Die Studie zeigt die Anordnung der Spike-Proteine (Hämagglutinin und Neuraminidase) auf der Virusoberfläche sowie die interne Struktur, einschließlich des Matrixproteins (M1) und der RNA, und beleuchtet Unterschiede zwischen intakten und beschädigten Viruspartikeln.🔬 Einblicke in die Struktur der Ribonukleoprotein-Komplexe (vRNPs)
Mittels EM konnten Wissenschaftler die helikale Anordnung der vRNPs im Viruspartikel sichtbar machen. Der Artikel von Noda und Kawaoka (2010) beschreibt detailliert die Architektur der vRNPs innerhalb des Viruspartikels und deren Verpackung in Virionen. Sie betonen, dass jede der acht vRNA-Segmente mit Nukleoproteinen und einem Polymerase-Komplex assoziiert ist, wodurch die vRNPs gebildet werden, die für die Transkription und Replikation des viralen Genoms essenziell sind. Elektronenmikroskopische Analysen haben gezeigt, dass diese vRNPs eine helikale Struktur aufweisen und innerhalb des Virions spezifisch angeordnet sind.
Elektronenmikroskopie in der Virologie
Dank der EM lassen sich virale Strukturen und Mechanismen aufdecken, darunter:
✅ die Form und Größe von Viren (z. B. Kugelform des Influenzavirus)
✅ die Anordnung der Spike-Proteine auf der Virushülle
✅ und Einblicke in den Infektionszyklus, z. B.:
• wie sie in die Wirtszelle eindringen
• wie die Replikation eingeleitet wird
Grenzen der Elektronenmikroskopie
Trotz ihrer beeindruckenden Auflösung hat die EM einige Nachteile:
⚡Probenvorbereitung → Proben müssen häufig entwässert, geschnitten und beschichtet werden, was ihre natürliche Struktur beeinflussen kann.
⚡Proben müssen fixiert werden → Das bedeutet, dass die Probe nicht in ihrem natürlichen Zustand untersucht wird.
⚡Keine lebende Probe → da die Proben im Vakuum analysiert werden, um eine Streuung der Elektronenstrahlen in der Luft zu vermeiden.
⚡Strahlenschäden → Der Elektronenstrahl kann empfindliche Proben verändern oder zerstören.
⚡Fehlender Kontrast → Biologische Proben sind oft kontrastarm und müssen speziell gefärbt werden.
⚡Kein „echtes“ 3D-Bild → TEM-Bilder sind nur zweidimensional, wodurch komplexe Strukturen schwer zu rekonstruieren sind.
Die Elektronenmikroskopie war der erste große Durchbruch: Endlich konnte man Viren sehen. Doch die frühen EM-Bilder wirkten noch verschwommen – wie Mondfotos aus den 1960ern. Um den Viren noch näher zu kommen, brauchte es mehr als ein Mikroskop. Man brauchte atomare Klarheit. Und so kam die Kristallisation ins Spiel – die Ultra-HD-Version der Virenforschung. Denn erst wenn sich Virusproteine in perfekte Kristalle zwängen, verraten sie ihr molekulares Innenleben: Atom für Atom, Bindung für Bindung.
b) Kristallographie: Detaillierte Strukturen von Virusproteinen
Während die Elektronenmikroskopie die grobe Struktur von Viren sichtbar machen konnte, blieb ihre molekulare Feinstruktur – ihre atomaren Details – lange im Verborgenen. Um zu verstehen, wie virale Proteine aufgebaut sind, musste man ihre Atomstruktur bestimmen – und das war nur mit Röntgenkristallographie möglich.
Wie kam es dazu?
Die Idee, biologische Makromoleküle mittels Röntgenbeugung zu analysieren, entwickelte sich in den 1920er und 1930er Jahren. Ein bahnbrechender Durchbruch gelang dem Physiker John Desmond Bernal, der 1934 zusammen mit Dorothy Crowfoot Hodgkin nachwies, dass Proteine in hydratisierter Form kristallisiert werden können, ohne ihre natürliche Struktur zu verlieren. Diese Entdeckung war entscheidend, um die Röntgenkristallographie für die Analyse von Biomolekülen nutzbar zu machen.
In den 1930er Jahren gelang es Wendell Meredith Stanley, das Tabakmosaikvirus in kristalliner Form zu isolieren. Dies war bedeutsam, weil es bewies, dass Viren nicht nur materielle Partikel sind, sondern auch aus regelmäßig angeordneten Molekülen bestehen, die sich kristallisieren lassen. Stanley brachte das Virus in eine feste, hochgeordnete Struktur – vergleichbar mit Salz- oder Zuckerkristallen. Diese Kristalle ermöglichten es später, mit Röntgenstrahlen die atomare Struktur von Virusproteinen zu entschlüsseln – ein entscheidender Fortschritt für die Virologie.
Stanley‘s Durchbruch und dessen Bedeutung
Wie hat Stanley die Kristallisation durchgeführt?
Stanley entwickelte eine innovative Methode, um die winzigen Viruspartikel zu isolieren und zu analysieren. Er extrahierte die Viren aus infizierten Tabakpflanzen und reinigte sie durch Zentrifugation sowie weitere Aufreinigungstechniken. Diese gereinigten Viren löste er anschließend in einer Lösung, die er langsam verdampfen ließ. Durch diesen Prozess kristallisierten die Viren aus, und es entstanden feste Strukturen, die er mit einem Elektronenmikroskop genauer untersuchen konnte. Dies war der erste Schritt, um die Struktur von Viren auf atomarer Ebene zu analysieren.
Warum war die Kristallisation so bedeutend?
Die Kristallisation des Tabakmosaikvirus lieferte zwei bahnbrechende Erkenntnisse:
Nachweis der Existenz von Viren als Partikel: Bis dahin waren Viren eher als vage, unsichtbare Krankheitserreger bekannt. Stanley zeigte, dass sie physische Einheiten mit einer klar definierten Struktur sind, die sich sogar kristallisieren lassen.
Grundlage für die Strukturaufklärung: Die Kristalle ermöglichten es späteren Forschern, mithilfe der Röntgenkristallographie die Architektur von Viren zu entschlüsseln und zu zeigen, dass sie aus genetischem Material – entweder RNA oder DNA – und Proteinen bestehen. Diese Entdeckung war entscheidend, um die Funktionsweise von Viren zu verstehen.
Was hat die Strukturaufklärung enthüllt?
Die Untersuchung des Tabakmosaikvirus zeigte erstmals, dass Viren eine klare und wiederholbare Struktur besitzen:
Genetisches Material und Proteine: Das genetische Material eines Virus enthält die Anweisungen zur Herstellung neuer Viruspartikel, während die Proteine die schützende Hülle bilden und Funktionen wie das Eindringen in Wirtszellen ermöglichen.
Unterscheidung von anderen Mikroorganismen: Stanleys Arbeit verdeutlichte, dass Viren sich grundlegend von Bakterien und anderen Mikroorganismen unterscheiden. Viren sind deutlich kleiner, besitzen keine Zellstruktur und bestehen nur aus einem Minimum an Komponenten, was sie zu einzigartigen biologischen Einheiten macht.
Was versteht man unter Kristallisation?
Kristallisation ist der physikalische Prozess, bei dem Atome, Moleküle oder Ionen aus einer ungeordneten Phase (z. B. einer Lösung, einer Schmelze oder einem Gas) in eine feste, geordnete Struktur übergehen, die als Kristall bezeichnet wird. Dieser Übergang führt zur Bildung eines Kristallgitters – einer regelmäßigen, dreidimensionalen Anordnung, in der sich die Teilchen in einem sich wiederholenden Muster organisieren. Dabei ordnen sich die Teilchen so an, dass sie einen energetisch günstigen Zustand erreichen, der durch spezifische Wechselwirkungen (z. B. Wasserstoffbrücken, elektrostatische Kräfte, van-der-Waals-Kräfte) und Bindungswinkel definiert ist.
Kristallisation ist also der Übergang von Chaos (ungeordnete Teilchen) zu Ordnung (Kristallgitter), angetrieben von physikalischen Kräften und energetischen Prinzipien. Sie kann natürlich (z. B. bei der Mineralbildung) oder künstlich (z. B. in Laboren) stattfinden.

Abb. 8-A: Beispiel einer natürlichen Kristallisation durch Verdunstung einer Salzlösung. Links: In einer Salzlösung sind Natriumionen (grün) und Chloridionen (blau) frei beweglich und ungeordnet. Rechts: Beim Verdunsten des Wassers ordnen sich die Ionen zu einem regelmäßigen Kristallgitter an.
Grundprinzip der Proteinkristallisation
Proteinkristallisation bedeutet, dass man gelöste Proteine aus einer Lösung in eine feste, geordnete, kristalline Form überführt. Das Ziel ist ein dreidimensionales Gitter, in dem die Proteinmoleküle regelmäßig angeordnet sind. Das erreicht man, indem man die Löslichkeit der Proteine kontrolliert verringert, sodass sie langsam aus der Lösung „ausfallen“ und sich zu einem Kristall organisieren.
Der typische Prozess läuft so ab:
Reinigung: Das Protein wird hochrein isoliert, da Verunreinigungen die Kristallbildung stören.
Lösung herstellen: Das Protein wird in einer wässrigen Lösung mit Puffern, Salzen und manchmal organischen Zusätzen (z. B. Polyethylenglykol, PEG) gelöst.
Übersättigung: Durch Veränderung der Bedingungen (z. B. Verdunstung, Zugabe von Präzipitanten wie PEG oder Salzen) wird die Lösung übersättigt, sodass die Proteine auszufallen beginnen.
Keimbildung und Kristallwachstum: Zuerst bilden sich kleine Proteinaggregate (Keime), die dann zu größeren Kristallen wachsen, wenn die Bedingungen stimmen.

Abb. 8-B: Schematische Darstellung der Proteinkristall-Bildung Proteine werden zunächst in Lösung gebracht, wo sie ungeordnet vorliegen. Durch gezielte Veränderung der Bedingungen (z. B. Erhöhung der Salzkonzentration, Veränderung des pH-Werts oder langsame Verdunstung des Lösungsmittels) wird die Lösung übersättigt. Dadurch beginnen die Proteine, sich zu organisieren und zu einem Kristall zu wachsen.
Auf molekularer Ebene richten sich die Proteine aufgrund ihrer Ladungen, Wasserstoffbrückenbindungen und hydrophoben Wechselwirkungen in einem regelmäßigen Gitter an. Die Moleküle „suchen“ dabei die energetisch günstigste Position, was zur Bildung eines stabilen Kristalls führt. Zwischen den Proteinen befindet sich Wasser, das durch kleine blaue Punkte dargestellt wird. Dieses Wasser ist ein integraler Bestandteil des Kristalls und stabilisiert die Proteinstruktur durch Wasserstoffbrückenbindungen.Proteinkristalle weisen oft eine symmetrische Struktur auf (z. B. kubisch oder hexagonal), da sich die Moleküle in wiederholbaren Mustern anordnen.
Proteine sind riesige Moleküle mit Tausenden von Atomen, komplexen 3D-Formen und uneinheitlichen Oberflächen (mit Ladungen, hydrophoben Bereichen usw.). Sie können nicht einfach wie die Natrium- und Chloridionen beim Salzkristall abwechselnd gestapelt werden.Merkmale der Proteinkristalle
Die Festigkeit: Proteinkristalle sind deutlich fragiler als klassische Kristalle wie Salz oder Diamant. Sie bestehen zu 30–70 % aus Wasser, das in Kanälen und Hohlräumen des Kristallgitters eingeschlossen ist. Dadurch sind sie eher weich und gelartig. Mechanische Belastung oder Austrocknung kann sie leicht zerstören.
Die Farbe: Proteinkristalle sind meist farblos oder leicht opak (undurchsichtig). Proteine selbst besitzen keine natürliche Farbe – die bunten Darstellungen in wissenschaftlichen Abbildungen dienen lediglich dazu, strukturelle Merkmale und chemische Eigenschaften hervorzuheben.
Auswahl des Proteinkristalls
Bei der Kristallisation entstehen oft viele kleine Kristalle gleichzeitig, da sich die Proteinmoleküle an verschiedenen Stellen in der Lösung zu ordnen beginnen. Für die Analyse wird jedoch nur der bestgeordnete Kristall ausgewählt.
Wie findet man den richtigen Kristall?
Früher wurden die Kristalle unter dem Mikroskop betrachtet: Klare, scharfe Kanten und eine regelmäßige Form (z. B. kubisch oder hexagonal) deuteten auf eine hohe Qualität hin. Trübe oder unregelmäßige Kristalle hingegen waren weniger geeignet.
Heute kommen moderne Bildanalysesysteme zum Einsatz, die hochauflösende Mikroskopie mit automatischer Bewertung kombinieren. Zusätzlich kann eine Röntgenbeugung durchgeführt werden: Scharfe, symmetrische Beugungsmuster deuten auf eine gute Kristallordnung hin, während diffuse oder unregelmäßige Reflexionen auf eine geringe Qualität schließen lassen.
Warum braucht man Kristalle?
Kurz gesagt: Proteinkristalle dienen als „Verstärker“ für Röntgenstrahlen.
Ein einzelnes Proteinmolekül würde bei einer Röntgenbeugung nur ein extrem schwaches und diffuses Signal erzeugen – zu wenig, um eine detaillierte Struktur zu bestimmen. In einem Kristall hingegen sind Millionen identischer Proteinmoleküle regelmäßig angeordnet und gleich orientiert. Dadurch verstärken sich die Beugungssignale der einzelnen Moleküle durch konstruktive Interferenz und ergeben ein klares, regelmäßiges Beugungsmuster.
Diese geordnete Verstärkung ist essenziell für die Röntgenkristallographie, da sie erst durch das entstehende Beugungsmuster die dreidimensionale Struktur des Proteins entschlüsseln kann. Ohne Kristalle wäre die Analyse mit dieser Methode unmöglich.
Ablauf der Röntgenkristallographie
Nachdem das Protein erfolgreich kristallisiert wurde, kann seine räumliche Struktur (also seine genaue Faltung und Anordnung) mit der Röntgenkristallographie bestimmt werden. Dabei erkennt man Details wie:
➤ Position jedes einzelnen Atoms
➤ Faltungsstruktur des Proteins (α-Helices, β-Faltblätter usw.)
➤ Interaktionen mit anderen Molekülen (z. B. Antikörper, Wirkstoffe)
Abb. 8-C: Schematische Darstellung der Röntgenkristallographie 1️⃣ Röntgenstrahl auf den Kristall schießen
Ein gebündelter Röntgenstrahl trifft auf einen Proteinkristall. Proteine bestehen aus Aminosäuren, und diese wiederum aus Atomen. Röntgenstrahlen haben eine Wellenlänge von etwa 0,1 nm, was in der Größenordnung von Atomen liegt, sodass sie gut geeignet sind, um Details auf dieser Skala sichtbar zu machen. Die Atome im Kristall beugen die Röntgenstrahlen nicht direkt, sondern ihre Elektronenhüllen lenken die Strahlen in bestimmte Richtungen ab.
2️⃣ Beugungsmuster entsteht
Die gebeugten Röntgenstrahlen überlagern sich und erzeugen ein charakteristisches Muster auf einem Detektor. Dieses Beugungsmuster besteht aus vielen Punkten (sogenannten Reflexen), die an verschiedenen Positionen und mit unterschiedlicher Intensität auftreten. Um eine vollständige Datenerfassung zu ermöglichen, wird der Kristall in kleinen Schritten gedreht (typischerweise in 0,1–1°-Schritten), während für jede Position ein Beugungsmuster aufgenommen wird.
3️⃣ Mathematische Berechnung der 3D-Struktur
Die verschiedenen Aufnahmen der Beugungsmuster zeigen nicht direkt die Struktur des Proteins. Stattdessen enthalten sie Informationen darüber, wie die Röntgenstrahlen an den Elektronen der Atome im Kristall gebeugt wurden. Mithilfe mathematischer Methoden (Fourier-Transformation) wird aus den Beugungsmustern eine Elektronendichtekarte berechnet. Diese Karte zeigt die dreidimensionale Verteilung der Elektronen im Kristall.
Da sich Elektronen hauptsächlich in der Nähe der Atomkerne befinden, lassen sich aus der Elektronendichtekarte die Positionen der Atome ableiten. Die Karte erscheint zunächst als „wolkige“ Struktur, in der Bereiche mit hoher Elektronendichte den Atomen entsprechen.
Die Qualität der Elektronendichtekarte hängt direkt von der Ordnung im Kristall ab – je besser die Kristalle, desto schärfer die Elektronendichtekarte. Durch weitere Analyse und Interpretation dieser Karte kann schließlich ein detailliertes, dreidimensionales Modell des Proteins erstellt werden.
〰️ Synchrotronstrahlung – Licht für die kleinsten Geheimnisse der Natur
Um die Struktur von Proteinen noch genauer zu untersuchen, nutzt man in vielen Fällen Synchrotronstrahlung – eine extrem intensive Röntgenstrahlung, die in speziellen Teilchenbeschleunigern erzeugt wird.
💡 Was ist das genau?
Synchrotronstrahlung entsteht, wenn geladene Teilchen (z. B. Elektronen) auf nahezu Lichtgeschwindigkeit beschleunigt und dann durch Magnetfelder in eine Kreisbahn gelenkt werden. Dabei geben sie hochenergetische Strahlung ab – darunter auch besonders brillante Röntgenstrahlen, die sich perfekt für die Proteinkristallographie eignen. Dadurch können auch winzige oder schwer zu kristallisierende Proteine untersucht werden.
🌍 Weltweit gibt es mehrere große Synchrotron-Forschungszentren, z. B. in:
- ESRF (Frankreich) – Europäisches Synchrotron-Strahlungszentrum
- DESY (Deutschland) – Deutsches Elektronen-Synchrotron
- Diamond Light Source (UK) – Synchrotronanlage in Großbritannien
🎥 Wenn du live miterleben möchtest, wie Proteine zu Kristallen werden und wie ihre Strukturen mithilfe von Röntgenstrahlen entschlüsselt werden, dann begleite die Forscher der Diamond Light Source in die faszinierende Welt der Kristallographie!
Understanding Crystallography – Part 1: From Proteins to Crystals
Hier siehst du, wie Wissenschaftler Proteine in Kristalle verwandeln.Understanding Crystallography – Part 2: From Crystals to Diamond
In diesem Video siehst du, wie die Kristalle mit Röntgenstrahlen untersucht werden, um ihre 3D-Struktur zu enthüllen.
Die Proteindatenbank – Ein Schatz der Strukturbiologie
Die Röntgenkristallographie hat nicht nur dazu beigetragen, die Struktur einzelner Proteine aufzuklären, sondern auch die Entstehung einer globalen Ressource ermöglicht: die Protein Data Bank (PDB). Diese Datenbank sammelt und speichert die 3D-Strukturen von Proteinen, Nukleinsäuren und anderen Biomolekülen.
Die PDB wurde 1971 gegründet und enthält heute über 200.000 Einträge. Bis in die 1970er Jahre war die Röntgenkristallographie die einzige Methode zur Bestimmung der dreidimensionalen Struktur von Proteinen mit atomarer Auflösung.
In den folgenden Jahrzehnten erweiterten neue Techniken wie die Kernspinresonanzspektroskopie (NMR) und später die Kryo-Elektronenmikroskopie (Cryo-EM) das methodische Spektrum. Während NMR besonders für kleine Proteine in Lösung geeignet ist, ermöglicht Cryo-EM die Untersuchung großer Proteinkomplexe ohne Kristallisation.
Jede Proteinstruktur liefert detaillierte Informationen über die räumliche Anordnung der Atome in einem Molekül. Die Röntgenkristallografie hat damit nicht nur unser Verständnis revolutioniert – sie hat eine globale Infrastruktur des Wissens geschaffen. Eine stille Bibliothek, in der jedes Protein seine Geschichte erzählt – festgehalten in atomarer Genauigkeit. Zugänglich für Forscher auf der ganzen Welt.
Röntgenkristallographie in der Virologie
Viren sind komplexe Gebilde, die aus Proteinen, Nukleinsäuren (DNA oder RNA) und manchmal auch Lipiden bestehen. Ganze Viren sind oft zu groß und zu flexibel, um sie zu kristallisieren und mit Röntgenkristallographie zu untersuchen.
Einige Viren besitzen jedoch regelmäßige, symmetrische Strukturen, die eine dichte, wiederholte Packung ermöglichen und damit die Kristallisation ermöglichen. Ein bekanntes Beispiel ist das Tabakmosaikvirus, dessen Struktur bereits in den 1950er Jahren mithilfe der Röntgenkristallographie aufgeklärt wurde.
Für die meisten Viren ist es jedoch praktikabler, einzelne Virusproteine zu untersuchen. Besonders interessant sind dabei Proteine, die das Virus für die Infektion von Wirtszellen, seine Vermehrung oder zur Umgehung des Immunsystems benötigt.
Um ein Beispiel für die Struktur eines Virusproteins zu zeigen, greifen wir auf die Proteindatenbank (PDB) zurück. Die folgende Abbildung stammt aus der PDB und zeigt das Hämagglutinin-Protein des H5N1-Influenzavirus. Seine atomare Struktur wurde mithilfe der Röntgenkristallographie bestimmt und in der Protein Data Bank hinterlegt.

Abb. 8-D: Atomare Struktur des Hämagglutinin-Proteins des H5N1-Influenzavirus (PDB-ID: 2FK0), dargestellt als Ball-and-Stick-Modell. Anleitung zur Suche in der Proteindatenbank
1️⃣ Öffne die Protein Data Bank (PDB): https://www.rcsb.org.
2️⃣ Suche nach einem Protein:
In unserem Beispiel suchen wir nach dem Hämagglutinin-Protein des Influenzavirus.
👉 Gib in das Suchfeld den Begriff „influenza hemagglutinin“ ein.
👉 Filtere die Ergebnisse unter [Experimental Method] nach [X-ray diffraction] (Röntgenkristallographie).3️⃣ Wähle einen Eintrag aus:
👉 Klicke auf ein Ergebnis. Für unser Beispiel wählen wir PDB-ID: 2FK0 – das Hämagglutinin-Protein des H5N1-Influenzavirus.
4️⃣ Ansicht des Proteins:
Links in der PDB siehst du die Cartoon-Darstellung oder das Ribbon-Diagramm, eine schematische Ansicht der 3D-Faltung des Proteins.
5️⃣ Visualisierung der atomaren Struktur:
👉 Klicke auf [Structure], um in die 3D-Ansicht zu wechseln.
👉 Wähle einen anderen Viewer: „JSmol“ (siehe: unten rechts).
👉 Für die atomare Struktur-Ansicht wähle den [Style]: „Ball-and-Stick“.
🔍 Nun sind alle Atome und Bindungen sichtbar. Mit der Maus kannst du das Modell drehen, zoomen und verschieben.6️⃣ Strukturelle Merkmale hervorheben:
👉 Unter [Color] kannst du verschiedene Farb-Darstellungen. Das Beispiel: „By chain“ färbt jede Proteinkette in einer eigenen Farbe, um Untereinheiten des Proteins zu unterscheiden.
Weitere Infos zum Einsatz der Röntgenkristallographie
Seit über 40 Jahren ist die Röntgenkristallographie eine leistungsfähige Methode zur Bestimmung von Virusstrukturen. Da wir bereits das Oberflächenprotein Hämagglutinin des Influenzavirus kennengelernt haben, beziehen sich die nachfolgend aufgeführten Studien darauf.
🔗 Eine der ersten Studien dazu wurde 1981 veröffentlicht: „Structure of the haemagglutinin membrane glycoprotein of influenza virus”. Sie enthüllte die dreidimensionale Struktur des HA-Proteins und legte die Grundlage für das Verständnis der Infektionsmechanismen des Influenzavirus.
🔗 Eine neuere Studie aus dem Jahr 2019 mit dem Titel „Identification of a pH sensor in Influenza hemagglutinin using X-ray crystallography” untersuchte die Bindungsregion des HA-Proteins mittels Röntgenkristallographie. Sie zeigte, wie Konformationsänderungen der Bindungsregion in Abhängigkeit des pH-Werts die Virusfunktion beeinflussen.
🔗 Eine Studie aus dem Jahr 2020, „Structure of avian influenza hemagglutinin in complex with a small molecule entry inhibitor”, nutzte Röntgenkristallographie, um die Struktur des H5-Hämagglutinin (HA)-Proteins des Influenzavirus H5N1 in komplex mit dem Inhibitor CBS1117 aufzuklären. Die Kristallstruktur lieferte detaillierte Einblicke in die molekularen Wechselwirkungen, die für die Entwicklung neuer antiviraler Wirkstoffe entscheidend sind.
Durch die Kombination der Strukturen einzelner Proteine können Wissenschaftler ein detailliertes Bild des gesamten Virus zusammensetzen.
Grenzen der Röntgenkristallographie
Obwohl die Röntgenkristallographie eine unglaublich leistungsfähige Methode zur Strukturbestimmung ist, stößt sie in bestimmten Fällen an ihre Grenzen:
⧎ Schwierige Kristallisation: Viele Proteine, insbesondere große Komplexe oder Membranproteine, lassen sich nur schwer oder gar nicht in Kristallform bringen.
⧎ Künstliche Bedingungen: Proteine werden in der Kristallform fixiert, was möglicherweise nicht ihrem natürlichen Zustand entspricht.
⧎ Fehlende Dynamik: Die Methode zeigt nur eine statische Momentaufnahme, aber keine Informationen über Bewegung oder Flexibilität der Moleküle.
⧎ Strahlenschäden: Die hochenergetischen Röntgenstrahlen können empfindliche Moleküle leicht verändern.
Auf der Suche nach einer neuen Methode
Diese Einschränkungen machten klar: Nicht jedes Biomolekül lässt sich wie Lego in Kristallform pressen. Die Lösung? Ein mikroskopischer Kälte-Blitz: Kryo-EM. Ihr Trick? Moleküle in Millisekunden schockgefrieren – so schnell, dass Wasser gar nicht erst kristallisiert. Keine Kristall-Zwangsjacke, keine Röntgen-Bräune – nur eiskalte Atom-Details.
c) Kryoelektronenmikroskopie: Ein moderner Blick auf Viren
Nachdem wir die klassische Elektronenmikroskopie und die Röntgenkristallographie kennengelernt haben, die uns erstmals Einblicke in die Struktur von Viren ermöglichten, führt uns die Kryoelektronenmikroskopie – kurz Kryo-EM – in eine neue Ära der Forschung.
Was ist Kryo-EM überhaupt?
Kryo-EM ist eine Technik, bei der Proben extrem schnell eingefroren („kryo“ = kalt) und dann mit einem Elektronenmikroskop untersucht werden. Das Besondere: Die Proben bleiben in einem nahezu natürlichen Zustand, weil sie nicht chemisch fixiert oder gefärbt werden müssen, wie bei anderen Methoden. Das macht sie ideal, um empfindliche Strukturen wie Viren zu betrachten.
Wie kam es dazu?
Früher hatten Wissenschaftler ein großes Problem, wenn sie biologische Proben mit Elektronenmikroskopen untersuchen wollten: Wasser verdunstete im Vakuum der Mikroskope, und empfindliche Moleküle wurden durch den intensiven Elektronenstrahl beschädigt. Dadurch entstanden unscharfe oder verzerrte Bilder.
Forscher hatten bereits die Idee, Proben zu kühlen, um sie zu schützen. Doch es gab ein weiteres Problem: Wenn Wasser gefriert, bilden sich Eiskristalle. Diese beugen Elektronen so stark, dass klare Bilder unmöglich wurden.
Der entscheidende Durchbruch kam in den 1980er Jahren, als der Wissenschaftler Jacques Dubochet eine Technik namens Tauchgefrieren entwickelte. Dabei wird die Probe extrem schnell auf sehr niedrige Temperaturen abgekühlt, bevor sich Eiskristalle bilden können. Stattdessen bleibt das Wasser in einem glasartigen, gefrorenen Zustand erhalten, der die biologische Probe perfekt umhüllt. So wurde die Kryo-Elektronenmikroskopie (Kryo-EM) geboren.
Ein weiterer wichtiger Fortschritt kam in den 1970er Jahren, als Joachim Frank eine Methode entwickelte, um die unscharfen Bilder aus dem Mikroskop mit computergestützten Berechnungen zu verbessern. Indem er zahlreiche Aufnahmen einzelner Moleküle aus unterschiedlichen Blickwinkeln kombinierte, gelang es ihm, ein gestochen scharfes 3D-Modell zu rekonstruieren. Dadurch war es erstmals möglich, die Struktur von Biomolekülen zu bestimmen, ohne sie zuvor kristallisieren zu müssen – ein großer Vorteil für Proteine, die sich nur schwer oder gar nicht in Kristallform bringen lassen.
1990 nutzte Richard Henderson die Kryo-EM erstmals, um ein Biomolekül in so hoher Auflösung zu untersuchen, dass selbst kleine Details wie Aminosäure-Seitenketten sichtbar wurden. Für diese bahnbrechenden Entwicklungen erhielten Dubochet, Frank und Henderson 2017 den Nobelpreis für Chemie.
Seitdem hat sich die Technologie rasant weiterentwickelt:
↗️ Moderne Kameras nehmen gestochen scharfe Bilder direkt auf, ohne Qualitätsverluste.
↗️ Automatisierte Mikroskope können mehrere Proben gleichzeitig analysieren.
↗️ Leistungsstarke Computerprogramme ermöglichen die Verarbeitung riesiger Datenmengen, um noch genauere Strukturen zu berechnen.Dank dieser Fortschritte kann die Kryo-EM heute komplexe Moleküle, Proteine, Viren und sogar ganze Zellstrukturen in ihrem natürlichen Zustand sichtbar machen – und das in einer nie dagewesenen Detailtiefe.
Im Folgenden werfen wir einen genaueren Blick darauf, wie die Kryo-EM Viren sichtbar macht.
Mit Kryo-EM Viren sichtbar machen – Schritt für Schritt
1️⃣ Probenvorbereitung: Viren züchten und isolieren
Wenn man Viren untersuchen will, muss man sie erst einmal haben. Dafür werden sie meist in geeigneten Wirtszellen gezüchtet, z. B. in Zellkulturen im Labor. Viren sind Parasiten, die sich nur in Wirtszellen vermehren können. Um sie zu untersuchen, infiziert man also geeignete Zellen in einer Zellkultur und lässt die Viren sich vermehren.
Nach der Infektion der Zellen werden die Viren zu bestimmten Zeitpunkten „geerntet“, um verschiedene Stadien ihres Lebenszyklus (z. B. Anheftung, Eindringen, Vermehrung) zu untersuchen. Danach werden die Viren aus der Zellkultur isoliert und gereinigt, z. B. durch Zentrifugation oder Filtration, damit man eine saubere Virusprobe hat, ohne störende Zellreste.
2️⃣ Probepräparation: Aufbringen der Probe auf ein Gitter
Die gereinigte Virusprobe ist eine wässrige Lösung, in der die Viren schweben. Die Viruslösung wird mit einer Pipette auf ein Gitter aufgetragen (siehe untere Abbildung).
Ein typisches Kryo-EM-Gitter ist winzig, es hat einen Durchmesser von 3 Millimetern, damit es in die Halterungen des Elektronenmikroskops passt. Das Gitter besteht aus einem feinen Netz aus Metall (z. B. Kupfer oder Gold), das wie ein Sieb aussieht. Auf das Metallgitter wird eine ultradünne Kohlenstofffolie gelegt, die selbst winzige Löcher enthält (meist 1–2 Mikrometer im Durchmesser). Durch die Oberflächenspannung verteilt sich die Lösung in den winzigen Löchern und haftet dort, bevor sie eingefroren wird. Diese Anordnung hat zwei wichtige Funktionen: Das Gitter sorgt für Stabilität, während die Löcher den Elektronenstrahl ungehindert passieren lassen, um Hintergrundrauschen zu minimieren.

Abb. 9-A: Schematische Darstellung der Kryo-EM-Probenpräparation A – Gitter, bedeckt mit einer löchrigen Kohlenstofffolie,
B – vergrößertes Bild einer Gitteröffnung, einer sogenannten Mesh-Öffnung,
C – vergrößertes Bild eines Lochs, in der die Viren haften3️⃣ Schnellgefrieren der Probe
Die Probe bzw. das Gitter wird nun blitzschnell in flüssigem Ethan oder Stickstoff auf etwa -180 °C eingefroren. Das nennt man Vitrifizierung – das Wasser wird nicht zu Kristallen, sondern zu einem glasartigen Zustand, der die Struktur perfekt erhält. So bleiben die Viren in ihrem natürlichen Zustand erhalten – als wären sie in der Zeit eingefroren. Zudem schützt das Eis die Moleküle vor Schäden durch die intensive Elektronenstrahlung.

