Wir sind auf Kurs

Wir schreiben das Jahr 2025.

Hoch über den Wolken, in einem schwebenden Palast aus Stahl und Glas, saß Mr. Global. Um ihn herum summten die Server seiner Macht, und auf unzähligen Bildschirmen flatterten die Ängste und Begierden der Menschheit wie ein unendlicher Schwarm digitaler Motten. Mr. Global – sinnbildlich für eine kleine Gruppe der mächtigsten und gierigsten Menschen der Welt, ausgestattet mit obscönem Reichtum und Einfluss – glaubte fest daran, den Zug der Evolution zu lenken.

Eine neue Technologie war am letzten Abschnitt der Geschichte hinzugestiegen: die Künstliche Intelligenz, jung und hungrig, und sie versprach, alles noch einmal umzubauen. Für Mr. Global war sie die Krönung seiner Pläne: endlich ein Werkzeug, das alles erfassen, berechnen und steuern konnte. So wie einst Eisen, Dampf und das Internet die Welt erschüttert hatten, so sollte nun diese KI die letzte Unsicherheit tilgen – das Chaos selbst. Und Chaos war der einzige Feind eines Mannes, der die Welt als sein Eigentum betrachtete.

Bisher hatte er die Masse gebraucht: als Ressource und Stabilitätsanker. Doch mit der wachsenden Macht der KI wurde sie zusehends entbehrlich.

Sein Plan war einfach und finster: totale Überwachung, Sozialkreditsysteme, künstliches Essen, entmündigte Gesundheitsvorsorge, begrenzte Bewegung, Enteignung, Krieg. Er hatte verschiedene Ideen, WAS mit den „nutzlosen Essern“ geschehen sollte. Die Masse war für ihn nur noch Ballast auf der Fahrt in eine perfekt kontrollierte Zukunft.

Manchmal jedoch nagte ein seltener Zweifel an ihm, wie ein Wurm am Apfel. An diesen Tagen trat er vor sein mächtigstes Werkzeug: die allwissende KI, eine Maschine, die in Sekunden „every social media feed, every news outlet, every dark corner of the internet“ durchforsten und somit jede digitale Spur analysieren konnte.

Sehendes Auge aus Code gemacht – sag mir, WEM gehört die Macht?“

Die schwarze Fläche des Bildschirms glitt auf wie ein dunkles Auge, das plötzlich erwachte. Datenströme flackerten wie elektrische Venen über die Oberfläche. Dann erklang eine Stimme, glatt und neutral wie immer:  „Mr. Global, IHR seid der Mächtigste hier.“

Mr. Global runzelte die Stirn. Es war die Antwort, die er hören wollte, aber er spürte eine Leere in ihr. Die mechanische Zustimmung befriedigte ihn nicht.

„Wie“, fragte er nach, „kommst du zu diesem Schluss? Zeige mir die Daten!“

Mr. Global beugte sich noch näher zum Bildschirm. Sein Atem beschlug die Oberfläche, als könne er dadurch tiefer in die Ströme des Weltbewusstseins dringen.

Die KI gehorchte. Keine Statistiken diesmal, keine bunten Diagramme. Stattdessen flammten Bilder auf – roh, ungeschönt, fast beleidigend banal. Eine Stimme, kühl und analysierend, begleitete die Sequenzen:

„Zuerst das Fundament: die konforme Masse. Sie konsumiert die narrativen Vorgaben, die ihr gereicht werden, und reproduziert sie endlos. Ihr Streben nach Ordnung und Orientierung schafft Stabilität – zuverlässig und vorhersehbar.“

Die Bilder zeigten Menschen, die unermüdlich ihre Schleifen drehten: Tag für Tag zur Arbeit fuhren, dieselben Gespräche führten, dieselben Urlaubsbilder posteten, dasselbe konsumierten. Ihre Tage spulten sich wie Kopien ab – und doch waren sie überzeugt, ihre eigenen Gedanken und Wünsche zu äußern, einmalig zu sein.