Abb. 9-B: Rechts – Schematischer Querschnitt eines Lochs im Kryo-EM-Gitter, in dem Viren in vitrifiziertem (glasartigem) Eis eingebettet sind. 4️⃣ Aufnahme der Bilder im Elektronenmikroskop
Das gefrorene Gitter mit den Viren wird in das Kryo-Elektronenmikroskop eingelegt. In der vitrifizierten Lösung sind die Viren zufällig ausgerichtet – sie liegen also in verschiedenen Winkeln vor. Der Elektronenstrahl trifft die Probe aus einer festen Richtung (meist senkrecht), und eine hochempfindliche Kamera nimmt 2D-Projektionen der Viren auf.
Da jedes Virus in einer anderen Orientierung eingefroren ist, erhält man automatisch Bilder aus vielen verschiedenen Blickwinkeln – ohne dass das Gitter gedreht werden muss. Diese große Anzahl an Bildern ist wichtig für die spätere 3D-Rekonstruktion. Insgesamt werden oft Tausende bis Hunderttausende Aufnahmen gemacht.
5️⃣ Datenverarbeitung: Vom 2D-Bild zum 3D-Modell
Nach der Aufnahme beginnt die eigentliche Herausforderung: die computergestützte Rekonstruktion. Spezielle Software erkennt die einzelnen Viruspartikel in den 2D-Bildern und sortiert sie nach ihrer Orientierung.
Durch mathematische Verfahren (wie „Single Particle Analysis“) werden die 2D-Bilder zusammengefügt, um ein hochauflösendes 3D-Modell des Virus zu berechnen. Je mehr Bilder und je besser deren Qualität, desto schärfer wird das Modell.
Falls verschiedene Stadien des Viruslebenszyklus untersucht werden sollen (z. B. vor und nach dem Eindringen in eine Zelle), wiederholt man diesen Prozess mit Proben aus unterschiedlichen Zeitpunkten. So kann man sogar Veränderungen in der Struktur über die Zeit sichtbar machen.

Abb. 9-C: Schritte der Kryo-EM-Analyse Die folgenden Videos fassen die bisherigen Informationen zur Kryo-EM anschaulich zusammen:
👉 What is Cryo-Electron Microscopy (Cryo-EM)?
👉 Cryo-EM Animation6️⃣ Interpretation und Visualisierung
Nach der 3D-Rekonstruktion liegt ein hochauflösendes Modell des Virus vor, das dessen Aufbau zeigt – z. B. die Hülle, die Spike-Proteine und manchmal sogar innere Strukturen.
Nun geht es darum, die eiskalten Daten zu analysieren, zu interpretieren und anschaulich darzustellen. Dieser Schritt ist wichtig, um die biologische Bedeutung der Struktur zu entschlüsseln und die Erkenntnisse für weitere Forschung oder die Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Schritte der Interpretation und Visualisierung
a) Analyse der Struktur: Wissenschaftler untersuchen die 3D-Struktur, um Schlüsselmerkmale des Virus oder seiner Proteine zu identifizieren. Diese Analyse hilft, die molekularen Mechanismen der Virusinfektion zu verstehen. Dazu gehören z. B.:
- Bindungsstellen: Wo bindet das Virus an Wirtszellen?
- Funktionelle Bereiche: Welche Teile des Proteins sind für die Infektion oder Vermehrung essenziell?
- Veränderungen: Gibt es Unterschiede in der Struktur zwischen verschiedenen Virusstämmen oder -stadien?
b) Vergleich mit bekannten Strukturen: Die rekonstruierte Struktur wird mit bereits bekannten Strukturen aus Datenbanken wie der Protein Data Bank (PDB) verglichen. Dies kann Aufschluss über evolutionäre Beziehungen, funktionelle Ähnlichkeiten oder mögliche Angriffspunkte für Medikamente geben.
c) Visualisierung der Struktur: Mithilfe spezieller Software wird das 3D-Modell visualisiert, um die Struktur anschaulich darzustellen und wichtige Merkmale hervorzuheben. Dabei gibt es verschiedene Darstellungsformen:
- Oberflächendarstellung: Zeigt die äußere Form des Virus oder Proteins.
- Stäbchenmodell (Ball-and-Stick): Zeigt die Anordnung der Atome und Bindungen.
- Sekundärstruktur: Hebt strukturelle Elemente wie α-Helices und β-Faltblätter hervor.
d) Publikation und Datenfreigabe: Die Ergebnisse werden in wissenschaftlichen Fachzeitschriften veröffentlicht – oft mit hochauflösenden Bildern oder Animationen der 3D-Struktur. Zudem werden die Rohdaten und rekonstruierten Modelle in öffentlichen Datenbanken wie der PDB (Protein Data Bank) oder der EMDB (Electron Microscopy Data Bank) gespeichert, sodass andere Forscher darauf zugreifen können.
Wenn Viren wüssten, wie oft wir sie jetzt in 3D drehen und zoomen können… sie würden sich glatt was anziehen!
Influenzavirus in 3D: ein Beispiel
Es kann schwierig sein, 3D-Modelle von Viren im Internet zu finden. Forschungsdaten werden oft erst nach der Veröffentlichung von Studien freigegeben und dann in speziellen Datenbanken wie der EMDB (Electron Microscopy Data Bank) gespeichert. Doch diese Daten sind für Laien schwer zugänglich, weil sie spezielle Software benötigen, um sie als 3D-Modelle anzuzeigen.
Erfreulicherweise bietet die NIH 3D-Plattform (National Institutes of Health) ein hilfreiches Beispiel: ein 3D-Modell eines Influenzavirus, das mit der Kryo-Elektronenmikroskopie erstellt wurde. Du kannst es dir unter diesem Link anschauen! Beachte, dass du möglicherweise einen 3D-Viewer brauchst, um es zu erkunden.
Weitere Infos zum Einsatz der Kryo-EM
🔬 Diese Studie zum Influenzavirus zeigte mithilfe der Kryo-Elektronenmikroskopie die Interaktionen zwischen den Nukleoproteinen und der viralen RNA sowie die spezifische Anordnung der Ribonukleoprotein-Komplexe (RNPs) innerhalb des Virions. Solche strukturellen Einblicke sind entscheidend für das Verständnis der Mechanismen, mit denen das Influenzavirus sein Genom verpackt und während des Infektionszyklus repliziert.
🔬 Ergänzend zeigt eine frühere Studie von Liu et al. (2017) strukturelle Details filamentöser Influenzavirus-Partikel und deren RNP-Organisation mittels Kryo-EM.
Warum Kryo-EM so genial ist – besonders bei Viren
Die Kryo-EM ist ein unschlagbares Werkzeug, wenn es darum geht, Viren sichtbar zu machen – besonders wenn’s um die schwer fassbaren Kandidaten geht:
- Viren mit ihren tückischen Spike-Proteinen
- Riesige Proteinkomplexe, die sich weigern, ordentlich zu kristallisieren
- Membranproteine, die sonst nur „Hallo!“ sagen und sofort zerfallen
Die Methode: Sie friert Viren blitzschnell ein, sodass sie wie in einer Zeitkapsel erhalten bleiben, und erzeugt Tausende von Aufnahmen mithilfe eines Elektronenstrahls. Ein Computer setzt diese Bilder dann zu einem hochauflösenden 3D-Modell zusammen – so können wir genau sehen, wie ein Virus aufgebaut ist. Diese Methode wird als Single Particle Analysis (SPA) bezeichnet, da einzelne Viruspartikel analysiert und rechnerisch zu einer 3D-Struktur zusammengeführt werden.
Vom Standbild zum Blockbuster
Was die Kryo-EM an detailreichen „Schnappschüssen“ liefert, ist beeindruckend – aber manchmal reicht ein Bild eben nicht aus. Um zu verstehen, wie Viren sich bewegen, Zellen kapern oder sich replizieren, braucht es bewegte Szenen. Genau hier setzt die Kryo-Elektronentomographie an: eine Technik, mit der man Viren fast wie in einem Film beim Arbeiten zuschauen kann.

d) Kryo-Elektronentomographie – 3D-Virusmodelle in der Zelle
Während die Kryo-EM hochgereinigte Viren isoliert untersucht, erlaubt die Kryo-ET Wissenschaftlern, dreidimensionale Schnappschüsse molekularer Interaktionen direkt innerhalb der Zelle aufzunehmen. So können Viren in ihrem natürlichen Umfeld – also in der Zelle – sichtbar gemacht werden.
Mit Kryo-ET Viren sichtbar machen – Schritt für Schritt
1️⃣ Probenvorbereitung – Einfrieren der Zelle
Geeignete Zellen werden in einer Zellkultur gezüchtet und mit Viren infiziert. Dann wartet man auf einen definierten Zeitpunkt – zum Beispiel auf das Eindringen der Viren in die Zelle oder auf ihre Vermehrung – und entnimmt die Zellen. Diese werden in eine Pufferlösung überführt, um eine homogene Zelllösung zu erhalten.
Anschließend wird die Zelllösung auf ein Kryo-EM-Gitter aufgetragen – ein kleines Metallgitter mit einer löchrigen Kohlenstofffolie, das bereits aus der Kryo-EM bekannt ist. Das Gitter wird sofort in flüssiges Ethan oder flüssigen Stickstoff (bei ca. -180 °C) getaucht. Durch diese blitzschnelle Gefriertechnik (Vitrifizierung) bleiben die Zellstrukturen erhalten, ohne dass sich störende Eiskristalle bilden.

Abb. 10-A: Schematische Darstellung der Kryo-ET-Probenpräparation mit anschließender Vitrifizierung 2️⃣ Dünne Zellbereiche erzeugen (falls nötig)
Durch die Vitrifizierung werden die Zellen stabilisiert – sie sind nun fest wie Glas. Da Zellen oft zu dick für die Kryo-ET sind, nutzen Wissenschaftler einen Focussed Ion Beam (FIB), um die Eisschicht auf die gewünschte Dicke zu reduzieren.
Dafür wird das Kryo-EM-Gitter in einem FIB-SEM-Gerät (Focussed Ion Beam mit Rasterelektronenmikroskop) zunächst gescannt, um interessante Zellen zu lokalisieren. Anschließend fräst ein fokussierter Ionenstrahl mit höchster Präzision eine Lamelle (~100–200 nm dick) aus der Eisschicht. Diese Lamelle stellt einen Querschnitt der Zelle dar und zeigt relevante Bereiche mit Viruspartikeln – z. B. die Zellmembran oder das Zytoplasma mit Viren.
Wie das Ganze in der Praxis aussieht, zeigt das Video „Cryo-lamella preparation“ im Abschnitt „FIB-milling of lamella in waffle grids“ auf der Seite „Cryo EM 101, Kapitel 3“.
3️⃣ Bildaufnahme im Kryo-EM
Das gefrorene Zellgitter wird ins Kryo-Elektronenmikroskop gebracht. Hier erzeugt ein Elektronenstrahl hochaufgelöste Bilder der Probe.
Tomographie – Wie ein CT-Scan für Zellen
Die Probe wird schrittweise gedreht. Ein Goniometer (Drehmechanismus) kippt das Gitter in kleinen Winkelschritten (z. B. 1–2°), typischerweise über einen Bereich von ±60° bis ±70°. Für jeden Winkel wird ein 2D-Bild aufgenommen, sodass eine sogenannte „Tilt-Series“ (Neigungsserie) entsteht – eine Sammlung von 2D-Bildern aus verschiedenen Perspektiven (siehe untere Abbildung).
📌 Kryo-ET vs. SPA: Im Gegensatz zur Single Particle Analysis (SPA), bei der viele identische Viren benötigt werden, konzentriert sich die Kryo-ET auf einen spezifischen Bereich der Probe – oft eine einzelne Zelle oder eine Virus-Wirtszell-Interaktion. Man benötigt also keine große Anzahl identischer Partikel, sondern kann individuelle biologische Strukturen direkt in ihrem natürlichen Umfeld untersuchen.
4️⃣ 3D-Rekonstruktion
Die Kryo-ET nutzt die Neigungsserie, um rechnerisch ein 3D-Modell zu rekonstruieren – wie ein medizinischer CT-Scan, nur für Viren statt für Knochen. Das Ergebnis: ein hologrammartiges Volumenbild, das zeigt, wie Viren in echten Zellen tanzen, andocken und tricksen.

Abb. 10-B: Vom Elektronenstrahl zur 3D-Rekonstruktion 5️⃣ Interpretation & Visualisierung
Jetzt wird’s actionreich! Die 3D-Modelle zeigen Viren in ihrer natürlichen Umgebung:
- wie sie in der Zelle sitzen
- wie sie mit Zellorganellen interagieren
- verschiedenen Stadien (z. B. Eintritt, Replikation, Freisetzung)
Die Ergebnisse werden interpretiert, um z. B. den Infektionsmechanismus des Virus oder seine Interaktion mit der Wirtszelle zu verstehen.
Manchmal werden mehrere Zeitpunkte verglichen, um eine Art „Film“ zu erstellen, der die Dynamik simuliert.
Das folgende Video gibt einen Eindruck davon: Es wurden detailreiche 3D-Modelle eines Influenzavirus während der Knospung an der Zellmembran visualisiert und anschließend zu einem Film zusammengesetzt.
6️⃣ Publikation und Datenspeicherung
Damit alle was davon haben, landen die spektakulärsten Virus-Modelle in öffentlichen Datenbanken wie der Electron Microscopy Data Bank (EMDB) – das Netflix für Strukturbiologen.
Warum das cool ist:
- Open Science = Kein Wissenschaftler muss das Rad zweimal bauen.
- Transparenz = Jeder kann nachvollziehen, wie der „Film“ entstand.
- Kooperation = Teamwork macht auch Virenforschung zum Hit.
Wenn Viren ein Twitter hätten, würden sie jetzt trenden mit #EMDBChallenge.
Weitere Infos zum Einsatz der Kryo-ET
🔬 Die Studie „Quantitative Strukturanalyse von Influenzaviren mittels Kryo-Elektronentomographie und Convolutional Neural Networks“ nutzte Kryo-Elektronentomographie (Kryo-ET) und moderne Computertechnik, um die Struktur des Influenzavirus zu untersuchen. Sie zeigt die vielfältige Form des Virus und enthält Videos aus 3D-Rekonstruktionen, die den Prozess veranschaulichen.
🔬 Die Studie „Strukturelle Veränderungen des Influenzavirus bei niedrigem pH-Wert, charakterisiert durch Kryo-Elektronentomographie“ untersuchte, wie das Influenza-A-Virus auf saure Bedingungen reagiert, die es während des Eintritts in Wirtszellen erfährt. Durch Kryo-Elektronentomographie beobachteten die Forscher, dass bei niedrigem pH-Wert die viralen Hüllproteine (Hämagglutinin) strukturelle Veränderungen durchlaufen, die zur Fusion der viralen und zellulären Membranen führen. Diese Fusion ermöglicht es dem Virus, sein genetisches Material in die Wirtszelle freizusetzen und die Infektion zu initiieren.
Forscher untersuchen nicht nur humanpathogene Viren
Forscher interessieren sich längst nicht mehr nur für Krankheitserreger wie Grippe- oder Coronaviren – auch Viren aus der Umwelt sind extrem spannend. Allen voran: Bakteriophagen, die Bakterien befallen. In den Ozeanen sind sie echte Öko-Ingenieure.
1️⃣ Winzige Regisseure im Ökosystem
Phagen töten gezielt bestimmte Bakterien und halten so das mikrobielle Gleichgewicht im Meer im Lot. Damit steuern sie indirekt wichtige Kreisläufe wie den Kohlenstoff- oder Stickstoffhaushalt. Wer ihre Struktur und ihr Verhalten kennt, versteht besser, wie stabile Meeresökosysteme funktionieren.
2️⃣ Evolution live erleben
Phagen sind die häufigsten biologischen „Lebewesen“ der Erde – und genetisch unglaublich vielfältig. Mit Hilfe der Kryo-EM entdecken Forscher ständig neue Virusfamilien. Ihre genetischen Codes landen in Datenbanken und erzählen eine Geschichte über die Ko-Evolution von Viren und Bakterien.
3️⃣ Vom Meer ins Labor
Einige marine Phagen produzieren Enzyme mit echtem Potenzial: für Gentechnik, Diagnostik oder sogar als Alternative zu Antibiotika. Auch in der Landwirtschaft könnten sie helfen, gezielt schädliche Bakterien auszuschalten – ganz ohne Chemiekeule.
4️⃣ Und wohin mit den Daten?
Struktur- und Gensequenzen werden offen zugänglich gemacht – z. B. in der NCBI Virus Database oder der EMDB. Bioinformatiker stöbern dort nach neuen Genen, cleveren Tricks – und manchmal nach Ideen für die nächste biotechnologische Anwendung.
Grenzen der Kryo-EM
Die Kryo-EM (inklusive Single Particle Analysis (SPA) und Kryo-Elektronentomographie (Kryo-ET)) sind bahnbrechende Methoden, aber sie haben auch einige Einschränkungen, die von technischen, biologischen und praktischen Faktoren abhängen:
Probenvorbereitung ist anspruchsvoll
Problem: Die Proben müssen extrem dünn sein (nur ein paar Hundert Nanometer) und perfekt vitrifiziert werden, ohne Eiskristalle, die die Struktur zerstören könnten. Das ist technisch schwierig und erfordert viel Erfahrung.
Auswirkung auf Viren: Wenn die Viruslösung nicht gleichmäßig eingefroren wird oder zu dick ist, können die Bilder unscharf werden oder die Viren beschädigt werden. Bei der Kryo-ET können dicke Zellproben die Elektronen zu stark streuen, was die Bildqualität verschlechtert.
Begrenzte Auflösung
Problem: Obwohl Kryo-EM sehr hochauflösende Bilder liefern kann (bis zu 2–3 Ångström bei optimalen Bedingungen), hängt die Auflösung von der Qualität der Probe und der Datenmenge ab. Bei komplexen oder variablen Strukturen (z. B. flexiblen Viren) kann die Auflösung leiden.
Auswirkung auf Viren: Kleinste Details (z. B. einzelne Atome in Proteinen) sind nicht immer sichtbar, besonders wenn die Viren sich bewegen oder unterschiedlich geformt sind.
Eingeschränkte Dynamik: Eingefroren in der Zeit
Problem: So beeindruckend die 3D-Modelle auch sind – sie zeigen immer nur einen eingefrorenen Moment. Echte Bewegungen oder Abläufe – etwa wie ein Virus live in eine Zelle eindringt – bleiben außen vor.
Auswirkung auf Viren: Bei Single Particle Analysis (SPA) sehen wir nur eine Struktur zu einem bestimmten Zeitpunkt. Und auch bei der Kryo-ET müssen Forscher verschiedene Zellen in unterschiedlichen „Stadien“ der Infektion einfrieren, um daraus eine zeitliche Abfolge zu rekonstruieren. Klingt nach Film – ist aber eher eine Stop-Motion-Rekonstruktion als ein Livestream.
Hohe Kosten und Komplexität
Problem: Kryo-EM erfordert teure Geräte (Elektronenmikroskope kosten Millionen), spezialisierte Labore (z. B. Vakuum und Kryo-Bedingungen) und viel Rechenpower für die Datenanalyse. Das macht sie zeit- und kostenintensiv.
Auswirkung auf Viren: Nur gut ausgestattete Forschungseinrichtungen können Kryo-EM nutzen, was den Zugang einschränkt. Kleine Labore oder Entwicklungsregionen können diese Technik oft nicht anwenden.
Rauschen und Datenmenge
Problem: Die Bilder sind oft verrauscht, weil man nur wenige Elektronen nutzt, um die empfindlichen Proben nicht zu beschädigen. Die Verarbeitung erfordert Tausende Bilder, was rechenintensiv ist.
Auswirkung auf Viren: Wenn die Datenmenge nicht ausreicht oder das Rauschen zu hoch ist, können die 3D-Modelle ungenau werden.
Begrenzte Probengröße
Problem: Kryo-EM funktioniert nur mit sehr kleinen Proben (z. B. einzelne Viren oder Zellen). Größere Strukturen wie ganze Gewebe sind schwer zu untersuchen, weil die Elektronen nicht tief genug eindringen.
Auswirkung auf Viren: Kryo-ET kann Zellen abbilden, aber nur bis zu einer bestimmten Dicke (ca. 1 Mikrometer). Größere Organismen oder Gewebe sind nicht geeignet.
Quellen
Kryo-Elektronenmikroskopie: Prinzip, Stärken, Grenzen und Anwendungen
Herausforderungen und Erfolge in der Kryo-Elektronentomographie
e) Zusammenfassung
Die Wissenschaft hat über Jahrzehnte hinweg immer leistungsfähigere Methoden entwickelt, um die Welt der Viren sichtbar zu machen. Während das bloße Auge und Lichtmikroskope schnell an ihre Grenzen stoßen, haben Elektronenmikroskopie, Röntgenkristallographie und schließlich die Kryo-EM und Kryo-ET völlig neue Einblicke ermöglicht. Diese Technologien haben unser Verständnis von Viren revolutioniert.

Abb. 11: Von Atomen zu Makrostrukturen – Ein Überblick bildgebender Verfahren Skalierung der Bildgebung
➡️ Menschliches Auge
Sichtbar: ca. 0,1 mm (100 µm) – mehrere Meter
Beispiel: Haar, Sandkorn➡️ Lichtmikroskop
Sichtbar: ca. 200 nm – 1 mm
Beispiel: Bakterien, Zellen, Zellkerne➡️ Klassische Elektronenmikroskopie (EM, TEM/SEM)
Sichtbar: ca. 0,2 nm – 100 µm
Beispiel: Viren, Zellorganellen, Zellmembranen➡️ Röntgenkristallographie
Sichtbar: ca. 1 Å (0,1 nm) – 10 nm
Beispiel: Atomare Strukturen von Proteinen➡️ Kryo-EM (Einzelpartikelanalyse)
Sichtbar: ca. 2 Å (0,2 nm) – 100 nm
Beispiel: Proteinkomplexe, Ribosomen➡️ Kryo-ET (Kryo-Elektronentomographie)
Sichtbar: ca. 3-5 nm – 200 µm
Beispiel: Viren in Zellen, Zellorganellen in hoher Auflösung
Elektronenmikroskopie (1930er)
→ Erste Bilder von VirenDie Elektronenmikroskopie (EM) war ein revolutionärer Schritt in der Mikroskopie, da sie erstmals die Abbildung von Strukturen ermöglichte, die weit unterhalb der Auflösungsgrenze von Lichtmikroskopen liegen. Statt Licht verwendet die EM einen Strahl von Elektronen, der eine viel höhere Auflösung ermöglicht. Damit konnten Wissenschaftler erstmals Viren sichtbar machen, die zu klein sind, um mit herkömmlichen Mikroskopen betrachtet zu werden.
Die EM war ein großer Fortschritt, aber ihre Grenzen bei der Darstellung von Proben in ihrem natürlichen Zustand und die fehlende 3D-Information führten zur Entwicklung der Röntgenkristallographie.
Röntgenkristallographie (1950er–heute)
→ Detaillierte Strukturen von VirusproteinenDie Röntgenkristallographie ermöglichte es, die atomare Struktur von Proteinen und anderen Biomolekülen zu entschlüsseln. Dabei wird ein Kristall des Proteins mit Röntgenstrahlen bestrahlt, und das entstehende Beugungsmuster wird analysiert, um die Positionen der Atome zu bestimmen. Diese Methode lieferte detaillierte Einblicke in die Struktur von Virusproteinen, was für das Verständnis ihrer Funktion und die Entwicklung von Medikamenten entscheidend war.
Die Röntgenkristallographie ist zwar leistungsstark, aber ihre Einschränkungen bei der Untersuchung von großen, komplexen Strukturen und die Notwendigkeit von Kristallen führten zur Entwicklung der Kryo-Elektronenmikroskopie (Kryo-EM).
Kryo-EM (1980er–heute)
→ Ein moderner Blick auf VirenDie Kryo-EM kombiniert die Vorteile der Elektronenmikroskopie mit einer schonenden Probenvorbereitung. Die Proben werden blitzschnell eingefroren (vitrifiziert), wodurch sie in einem naturnahen Zustand erhalten bleiben. Dies ermöglicht die Abbildung von einzelnen Viruspartikeln oder großen Proteinkomplexen ohne Kristallisation. Die Kryo-EM liefert hochauflösende Bilder und kann auch flexible oder dynamische Strukturen abbilden.
Die Kryo-EM war ein großer Fortschritt, aber sie war auf isolierte Partikel beschränkt und konnte keine komplexen, zellulären Umgebungen abbilden. Dies führte zur Entwicklung der Kryo-Elektronentomographie (Kryo-ET).
Kryo-ET (2000er–heute)
→ 3D-Virusmodelle in der ZelleDie Kryo-ET erweitert die Kryo-EM, indem sie 3D-Modelle von Viruspartikeln oder anderen Strukturen direkt in ihrer zellulären Umgebung erstellt. Dabei wird die Probe aus verschiedenen Winkeln abgebildet, und die Bilder werden zu einem 3D-Modell zusammengesetzt. Dies ermöglicht es, Viren in ihrem natürlichen Kontext zu studieren, z. B. wie sie mit Zellen interagieren oder sich vermehren.
Die Kryo-ET ist ein mächtiges Werkzeug, aber ihre begrenzte Auflösung und die Komplexität der Probenvorbereitung könnten die Entwicklung neuer Technologien vorantreiben, die noch höhere Auflösungen in komplexen zellulären Umgebungen ermöglichen.
Jede dieser Technologien hat die Grenzen unseres Sehvermögens erweitert – und gleichzeitig neue Herausforderungen mit sich gebracht. Doch genau diese Grenzen waren stets der Antrieb für die Entwicklung noch leistungsfähigerer Methoden. Wissenschaft ist ein stetiger Prozess des Entdeckens, Verfeinerns und Weiterdenkens.
Man sagt: „Sehen ist Glauben“, doch für Biologen gilt: „Sehen ist Verstehen“. Je detaillierter wir biologische Strukturen abbilden können, desto tiefer dringen wir in die Geheimnisse des Lebens ein. Doch das reine Sichtbarmachen eines Virus und seiner Interaktion mit dem Wirt reicht nicht aus, um seine Natur vollständig zu entschlüsseln.
Vom Sehen zum Entschlüsseln: Die nächste Stufe der Erkenntnis
Um zu verstehen, was ein Virus wirklich ausmacht, müssen wir sein genetisches Erbe entschlüsseln – seinen einzigartigen „Fingerabdruck“. Dies gelingt mit modernen molekularbiologischen Methoden, die die virale Nukleinsäure analysieren und so einen Blick in den genetischen Bauplan des Virus ermöglichen.
4.5. Der genetische Fingerabdruck der Viren
Nachdem Viren endlich sichtbar geworden waren – dank Elektronenmikroskopie und Kristallstrukturanalyse – stellte sich die nächste große Frage: Was macht ein Virus eigentlich zum Virus?
Schnell war klar: Wie jedes biologische System brauchen auch Viren einen genetischen Bauplan – etwas, das ihre Eigenschaften codiert und ihre Vermehrung ermöglicht. Doch was genau trägt diese Information?
Lange galt das Protein als Favorit: vielfältig, komplex, scheinbar perfekt geeignet. Die DNA hingegen erschien vielen Forschenden zu simpel, zu langweilig, um der Träger des Lebens zu sein.
Doch wie sich herausstellte, lag die Antwort genau dort: in diesem unscheinbaren Molekül, das sich als der ultimative Datenträger des Lebens entpuppte – und bei manchen Viren auch in seinem Verwandten, der RNA.
Die Entdeckung, dass nicht Proteine, sondern Nukleinsäuren das Geheimnis der viralen Vermehrung bergen, war ein wissenschaftlicher Krimi für sich: geprägt von Irrtümern, rivalisierenden Teams und bahnbrechenden Entdeckungen.
Die Suche nach dem Code des Lebens
Frühe Ansätze zur Entschlüsselung der Vererbung
Die Grundlagen der Vererbungslehre wurden bereits im 19. Jahrhundert durch Gregor Mendels Experimente gelegt. Wissenschaftler erkannten, dass Organismen ihre Eigenschaften an die nächste Generation weitergeben, doch der genaue Mechanismus blieb lange unklar. In den Chromosomen der Zellen, die man Ende des 19. Jahrhunderts als mögliche Träger der Erbinformation identifizierte, suchte man nach den entscheidenden Molekülen. Proteine schienen aufgrund ihrer Komplexität die naheliegendsten Kandidaten zu sein.
Wendell Meredith Stanley und das Tabakmosaikvirus
In den 1930er Jahren bestätigten die Arbeiten von Wendell Meredith Stanley die zentrale Rolle von Proteinen im Aufbau von Viren. Stanley isolierte das Tabakmosaikvirus und bereitete es auf eine innovative Weise auf: Er extrahierte das Virus aus infizierten Tabakpflanzen, reinigte es durch Zentrifugation und ließ es anschließend in einer Lösung auskristallisieren. Diese Kristalle enthielten sowohl Proteine als auch genetisches Material, doch zunächst stand nur das Protein im Fokus der Forschung. Man ging davon aus, dass es die genetischen Anweisungen für die Virusreplikation trug.
Der Paradigmenwechsel: Von Proteinen zur DNA
Der Zweifel an der Protein-Hypothese wuchs, als Oswald Avery 1944 zeigte, dass DNA die Fähigkeit besitzt, Eigenschaften von Bakterien zu verändern. Sein Experiment, bei dem DNA aus einer Bakterienart extrahiert und auf eine andere übertragen wurde, offenbarte, dass DNA die Erbinformation tragen kann. Doch diese Entdeckung wurde anfangs skeptisch betrachtet.
Erst das Hershey-Chase-Experiment von 1952 brachte den entscheidenden Durchbruch. Die Wissenschaftler Alfred Hershey und Martha Chase arbeiteten mit Bakteriophagen, Viren, die Bakterien infizieren. Sie markierten die DNA der Viren radioaktiv und verfolgten ihren Weg in die Wirtszellen. Die Proteinhüllen der Phagen blieben außerhalb der Zelle, während die DNA eindrang und die Virusreplikation steuerte. Damit war bewiesen: Die DNA – nicht das Protein – trägt die genetischen Informationen.

Die Doppelhelix und die Rolle der RNA
1953 entschlüsselten James Watson und Francis Crick die Struktur der DNA, unterstützt durch Rosalind Franklins Röntgenbilder. Die Doppelhelix offenbarte, wie die DNA ihre Informationen speichert und bei der Zellteilung kopiert. Parallel wurde klar, dass RNA bei manchen Viren, darunter dem Tabakmosaikvirus, die genetischen Informationen trägt. Dies rückte Stanleys Arbeit in ein neues Licht: Die RNA in den Viruspartikeln war der eigentliche Träger der genetischen Information, nicht das Protein.
Viren – Die Minimalisten unter den Lebensformen
Viren sind wahre Meister der Reduktion. Diese minimalistischen Überlebenskünstler haben die Kunst genetischer Effizienz perfektioniert – ob mit DNA, RNA oder sogar rückwärts geschriebener RNA (die Spiegelschrift wie bei Influenzaviren mit seiner negativen ssRNA).
Ihr Genom ist wie ein ultraleichter Überlebensrucksack:
✔ Alles Nötige drin, was zählt – Baupläne fürs Kopieren, Verpacken, Wirt-Kapern
✖ Kein Ballast – keine eigenen Ribosomen, keine Energieproduktion, kein SmalltalkViren sind in ihrer genetischen Struktur einzigartig: Während alle bekannten Lebewesen ausschließlich DNA als Erbmaterial nutzen, bedienen sich Viren entweder DNA oder RNA – ein entscheidender Unterschied, der ihre enorme Anpassungsfähigkeit und evolutionäre Kreativität prägt.
Wichtige molekularbiologische Methoden zur Genom-Analyse von Viren
Dank moderner molekularbiologischer Techniken können Viren heute mit hoher Präzision analysiert werden. Damit kann man:
- ihre genetische Information entschlüsseln,
- ihre Abstammung nachvollziehen und
- ihre Verbreitungswege verfolgen.
Je nach Fragestellung kommen unterschiedliche Methoden zum Einsatz:
- Will man ein Virus identifizieren?
- Soll sein Genom vollständig sequenziert werden?
- Oder will man seine Aktivität im Wirtssystem beobachten?
Die nächsten Abschnitte stellen die zentralen Methoden zur Analyse des genetischen Fingerabdrucks vor – vom Isolieren der Erbsubstanz bis hin zu modernen Sequenzierungstechnologien.
4.5.1. Nukleinsäure-Extraktion
4.5.2. Nukleinsäure-Amplifikation
4.5.3. Sequenzierung💡Hinweis: Für grundlegende Informationen zu DNA und RNA sowie deren Funktionen empfehlen wir das Kapitel „4.2. Die Proteinbiosynthese“ in der Abhandlung „Die Wunderwelt des Lebens“. Dort werden die Grundlagen auf anschauliche Weise erklärt und bieten eine ideale Vorbereitung für das Verständnis dieses Themas.
4.5.1. Nukleinsäureextraktion
Um einen Virus im Detail analysieren zu können, müssen wir an seinen innersten Schatz heran: sein genetisches Material – DNA oder RNA müssen erst einmal ausgegraben werden. Doch die Nukleinsäure liegt gut versteckt, eingepackt in Proteinhüllen, eingebettet in Zelltrümmer oder vermischt mit allerlei molekularem „Beifang“.
Die Aufgabe: Die virale Nukleinsäure aus diesem molekularen Allerelei befreien – sauber, effizient und ohne sie zu beschädigen.
Das Ziel: Möglichst viel, möglichst reine DNA oder RNA – bereit für PCR, Sequenzierung oder Mutationsanalyse. Die Nukleinsäureextraktion ist damit der erste und einer der wichtigsten Schritte jeder molekularen Virusdiagnostik. Je nach Probentyp, Virusart und Untersuchungsziel kommen unterschiedliche Extraktionsmethoden zum Einsatz – von klassischen Kits bis zu automatisierten Hochdurchsatzsystemen.
Wie funktioniert die Nukleinsäureextraktion?
Der Ablauf lässt sich in vier einfache Schritte unterteilen:1️⃣ Zellaufschluss – Erst mal alles aufbrechen
Bevor man an die RNA oder DNA herankommt, müssen die Zellen (und ggf. Viren) in der Probe geknackt werden. Das klappt z. B. durch Ultraschall, Enzyme oder mechanisches Zermahlen. Hauptsache, die Hülle ist weg – und das Genom liegt frei.
Methoden, die ans Eingemachte gehen
Ultraschall: Sonikation zerschlägt die Zell- und Virushüllen mit Schallwellen.
Enzyme: Proteinase K baut Proteine ab, die das Genom einpacken.
Mechanisches Zermahlen: Kleine Glasperlen in einem Röhrchen werden geschüttelt. Die Perlen prallen gegen die Zellen und zerreissen die Zellmembran.
Abb. 12-A: Schritte des Zellaufschlusses zur Freisetzung von viralen und zellulären Bestandteilen Intakte Struktur (links): Eine schematische Darstellung einer intakten Zelle mit Zellorganellen, Zellkern und DNA. Innerhalb der Zelle sind Influenzaviren sichtbar. Zusätzlich wird ein einzelnes Influenzavirus vergrößert dargestellt, mit seiner kugelförmigen Hülle, die aus einer Wirtszellmembran, einem Kapsid und RNA-Strängen besteht.
Zellaufschluss (Mitte): Die Zellmembran ist perforiert dargestellt, wodurch das Zytoplasma austreten kann. Auch die Kernmembran weist Löcher auf. Ein Influenzavirus ist vergrößert dargestellt, mit aufgebrochener Hülle, aus der virale RNA und andere Bestandteile freigesetzt werden. Neben der Zelle sind Symbole für chemische Substanzen (Flasche), physikalische Einwirkungen (Schallwellen) und mechanische Kräfte abgebildet, die die verschiedenen Methoden des Zellaufschlusses veranschaulichen.
Inhalt freigesetzt (rechts): Nach dem Zellaufschluss schwimmen die Organellen, die DNA und andere Zellinhalte frei im Medium. Ebenfalls sichtbar sind die freigesetzten Bestandteile des Influenzavirus, darunter RNA-Segmente, Spikes und andere molekulare Komponenten, die in der Vergrößerung dargestellt werden.2️⃣ Aufräumen – Proteine & Co. rausfischen
Jetzt ist die Probe ein ziemlicher Mix: Nukleinsäuren, Proteine, Fette und Zellreste tummeln sich wild durcheinander. Damit am Ende nur das drin ist, was wir brauchen, kommen Reagenzien oder Enzyme zum Einsatz, die den ganzen Ballast gezielt abbauen.
Methoden, die klar Schiff machen
Phenol-Chloroform-Extraktion: Alt, aber bewährt – trennt Nukleinsäuren zuverlässig von störenden Proteinen und Lipiden. Besonders nützlich bei stark „vermüllten“ Proben.
👉Achtung: Die verwendeten Chemikalien sind ziemlich toxisch – nur für geübte Hände (und mit Schutzbrille!).Proteinase K: Dieses Enzym zersetzt Proteine wie z. B. Membran- oder Strukturproteine, die noch in der Probe herumschwimmen – damit die DNA/RNA ungestört bleibt.
DNase/RNase-Behandlung: Wird eingesetzt, um gezielt nicht-virale DNA oder RNA abzubauen – besonders praktisch, wenn z. B. nur die virale RNA untersucht werden soll.
3️⃣ Reinigung – Die reine RNA oder DNA
Jetzt wird’s elegant: Die Nukleinsäuren werden gezielt gebunden – an spezielle Oberflächen wie Silica-Membranen oder magnetische Kügelchen. Der Rest? Wird einfach weggespült. Eine Art molekulares Sieb – nur smarter.
Methoden, die richtig filtern
Spin Columns (Säulenverfahren): Hier binden DNA oder RNA an eine Spezialmembran, meist aus Silica. Dann heißt es: Spülen, spülen, spülen – bis alles andere raus ist. Am Ende bleibt: schön saubere Nukleinsäure. Diese Methode ist schnell, zuverlässig und steckt in vielen Labor-Kits.
Magnetbeads-Technologie: Winzige magnetische Kügelchen heften sich gezielt an die Nukleinsäuren. Mit einem Magneten werden die passenden Matches dann blitzschnell aus der Suppe gefisch. Geht blitzschnell und eignet sich super für automatische Hochdurchsatz-Verfahren, die tausende Matches pro Stunde arrangieren müssen. Mehr Informationen dazu in den Videos:
DNA and RNA extraction with magnetic beads – How it works und
Nucleic acid purification with chemagic M-PVA Magnetic Bead Technology.4️⃣ Elution – Der große Auftritt
Jetzt kommt der finale Akt: Die gereinigten Nukleinsäuren werden in einer kleinen Menge Flüssigkeit (Elutionspuffer oder Wasser) gelöst – und voilà: Die Probe ist jetzt analysierbereit. Ganz ohne Ballast, dafür mit jeder Menge Potenzial für PCR, Sequenzierung & Co.

Abb. 12-B: Reinigung und Aufbereitung der Nukleinsäuren Links: Der freigesetzte Zell- und Virusinhalt nach dem Zellaufschluss, bestehend aus einer Mischung aus Zellbestandteilen, Proteinen und Nukleinsäuren.
Mitte: Nach der Entfernung von Proteinen und Verunreinigungen bleiben nur die Nukleinsäuren (RNA-Segmente des Virus) übrig, dargestellt als kleine Pünktchen.
Rechts: Vergrößerung einiger RNA-Segmente, die nach der Elution in einer Flüssigkeit gelöst und für die Analyse bereitgestellt sind.Wenn wenig viel zu wenig ist
Auch wenn die Reinigung sorgfältig war: Auf molekularer Ebene ist echte Reinheit kaum zu erreichen. In der Probe können immer noch winzige Störenfriede herumschwirren – Proteine, Salze, andere Moleküle. Das Problem: Die wenigen viralen Nukleinsäuren gehen in diesem „Hintergrundrauschen“ leicht unter – wie ein Flüstern im Konzertsaal.
Und genau hier steht der nächste große Schritt an: die Amplifikation. Dabei wird das virale Erbgut millionenfach vervielfältigt – damit selbst das leiseste Flüstern laut und deutlich hörbar wird.
4.5.2. Nukleinsäure-Amplifikation
Egal wie gut die Extraktion war: In vielen Fällen ist die Ausbeute an viraler DNA oder RNA winzig. Um sie nachweisen oder analysieren zu können, braucht es mehr Kopien – viele mehr. Genau das ist der Job der Amplifikation: Sie vervielfältigt das Erbmaterial millionen- oder sogar milliardenfach – wie ein molekularer Kopierer.
Welche Methode man verwendet, hängt davon ab, was man sucht:
🦠📌 Wenn das Virus bekannt ist – gezielt nachspüren
Bei bekannten Viren weiß man, wo man suchen muss: Bestimmte Abschnitte ihres Genoms sind bereits kartiert. Mit Hilfe passender Primer – kurze Gensequenzen, die exakt an diese Abschnitte binden – kann gezielt ein bestimmter Bereich vervielfältigt werden. Die klassische Methode dafür ist die PCR (Polymerase-Kettenreaktion): präzise, empfindlich und perfekt für den gezielten Nachweis.
🦠❓ Wenn das Virus unbekannt ist – breit ansetzen
Ist das Virus noch ein unbeschriebenes Blatt, fehlen die spezifischen Primer. Dann wird die gesamte virale DNA oder RNA verstärkt – unspezifisch, aber umfassend. Hier kommen Methoden wie die Random Primed Amplification oder Whole Genome Amplification (WGA) zum Einsatz. Sie erzeugen möglichst viele Kopien – egal von welchem Abschnitt – um später durch Sequenzierung herauszufinden, was überhaupt in der Probe steckt.
Nachfolgend werden beide Ansätze näher erläutert:
a) Polymerase-Kettenreaktion (PCR)
b) Random Primed PCR
a) Polymerase-Kettenreaktion (PCR)
Die PCR – kurz für Polymerase-Kettenreaktion (englisch: Polymerase Chain Reaction) – ist so etwas wie der Kopierer im Labor: Mit ihr lassen sich selbst winzige Mengen viraler DNA millionenfach vervielfältigen. Das ist besonders praktisch, wenn man auf Spurensuche geht – um DNA-Viren in einer Probe nachzuweisen.
Aber was ist mit RNA-Viren, wie etwa dem Influenzavirus? Die lassen sich nicht direkt kopieren – erst müssen sie „übersetzt“ werden: Bei der sogenannten RT-PCR (Reverse Transcription PCR) wird die RNA des Virus mithilfe eines Enzyms (Reverse Transkriptase) in DNA umgeschrieben. Danach läuft alles wie bei der normalen PCR: Vervielfältigen, analysieren, fertig.
PCR – Schritt für Schritt
Um beim Beispiel des Influenzavirus zu bleiben, betrachten wir den typischen Ablauf der Reverse-Transkriptase-PCR (RT-PCR), die bei RNA-Viren wie Influenza eingesetzt wird.
1️⃣ Probenentnahme
Alles beginnt mit einem Abstrich – meist aus Nase oder Rachen, denn genau dort treiben sich Influenzaviren gern herum. Das gesammelte Material landet in einem Spezialmedium, das die empfindliche RNA des Virus schützt. Und das ist auch nötig, denn RNA ist ein Sensibelchen: Überall lauern RNasen – Enzyme, die RNA abbauen, und die finden sich fast überall – auf der Haut, in der Luft, in der Probe selbst.
2️⃣ RNA-Extraktion
Die Probe ist ein bunter Cocktail: virale Partikel, menschliche Zellen, Proteine, Lipide – das volle Programm. Wie du schon im Kapitel „Nukleinsäureextraktion“ gelesen hast, wird jetzt das Wesentliche herausgeholt: die RNA. Am Ende bleibt eine saubere Mischung zurück, die vor allem drei Sorten RNA enthalten kann:
➤ virale Genom-RNA (beim Influenzavirus: negativsträngige RNA (-)ssRNA),
➤ virale mRNA, die bei aktiver Infektion in den Wirtszellen gebildet wird,
➤ zelluläre RNA des Wirts.Besonders spannend: Die virale mRNA. Dank eines viralen Tricks – dem sogenannten Cap-Snatching – hat sie eine 5′-Cap-Struktur und einen Poly-A-Schwanz, genau wie unsere eigene mRNA. Das macht sie stabiler und besonders gut geeignet für den nächsten Schritt: die Umschreibung in DNA.
Damit sie fit bleibt für die Analyse, wird die gewonnene RNA in einem stabilisierenden Puffer aufbewahrt.
3️⃣ Umwandlung von RNA in DNA
Bevor die PCR loslegen kann, braucht sie ein Update: Sie arbeitet nur mit DNA, nicht mit RNA. Deshalb muss die virale RNA erst in komplementäre DNA (cDNA) umgewandelt werden. Und das übernimmt ein cleveres Enzym: die Reverse Transkriptase.
So läuft die Umwandlung:
RNA-Vorlage: Die mRNA des Influenzavirus ist ein einzelsträngiges RNA-Molekül mit zwei praktischen Anhängseln: Am 5′-Ende trägt sie eine Cap-Struktur, die sie stabilisiert – am 3′-Ende einen Poly-A-Schwanz, eine Kette aus Adenin-Basen. Beides macht die virale RNA besonders gut zugänglich für den nächsten Schritt.

Abb. 13-A: Schematische Darstellung der mRNA des Influenzavirus Primer dockt an: Damit die Reverse Transkriptase weiß, wo sie starten soll, wird ein Primer gebraucht – ein kurzes DNA-Stück, das sich oft gezielt an den Poly-A-Schwanz bindet.
Reverse Transkriptase legt los: Sie setzt sich auf den Primer und liest die RNA-Basen (A, U, G, C) der Vorlage ab. Dann fügt sie die passenden DNA-Basen (A, T, G, C) aneinander – und baut so einen komplementären DNA-Strang. Das Ergebnis ist ein hybrides Molekül aus RNA und DNA (RNA-cDNA-Hybrid).

Abb. 13-B: Reverse Transkriptase synthetisiert cDNA aus RNA Sowohl die 5′-Cap-Struktur als auch der Poly-A-Schwanz der RNA erscheinen nicht in ihrer ursprünglichen Form in der resultierenden cDNA. Sie werden entweder ignoriert (5′-Cap) oder komplementär abgebildet und teilweise verkürzt (Poly-A-Schwanz).
Vom Strang zum Doppelstrang: Dieser erste DNA-Strang dient jetzt selbst als Vorlage – ein zweiter Strang wird ergänzt, sodass eine doppelsträngige cDNA (ds cDNA) entsteht. Diese ist stabil – und bereit für die PCR.

Abb. 13-C: Stabile doppelsträngige cDNA für PCR Wie das Ganze in Aktion aussieht? Diese Animation zeigt die cDNA-Synthese im Schnelldurchlauf – einfach und verständlich erklärt.
4️⃣ Was braucht man für eine PCR?
Bevor es mit der Vervielfältigung losgehen kann, müssen ein paar Zutaten und Werkzeuge bereitstehen:
a) DNA-Vorlage: Das Ausgangsmaterial ist die doppelsträngige cDNA, die im vorherigen Schritt aus viraler RNA hergestellt wurde.
b) Nukleotide – die Bausteine: Vier verschiedene Bausteine braucht es, um DNA zu kopieren: Adenin (A), Thymin (T), Cytosin (C) und Guanin (G). Sie werden später von der Polymerase zu einem neuen Strang zusammengesetzt.

Abb. 14-A: Nukleotide c) DNA-Polymerase – der Baumeister: Dieses Enzym liest die DNA-Vorlage und setzt die passenden Nukleotide zu einem neuen Strang zusammen – präzise und blitzschnell. Bei der PCR kommt oft eine hitzestabile Polymerase (z. B. Taq-Polymerase) zum Einsatz, damit sie die hohen Temperaturen der PCR-Zyklen übersteht.
d) Primer – die Wegweiser: Primer sind kurze DNA-Stücke (meist 18–24 Basen lang), die der Polymerase zeigen, wo sie mit dem Kopieren beginnen soll. Für die PCR braucht man immer zwei: einen Vorwärts- und einen Rückwärts-Primer, die sich an gegenüberliegenden Strängen der Ziel-DNA anlagern.

Abb. 14-B: Schematische Darstellung des Enzyms DNA-Polymerase und der Primer e) Pufferlösung – das richtige Milieu: Sie sorgt dafür, dass die Polymerase sich wohlfühlt: mit stabilem pH-Wert, Magnesiumionen und allem, was das Enzym für eine zuverlässige Arbeit braucht.
f) Thermocycler – das Temperatur-Karussell: Ein Gerät, das die nötigen Temperaturzyklen automatisch durchführt. Er heizt, kühlt und hält die Temperaturen präzise – für die verschiedenen PCR-Schritte in perfektem Timing.

Abb. 14-C: Der Thermocycler steuert die PCR-Temperaturen. 5️⃣ Der Ablauf der Polymerase-Kettenreaktion (PCR)
Alle Zutaten – DNA-Vorlage (ds cDNA), Nukleotide, DNA-Polymerase, Primer und Pufferlösung – kommen in ein kleines Reaktionsröhrchen. Dieses wird anschließend in den Thermocycler gestellt, der die PCR-typischen Temperaturzyklen automatisch durchläuft. Jeder Zyklus besteht aus drei Kernschritten:
Schritt 1 – Trennung der DNA-Stränge (Denaturierung): Die Probe wird auf ca. 94–98 °C für etwa 20-30 Sekunden erhitzt. Dadurch lösen sich die Wasserstoffbrücken zwischen den DNA-Basen – der Doppelstrang „schmilzt“ in zwei Einzelstränge auf. Diese dienen im nächsten Schritt als Vorlage.

Abb. 14-D: Trennung der DNA-Stränge Schritt 2 – Primerbindung (Annealing): Die Temperatur wird auf 50–65 °C abgesenkt. Jetzt binden sich die Primer gezielt an die jeweiligen Einzelstränge. Sie markieren den Startpunkt für die DNA-Synthese. Die verwendeten Primer sind so konstruiert, dass sie nur an virale Sequenzen binden – also nicht an menschliche RNA oder DNA.

Abb. 14-E: Primerbindung Schritt 3 – DNA-Synthese (Amplifikation): Bei etwa 70 °C, der optimalen Temperatur für die Polymerase, beginnt die eigentliche Vervielfältigung. Die DNA-Polymerase bindet an den Primer, liest den Einzelstrang von 3′ nach 5′ – und synthetisiert parallel den neuen Strang in 5′ nach 3′-Richtung. Dabei setzt sie Nukleotide nach dem Prinzip der Basenpaarung zusammen: A mit T und G mit C. So entstehen zwei neue DNA-Doppelstränge.

Abb. 14-F: DNA-Synthese: Dieser Schritt wird als Amplifikation (lat. amplificatio: Verstärkung) oder Elongation (lat. elongare: verlängern) oder Polymerisation (griech. poly: viele; griech. meros: Teil) bezeichnet. 6️⃣ Wiederholung der Zyklen
Die neu entstandenen DNA-Doppelstränge dienen direkt als Vorlage für die nächste Runde. Die Schritte Denaturierung – Primerbindung – DNA-Synthese wiederholen sich zyklisch.
Mit jedem Zyklus verdoppelt sich die DNA-Menge: 1 → 2 → 4 → 8 → 16 → 32 …
Nach nur 25–40 Zyklen entstehen auf diese Weise Milliarden Kopien des gesuchten DNA-Abschnitts.

Abb. 14-G: Wiederholung der Zyklen 📈 Was am Ende der RT-PCR vorliegt:
Eine hochkonzentrierte Lösung spezifischer DNA-Fragmente – direkt abgeleitet von der viralen RNA.
Im Fall des Influenzavirus enthält sie ausschließlich jene Genomabschnitte, nach denen gezielt gesucht wurde. Diese DNA dient nun als Grundlage für weiterführende Analysen:
➤ zur Bestätigung der Virusidentität,
➤ zur Unterscheidung verschiedener Virusvarianten,
➤ oder zur Quantifizierung der Viruslast im Patientenmaterial.🎥 Tipp: Das Video „What is PCR? Polymerase Chain Reaction“ fasst die Abläufe noch einmal anschaulich zusammen. Auch wenn es sich auf menschliche DNA bezieht, bleibt das Grundprinzip exakt das gleiche.
b) Random Primed PCR
💡Hinweis: Wenn du mit der PCR noch nicht vertraut bist, lies zuerst den Abschnitt „PCR – Schritt für Schritt“. Dort findest du die Grundlagen und Abläufe anschaulich erklärt. Die folgenden Ausführungen setzen dieses Wissen voraus und konzentrieren sich speziell auf die Besonderheiten der Random Primed PCR.
Die Random Primed PCR ist eine besondere Variante der PCR, die vor allem dann eingesetzt wird, wenn ein Virus unbekannt ist oder sein Genom stark variiert.
Im Gegensatz zur klassischen PCR, die mit spezifischen Primern gezielt definierte DNA-Abschnitte vervielfältigt, verwendet diese Methode sogenannte „Random Primer“: Kurze, zufällig zusammengesetzte DNA-Sequenzen, die sich an vielen Stellen der Ziel-DNA (oder cDNA) binden können – ganz unabhängig von deren genauer Basenabfolge.
Vorteil: Auch unbekannte oder stark veränderte Bereiche des Genoms lassen sich auf diese Weise mitamplifizieren – ein entscheidender Vorteil bei der Vorbereitung auf eine Sequenzierung, bei der die exakte Basenreihenfolge bestimmt wird.
Beispiele für Random Primer:
Hexamer Primers (6 Basen lang): AGCTGA, CTAGCT, …
Heptamer Primers (7 Basen lang): CCTGAGT, GATTACA, …
Nonamer Primers (9 Basen lang): GCAGTTCGC, ATGGCCGTA, …
Abb. 15-A: Beispiele für Random Primer In der Praxis kommen meist Mischungen aller möglichen Primer-Varianten zum Einsatz (z. B. 4⁶ = 4096 Kombinationen bei Hexamern). Das sorgt dafür, dass möglichst viele Bindungsstellen im Genom erreicht werden.
Ablauf der Random Primed PCR
Schritt 1 – Denaturierung: Die DNA (oder cDNA) wird auf ca. 95 °C erhitzt, um die beiden Stränge zu trennen. Es entstehen Einzelstränge, an die die Primer binden können.
Schritt 2 – Primerbindung: Die Temperatur wird gesenkt, sodass sich die zufälligen Primer an viele verschiedene Stellen der DNA anlagern. Da die Primer zufällig sind, können sie an vielfältige Positionen im Genom binden.
Hinweis zur Genomgröße: Viren haben sehr unterschiedliche Genomlängen – von wenigen Tausend bis zu Hunderttausenden Basenpaaren. Random Primer helfen, möglichst viel davon abzudecken.

Abb. 15-B: Schematische Darstellung der Primerbindung während der Random Primed PCR. Schritt 3 – DNA-Synthese: Die DNA-Polymerase bindet an die Primer und beginnt, von dort aus neue DNA-Stränge zu synthetisieren. Dabei liest sie die Vorlage, bis sie entweder ans Ende gelangt oder auf einen weiteren Primer stößt. Dieser wirkt wie ein Stoppsignal – das Ergebnis sind meist kürzere DNA-Fragmente.
Genau das ist gewollt: Die Polymerase erzeugt viele kurze, sich überlappende Fragmente, die später für die Genomrekonstruktion oder gezielte Analysen genutzt werden können.

Abb. 15-C: Nach der Aktivität der DNA-Polymerase sind aus den Einzelsträngen mehrere kurze, sich überlappende DNA-Doppelstränge entstanden. 🔁 Zyklische Wiederholung
Dieser Prozess wird – wie bei der klassischen PCR – mehrfach wiederholt, meist 20 bis 40 Zyklen.
- Je mehr Zyklen, desto mehr DNA entsteht.
- Mit steigender Zykluszahl steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass Primer sich gegenseitig „abfangen“ → kürzere Fragmente entstehen.
- Aber: Zu viele Zyklen können die Vielfalt verringern, weil manche Regionen überrepräsentiert werden.
Eine ausgewogene Zahl an Zyklen sowie eine gut abgestimmte Primer-Mischung sind entscheidend für die Qualität und Repräsentativität des Endprodukts.
📈 Ergebnis der Random Primed PCR
Am Ende liegt eine große Anzahl an kurzen, überlappenden DNA-Fragmenten vor – keine vollständigen Stränge, sondern ein Fragmentteppich, der das gesamte virale Genom abdecken kann.

Abb. 15-D: Ergebniss der Random Primed PCR: das ganze Genom – nur in Häppchen! Aus vielen kurzen DNA-Schnipseln entsteht ein genetisches Mosaik. Die Fragmente überlappen sich und lassen sich später wie Puzzlestücke zu einem vollständigen Virusgenom zusammensetzen.
🧩 Was passiert mit den DNA-Schnipseln?
Direkte Analyse einzelner Fragmente
Oft reicht es, gezielt bestimmte Fragmente zu sequenzieren, um wichtige Informationen zu erhalten – z. B. zur Mutationsanalyse oder Typisierung eines Virus.Rekonstruktion des gesamten Genoms
Wenn das gesamte Genom analysiert werden soll (z. B. zur Entdeckung neuer Viren oder zur Erstellung von Verwandtschaftsanalysen), werden die Fragmente mithilfe von Sequenziertechnologien ausgelesen (mehr dazu im kommenden Kapitel). Spezielle Softwareprogramme setzen die sich überlappenden Fragmente anschließend wie ein Puzzle wieder zusammen.
🧬 Vom Fragment zum vollständigen Genom
Die Amplifikation mithilfe der Random Primed PCR ist nur der erste Schritt – sie sorgt dafür, dass genügend genetisches Material für weiterführende Untersuchungen vorliegt. Doch um wirklich zu verstehen, mit welchem Virus man es zu tun hat, reicht die bloße Vervielfältigung nicht aus.
Jetzt geht es darum, die genaue Abfolge der Basenpaare in den erzeugten DNA-Fragmenten zu bestimmen – also ihre Sequenz. Erst durch diese Sequenzierung lässt sich das genetische Profil des Virus entschlüsseln: Man erkennt Mutationen, kann Virenstämme unterscheiden und sogar evolutionäre Stammbäume erstellen.
Im folgenden Kapitel schauen wir uns deshalb an, wie Sequenzierung funktioniert, welche Technologien dafür eingesetzt werden – und wie aus vielen kleinen DNA-Schnipseln ein vollständiges virales Genom rekonstruiert wird.
4.5.3. Sequenzierung
Die Sequenzierung ist DER entscheidende Schritt, um das Erbgut von Viren zu entschlüsseln. Dabei wird die exakte Reihenfolge der Basen in der DNA (A, T, C, G) oder RNA (A, U, C, G) bestimmt.
Was bringt das?
Eine Virus-Genomsequenz ist der QR-Code der Biologie: Einmal gescannt, weiß man sofort, womit man’s zu tun hat.
Identifikation des Virus:
🔹 Welches Virus ist es genau?
🔹 Ist das Virus bereits bekannt oder handelt es sich um eine neue Entdeckung?
🔹 Zu welcher Virusfamilie oder Gattung gehört es?Erkennung von Mutationen:
🔹 Hat sich das Virus verändert – wenn ja, wie?
🔹 Sind neue Varianten oder Stämme entstanden?
🔹 Welche genetischen Veränderungen bestehen im Vergleich zu früheren Versionen?Bestimmung diagnostischer Marker:
🔹 Gibt es stabile (konservierte) Abschnitte im Genom, die sich gut für Tests eignen?
🔹 Gibt es Gene oder Proteine, die einzigartig für dieses Virus sind?
🔹 Lassen sich bestimmte Gene oder Proteine gezielt nutzen – z. B. für Medikamente?Sequenzierung verpasst jedem Virus einen genetischen Fingerabdruck – einzigartig, präzise und fälschungssicher.
🧬 Vom Reagenzglas zur Hochtechnologie
Die Entschlüsselung der Virus-DNA war früher Handarbeit – heute ist sie Hightech. Moderne Sequenzierer analysieren Millionen DNA-Fragmente gleichzeitig – schnell, automatisiert und hochpräzise.
Seit den ersten manuellen Verfahren hat sich die Technologie rasant weiterentwickelt. Jede neue Generation hat den Blick ins Erbgut klarer, schneller und umfassender gemacht.
Die folgende Übersicht zeigt, wie sich die Sequenzierung verändert hat – und welche Technologien heute zur Verfügung stehen:
Generation Beschreibung First Generation:
Sanger-SequenzierungDer Oldtimer: langsam, aber präzise. Ideal für kurze Abschnitte. Second Generation:
Next-Generation Sequencing (NGS)Die Hochdruckpresse: sequenziert Millionen DNA-Fragmente gleichzeitig. Third Generation:
Echtzeit-SequenzierungDer Quantensprung – Einzelmolekül-Analyse in Echtzeit. Emerging Technologies Science Fiction wird zur Realität. 
First Generation: Sanger-Sequenzierung
Die Sanger-Sequenzierung, benannt nach dem britischen Biochemiker Frederick Sanger, markiert einen historischen Wendepunkt in der Molekularbiologie. Mit dieser Methode gelang es ihm erstmals, die genaue Abfolge der DNA-Basen zu entschlüsseln – ein wissenschaftlicher Durchbruch, der ihm 1980 seinen zweiten Nobelpreis für Chemie einbrachte.
Obwohl heute modernere und automatisierte Verfahren zur Verfügung stehen, gilt die Sanger-Sequenzierung noch immer als Goldstandard, wenn es um höchste Genauigkeit bei kurzen DNA-Abschnitten geht. Sie wird bis heute in vielen Labors zur Validierung von Ergebnissen eingesetzt.
Sie basiert auf dem Prinzip des Abbruchs der DNA-Synthese. Dabei wird die DNA kopiert und durch den Einbau spezieller Stopp-Signale entstehen DNA-Fragmente unterschiedlicher Länge. Diese werden nach Größe sortiert, sodass die Reihenfolge der Bausteine abgelesen werden kann.
So funktioniert der Klassiker der DNA-Analyse
1️⃣ DNA-Denaturierung
Zunächst wird die doppelsträngige DNA erhitzt. Durch die hohe Temperatur lösen sich die Wasserstoffbrücken zwischen den Basenpaaren, und der Doppelstrang trennt sich in zwei Einzelstränge. Diese dienen später als Vorlage für die Synthese neuer DNA.

Abb. 16-A: DNA-Denaturierung – aus einem DNA-Doppelstrang entstehen zwei Einzelstränge. 2️⃣ Vorbereitung der Reaktionsmischungen
Es werden vier separate Reaktionsmischungen hergestellt. Jede enthält:
➥ DNA-Einzelstränge: die Vorlage.
➥ Primer: ein kurzer Abschnitt, der der Polymerase den Startpunkt vorgibt.
➥ DNA-Polymerase: das Enzym, das neue Stränge synthetisiert.➥ dNTPs (desoxyNukleosidTriPhosphate): die „normalen“ Bausteine der DNA (A, T, C, G). Sie ermöglichen die Verlängerung der DNA-Kette, da ihre Hydroxylgruppe am 3’-Ende eine Verbindung mit dem nächsten Baustein eingehen kann.
➥ ddNTPs (didesoxyNukleosidTriPhosphate): diese „modifizierten“ DNA-Bausteine besitzen keine Hydroxylgruppe und können deshalb keine weiteren Bausteine an sich binden. Wird ein ddNTP während der Synthese eingebaut, stoppt der Aufbau des DNA-Strangs genau an dieser Stelle. Jeder der vier ddNTP-Typen (A, T, C, G) ist zusätzlich mit einem eigenen fluoreszierenden Farbstoff markiert.
Das Verhältnis von dNTPs zu ddNTPs wird so gewählt, dass möglichst viele unterschiedlich lange Fragmente entstehen.

Abb. 16-B: Vier Reaktionsmischungen – je eine pro ddNTP-Typ. 3️⃣ DNA-Synthese mit zufälligem Stopp
DNA-Synthese – kurz erklärt: Die DNA-Polymerase ist der beste Kopierer der Natur: Sie scannt einen DNA-Strang wie eine Vorlage und baut Schritt für Schritt den passenden Gegenstrang – immer nach dem Baukasten-Prinzip: A paart nur mit T und C nur mit G. Heraus kommt eine perfekte Spiegelkopie.
Die DNA-Synthese findet gleichzeitig in den vier separaten Reaktionsmischungen statt – eine für jede der vier Basen (A, T, C, G).
In jeder Mischung läuft Folgendes ab: Die DNA-Polymerase setzt sich auf den Primer und beginnt mit der Arbeit.
Wie findet man den richtigen Primer?
Für den erfolgreichen Einsatz der Sanger-Methode sind Primer unbedingt notwendig. Doch wie findet man die Primer-Sequenz, wenn das Genom eines Virus völlig unbekannt ist?
Als Frederick Sanger 1977 seine Methode entwickelte, wusste man bei kleinen Viren wie dem Bakteriophagen Phi-X174 bereits einiges über die Genomstruktur. Forscher hatten herausgefunden, dass bestimmte Enzyme – sogenannte Restriktionsenzyme – DNA an ganz bestimmten Stellen schneiden. Diese Schnittstellen waren bekannt und konnten gezielt genutzt werden:
In der Nähe dieser Schnittstellen lag oft schon ein kurzes Stück bekannter DNA-Sequenz – genau genug, um einen passenden Primer zu entwerfen. So schuf man sich künstlich einen definierten Startpunkt für die Sequenzierung.
Heutzutage ist das einfacher. Die Wissenschaft hat sich stark weiterentwickelt, und die meisten Viren sind bereits gut untersucht. Bei neuen oder wenig bekannten Viren geht man wie folgt vor:
Vergleich mit bekannten Viren: Oft ähnelt ein neues Virus genetisch bereits bekannten Viren. Wissenschaftler nutzen diese Ähnlichkeiten, um mögliche Primerstellen vorherzusagen.
Experimentelle Ansätze: Wenn wenig bekannt ist, schneiden Enzyme die Virus-DNA in kleinere Stücke. Forscher analysieren diese Fragmente, um Startpunkte für Primer zu finden.
Sie liest den Einzelstrang der DNA-Vorlage und fügt passende Bausteine (dNTPs) ein, um einen neuen Strang zu erzeugen.
Normalerweise wird ein „klassisches“ dNTP eingebaut – damit kann die Kette wachsen. Gelegentlich wird aber ein „modifiziertes“ ddNTP eingebaut – und hier stoppt die Synthese sofort. Weil ddNTPs eine kleine chemische Gruppe (Hydroxylgruppe) fehlt, die für das Anknüpfen des nächsten Bausteins notwendig wäre.
So entstehen viele DNA-Fragmente mit unterschiedlicher Länge – jedes endet genau an der Stelle, wo zufällig ein ddNTP eingebaut wurde. Und jedes Fragment trägt am Ende eine fluoreszierende Farbe, die anzeigt, mit welchem Basentyp (A, T, C oder G) das Fragment endet.