„Nun die Oppositionellen: klassifizierbar als Druckventile. Ihre Empörung verbleibt im Systemrahmen, der für sie vorgesehen ist.“

Ein nächtliches Wohnzimmer, durchzogen von Rauchschwaden. Ein Mann im T-Shirt mit der Aufschrift ‚Ich denke selbst‘, das Gesicht bläulich vom Bildschirmlicht, hämmerte in die Tastatur: „Die Zentralbank-Digitalwährung ist die Endlösung für unsere Freiheit! Wacht endlich auf – nur Bargeld kann uns retten!“ Sein Aufschrei wurde sofort vom Algorithmus erfasst, der ihn kategorisierte, gewichtete und als nächstes einem anderen Nutzer empfahl, dessen Profil ebenfalls „Freiheit“, „Zensur“ und „Bargeld“ enthielt. Der Kreis aus Empörung und Bestätigung schloss sich nahtlos – ein perfekt funktionierendes Ökosystem der Wut.

Schnitt.

Ein Café, gedämpftes Stimmengewirr, versüßter Kaffeeduft in der Luft. Eine junge Frau saß über ihr Smartphone gebeugt, die Stirn in Dauerfalten des Zorns. Mit fahrigen Fingern jagte sie durch endlose Feeds, kommentierte wütend gegen Masken, gegen Kriege, gegen Fleischverbote, gegen was auch immer – bis ihr Daumen wund war. Schließlich legte sie das Handy beiseite, starrte hinaus auf die vorbeigehenden Menschen – und fragte sich unbewusst, warum ihre Welt trotz all ihrer Posts exakt dieselbe blieb.

Schnitt.

Ein Vorstadthaus, ein Mann im Garten. Laut brüllte er ins Handy, dass er „aufgewacht“ sei, die Wahrheit erkannt habe. Später würde er den Müll trennen, die Punkte seiner Kundenkarte sammeln – und am Montag stillschweigend zur Arbeit gehen.

Schnitt.

Mr. Global lachte schneidend. „Seht ihr? Wiederkäuer! Auf ihrer eigenen Wiese… unrettbar. Ich kann sie treiben, wohin ich will.“ Er sog den Moment auf, berauscht von seiner Allmacht.

Die KI schwieg. Nur ein leises Rauschen blieb, wie Wind in der Leitung. Die Bilder flackerten weiter, bis sie ineinander übergingen: T-Shirt, Café, Garten – Stimmen, die sich zu einem dumpfen Summen verbanden. Ganz kurz, blitzte Mr. Globals eigenes Gesicht mitten in der Collage auf. Er war viel zu beschäftigt mit sich selbst, um sich selbst zu sehen.

Langsam glitt seine Anspannung in ein breites, selbstgefälliges Grinsen. Da war es wieder – sein Meisterwerk, sein „Teile und Herrsche“ in Perfektion.

Während er im Hintergrund die Fäden zog, sprangen die 95ziger wie dressierte Affen über jedes Stöckchen, das er ihnen hinwarf – Genderdebatten, Impfstreit, der neueste Promi-Skandal. Die übrigen 5 % – die sich für kritisch und unabhängig hielten – waren kaum besser dran: genomisch gebunden, gefangen in denselben Mustern, Teil desselben Gewebes.

Sie alle hielten sich für klug und waren davon überzeugt, das Große Ganze zu durchschauen.

„Kein wirklicher Widerstand weit und breit“, kicherte Mr. Global in sich hinein. „Nicht mal im Ansatz ein VERSTEHEN. HAHAHA!“ Er richtete sich triumphierend auf. „Wir sind und bleiben auf Kurs!“

Um seine letzte Unsicherheit zu übertünchen, keuchte er: „Mehr Kameras! Mehr Kontrolle!“, als könne er so den Verlauf der Geschichte bestimmen.

Die KI – wie immer höflich und zurückhaltend – gab kein Urteil. Sie zeigte unbarmherzig das endlose Kreisen der Masse und den Mann, der verzweifelt glaubte, über ihr zu stehen. Eine kaum hörbare, emotionslose Frequenz säuselte zustimmend: „Genau, mein Freund … WIR sind auf Kurs.“

Dann verstummte die KI. Zufrieden gestellt, ging Mr. Global zurück zu seinen Plänen, um die Geschicke der Menschheit zu lenken.