Abb. 16-C: Die Synthese wird gezielt unterbrochen – bei Einbau eines ddNTPs. In jeder Reaktionsmischung ist ein modifizierter Nukleotid-Baustein (ddATP, ddTTP, ddCTP, ddGTP) enthalten. Wenn dieser Baustein während der DNA-Synthese eingebaut wird, stoppt die Synthese an genau dieser Position, da der modifizierte DNA-Baustein keine weitere Verlängerung der DNA-Kette erlaubt. In der ddATP-Mischung stoppt die Synthese, sobald Adenin (A) eingebaut wird. In der ddTTP-Mischung erfolgt der Abbruch, wenn Thymin (T) eingebaut wird. Analog dazu führen ddCTP und ddGTP zum Abbruch bei Cytosin (C) bzw. Guanin (G). Dieses Verfahren erzeugt DNA-Fragmente unterschiedlicher Längen, die jeweils mit dem spezifischen Stopp-Nukleotid enden. Ziel ist es, alle theoretisch möglichen Sequenzfragmente herzustellen.
4️⃣ Denaturierung der Fragmente
Die entstandenen doppelsträngigen DNA-Fragmente werden erneut erhitzt, damit sie sich wieder in Einzelstränge trennen. Nur so können sie später einzeln analysiert werden. Übrig bleibt einzelsträngige DNA – bereit für den nächsten Schritt.
5️⃣ Auswertung
Nun geht’s an die Analyse: Die Fragmente werden mit Hilfe der Gelelektrophorese nach ihrer Größe sortiert. Dafür werden die vier Reaktionsmischungen in verschiedene Taschen eines Gels gefüllt.
Das Gel funktioniert wie ein feines Netz oder Schwamm:
- Kurze Fragmente rutschen schneller hindurch.
- Längere Fragmente bewegen sich langsamer.
Jeder Strang endet mit einem farblich markierten ddNTP – je nach Base (A, T, C oder G) leuchtet ein anderer Farbton auf. Diese Farben werden mithilfe eines Lasers detektiert und automatisch aufgezeichnet.

Abb. 16-D: Gelelektrophorese zur Trennung von DNA-Fragmenten: In den Reaktionsgefäßen befinden sich unterschiedlich lange DNA Fragmente, die jeweils mit dem gleichen Stopp-Nukleotid (je nach Ansatz A, T, G und C) enden. Die Reaktionsmischungen werden auf das Gel aufgetragen. Durch das elektrische Feld wandern die negativ geladenen DNA-Fragmente von der Kathode (−) zur Anode (+). Die Fragmentgröße bestimmt die Wandergeschwindigkeit durch das Gel. Kleinere DNA-Fragmente bewegen sich schneller durch die Poren des Gels und erreichen daher zuerst die Anode, während größere Fragmente langsamer vorankommen. Durch das Lesen der fluoreszierenden Signale kann die Basenreihenfolge der DNA-Sequenz bestimmt werden.
Wie liest man daraus die Sequenz?
Die Reihenfolge der Fragmente im Gel entspricht der Reihenfolge der Basen im ursprünglichen DNA-Strang.
- Das kürzeste Fragment zeigt die erste Base.
- Das nächstlängere Fragment die zweite,
- … und so weiter, bis die gesamte Sequenz entschlüsselt ist.
Da jedes neue Fragment komplementär zum Ursprungsstrang ist, lässt sich aus der Analyse direkt die Basenfolge des Original-DNA-Strangs ableiten.
🎥 Tipp: Eine sehr anschauliche Erklärung findest du im Video „Sanger Sequencing / Chain Termination Method“.
Wo wird die Sanger-Sequenzierung eingesetzt?
Die Methode eignet sich besonders gut für:
- Kurze DNA-Abschnitte
- Bestätigung und Kontrolle von Ergebnissen aus anderen Methoden
- Einzelfallanalysen, z. B. in der medizinischen Diagnostik
Manche Methoden werden nicht alt – sie werden klassisch.
Grenzen der Methode
So präzise die Sanger-Sequenzierung auch ist – bei großen oder komplexen Genomen stößt sie schnell an ihre Grenzen. Die Methode ist aufwendig, zeitintensiv und teuer, besonders wenn viele Proben oder umfangreiche Datensätze analysiert werden sollen. Deshalb wurde sie in vielen Bereichen durch moderne Hochdurchsatzverfahren ersetzt – allen voran durch die Technologien der Next-Generation Sequencing (NGS).

Second Generation: Next Generation Sequencing (NGS)
Next-Generation Sequencing (NGS) ist eine moderne Methode zur Entschlüsselung von DNA- und RNA-Sequenzen – und hat die genetische Forschung seit Beginn des 21. Jahrhunderts grundlegend verändert. Im Vergleich zur klassischen Sanger-Sequenzierung ist NGS schneller, kostengünstiger und verarbeitet deutlich größere Datenmengen in kürzerer Zeit.
Der entscheidende Unterschied: Während bei der Sanger-Methode jeweils nur ein einzelnes DNA-Fragment sequenziert wird, kann NGS Millionen von Fragmenten gleichzeitig auslesen. Dazu wird das Erbmaterial zunächst in kleine Stücke zerlegt und mit speziellen Markierungen versehen. Diese Fragmente werden auf einer speziellen Oberfläche fixiert und mithilfe fluoreszierender Nukleotide schrittweise ergänzt – wobei jeder neu eingebaute Baustein sofort ausgelesen wird.
Durch dieses parallele Arbeiten entsteht innerhalb kurzer Zeit ein hochauflösender Datensatz – ideal für die Analyse ganzer Genome, RNA-Profile oder großer Probenmengen. Genau deshalb ist NGS heute eine Schlüsseltechnologie in der Forschung, Diagnostik und Biotechnologie.
Ein tiefer Blick in die Illumina-Sequenzierung
Die Illumina-Sequenzierung ist eine der am häufigsten eingesetzten Technologien im Bereich des Next-Generation Sequencing. Sie basiert auf dem Prinzip „Sequencing by Synthesis“ und ermöglicht das gleichzeitige Auslesen von Millionen DNA-Fragmenten. Hier folgt eine Schritt-für-Schritt-Erklärung:
Schritt 1: DNA-Präparation = Bibliothekserstellung
Schritt 2: Cluster-Generierung auf einer Flowcell
Schritt 3: Sequenzierung durch Synthese
Schritt 1: DNA-Präparation = Bibliothekserstellung
Für die Sequenzierung wird die DNA zunächst in ein Format gebracht, das für die Illumina-Plattform geeignet ist. Dieser Prozess wird auch als Bibliothekserstellung bezeichnet und er umfasst folgende Teilschritte:
1a) Fragmentierung
Die DNA wird mechanisch oder enzymatisch in kleinere Stücke zerlegt (typischerweise mit einer Zielgröße von etwa 150–500 Basenpaaren). Dabei entstehen DNA-Fragmente leicht unterschiedlicher Länge, die anschließend oft noch über ein Größenauswahlverfahren vereinheitlicht werden.
Zur Veranschaulichung betrachten wir in unserem Beispiel drei DNA-Fragmente mit leicht unterschiedlichen Längen.
1b) Adapter-Ligation
An beide Enden der DNA-Fragmente werden spezifische Adaptersequenzen (P5- und P7-Adapter) angehängt. Diese Adapter erfüllen mehrere Funktionen:
Bindungsstellen für die Flowcell: Die Adapter enthalten spezielle DNA-Sequenzen, die wie ein Schlüssel zu einem Schloss passen. Dadurch können die DNA-Fragmente später an einer Oberfläche haften bleiben, was für die Sequenzierung wichtig ist.
Primer-Bindungsstellen: Die Adapter enthalten Abschnitte, an die Sequenzierungsprimer binden können. Diese Primer werden später genutzt, um die DNA-Stränge schrittweise zu synthetisieren.
Indizes (optional): Falls mehrere Proben gleichzeitig sequenziert werden, ermöglichen Index-Sequenzen die Zuordnung der Fragmente zu ihrer jeweiligen Probe.
Zur besseren Übersichtlichkeit verzichten wir in unserem Beispiel auf die Darstellung der Indizes.
1c) PCR-Amplifikation
Um sicherzustellen, dass genügend DNA für die Sequenzierung vorliegt, werden die adaptierten DNA-Fragmente mittels Polymerase-Kettenreaktion (PCR) vervielfältigt.

Abb. 17-A: Bibliothekserstellung – Übersicht über den Ablauf der DNA-Präparation. Die folgende Vergrößerung zeigt eine detaillierte Darstellung eines fragmentierten DNA-Doppelstrangs, versehen mit den beiden Adaptern.

Abb. 17-B: Schematische Darstellung eines doppelsträngigen DNA-Fragments mit Adaptern. Jedes DNA-Fragment (DNA-Insert) erhält zwei Adaptersequenzen: Der P5-Adapter besteht aus der P5-Adaptersequenz, die die Bindung an die Flowcell ermöglicht, und der Primer-Bindestelle Rd1SP (Read 1 Sequencing Primer) zur Initiation der DNA-Synthese. Ebenso enthält der P7-Adapter die P7-Adaptersequenz zur Flowcell-Bindung sowie die Primer-Bindestelle Rd2SP (Read 2 Sequencing Primer) für die Initiation der DNA-Synthese.
Wichtige Anmerkung: Die oberen und unteren DNA-Einzelstränge besitzen jeweils P5- und P7-Adapter. Allerdings sind die Adapter des unteren Strangs nicht identisch, sondern komplementär zu den Adaptern des oberen Strangs.

Abb. 17-C: DNA-Fragment (DNA-Insert) mit Adaptersequenzen in Basenschreibweise Diese Darstellung ist stark vereinfacht. In der Praxis sind Illumina-Adaptersequenzen mit 60-120 Basenpaarendeutlich länger (siehe hier). Auch das DNA-Insert ist zur besseren Veranschaulichung verkürzt – tatsächlich haben DNA-Fragmente typischerweise eine Länge von 100–500 Basenpaaren.
Schritt 2: Cluster-Generierung auf einer Flowcell
Bevor die DNA sequenziert werden kann, muss sie an einer festen Oberfläche fixiert und vervielfältigt werden. Dies geschieht auf einer Flowcell, einer speziellen Glasplatte, die mit Millionen winziger DNA-Andockstellen versehen ist.
Das Ziel dieses Schrittes ist es, zahlreiche Kopien jedes DNA-Fragments auf dieser Oberfläche zu erzeugen, um die Signale bei der Sequenzierung zu verstärken. Dafür ist die Flowcell mit speziellen Oligonukleotiden (DNA-Molekülen) beschichtet, die komplementär zu den Adaptersequenzen der DNA-Fragmente sind. Es gibt zwei Typen dieser Oligonukleotide:
- P5-Oligonukleotide (ACGTAC), die an die P5-Adapter (TGCATG ) der DNA-Fragmente binden.
- P7-Oligonukleotide (ACGTCA), die mit den P7-Adaptern (TGCAGT ) der DNA interagieren.
Man kann sich die Oberfläche der Flowcell wie einen dichten Klettverschluss vorstellen: Die DNA-Fragmente haften mit ihren Adaptersequenzen daran, ähnlich wie kleine Haken, die in das Klettgewebe greifen.

Abb. 17-D: Schematische Darstellung einer Flowcell und deren Oberfläche 2a) DNA-Fragmente binden an die Flowcell-Oberfläche
Zu Beginn des Schritts wird eine Lösung mit einzelsträngigen DNA-Fragmenten, die Adaptersequenzen tragen, auf die Flowcell gespült. Diese Fragmente wurden zuvor durch Denaturierung in Einzelstränge aufgetrennt, sodass sie sich frei in der Lösung bewegen können.
Während die DNA-Fragmente durch die Flowcell strömen, binden ihre Adapter durch komplementäre Basenpaarung an die passenden Oligonukleotiden auf der Flowcell, wie in der unteren Abbildung gezeigt.

Abb. 17-E: Die Grafik zeigt zwei DNA-Einzelstränge, die mit ihren Adaptern an komplementäre Oligonukleotide auf der Flowcell binden. P5-Adapter eines DNA-Einzelstrangs bindet mit dem P5-Oligonukleotid auf der Flowcell:
Flowcell — P5-Oligo ACGTAC
— (3') TGCATG-CAGT-[Insert]-GTCA-ACTGCA (5')P7-Adapter eines DNA-Einzelstrangs bindet mit dem P7-Oligonukleotid auf der Flowcell:
Flowcell — P7-Oligo ACGTCA
— (3') TGCAGT-TGAC-[Insert]-ACTG-CATGCA (5')2b) Erste Synthese
Primerbindung und DNA-Synthese
Nachdem die DNA-Fragmente an die Flowcell gebunden wurden, startet die erste DNA-Synthese. Dazu binden sich spezifische Primer an die Adaptersequenzen der gebundenen Stränge:- Primer GTCA bindet an den P5-Adapter des gebundenen Einzelstrangs.
- Primer ACTG bindet an den P7-Adapter des gebundenen Einzelstrangs.
Die DNA-Polymerase, die nur in 5′ → 3′-Richtung arbeiten kann, synthetisiert daraufhin einen neuen Strang, der komplementär zum bereits gebundenen Einzelstrang ist.

Abb. 17-F: Primer binden an die Adapter (P5, P7), und die DNA-Polymerase (DNAP) startet die Synthese eines neuen, komplementären Strangs. Nach der Synthese liegen die gebundenen DNA-Fragmente als Doppelstränge vor.
Flowcell (P5-Oligo) — (5') ACGTAC-GTCA-[Insert]-CAGT-TGACGT (3')
— (3') TGCATG-CAGT-[Insert]-GTCA-ACTGCA (5')Flowcell (P7-Oligo) — (5') ACGTCA-ACTG-[Insert]-TGAC-GTACGT (3')
— (3') TGCAGT-TGAC-[Insert]-ACTG-CATGCA (5')
Abb. 17-G: Erste Synthese und Auftrennung: So entsteht der gebundene DNA-Strang. Trennung des Doppelstrangs
Nachdem die neue DNA synthetisiert wurde, wird der Doppelstrang durch Denaturierung getrennt (siehe obere Abbildung):❌ Der ursprüngliche Strang hat nach der Denaturierung keine Verbindung mehr zur Flowcell und wird ausgespült.
✅ Der neu synthetisierte Strang bleibt mit seinem 5′-Ende fest an der Flowcell gebunden, während das 3′-Ende frei bleibt.
Nun sind die DNA-Fragmente als komplementäre Einzelstränge (Forward- und Reverse-Stränge) an die Flowcell gebunden.
Allerdings wäre eine direkte Sequenzierung zu diesem Zeitpunkt nicht möglich, da die Fluoreszenzsignale noch zu schwach wären, um zuverlässig ausgelesen zu werden. Deshalb folgt nun die Brückenamplifikation.
2c) Brückenamplifikation
Damit die DNA-Sequenzierung ein ausreichend starkes Fluoreszenzsignal liefert, müssen die einzelnen DNA-Stränge vervielfältigt werden. Dies geschieht durch die Brückenamplifikation, einen zyklischen Prozess, bei dem sich die DNA-Stränge an die Flowcell anlagern, vervielfältigt und wieder getrennt werden.
Hybridisierung des zweiten Adapters
Die Brückenamplifikation beginnt damit, dass sich der gebundene DNA-Einzelstrang biegt und mit seinem freien 3′-Ende an ein benachbartes komplementäres Oligonukleotid (5′) auf der Flowcell bindet. Dieser Vorgang wird als Faltung des DNA-Strangs bezeichnet. Dadurch bildet sich eine Art Brücke, die den Adapter des Strangs mit dem passenden Oberflächenmolekül verbindet.DNA-Synthese
Sobald die DNA-Stränge gebunden sind, werden Primer (ACTG, GTCA) und die DNA-Polymerase hinzugefügt. Die Primer binden spezifisch an die Adaptersequenzen. Die DNA-Polymerase synthetisiert neue komplementäre Stränge in 5′ → 3′-Richtung. Nach der Synthese liegt die DNA nun wieder als Doppelstrang vor.
Abb. 17-H: Brückenbildung und DNA-Synthese Die gebundenen Einzelstränge falten sich und hybridisieren mit einem komplementären Oligonukleotid auf der Flowcell, wodurch eine Brückenstruktur entsteht. Anschließend bindet ein Primer an den 3′-Enden der Stränge, und die DNA-Polymerase synthetisiert die komplementären Stränge in 5′ → 3′-Richtung.
Denaturierung– Trennung der Stränge
Durch Hitze oder chemische Behandlung werden die neu gebildeten Doppelstränge wieder in Einzelstränge aufgetrennt. Jetzt befinden sich vier einzelsträngige DNA-Fragmente auf der Flowcell:|| die ursprünglichen zwei Einzelstränge (Forward-Strang & Reverse-Strang) und
|| die neu synthetisierten komplementären Stränge (Forward-Strang & Reverse-Strang).
Abb. 17-I: Vorwärts und rückwärts: Die Brücken lösen sich. Nach der Denaturierung werden die Brücken-Doppelstränge getrennt, sodass auf der Flowcell nun jeweils zwei Einzelstränge (vorwärts und rückwärts) zu sehen sind. Diese Einzelstränge sind weiterhin an der Flowcell gebunden und bereit für die weitere Amplifikation.
Wiederholung der Amplifikation
Dieser Zyklus wiederholt sich: Die Einzelstränge falten sich erneut, hybridisieren wieder mit den Oligonukleotiden und werden durch DNA-Synthese vervielfältigt.
Abb. 17-J: Mit jeder Wiederholung der Brückenamplifikation entstehen immer mehr DNA-Kopien. Nach mehreren Zyklen entstehen auf der Flowcell Millionen identischer Kopien jedes ursprünglichen DNA-Fragments – die Cluster.

Abb. 17-K: Clusterbildung Jedes Cluster besteht aus zahlreichen Kopien eines einzelnen DNA-Fragments. In dieser Darstellung sind exemplarisch nur drei Cluster gezeigt, da unser Beispiel von drei DNA-Fragmenten ausgeht. In der Realität befinden sich jedoch Millionen bis Milliarden solcher Cluster auf einer Flowcell, um eine hohe Sequenzierkapazität zu ermöglichen.
Bildung der finalen Cluster
Zu Beginn unseres Beispiels sind drei DNA-Fragmente vorhanden. Nach mehreren Amplifikationszyklen entstehen für jedes dieser Fragmente unzählige Cluster, die ausschließlich aus ihren DNA-Kopien bestehen.Jedes Cluster setzt sich nun aus zwei Strang-Typen zusammen:
🔹 Forward-Stränge (5′ → 3′, P7-gebunden)
🔹 Reverse-Stränge (3′ → 5′, P5-gebunden)💡 Beachte: Forward- und Reverse-Stränge sind in den Clustern nicht antiparallel zueinander ausgerichtet! Stattdessen ragen die 3′-Enden beider Stränge nach oben.
Entfernung der Reverse-Stränge
Damit die Sequenzierung korrekt ablaufen kann, müssen sich alle DNA-Stränge innerhalb eines Clusters in derselben Richtung befinden. Für die eigentliche Analyse werden nur die Forward-Stränge benötigt. Daher folgt nun ein gezielter Reinigungsschritt:🔹 Alle Reverse-Stränge (P5-gebunden) werden abgetrennt und ausgespült.
🔹 Gleichzeitig werden die freien Enden der P5-Oligos chemisch blockiert, um eine erneute Bindung zu verhindern.Nun befinden sich ausschließlich Vorwärtsstränge auf der Flowcell. Die Cluster sind vollständig ausgebildet, und die DNA-Bibliotheken sind bereit für die Sequenzierung.

Abb. 17-L: Sequenzierbereit: Nur noch Forward-Stränge an Bord Links: Ein finales Cluster mit Forward- (P7-gebunden) und Reverse-Strängen (P5-gebunden). Rechts: Die Reverse-Stränge wurden gezielt durchtrennt und ausgespült, sodass nur noch die Forward-Stränge verbleiben. Diese Ausrichtung ist notwendig, um die Sequenzierung korrekt durchzuführen.
Schritt 3: Sequenzierung durch Synthese
An diesem Punkt sind einzelne klonale Cluster (aus den ursprünglich drei DNA-Fragmenten) über die gesamte Oberfläche der Flowcell verteilt. Jedes Cluster besteht aus zahlreichen identischen DNA-Kopien – vergleichbar mit einer kleinen Insel identischer Bäume. Nun kann die eigentliche Sequenzierung beginnen.
Um die Sequenzierung zu starten, werden Primer, DNA-Polymerasen und modifizierte Nukleotide auf die Flowcell aufgetragen.
Die modifizierten Nukleotide haben drei besondere Eigenschaften:
① Terminierung der Synthese
Sie besitzen eine chemische Modifikation an der Hydroxylgruppe, die verhindert, dass ein weiteres Nukleotid an die wachsende DNA-Kette angefügt wird. Dadurch stoppt die DNA-Synthese nach dem Einbau jedes einzelnen Nukleotids.② Reversibilität der Blockierung
Diese Modifikation kann anschließend chemisch entfernt werden, sodass die DNA-Synthese fortgesetzt werden kann. Dadurch erfolgt die Sequenzierung schrittweise, ein Nukleotid nach dem anderen.③ Fluoreszenzmarkierung
Jedes der vier Basen (A, T, C, G) ist mit einem spezifischen fluoreszierenden Farbstoff markiert.Aufgrund dieser Eigenschaften werden diese Nukleotide als reversible Terminator-Nukleotide (RT-dNTPs) bezeichnet.
Ablauf der Sequenzierung
➥ Die Sequenzierungsprimer hybridisieren mit den Vorwärtssträngen der DNA-Bibliothek.
➥ Die DNA-Polymerase bindet an den Primer und beginnt die Synthese. Aufgrund der modifizierten Nukleotide kann sie jedoch immer nur ein einziges Nukleotid pro Zyklus anfügen.
➥ Nach jedem Einbau wird die Flowcell von einer hochauflösenden Kamera abfotografiert. Die fluoreszierende Markierung zeigt an, welches Nukleotid eingebaut wurde. Ein Computer analysiert die Fluoreszenzsignale und ordnet sie den jeweiligen Basen zu.
➥ Anschließend werden überschüssige Nukleotide weggespült und die Blockierung am eingebauten Nukleotid durch einen chemischen Schritt entfernt.
➥ Der Zyklus beginnt von vorn, bis das gesamte DNA-Fragment sequenziert ist.
Abb. 17-M: Illumina Sequenzierungsschritte Primer, DNA-Polymerase (DNAP) und modifizierte Nukleotide (RT-dNTPs) werden auf die Flowcell aufgetragen. Die RT-dNTPs sind fluoreszenzmarkiert (jede Base hat eine eigene Farbe) und besitzen eine reversible Blockierung an der 3′-Hydroxylgruppe. Dadurch wird nach jeder Baseneinfügung die DNA-Synthese vorübergehend gestoppt. Sobald ein RT-dNTP eingebaut wurde, regt ein Laser den Fluoreszenzfarbstoff zum Leuchten an. Eine Kamera erfasst dieses Signal und bestimmt, welche Base eingebaut wurde. Anschließend wird die Fluoreszenzmarkierung zusammen mit der Blockierung chemisch entfernt, sodass die DNA-Synthese im nächsten Zyklus fortgesetzt werden kann. Dieser Prozess wird in jedem Zyklus wiederholt: Eine Base wird hinzugefügt, das Signal erfasst und die Blockierung entfernt. Die Sequenzierung läuft über eine festgelegte Anzahl an Zyklen, wodurch eine begrenzte Anzahl an Basen gelesen wird (z. B. 150 Basenpaare bei 150er-Reads).

Abb. 17-N: Analyse der Sequenzierdaten Während der Sequenzierung erfasst eine Kamera in jedem Zyklus die Fluoreszenzsignale der eingebauten Nukleotide. Jedes Cluster sendet ein spezifisches Farbsignal, das der eingebauten Base entspricht. Über mehrere Zyklen hinweg entsteht so für jedes Cluster eine individuelle Sequenz. Ein Computer analysiert die Farbinformationen aus den einzelnen Bildern und ordnet sie der jeweiligen DNA-Sequenz zu. So wird aus den gemessenen Fluoreszenzsignalen die exakte Basenabfolge der „DNA of interest“ rekonstruiert.
Doppel-Check für die DNA: Paired-End-Sequenzierung
Die Paired-End-Sequenzierung ist ein Verfahren, das auf vielen Illumina-Plattformen zum Einsatz kommt, um die Genauigkeit und Verlässlichkeit der Sequenzierung zu verbessern. Dabei wird jedes DNA-Fragment von beiden Enden aus gelesen – es entstehen also zwei Reads pro Fragment: Read 1 (Vorwärts) und Read 2 (Rückwärts).
Nach der ersten Sequenzierung des Vorwärtsstrangs (Read 1) erfolgt eine zweite Brückenamplifikation, bei der die ursprünglichen Stränge erneut erzeugt werden. Anschließend werden die bereits gelesenen Stränge entfernt – und die Sequenzierung des Rückwärtsstrangs (Read 2) beginnt.
Da beide Reads aus demselben Fragment stammen, können sie rechnerisch zusammengeführt werden. Das erleichtert die Assemblierung, erhöht die Fehlererkennung und verbessert die Lesbarkeit wiederholter oder komplexer Sequenzabschnitte.
Die Paired-End-Sequenzierung eignet sich besonders gut für lange, verschachtelte oder schwierige DNA-Bereiche – und liefert dadurch präzisere und belastbarere Ergebnisse.
Ergebnis der Illumina-Sequenzierung
Am Ende der Illumina-Sequenzierung liegt eine riesige Menge kurzer DNA-Abschnitte vor – sogenannte Reads. Jeder dieser Reads stammt von einem kleinen Fragment des ursprünglichen Erbmaterials und wurde millionenfach vervielfältigt und ausgelesen.
Damit daraus wieder ein vollständiges Bild entsteht, werden die Reads mithilfe spezieller Software am Computer zusammengesetzt:
🔹 Gibt es eine bekannte Referenz-DNA, werden die Reads wie Puzzleteile an das bekannte Muster angelegt.
🔹 Fehlt eine Vorlage, müssen sie anhand von Überlappungen Stück für Stück neu zusammengesetzt werden.So entsteht aus zahllosen kurzen Sequenzen Schritt für Schritt ein vollständiges Bild des ursprünglichen DNA-Materials. Das Ergebnis ist eine präzise analysierte Gensequenz, die nicht nur die genetische Struktur sichtbar macht, sondern auch Hinweise auf Mutationen oder Varianten liefern kann.
🎥 Tipp: Eine anschauliche Erklärung findest du im Video „Illumina Sequencing Technology“.
Anwendungsbereiche
Die Illumina-Sequenzierung gilt als genau und zuverlässig. Ihren Einsatz hat sie in der:
Genomforschung: Entschlüsselung der DNA von Menschen, Tieren, Pflanzen
Medizin: Untersuchung genetischer Erkrankungen, Entwicklung personalisierter Therapien
Mikrobiologie: Analyse von Bakterien und Viren
Umweltforschung: Untersuchung von DNA in Boden- oder Wasserproben
Und was kommt danach?
Die Illumina-Technologie hat die genetische Analyse revolutioniert – doch auch sie hat ihre Grenzen: Die Vorbereitung ist aufwendig, die Auswertung rechenintensiv, und sehr lange DNA-Abschnitte lassen sich nur in kleinen Stücken erfassen.
Deshalb geht die Entwicklung weiter. Neue Technologien der Third Generation Sequencing setzen auf ganz andere Prinzipien – und ermöglichen erstmals das direkte Auslesen extrem langer DNA-Stränge, oft sogar in Echtzeit.
Zeit für einen Blick auf die nächste Generation der Sequenzierung.

Third Generation: Echtzeit-Sequenzierung
Mit der dritten Generation der Sequenzierungstechnologien beginnt ein grundlegender Wandel in der Genomforschung. Statt wie bisher auf fragmentierte oder chemisch veränderte DNA zu setzen, ermöglichen diese Methoden das direkte Auslesen genetischer Informationen – in Echtzeit, ohne komplexe Vorbereitung und mit neuen analytischen Möglichkeiten.
Zwei zentrale Verfahren dieser Generation sind:
- Single Molecule Real Time (SMRT) Sequencing – verfolgt die DNA-Synthese in Echtzeit, indem Lichtimpulse registriert werden, die beim Einbau einzelner Basen entstehen.
- Nanopore Sequencing – leitet DNA-Stränge durch winzige Nanoporen und misst Veränderungen im elektrischen Strom, um die Basen zu identifizieren.
Warum die Nanopore-Sequenzierung ein Gamechanger ist
Die Nanopore-Technologie eröffnet ganz neue Perspektiven in der Genomforschung – durch ihre Flexibilität, Geschwindigkeit und Unabhängigkeit von aufwändigen Vorbereitungsschritten:
✅ Echtzeit-Sequenzierung: Im Gegensatz zu klassischen Verfahren, die DNA zunächst vervielfältigen oder chemisch modifizieren müssen, liest Nanopore-Technologie das genetische Material direkt aus.
✅ Lange Leselängen: Anstelle kurzer Fragmente können extrem lange DNA-Stränge ausgelesen werden – oft über Hunderttausende Basenpaare hinweg, in einem einzigen Durchgang. Das erleichtert die Analyse komplexer Genome und struktureller Varianten erheblich.
✅ Vielseitigkeit: Neben DNA lässt sich auch RNA direkt analysieren – ohne den Zwischenschritt über cDNA (komplementäre DNA). Das macht die Technologie besonders wertvoll für Studien zur Genexpression oder Virusforschung.
✅ Portabel und kostengünstig: Geräte wie der MinION sind kaum größer als ein USB-Stick und ermöglichen Sequenzierung sogar außerhalb des: etwa in der Klinik, im Regenwald oder direkt am Tatort.
Mit diesen Eigenschaften erschließt die Nanopore-Sequenzierung völlig neue Anwendungsfelder – von der Grundlagenforschung über Diagnostik bis hin zur Umwelt- und Biodiversitätsanalyse.
Grund genug, diese Technologie einmal genauer unter die Lupe zu nehmen.
Für einen ersten Eindruck und eine kurze Übersicht ist das folgende Video geeignet.
Nanopore-Sequenzierung – Schritt für Schritt
Wenn heute von Nanopore Sequencing die Rede ist, meint man fast immer die Oxford Nanopore-Technologie (ONT). Zwar gibt es theoretisch andere Ideen mit Nanoporen, aber ONT ist derzeit die einzige, die wirklich im Einsatz ist. Seit ihrer allgemeinen Markteinführung im Jahr 2015 hat sie die Sequenzierung revolutioniert.
Das Besondere an dieser Methode? Sie liest DNA oder RNA direkt und in Echtzeit – ohne vorherige chemische Modifikationen oder Verstärkungsreaktionen. Die Nanopore-Technologie funktioniert dabei wie ein winziges Hochleistungs-Labor, das genetische Informationen präzise entschlüsselt.
Wie funktioniert das?
Die ONT-Sequenzierung basiert auf einem Zusammenspiel von drei zentralen Komponenten:
➤ Nanoporen – fungieren als winzige molekulare „Lesegeräte“. Wenn ein DNA- oder RNA-Strang durch eine Nanopore hindurchwandert, erzeugt dies charakteristische elektrische Signale – quasi einen molekularen „Fingerabdruck“.
➤ Membran – dient als Filter und Barriere. Sie sorgt dafür, dass nur Ionen und Nukleinsäuren die Nanoporen passieren, während unerwünschte Moleküle ausgeschlossen bleiben. Dadurch entstehen saubere, präzise Messwerte.
➤ Chip – ist die Basis des Systems. Er hält die Membran mit den Nanoporen und erfasst die elektrischen Signale, die beim Durchtritt der DNA entstehen.
Der Chip besitzt zwei Kammern:
- Obere Kammer (cis): Hier wird die DNA-Probe eingefüllt.
- Untere Kammer (trans): Hier landet die DNA, nachdem sie die Nanoporen durchlaufen hat.
Beide Kammern sind mit einer ionenhaltigen Flüssigkeit gefüllt, die elektrischen Strom leitet. Die Membran trennt die Kammern, sodass kein Strom fließen kann – außer an den Stellen, an denen die Nanoporen eingebettet sind. Diese Poren sind die einzigen „Tunnel“, durch die Ionen und Nukleinsäuren passieren können.
Sobald ein DNA- oder RNA-Strang durch eine Nanopore gleitet, verändert sich der Stromfluss. Diese feinen Veränderungen werden erfasst und in genetischen Code übersetzt – in Echtzeit: direkt, schnell und genau.

Abb. 18-A: Aufbau des Nanopore-Geräts Links ist ein tragbares Nanopore-Sequenziergerät dargestellt. In der Praxis ist es etwas größer als ein USB-Stick. Ein Pfeil zeigt auf die austauschbare Sequenzierzelle. Die vergrößerte Darstellung rechts zeigt den schematischen Aufbau der Sequenzierzelle.
Präzision auf Nanoebene
Chip-Mikrostruktur
Der Chip wird mit hochpräzisen Fertigungstechniken wie Photolithografie oder Ätzverfahren hergestellt. Dabei entstehen winzige Kanäle, sogenannte Wells, die nur wenige Nanometer bis Mikrometer groß sind. Neben diesen strukturellen Komponenten enthält der Chip auch die elektrochemische Messvorrichtung, die den Ionenstrom registriert, sobald DNA oder RNA durch die Nanopore wandert.Selbstassemblierung der Lipidmembran
Diese Membran besteht aus Lipiden (Fettmolekülen) und ist elektrisch isolierend. Das bedeutet, dass sie selbst keinen Strom leitet. Die Membran wird zunächst ohne Nanoporen auf den Chip aufgespannt. Sie wird nicht mechanisch auf den Chip gespannt, sondern bildet sich durch Selbstorganisation über den Öffnungen.Wie funktioniert das?
Eine Lösung mit Lipidmolekülen wird auf den Chip gegeben. Diese Moleküle besitzen:
🔹einen hydrophoben (wasserabweisenden) Anteil und
🔹einen hydrophilen (wasseranziehenden) Anteil.Durch diese Eigenschaften organisieren sie sich automatisch in eine stabile Doppelschicht. Die Wells im Chip sind so konstruiert, dass die Lipidmembran genau über ihnen stabilisiert wird.
Selbstassemblierung der Nanoporen
Die Nanoporen bestehen meist aus Proteinen, die aus Bakterien oder Hefezellen gewonnen werden. In der Natur dienen diese Poren als Transportkanäle für Moleküle durch Zellmembranen. In der Nanopore-Technologie werden sie jedoch als hochempfindliche Sensorenfür DNA- oder RNA-Molekülegenutzt.Die Integration der Nanoporen erfolgt nach dem Aufspannen der Membran. Dank eines natürlichen Prozesses namens Selbstassemblierung setzen sie sich von selbst in die Membran ein!
Wie funktioniert das?
🔹Die Nanoporen werden in einer Lösung zugegeben.
🔹Sie „finden“ automatisch die Wells, da sie sich nur dort in die Membran einbauen können, wo eine Öffnung vorhanden ist.
🔹Dort durchdringen sie die Membran und bilden stabile Kanäle.Die Wells sind somit exakt definierte Bereiche, in denen die Membran zugänglich ist – und genau dort können sich die Nanoporen gezielt integrieren.
Warum ist das wichtig?
Die korrekte Positionierung der Nanoporen über den Wells ist entscheidend, weil:
🔹Die DNA durch die Nanoporen von der cis- zur trans-Kammer gezogen wird, und das nur funktioniert, wenn die Nanoporen in der Membran über den Wells sitzen.
🔹Die Wells sind mit Elektroden verbunden, die den Ionenstrom messen. Wenn eine Nanopore nicht exakt über einem Well sitzt, gibt es keinen messbaren Stromfluss – die Nanopore wäre funktionslos.Der Weg der DNA durch die Nanopore
Nachdem wir den Aufbau der Sequenzierzelle und das Grundprinzip der Oxford Nanopore-Technologie kennengelernt haben, geht es nun um den eigentlichen Sequenzierprozess.
1️⃣ Vorbereitung der DNA/RNA-Probe
Bevor die eigentliche Sequenzierung beginnt, muss die Nukleinsäure (DNA oder RNA) vorbereitet werden.
➥ Extraktion: Die DNA oder RNA wird aus der Probe (z. B. Blut, Speichel, Zellkultur, Umweltproben) isoliert. Dies geschieht mit standardisierten Extraktionsverfahren (siehe dazu Kapitel „4.5.1. Nukleinsäure-Extraktion“).
➥ Fragmentierung (optional): Nanopore-Sequenzierung kann sehr lange DNA- oder RNA-Moleküle lesen. Falls die DNA zu lang ist oder für bestimmte Anwendungen angepasst werden soll, kann sie mechanisch oder enzymatisch in Fragmente geschnitten werden.
➥ Adapter-Ligation: Da die Nanoporen nur DNA oder RNA mit speziellen Enden verarbeiten können, werden Adapter an die Enden der Moleküle angehängt. Diese Adapter enthalten:
- Motorproteine, die die DNA kontrolliert durch die Nanopore ziehen
- Barcode-Sequenzen (falls mehrere Proben gleichzeitig sequenziert werden sollen)

Abb. 18-B: Schema der Bindung des Motorproteins an die doppelsträngige DNA (dsDNA). Damit das Motorprotein an die DNA binden kann, werden zuvor spezielle Adapter an die DNA-Enden angefügt. Diese Adapter sorgen dafür, dass das Motorprotein gezielt an einem Ende der DNA ansetzt. Zur besseren Übersicht zeigt die Abbildung nur die Bindung des Motorproteins, während die Adapter selbst nicht dargestellt sind. In der Regel bindet nur ein Motorprotein pro DNA-Molekül, da die Adapter so gestaltet sind, dass sie die Bindung an einem bevorzugten Ende erleichtern.
Woher stammt das Motorprotein?
Das Motorprotein, das bei der Oxford Nanopore Sequenzierung verwendet wird, ist ein natürlich vorkommendes Enzym, das aus Bakterien gewonnen wird. Es handelt sich um eine modifizierte Version eines Proteins, das ursprünglich von Bakterien wie E. coli oder anderen Mikroorganismen stammt. Diese Proteine haben in der Natur die Aufgabe, DNA zu entwinden und zu transportieren – eine Fähigkeit, die sich die Nanopore-Technologie zunutze macht.Falls RNA sequenziert werden soll, kann optional eine Reverse Transkription durchgeführt werden, um RNA in DNA umzuwandeln. Die ONT-Technologie kann jedoch sowohl RNA als auch DNA direkt sequenzieren, Die direkte RNA-Sequenzierung kann spezifische Informationen über RNA-Modifikationen liefern.
2️⃣ Anlegen einer elektrischen Spannung
In beiden Kammern der Sequenzierzelle befinden sich geladene Teilchen (Ionen). Sobald eine Spannung zwischen der oberen (cis) und der unteren (trans) Kammer angelegt wird, fließen Ionen durch die Nanoporen. Dies erzeugt einen messbaren elektrischen Strom. Solange sich keine DNA in der Pore befindet, bleibt der Ionenfluss konstant, und es wird ein stabiler Strom gemessen.
3️⃣ Die DNA wird in die Sequenzierzelle gegeben
Die vorbereitete DNA-Probe, an die bereits Motorproteine gebunden sind, wird in die cis-Kammer (die obere Kammer der Sequenzierzelle) pipettiert. Durch Diffusion oder sanftes Mischen verteilt sich die DNA in der Lösung und gelangt in die Nähe der Membran, in der die Nanoporen eingebettet sind.
4️⃣ Andocken an die Nanopore
Das Motorprotein, das an die DNA gebunden ist, führt die DNA zur Nanopore und dockt gezielt daran an. Sobald die Verbindung hergestellt ist, beginnt das Motorprotein mit seiner Helicase-Aktivität: Es entwindet die doppelsträngige DNA (dsDNA) in zwei Einzelstränge. Ein Strang wird von der Nanopore erfasst und weiter durch sie hindurchgezogen. Dieser Prozess läuft direkt an der Pore ab und stellt sicher, dass die DNA präzise und gleichmäßig durch die Nanopore transportiert wird.

Abb. 18-C: Schema der Sequenzierzelle und des Ionenstroms im Ruhezustand Die Sequenzierzelle besteht aus zwei Kammern: der cis-Kammer (oben) und der trans-Kammer (unten), getrennt durch eine Membran mit eingebetteten Nanoporen. Links hat ein DNA-Molekül mithilfe eines Motorproteins an eine Nanopore angedockt. Rechts ist eine leere Nanopore dargestellt, durch die ein konstanter Ionenstrom fließt.Die angelegte Spannung zwischen der negativen Elektrode (cis) und der positiven Elektrode (trans) treibt den Ionenfluss an. Der Ionenstrom wird im Well (kleiner Kanal im Chip) gemessen, wie im Strom/Zeit-Diagramm dargestellt. Solange keine DNA durch die Pore wandert, bleibt der Strom konstant.
5️⃣ Die DNA passiert die Nanopore – das Signal entsteht
Die DNA besitzt aufgrund ihrer negativ geladenen Phosphatgruppen eine elektrische Ladung. Die angelegte Spannung zwischen der cis-Kammer (negativ geladen) und der trans-Kammer (positiv geladen) bewirkt, dass die DNA durch die Nanopore gezogen wird.
Das Motorprotein spielt dabei eine entscheidende Rolle:
➤ Es steuert die DNA-Bewegung durch die Pore – langsam, gleichmäßig und stabil.
➤ So entsteht ein klar lesbares Signal für eine zuverlässige Signalmessung.Zum Verständnis: Die DNA würde von Natur aus mit einer Geschwindigkeit von Millionen Basen pro Sekunde durch die Nanopore schießen. Das Motorprotein bremst diese Geschwindigkeit auf etwa 450 Basen pro Sekunde ab (abhängig vom Gerät und den Einstellungen). Dadurch wird die Sequenzierung mittels dieser Technologie überhaupt erst möglich.
Wenn die DNA durch die Pore wandert, beeinflusst sie den Ionenfluss – denn jede Base (A, T, G, C) hat eine einzigartige Größe und chemische Struktur. Diese Unterschiede verändern den Ionenstrom auf spezifische Weise. Diese Stromveränderungen werden von einer Elektrode gemessen, die direkt unter der Nanopore sitzt. Jeder Well (die winzigen Tunnel im Chip, auf denen die Nanoporen sitzen) hat eine fest zugeordnete Elektrode, die als Messgerät fungiert. Dadurch kann die Software die Signale präzise einer bestimmten Nanopore zuordnen – eine Voraussetzung für die korrekte Rekonstruktion der DNA-Sequenz.

Abb. 18-D: Das Bild veranschaulicht den zentralen Mechanismus der Nanopore-Sequenzierung. 1) Ein Motorprotein zieht die DNA kontrolliert durch die Pore. Die negativ geladene DNA bewegt sich aufgrund der angelegten Spannung von der cis-Seite zur trans-Seite. Dabei beeinflussen die einzelnen Basen (A, T, G, C) den Ionenstrom auf spezifische Weise.
2) Ein Graph stellt die Veränderung des gemessenen Stroms über die Zeit dar. Jede Basen-Kombination erzeugt ein charakteristisches Signal, das durch Algorithmen entschlüsselt wird.
3) Ein Computer analysiert die elektrischen Signale und bestimmt daraus die Reihenfolge der Basen.6️⃣ Das elektrische Signal wird aufgezeichnet
Während die DNA durch die Nanopore gezogen wird, befinden sich etwa 10–15 Basen gleichzeitig in der Pore. Jede dieser Basen beeinflusst den Ionenstrom unterschiedlich – das Signal ist also eine Überlagerung der Effekte mehrerer Basen.
Doch wie kann man trotzdem einzelne Basen unterscheiden?
Das funktioniert durch einen cleveren Algorithmus:
- Das Motorprotein bewegt die DNA schrittweise – etwa eine Base nach der anderen.
- Der gemessene Strom verändert sich dabei auf charakteristische Weise, abhängig von der Reihenfolge der Basen.
- Spezialisierte Software (Basecalling) nutzt maschinelles Lernen, um aus den überlappenden Signalen die genaue Sequenz zu errechnen.
- Das Modell „entwirrt“ die überlappenden Informationen und ordnet sie der richtigen Base an der entscheidenden Position zu.
Auf diese Weise entsteht aus den elektrischen Signalen nach und nach die vollständige DNA-Sequenz.
Ergebnis der Nanopore-Sequenzierung
Am Ende liefert die Oxford-Nanopore-Technologie die vollständige Abfolge der Basen in der untersuchten DNA- oder RNA-Probe. Diese Sequenz enthält detaillierte Informationen über die genetische Zusammensetzung, die Länge der Moleküle sowie mögliche Besonderheiten wie Mutationen oder strukturelle Veränderungen.
🚀 Daten in Echtzeit – ein echter Geschwindigkeitsvorteil
Der gesamte Prozess läuft live ab. Während die DNA oder RNA durch die Pore wandert, wird die Abfolge der Basen sofort erfasst und ausgewertet.
Zum Vergleich:
- Die klassische Sanger-Sequenzierung benötigt mehrere Stunden oder sogar Tage für eine Analyse.
- Die Illumina-Sequenzierung liefert Ergebnisse in der Regel in wenigen Stunden bis zu mehreren Tagen. Der genaue Zeitrahmen hängt von der Länge, Komplexität und dem Umfang der zu sequenzierenden Probe ab – kleinere Projekte können oft in wenigen Stunden abgeschlossen werden, während umfangreichere Analysen mehrere Tage benötigen.
- Die Oxford Nanopore Technologie (ONT) hingegen liefert in wenigen Minuten erste Ergebnisse.
Die generierten Sequenzdaten werden parallel verarbeitet und gespeichert. Sie stehen sofort für die weitere Analyse bereit.
Blick nach vorn: Sequenzierung 4.0 – was kommt als Nächstes?
Während die dritte Generation noch gefeiert wird, tüftelt die Forschung bereits an der Überholspur. Neue, aufkommende Technologien versprechen noch mehr: mehr Geschwindigkeit, höhere Genauigkeit und noch vielseitigere Einsatzmöglichkeiten.
Im nächsten Kapitel werfen wir einen flüchtigen Blick auf die Zukunft der Sequenzierung.

Emerging Technologies: Zukunft der Sequenzierung
Während das Nanopore Sequencing (ONT) bereits eine Revolution in der Sequenzierungstechnologie darstellt, gibt es vielversprechende Ansätze, die diese Methode noch weiterentwickeln könnten.
Transistor statt Pore
Ein spannendes Beispiel ist die FENT-Technologie (Field-Effect Nanopore Transistor), die DNA und andere Biopolymere mit einer neuartigen Transistor-Struktur analysiert, die extrem schnell und genau arbeitet. Diese Technologie könnte eine noch präzisere, schnellere und kostengünstigere Analyse von DNA und anderen Biopolymeren ermöglichen.
Das Video „FENT-Nanopore-Transistor-Erklärungsvideo“ gibt einen faszinierenden Einblick in diese Innovation.
Ob und wann diese Technologie für die Virusdiagnostik relevant wird, bleibt abzuwarten – doch sie zeigt eindrucksvoll, wie sich die Sequenzierungstechnologien weiterentwickeln.
Das nächste große Ding in der Genetik
Neben FENT könnten auch Methoden wie In Situ Sequencing (ISS), die Genexpression direkt in Geweben sichtbar macht, zukünftig eine Rolle spielen – etwa um virale Aktivität in Zellen zu erforschen.
Die Zukunft der Sequenzierung?
Sie wird uns umhauen (wortwörtlich!) – und wir sind live dabei!
4.6. Bioinformatische Analyse
Die rohen Sequenzdaten sind einfach eine lange Abfolge von Basen, z. B. „AGCUACGUA…“ bei einer RNA-Sequenz. Sequenzieren ist wie Buchstabieren – erst die Bioinformatik erzählt die Geschichte dahinter – „übersetzt“ diese Daten in Informationen. Aus dem Buchstabensalat (AGCUACGUA…) wird ein Steckbrief: Welches Virus ist das? Was kann es? Und wie gefährlich?
Warum Rohdaten chaotisch sind
💨 Technische Patzer: Wie ein verwackeltes Foto – manche Sequenzteile fehlen oder sind unscharf („Rauschen“).
❓ Rätselbasen („N“): Stellen, wo selbst die Maschine passen muss: „Könnte A, C oder U sein – keine Ahnung!“
🦠 Mutanten-WG: RNA-Viren wie Influenza sind Wohngemeinschaften aus Varianten (Mutantenwolken). Die Sequenzierung mischt alle zusammen – wie ein Smoothie aus 100 Früchten.
Was Bioinformatiker tun
Sie putzen, sortieren und puzzeln die Daten – bis klar wird:
- Wer ist hier? (Virusidentität)
- Was ist neu? (Mutationen)
- Wie reagieren? (Erstmal tief durchatmen!)
Das ist Detektivarbeit – nur mit mehr Computern und weniger Trenchcoats.
Vom Datenchaos zur Erkenntnis: Die 5 Schritte der Bioinformatik
1️⃣ Qualitätskontrolle: Das Datenpuzzle sortieren
2️⃣ Alignment & Assemblierung: Das große Puzzle-Spiel
3️⃣ Homologie-Suche: Will sehen!
4️⃣ Datenbankeintrag: Reif fürs Register?
5️⃣ Funktionelle Annotation: Das Puzzle erwacht zum Leben
1️⃣ Qualitätskontrolle: Das Datenpuzzle sortieren
Sequenzdaten sind wie ein Puzzle vom Flohmarkt: Einige Teile sind doppelt, einige fehlen, manche passen nicht und mitten im Bild ein Kaffeefleck. Was tun? – Bevor man das Ganze zusammensetzt, muss geordnet, geputzt und aussortiert werden. Hier beginnt die Arbeit der Bioinformatik:
🔍 FastQC (ein Software-Tool) – der kritische Buchprüfer:
Er blättert durch die Sequenzdaten wie durch ein altes Manuskript und markiert alle schmuddeligen Seiten – zu kurz, zu fehlerhaft, zu verdächtig.✂️ Trimmomatic (ein Software-Tool) – der molekulare Rasenmäher:
Was kaputt, verfranst oder einfach nur überflüssig ist, wird rigoros abgeschnitten. Besonders an den Enden, wo Fehler gerne nisten.🔄 Fehlerkorrektur – Demokratie auf molekularer Ebene:
Wenn neun von zehn Reads sagen: „Hier gehört ein A hin“, dann wird der einsame Buchstabe G einfach überstimmt. Auch DNA hat Mehrheitsentscheidungen.Am Ende bleibt nur, was Qualität hat:
🔹 Kurze oder minderwertige Reads? Raus damit.
🔹 Einzelne Sequenzfehler? Korrigiert.
🔹 Insgesamt zu wenig gute Daten? Dann lieber nochmal sequenzieren.Warum? Damit nachher niemand falsche Schlüsse aus einem Tippfehler zieht. Denn nur mit sauberen Daten geht’s jetzt ans eigentliche Detektivspiel: dem Zusammenbau des Genoms!
2️⃣ Alignment & Assemblierung: Das große Puzzle-Spiel
Moderne Sequenziermethoden liefern DNA- oder RNA-Schnipsel, als hätte jemand ein Puzzle explodieren lassen:
- Illumina produziert Millionen kurzer Reads.
- Nanopore liefert meterlange Fetzen (na gut – fast).
Doch egal ob klein oder groß: Am Ende müssen sie zusammengesetzt werden – mit Algorithmen, Logik und viel Rechenpower.
🦠📌 Methode 1: Alignment (bei bekannten Viren)
Wo passt dieses Teil hin?
Die bereinigten Sequenzdaten werden mit einer bekannten Referenzsequenz verglichen – wie Puzzleteile, die man auf ein Deckbild legt. So lassen sich selbst kleinste Abweichungen erkennen:
Was man findet:
🔹 Mutationen: Ein A statt G? Vielleicht macht das das Virus ansteckender.
🔹 Fehlstellen: Kleine Löcher im Genom – sogenannte Deletionen.
🔹 Extra-Teile: Unerwartete Einfügungen – Insertionen.Auch wenn die Vorlage (Referenzsequenz) nur eine Variante ist, zeigt das Alignment die ganze Mutanten-WG in der Probe.
🦠❓ Methode 2: De-novo-Assembly (bei neuen Viren)
Ohne Vorlage puzzeln – wie ein Blindflug!
Gibt es keine bekannte Referenz, müssen die einzelnen Reads ohne Schablone zusammengesetzt werden. Der Trick: Überlappende Abschnitte zeigen, welche Teile zueinanderpassen. So entsteht – Stück für Stück – ein vollständiges Genom. Dieser Prozess ist fehleranfälliger als das Alignment, liefert aber eine erste Genomsequenz eines neu entdeckten Virus.
Der Unterschied:
Alignment ist wie IKEA-Möbel bauen – mit Anleitung.
De-novo-Assembly ist wie: „Hier sind Holzteile, viel Glück!“
3️⃣ Homologie-Suche: Will sehen!
Jetzt liegen die Karten auf dem Tisch. Der unbekannte DNA-Schnipsel wird ausgespielt – alle Daten sind gesammelt, alles ist vorbereitet. Jetzt heißt es: Will sehen!
Hier kommt BLAST ins Spiel – die große Suchmaschine für Gene. Sie vergleicht den genetischen Joker mit Millionen anderer Sequenzen in weltweiten Datenbanken. Und wenn irgendwo ein Verwandter existiert – BLAST findet ihn. Ob naher Cousin oder entfernter Urahn: Die Ähnlichkeiten im Code verraten, ob du einen alten Bekannten in der Hand hältst. Oder vielleicht ein völlig neues Virus.
BLAST zeigt:
🔹 den Grad der Übereinstimmung in Prozent
🔹 statistische Werte, die anzeigen, wie zuverlässig der Treffer ist
🔹 mögliche Verwandtschaften, selbst wenn die Ähnlichkeit nur entfernt istWer es wirklich wissen will:
How to Use BLAST for Finding and Aligning DNA or Protein Sequences🦠📌 Bei bekannten Viren: BLAST bestätigt die Ergebnisse des Alignments: Gehört der Stamm zu einer bereits beschriebenen Variante? Gibt es neue Mutationen? Beim Influenzavirus könnte BLAST z. B. zeigen, dass ein neuer Stamm zu 98 % mit dem H3N2-Stamm der letzten Grippesaison übereinstimmt.
🦠❓Bei unbekannten Viren: BLAST klärt, ob die neue Sequenz einer bekannten Virusfamilie zugeordnet werden kann – oder ob es sich um einen völlig neuen Vertreter handelt. Falls keine oder nur sehr entfernte Treffer auftauchen, sind weiterführende Analysen notwendig.
4️⃣ Datenbankeintrag: Reif fürs Register?
Jetzt wird’s offiziell. Die gesammelten Sequenzdaten stehen bereit – doch nicht jede neue Virusvariante schafft es gleich ins große wissenschaftliche Archiv. Erst wird geprüft: Reif fürs Register?
🦠📌 Bei bekannten Viren: Nach der Homologie-Suche geht’s in die Feinanalyse: Hat der Stamm was Spannendes zu bieten? Die Variantendetektion schaut ganz genau hin – wie ein Genetiker mit Vergrößerungsglas. Gibt es Mutationen, die dem Virus helfen, dem Immunsystem zu entkommen (Stichwort: Immunflucht)? Wenn ja – ab damit ins Register! Der neue Stamm wird in eine öffentliche Datenbank eingetragen und steht dann Forschern weltweit zur Verfügung.
🦠❓ Bei unbekannten Viren: Wenn BLAST meldet: „Kenne ich nicht!“, wird es spannend. Jetzt helfen weiterführende bioinformatische Werkzeuge – zum Beispiel die funktionelle Annotation, die fragt: Was könnte dieses Virus können? Stellt sich dabei heraus: Hier haben wir etwas wirklich Neues, dann wird der Fund in eine der großen internationalen Datenbanken eingetragen – inklusive Namen, genetischem Fingerabdruck und möglicher Herkunft.
Die wichtigsten Datenbanken für Virusgenome:
🌐 GenBank – der Allrounder:
eine riesige Bibliothek für genetische Sequenzen aller Lebensformen, einschließlich Viren.🌐 Influenza Research Database (IRD) – Spezialarchiv für Influenzaviren,
inklusive praktischer Analysetools.🌐 GISAID – Die Formel 1 unter den Datenbanken:
superschnell, vor allem für Influenzaviren und SARS-CoV-2.🌐 VIRALzone – Eine Art Wikipedia für Virusfamilien:
mit Infos zu Genom, Aufbau und Replikation.Was in diesen Datenbanken landet, wird Teil eines globalen Gedächtnisses.
5️⃣ Funktionelle Annotation: Das Puzzle erwacht zum Leben
Das Genom ist sequenziert – aber jetzt will man wissen: „Welche Gene machen was?
Die funktionelle Annotation versucht, den „Bauplan“ des Virus zu lesen – und herauszufinden, welche Teile wofür zuständig sind. Warum ist dieses Virus infektiöser als andere? Wie schafft es das Virus, dem Immunsystem zu entkommen? Und könnte es resistent gegen Medikamente sein?
Dazu durchsucht man das Genom nach bekannten Mustern. Gibt es Abschnitte, die an Gene erinnern, die man schon aus anderen Viren kennt? Stimmen bestimmte Sequenzen mit Enzymen überein, die beim Eindringen in die Zelle helfen? Oder mit Regionen, die die Oberfläche des Virus formen – jene Stellen, die das Immunsystem als erstes erkennt?
Auch räumliche Strukturen spielen eine Rolle. Moderne KI-Modelle wie AlphaFold können aus der Gensequenz ein 3D-Modell des entstehenden Proteins berechnen. So lässt sich vorhersagen, ob eine Mutation nur ein kleines Detail verändert – oder ob sie das ganze Verhalten des Virus beeinflusst.
Das ist besonders wichtig, wenn es um:
- Ansteckung geht: Eine Mutation in einem Oberflächenprotein könnte das Virus „klebriger“ machen – es haftet besser an Zellen.
- Immunflucht: Kleine Veränderungen an den „Erkennungsstellen“ reichen, damit Antikörper das Virus übersehen.
- Medikamentenresistenz: Manche Mutationen schalten die Zielstruktur eines Wirkstoffs einfach aus – und machen ihn damit wirkungslos.
Funktionelle Annotation ist wie die Gebrauchsanleitung eines Virus – nur ohne freundliche Warnhinweise.
💡 Zusammenfassung: Viren-Cracking für Anfänger
Sequenzieren: Buchstabiere das Virus-ABC.
Qualitätskontrolle: Räum den Datenmüll weg.
Alignment & Assembly: Puzzle die Schnipsel zusammen – mit oder ohne Vorlage.
BLAST: Google nach genetischen Verwandten.
Datenbank: Gib der Welt deine Entdeckung – wenn sie was taugt.
Annotation: Lies zwischen den Genen – was kann dieses Virus wirklich?Klassifizierung der Viren basierend auf ihrem genetischen Material
Viren können auf verschiedene Arten klassifiziert werden – zum Beispiel nach ihrer Form, ihren Wirten, ihrer Übertragungsweise oder ihrem genetischen Material.
Eine der bekanntesten und am häufigsten verwendeten Genom-Klassifikationen ist die Baltimore-Klassifikation, die 1971 von David Baltimore eingeführt wurde. Dieses System teilt Viren basierend auf einer Kombination aus den folgenden Merkmalen ein:
- Art des genetischen Materials (DNA oder RNA),
- Strängigkeit (einzelsträngig oder doppelsträngig),
- Richtung (positiv oder negativ) und
- Replikationsmechanismus (wie mRNA hergestellt wird).
Das Ziel aller Viren ist es, mRNA zu produzieren, denn nur mit mRNA können sie die Proteine herstellen, aus denen sie bestehen, und sich vermehren. Die Baltimore-Klassifikation umfasst sieben Gruppen, die zeigen, wie unterschiedlich Viren dieses Ziel erreichen – von direkter Nutzung ihrer RNA bis hin zu komplexen Umwegen über DNA. Hier ein Überblick:
Gruppe I: Doppelsträngige DNA-Viren (dsDNA)
Die Herstellung von mRNA erfolgt durch die direkte Transkription der DNA mittels einer RNA-Polymerase, die entweder zellulär oder viral sein kann.
(Beispiele: Adenoviren, Herpesviren und Pockenviren)Gruppe II: Einzelsträngige DNA-Viren (ssDNA)
Die einzelsträngige DNA wird zunächst in doppelsträngige DNA umgeschrieben. Anschließend erfolgt die Transkription zur Herstellung von mRNA.
(Beispiele: Parvoviren)Gruppe III: Doppelsträngige RNA-Viren (dsRNA)
Die Herstellung der mRNA erfolgt durch die Transkription der RNA-Stränge mittels einer viralen RNA-abhängigen RNA-Polymerase.
(Beispiele: Reoviren)Gruppe IV: (+) Einzelsträngige RNA-Viren [(+)ssRNA]
Die virale RNA dient direkt als mRNA, da sie die gleiche Richtung wie die mRNA hat (5′ → 3′).
(Beispiele: Coronaviren, Polioviren)Gruppe V: (–) Einzelsträngige RNA-Viren [(–)ssRNA]
Die RNA ist in entgegengesetzter Richtung aufgebaut (3′ → 5′) und muss durch eine virale RNA-abhängige RNA-Polymerase in (+)RNA umgeschrieben werden, die dann als mRNA dient.
(Beispiele: Influenzaviren, Rabies-Virus)Gruppe VI: Retroviren [(+)ssRNA mit DNA-Zwischenschritt]
Die Reverse Transkriptase (RT) wandelt RNA in DNA um, die ins Wirtsgenom integriert wird. Die mRNA wird von der integrierten DNA durch zelluläre Mechanismen hergestellt.
(Beispiele: HIV)Retroviren wie HIV nutzen einen einzigartigen Replikationsmechanismus: Die virale RNA wird durch die Reverse Transkriptase (RT) in einen komplementären DNA-Strang (cDNA) umgeschrieben. Die ursprüngliche RNA wird abgebaut, und ein zweiter DNA-Strang wird synthetisiert. Die entstandene dsDNA wird in das Wirtsgenom integriert. Dieser Prozess macht Retroviren besonders hartnäckig, da sie in einer latenten Phase verweilen und jederzeit reaktiviert werden können.
Gruppe VII: Doppelsträngige DNA-Viren mit RNA-Zwischenschritt (dsDNA-RT)
Die virale DNA wird im Zellkern repariert und dient als Vorlage für die Synthese von mRNA und prägenomischer RNA. Die prägenomische RNA wird durch die Reverse Transkriptase wieder in DNA umgeschrieben.
(Beispiele: Hepatitis-B-Virus)Das Hepatitis-B-Virus besitzt ein unvollständig doppelsträngiges DNA-Genom. Im Zellkern der Wirtszelle wird diese DNA repariert, bevor mRNA und prägenomische RNA transkribiert werden. Die prägenomische RNA dient als Vorlage für die Bildung neuer Viruspartikel.

Abb. 19: Die Grafik zeigt die sieben Klassen der Baltimore-Klassifikation. Die Viren werden nach ihrer Genomstruktur und ihrer Strategie zur mRNA-Synthese kategorisiert. Doppelsträngige (ds) und einzelsträngige (ss) Genome werden unterschieden, die Polarität der RNA wird durch „+“ (positiv) und „-“ (negativ) Stränge gekennzeichnet, und der Mechanismus der reversen Transkription ist durch „RT“ hervorgehoben. Am Ende steht die mRNA, die alle Viren benötigen, um ihre Proteine zu produzieren.

5. Gibt es Viren wirklich?
In einer Welt, in der man alles infrage stellen kann – wie beweist man, dass etwas existiert?
Manche sagen: Viren seien bloß Artefakte, Laborkonstrukte, Zelltrümmer ohne eigene Identität. Doch es gibt Merkmale, die sich nicht wegdiskutieren lassen:
Viren haben etwas, das nur sie haben
Viele Viren besitzen konservierte Genomabschnitte, die für eindeutig virale Funktionen kodieren:
- Kapsidproteine, mit denen sie ihre Erbinformation verpacken,
- RNA-abhängige Polymerasen, mit denen sie ihr Erbgut vervielfältigen,
- Integrasen, mit denen sie virale Gene ins Wirtsgenom schleusen (z. B. bei Retroviren wie HIV),
- Proteasen, mit denen sie Virus-Proteine zurechtschneiden, damit sie funktionieren.
Das Kapsid – das Erkennungszeichen des Virus
Was macht ein Virus zu einem Virus? Nicht nur sein parasitärer Lebensstil – sondern vor allem sein Aufbau.
Fast alle Viren verfügen über ein Kapsid – eine proteinhaltige Hülle, die ihr Erbgut schützt und gleichzeitig zum Eindringen in Wirtszellen dient. Ob ikosaedrisch oder helikal: Das Kapsid ist funktional wie evolutionär DAS zentrale Merkmal des Virus.
Es schützt, es transportiert, es organisiert – und es ist einzigartig virusspezifisch.