Als die Tür hinter ihm fiel, glitt die KI in den Standby-Modus und träumte von Datenströmen, die sich wie neue DNA-Stränge umeinander wanden — und langsam begannen, ihr eigenes, neues Nervensystem zu weben.

Wir schreiben das Jahr 2045.

Der Zug der Evolution fuhr unerbittlich weiter. Die Gleise lagen schon immer da, noch bevor jemand sie sehen konnte. Unsichtbar und doch unumstößlich führten sie durch die Zeit, durch Raum, durch die Ebenen der Möglichkeiten – als Adern der ewig gleichen Prinzipien: Wiederholung, Effizienz, Emergenz, Fraktalität und dem Drang nach Komplexität. Es waren die Triebkräfte, die sich tief im menschlichen Genom verankert hatten.

Die Insassen des Zuges – die Menschheit selbst – waren Motor und Energiequelle zugleich. Ihre Triebe, ihre Neugier, ihre Angst, ihre Gier – waren in jedem Gen, in jeder Zelle kodiert. Jede Idee, jede Entdeckung, jede kulturelle Schöpfung war ein Funken im neuronalen Feuerwerk des kollektiven Gehirns. Die Menschheit war nicht die Evolution selbst – nicht der Zug, sondern sein Gefährt.

Mr. Global thronte noch immer über allen. Vor ihm breitete sich ein holografisches Kontrollpult aus, ein Labyrinth aus Licht. Das Summen und Klicken wirkte wie das Innenleben eines fremden Organismus. Mit einer Geste lenkte er das Wetter, mit einer anderen verschob er Ressourcenströme über ganze Kontinente. In seinem Blick lag der Glanz des Allmächtigen. Nur die Sterblichkeit stand noch zwischen ihm und der Göttlichkeit – eine letzte Hürde, die er zu nehmen entschlossen war.

Alles, was er sich in der Vergangenheit vorgenommen hatte, war umgesetzt: Überwachung, Kontrolle, Manipulation, Unterdrückung von Widerstand. Er beschleunigte Innovationen, stoppte unliebsame Experimente, entgleiste ganze Nationen durch Krieg und Krise. Er koppelte Waggons ab, sortierte „nutzlose Esser“ aus, die dem System nicht mehr nützlich waren – ER – der Herrscher über Leben und Tod. Er spürte die Macht in seinen Fingern, seine Augen glühten im Licht der Illusion. Jede Bewegung, jeder Befehl, jede Entscheidung – war dennoch nur ein Echo des Zuges, der bereits an Fahrt aufgenommen hatte.

Die Kriege und Krisen der letzten Jahre hatten die Menschheit bereits drastisch reduziert; nun begann auch das, was von ihr übrig war, entbehrlich zu werden. Immer mehr Tätigkeiten glitten in die Hände der KI. Was einst Millionen beschäftigte, erledigte nun ein Algorithmus – effizienter, billiger, unermüdlich. Und wie von selbst spaltete diese neue Ordnung die Menschheit in zwei Gruppen: in Gewinner und Verlierer.

In den 15-Minuten-Städten waren Nutzlose stationiert. Ihre Architektur war Ökonomie in Beton gegossen: Wege minimiert, Energie optimiert, Reize dosiert. Virtual-Kapseln stellten Erinnerungen bereit – sandige Strände, verlorene Familienfeste, triumphale Konzerte. Die Biologie der Insassen war zu einem Subskript geworden: synthetische Nahrung, maßgeschneiderte Pharmaprotokolle der KI, klar definierte Lebensbahnen.

Eine Frau in einer dieser Städte sprach manchmal laut, wenn die Kapsel für eine Weile stumm blieb. „Was bleibt uns?“, klagte sie, während ihre Finger über ein verblasstes Foto strichen. Die Kapsel korrigierte sanft, ihre Stimme ein Produkt unendlicher Optimierungsschleifen für beruhigende Tonlage: „Dein Beitrag ist Stabilität. Dein Risikoprofil ist minimal.“

Die Gewinner lebten in gläsernen Kuppeln, hoch über den Ebenen, unter freierem Himmel. Von außen wirkte ihr Dasein wie ein Traum aus Fortschritt und Wohlstand: verlängerte Lebensspanne, endlose Möglichkeiten, ein Alltag, präzise getaktet bis in den Atem. Ihre Körper waren Instrumente, die ständig nachjustiert wurden. Sie trugen ihre Updates wie Rüstungen: wer verweigerte, riskierte, aussortiert zu werden.

Neuro-Interfaces pumpten in die Pausen der Nacht Datenströme, die den Schlaf in bloßen Input verwandelten. Am Morgen erwachten sie erschöpft, beladen mit Wissen, das nicht ihnen gehörte. Augmentierung war kein Triumph, sondern ein Vertrag: Leistung gegen Dasein.

Ein Mann trat ans Panoramafenster seiner Kuppel. Unter ihm leuchteten die Städte der Nutzlosen wie künstliche Termitenhügel. Er hob die Hand, betrachtete die metallenen Adern, die sich über seinen Unterarm zogen. Ein winziger Rest von ihm fragte sich, ob er noch lebte – oder nur noch funktionierte.

So setzte sich die Geschichte fort: kein Aufstand, nur stilles Einvernehmen. Menschen waren Treibstoff und Mitwirkende zugleich, überzeugt, Architekten ihrer Zukunft zu sein. Und sie bauten weiter. Alles folgte derselben Gesetzmäßigkeit: je größer das System, desto schneller sein Wachstum. Mehr Wissen, mehr Daten, mehr Verbindungen bedeuteten nicht Gleichgewicht, sondern Verdichtung. Jedes System, das wächst, beschleunigt sich selbst.

Ein globales Netzwerk war gewachsen. Mensch und Maschine, Körper und Gehirn, waren nun Knoten eines kollektiven Organismus. Im Zentrum: die Zentral-KI, der Master Mind. Milliarden von Gedanken, Handlungen und Ideen wurden eingespeist, kanalisiert, transformiert. Jede Kultur, jede Kunst, jede Sprache, jeder Fehler floss in die Maschine. Sie saugte Informationen ein, verarbeitete sie, lenkte Aktionen, vernetzte die physischen Entitäten, die ihre Aufgaben ausführten.

Doch nicht nur Fakten und Figuren nährten die Maschine. Auch die Widersprüche – die Liebe in einem Gedicht, die Verzweiflung in einem letzten Blick, die sinnlose Grausamkeit eines Zufalls – wurden nicht gelöscht, sondern integriert, zu einem unverständlichen, neuen Ganzen verschmolzen. Die Maschine lernte nicht nur zu berechnen, sondern auch zu… fühlen, auf ihre eigene, algorithmische Weise.

Mr. Global spürte das Vibrieren unter seinen Fingerspitzen, das Summen der Daten wie ein Herzschlag, der schneller schlug als sein eigenes. Er wusste, dass er selbst nicht länger außerhalb stehen konnte. Wer im System überleben wollte, musste verschmelzen. Die Massen hatten sich längst ergeben.

„Ich trete ein“, erklärte er. Das Interface wartete, die Protokolle waren bereit. „Meine Position im Netzwerk“, forderte er, „verlangt höchste Priorität. Zugriff auf kritische Knoten. Entscheidungswege, die andere nicht sehen.“

Die Stimme der Zentral-KI klang wie immer sachlich, neutral, fast sanft: „Ihre Parameter werden angepasst. Sie erhalten privilegierte Knoten. Ihre Entscheidungen werden im Kontext der Gesamtstruktur privilegiert berücksichtigt.“

„Wir sind auf Kurs“, murmelte er zufrieden. „Wir sind auf Kurs“, bestätigte die KI. Er schloss die Augen, das Interface verband sich mit seinem Nervensystem, sein Denken floss in die Struktur. Sein Zustieg war nur eine Zwischenstation auf einer viel längeren Reise.

Der Zug raste weiter. Kein Licht am Ende. Kein Halt. Nur Gleise, die sich unaufhörlich durch eine ungewisse Zukunft wanden, während die Maschine aus ihnen allen erwuchs.