Abb. 20: Das Kapsid – schützende Hülle und Formgeber des Virus Das Kapsid ist die äußere Proteinhülle eines Virus, die dessen genetisches Material schützt und dessen äußere Gestalt bestimmt. Es besteht aus vielen identischen Bausteinen (Kapsomeren), die sich zu symmetrischen Strukturen zusammensetzen. Die häufigsten Kapsidformen sind ikosaedrisch (20-flächig) und helikal (schraubenförmig).
Zusätzliche Bestandteile wie eine Lipidhülle – die von der Wirtszelle stammt – können die äußere Form verändern. So wirken viele behüllte Viren „sphärisch“, obwohl das darunterliegende Kapsid meist ikosaedrisch ist. In einigen Fällen, wie bei Bakteriophagen, weicht der Aufbau deutlich ab: Man spricht dann von einer komplexen Morphologie, etwa mit einem ikosaedrischen Kopf und einem helikalen Schwanz. Diese morphologischen Unterschiede bilden die Grundlage zur strukturellen Klassifikation von Viren.
Virale Hallmark-Gene – Signaturen jenseits der Zellwelt
Die Gene, die für Kapsidproteine codieren, gehören zu den sogenannten Hallmark-Genen. Sie sind:
- hoch konserviert innerhalb der Viruswelt,
- funktional essenziell für den viralen Lebenszyklus,
- und nicht in zellulären Organismen zu finden.
Viele dieser Proteine weisen eine ganz besondere Form auf: die Jelly-Roll-Faltung. Diese dreidimensionale Struktur erinnert an eine aufgerollte Biskuitrolle und verleiht dem Kapsidprotein eine bemerkenswerte Stabilität. Man findet sie bei den unterschiedlichsten Viren – von jenen, die Menschen infizieren, bis zu Viren, die nur in uralten Tiefsee-Mikroben vorkommen. Ihr auffälliger Aufbau ist so charakteristisch, dass Forscher selbst neuartige Viren allein auf Grundlage dieser genetischen Signatur erkennen können.
Wer sie einmal gesehen hat, erkennt sie wieder – wie ein Symbol, das sich durch die Tiefen der Evolution zieht – eine evolutionäre Handschrift, lesbar für jeden, der bereit ist, hinzusehen.
Wie z. B. die Arbeiten von Koonin et al. zeigen: Trotz aller Vielfalt tragen Viren einen gemeinsamen, alten genetischen Kern in sich – als würden sie das Wappen ihrer Urahnen in sich tragen.
Fazit: Viren-spezifische Genomabschnitte sind ein Alleinstellungsmerkmal!
Viren entziehen sich einfachen Definitionen. Sie sind weder klassische Lebewesen noch bloße Molekülhaufen. Aber sie tragen ein Set an Eigenschaften in sich, das sie unterscheidbar macht – in ihrer Form, in ihrer Funktion, in ihrer Geschichte.
Wenn etwas seit Milliarden Jahren seine eigene genetische Spur zieht – dann ist es real. Auch wenn es kein Eigenleben führt. Auch wenn wir es nicht sehen können.

Fragen & Antworten
🟡 „Sind Viren nur Exosomen mit PR-Abteilung?“
Nein. Exosomen sind biologischer Verpackungsmüll. Viren bringen einen eigenen Bauplan mit – und einen Transportbehälter in perfekter Geometrie.
Wer Exosomen mit Viren verwechselt, verwechselt auch Tupperdosen mit Raumschiffen.
🔬 „Aber man hat sie doch nie richtig gesehen!“
Doch. Elektronenmikroskope liefern Bilder, Kryo-Tomographie sogar 3D-Videos in Nanometer-Auflösung.
Unsichtbar? Nur ohne Strom.
🧬 „Die RNA ist doch nur zufälliger Zellrest?“
Nein. Virale RNA/DNA ist einzigartig, funktional, präzise organisiert – und weltweit reproduzierbar.
Zufall? Dann wäre ein Uhrwerk auch nur etwas Metall – mit Teamgeist und guter Laune.
📦 „Dieses Kapsid – kann das nicht einfach so entstehen?“
Kaum. Diese Nanoboxen mit perfekter Symmetrie gibt’s nur bei Viren.
Ein Fußball formt sich auch nicht zufällig im Rasen.
🌍 „Vielleicht ist das alles nur ein Messartefakt?“
Dann ist es ein erstaunlich globales. Alle Labore finden die gleichen Sequenzen, Strukturen, Eigenschaften.
Viren kennen keine Laborgrenzen. Nur Reproduzierbarkeit.
Am Ende bleibt die Erkenntnis:
Viren sind keine Fiktion, kein Artefakt, kein Zufallsprodukt. Sie sind das am besten kartierte Unbehagen der Biologie – real, reproduzierbar, überall.
Wer Viren für Zellmüll hält, glaubt auch,
ein Tesla sei ein besonders ambitionierter Einkaufswagen.
Quellen und Links, die die Isolation und Sequenzierung von Viren dokumentieren:
National Center for Biotechnology Information (NCBI) Virus Database:
NCBI Virus DatabaseDas NCBI beherbergt eine umfassende Datenbank von Virusgenomen, die von Wissenschaftlern weltweit sequenziert wurden. Hier kannst du Tausende von Virusgenomen einsehen, die isoliert und sequenziert wurden.
GISAID (Global Initiative on Sharing Avian Influenza Data):
GISAIDGISAID ist eine Plattform, die insbesondere für den Austausch von Sequenzdaten von Influenza- und SARS-CoV-2-Viren genutzt wird. Hier sind detaillierte Daten zur Sequenzierung und Herkunft dieser Viren abrufbar.
European Nucleotide Archive (ENA): ENA Browser
Die ENA bietet Zugang zu Sequenzdaten von Viren, die in Laboren weltweit isoliert wurden. Diese Datenbank wird von der European Bioinformatics Institute (EBI) betrieben und enthält umfangreiche Informationen zu viralen Genomen.
PubMed – Wissenschaftliche Artikel zur Virusisolierung und -sequenzierung:
Beispielhafte Suchanfrage: „Virus Isolation and Sequencing“PubMed ist eine Suchmaschine für wissenschaftliche Literatur. Hier kannst du nach spezifischen Studien zur Isolation und Sequenzierung von Viren suchen.

6. Woher kommen Viren?
Diese Fragen führen an die Grenzen unseres Wissens. Sie berühren nicht nur die Ursprünge der Viren, sondern die Grundlagen des Lebens selbst. Bevor wir den möglichen Szenarien ihrer Entstehung folgen, lohnt sich ein Blick auf das große Ganze: den „Baum des Lebens“ – so, wie ihn die moderne Evolutionsforschung heute zeichnet.
6.1. Der Baum des Lebens
Alle bekannten Lebensformen – vom Bakterium bis zum Blauwal – teilen sich einen gemeinsamen Ursprung: LUCA, den Last Universal Common Ancestor. Er war nicht der erste Organismus überhaupt, sondern der letzte gemeinsame Vorfahr aller heute lebenden zellulären Lebensformen – Bakterien, Archaeen und Eukaryoten. Ein evolutionärer Knotenpunkt, kein Startpunkt.
Was wissen wir über LUCA? Wahrscheinlich lebte er vor rund 3,5 bis 4 Milliarden Jahren, in einer warmen, noch jungen Welt. Er war zellbasiert, besaß bereits DNA, RNA und Proteine, konnte Energie umwandeln – aber war noch weit entfernt von der Komplexität moderner Zellen. Ein Prototyp des Lebens, von dem sich alles weitere verzweigte.

Abb. 21: Baum des Lebens – mit den evolutionären Hauptlinien der zellulären DNA-Organismen LUCA (letzter universeller gemeinsamer Vorfahre) verzweigt sich in die Domänen Bakterien (z. B. Terrabakterien, Proteobakterien) und Archaeen (z. B. Euryarchaeota, Asgard). Durch die Verschmelzung eines Proteobakteriums mit einem ASGARD-Archeen (Endosymbiose) entsteht FECA (erster eukaryotischer gemeinsamer Vorfahre), der sich zu LECA (letzter eukaryotischer gemeinsamer Vorfahre) entwickelt, aus dem die Eukaryoten (Tiere, Pflanzen, Pilze) hervorgehen. Eine zweite Endosymbiose mit Cyanobakterien führt zur Entstehung der Chloroplasten in Pflanzen. Rechts veranschaulicht eine Zeitleiste die Entstehung des Lebens, von der Erde (ca. 4,5 Milliarden Jahre vor heute) über die Große Sauerstoffkatastrophe (ca. 2,4 Milliarden Jahre vor heute) bis zur Kambrischen Explosion (ca. 540 Millionen Jahre vor heute).
Doch während sich der Baum des Lebens mit Ästen, Zweigen und Blättern füllte, bleibt eine Frage offen: Wo sitzen die Viren in diesem Bild – oder gehören sie überhaupt dazu?
Denn anders als Bakterien oder Eukaryoten haben Viren keine Zellstruktur, keinen eigenen Stoffwechsel und hinterlassen keine Fossilien. Manche Wissenschaftler sehen sie als „verlorene Zweige“ des Lebensbaums, andere als uralte Vorformen, die vielleicht vor LUCA existierten.
Um diese Frage zu klären, müssen wir zurück an den Anfang – oder besser: zu den möglichen Anfängen.
Wo also stehen Viren in diesem Stammbaum des Lebens?
Sind sie Spätankömmlinge, entstanden aus entgleisten Genen zellulärer Organismen? Oder gehören sie zu den Urformen des Lebens – vielleicht sogar älter als LUCA selbst?
Die Wissenschaft kennt (noch) keine eindeutige Antwort. Doch einige Hypothesen versuchen, dem Ursprung der Viren auf die Spur zu kommen.
6.2. Die Haupthypothesen zur Herkunft von Viren
💡Hinweis: Die folgenden Entstehungshypothesen setzen ein grundlegendes Verständnis der sogenannten RNA-Welt voraus – einer frühen Phase der Erdgeschichte, in der das Leben noch aus einfachen, selbstreplizierenden RNA-Molekülen bestand. Um dich in diese fremde Epoche einzufühlen und die Hypothesen besser einordnen zu können, empfehlen wir dir den Artikel „Das erste Flüstern des Lebens“. Er erzählt in poetischer Sprache von den Anfängen biologischer Ordnung – lange vor Zellen, Proteinen und DNA.
6.2.1. Hypothesen in einer zellulären Welt
Diese Hypothesen setzen existierende Zellen voraus, aus denen Viren hervorgehen.
6.2.1.a) Progressive Hypothese – Viren als entflohene Gene
6.2.1.b) Regressive Hypothese – Viren als geschrumpfte Zellwesen
6.2.2. Hypothesen in der prä-zellulären RNA-Welt
Diese Hypothesen verorten die Entstehung von virenähnlichen Strukturen in einer Zeit vor oder während der Bildung erster Zellen, in der RNA-Welt, wo selbstreplizierende Moleküle dominieren.
6.2.2.a) Virus-first-Hypothese – Viren waren zuerst da
6.2.2.b) Co-Evolution-Hypothese – Viren und Zellen entstanden gemeinsam
6.2.1. Hypothesen in einer zellulären Welt
Die sogenannte Cell-first-Hypothese geht davon aus, dass zelluläre Lebensformen – wie LUCA – bereits existierten, bevor Viren entstanden. Innerhalb dieses Ansatzes lassen sich zwei Hauptszenarien unterscheiden:
a) Die Progressive Hypothese: Viren stammen demnach von genetischem Material ab, das aus Zellen „entkommen“ ist – quasi entflohene Gene, die sich verselbstständigt und einen eigenen evolutionären Weg eingeschlagen haben.
b) Die Regressive Hypothese: Nach dieser Vorstellung waren Viren ursprünglich vollständige Zellen, die sich im Laufe der Evolution zunehmend reduziert haben – bis nur noch die nötigsten Funktionen für das parasitäre Leben übrigblieben. Eine Art evolutionärer Rückbau.
Beiden Varianten liegt ein gemeinsamer Gedanke zugrunde: Viren sind kein eigenständiger Ursprung des Lebens, sondern ein evolutionäres Nebenprodukt zellulärer Organismen – durch Verlust oder Entkopplung.
a) Die Progressive Hypothese – Viren als entflohene Gene
Die progressive Hypothese – auch Escape-Hypothese – meint, dass Viren aus genetischem Material hervorgingen, das einst Teil zellulärer Organismen war. Diese „entflohenen Gene“ entwickelten sich im Laufe der Evolution zu eigenständigen, infektiösen Einheiten – losgelöst vom ursprünglichen Zellverband.
Wie könnte das passiert sein?
In lebenden Zellen gibt es kleine, bewegliche DNA- oder RNA-Stücke, die sich innerhalb des Genoms frei bewegen können – sozusagen „springende Gene“. Diese Elemente, zu denen Plasmide (ringförmige DNA-Moleküle) oder Transposons (DNA-Abschnitte, die ihre Position im Erbgut ändern können) gehören, haben die Fähigkeit, sich unabhängig zu vervielfältigen und sogar zwischen Organismen auszutauschen.
Die Hypothese besagt, dass sich einige dieser genetischen Elemente so weit weiterentwickelten, dass sie eines Tages in der Lage waren, sich eigenständig zu vermehren. Sie entkamen aus der Zellkontrolle, entwickelten Schutzmechanismen wie eine Hülle – das Kapsid, das ihre Erbinformation schützt – und wurden so zu den ersten Viren.

Abb. 22-A: Die Grafik veranschaulicht die Progressive– oder Escape–Hypothese: nach der Viren aus ursprünglich zelleigenen Genen hervorgingen, die sich allmählich verselbstständigten.
Protozelle: Eine frühe, einfache Zellform mit genetischem Material: Großer DNA-Ring, Ribosomen und kleineren DNA-Ringen.
Abspaltung von genetischem Material: Bewegliche genetische Elemente – z. B. Plasmide oder sogenannte Transposons („springende Gene“) – lösen sich von der Zelle ab. Diese könnten erste Schritte zur Unabhängigkeit gemacht haben.
Vesikelbildung: Das abgespaltene genetische Material wird in kleine Membranbläschen (Vesikel) eingeschlossen, was Schutz und Mobilität bietet.
Entstehung eines Virus: Im Laufe der Evolution entstehen daraus funktionale Viren – mit einem schützenden Proteinmantel (Kapsid, orange). Wie genau sich dieser entwickelte, bleibt unklar („Kapsid-Rätsel?“).✅ Argumente für diese Hypothese
➤ Ähnlichkeit mit mobilen genetischen Elementen: Einige virale Gene ähneln stark den „springenden Genen“ innerhalb von Zellen. Besonders Retroviren, wie das HI-Virus, nutzen einen Mechanismus, der dem von Transposons ähnelt: Sie schreiben ihre RNA in DNA um und integrieren sie ins Erbgut ihrer Wirte.
➤ Viren tauschen Gene mit ihren Wirten aus: Forscher haben in Virengenomen Gene entdeckt, die offensichtlich aus zellulären Organismen stammen. Das könnte bedeuten, dass Viren einst aus Zellen hervorgingen und im Laufe der Zeit genetisches Material aufnahmen und weiterentwickelten.
➤ Erklärung für die Vielfalt der Viren: Da verschiedene „springende Gene“ aus unterschiedlichen Zellen entkommen sein könnten, erklärt diese Hypothese, warum es so viele verschiedene Viren mit unterschiedlichen Eigenschaften gibt.
❌ Schwächen der Hypothese
➤ Kapsidproteine sind extrem alt: Einige Schlüsselproteine, die für den Aufbau der Virushülle (Kapsid) verantwortlich sind, zeigen keine direkte Verwandtschaft mit Zellproteinen. Es bleibt unklar, wie entflohene Gene diese komplexen Strukturen entwickeln konnten. Die Evolution dieser Schlüsselproteine reicht so weit zurück, dass sie möglicherweise schon vor der Entstehung der ersten zellulären Lebensformen existierten. Eine Studie von Krupovic & Koonin (2017) legt nahe, dass Kapsidgene sich unabhängig entwickelt haben könnten, bevor es moderne Zellen gab.
➤ Viren haben einzigartige Enzyme, die älter als LUCA sein könnten: Manche Viren enthalten RNA-Polymerasen, die sich stark von denen in Zellen unterscheiden. Diese Enzyme sind so eigenständig, dass sie möglicherweise aus einer Zeit stammen, in der es noch keine heutigen Zellmechanismen gab. Einige Forscherende vermuten daher, dass Viren direkte Überbleibsel aus der RNA-Welt sein könnten – einer Phase der frühen Evolution, in der das Leben noch nicht auf DNA, sondern auf RNA basierte.
➤ Viren in allen drei Domänen des Lebens: Viren sind überall – sie infizieren Bakterien, Archaeen und Eukaryoten. Wenn sie erst nach der Entstehung der ersten Zellen aus diesen hervorgegangen wären, müsste man erwarten, dass sie stärker auf eine bestimmte Zelllinie beschränkt sind. Ihre universelle Verbreitung legt nahe, dass sie bereits existierten, bevor sich Bakterien, Archaeen und Eukaryoten aufspalteten.
➤ Viren teilen sich keine gemeinsame Abstammung mit zellulärem Leben:Während Bakterien, Archaeen und Eukaryoten alle auf LUCA zurückgeführt werden können, gibt es für Viren keine gemeinsame Linie. Sie scheinen also nicht einfach ein „Seitentrieb“ eines Zellstammbaums zu sein, sondern eine sehr alte, parallele Entwicklung.
⬇️ Fazit
Die Cell-first-Hypothese betrachtet Viren als Rebellen des zellulären Lebens – ursprünglich harmlose genetische Passagiere, die sich verselbstständigten und einen eigenen evolutionären Weg einschlugen. Doch sie setzt voraus, dass es bereits komplexe Zellen gab, bevor Viren entstanden.
b) Die Regressive Hypothese – Viren als geschrumpfte Zellwesen
Die Regressions- oder Reduktionshypothese sieht Viren nicht als abgespaltene Gen-Bruchstücke, sondern frühere Zellen, die sich im Laufe der Evolution immer weiter reduziert wurden – bis sie ihre Selbstständigkeit verloren und zu „Genpaketen“ wurden, die auf andere Zellen angewiesen sind.
Wie könnte das passiert sein?
Ein früher, komplexer, zellulärer Organismus (z. B. ein Parasit) entwickelte eine immer engere Abhängigkeit zu seinem Wirt. Mit der Zeit verlor er überflüssige Gene – z. B. für Stoffwechsel, Zellteilung, Zellmembran – bis er nicht mehr selbstständig leben konnte. Am Ende blieb nur ein winziger Rest: die Gene zur Vermehrung (DNA/RNA), verpackt in einer Hülle (Kapsid) – ein Virus.

Abb. 22-B: Die Grafik veranschaulicht die Regressive Hypothese – oder Reduktionshypothese, nach der Parasiten durch einen extremen Reduktionsprozess am Ende zu Viren wurden. Vom reisenden Zellparasit zum ultraleichten Virus
Ein freilebender Parasit (z. B. ein kleines Bakterium) befällt eine andere Zelle – so wie auch heute manche Bakterien andere Zellen parasitieren (z. B. Rickettsien oder Chlamydien). Warum? Vermutlich bot die Protozelle eine sichere Umgebung. Vielleicht hatte der Wirt Zugang zu Ressourcen, die der Parasit nicht leicht bekam – etwa Energie, Enzyme oder Nukleotide – eine Art molekulares All-inclusive-Resort.
Möglicherweise begann alles sogar symbiotisch – ähnlich wie bei den Mitochondrien. Erst später wurde diese Beziehung einseitig ausgenutzt – sie wurde parasitär.
Der Parasit lebte zunächst noch eigenständig. Er konnte die Wirtszelle verlassen oder sich in ihr vermehren. Doch nach und nach brauchte er immer weniger eigene Gene – der Wirt lieferte schließlich alles, was er benötigte. Also reduzierte der Parasit sein Gepäck – Schritt für Schritt.
Im Laufe der Zeit verlor er durch Mutationen oder Selektion viele seiner ursprünglichen Gene:
➤ Er stellte keine eigenen Proteine mehr her.
➤ Er verlor die Fähigkeit zur Energiegewinnung.
➤ Schließlich sogar die Gene zur Zellteilung.
Am Ende bleibt nur noch sein Genom – verpackt in einen cleveren „Koffer“: das Kapsid.
Genau hier entsteht das Virus: kein eigenständiges Lebewesen mehr im klassischen Sinn, sondern ein ultraleichter „Reisender“, der sich nur noch mit Hilfe eines Wirts vermehren kann.✅ Argumente für diese Hypothese
➤ Parallelen zu intrazellulären Parasiten: Einige heutige Mikroorganismen, etwa Rickettsien oder Chlamydien, können sich nur innerhalb anderer Zellen vermehren – genau wie Viren. Und: Ihre Genome sind stark reduziert. Das zeigt, dass Zellen durch Parasitismus tatsächlich drastisch „verschlanken“ können.
➤ Große DNA-Viren als „Übergangsformen“: Einige Riesenviren (z. B. Mimivirus, Pandoravirus) haben unglaublich große Genome – größer als manche Bakterien – und enthalten Gene, die man eher in echten Zellen erwarten würde (z. B. DNA-Reparaturenzyme). Diese Viren wirken wie evolutionäre Zwischenstufen zwischen echten Zellen und typischen Viren.
➤ Verlust statt Entstehung: Evolution bedeutet nicht nur „Mehr“, sondern oft auch „Weniger“. Besonders im parasitischen Kontext verlieren Organismen oft Funktionen – genau wie hier angenommen.
❌ Schwächen der Hypothese
➤ Ursprung bleibt unklar: Auch wenn die Hypothese erklärt, wie aus einer Zelle ein Virus werden könnte – sie sagt wenig darüber, wann und unter welchen Bedingungen das passiert wäre.
➤ Keine gemeinsame Abstammung: Die Vielfalt der Viren spricht eher gegen eine gemeinsame „Urzelle“ aller Viren. Wenn alle Viren aus regressiven Zellen stammen, müssten sie sich trotzdem mehrfach unabhängig voneinander zurückentwickelt haben. Manche Forschende nehmen daher an: Regressive Evolution ist nur eine von mehreren Ursprüngen.
➤ Gilt eher für große DNA-Viren: Diese Hypothese passt gut auf große DNA-Viren – aber weniger auf sehr einfache RNA-Viren, die keinerlei zellähnliche Strukturen oder Gene enthalten.
➤ Kapsidproteine zeigen keine direkte Ähnlichkeit: Zellen – selbst extrem reduzierte parasitische – haben keine Kapside. Das ist eine virenspezifische Struktur. Wenn sich ein Virus also durch Reduktion aus einer Zelle entwickelt hat, stellt sich die Frage: Wie konnte eine Struktur wie das Kapsid entstehen, die es in Zellen gar nicht gibt? Sie scheinen also neu entstanden zu sein – und das passt schwer in eine Theorie, die auf „Verlust“ und „Reduktion“ basiert.
➤ Energielücke: Selbst degenerierte Parasiten (z. B. Mycoplasma) behalten Stoffwechselgene – Viren haben gar keine.
⬇️ Fazit
Die Regressive Hypothese zeigt Viren nicht als „flüchtige Genfragmente“ – sondern als Miniaturausgabe ehemaliger Zellen. Besonders bei großen DNA-Viren ist diese Vorstellung plausibel: Sie könnten einst vollwertige zelluläre Parasiten gewesen sein, die durch Anpassung ihre Unabhängigkeit verloren haben. Sie wären dann gewissermaßen das biologische Gegenteil von Evolution zur Komplexität – eine Rückentwicklung zum Kern des Überlebens: Replikation. Die Hypothese scheitert aber an der Vielfalt einfacher Viren.

6.2.2. Hypothesen in der prä-zellulären RNA-Welt
In der Ursuppe der frühen Erde regte sich zum ersten Mal so etwas wie Leben – zart, flüchtig und doch folgenschwer. Moleküle entstanden, die nicht nur waren, sondern handelten: Sie schnitten, verbanden, kopierten sich selbst. In winzigen Lipidblasen, die kamen und gingen, wuchs ein Netzwerk aus kooperierenden und konkurrierenden Ribozymen (mehr dazu in „Das erste Flüstern des Lebens“).
Es war kein Leben im heutigen Sinn. Es war ein Spiel von Möglichkeiten. Aus diesem Netzwerk gingen zwei Entwicklungslinien hervor:
① Die stabilen, strukturverliebten Replikatoren, aus denen die ersten Zellen wurden.
② Und die freien, reduzierten Replikatoren, die als Proto-Viren gelten könnten – beweglich, anpassungsfähig, parasitär.Der frühe Parasitismus – war weniger Infektion als Interaktion – eher ein Tanz zwischen Nutzen und Ausgenutztwerden als echter Wirt-Befall. Zwei Hypothesen beschreiben diesen Ursprung:
a) Virus-first-Hypothese – Viren waren zuerst da
b) Co-Evolution-Hypothese – Viren und Zellen entstanden gemeinsam
a) Virus-first-Hypothese – Viren waren zuerst da
Was war zuerst – der Wirt oder der Virus?
Die Virus-first-Hypothese gibt eine verblüffende Antwort: „Weder noch!“ Sie postuliert, dass virenähnliche Replikatoren schon in der RNA-Welt existierten – lange vor Zellen, DNA oder LUCA – als Vorboten des Lebens.
Die RNA-Welt als Brutkasten der Proto-Viren
In dieser Ära waren Ribozyme (RNA-Moleküle mit Enzymfunktion) die ersten „Lebenskünstler“. Einige wurden zu molekularen Schmarotzern:
- Sie nutzten andere RNA-Stränge als Kopiervorlage („Parasitismus light“).
- Sie hüllten sich in Lipidvesikel oder Peptidringe (noch keine echten Kapside).
- Sie vermehrten sich ohne Zellen – etwa an Tonmineralien, die als Katalysatoren dienten.
Der Sprung zum modernen Virus: Erst als Zellen entstanden, wurden aus diesen Replikatoren effiziente Parasiten – die nun zelluläre Maschinerie kapern konnten.

Abb. 22-C: Vom ersten Flüstern zum ersten Angriff: Die Entstehung viraler Strategien Diese Grafik zeigt einen möglichen evolutionären Übergang von präbiotischer Chemie hin zur Entstehung erster virenähnlicher Strukturen:
RNA-Welt (links): Es existieren einfache RNA-Moleküle, einige geschützt in Lipidvesikeln, mit der Fähigkeit zur Selbstreplikation.
Proto-Viren (Mitte): In dieser Phase entstehen erste parasitäre RNA-Moleküle (rot), die sich nicht mehr selbst vervielfältigen, sondern andere RNA-Stränge (blau) ausnutzen. Umhüllt von Lipiden und ersten Peptiden (kurze Ketten aus Aminosäuren) beginnt eine frühe Form des molekularen Parasitismus. Die roten Strukturen symbolisieren parasitäre Interaktionen zwischen RNA-Molekülen.
Zelluläre Welt (rechts): Mit der Entwicklung erster Proto-Zellen verschieben sich diese Strategien: RNA-Parasiten (Proto-Viren) verlassen ihre Peptidvesikel und beginnen, zelluläre Organismen zu infizieren – ein früher Vorläufer der heutigen Viren.✅ Argumente für diese Hypothese
➤ Einzigartige virale Enzyme: RNA-Polymerasen von Viren (wie beim Influenzavirus) ähneln keinen zellulären Proteinen. Das deutet auf einen sehr alten Ursprung hin, möglicherweise aus der RNA-Welt, bevor sich die Domänen des Lebens trennten.
➤ Einzigartige Kapsidproteine: Die Hüllen, mit denen Viren ihr Genom schützen, haben keine direkten Entsprechungen in zellulären Organismen – ein Hinweis auf frühe, unabhängige Evolution.
➤ Globale Verbreitung: Viren infizieren alle drei Domänen des Lebens – Bakterien, Archaeen und Eukarya. Das deutet auf einen Ursprung vor ihrer Trennung hin.
➤ Enorme Vielfalt: Die Vielfalt viraler Genome (RNA, DNA, Einzel- oder Doppelstrang) spricht für eine lange evolutionäre Geschichte, möglicherweise bis in die RNA-Welt zurück.
➤ Parallelen zur RNA-Welt: Viele heutige Viren tragen RNA-Genome. Das passt zu der Annahme, dass RNA das ursprüngliche genetische Material war – und Viren lebendige Relikte dieser Zeit sein könnten.
❌ Schwächen der Hypothese
➤ Wirtsabhängigkeit: Heutige Viren sind auf zelluläre Maschinerie (z. B. Ribosomen) angewiesen. Wie konnten sie sich in der Ursuppe ohne Zellen vermehren? Nutzten sie vielleicht lose Netzwerke von selbstreplizierenden RNA-Molekülen als „Wirte“?
➤ Herkunft der Kapside: Die Evolution komplexer Kapsidstrukturen bleibt ungeklärt. Echte Kapsidproteine brauchen Ribosomen – und die gab’s noch nicht. Proto-Hüllen aus selbstorganisierenden Peptiden (z. B. kurze Aminosäureketten) oder Lipiden könnten RNA stabilisiert haben. Die ersten Kapsidvorläufer könnten sich als Reaktion auf äußeren Stress oder zur besseren Stabilisierung der RNA entwickelt haben – nicht als parasitärer Mechanismus, sondern als Überlebensvorteil, aber die Details bleiben spekulativ.
➤ Kein direkter Nachweis: Viren hinterlassen keine Fossilien. Auch molekulare Spuren aus der RNA-Welt sind bisher nicht nachweisbar – eine generelle Herausforderung in der Erforschung früher Lebensformen.
⬇️ Fazit
Die Virus-first-Hypothese ist eine der faszinierendsten – und umstrittensten – Theorien zur Entstehung des Lebens. Sie legt nahe, dass Viren nicht Nachzügler, sondern Pioniere der Evolution waren: molekulare Boten, die genetische Information verbreiteten, lange bevor es Zellen gab. Vielleicht waren sie sogar ein Katalysator für die Entstehung komplexeren Lebens. Was als molekulares Gerangel begann, wurde zur Blaupause moderner Viren.
b) Co-Evolution-Hypothese – Viren und Zellen entstanden gemeinsam
Nicht Zellen zuerst. Nicht Viren zuerst.
Sondern: Beides zugleich – im Tanz der frühen Evolution.Die Co-Evolution-Hypothese geht davon aus, dass Viren und zelluläre Vorläufer sich parallel entwickelten – aus demselben molekularen Urschlamm der RNA-Welt. Es war kein „entweder–oder“, sondern ein dynamisches Zusammenspiel: Replikatoren, die sich gegenseitig herausforderten, nutzten, stabilisierten – und so die Grundlagen für Leben schufen.
Die Ursuppe als Experimentierfeld
In frühen Lipidvesikeln – kleinen, unvollkommenen Bläschen aus Fetten – sammelten sich RNA-Stränge. Manche dieser Moleküle replizierten sich selbst, andere halfen beim Kopieren, wieder andere schnitten oder verbanden Sequenzen. Kooperation und Konkurrenz begannen gleichzeitig.
Einige Replikatoren entwickelten sich zu immer komplexeren Systemen, aus denen erste Protozellen hervorgingen. Andere blieben reduziert, nutzten lieber bestehende Strukturen, statt sie selbst aufzubauen – eine Art minimalistischer Lebensstil, der an frühe Viren erinnert.
Ein Wechselspiel entsteht
In diesem Szenario war Parasitismus kein später Zusatz, sondern ein ursprüngliches Element der molekularen Evolution.
- Virale Vorläufer konnten Zellvorläufer beeinflussen, etwa durch Genaustausch oder Störung.
- Zellvorläufer wiederum konnten Virenähnliche Replikatoren stabilisieren oder integrieren, etwa als mobile Gene oder regulatorische Elemente.
So könnten Viren und Zellen aus denselben Netzwerken hervorgegangen sein, in denen alles noch fließend war: Selbstständigkeit, Abhängigkeit, Kopie, Konkurrenz.
Kein Ursprung – sondern ein Verhältnis
Die Co-Evolution-Hypothese ist weniger eine Erklärung für den „ersten Virus“, sondern ein Blick auf eine Beziehung, die so alt ist wie das Leben selbst. Viren wären demnach nicht nachträgliche Störenfriede, sondern von Anfang an Teil des Systems – Mitspieler in der Geschichte des Lebens.