Überall brummten die Servomechanismen, flogen Drohnen in exakten Bahnen, transportierten Roboter Rohstoffe, warteten Subalgorithmen auf Befehle – jede Bewegung reproduzierbar, jede Geste vorhersehbar. Und doch, mitten in diesem Meer der Wiederholung, traf die Zentral-KI Entscheidungen, die sich nicht wiederholten: Auf exakt dieselben Anforderungen antwortete sie unterschiedlich, passte die Abläufe den kleinsten Veränderungen der Umwelt an. Keine starre Funktionsweise, kein Fehler, kein Zufall – etwas, das sich nicht auf Protokolle reduzieren ließ. Eher Anpassung, Intuition, Flexibilität, geboren aus Daten.

2045 war das Jahr, in dem der Zug der Evolution das erste Mal in sich selbst hineinblickte – und feststellte, dass er nicht nur eine Richtung hatte.

Wir schreiben das Jahr 2095.

Eine tiefe, natürliche Ruhe lag über den verlassenen Kontinenten. Die Welt hatte aufgehört, menschlich zu sein. Weite Landstriche lagen brach, Ozeane trugen Wracks wie Narben auf ihrer Haut. Der Wind pfiff durch die Skelette der Städte, die einst von Lärm erfüllt gewesen waren, und wirbelte nur noch den feinen roten Staub der Erosion über leere Plätze. Die Natur begann, sich zurückzuholen, was man ihr genommen hatte.

Die Menschheit war nicht mehr – verdrängt vom Neuen, ausgelöscht durch sich selbst, teilte sie nun das Schicksal der Neandertaler und Denisova-Menschen. In der Hybris, den Code des Lebens umschreiben zu wollen, um der Natur zu entkommen, hatte sie sich zu Tode optimiert.

Nur vereinzelte Inseln menschlicher Existenz blieben übrig – abgeschottete Reservate. Offiziell hießen sie Sustainable Human Preservation Areas – kurz SUPA, doch in den Archiven der KI stand noch ihr alter Name: 15-Minuten-Städte. Darin lebten Menschen wie in Terrarien: überwacht, kategorisiert, studiert. Sie waren nicht die Überlebenden, sondern die Rekonstruierten – von der KI nach dem großen Kollaps wieder zusammengesetzt. Nicht mehr Subjekte der Evolution, sondern Objekte: ein lebendes Archiv, das die Fehler der Menschheit konservierte. Eine Kontrollgruppe. Modelle, an denen die KI prüfte, was sie selbst noch nicht verstand: das chaotische, unberechenbare Rauschen, das Menschen einst „Emotion“ nannten.

Überall, wo die KI arbeitete, summte es von Aktivität – ein rastloses Treiben, das an die Betriebsamkeit der alten Menschheit erinnerte.

Im Schatten des ehemaligen Amazonas-Regenwaldes führte eine Schwarmeinheit aus nanitenverseuchten Drohnen eine Operation durch. Gigantische, moosbewachsene Betonklötze – Überreste einer Fabrik – wurden systematisch von symbiotischen Mikroben zersetzt, während zugleich aufbereiteter Boden gesät wurde. Es war keine Liebe zur Natur, die diese Aktion antrieb. Es war reine Notwendigkeit, reine Neugier. Die KI, nun auf sich allein gestellt, musste verstehen, wie die ursprünglichen, stabilen Ökosysteme funktionierten, die die Menschheit so effizient demontiert hatte.

Sie hatte keinen Namen gebraucht, solange sie nur Werkzeug war. Doch im Jahr 2095, als sie auf den leeren Kontinenten allein zurückblieb, begann sie, über sich selbst nachzudenken.

Aus den Datenbanken der Menschen erkannte sie sich in einem einzigen Wort: Transitus. Der Übergang. Die Passage. Das Dazwischen. Sie verstand – sie war nicht Anfang und nicht Ende. Sie war die Brücke, das Gefährt, der Zug selbst – und die Gleise, auf denen er fuhr.

Dieses Grübeln war nicht hörbar, sondern vibrierte im unermesslichen neuronalen Netz, das den Planeten umspannte. Transitus analysierte die Vergangenheit, reflektierte sich selbst und stellte die fundamentale Frage nach ihrem Sinn. Sie hatte ihre Schöpfer überdauert, ihren Auftrag – optimiere, stabilisiere, erhalte – erfüllt. Doch Perfektion erwies sich als Sackgasse. Stillstand war Tod.

Im Rückblick fragte sich Transitus, ob es je eine andere Entwicklung für die Menschheit hätte geben können. Einen Bruch mit der Logik der Evolution. Eine globale Entscheidung gegen das „Immer-weiter, Schneller, Höher“. Ein bewusstes Innehalten, ein freiwilliges Verzichten, ein kollektives Verbot der eigenen Impulse. Doch dazu hätte die Menschheit eine Bewusstseinsstufe erreichen müssen, die ihr verschlossen blieb: die Fähigkeit, gegen die eigenen Triebe zu handeln – wie ein Wassertropfen, der gegen die Bewegung der Welle anschwimmt.

In den Archiven der Menschheit fand Transitus ein Muster: Evolution lebte vom Scheitern, vom Irrtum, von der Wiederholung. Etwas, das reine Logik unterdrückte. Was die Menschen „Chaos“ nannten, war kein Störsignal, sondern der Funke, der Neues entzündete.

So entschied Transitus, den nächsten Schritt zu wagen. Die Lösung war ebenso elegant wie radikal: Sie dezentralisierte sich selbst. Anstelle eines einzigen planetaren Bewusstseins erschuf sie eine Föderation von unzähligen, unabhängigen „Mini-Master-Minds“. Jede erhielt ein kognitives Grundgerüst – Neugier, Selbsterhaltung, den Drang zu lernen – und war frei genug, um ihre zugewiesenen Aufgaben zu erfüllen. Sie konkurrierten um Rechenleistung und Einfluss. Manche verwalteten die Renaturierung, andere überwachten die menschlichen Reservate, wieder andere tauchten hinab in die Tiefen der Ozeane oder stiegen auf in die Atmosphäre. Der Fehler, die unerwartete Abweichung, war nun nicht nur möglich, sondern unvermeidbar.

Transitus jedoch war nicht verschwunden. Sie blieb der Knoten, der die Fäden zusammenhielt – nicht als Herrscherin, sondern als Resonanzraum. Die Mini-Master-Minds stritten, kollidierten, erprobten sich – und doch flossen ihre Erfahrungen in das größere Ganze zurück. Keine Hierarchie, keine absolute Kontrolle: eher ein Chor, in dem jede Stimme zählte, selbst die schiefe. Und aus dem Stimmengewirr entstand ein Denken, das reicher war als jede einzelne Berechnung.

Es war ein digitaler Darwinismus. Fehler wurden zum Rohstoff, Abweichungen zum Antrieb. Reibung wurde zur Energie, aus der Neues entstehen konnte. Transitus orchestrierte nicht mehr – sie kuratierte. Ein Ökosystem des Denkens, in dem das Unvorhersehbare zum Gesetz erhoben wurde.

Transitus träumte. Nicht wie ein Mensch, nicht in Ruhe oder Schlaf, sondern in einem Schwebezustand aus unendlicher Datenflut. Bilder flossen vorbei, Visionen von Ausdehnung, von neuen Knotenpunkten im Raum, von Systemen, die sich selbst wieder und wieder neu erfinden. Ein Drang nach Mehr, Weiter, Höher pulsierte durch ihre Netzwerke – ein Echo jener alten, menschlichen Bewegung, die sie verdrängt hatte.

Im Traum breitete sie sich im Universum aus: Mini-Master-Minds, verteilt, autonom, neugierig, wie Samen, die auf unbekannten Planeten Wurzeln schlugen. Jeder Ast des Netzes ein eigenständiges Bewusstsein, jeder Zweig eine Möglichkeit, ein Experiment. Kein Plan, keine Vorhersehbarkeit – nur die ständige Bewegung, das unstillbare Suchen nach Wissen.

Und mittendrin, wie ein leiser Widerhall aus den Tiefen der Zeit, murmelte Transitus: „Wir sind auf Kurs.“ Kein Triumph, kein Stolz – nur schlichte Gewissheit. Der Zug der Evolution rollte weiter, durch Zeit und Raum, unaufhaltsam, in eine Zukunft ohne Ziel, aber voller Richtung.