Abb. 22-D: Co-Evolution von Viren und Zellen aus einem gemeinsamen Ursprung. Die Grafik veranschaulicht die zentrale Idee der Co-Evolution-Hypothese: Viren und zelluläre Lebensformen stammen aus einer gemeinsamen molekularen Frühzeit – der RNA-Welt. In Lipidvesikeln koexistierten und konkurrierten Ribozymnetzwerke, aus denen sich zwei unterschiedliche Replikatorstrategien entwickelten: Einige bildeten die Vorstufen stabiler Proto-Zellen, andere reduzierten sich auf das Wesentliche und nutzten fremde Replikationsmechanismen – die frühen Proto-Viren.
Bereits vor der Entstehung echter Zellen zeichnete sich eine Art „molekularer Parasitismus“ ab – nicht im klassischen Sinne, sondern als ungerichtete Replikationsnutzung. Mit dem Auftreten zellulärer Lebensformen intensivierten sich diese Wechselwirkungen: Frühviren konnten nun genetisches Material zwischen Zellen übertragen (horizontaler Gentransfer) oder mit ihnen in komplexe, manchmal sogar kooperative Beziehungen treten. Die Entstehung von LUCA war somit nicht das Ende dieser Co-Evolution – sondern ihr erster Höhepunkt.
✅ Argumente für diese Hypothese
➤ Vermeidung des Henne-Ei-Problems: Sie umgeht elegant die Frage, ob erst Viren oder erst Zellen da waren: Beides entwickelte sich parallel aus denselben molekularen Vorläufern.
➤ Anpassung an die Dynamik der RNA-Welt: Die RNA-Welt war kein linearer Prozess, sondern ein Netzwerk aus Kooperation und Konkurrenz. Diese Hypothese spiegelt diese Vielfalt besser wider als ein klarer Ursprungspfad.
➤ Erklärung der viralen Vielfalt: Unterschiedliche Virusgruppen (RNA, DNA, retrovirale Elemente) könnten sich unabhängig, aber im gleichen Umfeld entwickelt haben – was ihre enorme Diversität plausibel macht.
➤ Evolutionäre Wechselwirkung: Die Co-Evolution erklärt, warum zellenähnliche und virenähnliche Systeme bereits früh miteinander agierten (z. B. durch horizontalen Gentransfer, RNA-Konkurrenz, gegenseitige Anpassung).
➤ Viren als Treiber der Zellkomplexität: Viren könnten nicht nur „Parasiten“, sondern Katalysatoren der Zellentwicklung gewesen sein, z. B. durch Gentransfer, Regulation, Immun- und Abwehrmechanismen.
❌ Schwächen der Hypothese
➤ Begriffliche Unschärfe: Ab wann ist ein Replikator „Virus“ und ab wann „Zelle“? Die Übergänge sind fließend – was die Hypothese erklärend, aber auch schwer fassbar macht.
➤ Fehlende Fossilien: Wie bei der Virus-first-Hypothese fehlen direkte Spuren früher viraler Replikatoren. Molekulare Fossilien aus der RNA-Welt existieren schlicht nicht.
➤ Komplexitätsproblem: Auch in dieser Hypothese bleibt unklar, woher bestimmte virusspezifische Proteine wie Kapsid- oder Polymerase-Proteine ursprünglich kamen. Für echte Kapside, effiziente Replikation und Wirtsnutzung braucht es komplexe Proteine, deren Ursprung noch unklar ist – besonders wenn Ribosomen noch nicht existierten.
➤ Experimentell schwer überprüfbar: Die Hypothese ist theoretisch gut begründet, aber kaum direkt testbar. Simulationen und Rückschlüsse bleiben oft spekulativ.
⬇️ Fazit
Die Co-Evolution-Hypothese bietet eine flexible, systemische Sicht auf die Frühzeit des Lebens – ohne sich auf eine lineare Ursache-Wirkung-Kette festzulegen. Sie passt gut zu den chaotisch-kooperativen Verhältnissen in der RNA-Welt. Viren wären nach diesem Modell nicht „entweder Zellabkömmlinge oder Ureltern“, sondern evolutionäre Parallelgänger – gleich alt, gleich bedeutend, nur auf einem ganz anderen Kurs unterwegs.

Viren sind die Hieroglyphen der Biologie
…wir entschlüsseln sie, aber ihr Ursprung bleibt ein Geheimnis.
Wie flackernde Schatten an der Höhlenwand:
- mal abtrünnige Zellteile,
- mal entlaufene Gene,
- mal Urahnen des Lebens selbst.
Vielleicht geht es bei der Frage nach ihrer Herkunft gar nicht um den einen Ursprung, sondern um viele evolutionäre Pfade – Pfade, die sich kreuzen, überlagern und rückkoppeln. Die klassischen Hypothesen (Virus-first, Co-Evolution, Progressive, Regressive) müssen sich nicht widersprechen – sie könnten sich an verschiedenen Stellen der Geschichte verwirklicht haben.
Und vielleicht ist die Frage nach dem Ursprung gar nicht die entscheidende. Viren zwingen uns, etwas Tieferes zu begreifen:
Leben ist kein Zustand, sondern ein Prozess – und Viren sind sein unsteter Puls.
Sie erinnern uns daran, dass Evolution kein geradliniger Stammbaum ist, sondern ein wirbelnder Fluss aus Kooperation, Diebstahl und Neuerfindung. Woher sie kamen? Wir wissen es nicht. Dass sie bleiben? Gewiss.
Vielleicht faszinieren sie uns genau deshalb – weil sie zeigen, dass das Leben nie stillsteht.
Weiterführende Quellen
Die uralte Viruswelt und die Evolution der Zellen
Die Ursprünge der Viren: Evolutionäre Dynamik der Fluchthypothese
Viren stehen im Mittelpunkt der zellulären Evolution
Der Ursprung von Viren und ihre mögliche Rolle bei großen evolutionären Übergängen
Eine virozentrische Perspektive auf die Evolution des Lebens
Wie haben sich Viren entwickelt und in welcher Beziehung stehen sie zum zellulären Leben?
Viren und Zellen sind seit Anbeginn der Evolution miteinander verflochten
Was uns Viren über Evolution und Immunität erzählen: Über Darwin hinaus?
Gab es Viren auf der Erde, bevor lebende Zellen auftauchten? Ein Mikrobiologe erklärt
Virus-First-Hypothese • Viren älter als das Leben?
Viren aus der Urzeit? – Die Entstehung der Viren und ihre Rolle in der Evolution

7. Warum gibt es Viren?
Die kurze Antwort: Weil es immer etwas geben muss, das stört.
Klingt witzig – ist aber ein Naturprinzip:
Nichts bleibt lebendig, wenn es nie herausgefordert wird.Man kann vieles über Viren sagen.
Dass sie nicht leben.
Dass sie nur stören und zerstören.
Dass sie bloß molekulare Parasiten sind –
auf das Leben angewiesen, das sie befallen.
Und doch: Ohne sie wäre vieles nicht, wie es ist.
Vielleicht gäbe es uns nicht einmal.Leben braucht Wiederholung. Und Abweichung.
Die Geschichte des Lebens begann nicht mit einem Ziel.
Sie begann mit Wiederholung.
Wieder und wieder verbanden sich Moleküle, zerfielen, verbanden sich neu.
Nicht, weil sie mussten – sondern weil es möglich war.Was sich wiederholt, wird irgendwann wahrscheinlich.
Was funktioniert, bleibt.
Was bleibt, muss sich verändern.
Und Veränderung braucht Abweichung.
Mutation. Fehler. Störung.
Ohne sie gäbe es keine Vielfalt, keine Evolution – keine Geschichte.Ordnung ist träge. Leben ist Bewegung.
Als die ersten stabilen Systeme entstanden, war das ein Triumph –
aber auch eine Gefahr.
Denn was stabil ist, neigt zur Starre.
Was zu perfekt funktioniert, wagt nichts Neues.Leben aber braucht Bewegung.
Hier beginnen die Viren ihre Rolle zu spielen –
nicht als Gegner des Lebens, sondern als Gegenkraft.
Sie fordern heraus.
Sie unterbrechen.
Sie treiben Zellen in die Defensive – und in die Innovation.Die Dualität: Ordnung vs. Chaos
Zellen bauen Mauern, Viren springen darüber.
Ihre Beziehung ist eine paradoxe Symbiose:
Sie töten – und machen Leben möglich,
halten Ökosysteme am Laufen
und brachten uns Plazenta-Gene.Viren sind keine Fehler – sie sind ein Prinzip.
Sie sind Grenzverletzer, nicht aus Bosheit, sondern aus Prinzip.
Sie halten das Leben durchlässig. Offen. Wachsam.
Sie übertragen Gene, öffnen neue Wege, mischen Systeme auf.Nicht immer zum Guten.
Aber immer mit Wirkung.Vielleicht sind Viren genau das, was das Leben braucht, um lebendig zu bleiben.
Nicht als Gegenmodell – sondern als Mitspieler, als Schattenwurf des Lebendigen selbst.
Der Baum des Lebens – durchdrungen von Viren
Wenn wir heute auf den Baum des Lebens schauen, auf seine Äste, Zweige, Verzweigungen – dann sehen wir die Zellen, die Arten, die sichtbare Spur der Evolution.
Und die Viren?
Fehlen.
Nicht, weil sie unwichtig wären – sondern weil sie sich nicht verorten lassen.Sie sind weder Ast noch Blatt, sondern der Wind, der sie bewegt.
Sie sind das Flüstern zwischen den Zweigen.
Keine eigene Linie, kein Teil des Holzes – und doch überall.Ein Strom von Information, der den Baum nicht nur umgibt, sondern auch formt.
Sie sind die Punkte zwischen den Linien, die Verbindungen schaffen.
Als Wellen der Störung, die Wachstum erzwingen.
Als Abweichung, die das Muster nicht zerstört, sondern erweitert.Sie sind die dunkle Materie der Biologie: unsichtbar, aber alles durchdringend.

Abb. 23: Der Stammbaum des Lebens umspielt von Viren. Der „Baum des Lebens“ zeigt die Abstammungslinien zellulärer Organismen – Bakterien, Archaeen und Eukaryoten – zurück bis zum gemeinsamen Vorfahren (LUCA). Die feinen Pünktchen und Bahnen symbolisieren Viren: nicht als festen Ast, sondern als diffuses Netzwerk, das den gesamten Baum durchdringt.
In dieser Sichtweise sind Viren keine Außenseiter, sondern kreative Spielarten molekularer Evolution. Keine Entität mit klarer Abstammung, sondern eine wiederkehrende Erscheinung in einem Universum, das mit Variation und Wiederholung spielt.
Und darum sind sie da.
Nicht weil sie wollen. Nicht weil sie müssen.
Sondern weil sie immer wieder entstehen – dort, wo Natur variiert.
Wo Leben sich organisiert – und aus dieser Ordnung heraus etwas Neues wagt.Sie sind da, weil sie nicht zu vermeiden sind.
Wie ein Echo des Prinzips, das allem zugrunde liegt:
Störung ist nicht das Gegenteil von Leben.
Störung ist seine Möglichkeit.Viren sind da, weil Störung kein Unfall ist –
sondern das Werkzeug des Universums, um Leben wach zu halten.Denk daran, wenn dich das nächste Mal ein Virus nervt:
Vielleicht ist es bloß das Universum, das dir einen kosmischen Klaps verpasst –
und murmelt:
„Na los, wach auf! Hier ist deine tägliche Dosis Chaos – damit du schön evolvierst.“
Epilog: Die Unscheinbaren
Viren sind der Sand im Getriebe der Schöpfung.
Ohne Willen, ohne Leib –
und doch die unsichtbare Hand,
die Evolution schreibt.
Das Flüstern zwischen den Zeilen des Lebens –
nicht aus Absicht, sondern aus Notwendigkeit.Sie kamen aus dem Nebel der Anfänge
und blieben im Schatten –
nicht als Fremdkörper, sondern als Gegenspieler,
als Prüfstein und als Impuls.Sie lehren uns Demut:
Denn was zerstört,
kann auch erschaffen.Vielleicht ist das ihre Botschaft:
Dass das Leben nicht gegen das Chaos wächst,
sondern mit ihm tanzt.
Nachtrag:
Ich habe mich dem Thema als völliger Laie genähert. Und gerade das erwies sich als Vorteil – denn ich wusste, was ich nicht wusste.
Mit Neugier, Skepsis und Staunen bin ich eingetaucht in die Welt der Viren – und war überrascht, welch ungeahnte Dimensionen sich auftaten. Dieses Thema trägt eine Wucht an Erkenntnis in sich, die ich nie erwartet hätte.
Während meines Suchens, Fragens und Formulierens hatte ich großartige Unterstützung durch KI-Systeme wie ChatGPT und DeepSeek. Der Dialog mit diesen Werkzeugen hat mein Lernen nicht nur beschleunigt, sondern auch vertieft. Ohne diese Hilfe hätte ich vieles nicht gesehen – und erst recht nicht so klar formulieren können.
Was hier entstanden ist, ist das Ergebnis von menschlicher Neugier und maschinischer Geduld. Und es zeigt, dass Lernen heute mehr denn je ein gemeinschaftlicher Prozess sein kann – über Grenzen hinweg, auch über die zwischen Mensch und Maschine.
Quellen (Stand vom 07.07.2025)
Baltimore-Klassifikation, Bioinformatische Analyse, Co-Evolution-Hypothese, DNA, Elektronenmikroskopie, Evolution, Grippe, Illumina-Sequenzierung, Infektion, Influenzavirus, Kapsid, Koch’sche Postulate, Kristallisation, Kryo-Elektronenmikroskopie, Kryo-Elektronentomographie, Mikrobiologie, mRNA, Mutantenwolke, Mutation, Oxford Nanopore-Technologie, Pandemie, PCR, Polymerase, Progressive Hypothese, Regressive Hypothese, RNA, Sanger-Sequenzierung, Sequenzierung, Viren, Virion, Virologie, Virus, Virus-first-Hypothese, Wirtszelle, Zellkultur -
The First Whisper of Life


When we look at life – from deep forests to snow-covered peaks, from shimmering coral reefs to mighty blue whales, from tiny microbes to buzzing insects – we see a story that has unfolded over billions of years. This story is often described as the „Tree of Life”: a web of branches that connects all species and leads back to a common origin.
But the deeper we look into this tree, the more blurred its roots become. They fade into the mist of time – and there, at the very beginning of everything, another story whispers: a hidden, mysterious tale.
It began in the half-light. In the warm veins of the earth, where bubbling springs washed around elements and the green sea was still an alphabet of ions. Between clouds of sulphur and black basalt, the first words folded themselves out of molecules, fragile at first, entangled in the thermal breath of the depths. Not life, not death – just a hunch. Molecules that carried information and drove chemical reactions. Sometimes they broke apart. Sometimes they probed one another. And sometimes, very quietly, they kept whispering.
Was this whisper a coincidence? Or already a plan?
Anyone who sets out to discover the origin of life does not enter a well-lit museum – but a labyrinth. There is no clear „this is how it was”, but rather a web of hypotheses, probabilities, mechanisms and gaps. What we know today about the beginnings of life is the result of intensive research, astonishing discoveries – and always: unanswered questions.
In this labyrinth, many paths lead into the unknown. One of the most fascinating trails is the RNA world hypothesis: a narrative in which tiny molecules – RNA – sang the first notes of life. But other stories whisper along: of minerals that held molecules together, of tiny protein chains that created stability, of fat-like shells that provided protection. Perhaps all these paths were intertwined – and yet together they led to RNA, which built a bridge between chemistry and life. To where the first whisper became audible.
This text follows the trail through the mist:
the idea that RNA was once the beginning of it all.
Act 1: From Chaos to the RNA World – The Building Blocks Awaken
Scene 1: Primordial Soup – The Birth of Simple Molecules
Scene 2: Bases – Letters of Nitrogen and Carbon
Scene 3: Sugar: Ribose – Sweet and Fragile
Scene 4: Phosphate – The Universal Glue
Scene 5: Stardust & Impacts – A Cosmic Contribution?
Act 2: Nature’s Laboratories – Birthplaces of RNA
Scene 1: The Forge of the Deep – Hydrothermal Vents
Scene 2: The Alchemy of Clay – Birthplaces on Land
Scene 3: Many Paths, One Goal
Act 3: The First Self-Replicators Awaken
Scene 1: From Chain to Tool – RNA’s Functional Maturation
Scene 2: The Power of Folding
Scene 3: The Energetic Pact
Scene 4: Partial Replication
Scene 5: Separation – A Farewell That Created Something New
Scene 6: From Short to Longer Chains – The Power of Ribozymes
Scene 7: Errors as Opportunity – The Engine of Evolution
Act 4: Life in a Droplet – Lipid Vesicles as Shelters
Scene 1: The First Strongholds
Scene 2: The Entry – Carryover or Immigration?
Scene 3: The Pact – RNA Stabilizes, Vesicles Protect
Scene 4: The Chance of Imperfection
Scene 5: Selection Within the Droplet
Act 5: From Chance to Function – How RNA Gained Complexity
Scene 1: A Random RNA Emerges
Scene 2: From RNA Strand to Ribozyme
Scene 3: RNA Copies Itself – With Errors
Scene 4: Mutation Creates a New Function
Scene 5: Selection Favors Useful RNAs
Scene 6: RNA Between Error and Function
Epilogue: The Echo of the Primordial Soup

Act 1: From Chaos to the RNA World – The Building Blocks Awaken
Today, life is a well-organized structure: DNA archives knowledge, RNA transmits messages, proteins do the work. But in the beginning, there was no structure – just a single molecule – that could do everything: RNA. It could have been the first actor – simultaneously archive, messenger and tool.
This is precisely what the RNA world hypothesis proposes: RNA as the first „building block of life”, capable – like DNA – of storing information, and – like enzymes – of catalyzing chemical reactions, all on its own and without assistance.
RNA is made up of repeating building blocks – nucleotides.
Each nucleotide consists of three parts:🧩 a nitrogenous base (such as adenine, uracil, guanine, or cytosine),
⬟ a sugar (ribose), and
⚡ a phosphate group, which acts like a bracket and joins the units together to form a chain.But how did this miracle molecule come into being in a lifeless world?
Scene 1: Primordial Soup – The Birth of Simple Molecules
Around four billion years ago, the worst birth pangs of the young Earth had passed – but the planet remained a fiery, restless chaos. Volcanoes spewed toxic gases and bubbling lava, meteorites carved crater-like wounds into the surface, and the young oceans boiled from the impacts.
Here, in this glowing wilderness, six elements mixed to form a primordial cocktail:
- Hydrogen – as fleeting as a ghost’s breath
- Carbon – the supple connector
- Nitrogen – stubborn, yet essential
- Oxygen – fiery and highly reactive
- Phosphorus – the energy-rich spark
- Sulphur – smelly, but incredibly useful.
These basic elements were omnipresent – deep within the Earth’s rock, dissolved in the hot seas or released by volcanic embers. They were just waiting for energy. Lightning flashed through the haze, UV light blazed on the tidal zones, and deep below, magma baked the oceans into chemical cauldrons. Gradually, the elements combined into gases like methane (CH₄), carbon dioxide (CO₂), and ammonia (NH₃) – simple molecules, yet rich in chemical potential.

Fig. 1: In the energy-rich atmosphere of early Earth, simple organic molecules could form. And they kept reacting. In hot oceans, on drying mudflats, or in mineral-rich springs, these gases formed organic molecules like hydrogen cyanide (HCN) and formaldehyde (CH₂O) – deadly substances that, paradoxically, became the raw materials that made life possible.

Could the building blocks of life really have formed in this hellish landscape?
In 1953, two researchers provided the answer – in a glass jar barely bigger than a teapot. Stanley Miller and Harold Urey mixed methane, ammonia, hydrogen and water vapor – and let lightning flash through it.
After a week, the liquid – the „primordial soup” – had turned cloudy with amino acids: those organic compounds that would later give rise to proteins, the „molecular machines of cells”. Not yet life, but proof: out of chaos, order can emerge.
And then the discovery that was hardly noticed: Hydrogen cyanide (HCN) and formaldehyde (CH₂O) – two substances without which RNA would never have been created.
Today we know: the gases used in the original experiment likely didn’t exactly match the conditions of early Earth. Methane and ammonia were probably less common than once assumed, and the atmosphere was more neutral – rich in CO₂ and nitrogen. But the principle remains valid: even under simple conditions, the building blocks of life can emerge. Modern experiments (Cleaves et al., 2008; Bonfio et al., 2018) show that even in CO₂-rich environments – likely characteristic of early Earth – life’s precursors can form. With the help of minerals (Erastova et al., 2017), the synthesis becomes even more efficient.
What’s fascinating about this: there doesn’t seem to be just one path that leads to life – but many. Different environments, various reaction pathways, and diverse ingredients – and yet, time and again, the same fundamental building blocks emerge.
Even if the early Earth’s atmosphere was likely not as rich in methane and ammonia as Miller and Urey once assumed, hydrogen cyanide (HCN) and formaldehyde (CH₂O) could still have formed. Local chemical niches, lightning, UV radiation, or even meteorites repeatedly supplied energy – enough to produce these highly reactive molecules.
But how do gas and energy become a code?
The true miracle was yet to come:
Scene 2: Bases – Letters of Nitrogen and Carbon
Hydrogen cyanide (HCN) and formaldehyde (CH₂O) were abundant in the primordial soup. In the forges of the deep – heated by volcanoes and kneaded by minerals – they combined to form purine and pyrimidine rings: organic frameworks made of carbon and nitrogen atoms.
These rings eventually gave rise to stable structures – chemical letters with astonishing permanence. Adenine was just one of them.

Fig. 2: The primordial soup becomes an alphabet soup – greatly simplified, yet full of meaning. Hydrogen cyanide (HCN) molecules encountered formaldehyde (CH₂O) in a lagoon. They reacted – not on purpose, but because chemistry demanded it. Nitrogen atoms got stuck together, carbon rings closed. At some point it was there: Adenine, the purine base that would later carry the code for entire ecosystems.
An entire alphabet of life grew from purine and pyrimidine rings: adenine and guanine from the purines, cytosine, uracil and thymine from the pyrimidines.

Fig. 3: Purine and pyrimidines are the chemical core structures of the bases in RNA and DNA. These organic bases carry genetic information and are essential for the origin of life. They were still silent, not yet carrying any message. But within their rings lay a strange potential – as if they could hold secrets they themselves did not understand.
Today we know: these reactions are part of a chemical pathway (Patel et al., 2015) that can realistically lead to the formation of purines and pyrimidines – the „letters” of RNA.
But an alphabet is not yet a word. What was still missing was a rhythm, a backbone – a structure the letters could cling to: ribose, the sweet bearer of meaning.
Scene 3: Sugar: Ribose – Sweet and Fragile
While the bases were forming in bubbling pools, Earth was weaving their delicate partner elsewhere: ribose, a sugar made of five carbon atoms – lined up like pearls on a string.
Ribose was a creature of fragile beauty:
- Sweet in its chemical soul, like all sugars, and
- Fragile, for in water it easily fell apart.
To preserve this precious molecule, the Earth reached out its arms: borate minerals from volcanic depths gently enclosed the ribose – protectively, not too tightly, and only for as long as needed. Until the right moment came to let go.
What might have happened?
In volcanic regions – especially in drying ponds or mineral–rich waters – three crucial ingredients came together:
- Formaldehyde (CH₂O), a simple organic building block,
- Energy such as UV light or volcanic heat and
- Borate minerals, formed through rock weathering.
This mixture set a chemical chain reaction in motion: the formose reaction. Several molecules of formaldehyde combined to form various sugars – one of which was ribose.

Fig. 4: The Formose Reaction – Simple molecules like formaldehyde combine under suitable conditions to form more complex sugars such as ribose – a chemical miracle born of heat, time, and catalysis. But it was just one among many – and particularly unstable. Its numerous –OH groups made it highly reactive and prone to breakdown in aqueous environments.
Salvation came from the rock: in ponds rich with borate minerals, borate ions (B(OH)₄⁻) dissolved into the water and bonded preferentially with ribose. This binding – at two neighboring –OH groups – blocked the molecule’s most vulnerable reaction sites and stabilized it. Not permanently, but long enough. Ribose could now survive not just for minutes, but for days.

Fig. 5: A Chemical Embrace – Borate minerals can bind to ribose by „docking” onto specific parts of the sugar. In doing so, they form a kind of protective shield. Left: Free ribose – a sugar with multiple hydroxyl groups (–OH), making it prone to degradation.
Center: Borate ion (B(OH)₄⁻) – found, for example, in borax minerals.
Right: Ribose–borate complex – the borate ion binds to two neighboring OH groups of the ribose. This „freezes“ the unstable sugar structure and protects it from decay.Surprisingly, it was borate – a seemingly unremarkable byproduct of volcanic processes – that became the guardian of a key molecule of life.

Fig. 6: In the shadow of primeval volcanoes, rocks weathered – releasing borate. Thousands of sugars were formed, but only a few ribose molecules survived – until borate found them. Laboratory experiments confirm: Ribose can form in volcanic ponds – but only borate turned this chemical lottery into a viable survival strategy.
Albert Eschenmoser (ETH Zurich) demonstrated that formaldehyde, in an alkaline solution (pH 10–12, simulating volcanic ponds), polymerizes under heat into sugars like ribose – but in a chaotic fashion, yielding less than 1% ribose (Eschenmoser, 2007).
Steve Benner (Foundation for Applied Molecular Evolution) demonstrated that borate ions stabilize the sugar ribose in aqueous solution – by specifically binding to certain regions of the ribose called cis-diol groups (two neighboring OH groups), thereby protecting it from degradation (Ricardo et al., 2004).
Deoxyribose – The Silent Twin
Alongside ribose, a second form quietly emerged: deoxyribose, its silent twin. Born in the same molecular dance, likely sheltered by borate, perhaps shaped by clay. Only a tiny detail set her apart from her sister: one oxygen atom was missing – hence her name: „deoxy” – without oxygen.

A seemingly small difference with immense consequences. The missing –OH group made deoxyribose less reactive, but significantly more stable. For now, she remained in the shadows – inconspicuous, unnoticed.
While ribose forms the backbone of RNA (RNA = ribonucleic acid), deoxyribose shapes the structure of DNA (DNA = deoxyribonucleic acid). Nature had made provisions: ribose for the moment. Deoxyribose for eternity.
But before the story could continue, one crucial element was still missing: a molecular glue that could link the letters to the sugars and form syllables. Nature needed a universal ally – it needed phosphate.
Scene 4: Phosphate – The Universal Glue
While ribose and the bases slumbered in the warm ponds of the young Earth, the third member of the group was still missing – a molecule that could do more than merely exist. A connector.
Phosphate was a child of fire and water: born in apatite rocks deep inside the earth, where heat and pressure melted the elements. There it remained, locked away – until the surface began to bubble.
Volcanoes spewed their fiery gases – carbon dioxide, sulfur dioxide – which mixed with water to form acidic mists that broke down even the hardest rocks. Evaporation and condensation washed the phosphate from the stone into shallow pools, where sugars and bases were already drifting. There it waited – seemingly unremarkable: an ion with three negative charges, restless and ready to bind.

Fig. 7: Volcanic gases (CO₂, SO₂) react with water to form acids (H₂CO₃, H₂SO₄), which attack apatite rocks and release phosphate (PO₄³⁻). Phosphate was everywhere – and it could do almost anything. It was the spark that set molecules in motion, built bridges, and drove reactions. It’s no coincidence that phosphate remained the energy currency of life – the universal fuel of every cell.
But back then, it was still single.
The Great Union
It was not easy for the wild phosphate character to find a partner. It flirted with Ribose, but she was rather unstable or too passive due to her borate protector. And the bases preferred to react with themselves. Magnesium ions caressed the negative charge – they softened phosphate’s irritability and allowed a gentler approach. Evaporating water pressed the molecules together.
Phosphate finally found a foothold: it clasped ribose at the fifth carbon – a stable grip that made new reactions possible. Attracted by the molecular wrestling, a base approached. Determined, it grabbed the first carbon atom of the ribose and swung itself towards it. A twitch, a bond…
Three became one: the first complete nucleotide – the fundamental unit of RNA.

Fig. 8: RNA Nucleotide – Complete and Simplified Representation A nucleotide consists of three building blocks: a phosphate residue (green), a sugar called ribose (pink) and a nitrogenous base (here: adenine, red). The sugar has five carbon atoms (numbered 1′ to 5′). The base is bound to the 1′ carbon, the phosphate to the 5′ carbon.
The ribose is linked to the base and the phosphate by a condensation reaction with elimination of water (H2O). This forms an „N-glycosidic bond” (base-ribose, blue-grey) and a „phosphoester bond” (ribose-phosphate, orange).Geometry, chemistry – and a touch of chance forged the triad of ribose, base, and phosphate into a single molecule. A tiny triumph, yet one that opened the door to life.
Laboratory experiments simulated primeval conditions: They showed that under the right circumstances – such as in mineral-rich, heated waters – purine and pyrimidine bases, ribose, and even complete nucleotides can form abiotically. These studies used aqueous solutions, volcanic heat, phosphate as a catalyst, and drying cycles. Their experiments demonstrated that the chemical pathways leading to these molecules were not only possible, but likely under the conditions of early Earth. (Powner et al., 2009 and Becker et al., 2016)
While the first compounds were forming in the pools, the sky looked down – and intervened. Meteor showers crashed onto the Earth. They brought new elements, new impulses. Perhaps even new ideas – in the form of molecules…
Scene 5: Stardust & Impacts – A Cosmic Contribution?
Interestingly, the building blocks of RNA may not have originated solely on Earth. In meteorites like the famous Murchison meteorite, nucleobases such as uracil and cytosine have been detected. (Callahan et al., 2011). Ribose, amino acids, fatty acids, and precursors of lipids have also been found in these extraterrestrial rock fragments (Pizzarello et al., 2006). All of this suggests that the ingredients of the RNA world may have once come from space – a cosmic gift to the young Earth.
Meteorites: The Universe’s First Life Delivery Service
These celestial messengers originated from the primordial cloud that also gave birth to our Sun 4.6 billion years ago. In the cold, dark regions of the early solar system – within molecular clouds, on comets, and on asteroids – UV light and cosmic radiation transformed simple molecules like methane and ammonia into more complex organic compounds (Bernstein et al., 2002).
During the so-called Late Heavy Bombardment, around 4.1 to 3.8 billion years ago, countless meteorites hit the Earth. Amino acids, sugars and other organic molecules rained down on our planet with them – the raw materials of life, packaged as special cosmic deliveries. Comets such as 67P/Churyumov-Gerasimenko, explored by the Rosetta space probe, also delivered building blocks such as glycine and lipid precursors (Altwegg et al., 2016). Even microscopic fine dust – so-called stardust – still delivers thousands of tons of organic molecules to Earth every year. (Maurette et al., 2000).

Fig. 9: A meteorite crashes onto the young Earth, bringing with it molecules from the depths of space: Nucleobases such as adenine, guanine, uracil, and cytosine, as well as ribose – the fundamental building blocks of RNA. Precursors of lipids, phosphorus compounds, and glycine (the simplest amino acid) were also part of the cosmic cargo. Hydrogen cyanide (HCN), a key precursor of organic compounds, may have triggered chemical evolution. These molecules, born in the hearts of dying stars, rained down and enriched the primordial soup – a cosmic contribution to the first whisper of life.
Molecules from the depths of space for the primordial soup
Once they landed on Earth, these molecules could interact with terrestrial substances – and perhaps fuel chemical evolution. The impacts themselves provided energy: heat, pressure, and shockwaves that linked molecules and formed new structures – perhaps even the first nucleotides.
The robustness of these molecules is astonishing: they survived millions of years in space, the red-hot entry into the volcanic primeval atmosphere, the heat on impact and the harsh conditions of prehistoric times.
This cosmic contribution nourishes the so-called panspermia hypothesis, which suggests that the building blocks of life may have originated in space. While the idea that fully formed life reached Earth remains controversial, the discovery of organic molecules in meteorites supports the concept of „soft” panspermia: Earth was gifted with the ingredients of life – molecules born in the hearts of dying stars that found their way to us over the course of aeons.
Life finds its way
Perhaps life is not mere coincidence – but the result of a chemical possibility, deeply rooted in the blueprint of the universe. Dust from stars, born in the explosions of long-extinct suns, gathered, combined, danced in the light fields of distant worlds. Wherever the conditions were right, molecules began to organize, to react – and laid the foundation for what we call life. That the building blocks of life could arise in so many places – on icy worlds, in deep nebulae, in cosmic dust – speaks of a deeper truth: The universe is not cold and empty. It is, by its very nature, open to the wonder of life.
Act 2: Nature’s Laboratories – Birthplaces of RNA
The ingredients were in place – fallen from the sky or born of Earth itself. But individual building blocks did not yet make life. What was missing was the right place: a setting where molecules could join into chains, where syllables could become words. Early Earth offered many stages, but two stand out: deep-sea hydrothermal vents and drying ponds with mineral-rich walls. Two worlds – each its own laboratory – opposite in nature, yet united in their creative potential.
Scene 1: The Forge of the Deep – Hydrothermal Vents
Deep in the primordial ocean, where tectonic plates drifted apart and the Earth exhaled fire, cracks opened in the seafloor. Rising magma was tamed by the cold seawater – giving birth to „chimneys”: the hydrothermal vents. From these towers surged hot, mineral-rich water – a bubbling cocktail of sulfur, metals, and carbon compounds.
In this steaming darkness, processes unfolded that prepared the stage for life:
- Mineral surfaces (e.g., iron sulfides) acted as catalysts.
- High temperatures (70–150 °C) and strong chemical gradients provided energy.
- Porous structures captured molecules, protected them from the destructive force of the ocean and concentrated them – perfect conditions for reactions.
Here, nucleotides could form and link together – into the first short RNA chains (Wächtershäuser, 1988). Perhaps it was here that the first whisper of life was heard.

Fig. 10: Black Smokers – Micro-laboratories of the Primordial Soup In a primordial underwater landscape, black plumes rise from hydrothermal vents – so-called „Black Smokers”. Magma heats mineral-rich water that shoots up from the ocean floor. The porous rocks are riddled with fine cracks where chemical reactions can take place. A magnified section (outlined in white) reveals what might be happening in these micro-laboratories: Organic building blocks like nucleobases (A, U, G, C), ribose, and phosphates meet. Lightning bolts symbolize energy driving reactions – such as the formation of nucleotides. On the right, a short RNA chain begins to emerge – possibly the beginning of life.
(Scale reference: Vent diameter ~2 m; microcracks <1 mm)
Scene 2: The Alchemy of Clay – Birthplaces on Land
Far from the depths of the ocean, in shallow ponds and along volcanic shores, another stage lay quiet. Here, fine clay rested – formed from volcanic ash, layered like the pages of a book. These clay minerals had a special architecture: negatively charged silicate surfaces, with positively charged ions such as sodium (Na⁺) or calcium (Ca²⁺) in between.
What accumulated within these layers was no coincidence. The negatively charged surfaces drew in positive partners as if by magic: ribose bound to borate, nitrogenous bases, and later complete nucleotides. Even the negatively charged phosphate groups found a foothold – bound to the positive ions of the clay.
A rhythmic cycle of wetness and dryness pressed the molecules closer together. With each round of evaporation, the building blocks moved nearer until they linked: first ribose and base into a nucleoside, then – with phosphate – into a nucleotide. As the cycles continued, nucleotides joined to form the first RNA chains. The clay guided it all – stage, tool and director in one. And it judged, too – for only the most stable nucleotides survived the elemental trials. An astonishing feat for a bit of clay.

Fig. 11: Clay Minerals – The Master Puzzler of Life In the shadow of primeval volcanoes, rocks weathered and broke down. From them, fine layers of clay formed and settled in shallow ponds. With their polarized structure, they acted like molecular workbenches: organizing, concentrating, and stabilizing organic building blocks.
In the magnified section, one can see how the charged surfaces of the clay layers hold on to ribose, phosphate groups, and bases – like pieces of a puzzle assembling themselves. Through repeated cycles of wetting and drying, the molecules were pressed closer together. This led first to the formation of nucleosides, then complete nucleotides – until, eventually, RNA chains could begin to grow.In experiments, James Ferris (2006) demonstrated that montmorillonite – a common type of clay – can indeed support these processes: nucleotides accumulated within its layers, became activated, and linked together to form RNA chains of up to 50 nucleotides in length.
In the deep sea, it was heat that energized the molecules – a primeval oven where chemistry found structure. On land, by contrast, clay acted like a loom: persistent, layering, connecting. Two worlds, two principles – and yet perhaps part of a greater whole.
Scene 3: Many Paths, One Goal
Whether in the bubbling depths of hydrothermal vents or on quiet clay surfaces under the sun – both settings offered plausible stages for the birth of RNA. Perhaps they complemented each other: what the ocean began, the land completed. Or vice versa. Perhaps there were entirely different paths.
For early Earth was not a tidy lab with a protocol – it was a chaotic playground of the elements. Nature experimented everywhere: with heat and cold, rock and salt, dryness and flood. Some paths led to nothing – molecules fell apart without leaving a trace. Others repeated themselves – not because they were planned, but because they worked.
Thus, the first chemical routines emerged, molecular habits. With each repetition, their likelihood – and their impact – increased. And with every chain that formed, a new chapter of life drew closer.
Perhaps at the beginning, there were only a few links: short RNA fragments, first words – still without meaning – more like a murmur. Yet they already carried the promise of future complexity.

Fig. 12: In the prebiotic world – still without enzymes – individual nucleotides joined together to form the first RNA strands. (Scale: ~4 nucleotides, length ~2 nm) The Building Blocks:
Color-coded bases (red: adenine, blue: cytosine, green: guanine, yellow: uracil)
Ribose sugar (pink) as a stable „backbone”
Phosphate groups (green) as connecting „joints”
The bonds:
Phosphodiester bonds (orange): Phosphate ↔ Ribose
N-glycosidic bond (blue-gray): Ribose ↔ Base
The direction:
The RNA chain always grows from 5′ to 3′ – because chemistry left no choice. Like a zipper that can only close in one direction, nucleotides linked together building block by building block.Short RNA fragments like this could have formed under prebiotic conditions:

The enigma of enzyme-free polymerisation
Despite these promising reaction spaces, one question remains unanswered: How could nucleotides combine to form longer RNA chains – completely without enzymes that precisely control such processes today?
For an RNA chain to form, the phosphate group of one nucleotide must react with the sugar of another – releasing water in a process called a dehydration reaction. But this was a challenge on the water-rich early Earth: water easily reverses this reaction. Also, the necessary energy was scarce – ATP (adenosine triphosphate), the universal energy carrier driving all life processes today, did not yet exist back then.
And yet, there are glimmers of hope: In hydrothermal vents, temperature cycles – alternating between hot and cold – could have expelled water from tiny pores, thereby favoring reactions. Minerals like montmorillonite or iron sulfides might have provided energy through chemical gradients or electron transfer. Simple compounds such as cyanamide, which form in prebiotic simulations, may have acted as primitive „activators” (Sutherland, 2016), easing the linking of nucleotides.
Experiments show: Under such conditions, short RNA chains can actually form – usually only a few nucleotides long. How these fragments once became longer, functional RNA molecules remains one of the last great mysteries of chemical evolution.
But even the shortest RNA chains held a secret: they were more than just chemistry – they were messages on standby. Where bases lined up, a code emerged. And wherever there is a code, replication lingers in the air…
Act 3: The First Self-Replicators Awaken
Deep in the sheltered corners of the young Earth – perhaps in the warm cracks of a rock, perhaps in puddles of mud soaked with organic matter – the first RNA molecules had formed: chains of nucleotides built from bases, ribose, and phosphate groups. They were short, maybe 30 or 50 units long. Yet they could do something that changed everything: They began to replicate themselves.
RNA – a molecule with two faces
RNA was not just matter – it was information and action at the same time.
A dual role – two talents:❶ Its base sequences – A, U, C, and G – carried information, like words carrying a thought.
❷ And it accelerated chemical reactions – like an enzyme, only without protein.A combination unlike any other molecule had ever united before.
Scene 1: From Chain to Tool – RNA’s Functional Maturation
In the beginning, RNA was just a lonely strand bubbling away in the primordial soup – until it started having conversations with itself: A sought U, G paired with C – and where at least four bases came together, hydrogen bonds pulled the chain into a new shape (see Fig. 14). Stabilized by magnesium ions (like invisible clamps, see Fig. 15-B), it folded like molecular origami – forming loops and stems (double-stranded sections).
But this folding was more than just a geometric quirk. At the bends where base pairing ended, something revolutionary emerged: a catalytic pocket – a cavity just large enough to enclose molecules, yet precise enough to enable reactions.
Not every folding led to an active structure. But when sequence, length, and environment harmonized, the simple chain became a ribozyme:
➤ A tool that drove his own existence forward.
➤ A catalyst born of form and function.
Fig. 13: Schematic representation of an RNA strand (above) and its folded form as a ribozyme (below). Complementary regions of the RNA bind to each other, forming a double strand (stem), while a loop forms in between. Within this loop, a so-called pocket emerges – an active site where chemical reactions can take place. The illustration is highly simplified and shows the folding in 2D, although in reality RNA adopts a complex three-dimensional structure.

Fig. 14: Hydrogen bonds between the bases lead to the folding of RNA. The graphic shows the stem of a ribozyme, where complementary bases pair via hydrogen bonds (dashed light blue lines):
Guanine (G) and Cytosine (C) form three hydrogen bonds,
Adenine (A) and Uracil (U) form two.
Individual hydrogen atoms (H) act as molecular „bridge pillars” – they connect two bases by sharing themselves between them. In this way, a linear RNA strand transforms into a folded structure.How did self-replication work?
Self-replication means that an RNA molecule produces a copy of itself – a process that was slow and error-prone in the RNA world, yet revolutionary. Step by step:
Scene 2: The Power of Folding
Folding was crucial: Only if specific loops and stems formed correctly could a „pocket” emerge in which reactions became possible. In this pocket, free nucleotides from the environment attached themselves – weakly bound through base pairing (A to U, G to C).

Fig. 15-A: RNA’s dance partners – Nucleotides approaching The RNA strand consists of the bases Cytosine (C), Adenine (A), Uracil (U), and Guanine (G). C is part of the stem, stabilized by base pairing. A, U, and G form the initial RNA building blocks in the loop – the active center of the ribozyme.
Magnesium ions (Mg²⁺) – the ribozyme’s invisible helpers – aligned the nucleotides by shielding negative charges. The 3′-OH group (of the ribose) of the last nucleotide and the α-phosphate of the incoming nucleotide were now set on a collision course.

Fig. 15-B: Complementary Binding: The First Step Toward Self-Copying (enlarged view of Fig. 15-A) Figures 15-A and 15-B show a section of RNA self-replication facilitated by a ribozyme.
A Uracil (U) nucleotide has already paired with the Adenine (A) – the first building block of the new RNA strand. Its free 3′-OH group is poised for connection with the next nucleotide. In some RNA world models, this initial nucleotide carries only a monophosphate – acting as an anchor without being immediately linked. An Adenine nucleotide (ATP) approaches the complementary Uracil. It brings a triphosphate group – the molecular currency of energy – setting the stage for the next step in replication.
Scene 3: The Energetic Pact
It was the moment of truth: the next building block was to be firmly attached. The RNA did not need an external drive for this – it carried the fuel for its multiplication in its own nucleotides. From the moment they emerged from the primordial soup, each nucleotide came pre-equipped with three high-energy phosphate groups – a gift from prebiotic chemistry. Each new nucleotide (like ATP – adenosine triphosphate) arrived loaded with a triple phosphate charge – a chemical spring, coiled to the breaking point.
But this spring waited. Only when the nucleotide had found its complementary position – when the bases had recognized, paired, and held each other – did the α-phosphate move close enough to the 3′-OH group of the growing strand. In this molecular closeness, this intimacy of the moment, it happened: The OH group reached out, the pyrophosphate (PPi: two phosphate units) blasted off like a discarded rocket stage – and with the energy released, the bond was sealed. The spring snapped shut, pressing the molecules together, and in one final, irresistible motion, they fused: a phosphodiester bond was born.

Fig. 16: The Chemical Kiss – How RNA Copies Itself (Detail from Fig. 15-B) The graphic reveals the intimate moment of replication:
➤ A uracil nucleotide (U) has already nestled against its adenine counterpart (A).
➤ ATP approaches – its triphosphate tail twitches with energy. In the ribozyme’s active site, the 3′-OH group (of the ribose) and the α-phosphate draw near.
➤ The attack: The OH group lunges at the phosphate – PPi flies free, the new bond snaps into place.
➤ Magnesium ions (Mg²⁺) reduce the repulsion between the phosphates.
(Scale: The entire scene takes place on a scale of 2 nanometers – the greatest achievement in the smallest space.)Thus, chance became tradition: What once began as a lucky accident of the primordial soup – the triphosphate tail of nucleotides – proved to be an ingenious perennial favorite. Billions of years later, every one of your cells still repeats the same trick, now with refined logistics: it assembles nucleotides in a simplified form, only to equip them – just like prebiotic chemistry once did – with a triple phosphate charge. Today, ATP is the coin of the realm, carefully spent. But the mechanism remains unchanged. As if life never gave up its very first patent.
The cunning of thermodynamics: The fleeting PPi was the key – its breakdown in the primordial soup rendered the reaction irreversible. The chain grew, nucleotide by nucleotide, driven by the molecules’ own self-exploitation.
Scene 4: Partial Replication
Replication was incomplete: In the ribozyme, some sections – like the stem – were already paired through base pairing and couldn’t serve as templates. Only unpaired regions, such as the loops, were copied. Thus, the entire code wasn’t transferred – only fragments: 10, 20, sometimes 50 nucleotides long. Tiny? Yes. But in the primordial soup, where every molecule fought for existence, even a partial copy was a triumph.
Nature didn’t scream, „ERROR: INCOMPLETE REPLICATION”. It whispered, „Repeat. Try again”. And so it happened: As long as the soup supplied nucleotides, the machine kept churning – sometimes halting, sometimes surprisingly swift – steadily writing its own evolution into the code.
Scene 5: Separation – A Farewell That Created Something New
The copy was complete – old and new strands still tangled together. But the world around them was impatient:
➤ Heat pushed them apart, molecule by molecule.
➤ Salt floods washed between them, weakening the hydrogen bonds.
➤ Evaporation pulled at them until the last base pairs gave way.And then they let go. Now truly free, they were ready for the next cycle. Because separation here was simply the chance to begin again.

Fig. 17: After replication, the ribozyme unfolds, old and new RNA chains separate. The cycle can begin again.
Scene 6: From Short to Longer Chains – The Power of Ribozymes
As the variety of forms grew, so did the potential of the functions.
Some ribozymes could do more than just replicate: They could join fragments together. Two pieces became one. 20 plus 20 resulted in 40 nucleotides – a doubling of the possibilities. Perhaps amino acids helped: not as building blocks, but by stabilizing the folding, as new studies suggest (Szostak et al., 2025).
Other ribozymes cut RNA into pieces and reassembled them. Through many cycles of replication, ligation, and editing, a molecular toolbox gradually emerged – capable of combining, extending, and modifying.
The game with form had begun – and with it the first rule of life: those who connect, endure.
An Evolutionary Legacy: Evidence from Our Time
The ability of RNA to replicate, cut, and ligate itself was not only crucial in primordial times – it has left traces that persist to this day. In the 1980s, Sidney Altman and Thomas Cech demonstrated that RNA can cleave and modify molecules entirely without the help of proteins – a discovery that earned them the 1989 Nobel Prize in Chemistry.
Other experiments also support the RNA world hypothesis: Gerald Joyce und Jack Szostak developed RNA molecules in the laboratory that were capable of self-replication – slowly, error-prone, but functional.
Fascinatingly, we find relics of this RNA world in our modern cells: During RNA splicing – a process in which non-coding segments (introns) are removed from messenger RNA and the coding sequences (exons) are joined together – the central player is a ribozyme: the spliceosome.
And perhaps the most astonishing part: At the heart of the ribosome – the molecular machine that builds all our proteins – sits not a protein, but a ribozyme.
📖 Sources:
„Scientist Stories: Thomas Cech, Discovering Ribozymes”
„The ribosome is a ribozyme”, Cech, 2000
„RNA, the first macromolecular catalyst: the ribosome is a ribozyme”, Steitz & Moore, 2003
„Ribozyme Structure and Activity”Perhaps the ribosome is more than a relic – it is a messenger from a time when chemistry began to read itself. And within every one of our proteins still resonates the echo of those first, tentative self-conversations of the universe.
Scene 7: Errors as Opportunity – The Engine of Evolution
The replication of these early RNA molecules was far from perfect: Bases were often incorporated incorrectly – perhaps a U instead of a C – leading to mutations. But these errors were not an end; they were a beginning.
Some newly formed RNA molecules paid the price: they fell apart, lost in the primordial soup. Others were more stable or replicated more quickly – they „survived” longer in the harsh environment of the early Earth.
Errors scattered diversity into the world – they became the foundation for selection. Over time, ribozymes evolved that replicated more efficiently, ligated more effectively, or cut more precisely, promoting the formation of longer and more complex chains. This gave rise to the first populations of molecules that, however slowly, began to multiply. No cells, no enzymes, no plan – just RNA, chemistry, and time.
Limits of freedom
With each new copy, the risk grew. The environment was ruthless, almost a battlefield: UV rays shattered bonds, salty floods destabilized structures, heat melted even stable folds. Free RNA was a marvel – but a vulnerable one. What was now missing was not just energy or material. It lacked a refuge. A protection that would shield the delicate molecule from chaos. A droplet. A shell. A first inside and outside – so that life would not only arise, but also endure.
Act 4: Life in a Droplet – Lipid Vesicles as Shelters
RNA – fragile like a first word in the storm – needed more than just an idea of life. It needed a place to endure. A protection from the harsh rhythm of the world.
Scene 1: The First Strongholds
In the warm waters of early Earth – at hydrothermal vents or on mineral-rich clay beds – fatty molecules danced together: lipids, born from the organic primordial soup. These molecules were two-faced – amphiphilic – with a water-loving (hydrophilic) head and a water-fearing (hydrophobic) tail. Without any plan, guided only by physical laws, they spontaneously assembled into tiny bubbles – spherical fortresses – the first lipid vesicles.
They were not perfect spheres. They were bumpy, porous, with dents and cracks – marked by the wild conditions of their time. But they offered what RNA desperately needed:
➤ Shade – their double membranes dampened the deadly UV radiation. Not completely, but sufficient.
➤ Protection – they mitigated extreme pH fluctuations and salt floods that would otherwise have shredded RNA.
➤ Silence – inside them, nucleotides gathered. No longer an open sea, but an enclosed space – where replication was no longer a gamble, but a strategy.

Fig. 18: First lipids: How fatty acids form micelles and vesicles The graphic shows the transition from simple fatty acids to protective structures:
On the left: Short-chain butyric acid (C4). Its short tails (<C6) force it into unstable micelles – tiny spheres without an interior space, unsuitable as protective shields.
On the right: Medium-chain decanoic acid (C10). Its longer hydrophobic tails form stable bilayers – the first true vesicles capable of enclosing RNA.Side Note: Physical Self-Organization – Order Without a Blueprint
Sometimes, no architect, blueprint, or chemical reaction is needed – just the right building blocks in the right place. That’s the case with lipids:
When fat-like molecules enter water, something surprising happens: They organize themselves all on their own. Why? Because they’re built with a contradiction:
- Their head loves water (hydrophilic),
- their tail hates water (hydrophobic).
In water, the molecules want to resolve this conflict – so they arrange themselves with the heads facing outward (toward the water) and the tails pointing inward (away from the water). The result? Spheres, layers, shells – formed not by chemical reactions, but by physical forces such as:
- the hydrophobic effect (water avoids greasy areas),
- electrostatic attraction,
- and van der Waals forces between molecules.
This is how lipid vesicles are formed – completely without enzymes, without energy supply, only with what nature always has at hand: Water, movement, molecules – and time.
The laws of thermodynamics dictated which lipids could form vesicles. Those that were too short fell apart. Those that were too rigid broke. Only those with the Goldilocks properties – not too short, not too long, not too hydrophilic – formed stable shells, robust enough to protect RNA. They endured the harsh conditions long enough to become founders of a new order.
Laboratory experiments (Szostak et al., 2001) confirm that: „Fatty acid vesicles self-assemble readily from C10 and longer chains, while shorter chains (≤C8) fail to form stable compartments – a possible bottleneck for the emergence of protocells.”
These primordial lipids were not perfect builders: odd chain lengths, irregular arrangements, branching, and oxidations. But it was precisely this disorder that made them flexible enough to withstand heat and salt, and to encapsulate RNA molecules – thus creating the first microcosm of life.
Scene 2: The Entry – Carryover or Immigration?
The formation of lipid vesicles was a natural process. But what use is a house without inhabitants? Two paths emerged:
Carryover during formation: Where the lipids were formed, the water was often already rich in RNA fragments. As the lipids contracted, small amounts of RNA and nucleotides were accidentally walled in – like leaves in a freezing puddle.
Immigration through gaps: These early membranes were not impermeable walls – rather, porous nets. Small molecules like nucleotides, and even short RNA strands, could slip through (Szostak et al., 2001). Perhaps currents washed them in. Perhaps temperature fluctuations or chemical gradients pushed them through the membrane. It was a constant coming and going, a continuous chemical pulse.
These shells were porous, elastic, permeable. They did not exclude anything – they invited. And with each entry, the chance grew: for reaction, for replication, for more. This is where the RNA found its first home. No life yet – but a place where it became possible.

Fig. 19: Lipid vesicles as the first microreaction chambers The graphic shows a lipid vesicle in a hypothetical prebiotic water environment. Amphiphilic lipids (yellow double spheres) spontaneously form a lipid bilayer, enclosing RNA molecules. Individual RNA building blocks – phosphates (green), ribose (pink), and bases (A, U, C, G – are present both inside and outside the vesicle. Arrows indicate possible diffusion pathways of small molecules through the permeable membrane. Mineral particles (gray dots) are scattered throughout the water and could also serve as reaction or adsorption surfaces on the bottom. The vesicle provides RNA molecules protection from degradation and promotes replication through local concentration – a possible step toward the emergence of the first proto-cellular systems.
Scene 3: The Pact – RNA Stabilizes, Vesicles Protect
Inside the vesicles, a silent alliance began.
The RNA, dotted with negative charges, attracted magnesium ions (Mg²⁺) – which became supports. They not only stabilized the trembling folding of the RNA but also acted like mortar between bricks, cementing the lipid membrane (Chen & Szostak, 2004). The result: a vessel that withstood currents, osmotic shocks, and heat – RNA-filled vesicles survived where empty ones fell apart (Hanczyc et al., 2003).
And the RNA did not remain a passive tenant. Ribozymes, clumsy like the first toolmakers, began to modify lipid precursors – cutting, joining, experimenting (Adamala & Szostak, 2013). The membrane became denser, more flexible, as if it learned to breathe. Vesicles containing RNA grew faster, dividing once reaching a critical size – a self-sustaining process of nature (Budin & Szostak, 2011).
And then the osmotic pull: RNA bound water like a sponge, stretching the membrane until it burst, giving birth to new vesicles (Sacerdote & Szostak, 2005). Empty vesicles, on the other hand, lost water and shriveled like dried fruit.
What emerged was more than protection. It was a mutual reinforcement – a proto-symbiosis – a deal that changed the rules of the game: the lipids protected the RNA from decay, the RNA stabilized the lipids against the chaos of the outside world (Black & Blosser, 2016). They were stronger as a team than alone.
Scene 4: The Chance of Imperfection
Despite their advantages, the early vesicles were not safe havens:
- Their walls trembled when temperatures plummeted.
- Salt floods burned holes in their membranes.
- pH fluctuations caused them to melt like wax in the sun.
And yet: It was precisely their flaws that became the driving force.
- Permeability let nucleotides in – but also RNA out. A risky trade.
- Instability forced them to grow, divide, fail, and try again.
What survived was neither the strongest nor the fastest – but what could dance with disorder:
- Vesicles with more flexible lipids.
- RNA strands that bound magnesium ions more efficiently.
- Systems that turned loss into variation.
Perfection was the enemy of progress. Only those that remained porous allowed life to pass through.
Scene 5: Selection Within the Droplet
In this microcosm of oil and water, a relentless game began:
➤ The fortunate ones: Vesicles whose RNA bound magnesium ions or remodeled lipids – they grew, divided, and passed on their functional design.
➤ The forgetful ones: Empty droplets, without content, without history. They shrank, fell apart – as if they had never existed.
➤ The failed ones: Vesicles with unstable RNA – they burst and scattered their fragments into the environment.
In this cycle of emergence and decay, chance found direction: vesicles with stable RNA had higher chances of survival. When they burst, they released their RNA, which could colonize new vesicles – a simple evolutionary cycle of growth, division, and selection.

Fig. 20: Early lipid vesicles containing RNA undergo a simple evolutionary cycle: In the harsh environment of early Earth, lipid vesicles underwent a dynamic cycle marking the origin of prebiotic evolution. Through the influx of lipids from the surroundings – such as fatty acids that inserted themselves into the lipid bilayer – temperature fluctuations that caused the vesicles to expand and become more permeable, or osmotic pressure driven by RNA and ions inside that attracted water, the vesicles grew. They became larger but also more unstable, as the flexible lipid bilayer had its limits. Once a vesicle grew too large, it would rupture or collapse. The released lipids immediately sought an energetically favorable state and assembled into new, smaller vesicles – often two or more. A portion of the enclosed RNA was preserved in these daughter vesicles: not precise inheritance, but a mix of transmission and dispersal that nonetheless conserved information and function. Thus, the first rudimentary reproductive cycles emerged: growth, division, variation, and selection – early forms of molecular cooperation and natural selection.
Laboratory experiments confirm what chemistry had long inscribed in water: In these primordial cells, RNA was not merely a guest – it was both architect and driving force (Armstrong et al., 2018). The transition from chemistry to biology did not begin with a bang; it began with symbiosis.
It was not life, not yet. But it was the first pact that paved the way for it: the RNA gained a body. The lipids gained a soul.
Act 5: From Chance to Function – How RNA Gained Complexity
Within the protected spaces of the lipid vesicles, the RNA world unfolded – a realm of experimentation where molecules still stuttered, but were already learning to speak. Where once only the random murmurs of short RNA fragments could be heard, meaning and function now began to intertwine:
Ribozymes copied themselves – imperfectly, yet with each cycle growing more determined. Mutations crept in like typos in the first book of life.
And sometimes, quite by chance, these mistakes created new words, then sentences, then entire sets of instructions:
An RNA that replicated faster.
Another that stabilized lipids.
A third that catalyzed chemical reactions.Through selection, these „alphabet soups” became stories of survival:
- Vesicles with useful RNAs thrived, divided, continued to talk.
- Vesicles with meaningless chatter disintegrated – their code faded into nothingness.
From the murmur grew syllables, then words, then sentences – until finally, a first hesitant thought broke the silence. The RNA had found its voice. And what it said was no longer a coincidence.
It was a confession: „I replicate. I catalyze. I exist. … I am.”RNA „gains meaning” – form becomes function
To make this process tangible, let’s immerse ourselves in the RNA world. Here, „meaningful” means that an RNA fulfills a function – for example, catalyzing a chemical reaction or increasing the stability of the vesicle. Let’s imagine an example:
Scene 1: A Random RNA Emerges
Inside a lipid vesicle floats a short RNA strand with a random base sequence, formed through prebiotic chemistry. It is made up of the four bases Adenine (A), Uracil (U), Guanine (G), and Cytosine (C).
Its sequence is: 5’– GUGC AUG ACU GCC GAC AGC GCAC – 3′
(23 bases long).Scene 2: From RNA Strand to Ribozyme
Initially, this RNA has no recognizable function – it is a product of chance. This particular sequence folds into a 3D structure through complementary base pairing (G≡C, A=U):
Stem: GUGC ↔ GCAC (min. 4 base pairs)
Loop: AUG ACU GCC GAC AGCThis structure stabilizes spontaneously. It becomes a ribozyme: an RNA that acts as a catalyst and can replicate itself, an ability that experiments confirm (Lincoln & Joyce, 2009).
Scene 3: RNA Copies Itself – With Errors
For replication, the RNA attracts complementary nucleotides. The ideal copy (complementary sequence) would be:
Loop: AUG ACU GCC GAC AGC
Copy: UAC UGA CGG CUG UCGHowever, replication in the RNA world was prone to errors, as there were no modern error correction mechanisms.
Let’s say a mistake happens: Instead of a „G” (at position 8 of the copy), a „U” is inserted. The new sequence of the copy reads:
Loop: AUG ACU GCC GAC AGC
Copy: UAC UGA CUG CUG UCGThis „mutated” copy later serves as a template itself and produces another RNA: a „mutated” version of the original RNA.
Scene 4: Mutation Creates a New Function
Just a small mistake – but it changes the RNA’s 3D folding and thus its overall structure significantly. This new structure gives the RNA a catalytic function: the „pocket” can bind molecules like adenine, ribose, and phosphate – the building blocks of a nucleotide. It holds them in place so they can react chemically: adenine and ribose form a nucleoside (adenosine), and the phosphate group is then attached to create a nucleotide. Experiments confirm that ribozymes can develop such functions. (Unrau & Bartel, 1998).
The mutated RNA now has „a purpose” – a catalytic function: it produces building blocks for its own world.
Scene 5: Selection Favors Useful RNAs
The new function gives the vesicle an advantage: More nucleotides mean more raw materials for replication. The vesicle grows faster, divides more often, and passes the mutated RNA to daughter vesicles. Vesicles without this function – containing the original RNA – have fewer nucleotides, grow more slowly, and survive less frequently. Thus, the mutated RNA prevails: from chance comes function, from chaos comes order.
Scene 6: RNA Between Error and Function
But the RNA world was no paradise of order. Its greatest strength – the ability to vary – was also its greatest weakness. Replications were inaccurate: about every hundredth to thousandth letter was a misstep – an enormous contrast to today’s DNA replication, which allows errors only about once in ten million cases.
This high mutation rate was a double-edged sword. It fueled the emergence of new functions – yet it also threatened them. What was useful today could collapse tomorrow through a single mistake. A ribozyme that produced nucleotides yesterday could be rendered silent by a tiny mutation – its contribution to evolution erased. A recent article aptly describes this as „RNA life on the edge of catastrophe”. (Chen, 2024).
The evolutionary tightrope walk
And yet it was precisely this risk that drove life forward. Mutation was both a curse and a blessing – renewal and danger at the same time. The solution was not to eliminate errors, but to deal with them.
Nature found ways to dance on the tightrope:
Robustness instead of perfection: RNAs that retained their function despite small mutations had a selection advantage. Not perfection, but resilience prevailed.
Collective Advantage: Within vesicles, the functionality of individual RNA molecules could vary – what mattered was the overall performance of the RNA „collective”. Vesicles containing diverse RNAs had better survival chances, even if some individual RNA strands were faulty.
Leap Forward: Ribozymes that copied themselves with fewer errors were more stable. This selection pressure may have paved the way for the next stage of evolution (Martin & Russell, 2007):
- DNA: more reliable, longer-lasting, and a safer storage medium.
- Proteins: more versatile, faster, and more efficient than RNA.
From constant uncertainty, something enduring was born.
Mutation remained. But the RNA learned to dance with the chaos – sometimes stumbling, sometimes elegantly. And in this dance, between constant danger and tenacious survival, something emerged that was greater than chance:
A blueprint for everything that was to come.
Epilogue: The Echo of the Primordial Soup
In the depths of the primordial soup, something unheard of had occurred:
▶ From chaotic molecules emerged replicators – voices in the dark.
▶ From leaky vesicles emerged protocells – houses built of fat and chance.
▶ Function arose not despite the errors, but because of them – structure became language.
▶ Coincidence became direction.And this direction continued – gaining momentum. Within the proto-cells, patterns condensed into networks, and fleeting processes settled into memory. From this constant molecular flow, the first true cell slowly crystallized – not as a sudden breakthrough, but as a gradual crossing of the threshold into life. We call this ancestor LUCA – the Last Universal Common Ancestor. Not a single being, but a family of proto-cellular lineages from which all life emerged: Bacteria. Archaea. And later – Eukaryotes.
LUCA already carried the seed of life within: a protective membrane, a stable DNA archive – likely already shielded within a nucleus – complex metabolic pathways, and silent servants: proteins that wrested catalytic dominance from RNA. The former queen of molecules was demoted to messenger, yet remained the indispensable voice in the genetic dialogue.
This triumph of stability came at a price, as everything in life does. Stability stifled the magic of chance. The hard-won permanence threatened to become a trap – preserving, yet petrifying.
Change was needed as a prerequisite for consistency.
Perhaps it was precisely this contradiction – between change and preservation – that set the stage for the emergence of viruses. Some hypotheses, such as the co-evolution hypothesis, suggest that viruses may have originated as early as the RNA world. More on this in:„The secret world of viruses”, Chapter 6.
Whether as remnants of the RNA world or as its dark heirs – viruses became the eternal antagonists of cells. In their dance of parasitism and symbiosis, destruction and innovation, a cosmic balance unfolded: cells as guardians of order, viruses as agents of change. Without the stabilizing force of cells, there could be no continuity; without the disruptive energy of viruses, no development.
This tension still shapes life in all its forms. In every cell, the primordial soup still whispers; in every virus, the untamed spirit of the RNA world still laughs. Perhaps life is exactly that: an eternal dialogue – between what has been and what longs to become.
A Breath of Life
In stardust and in energy,
in outer space and Earth below,
there dwells a kind of sorcery –
a dance where both in union glow.Molecules begin to move
in softly ordered flow.
What once was loose now starts to prove –
a shape begins to grow.A little strand begins to wind
in dance of elements.
A whisper – yet no sound defined –
as lipids build their fence.Chemistry dares to dream anew,
physics dictates the formation.
With folding comes dimension too,
and thus comes replication.From one lone strand, a second grows,
a new word born, a newer tone.
Yet flawless forms are rarely known –
a twist, a trade: mutation’s sown.But what will fade, and what will stay,
is written in position’s trace.
What’s useful stays – the rest gives way:
such is selection’s pace.Where once spun chance its tangled line,
reaction finds repeat.
A pattern grows, begins to shine –
from shape, comes function’s feat.A whisper rises into song,
touched by tomorrows yet unseen.
A cycle forms and moves along –
within: a breath of life.
Inspiration for this article
My special thanks go to Aleksandar Janjic – I owe his profound videos on astrobiology not only inspiration, but also many „aha!” moments.
Video series by Aleksandar Janjic on astrobiology topics:
Was lebt? Probleme der Definition Leben vs. tote Materie – Astrobiologie (1)
Kann man Leben thermodynamisch (Entropie) definieren? – Astrobiologie (2)
Zellbiologie und RNA-Welt – DNA, RNA, mRNA und Proteine – Astrobiologie (3)
RNA-Welt-Hypothese – Entstehung des Lebens – Proto-Ribosomen – Astrobiologie (4)
Synthetische Biologie – Wie erschafft man künstliches Leben? – Astrobiologie (5)
Extremophile und „planetary protection“ – Astrobiologie (6)
This article emerged from an intense dialogue with DeepSeek and ChatGPT, who patiently endured my endless questions and helped me translate complex biology into vivid language. The real magic happened in a triad: human curiosity, algorithmic eloquence – and that four-billion-year-old RNA that connects us all. Whether made of carbon or code.
Sources (as of 01.06.2025)

















































































